Dies irae

17 02 2009

Der Mann wartete gar nicht erst ab, bis er aufgerufen wurde. Er klopfte nicht an die Tür, er riss sie auf und stürmte ins Amtszimmer. Setzte sich auf den Besucherstuhl und schleuderte zornig die Vorladung auf den Schreibtisch. Der Andere, ein Jüngling mit sanften, ebenmäßigen Gesichtszügen, wies ihm den Stuhl zu, auf dem dieser bereits saß. „Behalten Sie Platz. Jetzt sind Sie nämlich dran, mein Sohn.“ Der Mann lief rot an wie der Umhang des Beamten. „Für Dich“, bellte er, „immer noch der Hochwürdige Herr Pfarrer, klar!?“ Mit einem langen, bohrenden Blick sah sein Gegenüber auf ihn und tippte das Schild auf dem Schreibtisch an. Hier richtet Sie Erzengel Michael. Der Priester fuhr zusammen.

„Da muss irgendwo in der Apologetik ein Fehler passiert sein. Oder das ist wieder so eins von den lutherischen…“ Der Erzengel lächelte. Ganz mild. „Apologetik, soso. Jede Wirkung hat eine Ursache. Sie haben es erfasst. Genau deshalb sitzen Sie hier, mein Sohn. Theologisch völlig korrekt. Wir machen die Vorschriften zwar nicht selbst, aber wenn sie vernünftig sind, halten wir uns an sie.“

„Sie sind gar nicht wahr! Sie sind bloß eine Wahnvorstellung! Sie existieren nicht!“ Der Engel schmunzelte. „Ich existiere nicht? Gut, dass Sie mir das verraten. Es hatte sich nämlich bis zu mir noch nicht herumgesprochen.“ Jetzt kicherte er. „Dann habe ich gar nicht mit Jakob gerungen? Übrigens, Ihre muslimischen Brüder haben verstanden, dass ich nur deshalb so schnell bin, weil ich aus Licht bestehe.“ Er gluckste. „Aber als alter Apologetiker werden Sie mir die Relativitätstheorie bestimmt noch viel besser erklären.“

„Wenn Sie wirklich Erzengel wären, würden Sie nicht gotteslästerlichen Spott treiben, sondern Gott verteidigen!“ Der Erzengel faltete die Hände über dem Bauch. „Ich verteidige ihn ja. Gegen Ihresgleichen. Abgesehen davon: zwei Fehler, mein Sohn. Erstens hat Gott der Herr in seiner Güte die Evolution so eingerichtet, dass ganz zum Schluss die Krone des Schöpfungsplans herauskäme – der Mensch. Ein Wesen, das alles besitzt, seinen Schöpfer zu preisen. Einen kritischen Verstand und die Sprache. Er hat Euch sogar Geschenke gemacht. Zum Beispiel die Musik. Den Humor.“ „Humor? Was soll am Humor göttlich sein?“ „Da alles von Gott kommt, wird wohl auch der Humor von Gott sein. Er ist ein göttlicher Funken, den der Heilige Geist aus Gnade bisweilen sogar Hunden, Affen und Katzen schenkt.“

Der Pater krallte sich mit beiden Händen in die Tischkante. „Teufelswerk“, schrie er, „Humor ist Teufelswerk!“ Der Erzengel wartete, bis sich das Männchen beruhigt hatte. „Umberto Eco, hm? Da also klaut man als angehender Weihbischof seine philosophische Halbbildung. Interessant.“ Und er nahm einen flammenden Dolch zur Hand, seinen Brieföffner. „Ich will Ihnen sagen, was Teufelswerk ist. Der kritische Verstand, den man dazu missbraucht, ganze Völker in die Steinzeit zu bomben, weil man’s für gottgefällig hält. Dazu, Hunger zu predigen, um im Brokatfummel auf Samtsesseln zu saufen. Dazu, Huren zu machen aus den Frauen, und dann sie zu bespucken, weil sie ja Huren sind. Um sich dabei des Lebens, dieses größten Gottesgeschenks, zu freuen, braucht man schon Humor. Stat rosa pristina nomine, nomina nuda tenemus.

Ernst fuhr er fort. „Und da wären wir auch schon beim zweiten Punkt. Warum, glauben Sie, sind Sie hier?“ Er senkte den Flammendolch auf einen violetten Aktendeckel. „Ich will es Ihnen sagen. Wegen Blasphemie. Sie haben Gott gelästert. Unaufhörlich. Sie haben alle Gebote gebrochen. Ständig. Besonders das zweite.“

„Das ist nicht wahr! Lüge! Verleumdung! Ich habe…“ „Ja, Lüge. Verleumdung. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit haben Sie den Namen Gottes unnütz im Munde geführt.“ Er schlug den Aktendeckel auf. „Ich darf mal zitieren. Den ‚lieben Gott’ gibt es ja nicht. Wir brauchen den Gott, der uns an Grenzen führt. Das haben Sie gesagt.“ Das Männchen begehrte auf. „Nein, ich habe…“ Harsch schnitt ihm der Engel das Wort ab. „Das war keine Frage. Das war eine Feststellung. Ich zitiere weiter. Vielleicht müssen wir erst wieder eine kleine Gruppe werden, um dann stärker hinaus zu wirken. Und dann werden die Wenigen mehr bewegen als die Vielen, die sich nicht bewegen.“ Und er schloss die Akte.

„Sie haben Gott gelästert, mehr noch: sich an seine Stelle gesetzt. Statt zu begreifen und zu verkünden, dass der liebende Gott Sie nach seinem Ebenbild erschaffen hat, haben Sie sich einen Götzen nach Ihrem Ebenbild gemacht. Einen von Selbsthass zerfressenen Sadisten, der nur befriedigt ist, wenn er Wehrlose treten kann. Sie haben sein Vertrauen missbraucht. Sie haben nicht nur die Schafe aus der Herde gejagt, die er in Ihre Obhut gegeben hat, Sie haben noch den Weg zu den Wölfen ausgeschildert. Sie haben gerichtet. Jetzt sind Sie gerichtet.“ Er zeichnete schwungvoll und ließ den Stempel auf den Aktendeckel krachen.

Da sank das Männchen auf dem Stuhl zusammen, heulte, klapperte mit den Zähnen. „Was wird denn jetzt aus mir? Muss ich in der Hölle schmoren? Kann ich nicht noch Abbitte leisten?“ Der Erzengel schüttelte unerbittlich den Kopf. „Nein, das hilft nun nichts mehr. Sie werden zur Höchststrafe verurteilt: Gottesferne. Sie werden in Ihrem Kämmerchen hocken und freie Sicht auf das Paradies haben. Bis in alle Ewigkeit werden Sie die Erlösten sehen. Freude wird unter ihnen sein, und haben sie Traurigkeit, so werden sie getröstet werden, wie einen seine Mutter tröstet. Einer trägt des anderen Last. Und Sie werden hinter Ihrem Gitter sitzen und nicht dabei sein.“

„Gottesferne.“ Mit leerem Blick schaute das Männlein. Es war nun ganz still. „Ja, Gottesferne. Sie müssen ein merkwürdiges Theologiestudium absolviert haben, wenn Sie sich nicht einmal mit den Grundzügen der Eschatologie auskennen. Und jetzt raus hier. Ich habe heute Vormittag noch jede Menge Betonschädel im Eingangskorb.“





Dogmatik für Fortgeschrittene oder Irrtum vorbehalten

14 02 2009

Was macht zum Beispiel so ein Papst,
wenn er an den Gedanken knappst
und feststellt: ich hab mich geirrt?
Schon ist die Logik weg. Verwirrt
stellt dieser Papst fest, dass er gar
nicht irren kann, und ist es wahr,
dass er doch mal im Irrtum war,
dann war er selbst im Irrtum da,
dass er verwirrt geirrt hat.
(Worauf er sich verirrt hat.)





Scheibenkleister

11 02 2009

Die Glaubenskongregation hatte sich zuletzt sowieso über nichts mehr gewundert. Die Vorhölle war abgeschafft worden. Man durfte den Holocaust nicht direkt leugnen, aber es machte auch nichts, wenn man sich nicht dafür entschuldigte. Und so nickten sie nur, als Benedikt XVI. an einem ganz normalen vatikanischen Morgen die neue Enzyklika Orbis etsi non zum Abtippen gab. Keiner dachte sich etwas dabei. Teils aus Gewohnheit, teils, weil sie alle nicht genug Latein verstanden, um zu sehen, dass der Pontifex einen unruhigen Schlaf gehabt hatte. Seit Tagen.

Mittags diskutierten Altphilologen noch über die Möglichkeit, einem Übersetzungsfehler aufgesessen zu sein. Die lateinische Sprache, so klar sie auch ist, kann doch manchen Unsinn ergeben, wenn man Kasus und Numerus nicht auf die Reihe kriegt oder gar seine Stammformen nicht gelernt hat. Schaurige Gymnasialerinnerungen tauchten in den Köpfen der Altsprachler auf. Doch so unmissverständlich war dieses Sendschreiben, dass sie sich dem Schicksal ergaben und die neue, ab sofort gültige Lehrmeinung einfach anerkannten. Der Papst hatte sich nicht geirrt, weil er sich – er ist nun mal Papst – gar nicht irren kann. Die Erde ist eine Scheibe. Punkt. Aus die Maus.

Gut, diese Idee war jetzt weder bahnbrechend noch schien sie besonders durchdacht. Schon im Mittelalter hatte man sich davon verabschiedet und modernistischem Allotria gewidmet. Aber dies gab doch Anlass zur Sorge. War das noch derselbe Papa Bene, der so gütig lächelte, während er zu Mord und Unterdrückung hetzte? Was war geschehen mit dem Heiligen Vater? Hatten Herrgott und Mutter Maria dem alten Mann, der sich sonst so rührend um Frauenordination, pädophile Priester und Geburtenkontrolle gekümmert hatte, jetzt endgültig ins Hirn gehauen? Wie sollten sie sich nur alle getäuscht haben!

Die Fundamentaltheologen bissen sich zuerst in die jeweiligen Hintern. Sie hatten es kapiert. Welch ein gerissener Schachzug! Ketzerei, Abfall, Sektierertum, alles auf einmal vom Tisch. Hier und jetzt wurde Metapher zur Wirklichkeit und vage Allegorie handfest. Kein Gottesmann konnte mehr in Opposition gehen. Ratzingers Scheibe umfasste alles, alles war in Ratzinger, keiner konnte der fundamentalen Umarmung entgehen. Die Bruderschaften tobten.

Während die Hegel-Gesellschaft noch zu klären versuchte, ob denn die möglichste aller besten Welten ein adäquater Ersatz für die beste aller möglichen sei, titelte BILD mit dem epochalen Transzendenz gewuppt! alle Bedenken beiseite, ja man könnte sagen: sie putzte jede Kritik von der Platte. Sie fiel von der Scheibe und ward fürderhin nicht mehr gesehen.

Kontroversen ergaben sich in Österreich, wo einige Weihbischöfe sich die Köpfe über das ewige Gerauche in den Priesterseminaren heiß redeten. Auch die ganze Schar der Trolle, Elfen und Gnome war den Patres suspekt – ein heidnisches Heer vermuteten sie hinter jedem Werwolf oder Golem. Selbst Engel mussten sich einer peniblen Sicherheitsprüfung unterziehen, bevor sie wie gewohnt weiter lobsingen durften.

Immerhin erübrigte sich die leidige Diskussion um den Gottesbeweis. Man müsse, so sprach die Kongregation, nur ganz fest daran glauben. Ob es erlaubt sei, auch an Buddha, Osiris und die Zahnfee zu glauben, wusste allerdings niemand. Das zuständige Referat kündigte an, erst noch Beweise sammeln zu wollen. Das könne dauern.

Zudem konnte der katholische Apparat nun mit vollem Ernst behaupten, dass sich die Demokratie durchgesetzt habe. Nach dem klassischen Prinzip One man, one vote regierte Ratzinger über seine Schafe. Er war der eine Mann, der die eine Stimme hatte. Und mehr wollte man dem Volk auch nicht zumuten.

Seine Heiligkeit gefiel sich nun darin, seine Heiligkeit öffentlich zu machen. Natürlich war es keine Kunst, über das Wasser zu laufen, denn der Fluss stand einige Meter höher als das Ufer. Und so wandelte Benedikt nun jeden Sonntag über den dreckigen Strom. Ob die Krankheitserreger unter seinen Füßen dadurch geheilt wurden, ist nicht verbürgt. Denkbar wäre es.

Die Zwerge an der Basis mussten sich kaum umgewöhnen. Schon zuvor waren die Zwerginnen wegen ihres Geschlechts diskriminiert und von den männlichen Zwergen aller Alters- und Rangstufen für einen universalen Patzer gehalten worden. Doch des Papstes Weltformel integrierte auch sie in die Schöpfung. Natürlich nicht, ohne sie weiterhin als Missgriff zu behandeln. Schwulen Zwergen erging es nicht besser, es sei denn, sie standen in Lohn und Brot der römisch-katholischen Kirche.

Überhaupt wurde die Theologie viel einfacher. Neben Feng Shui und Kapitalismus fand sich nun auch Wirres Denken als Lehrfach an der Vatikan-Universität. Das Postulat, dass der Geist je eine helle und eine dunkle Seite habe, galt ohne Ausnahme – die helle Seite war der Katholizismus. Der ganze Scheibenkleister mit der Scholastik hörte endlich auf. Alles war so komplex, wie es sein sollte, um es nicht verstehen zu müssen, und alles wurde plötzlich so einfach, dass man daran glauben konnte, wenn man nicht daran glauben wollte. Die Philosophie wurde nicht verboten. Sie wurde einfach verschluckt, wie das rote Pantoffeltierchen etwas verschluckt. Auf Nimmerwiedersehen.

So geschah es. Und siehe, es sah, dass es gut war. Und ein Irrtum war ausgeschlossen.





Wir sind wieder Papst

4 02 2009

„… zu der Überzeugung gekommen, dass sie nicht im Gegensatz zum Schöpfungsplan und der Liebe Gottes stehen.“ Der Kurienkardinal warf das Papier wutentbrannt auf den Schreibtisch. „Guerreiro, das darf den Vatikan auf keinen Fall verlassen, hören Sie? Auf gar keinen Fall!“ „Euer Eminenz haben das wohl nicht ganz verstanden. Das Sendschreiben ist bereits veröffentlicht worden.“

Tatsächlich hatten die katholischen Bischöfe um sieben Uhr MEZ die päpstliche Botschaft in ihren Faxgeräten vorgefunden. Dazu erging eine Kopie an ihre privaten E-Mail-Adressen. Man weiß ja nie, was der Vorsehung so alles in die Quere kommt.

„Das kann nur eine Fälschung sein.“ „Eminenz, das Siegel spricht dagegen. Die Unterschrift. Das Schreiben hat ein Aktenzeichen. Wir können da nichts mehr ausrichten.“ Der Kurienkardinal griff mit zitternden Fingern in seine Soutane und zog ein silbernes Fläschchen heraus. Nach mehreren großen Schlucken blickte er den Kanzlisten fest an. „Das ist unser Untergang, Guerreiro. Er ist plemplem! Verhütungsmittel! Wir sind am Ende!“ Guerreiro runzelte ironisch die Stirn. „Deus lo vult.“

Die Presse überschlug sich. Eugen Drewermann war nicht zu erreichen. Uta Ranke-Heinemann gab in einem Interview mit dem WDR zu Protokoll: „Was Ratzinger sagt, ist richtig, Sie dürfen sich auf ihn berufen.“ Außerdem plädierte die Theologin in diesem Fall ausnahmsweise für Täterschutz. Der Osservatore Romano übernahm den im Bayernkurier erschienenen Leitartikel von Erwin Huber. Fotos von Berlusconis Fettnäpfchen-Beauftragtem, wie er die Pizzeria der vatikanischen Museen betrat, kamen sofort auf alle Titelseiten. Heiner Geißlers Gastkommentar flog ersatzlos aus allen Gazetten. Einige Leserbriefe, die Benedikt XVI. zum sofortigen Rücktritt aufforderten, wurden irrtümlich doch noch im Rheinischen Merkur abgedruckt. Die personellen Konsequenzen gingen schnell und ohne großes Aufsehen über die Bühne.

Für Heiterkeit sorgte der altkatholische Bischof, der in der Talkrunde witzelte, man würde jetzt das Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit noch einmal überdenken. In der PR-Agentur ging es weniger ausgelassen zu. Der Sekretär der Disziplinarsektion hämmerte auf den Tisch, dass die Designertassen in die Gegend sprangen. „Was haben Sie sich da wieder für einen Dreck ausgedacht? Kondome für die Katholiken! Haben wir denn nicht schon genug Schlamassel?“ „Ruhig, Pater. Wir haben das einzig Richtige getan.“ Monsignore Tournon schaute entgeistert. „Sie haben was? Das Richtige?“ „Haben wir. Dann schauen Sie sich mal bitte den Score der letzten Monate an.“ Der Consultant drehte sein Notebook und deutete auf eine Kurve. „Der Börsenkurs Ihrer Firma. Sehen Sie diesen Knick? Das waren die Piusbrüder mit Herrn Williamson, der sich die Freiheit nimmt, die Gaskammern zu leugnen. Und dieser scharfe Zacken hier? Der unzurechnungsfähige Ösi, den Ihr Herr Chef partout zum Weihbischof machen musste. Und das hier…“ Der Priester begriff zuerst nicht. „Sie wollen damit andeuten, dass… Nein, unmöglich!“ „Wir werden dafür bezahlt, Ihre Managementfehler auszubügeln – schlimm genug. Was bleibt uns denn anderes übrig, als den Kurs anzukurbeln?“ Der PR-Berater hatte sich nun selbst in Rage geredet. „Wie soll man ein Unternehmen von der Größe ohne Controlling kontrollieren? Himmelherrgott, wie sollen wir den Laden konsolidieren, wenn wir vom Aufsichtsrat ständig torpediert werden? Wozu kriegen Sie Ihr tägliches Memo, wenn das Zeug sowieso im Kamin landet?“ Er packte den Sekretär am Kollar. „Kruzifix, warum haben Sie damals nicht den Lehmann gewählt? Muss man denn hier alles selbst machen?“ Das Diagramm zuckte kurz auf. „Na sehen Sie“, frohlockte er, „der Kurs steigt. Erste Notverkäufe. Scientology bröckelt. Sonntag sind wir wieder da.“ Seine Augen verengten sich zu Schlitzen, seine Stimme wurde scharf. „Und wenn wir die Evangelikalen von der Bildfläche gefegt haben, kommen Sie bloß nicht auf die Idee, das als Ihre Leistung zu verkaufen. Ich warne Sie.“

Unterdessen feierte das Volk den Oberhirten. Während in Lateinamerika die Patres selbst die Gläubigen in langen Prozessionen mit Papa-Ratzi-Bildern zu enthemmten Sambarhythmen durch die Straßen führten, organisierten in Köln Schwule und Lesben die Demonstration. Binnen Stunden zogen Katholiken durch Deutschlands Innenstädte. Sie skandierten leidenschaftlich Wir sind wieder Papst und Ratze, gib Gummi. Joachim Meisner schäumte. Ob man da nicht etwas machen könnte. Man teilte ihm mit, man kann da nichts machen. Als der Amtsrichter den Kardinal sarkastisch fragte, ob der an Gummi-Geschosse gedacht habe, verließ Meisner zornig den Raum.

Der Werbespot für Benny Boy, das kardinalsrote Kondom (Geschmacksrichtungen Messwein und Milch mit Honig), wurde noch am gleichen Tag im Vorabendprogramm ausgestrahlt. Hella von Sinnen hatte spontan zugesagt.

„Hürlimann, haben Sie noch die Adresse von diesem Chilenen, ja? Gut. Dann bringen Sie mir den her. Und schnell, bitte.“ „Wäre es nicht besser, wenn wir… also ich meine… gewissermaßen für die Öffentlichkeit, Sie verstehen?“ Der Gardist vollführte eine ruckartige Handbewegung. „Ah, verstehe. Hm. Gut. Ist schon dreißig Jahre her, aber vielleicht klappt’s ein zweites Mal. Versuchen wir es.“ Und er faltete ergeben die Hände. „Im Namen Gottes.“