Haussaufgabenhilfe

10 07 2012

„… Jugendliche keine Veranstaltungen mit Alkoholausschank länger als bis 20 Uhr besuchen dürften. Familienministerin Kristina Schröder wolle damit den stark ansteigenden Alkoholkonsum…“

„… von der Deutschen Polizeigewerkschaft ausdrücklich begrüßt worden sei. Der Bundesvorsitzende Rainer Wendt bestätigte, dass die Mehrzahl der Beamten nicht richtig ausgelastet sei und erst durch neue Herausforderungen wie die Durchsetzung der Sperrstunde im öffentlichen Raum sich endlich selbst zu verwirklichen…“

„… eine Änderung des Jugendmedienschutz-Staatsvertrag dahin gehend zu erfolgen habe, dass Alkoholika im Internet nur noch nach 20 Uhr gezeigt werden dürften. Der Deutsche Brauer-Bund habe unmittelbar protestiert, da mehrere hundert Webpräsenzen tagsüber vollständig abgeschaltet…“

„… man vergessen habe, die Testkäufe durch jugendliche Undercover-Käufer zu stoppen. Von der Leyen habe bestätigt, dass einige Abteilungen nicht Schröders Weisungen folgten, sondern noch ihre…“

„… sich die FDP davon klar distanziert habe. Brüderle sei unmittelbar nach Bekanntgabe der Gesetzesvorlage dafür eingetreten, Kinder und Jugendliche früh genug an den Genuss des deutschen Rieslings…“

„… komme es dem Deutschen Richterbund sehr gelegen, mit ein paar Zehntausend unnötiger Ordnungswidrigkeiten pro Jahr endlich nicht mehr so viel Zeit haben zu müssen für Strafverfahren und die…“

„… dass das Alter der Begleitpersonen von 18 auf 21 Jahre hochgesetzt werde, obwohl mit dem Erreichen der Volljährigkeit bereits weit gehende Pflichten verbunden seien. Das Ministerium gab jedoch zu bedenken, dass es keinerlei persönlicher Reife bedürfe, um sich für Volk und Vaterland in Afghanistan erschießen zu lassen, während der Umgang mit Kindern eine…“

„… laut Schröder jede Kritik an ihrem Gesetzesvorhaben grundsätzlich als linksextreme Deutschenfeindlichkeit zu werten, da nur dies…“

„… zu einem sprunghaften Ansteigen der als Volksfest deklarierten Veranstaltungen komme. So sei das Bad Kreuznacher Wettschlucken laut Stadtverwaltung ein lange etabliertes Fest, das eine Ausnahmeregelung für die ortsansässige Gastronomie rechtfertige, obwohl es erst seit Juni 2012 im monatlichen Wechsel mit der Bingener Bierbilge und den…“

„… sich habe korrigieren müssen, da der Alkoholkonsum bei Jugendlichen seit Jahren rückläufig sei. Schröder verteidigte ihre Aussage, da sie ihre Meinung nicht durch empirische Daten verfälschen…“

„… habe der hessische CDU-Landesverband angekündigt, auch weiterhin die Kneipentouren der Jungen Union durch finanzielle Zuschüsse des Bundesfamilienministeriums zu fördern. Der in JU-Kreisen als Haus-Sauf-Gabenhilfe bekannte Topf sei sehr beliebt bei kirchlichen und…“

„… zu einem Zwischenfall bei einer Lesung, die Schröder nicht vorher beim Bundeskriminalamt angekündigt hätte. Das Sicherheitspersonal habe die Ministerin wegen ihres kindlichen Aussehens und ihrer infantilen Argumentation für nicht erwachsen gehalten, ihren Personalausweis verlangt und sie…“

„… sei es nur eine logische Folge, dass der Alkoholausschank in den Festzelten erst nach 20 Uhr beginnen könne. Die Schlägerei sei unmittelbar danach losgebrochen, was zum abrupten Ende des diesjährigen Oktoberfestes…“

„… versehentlich einen Polizeieinsatz genehmigt, um den Insassen eines Seniorenheimes die Alkoholika zu entziehen. Das Ministerium habe im Vorfeld bereits davon gesprochen, vehement gegen das Omasaufen…“

„… auch auf Außenwerbeelementen keine alkoholhaltigen Produkte mehr zu zeigen. Schröder habe dazu angeregt, Plakate von Ein-Euro-Jobbern verhängen zu lassen und abends wieder…“

„… bei Friedrich auf reges Interesse gestoßen sei. Durch eine gehäufte Verurteilung wegen Schuleschwänzens, Alkoholkonsums und ähnlicher alterstypischer Delikte sowie den Warnschussarrest könne man das Konzept der Vorkriminalisierung erfolgreich implementieren, das für eine sichere Versorgung des Niedriglohnsektors mit billigen…“

„… eine auffällig mit Helmut-Kohl-Postern beklebte Strohpuppe geköpft, gevierteilt und verbrannt worden. Keiner der etwa 5.000 Gäste auf der Theresienwiese habe dies bemerkt, die Polizei könne ohne Zeugenaussage keine Ermittlungen…“

„… wegen ihrer Weigerung, Alkohol zu trinken, weniger oft straffällig würden. Sarrazin habe dies als ungerechtfertigten Wettbewerbsvorteil auf dem Arbeitsmarkt bezeichnet, der nur durch pauschale Abwertung der Schulnoten bei muslimischen…“

„… sei die Idee der Kontaktbereichsbeamten nicht grundgesetzkonform. Um den Alkoholkonsum in Privatwohnungen zu kontrollieren könne das Innenministerium keine V-Leute in die…“

„… habe ihr Parlamentarischer Staatssekretär Kues auf Anfrage bestätigt, dass Minderjährige bei Einbruch der Dunkelheit sich nur in Begleitung von mindestens 40 Jahre alten Aufsichtspersonen auf öffentlichen Straßen bewegen dürften. Keine Ausnahme bildeten dabei Laternenumzüge, wohl aber Weihnachtsmärkte, da die dort angebotenen alkoholischen Getränke ausschließlich für Erwachsene vorgesehen…“

„… das Ministerium in der Nacht zum Donnerstag mit dem Schriftzug HOLT DEI GOSCHN PREISSNSAU DRECKATE… versehen worden sei. Die Polizei ermittle in alle Richtungen, es gebe jedoch noch keine Anhaltspunkte für ein…“





Nur aus Nächstenliebe

21 05 2012

„Sie müssen das ins richtige Verhältnis setzen. Kirche geht uns alle an. Deshalb sollen auch alle dafür zahlen. Auch dann, wenn Sie überhaupt nicht Mitglied in unserer Kirche sind. Erst recht, wenn Sie nicht Mitglied in unserer Kirche sind. Wir können da sehr empfindlich werden.

Ja, wir haben das verstanden. Im Grundgesetz steht, dass Sie Glaubensfreiheit genießen. Das war so gedacht. Aber da steht nichts davon, dass die auch kostenlos ist. Und da steht auch nicht, dass wir nicht trotzdem Steuern auf alles erheben können. Jetzt ist das eben mal eine Steuer für alle, die nicht römisch-katholisch sind. Haben Sie ein Problem mit Katholiken? Dürfen Sie nicht. Steht so im Grundgesetz drin. Da sind alle Menschen gleich.

Aber selbstverständlich haben Sie etwas davon – denken Sie an die vielen schönen Prozessionen, wenn die Bischöfe ihre prunkvollen Gewänder spazieren führen, oder denken Sie an den Papst, der aus lauter Gottvertrauen hinter drei Zentimetern Panzerglas durch seine Gläubigen rollt. Das ist ein lieb gewonnenes Brauchtum, das will gepflegt sein. Nein, nicht so gepflegt! Obwohl einige der Leute schon eine höhere Pflegestufe gebrauchen könnten.

Rabatte? Aha, ich verstehe. Sie denken, wir Grünen sind inzwischen wie die FDP? Ich müsste mal nachfragen. Wenn Sie sich ein Parteibuch besorgen, können Sie eventuell die Clubbeiträge – Kirchensteuer, wollte ich sagen, Kirchensteuer, können Sie dann verrechnen. Das müsste gehen. Immer vorausgesetzt, dass Ihr Einkommen auch hoch genug ist. Wir als Volkspartei nehmen ja nicht mehr jeden.

Und ich verstehe jetzt auch gar nicht, wie Sie sich aufregen können. Wir machen das sowieso schon. Wir lassen unsere kirchlichen Kindergärten aus Steuern finanzieren, und das Arbeitsrecht haben wir gar nicht nötig. Sie wollen doch Ihre Kinder nicht etwa von einer Frau aufziehen lassen, die sich scheiden lässt?

Ob es das für Muslime gibt? Um Himmels willen, wir leben doch hier nicht im Gottesstaat!

Sie glauben an gar nichts? Im Vertrauen, wir auch nicht. Deshalb handelt es sich schließlich auch nicht um eine kirchliche Initiative, sondern um Kulturrettung. Kennen Sie? So rechtsdrehende Sachen? Das haben wir von diesen Piraten gelernt, es geht nicht um Inhalte, es geht um das Modell.

Sie bezahlen dann auch einen ermäßigten Satz, wenn Sie kein Auto haben. Ja, dasselbe Modell – Sie sind kein Autofahrer, also können Sie sich gerne solidarisch an der Kultur unseres automobilen Fortschritts beteiligen. Das ist ein Stück unserer nationalen Identität, wissen Sie, da muss man doch erwarten können, dass die Bürger hier etwas mehr Bereitwilligkeit zeigen. Da kommt ja auch einiges zusammen. Die Gebühren für die entgangene Mineralölsteuer, Ersatzsteuer für Versicherungen und Autobahnnichtnutzungsgebühr, der Straßenbau will schließlich auch leben – da gucken Sie, was? So betrügen Sie den Staat, mein Lieber, so zocken Sie heimlich die Allgemeinheit ab und füttern Ihr privates Portemonnaie!

Hören Sie mal, so eine Krankenkasse wird auch nicht nur von den Kranken getragen! Christliche Nächstenliebe, klar!? Wissen Sie eigentlich noch, was das ist? Solidarität? Solidarisches Verhalten, das ist, wenn Sie meinen Ferrari bezahlen dürfen, auch Sie nicht darin fahren. Sind Sie eigentlich immer so ein kaltherziger Egoist?

Jetzt hören Sie doch mit dieser Kirchensache auf! Das ist doch nur ein Aufhänger, der in den Medien sinnlos hochgejazzt wird! Haben Sie Kinder? Oha, das wird teuer. Das wird Sie jetzt aber ganz schön teuer zu stehen kommen, dass Sie sich der Nachwuchsproduktion für den Arbeitsmarkt so einfach mal entziehen. Sie können sich keine Kinder leisten? Ist das etwa mein Problem?

Hund haben Sie auch keinen? Ich frage wegen der negativen Hundesteuer. Wenn Sie einen todsicheren Tipp wollen: Rennpferde. Kaufen Sie sich Rennpferde. Ermäßigter Mehrwertsteuersatz. Können Sie steuerlich als Hotelfrühstück absetzen.

Denken Sie doch mal an die Kinder! Sie müssen sich mal klarmachen, was wir hier für Verhältnisse hätten, wenn die Kinder nicht eine sorgfältige Einführung in die –

Wir machen das wie mit dem Kosovokrieg und den Hartz-Gesetzen. Öffentlich predigen wir dagegen, bis Ihnen die Ohren bluten. Und dann sorgen wir dafür, dass das Gegenteil passiert und wir daran hübsch verdienen. Wir dürfen das. Und das wissen Sie.

Ich sehe gerade, Sie sind kein Parteimitglied? Dann bekommen Sie demnächst Post von uns. Wir müssen ja der schleichenden Entdemokratisierung entgegenwirken. Wären Sie mal früher den Grünen beigetreten, dann hätten Sie die Scherereien jetzt nicht. Ihre Kulturpauschale ist jetzt höher als die Mitgliedsbeiträge, weil wir per Beweislastumkehr schlussfolgern müssen, seit wann Sie schon nicht mehr Parteimitglied hätten sein können. Sie kennen das Verfahren von der GEZ. Die kennen sich damit aus. Also mit Staatsverträgen. Nicht mit Kultur.

Gut, das wär’s dann gewesen. Vorerst. Dass Sie keine Aktien haben, hatten Sie ja schon erwähnt, aber das ist nicht unser Problem. Das Geld für die Investmentbanken holt sich die Regierung noch selbst. Ach, eine Frage hätte ich das noch. Rauchen Sie?“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CXLVI): Die Dämonisierung des Terrors

13 04 2012
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Welt ist kompliziert; schon das Auftrennen von Wertstoffen und Restmüll auf dem Bahnsteig bringt den wehrlosen Bundesbürger an den Rand der nationalen Katastrophe. Ständig stört diese Wirklichkeit, Spritpreis und Grenzkonflikte, das Volk winkt mit der Verfassung und kramt sicher schon die Knarre heraus, und nichts bringt die Verhältnisse auf die Schnelle wieder in Ordnung. Alle vier Jahre walzt sich tollwütig ein Haufen Grützbirnen im Fußballtrikot durch die Lande, um im Vollsuff Steuererhöhungen zu verpassen, doch sonst wird uns das nackte Elend ins Gesicht geschrieben. Kein Komet kündigt auf Knopfdruck seinen Niedergang über Bielefeld an, selbst eine gut organisierte Gurkenseuche löst keine Tobsucht im Einzugsgebiet der dünn angerührten Existenzen mehr aus. Keiner weint. Der Satan sabbert sachte, bevor auch er im öffentlichen Bewusstsein seicht versuppt. Wie sollte eine anständige Massenpanik aus diesen morschen Knochen kommen, gäbe es nicht die Mehrzweckwaffe der Heulbojen? Als Dämon für den Hausgebrauch haben wir immer noch den Terror.

Die patentierte Entschuldigung für jeden Wahnsinn lauert im handgequirlten Kitt einer für das Niedrighirnniveau konfektionierten Fassade. Jeder Bodensatz, der schlecht versteckte Jubel über den Umsatz in der Waffenindustrie, die freudig erregte Beschäftigung mit dem Abbau des Staates als solchem, jede Beweihräucherung der eigenen Unfähigkeit lässt sich zwischen Sachzwängen einklemmen und schlüpft flugs ins Mäntelchen der Notwehr. Von Oslo bis Toulouse sehen ein paar Interessierte den Einheitsbrei postdemokratischer Kollektivbetäubung kurz unterbrochen und kichern innerlich, erleichtert und beschwingt, dass ihre Verstörungstheorie süße Früchte trägt. Ein paar geistig Minderbemittelte schmeißen Bomben, eine Rotte rumpelnder Rhetoriker betet den Gottesstaat in Göppingen herbei. Dabei bekäme man die Behämmerten mit Rechtschreibung schneller in die Knie.

Der Terror ist ein Geschenk. Gäbe es ihn nicht, man müsste ihn glatt erfinden, um die hasardierenden Hütchenspieler der Führungsebene vor dem offenen Messer der Verantwortung zu bewahren. Sie verleumden den Suff, indem sie selbst dem Volk die Birne zufuseln – einfacher kann man sich nicht am Himmel festtackern als durch das verschwiemelte Einverständnis, genauso korrumpiert zu sein wie das, was man bekämpft. Der Terror ist das Geschenk dieses Himmels.

Denn der Terrorist ist ein doppelgesichtiges Wesen, einerseits der primitive Knalldepp aus der Wüste, intellektuell knapp unterhalb des Kamels und auf dem Zivilisationsgrad von Nomaden, doch andererseits eine mit Spitzentechnologie und unerschöpflichen Bargeldvorräten auf geschickt versteckten Konten vollgepfropfte Superexistenz, ungefähr so unbesiegbar wie Aliens von nebenan und lästig wie MacGyvers Klebeband. Sie lauern in Fahrstuhlschächten, Plattenläden und Wäschereien, kriechen als Maulwurf getarnt unter Blumenwiesen durch bis in die Tresore der Zentralbank, wo sie im Papstkostüm gar nicht weiter auffallen, während sie den roten Knopf drücken, der die westliche Hälfte des Planeten in die Luft jagt – die andere bleibt erhalten. Der Terrorist hat übermenschliche Fähigkeiten, er spricht mitunter andere Sprachen als Deutsch, Englisch oder Esperanto (und tut dies aus reiner Gehässigkeit, damit ihn die wachsamen Schulkinder in der Straßenbahn nicht verstehen), ist in Turban, Kaftan und Patronengurt in Städten wie Delmenhorst so gut wie unsichtbar und schlägt zum Teil erst in der vierten Generation zu, während er zuvor Jahrzehnte als völlig unauffälliger Mensch in der Mittelschicht zugebracht hat. Gefährliche Dinge wie Mopedfahren oder Minigolf erlernt er nur in der Absicht, damit einst das christliche Abendland zu zerstören. Gezielt unterwandert er die freie Welt, ahmt sein Wirtsvolk täuschend echt nach – dann ist es soweit, und eine äußerlich harmlose Dönerbude wird zum Kulminationspunkt der restlichen Geschichte. Wir waren ja gewarnt.

Wir waren gewarnt, seitdem uns mittelalterliche Schnackbratzen ein Ohr abzukauen versuchten mit ihrer billigen Hysterie von der Resterampe der Moralsäurekocher. Pest? Pocken? Nicht durch Keime ausgelöst, sondern von unkeuscher Kleidung und gottloser Tanzmusik. Der Untergang des Abendlandes? Eine Frage der Zeit, beschlossene Sache und Teil der Spielregeln, aber er lässt sich durch Nachturnen beliebigen Hirnplüschs sicher noch bis in alle Ewigkeit hinauszögern, da jenes höhere Wesen, das wir verehren, die Hausordnung bekanntermaßen im Klartext aushängt. So lassen sie uns zum Schutz vor ungebildeten Wilden, die den Rechtsstaat europäischer Bauart verwüsten wollen, eben diesen Staat zerdeppern und verbraten dabei das Geld, das uns hülfe, nicht ungebildet zu werden. Aus Furcht, von einer Herde religiöser Fanatiker zum Kanonenfutter gedrillt zu werden, drillen uns religiöse Fanatiker zu einer Herde, die nur noch zum Kanonenfutter taugt. Man stellt sie am besten an die Wand, auf die sie den Teufel malen.

Sie haben versagt. Wäre der Terror tatsächlich so ubiquitär und siegreich, die sich im heroischen Endkampf um 100-Milliliter-Sprudelfläschchen wähnenden Provinzprimaten wären scharenweise weggefegt, entsorgt in der Gosse der Geschichte. Nichts ist damit, der Turbostaat reproduziert sich selbst, indem er seinen Souverän segmentweise in den Dreck drückt, aus dem ihm das Rettende wächst: Widerstand, rücksichtslos und also systemstabilisierend. Kaum ein Trost, dass sie der beste Schutz vor dem finalen Bums sind. Denn welcher anständige Selbstmordattentäter würde ein Land von der Platte putzen, das sich so unterwürfig als Sympathisant andient.





Taube Ohren

11 01 2012

„… dass die Verkehrssicherheit der Deutschen maßgeblich abhänge von der Benutzung von Kopfhörern im Straßenverkehr. Ramsauer unterstrich, dass die Zahl der Verkehrstoten im vergangenen Jahr um ein Viertel zugenommen…“

„… sich der Seniorenschutzbund über das geringe Interesse an Autounfällen beklagte. Immer mehr Autofahrer über 80 seien als Unfallbeteiligte mit den schwersten Folgen zu…“

„… dass gerade die neuen Bundesländer von der Entwicklung betroffen seien. Schon seit 1979 sei den Christdemokraten die aus dem Osten stammende Neigung zu tragbarer Musik…“

„… regte Bundesfinanzminister Schäuble an, die Geräte zu legalisieren, wenn im Gegenzug eine Steuer auf…“

„… keinen stichhaltigen Beweis. Die Untersuchung der Verkehrstoten habe ergeben, dass die Personen im Verlauf des letzten Jahrzehnts kontinuierlich jünger geworden seien, so dass es…“

„… müsse ein Leistungsschutzrecht auf mobil abgespielte Musik…“

„… zwar korrekt, dass Ramsauer ebenfalls im Jahr 2009 den kontinuierlichen Rückgang der Opfer gewürdigt habe. Dies jedoch sei erst kurz nach der Wahl der aktuellen Bundesregierung geschehen und daher unter einem ganz anderen Blickwinkel zu…“

„… könne eine Steigerung der Unfallgefährlichkeit schon deshalb noch nicht als gesichert gelten, da auch die Anzahl der Verkehrsunfälle ohne Beteiligung von Fußgängern seit 2005 zugenommen habe. Kanzleramtsminister Pofalla wertete dies als defätistische Propaganda gegen die Vorsitzende der CDU, die in ihrem…“

„… sich die von RTL II geplante Sendung Tatort Straßenverkehr nicht realisieren ließe. Es fehle nicht nur an einer strafrechtlichen Grundlage, auch sei der moraltheologische Ansatz für die Ex-Minister-Gattin nicht hinreichend…“

„… als positiven Trend sehen. Je mehr Senioren durch Verkehrsunfälle aus dem Rentenbezug fielen, desto stärker sei die Entlastung der Kassen in…“

„… nicht gelten ließ, dass nur 0,00075% der Bundesbürger bei Verkehrsunfällen tödlich verunglückten. Auch Terroranschläge habe es in den vergangenen Jahren so gut wie nie gegeben, dennoch sei die Gefahr, durch Terroranschläge zu sterben, gar nicht hoch genug…“

„… die Unfallopfer zwar ausschließlich Fußgänger gewesen seien, diese jedoch nicht alle nachweislich einen Kopfhörer bei sich getragen hätten. Die Mutmaßung der CSU-Landesgruppe, jugendlichen Menschen außerhalb des Freistaates sei generell alles zuzutrauen, könne weder als gerichtsfest noch als eine…“

„… schlug Westerwelle vor, Ein-Euro-Jobber als Hilfspolizisten für die Ergreifung von Kopfhörerverwendern im Straßenverkehr…“

„… könne laut Innenminister Friedrich nur eine sofortige Vorratsdatenspeicherung…“

„… ein generelles Tempolimit dagegen völlig kontraproduktiv. Nur Höchstgeschwindigkeit sei laut ADAC eine Garantie, dass sich Unfälle mit Kopfhörern genauso häufig ereigneten wie ohne…“

„… warnte Mißfelder vor voreiligen Schlüssen. Nicht der Einsatz der Ohrstöpsel sei die relevante Unfallursache, vielfach sei es die Verrohung der deutschen Jugend durch unpassenden Musikgenuss. Der Bundesvorsitzender der Jungen Union riet zu rein arischer Hörertüchtigung, die mit Richard Wagner oder Bushido zu…“

„… lasse der TÜV die Anregung Aigners prüfen, Fußgänger ab sofort nur noch mit Begleitperson auf die Straße zu lassen. Der Gedanke, Passanten mit einem Sicherheitsgurt zu versehen, wurde jedoch als zu kostenintensiv…“

„… habe Friedrich sichere Beweise, dass die Musikabspielgeräte als Kommunikationsinstrument fremdländischer Nachrichtendienste genutzt…“

„… gebe es sichere Anzeichen für die Verwendung von Kopfhörern im Straßenverkehr vor der Jahrtausendwende. Ramsauer schlug vor, zunächst ein grundsätzliches Verbot gesetzlich zu regeln und danach zu erforschen, seit wann die…“

„… dass 4.000 Tote pro Jahr eine alarmierende Zahl darstellten. Sollte sich der Trend verfestigen, so kündigte Sarrazin bereits in weniger als 600.000 Jahren ein völliges Aussterben der Deutschen…“

„… ein Nummernschild für Fußgänger nur dann sinnvoll, wenn es durch Überwachungskameras und elektronisch lesbare Funkchips zu…“

„… erst das Verbot von Kopfhörern. Es sei jedoch vorgesehen, Ausnahmegenehmigungen zu erteilen, die gegen eine großzügige Spende von der Partei jederzeit eine Genehmigung zum…“

„… durch die CSU-Landesgruppe. Solange weniger Bürger durch Kopfhörer verunfallten als von nationalbewussten Jugendlichen verprügelt würden, sei noch kein Handlungsbedarf zu…“

„… schon das Tragen von Ohrhörern als Akt der undeutschen Gesinnung zu verfolgen sei. Friedrich nahm aber die V-Personen des Verfassungsschutzes ausdrücklich von dieser Regelung…“

„… dass der Anstieg der Verkehrstoten zwar erst eine Prognose sei, Ramsauers Forderungen jedoch weiterhin auch ohne statistische Grundlage für die Bundesregierung verbindlich…“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CXXVII): Paternalismus

11 11 2011
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Ontogenese macht es sich einfach. Weil sie es kann. Seit Anbeginn hat sich der Hominide dem Erfolgsmodell angeschlossen und wird längst in industriellem Maßstab aus der Eizelle zum Embryo promoviert, darf vegetative Stadien durchlaufen, in denen er überspannte Musik hört und patzige Antworten gibt, und versucht sich schließlich mit mehr oder weniger Erfolg zu reproduzieren. Was nach diesem Durchgang wieder von vorne beginnt – mit Ausnahme der Generation, die erst die Seneszenz erlebt und dann in den Bereich Biomasse wechselt. Zuvor aber gibt er ungefragt Ratschläge, hält langwierige Reden über moralische Aspekte von Schuhwerk und Nahrungsaufnahme, fordert Respekt und Kostgeld oder erzählt Anekdoten aus dem letzten Krieg. Die junge Generation steckt die Füße unter seinen Tisch, lässt das Gefasel an sich abperlen und zieht alsbald hinaus ins Leben, wo sie rebelliert, die Verhältnisse zum Tanzen bringt und dann altert unter schmerzhafter Imitation der Väter. Sie bieten das beste Vorbild für den Staat und seine paternalistischen Wahnvorstellungen.

Der Beknackte lässt ja alles mit sich machen; er lässt sich auf Nusspäckchen vor möglicherweise enthaltenen Nüssen warnen und auf Bügeleisen vor technisch bedingter Hitze; er zahlt Strafsteuern auf Butter, obwohl Margarine nicht weniger Fett enthält; er lässt sich vom Staat vorschreiben, ob er in seinem eigenen Immobilienbesitz Tabakwaren konsumieren darf; er lässt sich einreden, jede seiner Handlungen und/oder Unterlassungen sei zugleich und zwingend schadhaft für die ganze Population – die gute alte Du-bist-nichts-Dein-Volk-ist-alles-Nummer, mit der Sonderabgaben auf Bratwurst von büromanischen Fehlinkarnation durchgepeitscht, Rotwein und Champagner aber als systemrelevante Alkoholika quasi entschuldigt werden, solange der Pöbel seine Griffel von ihnen lässt. Die Macht des Guten scheppert dem Volk lieber präventiv eins in die Zinnen, denn Macht ist nun mal Macht. Und Macht ist allemal gut.

Wie verdübelt diese Gesellschaft wirklich sein kann, demonstriert der Fürsorgestaat, das Imperium der bezahnten Übermutterung. Vordergründig ist das paläokonservative Gemeinwesen die Rückentwicklung über die Kuschelecke des unmündigen Kindes ohne Verantwortung direkt in den etatistischen Uterus des Nabelschnursauger, die den Souverän mit immerwährender Kontrolle seiner Vitalfunktionen in Schach hält. Das Volk ist längst zu oft mit der Achse des Blöden an den Schädel geraten, die Vollverdeppung liegt hinter ihm, und so ergibt er sich dem Staat, der allumfassend seine Bürger schützt, und wo gäbe mehr Schutz als in Schutzhaft. Das Vater-unser-Land verbietet folglich Quecksilber in Barometern, untersagt dem gesetzlich krankenversicherten Masochisten, sich freiwillig auspeitschen zu lassen, und stellt den Genuss von Kaugummi unter Strafe, da man das Mastix auf den Boden spucken kann. Es braucht wenig Hirnleistung, um zu sehen, dass der paternalistische Staat in Wirklichkeit lediglich eine Beschäftigungstherapie für charakterlich verschwiemelter Politproletten auf Sozialentzug ist, die ihre eigenen kranken Fantasien auf den unschuldigen Bürger projizieren. Hinter dem Gutmenschenreich keucht eine Diktatur.

Längst weiß diese Verwertbarkeitsmaschinerie besser als wir, was gut ist für den Erhalt des Systems. Längst verbietet sie in vorauseilendem Gehorsam, was ihren Lobbylurchen nicht in den Kram passt. Politisch hatten wir uns aus dem Äon der bröckelnden Weltreiche befreit, jetzt haben wir den Kolonialisierung im eigenen Land: wie man den dummen Wilden nur oberflächlich mit dem Gebrauch der Donnerstöcke vertraut macht, so braucht auch der Bekloppte nicht zu wissen, dass Protektionismus und Dirigismus nur ein Schutzlack über der Staubschicht sein sollen, um der herrschenden Klasse ihre Fieberträume vom funktionierenden Postkutschenzeitalter zu retten. So ist der Vorsorgestaat auch nicht mehr als die Knute gegen die Selbstorganisationskraft in Produktion, Gesellschaft und Politik.

Der Staat regiert in alles hinein, meistens kostenpflichtig – nur da aber, wo er tatsächlich regulierend und aktiv eingreifen müsste, verschanzt er sich hinter dem Mantra freier Märkte und schwabbert sein geblümeltes Liedlein von der Eigenverantwortung der Bürger, die kollektiv und landesweit ihre Wasserleitungen nach Keimbefall durchpusten lassen dürfen, nur da nicht, wo er überhaupt möglich wäre, und selbstredend auf eigene Rechnung. Er fordert das Tragen unsinniger Helmplacebos für Nierenspender auf dem Tretrad, lehnt aber ein generelles Tempolimit für Autos ab. Wäre der paternalistische Staat nicht nur ein billiger Deckmantel, er verböte Popscheiße und Trash-TV und alles das, was uns an Grütze in Hirn gepfropft wird, er rächte lappende Sporthosen an schmerbäuchigen Transpiranten mit alttestamentarischen Körperstrafen und verarbeitete Barbara Salesch, Britt Hagedorn und Jürgen Fliege vor laufender Kamera zu Dämmmaterial. Er sollte sich vorsehen, der Patriarch. Ödipus wartet.





Das gute Leben

18 10 2011

„Vorsicht!“ Unter der Türklinke befand sich ein neongelbes Kreuz, ein Pfeil wies zu Boden, auf dem Boden las ich die Erklärung. „Wenn Sie jetzt die Wasserader überqueren, dann haben Sie sicher gesundheitliche Probleme zu befürchten. Ich wollte Sie nur lieber vorher darauf aufmerksam machen, dass wir nichts dafür können.“ „Sie können wirklich nichts dafür“, murmelte ich, erstaunt über diese Begrüßung im Landratsamt.

Umweltdezernent Kussmaul zog mich mit einem Ruck über die gestrichelte blaue Linie auf dem Linoleum. „Jetzt haben Sie eine dreiprozentige Chance, dass eins Ihrer Haushaltsmitglieder in den nächsten zwanzig Jahren eine fiebrige Erkältung bekommt.“ „Das ist gut“, antwortete ich. „Bei dem jetzigen Mistwetter hätte ich es sonst nämlich auf hundert Prozent eingeschätzt. Darf ich noch mal hin und zurück? oder wird das dann noch höher?“ Der Beamte runzelte die Stirn und biss sich auf die Zunge. „Und wo Sie gerade sagen, das gelte auch für alle anderen Mitbewohner, wie ist das bei einem Singlehaushalt? Ziehe ich das Risiko dann ganz auf mich? Und wenn ja, von welcher Haushaltsgröße gehen Sie normalerweise aus? Bei vier Personen wären es dann schon zwölf Prozent, und bei sechs Bewohnern…“ „Ziehen Sie es nur ins Lächerliche“, schimpfte er. Ich widersprach ihm nicht; mehr hatte ich ja gar nicht vor.

„In diesem Haus erforschen wir das Optimal-Life-Programm der Landesanstalt. Sie werden sehen, es sind erstaunliche Ansätze dabei, wie wir alle mit einem kleinen Beitrag unser Leben viel gesünder, sicherer und umweltneutraler gestalten können.“ Erst jetzt fiel mir auf, dass so gut wie alle Mitarbeiter der Behörde mit Sturzhelmen durch die Korridore liefen. Was sich hinter der Landesanstalt verbarg, wurde hinreichend deutlich. „Rauchen Sie?“ Kussmaul sah mich lauernd an, aber ich konnte ihm den Gefallen nicht tun. „Danke, nein. Aber Sie dürfen selbstverständlich.“ „Das haben Sie wohl falsch verstanden – Nichtraucherschutz gehört zu unseren vornehmsten Aufgaben. Auch hier im Haus müssen Sie sich vor Rauchern in Acht nehmen.“ „Sie wenden Schutzmaßnahmen an, nur weil jemand außerhalb dieses Hauses raucht“, fragte ich. Kussmaul nickte. „Selbstverständlich. Nur die konsequente Bekämpfung der Rauchens gibt uns die Chance auf ein ökologisch sicheres Leben.“ „Und warum bitte herrscht dann hier im Landratsamt ohnehin Rauchverbot?“

Mit Schwung riss Kussmaul die Glastür auf. „Bevor Sie fragen: dies ist das Modellprojekt Mülltrennung. Wir setzen hier eine Richtlinie um, dass die Abfälle konsequent in ihre Bestandteile separiert werden. Die jährliche Auffrischung wird unsere Lernerfolge sicher verstetigen, und dann gibt es im ganzen Landkreis bald niemanden mehr, der seine Weißblechdosen in den Restmüll steckt.“ „Und wenn ich eventuell Wurst essen will?“ Empört stemmte er die Hände in die Hüften. „Auf dem Niveau diskutiere ich nicht mit Ihnen! Sie wissen genau, dass Tierzucht einen großen Beitrag zur Umweltverschmutzung leistet!“ „Und an die Arbeitsplätze in der Fleischproduktion denken Sie gar nicht? Wollen Sie denn nicht wiedergewählt werden?“ Mit Schwung schlug Kussmaul die Glastür wieder zu. „Überhaupt, wie laufen Sie eigentlich durch die Gegend – wo sind Ihre Sicherheitsschuhe?“ Ich blickte an mir herab und sah ohne Erstaunen, dass ich keine trug. Warum auch, ich befand mich im Landratsamt von Baumbröl-Oberschanzenhofen, einem schmucken Waschbetonbau aus dem Jahr 1957, zweimal restauriert, dann von Asbest befreit und zum architektonischen Wahrzeichen des Kreises Knaufbach an der Schnatze befördert. Das Gebäude bestand zu fünf Vierteln aus unverputztem Mauerwerk, keine Tanne hatte sich je ins Innere verirrt – verdorren kann man schließlich auch draußen. „Ach was, denken Sie doch mal an die Eichhörnchen!“ „Die Eichhörnchen?“ Ich rieb mir die Augen. „Ein Eichhorn“, dozierte Kussmaul, „vergräbt am Tag bis zu zwanzig Früchte – gehen wir einmal davon aus, dass das Tier es gar nicht schafft, weil es sich bei den vielen Nüssen und Eicheln gar nicht mehr erinnert, welche es schon vergraben hat. Das bedeutet, es bleiben davon mindestens dreißig, wenn nicht mehr übrig – bei einer Eichhörnchenpopulation von teilweise bis zu fünfzig Tieren pro Hektar macht das, berechnet an Gebäudeplan IIb/373, bis zu…“ „Schnickschnack“, fiel ich ihm ins Wort. „Zeigen Sie mir einen von Ihren beknackten Nagern, dann reden wir weiter.“ Er stieß gekränkt die Unterlippe hervor.

Kussmaul schloss die Tür hinter sich. „Keine Bewegung“, flüsterte er erregt, „uns darf niemand hier entdecken!“ Knirschend verschwand der Schlüssel im Türschloss, mit fahrigen Fingern griff er sich in die Jackentasche und zog zwei Schokoriegel hervor. „Plastikfolie“, stammelte er erregt, „echtes, gesundheitsschädliches Plastik! Wahrscheinlich mit Weichmachern, die Impotenz auslösen, und karzinogener Beschichtung!“ Zärtlich befühlte er die Knisterfolie, die aufreizend in seiner Hand raschelte. „Und dann der Inhalt – Zucker, Fett, künstliche Aromen, künstliche Farbstoffe! Ist das nicht herrlich? Kein bisschen biodynamisch!“ „Sie leiden offensichtlich unter schweren Entzugserscheinungen“, konstatierte ich. „Anders lässt sich das nicht erklären.“ Kussmaul nickte. „Und wenn Sie auch – ich meine, wenn Sie auch Schokolade nehmen?“ „Was bleibt einem als Individualist anderes übrig“, lächelte ich. „Wie soll man sich sonst gegen den gesellschaftlichen Fortschritt zur Wehr setzen. Und jetzt wäre ich Ihnen zu Dank verbunden, wenn Sie mich wieder rausließen. Ich muss wieder nach draußen. Damit ich keine Erkältung bekomme.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CXVII): Verbotskultur

19 08 2011
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Natur bevorzugt die einfachen Strukturen. Wärme, Salzgehalt und die Abwesenheit von Blasmusik sorgen für die Verteilung von Amöben mit und ohne Gamsbart; wer als Singvogel einmal die bitter schmeckende Käferlarve aufpickte, wird sich hinfort an andere Nahrungsmittel halten, die ohne die grelle Warnzeichnung auf dem Rücken des unaromatischen Widerlings auftreten – schon in den unteren Stockwerken der evolutionären Schule setzt die Lebensspenderin auf den Lernerfolg, der dem Tier stets das Vorteilhafte des Tuns und Lassens vor Augen führt. Es erfährt positive Verstärkung, und sei es auch in Gestalt seiner Population, die stark und gesund Generation um Generation brütet wie die Mücke im schwülwarmen Teich. Eine Art müsste schon ziemlich weit heruntergekommen sein, wollte sie aus fernliegenden Gründen zu Verhaltensmaßregeln greifen, die weder die vitalen Interessen noch den Zusammenhalt der Herde zu sichern vermöchten, in etwa so weit degeneriert wie der Hominide mit dem lächerlichen Anspruch, der Schöpfung vorzustehen.

Derart beknacktes Personal auf diesen Planeten hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Auftreten seiner Genomkollegen möglichst unsinnig zu kodifizieren. Für Jahrhunderte waren Eltern damit betraut gewesen, ihre Brut im Vollkontakt mit anderen Kindern aufzuziehen; mancherorts wurde der Säugling gar an die leiblich nicht verwandte Brustdrüse gepackt, von bezahlten Angestellten sozialisiert, in kommunal organisierten Horten und Kindergärten bis zur Vorreife der standardisierten Komplettverdeppung geführt. Doch die Jetztzeit regelt es auf ihre Art, fremdes Kindermaterial darf aus ethisch-moralischen Gründen nur noch mit sterilen Handschuhen für maximal drei Sekunden berührt und ausschließlich im Beisein einer Bezugsperson angeatmet werden. Tanten brauchen eine staatliche Lizenz, um ihre eigenen Neffen länger als drei Stunden zu beaufsichtigen. Wer im zehnten Stock oder höher in seinem eigenen Haus sein eigenes Fenster öffnen und/oder schließen will, darf dies nicht ohne eine von Kantonspolizei und Landeshauptmann abgestempelte Blödmannskarte, die ein borderlineintelligenter Oberamtsschrat sich aus der Hohlbirne geschwiemelt hat: mit amtlichem Siegel darf gestoffwechselt werden, hurra, und wer sich nicht an die Regeln hält, ist doof.

Wer sich diesen Regeln unterwirft, ist nicht weniger bekloppt. Die aus konservativer Richtung schwappende Verbots- und Verordnungskultur degradiert das ζωον πολιτικόν zur Fressapparatur mit Lautgeber und Fortpflanzungsreflex, vulgo: was das angeblich bürgerliche Kompetenzimitat eh schon ist. Hinter der vordergründig väterlichen Attacke, die aus reiner Liebe nur verdrischt, was sie liebt (wo sonst bekäme eine Zusammenrottung wie das bourgeoise Lager Zuneigung her, wenn nicht aus der Knute), verbirgt sich krude Antipädagogik: was ihr Wille nicht brechen kann, muss böse sein.

Interessanterweise kommt diese Welle aus pseudoliberalen Gefilden, die ansonsten Freiheit und Eigenverantwortung säuseln: die Freiheit, die Haut zu Markt zu tragen, die Eigenverantwortung, weil das Pflichtgefühl der Allgemeinheit längst zerbröselt ist. Was sich nicht als Individuum im einzelnen Topf schmoren lassen will – doch halt, das Gemeinschaftsgefühl schafft die kollektive Unterwerfung unter den paternalistischen Zwang einer Schnöselrotte, hirnentkernt und an der Raumkrümmung verbogen: kein Trinkwasser mehr in Plasteflaschen, keine Fernsehwerbung mehr für fetthaltige Lebensmittel, kein Alkohol, kein Tabak, keine Süßwaren, kein Radfahren ohne Sturzhelm, keine Schmierwurst ohne Waffenschein, und Einatmen ohne Einatmungsgenehmigungsantrag wird kostenpflichtig verwarnt. Man fragt sich, wie die Menschheit sich unbeschadet bis zu diesem Tiefpunkt hat entwickeln können, ohne vorher in ihre Bestandteile zu zerfallen.

Es ist den Vollbrezeln herzlich egal, ob und wie sich die Adipositas auf den Volkskörper auswirkt; sie sind kaum daran interessiert, Kindesmissbrauch oder Ladendiebstahl zu bekämpfen, wenn dabei auch nur eine einzige ihrer eigenen Schweinereien durch einen Ermittlungsfehler ans Tageslicht gespült würde. Die Fußhupenpopulation an den Schaltstellen dieser entarteten Hominidenmasse braucht den fürsorgerischen Freiheitsentzug, um ihre eigene Überflüssigkeit zu überspielen. Um das Angenehme mit dem Unnützen zu verbinden, nistet sich die Schmarotzerschicht als ausführende Kraft einer ausufernden Bürokratie gleich noch in den Kontrollorganen. Die gute, alte Zeit, sie hätte uns vor Müßiggang und Unzucht gewarnt, vor allem aber vor dem Teufel, was relativ ehrlich war, da ein offenbar an den Haaren herbeigezogener Popanz, um den Kindern Angst zu machen, nicht aber dem denkenden Menschen. Das dünne Mäntelchen der Sklavenhalterliebe ist nur fadenscheiniges Motiv, eine florierende Absicherungsindustrie aus dem blutenden Boden zu stampfen, absichernd gegen den Pöbel. Sie nennen es Prävention. Es ist ein Käfig, der unter Strom steht. Warten wir, bis sich die Gouvernante selbst den Arsch daran verbrennt.





Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten

12 07 2010

Er stöhnte leise, schluckte trocken, dann biss er zu. Seine Augen waren glasig, er pustete schwer. Doch er hatte es nicht anders gewollt und wusste auch genau, was da auf ihn zukam. „Es ist sein zwölftes Speckbrot“, sagte ich staunend. „Wie schafft er das bloß?“ „Purkki ernährt sich ja sonst recht gesund“, versicherte mir Möhler, „das sind nur diese zwölf Stullen in der Woche. Und die dreistöckige Torte am Monatsanfang. Aber sonst nur Salate und wenig Fleisch und kein Fett und gar nichts. Ja.“ Purkki biss noch einmal in das gewaltige Brot. Er kaute angestrengt, aber glücklich.

Möhler hatte schon so lange in diesem Land gelebt, dass er nicht nur die Sprache perfekt sprach – man sagte ihm bisweilen etwas verächtlich einen leichten Akzent von der westlichen Seenlandschaft nach, aber das störte ihn nicht weiter – sondern auch nach Landessitte einen großen, aufgebürsteten Schnurrbart trug. Dazu erschien er auch bei ernsten Anlässen in den charakteristisch weit geschnittenen Jacken und Hosen aus weichem, bunt gemustertem Stoff, der mich in meinem sandfarbenen Anzug wie das besonders langweilige Exemplar eines Spießers erscheinen ließ. Doch war man sehr freundlich zu mir, lud mich in der Sommerhitze zu einem Glas Tee ein oder zeigte mir voller Stolz neugeborene Kätzchen und Briefmarkensammelalben. Das Ostgebirge war genauso schön wie die Prachtbauten der Hauptstadt. Dies Völkchen gefiel mir. Es lebte in einem Land voller Anmut und Charme. „Lassen Sie uns in den Felsenkeller gehen“, beschloss mein Begleiter. „Sie werden eines der besten Biere des Landes trinken.“

Kurtti war, und nach dieser Menge Bier hätte es keinen verwundert, ziemlich betrunken. Die kühle Luft des Kellers hatte den Grad seiner Besoffenheit zwar langsamer gesteigert als bei den Zechern im Gärtchen zu ebener Erde, doch war sein Schwanken nicht zu übersehen. Der Kellner brachte bereits eine neue Flasche. „Meinen Sie nicht, dass er genug hat?“ Möhler nickte bejahend und trank einen großen Schluck aus seinem Glas. „Natürlich, man sieht es. Er kann schon gar nicht mehr geradeaus gucken, und er wird morgen sicher mit einem Mordskater aufwachen. Furchtbar. Er übertreibt.“ Und er setzte das Bierglas wieder an. Ich runzelte die Stirn. „Und das lässt Sie völlig kalt? Er wird ja kaum noch heil nach Hause kommen. Das ist doch unvernünftig, und Sie unternehmen nichts dagegen. Man muss doch auf seine Mitmenschen mal ein Auge haben!“ Kurtti hatte inzwischen die Flasche mit wenigen Zügen in sich hineingegossen; jetzt rief er erneut nach dem Kellner, der auch sofort frisches Bier herantrug. „Warum sollte ich hier einschreiten“, fragte Möhler erstaunt. „Es ist töricht, was er da tut, aber Kurtti ist ein erwachsener Mann. Habe ich das Recht, ihm irgendwelche Anweisungen zu geben? Bin ich etwa ein besserer Mensch, wenn ich ihm die Bierflasche wegnehme und ihn ins nächste Taxi nach Hause setze? Würden Sie das tun?“ „Ich weiß nicht“, zögerte ich. „Würde man mich dafür schräg anschauen?“ Er lächelte etwas gequält. „Die Leute würden sagen: er ist noch dümmer als Kurtti.“

Wir steigen die Treppe hinauf, die Hitze brüllte uns entgegen. „Sie müssen mir das aber erklären“, beharrte ich. „Es gibt doch in diesem Land eine durchaus vernünftige Regierung, die sich für die Bürger einsetzt und sie unterstützt. Man rühmt an diesem Land den großen Gemeinsinn, man sagt, hier sei der Bürger wirklich zufrieden und wolle diesen Staat unterstützen.“ Möhler nickte. „Aber es gibt einen Unterschied. Wir haben eine wirklich liberale Regierung, die ein wirklich liberales Volk versteht. Schauen Sie sich den Affentanz an. Globalisierung und Wirtschaftskrise und Verschuldung – jeder ist nur noch mit sich selbst beschäftigt und wird auf Erfolg gedrillt. Sport! Fitness! Jugendlichkeit!“ Ich winkte ab. „Das hält man doch auf Dauer gar nicht durch, und es ist ein Wahn, wenn Sie glauben, dass eine ganze Nation plötzlich gesund und gestählt ist und schön und attraktiv und jung bis ans Grab.“

Grasgrün sah Hrukki aus, und doch sog er tapfer an seiner schweren Zigarre. „Warum macht er das“, fragte ich Möhler. „Weil ich es kann“, murmelte der Raucher und brach plötzlich in Husten und Prusten aus. „Da sehen Sie es“, rief ich, „er schädigt sich nur selbst!“ „Richtig“, erwiderte Möhler kalt. „Nur sich selbst. Kein anderer wird davon betroffen.“ Wir gingen langsam von der Parkbank weg. „Sie haben das immer noch nicht begriffen. In diesem Land können es die Menschen – in Ihrem nicht, mein Lieber. Da werden Sie nicht gefragt, sondern bevormundet und gegängelt und reguliert. Sie sollen nur funktionieren.“ „Während sonst alles andere dereguliert wird?“ „Das ist es ja. Es muss in Ihrem Leben reguliert, begradigt, genormt werden, damit nichts aus der Reihe tanzt. Bloß keine Sonderwünsche, das kostet Geld!“ Er hatte seine Geldbörse gezückt und suchte eine kleine Münze. „Um die Märkte deregulieren zu können, um der kapitalistischen Wirtschaft auf Gedeih und Verderb die Menschen zum Fraß vorzuwerfen, müssen sie an Drill und Beschwerlichkeiten gewöhnt werden. Jedes Verbot sollen sie abnicken, jedes noch so sinnlose Gebot nachturnen. Der Bürger zählt dabei nicht, erst recht in den Resten Ihres Sozialstaats – das ist nur noch eine Alimentierung, die den Menschen zu einer Nummer werden lässt, statt ihm die Gelegenheit zur Eigeninitiative zu geben.“ Er hatte wohl eine Münze gefunden, einen Zehner, und drehte das Geldstück bedächtig zwischen den Fingern der linken Hand. „Sie wollten ja einst ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten werden in Ihrer Demokratie, und jetzt schauen Sie sich an, was daraus geworden ist: ein Land der begrenzten Unmöglichkeit. Schade. Sie wollten es so, und Sie werden es auch ausbaden müssen.“

Der Mann unter der Brücke war abgerissen und unrasiert. Aus verwilderten Augen blickte er zu uns herüber. „Sehen Sie ihn?“ Möhler zupfte mich am Arm. „Wurppi war früher einmal Banker. Erst hat er die Gelder der Ostprovinz veruntreut, dann haben er uns seine Kumpane sich die Gehälter erhöht, und als es schief ging, haben sie dem Premierminister gesagt, dass sie neues Geld brauchen, um gegen die eigene Währung zu wetten. Bei Ihnen hat der Staat bereitwillig gezahlt.“ Und er warf dem Bettler mit aufreizender Langsamkeit die Münze in den Hut.