In Bausch und Boden

14 08 2018

„Drei Minuten!“ Schwatzke fuchtelte erregt mit den Händen vor seinem Gesicht herum. „Haben Sie eine Vorstellung davon, was das bedeutet?“ Der Mann war offensichtlich in seinem Element. Und ich war einfach nur zu früh gekommen.

„Unsere Redaktion sorgt für die richtige Wirkung“, erklärte Schwatzke. „Sie meinen, Sie bauschen alles auf.“ Er schüttelte den Kopf. „Nein, das sehen Sie falsch. Ich würde eher sagen, wir machen die Nachrichtenlage interessanter für eine Zielgruppe, die uns als Endverbraucher besonders am Herzen liegt.“ „Also die, die nicht nachdenken, sondern nach Lautstärke sortieren?“ Befriedigt lehnte er sich in seinen Drehsessel zurück. „Das ist vollkommen übertrieben, mein Lieber. Vollkommen übertrieben. Also absolut richtig.“

Schwatzke kramte eine Liste aus dem Stapel auf seinem Schreibtisch. „Da haben wir’s ja. Sehen Sie mal, 34 Prozent Diebstahl von Rumänen – das lässt sich doch brillant verwerten.“ Er zeichnete mit der offenen Hand bereits die Schlagzeile in die Luft. „Was halten Sie davon? ‚Klauen uns die Zigeuner bald die Ferienhäuser?‘“ „Gar nichts.“ Meine Antwort irritierte ihn. „Worauf beziehen Sie das jetzt?“ „Sie hatten mich gefragt, was ich davon halte, ich habe Ihnen wahrheitsgemäß geantwortet.“ Er sah mich angestrengt an; wahrscheinlich wusste er längst nicht mehr, was Wahrheit ist. „Zunächst mal geht es in dieser Statistik um Kriminalität in Rumänien.“ Schwatzke nickte. „Schlimm. Die Quote der Straftaten liegt konstant bei 100 Prozent, das ist doch nicht hinnehmbar.“ „Es handelt sich um Diebstähle, die alle Personen, möglicherweise nur Rumänen, an anderen begehen, die sich in Rumänien aufhalten.“ „Interessante Formulierung“, grübelte er. „Sie wollen damit andeuten, es könnte sich um Ausländerkriminalität handeln, weil andere Leute dazu gezielt nach Rumänien einreisen, um kriminelle Handlungen auszuführen? Interessant!“ Ich überhörte es. „Sie lesen hier eine Statistik, die sich ausschließlich um Rumänien dreht. Von den Straftaten, die in diesem Land begangen werden, sind etwa ein Drittel…“ „34 Prozent“, protestierte Schwatze, „das sind sehr viel mehr als ein Drittel! Bleiben Sie gefälligst bei der Wahrheit, wir wollen doch keine Falschmeldungen in die Welt setzen!“

Ein Assistent hatte Papiere reingereicht, war schnell wieder verschwunden und hatte uns mit der Meldung alleine gelassen. „Wie gesagt“, sagte Schwatze, wie er es ja schon gesagt hatte. „Diese 34 Prozent sind…“ „Egal“, fiel ich ihm ins Wort, „ob es hundert, tausend oder hunderttausend Verbrechen sind, 34 Prozent bleiben 34 Prozent.“ „Sie sind mir zu spitzfindig“, moserte Schwatzke. „Wenn man Ihnen das Fahrrad hundert oder tausendmal klauen würde, das würden Sie merken, mein Lieber!“ Er warf fast seine Kaffeetasse um, machte einen Fleck auf die Statistik, aber das schien ihn überhaupt nicht zu stören. „34 Prozent sind Diebstähle, der Rest teilt sich auf die…“ „Das ist mir völlig egal“, schrie Schwatzke plötzlich, „Tatsache ist doch: es handelt sich bei diesen Ausländern um…“ Schwatzke hätte sich fast verschluckt, so hickste er nur und sprach normal weiter. „Also alle diese Rumänen sind ja auch Ausländer, zumindest vom Inland aus gesehen, wobei wir als Inland natürlich nicht unbedingt diese Ausländer, die aus dem Ausland – egal, es sind böse, gefährliche Ausländer, die Sachen tun, die in unserem Inland gar keine Relevanz haben! Was im Ausland stattfindet, das ist…“ „Wenn zwei von drei Rumänen Bratkartoffeln essen“, gab ich ungerührt zurück, „dann ist das für Deutschland bereits eine Gefahr?“ Schwatzke wedelte hektisch Linien in die deutsche Luft. „Wie finden Sie denn ‚Vorsicht!‘“, kreischte er, „‚Der balkanische Kindergeldkassierer will an Dein politisch korrektes Sintischnitzel!‘ Na, wie finden wir denn das, Herr Gutmensch!?“

Ein Paket Papiertaschentücher später hatte er sich beruhigt. Schwatzke blättere seine Papiere durch, als sei nichts geschehen. „Natürlich muss man hier und da ein bisschen leserorientiert mit den Fakten umgehen, auch dann, wenn es keine sind. Fakten, nicht Leser.“ „Sie setzen damit die Moral der gesamten Presse aufs Spiel“, warf ich ein. Er lächelte tatsächlich. „Ach. Moral.“

„Ihre Redaktion ist nur damit beschäftigt“, befand ich, „Zusammenhänge zu verfälschen und einen Eindruck zu erwecken, der mit der Wirklichkeit nicht mehr viel zu schaffen hat.“ Schwatzke nickte, mehr nicht. „So ähnlich steht das in meinem Vertrag. Ich kann mich nicht mehr so genau erinnern, weil ich immer nur das lese, was ich lesen will. Aber genau deshalb wurde ich ja auch engagiert.“

Ich hatte es nicht übers Herz gebracht, einen so idealistischen Redakteur vom Fleck weg zu kündigen. Vor der Tür herrschte geschwätziges Treiben, keiner nahm niemanden zur Kenntnis. Der Chefredakteur stürmte auf mich zu, einen Stapel Papiere in der Faust schwenkend. „Passen Sie auf“, brüllte er mich an. „Passen Sie auf, es hat wieder einen Skandal gegeben mit Asylbetrügern. Alle rechtmäßig in Deutschland!“ Er schlug mir die Papiere in den Bauch. „Sie wissen, was Sie zu tun haben, Schwatzke?“

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Hotel Europa

16 07 2018

„Hilfe! Hilfe!“ „Was?“ „Da! das Kind ertrinkt!“ „Wahrscheinlich kann es nur nicht schwimmen.“ „Sie müssen…“ „Ich muss was? Ich muss gar nichts.“ „Wir müssen sofort die…“ „Sie müssen auch gar nichts. Das ist ein Hotelpool, da steigt man normalerweise nur rein, wenn man schwimmen kann und schwimmen will. Und ich nehme nicht an, dass das Ihr Hotel ist.“ „Nein, aber die…“ „Also nicht. Könnte ich dann jetzt bitte in Ruhe meinen Sportteil lesen?“

„Da ertrinkt ein Kind, und Sie lesen Zeitung!“ „Ihre Aufmerksam in allen Ehren, aber mir war das vorher schon bekannt. Danke und auf bald.“ „Sie können doch nicht tatenlos zusehen, wie dieses Kind da…“ „Tue ich ja auch nicht. Wie Sie soeben ganz richtig bemerkt hatten, bin ich nicht untätig, stattdessen lese ich meinen Sportteil. Wenn ich dann jetzt um Ruhe bitten dürfte?“ „Wir haben doch eine Verantwortung für dieses Kind!“ „Ach Gott, eine Grundsatzdiskussion… ja, erzählen Sie’s der Kellnerin da hinten, die soll mir dann beim nächsten Kännchen Kaffee eine schriftliche Notiz reinreichen.“ „Wir müssen dieses Kind retten!“ „Zunächst mal: wir müssen hier gar nichts. Ich für meinen Teil habe nicht vor, mich in die inneren Angelegenheiten anderer Familien einzumischen, da ich nicht annehme, dass dieses Kind sich ohne Familie hier aufhält. So weit angekommen?“ „Sie können die Verantwortung nicht einfach abschieben wie eine…“ „Ich schiebe nicht ab, das ist mir zu vulgär. Ich grenze auch nicht aus oder urteile über Personen, die mir nicht bekannt sind.“ „Weil Ihnen das auch völlig egal ist!“ „Sie denken ja mit, ich bin begeistert! Aber mal im Ernst, genau das ist der Punkt. Ich sehe hier keinerlei Notwendigkeit, diese Familie in der Ausübung ihres freien Willens zu beschneiden. Wenn einer von ihnen in den Pool will, soll er halt reinsteigen.“

„Jetzt kommen Sie endlich, dieses Kind da ist am Ertrinken!“ „Sie haben die üble Angewohnheit, Dinge immer vom Ende her erklären zu wollen. Warten Sie erst mal ab, vielleicht ertrinkt es tatsächlich ab, dann können Sie immer noch sagen, Sie hätten es ja kommen sehen. Aber Sie sollten vielmehr einmal den jetzigen Status hinterfragen. Warum liegt dieses Kind am Grunde des Pools.“ „Weil es nicht schwimmen kann, verdammt!“ „Schon wieder so eine Aussage, die nur auf reiner Spekulation beruht. Haben Sie das Kind befragt?“ „Ich…“ „Also haben Sie’s nicht getan. Haben Sie sich vorab wenigstens die Eltern vorgenommen, um deren Motivation und die ethischen Grundlagen der Kindererziehung in Erfahrung zu bringen? Auch nicht? Was versauen Sie mir dann den Vormittag mit Ihrem dusseligen Geschrei?“ „Weil da ein Kind ertrinkt, und Sie lesen Zeitung!“ „Machte ich stattdessen einen Handstand oder malte die Mona Lisa auf einen Bierfilz, ginge es dem Kind dann besser? Oder würden Sie zumindest mit Ihrem verfluchten Geschrei aufhören? Bitte!?“

„Ich rufe jetzt die Polizei!“ „Damit sich die Eltern hinterher rechtfertigen, weil Sie sie nicht rechtzeitig informiert haben? Bitte, nur zu.“ „Ich rufe jetzt die Polizei, dann werden Sie schon sehen, was Sie von Ihrem Verhalten haben!“ „Sie wollen mir drohen? Also langsam wird’s aber lächerlich. Haben Sie sich schon mal mit dem Gedanken getragen, dass dieses Kind ganz im Einklang mit den Werten der Aufklärung handelt?“ „Sie können mir nicht erzählen, dass ich…“ „Offenbar haben Sie auch davon wieder keine Ahnung, stimmt’s? Ich sagte es bereits, in einen Hotelpool steigt man, wenn man schwimmen kann und schwimmen will. Was sehen wir hier?“ „Das Kind liegt jetzt schon seit zwei Minuten unter Wasser!“ „Und ich hätte sei zwei Minuten meinen Sportteil weiterlesen können, falls Sie es vergessen haben. Das Kind wollte schwimmen, korrekt?“ „Das können Sie doch nicht wissen.“ „Also bestreite ich mit meiner Annahme die Willensfreiheit einer anderen Person, um einen eigenen Vorteil daraus zu ziehen?“ „Welchen Vorteil denn?“ „Sie würden mich endlich in Ruhe lassen mit Ihrem Moralgeschwätz. Dieses Kind hat seinem eigenen Willen gemäß gehandelt und ist in den Pool gestiegen. Welches Recht habe ich, mich in diese Angelegenheit einzumischen?“ „Es war ein Unfall, sehen Sie das nicht!?“ „Bin ich ein Richter oder ein Staatsanwalt? oder sehen Sie aus wie ein Notarzt? Über solche Befindlichkeiten lassen Sie doch bitte die urteilen, die sich damit auskennen.“ „Das ist doch vollkommen offensichtlich! Das Kind kann gar nicht schwimmen, deshalb ist es auch klar, dass es in den Pool gefallen ist!“ „Ihre logische Folgerung ist jetzt also, dass alle Kinder, die nicht schwimmen können, in den Pool fallen. Das ist ja mal eine großartige intellektuelle Leistung. Wenn Sie mir die Nachfrage gestatten, wenn alle Kinder, die noch nicht schwimmen können, zwangsläufig ertrinken, wie lernen diese Kinder dann hinterher zu schwimmen?“ „Ich finde das zum Kotzen, wie Sie mir die…“ „Also erst wirres Zeug reden und dann beleidigend werden. Wenn ich dann jetzt bitte wieder mit meinem Sportteil…“ „Da, das ist der Vater!“ „Ach, wie nett. Da sind dann ja endlich mal Personen involviert, die mit der Sache etwas zu tun haben.“ „Das Kind ist tot, und Sie wollen jetzt einfach wieder Zeitung lesen!?“ „Erstens handelt es sich einmal mehr um eine reine Behauptung, und zweitens, meine Güte – das regelt halt der Markt. Wenn man nicht schwimmen kann, weg vom Pool.“ „Sie sind ekelhaft!“ „Meine Güte, kommen Sie mal wieder runter. Wissen Sie was? Ich bestelle uns noch ein Kännchen Kaffee, und dann beruhigen Sie sich.“ „Ich denke gar nicht daran!“ „Haben Sie das gesehen?“ „Was?“ „Dieser Neger da unten, der hat die Kellnerin belästigt!“ „Ich sehe nichts.“ „Da, der Typ da unten. Spricht der die Frau einfach so an!“ „Wir sind hier in einem spanischen Hotel, was haben Sie denn mit dem Personal zu schaffen? oder mit den anderen Gästen?“ „Dem haue ich jetzt eine rein! Solange wir hier als Deutsche vor Ort sind, herrscht hier gefälligst Zucht und Ordnung! Meine Meinung!“





Science Non-Fiction

9 07 2018

„Guten Tag. Etwas zu verzollen?“ „Das geht Sie nichts an.“ „Moment mal, Sie sind auf einer…“ „Wen interessiert das?“ „Aber Sie passieren gerade die Grenze zur…“ „Ja, und?“

„Also entschuldigen Sie mal, Sie wollen doch gerade in die Bundesrepublik…“ „Sagt wer?“ „Das ist hier ein Zug, der über die Grenze von Österreich nach…“ „Erzählen Sie mir etwas, was mich gerade interessieren könnte.“ „Ich muss Sie kontrollieren.“ „Augen auf bei der Berufswahl!“ „Ich muss Sie jetzt aber wirklich kontrollieren, sonst…“ „Sonst?“ „Sonst kriege ich Ärger, und das wollen Sie doch nicht?“ „War das etwa eine Drohung?“ „Aber nein, ich wollte nur…“ „Sie kündigen also an, dass Sie den Ärger, den Ihre Vorgesetzten machen, genau so an Ihre Kontrollobjekte weitergeben? Interessant!“ „So war das doch gar nicht gemeint!“ „Also wieder nur diese typische emotionale Erpressung, wie?“ „Jedenfalls muss ich Sie jetzt kontrollieren, und dazu benötige ich zuerst einmal Ihren Ausweis.“ „Lächerlich.“ „Wie meinen?“ „Lä-cher-lich.“ „Sie zeigen mir jetzt sofort Ihren Ausweis, sonst…“ „Also nichts mehr mit Zoll? Sie suchen sich die Prioritäten Ihrer hoheitlichen Kontrollaufgaben aus, wie Sie Lust und Laune haben, ja?“ „Sie zeigen mir jetzt sofort Ihren Ausweis, sonst werfe ich Sie aus dem Zug!“ „Während der Fahrt? Ich wusste gar nicht, dass Sie dazu befugt sind. Aber bitte, zeigen Sie mal, dass Sie mehr haben als leere Drohungen.“

„Ich meine es doch nur gut mit Ihnen.“ „So viel Geld habe ich gar nicht.“ „Nein, wirklich!“ „Und das alles im Rahmen Ihrer Dienstvorschriften!“ „Ich muss doch jetzt bitten, dass Sie mir sagen, ob Sie etwas zu verzollen haben.“ „Wie das denn?“ „Der Zug ist doch gleich in Deutschland, und da muss ich dann eine…“ „Ich reise doch gar nicht ein, wie soll ich dann etwas verzollen?“ „Sie haben diesen Zug bestiegen in der klaren Absicht, in die…“ „Ach, Gedanken lesen können Sie auch noch? Da sind Sie ja ein echter Glücksgriff für den Zoll.“ „Sie müssen doch vor dem Passieren der Grenze zur…“ „Hören Sie doch mal auf mit diesem Gefasel – ich passiere keine Landesgrenze, ich bin auf einer fiktionalen Nichteinreise.“ „Auf einer…“ „Nichteinreise. Damit überquere ich keine Grenze, muss nichts verzollen, brauche keinen Ausweis, und Sie dürfen jetzt wegtreten.“ „Was ist denn eine, also was Sie da gerade, diese Nichteinreise, was ist denn das?“ „Eine Nichteinreise ist, wenn man nicht einreist, verstanden?“ „Ja.“ „Dann ist ja jetzt alles klar.“ „Aber das heißt doch, dass Sie jetzt gar nicht im Zug sind?“ „Ich will Ihnen nicht zu nah treten, aber nehmen Sie es als guten Ratschlag: versuchen Sie es nicht mit Philosophie, die Dienstvorschriften sind für Sie schon kompliziert genug.“ „Aber diese Einreise, also wenn man nicht einreist, das ist doch dann nur für, wie sagt man…“ „Asyltouristen.“ „Ich habe das Wort nicht benutzt!“ „Habe ich auch nie behauptet.“ „Aber Sie sind doch kein Asyltourist, oder?“ „Haben Sie schon mal einen gesehen?“ „Nein.“ „Das passt. Es haben ja auch immer alle Angst vor Ausländern, die nur alle drei Wochen mal einen im Fernsehen entdecken.“ „Sie sehen aber auch nicht aus wie einer.“ „Wie sehe ich denn aus?“ „Normal halt.“ „Also sind die alle unnormal?“ „Das habe ich ja gar nicht gesagt!“ „Doch.“ „Dann habe ich es aber nicht so gemeint.“ „Und deshalb haben Sie es so gesagt?“ „Sind Sie jetzt so ein Asyltourist oder nicht!?“ „Erstens schreien Sie mich gefälligst nicht so an, und zweitens, wer von uns beiden ist denn beim Zoll?“ „Ich weiß es doch auch nicht!“

„Wie stellen Sie sich denn den typischen Asyltouristen vor?“ „Schon irgendwie asylmäßig.“ „Wie sieht denn das aus?“ „Mehr wie ein Tourist.“ „Dann könnte also jeder ein Flüchtling sein?“ „Das weiß ich nicht.“ „Haben denn Touristen ihre ganze Habe dabei?“ „Eher nicht.“ „Das heißt, Sie können die Touristen und die Flüchtling schon ganz gut auseinanderhalten?“ „Wir haben hier ja kaum welche. Also Flüchtlinge.“ „Aber ich könnte doch theoretisch einer sein.“ „Das glaube ich nicht.“ „Ich sehe nicht aus wie ein normaler Tourist?“ „Wenn ich es recht bedenke, dann…“ „Also wäre es möglich, dass ich gerade eine Nichteinreise vornehme mit dem Grenzübertritt?“ „Ja, aber…“ „Was fehlt Ihnen denn noch?“ „Wenn Sie jetzt nicht einreisen, dann reisen Sie doch aber aus?“ „Nein.“ „Wieso das denn jetzt schon wieder nicht?“ „Wenn ich hier fiktional nicht einreise, habe ich dann die Grenze passiert?“ „Nein, aber…“ „Wenn ich die Grenze nicht passiert habe, dann bin ich auch nicht ausgereist. Fertig.“ „Aber dann kann ich Sie doch trotzdem kontrollieren?“ „Wie kommen Sie denn darauf?“ „Falls Sie etwas zu verzollen haben.“ „Eben war es doch noch der Personalausweis?“ „Ja, der auch. Aber wenn Sie gar nicht einreisen, dann…“ „Dann könnten Sie höchstens meine Papiere kontrollieren.“ „Warum?“ „Weil man dazu keine Grenze passieren muss.“ „Haben Sie denn überhaupt Papiere?“ „Ja.“ „Darf ich die denn bitte einmal sehen?“ „Ich bin EU-Bürger.“ „Das glaube ich Ihnen nicht.“ „Also bin ich jetzt schon mit sehr viel höherer Wahrscheinlichkeit ein Asyltourist?“ „Jetzt zeigen Sie mir doch endlich den Ausweis, dann können wir das endlich…“ „Na gut, wenn es Sie glücklich macht – bitte sehr.“ „Sie sind Deutscher?“ „Macht das irgendeinen Unterschied?“ „Wenn Sie das gleich gesagt hätten, niemand hätte Sie für einen Asylanten gehalten. Ein Deutscher, der kann doch kein Flüchtling sein.“ „Warten Sie mal ab…“





Dogma

2 07 2018

„Das wollen Sie mir doch nicht weismachen!?“ „Was spricht denn Ihrer Ansicht nach dagegen?“ „Dass das alles eine Wahnvorstellung ist, das weiß doch jeder.“ „Sagen Sie.“ „Und Sie suchen auch nur ein paar Spinner, die das glauben, was Sie ihnen da erzählen.“ „Das ist korrekt. Genau das ist ja das Wesen von Religion, oder sehe ich das falsch?“

„Eine Kirche der Chemtrails – Sie wollen mich wohl verarschen!?“ „Keinesfalls. Aber haben Sie schon mal ein Grundgesetz von innen gesehen? und wenn ja, wie lange ist das jetzt her?“ „Was hat denn Ihr Schwachsinn mit dem Grundgesetz zu tun?“ „Schauen Sie, wir haben hier eine Religionsfreiheit in diesem Rechtsstaat. Da lasse ich mir von Ihnen nicht vorschreiben, was Unsinn ist und was man als legitime Glaubensvorstellung bezeichnen darf.“ „Sie suchen doch bloß ein paar Trottel, die…“ „Vorsicht, wir befinden uns gerade im Bereich des §166 Strafgesetzbuch.“ „Gotteslästerung ist in Ihrem Fall doch gar nicht möglich, oder haben Sie einen Gott?“ „Dann könnte man jeden Buddhisten straffrei beleidigen, oder?“ „Hören Sie auf mit diesen Spitzfindigkeiten!“ „Sie tragen jetzt diese Gemeinschaft als religiöse Gemeinschaft ein, und dann sind wir beide zufrieden.“ „Ich denke ja gar nicht daran!“ „Müssen wir erst nach Karlsruhe?“

„Hören Sie mal, ich verstehe Sie ja, aber wir können doch nicht jeden Quatsch als Religion bezeichnen, nur weil ein paar Freaks daran glauben. Das geht doch nicht!“ „Männer in Frauenkleidern?“ „Zum Beispiel.“ „Ich denke, jetzt haben Sie ein ernsthaftes Problem mit der römisch-katholischen Kirche, aber bitte – war nicht meine Wortwahl.“ „Aber die glauben doch wenigstens noch an etwas.“ „Wir doch auch. Wir glauben, dass diese Chemtrails eine Botschaft von finsteren Mächten sind, denen wir als verantwortungsvolle Menschen widerstehen und die wir bekämpfen müssen, weil sonst das Ende der Welt droht, wie es die Schrift überliefert.“ „Das ist doch nicht ihr Ernst!“ „Ich finde das recht vernünftig. Wir haben uns beispielsweise nicht aus disziplinarischen Erwägungen die Himmelfahrt einer seit längerem verstorbenen Dame ausgedacht, die trotz etlicher Geburten noch Jungfrau ist.“ „Das ist ein Dogma.“ „Was ist ein Dogma?“ „Wenn Sie sagen: das ist so, keine Widerrede, dann ist das so. Das ist ein Dogma.“ „Okay, verstehe. Dann ist das mit den Chemtrails jetzt ein Dogma.“ „Seit wann?“ „Ich hatte eben eine göttliche Eingebung. Passiert Ihnen vielleicht eher selten, aber als Auserwählter kann ich Ihnen bestätigen, es tut nicht weh.“

„Wenn ich Sie richtig verstehe, sprechen da gerade unsichtbare Wesen durch Sie?“ „Jupp.“ „Nur mal als Frage: was rauchen Sie?“ „Das ist nicht Ihr Ernst!“ „Entschuldigung, aber Sie haben doch nicht alle Tassen im Schrank.“ „Ich sollte mal mit dem Vatikan telefonieren. Sie wissen schon, was man für die Beleidigung des Papstes kassiert?“ „Aber…“ „Franziskus soll da nicht zimperlich sein, er hat auch schon gesagt, wer seine Mutter beleidigt, kriegt eins in die Fresse.“ „Ich kann aber nicht so einfach akzeptieren, dass Sie hier auf der Basis einer bestehenden Religion einfach Ihre eigenen wirren Vorstellungen ausleben wollen.“ „Was soll das nun wieder heißen? Darf man jetzt nur noch Religionen stiften, wenn man nachweislich nicht in Konkurrenz zu anderen steht?“ „Sie könnten doch auch gleich Protestant werden oder so etwas, die sind vielleicht ein bisschen toleranter, was das angeht.“ „Sie kennen keine Protestanten, wie?“ „Ist ja auch egal, jedenfalls könnten Sie Ihren Kram mit den Chemtrails da sicher irgendwie unterbringen.“ „Dann hätte man ja das Christentum auch nicht zu gründen brauchen. Religionen gab es sicher genug.“ „Aber das waren sicher die falschen Religionen.“ „Und woran merkt man das?“ „Gott hat damals zu den Menschen gesprochen, oder irgendwie so.“ „Also gelten solche Offenbarungen nur, wenn man sie in einer vormodernen Gesellschaft und in enger Abstimmung mit der vorher schon durch Gott eingesetzten Religionsbehörde für gültig erklären lässt?“ „Ich weiß doch auch nicht, wie so etwas läuft!“ „Also Sie wollen mir jetzt ernsthaft erklären, dass Gott gar nicht zu Ihnen spricht, und trotzdem wollen Sie dann den Unterschied herausfinden können, ob es sich um eine anerkennenswerte Offenbarung handelt? Sie sind mir ja einer.“ „Dann lassen Sie Ihren verdammten Scheißdreck doch vom Papst beglaubigen!“ „Also erstens ist der nur für römisch-katholische Angelegenheit zuständig, das ist aber Allgemeinbildung. Und zweitens habe ich ja noch keine letzte Gewissheit, um welchen Gott es sich handelt.“ „Wie jetzt!?“ „Sie müssen doch verstehen, dass es sich hier um eine reine Glaubensfrage handelt.“ „Ja, jaja.“ „Und Sie wollten doch, dass wir eine mindestens im Range eines religiösen Dogmas stehende Aussage über unsere Glaubensinhalte formulieren können, oder?“ „Ich…“ „Sie müssen doch einsehen, solange wir noch nicht als Religionsgemeinschaft anerkannt sind, ist doch diese theologische Einstufung total irrelevant.“ „Ich weiß gar nichts mehr!“ „Nehmen Sie es nicht so schwer, ich habe dieselben Zweifel. Man weiß ja kaum noch, ob man es mit Gott oder dem Teufel zu tun hat.“ „Meinetwegen, geben Sie her – Stempel, Unterschrift, Sie können loslegen.“ „Besten Dank, mein Herr. Ach, wo wir gerade dabei sind: wo beantragt man denn hier die Prüfung zum Heilpraktiker?“





Gut besorgte Bürger

20 06 2018

Es war ein bisschen unspektakulär, ja geradezu enttäuschend. Wo man eine Geisterbahn erwartet hatte, wenigstens ein abgedunkeltes Gruselkabinett, war ein Betontreppenhaus, der Vorraum strahlte die nervenzerfetzende Spannung einer Steuerkanzlei aus, das Büro von Doktor Lührßen schließlich war eine von zwei Schrankwänden – Kiefer und viel Glas – eingefasste Sitzgruppe nebst einem recht normalen Schreibtisch. Ich hatte so gar keine Angst.

„Es ist auch ein recht prosaisches Geschäft“, sagte der Erfinder, goss Tee in die bereitgestellten Tassen und schob eine Schale mit Gebäck über den Couchtisch. „Meine Güte, wenn ich an vergangene Jahrhunderte denke, die gelbe Gefahr, die Türken, die Pest, Donnerwetter! Das würde uns heute kein Mensch mehr abkaufen.“ Mir fiel die Sorglosigkeit auf, mit der sich einfach ein Plätzchen knabberte, aber es war wohl nicht vergiftet. Doktor Lührßen lächelte. „Das ist ja der Grund, warum wir für so viele Kunden in Medien und Politik arbeiten: die naheliegenden Gefahren nehmen wir meistens gar nicht wahr, aber wir brauchen Ängste. Gerade hier in Deutschland, wo es fast als unanständig gilt, ohne jede Furcht durchs Leben zu gehen und sich auch noch daran zu erfreuen.“ Er nippte an seinem Tee. „Ich habe da mal ein kleines Exposé für Sie vorbereitet, wenn Sie einmal schauen möchten?“

Es war beeindruckend, und ich ertappte mich dabei, zu überlegen, ob es nicht schon beängstigend sein müsste. „Das waren Sie?“ Er nickte sichtlich geschmeichelt. „Damals hatte ich die Firma gerade von meinem Onkel übernommen, und der brave Bürger freute sich zumal im Sommer an einem kräftigen Windchen, das durch seine vier Wände pfiff. Für einen renommierten Fensterhersteller haben wir dann die lebensgefährliche Zugluft erfunden, die die schlimmsten Folgen für Leib und Leben haben kann.“ Ein ehrlicher Stolz lag auf seinem Gesicht. „Jeder klagt heute, wenn es nur ein bisschen kalt durch die Wohnung weht. Wir haben, ich darf das in aller Bescheidenheit sagen, einen nationalen Mythos geschaffen.“ „Wir können Sie das beweisen?“ Er stellte die Tasse ab. „Haben Sie je einen Schweizer über Durchzug klagen hören?“

Ein kleines Sortiment für Neukunden hatte die Firma sofort lieferbar. „Angst vor Elefanten, wird nicht häufig genommen, ist aber sehr plausibel.“ Der Anleitung entnahm ich, dass ein Dickhäuter einen Menschen mühelos an einem Baum zu zerquetschen in der Lage sei. „Vor Hunden fürchtet man sich mehr, da ist dies doch ein exklusiver.“ Das Angebot war umfangreich, wenngleich auch etwas einseitig. „Angst vor Spritzen, vor Hochwasser und einstürzenden Kirchtürmen, das bekommen die Menschen nicht mehr selbst hin?“ „Sie können natürlich Ihr Brot selbst backen“, entgegnete er, „trotzdem braucht es Bäcker.“

Die komplexeren Produkte standen in einem Regal hinter dem Schreibtisch. „Kombinationen sind momentan recht hoch im Kurs“, weihte Lührßen mich ein. „Cholesterin, Passivrauchen, Konservierungsstoffe, Sie können alles miteinander frei kombinieren. Wir machen Ihnen Angst.“ Die Preise waren moderat, das Einsteigerpaket aus Erdnüssen und Atomkrieg konnte sich auch ein Angestellter leisten. „Ein Upgrade ist jederzeit möglich“, erklärte der Doktor. „Wenn Sie etwa eine Komponente auf Terroranschlag erweitern, kostet das nur ein wenig mehr.“ „Aber Terroranschläge werden doch im Augenblick am meisten geordert?“ Er wiegte bedächtig den Kopf. „Deshalb mussten wir die Preise etwas anheben, sonst hätten wir eine Übersättigung des Marktes riskiert. Wir wollen den gut besorgten Bürger, keine Massenpanik.“

Slowseller wie das gute alte Grausen vor dem Weltuntergang hatte die Firma in dumpfes Grau verpackt, frische Bammelware prangte ich grellem Rot. „Wie gesagt, Sie können alles kombinieren, es ist genug da.“ „Warum“, dachte ich laut, „sollte jemand gleichzeitig Angst vor der Umvolkung der deutschen Rasse haben und die Machtergreifung der AfD fürchten?“ Lührßen nickte. „Angst“, gab er zu verstehen, „Angst ist nie logisch. Irgendwann brauchen Sie auch keine Flüchtlinge mehr, da reicht die AfD.“ Immerhin hatte eine erkleckliche Anzahl die schlimmsten Krankheiten in Betracht gezogen. „Meinten Sie nicht, die Pest würde Ihnen heute kein Mensch mehr abnehmen?“ „Kaum“, entgegnete er. „Die Pest kannte jeder, diese Furcht war eine Reaktion auf das Nichtwissen der Menschen, die vergiftet Brunnen und schwefligen Dunst für die Infektionsquelle hielten, aber nicht das Bakterium. Wenn Sie Ebola nur aus einer Zeitung für geistig minderbemitteltes Publikum kennen, entwickeln Sie Angst.“ Er rührte in seiner Tasse herum. „Die größte Wirkung entfaltet Angst nun mal, wenn man das Objekt seiner Abscheu gar nicht kennt.“ „Und wie rechtfertigen Sie dann die Vermarktung von Impfangst, Aluhüten und Chemtrails?“ Sein Gesicht verfinsterte sich schlagartig. „Mit Scharlatanen wie diesen Leuten haben wir nichts am Hut“, knurrte Doktor Lührßen. „Sie sind eine Schande für unser Gewerbe, so etwas würden wir nie verkaufen. Eine Schande!“

Alles war geklärt, der Tee getrunken, uns würde sicher nichts Geschäftliches mehr verbinden. Da drückte mir Doktor Lührßen einen Umschlag in die Hand. „Für Ihre freundlichen Bemühungen. Keine Sorge!“ Steuerkanzleivorraum, Betontreppenhaus. Ich tastete in meine Manteltasche. Ob ich…





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXVII): Die rechte Reizerregung

8 06 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Kaum hat sich ein dementer Saufschädel am Rande des Badeverbots die Inkontinenzhose wieder über die Knie gezogen, schon bricht ihm die Suppe aus der oberen Verdauungsöffnung: der Bettnässer von Braunau, äfft der völkische Beo, war ja in Wirklichkeit ein lieber Bub, auch wenn man das ja jetzt gar nicht mehr so sagen wolle, obwohl es doch eigentlich stimmt. Was nicht einmal hundert Stück Spulwurmauswurf vorgekotzt kriegen, wird in der Flüstertüte dem Rest der Kulturlandschaft als medialer Gülleregen übergezogen. Da jauchzt aber der Braune, hatte er sich doch genau das erhofft, die kostenlose Echokammer, die ihm für eine gehörige Skandalisierung reicht. Nun diskutiert ein Land wieder über Dinge, die es nicht gibt, die keinen Sinn haben und keine Relevanz, aber: es redet. Nichts scheint leichter als die rechte Reizerregung.

Das Reizleitungssystem dieser Gesellschaft hat ein mählich verdumpfendes Anfangspotenzial, also muss der Einsatz jedes Mal lauter kommen, um in den letzten Winkeln des Landes den Staub erzittern zu lassen. Das Niveau, jene Variable, die meist nur noch in kleinsten Unterschieden gemessen wird, wenn Realitätsallergiker das Zäpfchen schwingen, rutscht regelmäßig unter dem Bodenbelag durch, um die Fluchttür zu erreichen. Mittlerweile wäre es für die zurechnungsfähigen Zuschauer fast eine Erleichterung, würde man den verdeppten Alten mit heruntergelassenen Hosen auf dem Greisparteitag sehen, statt ihm zuhören zu müssen, wie er Muster in den Putz brüllt. Denn die Themen sind immer dieselben, die Mär vom Untergang des christlichen Abendlandes in wenigen Jahrhunderten, mit quasi wissenschaftlich zusammengeschwiemelter Logik, die an den Nahtstellen doch wieder Heftpflaster braucht und Hakenkreuzarmbinden.

Begierig greift das Kleingetier jenes Narrativ der tapferen Ignoranz auf und phantasmagoriert sich einen Bäcker zurecht, dessen Kundenschlange die Gefahr eines tödlichen Angriffs auf die Ehre der deutschen Rasse birgt, immer vorausgesetzt, man hüpft im Quadrat über jedes Stöckchen, das die volkstümelnden Ratten ihnen vor die Nase halten. Sie nutzen nicht nur das Erzählmuster und das Vokabular, sie freuen sich über den kostenfreien Resonanzraum, in dem jeder Zwerg sein elendes Gerülpse wie Donnerhall vernimmt, und merken nicht, dass sie bei diesem Vorgang selbst das Produkt sind, für das sie nicht bezahlen, es sei denn mit ihrer Zukunft. Eine Seele haben sie nicht zu bieten, wenn abgerechnet wird.

Und es wird abgerechnet, bei jedem Wahltag wird wieder von Kompetenzimitat in wechselnden Anzügen die Betroffenheit formuliert, mit der man das Wachsen des Mobs zur Kenntnis nimmt, zwar gefasst und in den Randbereichen der Hirnleistung durchaus koalitionsbereit, aber doch betroffen, denn erst einmal fehlen wichtige Sitze, die den Zugang zu den Fleischtöpfen anderen lassen in einer marktkonformen Demokratie. Das Nähere regelt hier kein Bundesgesetz.

Andere, die sich für geistreich halten, nehmen dem Sumpf nicht das Vokabular ab – wer das tut, ist meistens stolz, keinen Geist zu besitzen – sondern das Strickmuster. Sie entwerfen einen Nationalismus mit einigermaßen menschlichem Antlitz: seht her, auch der Kanak pfropft schwarz-rot-gülden einen Stülper über die Seitenspiegel seines auf arischer Scholle gedengelten Diesels, wenn ein paar Bimbos wieder Bälle treten, soll man es ihm, der mutmaßlich nicht in die Kirche geht, sondern stattdessen nicht in die Moschee, etwa auch noch verübeln, dass er sich anpasst, assimiliert, in die geistige Behinderung von Blut und Boden mit Lust und Wonne integriert? Sind wir nicht alle irgendwo auf dieser Welt Scheißausländer? Und mal ehrlich, ist ein enthemmtes Schlandgeröhr im Zuge des allgemeinen Partypatriotismus nicht auch ästhetisch irgendwie anziehend? In einem Land, das Gaffen bei Unfällen mit tödlichem Ausgang zu einem Volkssport kultiviert hat, ähnlich erfolgreich wie Autowaschen und Steuerhinterziehung? Das ist nicht menschlich, das ist nicht einmal ein Gesicht.

Solange die Gesellschaft an der Neurose krankt, dass nur der überhaupt eine Chance hat, der das Rennen gewinnt, sei es beim Weltkrieg oder auf der Suche nach einem Kitaplatz, bei gleichzeitiger Zerstörung dieser Chancen mit dem Hammer der neoliberalen Reichideologie, solange die Gründe für die kollektive Depression nicht genommen sind, fällt auch jede Provokation wie ein Streichholz in den Benzinkanister, verwandelt sich zum Brandsatz und wird mit nationaler Notwehr entschuldigt gegen die Krätze, mit der man selbst die Täter infiziert hat. Hier hilft nicht Seife. Es sei denn, sie liegt in der Ecke einer Knastdusche.





Mein Bamf

30 05 2018

„Im Prinzip sind wir auf einem sehr guten Weg der Integration, und da ist es doch auch sehr positiv, dass gerade im Ressort Seehofer eine so deutlich hohe Quote von Anerkennungen für Asylsuchende zu verzeichnen ist. Wir haben schließlich lange gearbeitet für dieses Ergebnis.

Wir haben sehr gut verstanden, dass man die Flüchtlinge wie den anderen Teil des unteren Randes in unserer Gesellschaft behandeln muss. Sie sind absolut gleichwertig, und deshalb haben wir auch in kluger Voraussicht die Flüchtlings- und die Arbeitslosenverwaltung zusammengefasst. Diese Synergieeffekte sind sehr deutlich spürbar, wir sind sehr zuversichtlich, dass sich das im Laufe der kommenden Jahre noch steigern wird. Wir haben in Teilen der Bundesrepublik schon Vollbeschäftigung und erwarten noch eine sehr deutliche Steigerung, und es gibt gerade in diesen Regionen auch sehr beeindruckende Erfolge der Integration in die deutsche Leitkultur, weil wir den Personen, die mal Menschen in Deutschland werden wollen, mit einer klaren Forderung entgegentreten. Sie müssen den deutschen Rechtsstaat, wie wir ihn verstehen, sehr entschieden als ihre Heimat akzeptieren.

Natürlich geht es da nicht immer mit rechten Dingen zu, Sie wissen doch: Jobs kriegt man auch nicht auf eine Stellenanzeige, da braucht man schon eine Portion Vitamin B. Aber Unternehmen machen das oft im Interesse der Volkswirtschaft, das weiß man ja, und deshalb wollten wir dieses Modell auch auf die Aufenthaltstitel erweitern. Wenn in der rechten Szene schon die Rede ist von einer Asylindustrie, dann muss man diese Chance auch sehr ernst nehmen. Deutschland braucht das.

Es fängt ja bei der Personalauswahl an. Die ist Teil einer sehr großen Erfolgsgeschichte – wir haben auch hier sehr große Fortschritte erzielt in der Integrationsarbeit, indem wir viel fachfremde Kräfte, teilweise ohne jegliche Einzelkenntnisse, in die Entscheidungsprozesse einbinden. Wer sich mit dem Verwaltungsakt nicht auskennt und keine Ahnung von Gesetzen hat, der ist normalerweise in einer solchen Aufgabe falsch besetzt. Wir haben uns aber für eine integrative Integration ausgesprochen, die das an sich nicht vermittlungsfähige Potenzial in die Ämter holt. Wir gehen das Problem von beiden Seiten gleichzeitig an. Ob Sie jetzt jemanden mit hundert Prozent sanktionieren oder ihn wieder ins Mittelmeer zurückschicken, weil Sie ihm nicht zugehört haben, ist doch egal. Es zählt, was hinten rauskommt.

Wir hatten über dreißigtausend Ablehnungen, die von den Gerichten wieder kassiert worden sind. Das zeigt, dass wir die Quote der komplett falschen Hartz-IV-Bescheide noch nicht ganz hingekriegt haben. Aber wir sind sehr zuversichtlich, dass wir daran zeitnah arbeiten können, vor allem mit dieser personellen Ausrichtung. Das Modell Mein Bamf ist ja maßgeblich in den internen Ankerzentren der CSU mitentwickelt worden, trotz inhaltlicher Defizite. Es ist ja kein Zentrum und hat nichts mit Ankern zu tun, aber meine Güte, sie heißen ja auch Christsoziale.

Und jetzt sind wir auch schon beim nächsten Schritt, bei der Integration der integrierten Zentren in eine moderne Arbeits- und Asylindustrie, die in der Gesellschaft, also wenn Sie quasi beim Asyl in die Gesellschaft einsteigen, dann sind Sie mit einem Schritt sofort bei der Arbeit und bekommen alle Bescheide von einem Ansprechpartner, der Sie auch bis zur Abschiebung begleitet. Das ist eine sehr gute integrative Leistung, das müssen Sie schon zugeben. Zumindest ämterseitig.

Bisher hatten wir eine Vielfalt von Behörden, die ihre Bescheide ausgestellt haben, das war teilweise recht produktiv, wenn Sie zum Beispiel bei der einen Sache nicht weiterkommen, weil das andere Amt sich Zeit lässt und keine Papiere ausstellt – Sie glauben gar nicht, was das für ein fabelhaftes Instrument der Arbeitssicherung sein kann, wenn Sie nur mal die Ablehnungsbescheide ansehen, dafür können Sie pro Dienststelle eine eigene Abteilung aus dem Boden stampfen, und sozial ist ja bekanntlich, was Arbeit schafft – und jetzt bekommen Sie das als integrierte Lösung. Sie stellen einen Asylantrag, und dann prüfen wir auch gleich die einzelfallbezogene Eignung für die ortsansässige Wirtschaft, als integrative Maßnahme für die Behörde, die dadurch viel flexibler und teilweise sogar schneller reagiert. Oben Antrag rein, unten Bescheid raus. Das haben Sie normalerweise nur, wenn Sie in Bayern besoffen Auto fahren und das Parteibuch im Handschuhfach liegt.

Und wir gehen noch den entscheidenden Schritt weiter, wir machen aus der Verbindung ein Tripel. Doch, das geht in Bayern, man muss es nur sehr wollen. Wenn Sie als Wirtschaft in den Asylbereich einsteigen, und dann haben Sie eine Stelle, dann ordern Sie sich direkt im Ankerzentrum einen Flüchtling, der ist nicht besser qualifiziert als der Deutsche, aber wesentlich preiswerter, und dann können Sie den vollsynchronisiert in Ihren Betrieb integrieren und genau so einsetzen, wie Sie es wollen, und wenn Sie ihn nicht mehr brauchen, dann wird der Ablehnungsbescheid ausgestellt. In einem Aufwasch. Und dann schieben wir ab. Noch ein Industriezweig, den wir eigentlich in das Modell integrieren könnten. Aber warten wir erst mal ab, wenn Seehofer das nächste Mal im Bierkeller spricht. Es hängt viel davon ab, wie hoch seine Anerkennungsquote ist. Eigentlich alles.“