Gernulf Olzheimer kommentiert (CXXI): Karrierepaare

23 09 2011
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Non est bonum, bestätigt die seinerzeit von Genderstereotypen weitgehend freie und ebenso mit den Segnungen politischer Korrektheit versehene Gebrauchsanleitung der Dunkeldenker, esse hominem solum; unter Abzug des generischen Maskulinum darf auch die aufgeklärte Gesellschaft ihr Süppchen darauf kochen und dem Trieb die Schuld geben, dass sich die natürliche Ordnung des Herdenwesens nie verändert hat. Noch immer glaubt der Häuptling, dass seine Lebensplanung in Ordnung sei, wenn er sich der tumben Tradition ergäbe. Nichts davon ist wahr, und Karrierepaare machen es nicht wahrer.

Hinter jedem erfolgreichen Primaten, bewaffnet mit Keule, Speer oder Hedgefonds, stand früher ein erfolgreiches Mütterchen, stark der Außenwirkung verpflichtet, meist jedoch auf die Kernkompetenzen des Arbeitsalltags in der Mehrpersonenhöhle beschränkt. Während Männe Weltreiche eroberte, schrubbte sein Weib die Wäsche und erfand die Kulturtechniken. Während sie als Pharmakologin, Pädagogin oder Priesterin die Bildungsteilhabe der Herde sicherte, befasste er sich mit Kugelgrills, Faustfeuerwaffen und Alkoholika, aus Gründen der Bequemlichkeit zum Patriarchat zusammengefasst und von der Sportschau bis zum Thing gut vermarktet. Aber was bringt das schon, wenn spätestens mit Erfindung des Verbrennungsmotors die Freuden der Pflicht wieder brüllend sich in den Vordergrund drängen?

Fortan wuchs mäßige Stärke zu mäßiger Verantwortung, das vermeintliche Alphamännlein wählte sich ein knapp unter der sozialen Sollbruchstelle dümpelndes Frauchen – Kronprinz zu Kuhmagd, Klärwerksgehilfe zu Kanzlette – und demonstrierte seinen Status um so penetranter. Die bürgerliche Gesellschaft wuchs schmerzfrei heran, derlei Unterschiede gehörten dazu wie Eierlikör im Leitzordner. Doch die Essenz des Karrieredenkens in der kapitalistischen Leistungsklassengesellschaft hielt sich nicht lange mit der Theorie auf.

Inzwischen pfeift die Krankenschwester auf den austauschbaren Facharzt, die Staatsanwältin will mindestens einen Amtsrichter, der promovierte Physiker (Dissertation trotz langjähriger Vaterschaft eigenhändig verfasst) braucht zur Absicherung eine Versicherungsangestellte: die Verhältnisse, sie sind nicht so einfach, und der Männerglaube ist am natürlichen Ende angelangt. Man trifft sich auf Augenhöhe. Und wer da wem in die Augen schaut, ist Verhandlungssache.

Schwierig wird es, wo der Hominide nichts mehr ohne fremde Hilfe hingeschwiemelt kriegt. Denn an der traditionellen Aufgabenteilung hat sich noch nichts geändert. Nach einem aufreibenden Arbeitstag kommt das Männchen in die eheliche Behausung zurück und stellt fest, dass die Socken noch nicht gewaschen wurden. Alternativ (in diesem Setting geht eins der Gehälter dafür drauf, dass sich keiner von beiden um den Haushalt kümmern muss, so dass beide arbeiten können) hat die Perle den Waschvollautomaten falsch bedient und sorgt für hübschen Gesprächsstoff, der bei einer Flasche guten Rotweins endet, entweder in Gewalt gegen Schädelknochen oder in einer zünftigen Zirrhose, beides ein permanenter Rettungsschirm für die Gefahren, die man bei vernünftiger Sozialisation nicht hätte.

Denn die Sozialisation ist der Knackpunkt; das, was die übliche Partnerschaft ausmacht, die Stresstoleranz gegenüber plärrenden Kindern, Hypothekenzins fürs Eigenheim und nervenden Nachbarn, reicht im Zweifel weder für eine Ehe, geschweige denn zur Replikation als Wiedervorlage im Genpool, und soll doch das idealisierte Bild einer Partnerschaft rechtfertigen, wo nur heiße Luft vorhanden ist. Fröhlich, dann gestresst, schließlich in stetigem Adrenalinbungee lebt das Paar vor sich hin und aneinander vorbei – der eine pfropft sich ein Managementseminar nach dem anderen in die Birne, die andere Hälfte der schlagenden Verbindung dümpelt zwischen Reiki und Bürgerinitiative, um endlich die lebenstypischen Symptome zu spüren. Die Krise lebt! Hätte der Anderthalbchromosomer alsbald gerafft, dass eine intellektuell ebenbürtige Partnerin ihn nicht generell abwertet, hätte die Frau gemerkt, dass sie ihre Jagd nach dem goldenen Kalb nicht im Imitationsmodus männlicher Verhaltensweisen betreiben muss, sie wären halbwegs glücklich, denn die postmodernen Doppelverdiener besäßen mehr als den intrinsischen Wunsch, alles potenziell Gefährdende auf der Karriereleiter wegzubeißen – Gleichwertigkeit kommt in diesem Raster nicht vor.

Und so werden auch künftig leistungsbezogen eingenordete Lemminge das strapaziöse Leben im Büroalltag als billige Ausrede benutzen, um nach Lust und Laune aus dem selbst aufgerichteten Korsett einer bürgerlichen Existenz auszubrechen, sich beim geringsten Luftwiderstand wieder scheiden zu lassen und ansonsten in der Opferrolle zu verharren. Vor fünfzig Jahren arbeitete man noch gemeinsam am Erfolg. Aber das wäre heute eine Hälfte zu wenig für jeden.





Traute Zweisamkeit

10 08 2011

Klingelnd und klirrend schleppte Jonas den Bierkasten die Treppe hinauf. „Behalt die Schuhe ruhig an“, keuchte er, „Karen wird Dich nie mehr im Flur abfangen.“ Das hätte ich mir fast gedacht. Warum sonst hätte er mich zu einem Männerabend eingeladen, wenn es nichts zu feiern gegeben hätte.

Ich ließ den Schlüssel in die Messingschale auf der Kommode gleiten, während Jonas Bierflaschen im Kühlschrank stapelte. Nachlässig hatte jemand sein Sakko über den Garderobenknopf gestopft und den Kleiderbügel als Befestigung darübergestülpt. Achtlos drapiert lag eine einzelne graubraune Socke im Türrahmen des Schlafzimmers. „Bin gleich da“, ließ sich der Freund aus der Küche vernehmen, „nur noch eben die Pizza in den Bimmelofen packen.“ Da fiel mein Blick auf ein Paar grüner Pumps. „Und leg die Jacke ruhig auf die Couch.“

Eine ungeschickte Handbewegung später hatte Jonas sich mit dem Küchenmesser geschnitten. „Pflaster“, nuschelte er mühsam an der Fingerkuppe in seinem Mund vorbei, „im Bad.“ Ich kam ihm zur Hilfe, wie er mit einer Hand versuchte, den Verband aus dem Pappschächtelchen zu ziehen. „Warte“, beruhigte ich ihn, „ich hab’s ja gleich.“ Da fiel mein Blick auf den Lippenstift. Jonas klappte die Klobrille hoch und ging wieder in die Küche.

Diese Trennung war keinesfalls überraschend gekommen, es war bloß verwunderlich gewesen, dass Karen so lange damit gewartet hatte. Doch war Jonas erstaunlich gleichmütig geblieben. „Dann kann ich ja ab jetzt wieder ungestört Sportschau gucken“, hatte er gleich anderntags verkündet und die Verabredung zum Sonntagsbrunch zugunsten des gepflegten Sonntagsschlafs abgesagt. Später am Nachmittag hatte er dann an meiner Tür geklingelt und mich zum Essen eingeladen – unter der Voraussetzung, dass ich eine Tüte Spaghetti und eine Flasche Ketchup vorrätig hätte. Jonas hatte die Sache augenscheinlich unbeschadet überstanden.

Sein Blick verriet mir, dass er es bemerkt hatte. „Ich kann Dir ja doch nichts vormachen“, sagte Jonas zerknirscht. „Es kam möglicherweise doch etwas plötzlich, also habe ich mir professionelle Hilfe gesucht.“ Und er führte mich in seiner Wohnung umher. „Diese Blumenvase ist neu, die habe ich erst gestern gekauft. Einfaches Glas, man kann sie sogar in die Spülmaschine packen, wenn man sie einmal füllen sollte – am besten mit klarem Wasser, und dann die Blumen oben reinstecken.“ „Das war mir schon klar“, unterbrach ich ihn, „aber das wird doch sicher nicht alles sein, was Du gegen den Trennungsschmerz unternommen hast?“ Jonas führte mich in die Küche und zog die Schubladen auf. „Das entspricht ihrem alten Ordnungssystem.“ Die Obstmesser lagen jetzt bei den Fischmessern, weil es sich um Messer handelte, die Tee- bei den Suppenlöffeln und die Eierlöffel bei den Löffeln zum Schöpfen und Vorlegen, die Kuchengabeln hingegen unten in einem Kästchen bei den Bratpfannenverstaut, weil es sich nicht um Gabeln, sondern um Kuchengabeln handelte. Es musste sich um altes Geheimwissen handeln, auf jeden Fall wirkte es sich stabilisierend auf Jonas’ Psyche aus.

Der halbe Kleiderschrank hing voll mit Blusen, die Hausbar – ehemals eine ansehnliche Sammlung älterer Whiskyjahrgänge – war auf Sodawasser und Himbeersirup zusammengeschrumpft, in allen möglichen Ecken ballte sich Nippes: flatternde Vögelchen, maunzende Kätzchen, bellende Hündchen sowie ähnliches Kitschgetier in bunter Fassung. „Das beruhigt“, versicherte Jonas mir. Sicherlich hätte ich an seiner Stelle beim Anblick dieser Kunstgewerbehalde täglich einen Nervenzusammenbruch erlitten, aber wenn es ihm so viel bedeutete? „Du hast Dir professionelle Hilfe geholt“, fragte ich, „haben die Dir den Schrott in die Bude geschaufelt?“ Er legte eine CD ein und öffnete zwei Bierflaschen. „Die Beratung ist wirklich sehr gut“, lobte er. „Die Agentur hat für alles sofort eine Lösung, wie Du siehst. Ich musste nur sagen, dass Karen fürchterliche Blümchenstoffe liebt, und schon haben sie meinen ganzen Kleiderschrank mit dem Zeug vollgestopft. Ich fühle mich nicht mehr so einsam damit, verstehst Du?“ Versonnen trank ich einen Schluck; es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei, dachte ich, und ein Aquarium hätte lediglich zu phasenweise maritim duftender Raumluft geführt – warum nicht ein professionelles Team, das sich um wesentliche Dinge kümmert, die den Alltag in einem Zwei-Personen-Haushalt ausmachten? „Und sie machen es wirklich gut für ihr Geld“, entschied Jonas. „Allein, dass jeden Tag jemand kommt und die Klobrille herunterklappt.“

„Du kannst schon mal den Tisch decken“, entschied Karen resolut, „und vergiss bitte nicht wieder die Servietten, ich habe sie extra heute noch gebügelt, was sollen denn meine Freunde wieder denken, wenn Du nicht einmal…“ „Was war denn jetzt das“, fragte ich verblüfft. Jonas zeigte auf den Lautsprecher. „Im Vertrauen, ich wusste ungefähr, wann sie ausziehen würde. Da habe ich schon mal ein paar Mikrofone aufgestellt.“ Geschirr klapperte hinter der leisen Musik hervor. Jonas murmelte etwas von trauter Zweisamkeit und dass man in einer strapazierfähigen Partnerbeziehung jederzeit den nötigen emotionalen Rückhalt fände. Ich nahm es kommentarlos hin; die Erinnerung ist nun mal das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können. Es krachte plötzlich und die Frauenstimme überschlug sich in einem schrillen Stakkato. „Herrgott, ich hatte doch gesagt, Du sollst Servietten holen! Und guck Dir mal an, wie die Messer liegen – krumm und schief, und das hier ist auch noch falsch herum! Kann man Dich denn nicht einmal irgendwas alleine machen lassen!?“ Der Freund grinste. „Und dann gibt es diese Momente, in denen man weiß, dass das Leben schön ist, weil man alles richtig gemacht hat.“ Er prostete mir zu und trank einen großen Schluck aus der Flasche.





Gernulf Olzheimer kommentiert (LIX): Trennungen im Freundeskreis

28 05 2010
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Gerüchteweise hört man, es wäre nicht gut, dass der Mensch alleine sei. Man darf das für sich stehen lassen; manche behelfen sich da mit Zierfischen, manchen ist das Kraftfahrzeug eine treue Gefährtin in lauer Sommernacht, und nicht eben selten kommt es auch vor, dass sich ungeprüft zwei Herzen ewig binden, Fehlinkarnationen, bei denen man hofft, dass sie ihre Trittspuren am Rande des Genpools wegwischen, bevor derlei frei delirierendes Gefrett den Niedergang der Hominiden beschleunigen. Wer davon sein Liedchen singen kann, weiß um die Gefahren, denn hat man Freunde im Pärchenkreis, ab und an auch umgekehrt, so droht Drangsal in einem Maße wie nur auf der Buckelpiste: sobald sich die Bindung auch nur lockert, geht alles steil bergab und hinterlässt Blut, Tränen, Elend. Was sich trennt, verursacht Katastrophen, und wo, wenn nicht im Dasein des ahnungslosen Freundes.

Zunächst hockt der Bekloppte, so er überhaupt noch dazu kommt, zwischen allen Stühlen; hatten ihn bisher synapsensynchron je zwo Hälften einer körperseelischen Integralgestalt von beiden Seiten quasi in Folterstereo zugeschallert, dröseln ihm nun argumentative Widerhaken unter die Epidermis und versuchen, sein Fleisch in entzündlichen Zustand zu bringen. Ja, er habe das – was auch immer – geahnt, gewusst, nicht ahnen können, keinen blassen Schimmer davon gehabt, sich gar nicht für den Schmodder interessiert, mit dem ihm jetzt der beste Freund den Neocortex zukleistert: mit glasigen Augen, gleichsam in Duldungsstarre sitzt der Beknackte im Beichtstuhl, nagt am Sprachgitter, reingepfropft in seine Verdammnis, der er nicht rechtzeitig entgangen war. Er wird mit Dingen konfrontiert, die ihm sein Lebtag am Sitzmuskel vorbeigegangen waren, mit nächtlichen Schnarch- und täglichen Saufhandlungen, Körpereigenheiten, verhaltensoriginellen Auswüchsen und anderem philosophischem Getier. Dass mit dem Schwinden der Scham, wie Freud nachwies, der Schwachsinn einsetzt, ahnt das Opfer spätestens hier, mehr noch: aus der Beschreibung wird ersichtlich, dass das Leben der Anderen aus Gehampel geistesgestörter Grützbirnen bestanden hat, und man hat über Jahre nichts gemerkt. Der Schluss, dass man auch jetzt von Idioten umgeben ist, könnte näher nicht liegen.

Doch der Drang nach Kommunikation lässt sich beliebig dicht an die Kernvorstellung von Paranoia heranbewegen. Was läge näher, als dem Ex-Objekt via Bodenbeben, indirekter Nachrede und Intrigantenstadl Freundlichkeiten reinzudrücken, für die es sonst des direkten Kontaktes bedürfte – wo Frust auf Feigheit trifft, lässt der sich auch nicht immer schließen. Hurtig hingeschwiemeltes Gerede tut ein Übriges, um die Gerüchte am Brodeln zu halten, der Bescheuerte kocht im selben Topf in der Komplizensuppe mit, wenn er nicht spätestens hier dem Beleidigten die Leberwurst über die Mütze zieht. Denn sonst ist er flugs eine Stufe weiter und darf, wenn die Kampfphase der Entzweiung erst einmal ausgestanden sein sollte, als Vermittler zwischen beiden Lagern im Quadrat springen, immer eingedenk, dass man aus der Einleitung noch weiß, mit wem Manfred seine Teilzeitgeliebte betrügt und welche Geräusche Heide in gekachelten Räumen produziert. Auch dies ist locker zu steigern und reicht an altorientalisches Marterbrauchtum heran, dann nämlich, wenn es zweiseitig praktiziert wird. Da weiß man dann, wozu man Freunde hat.

Am anderen Ende der Skala, kurz nach der Nummer mit dem brennenden Schwefelsee, den herausgerissenen Fingernägeln und der Beschallung mit Kirmesschlagern kölscher Provenienz, kommt der Zangengriff des Teufels, das Finale jeder sinnvollen Existenz auf diesem beschissenen Planeten. Wenn A und B etwa auf den Gedanken kommen, sich gegenseitig mit gleichlautendem Schmonzes zu beschuldigen („… hört mir gar nicht mehr zu…“) und den arglosen Dritten in seiner Zwangslage zum Seelenklempner zu machen mit dem Stockholm-Syndrom als Rohrzange, zum Partnerschaftsberater und Bewährungshelfer für eine Lebensform, die nutzloser ist als der Versuch, auf der Jahrestagung der Überlebenden eines Massakers zur Entspannung Zielschießen zu veranstalten, um sich hinter dem Rücken des mental überforderten Vollidioten wieder in die lang vermissten Arme zu sinken, dann ist der Ofen endgültig aus. Denn es ist eine Frage der Zeit, bis sie wiederum vor allem Dritten gegenüber hervorkehren, dass ihr alter Freund – man habe sich wohl in seinem Charakter erheblich getäuscht, aber hinterher sei man immer schlauer – sich wohl nur die größten Peinlichkeiten über die eigene Person angehört, Keile zwischen die Getrennten getrieben und sich überhaupt einer Freundschaft völlig unwürdig verhalten habe, weil er in Wirklichkeit ein veritabler Drecksack sei. Spätestens bei der öffentlichen Versöhnung stellt die Gesellschaft fest, dass man als Vollarsch ausgegrenzt werden darf.

Wer noch halbwegs geistig gesund ist, entsorgt aufkeimende Ansätze von Freundschaften mit derlei Konstellationen an der Biegung des Abflussrohrs. Die therapeutischen Erfahrungen hernach mögen eine Klasse für sich sein, aber das ist es nicht wert.





Glück aus der Tube

13 02 2009

Jedes Jahr derselbe Terror. Der Spamordner platzt aus allen Nähten, Werbung verstopft den Briefkasten, alle setzen sie mir die Knarre an die Schläfe, damit ich Konfekt und Damenunterwäsche kaufe, bis der Dispo droht. Wie mir dieses Fest der Liebe auf den Sack geht!

Nein, nicht Weihnachten. Valentinstag. Schmachten nach Zahlen. Diesen Frontalangriff auf Geld- und Herzbeutel, bei dem beides auf der Strecke bleibt. Herzklopfen auf Zuruf. Müßig zu sagen, dass Hildegard bei den ersten Parfümerie-Prospekten, die sie mit der Tagespost reintrug, einen lauernden Blick aufsetzte. Die Schlange fordert einen Liebesbeweis.

Am 14. Februar 1929 zogen ein paar Killer in Chicago Polizeiuniformen an und nieteten ihre Konkurrenten um. Auf der Flucht gewandete sich einer von ihnen schnell als Verdächtiger und wurde von den kreuzfalschen Ordnungshütern abgeführt. Niemand schöpfte Verdacht. Die Welt war wieder in Ordnung. Sie hätten sich als Einzelhandelskaufleute verkleiden sollen, denn genau so fühle ich mich: die Wächter von Liebreiz und Zärtlichkeit nehmen mich in die Mangel. Wenn ich mitspiele, darf ich bis auf weiteres überleben. „Verknallt sein“ gewinnt da eine leicht schräge Bedeutung.

Also suchte ich einen dieser Läden auf, deren Logo ganz danach aussieht, als beträte man eine Reparaturwerkstatt für Federboas. Zwei unfassbar aparte Damen kreuzten millimetergenau meinen Weg und ließen eine Duftwolke hinter sich, die bei Funkenflug zu einem Inferno geführt hätte. Ich hatte mich also doch nicht in der Tür geirrt.

Was schenkt man nun einer Frau, die, sagen wir mal, nur mühsam zu befriedigen ist? Unschlüssig stand ich zwischen zwanzig Metern Nagellack auf einer Seite und einer Kletterwand voller Lippenstift auf der anderen. Gott sei Dank sprach mich eine der Dekorationsdamen an. Zumindest sah es unter der messerrückendicht aufgetragenen Puderschicht nach Lippenbewegungen aus. Gerettet.

Mit dezenter Herablassung erkundigte sich die Parfümöse, welcher Typ denn die Dame sei. Was sollte ich antworten? Dass Hildegard unmusikalisch ist, ständig dazwischenredet und ein Besuch im Möbelmuseum mit ihr peinlich wird, da sie Barock und Bauhaus nicht unterscheiden kann? Dass sie aussieht wie die personifizierte Hungersnot mit einem Haarschnitt, für den ihr Frisör standrechtlich erschossen gehört? Oder dass ihre Qualitäten als Spaßbremse oft kopiert werden, aber noch immer als unerreicht gelten? Ich entschied mich dafür, sie als anspruchsvolle, reife Frau zu bezeichnen. Man lügt so ungern, wenn’s um das Liebste geht.

Zum Einkreisen des Zielprodukt zwang mich die Visagistin, den Hauttyp meiner Frau (ich ließ die Verkäuferin in ihrem Glauben über meinen Familienstand, um mir alle weiteren Diskussionen zu ersparen) möglichst erschöpfend zu beschreiben. Trocken, fettig, Mischhaut? Hm, nicht so leicht. Hildegard hat die Haut eines Pfirsichs. Eines siebenunddreißig Jahre alten Pfirsichs, um es genau zu sagen.

Die existenziellen Fragen drangen auf mich ein. Was kann ich wissen? Was darf ich hoffen? Und warum stehe ich hier in einem Fachgeschäft für Schönheitsbedarf, um Kosmetika für Verliebte zu kaufen? Wieso verliebt? War Hildegard etwa frisch verliebt in mich? Noch am Abend zuvor hatte sie mir resolut das Kirschwasser aus der Hand gerissen und mitgeteilt, sie gedenke nicht, mich darin zu unterstützen, wie ich die Voraussetzungen für einen jähen Herzinfarkt zu schaffen mich befleißige – sie wünschte mir jahrelanges Siechtum mit schier unerträglichen Schmerzen, irgendeinen ekelhaften Krebs und am liebsten noch Pest und Pocken dazu. Klang das frisch verliebt? Nein, eher nach einer organisch gewachsenen Zweierbeziehung.

Früher waren Frauen mit Lavendelseife zufrieden. Zum Namenstag. An Sankt Valentin gab’s maximal eine Grußkarte plus Schnittblumen. Für die Floristeninnung ein willkommener Anlass, den Preis für rote Rosen knapp zu verdreifachen und auf Bestellung struppiges Spargelkraut mit untoter Baccara-Beilage zu liefern.

Als Nothilfe reichte mir die Rougereklame das Fertigkaufangebot für vollignorante Gatten unter Zugzwang: vielfarbige Knisterfolie mit Badepillen in den Duftnoten Sanitärreiniger bis nasser Hund. Einmalig. Ich war begeistert. Erst auf dem Weg zur Kasse fiel mir ein, dass meine Mansarde zwar einen Stutzflügel und eine Luxusküche beherbergt, aber leider nur mit einer Duschwanne ausgestattet ist.

Wir fanden rasch Ersatz. Ich nahm das Tiegelchen zur Hand und kramte die Brille aus der Anzugtasche. Aufbaustoffe auf reiner Paraffinbasis, neue Beauty-Shine-Formel mit polyzyklischen Kohlenwasserstoffen, Phthalsäureester in siebzehn Trendfarben, Vasenol, Bisabolol, 1-Octen-3-ol, diverse anorganische Säuren sowie eine Überdosis Ylang-Ylang. Das musste einfach gut sein. Meine Hemmschwelle sank ins Bodenlose, als ich auf der Vorderseite Revitalizing Sensitive Satin Maximum Moisturizer Creamy Look Gloss las. Das mit dem Sensitiven glaubte ich zwar nicht – Hildegard gehörte zu der Sorte Frau, die auch beim Trauergottesdienst noch über schlecht gefeudelte Kirchenböden mosert – aber etwas Revitalisierung kann nie schaden. Möglich, dass sich meine Liebste in ihrer nächsten Inkarnation in ein anmutiges Frauenzimmer verwandelt.

Übrigens besteht Hildegard auf getrennte Betten, seitdem ich ihr Handcreme geschenkt habe.