Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLIX): Partnerlook

12 04 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Der Geschlechtsdimorphismus hat auch seine guten Seiten. Zwar degradiert manche Fischart das Männchen zum Reservoire für genetisches Material mit praktischer Anklettfunktion am Bauch des Weibchens – wo denn auch sonst – aber wenigstens findet sie ihn dann auch wieder, wenn sie keine besondere Neigung zur Ordnung hat. Alternative Möglichkeiten sind Anketten, Einmauern oder am Boden festnageln, wobei Letzteres gerade am Meeresgrund auf verfahrenstechnische Probleme stoßen könnte. Wie viel einfacher ist doch der Hominide gestrickt, sogar bei Baureihen nach der Steinzeit: auch außerhalb der Wohnhöhle lässt sich der Vater leicht lokalisieren, ohne Ortungsfunktion oder Implantat, wenngleich auch mit einer Kombi aus Instinkt-Dressur-Verschränkung und Hardwareunterstützung. Sie nennen es Partnerlook.

Was als textile Zwangshandlung an der unschuldigen Kollateralbekinderung von n größer gleich zwei einigermaßen funktioniert, zumal bei Zwillingen, fußt bei Paaren auf Handlungszwang. Auch im dichten Gedränge findet man gerne den anderen Teil der Zugewinngemeinschaft wieder, Anleinen ist gesellschaftlich noch nicht akzeptiert, also entscheidet sich gerade der dominante Part zur rigorosen Farbwahl. Der Klempnermeister geht nur in pinkem Pantherprint zum Möbelschweden, weil er sonst am Samstag garantiert zwischen Eingang und Getränkestützpunkt den Anschluss zur Gruppe verlöre. Was auch immer die Neigung hervorbringt, sich öffentlich zum Obst zu machen, es muss mehr sein als der Hang zum theatralischen Scheitern vor wehrlosem Publikum, sonst gäbe es nicht eine Industrie, die Viskose zu ästhetischem Gerümpel schwiemelt, auf dass sich alles außerhalb der fokussierten Zweierbeziehung schon aus Gründen des nervlichen Selbstschutzes für ausgeschlossen erklärt. Nicht jeder mag Grellorange in Verbindung mit frechen Mohairapplikationen, nicht einmal jeder Klempnermeister.

Eigentlich hat die Individualisierung, besser: der Zwang zu ihr jeglichen Wunsch nach Konformität zur Banalität des Blöden degenerieren lassen, und die Einzigartigkeit treibt Blüten sonder Zahl. Reicht es hier und da noch, sich mit unangepasstem Haarschnitt und flamboyantem Schuhwerk nebst den üblichen Metallwaren im Gesichtsbereich plus Ganzkörpertattoo als Teil einer Jugendbewegung zu gerieren, geht erst der Partnerlooker so recht in der Masse unter wie ein durchschnittlicher Uniformträger auf dem Feuerwehrball. Ist also der Versuch, einander selbstähnlicher zu sein als zwei Schlümpfe, die immerhin funktionales Beiwerk mit sich durch den Comicstreifen schleppen, eine falsch verstandene Integration in eine Parallelwelt, die noch unmöglicher existiert als das gezeichnete Ich?

Es ist das niedermolekulare Zusammenwachsen zweier wohl einzeln nicht mehr überlebensfähiger Organismen zu einer größeren Einheit, ähnlich den Polypen, die sich erst in der Kolonie als handelnde Gebilde verstehen. Das wirkt so überflüssig, wie es auch überflüssig ist. Zwischen Verstörung und Selbstaufgabe pressen sich zwei Personen in denselben Phänotyp, als wollten sie krampfhaft ihre durch die Beziehung und andere Abhängigkeiten gewachsene Identitätskrise nach außen krempeln, Abziehbilder ihrer selbst in einer Dialektik, die nicht einmal mehr Schielen erlaubt – einmal nicht aufgepasst, und man legt an auf den falschen Vogel.

Wo sich Paare finden, am Arbeitsplatz, in der religiösen Ausübung oder im offenen Vollzug, sie teilen zunächst ihre Gemeinsamkeiten, um nicht gleich über die Differenzen streiten zu müssen. Gut möglich, dass es zur Bildung einer Persönlichkeit einen gewissen Grundsatz an psychischer Stabilität braucht, aber man kennt das von der Steuer: die Veranlagung geht auch gemeinsam. Und just so kommt es zur Oberbekleidung, die nach einer Doppelblindstudie schreit, gemeinsam produktiv genutzter Stressbewältigung an der Außenhülle zur Innenwelt, die nicht mehr sieht als eine gründlich gespaltene Persönlichkeit. Es ist noch Luft, aber nicht unbedingt nach oben.

Mag es sein, dass Konfliktvermeidung zum Doppelerwerb der Hosen geführt hat, generell sind die multiplen Outfits tatsächlich ein schrilles Signal in die vereinzelte Welt: wir tragen Gelb, wir lieben den Affenarmschnitt, wir haben jeglichen Anflug von Scham weit hinter uns gelassen und schauen dem Einsetzen des Schwachsinns relativ gelassen entgegen, und zwar alle beide. Hier verläuft der schmale Grat, ab der die Symbiose beginnt, aber als Krankheit. Nicht selten endet der anschließende Kontrollwahn in einer lustigen Katastrophe, weil man die Überreste anhand ihrer Verpackung nicht mehr als einzelne Proteinhaufen separieren kann. Aber was soll’s. Nach dem Feuerwehrball hätte man sie auch nicht mehr identifizieren können.

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Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLVII): Der Rückzug ins Irrationale

29 03 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Aufklärung hat ganze Arbeit geleistet. Die breite Masse ließ den Glauben an Geister und Dämonen und begann, wenn auch in beschränktem Maße, da es sich nicht einfach einstellte, zu denken. Messen, Zählen und Wiegen bestimmten den Umgang mit den Dingen, der Hominide hörte auf, sich die Welt nach vorgefertigten Erklärungen zu deuten, und gewöhnte sich an die Vorstellung, dass das Wissen begrenzt, aber ausbaufähig ist, während das Glauben vornehmlich transzendente Welten zu bieten hat, die nicht zu verstehen sind und daher den Trost der Machtlosigkeit bieten. Kein Mensch muss sich um die Dinge sorgen, die er nicht ändern kann, lautet das besänftigende Credo vor der Wende, und ihrer sind viele. Dass die zunehmend komplexe und ins Unordentliche treibende Welt als Vorstellung trotzdem dem Willen sich entzieht und nicht wie der Baukasten eines sich selbst ermächtigenden Schöpfers planbare Strukturen offenbart, sorgt für die Reprise des Dämlichen; die Aufgabe, Freiheit auszuhalten, braucht ein solides Fundament auf den Gründen der Humanität, und wo sie nicht ist, wird auf Sand gebaut. Nichts ist so logisch in dessen Folge wie der galoppierende Rückzug ins Irrationale.

Nicht die Globalisierung ist das Feindbild der Ängstlichen, sondern die Vorstellung einer gänzlich liberalen Welt, in der jede Entscheidung nicht auch noch hinterlegt werden muss mit dem Goldgrund moralischer Werte; zwar bietet das Bröckeln der ethischen Unterfütterung in Staat und Wirtschaft auch eine gute Vorlage für die Frustration der Massen, doch das ließe sich durch Gegenwehr kompensieren. Allmählich wird es zum sich selbst organisierenden Prozess, dass die Bürger in einer zu sehr verwalteten Welt sich plötzlich besorgen und nach Ordnung schreien, aber nach einer alten, die sie bereits im Scheitern erlebt haben – sie bleiben unbelehrbar, aber wie im Drang, die vertrauten Fehler noch einmal zu perfektionieren, denn der Abgrund, auf den sie zusteuern, ist doch wenigstens bekannt. Und so füllen sie das Vakuum mit neuen Ängsten, die nach altem Muster funktionieren: die Übermacht des Ungewohnten bietet angenehme Machtlosigkeit, in der sich Unterwerfungsfantasien zusammenbasteln lassen, der Sekundenschlaf der Vernunft gebiert Ungeziefer, die subkutan ins Hirn kriechen und ein Weltbild vorfinden, in dem sich allerlei Unfug schwiemeln lässt: homöopathische Ersatzreligionen aus Rassen-, Verschwörungs- und unkritischer Theorie, Führerglaube und das Recht des Stärkeren, kurz: der konzertierte Rückfall in die offenporige Anschauung des Vormodernen, die ein unbeschränktes Dunkel lieferte, um Spielraum für wirre Deutungen zu schaffen. Die liberale Welt, die jedem Deppen die grundsätzliche Freiheit lässt, sich als intellektuelle Randerscheinung zu erfinden und zu benehmen, macht diese Sache nicht einfacher, sie scheint nur so, wenn man sie nicht hinterfragt, und wer, der sich freiwillig für die Rolle des Narren entscheiden würde, täte das schon.

Längst haben ideologische Erfüllungsgehilfen sich zu dem aufgeschwungen, was sie für Macht halten, damit sie anderen die befreiende Sklaverei anbieten können. Dass sie die Erscheinungsformen der neuen Bedrohung nicht nutzen, kommt nicht von ungefähr; natürlich könnten sie die drohende Klimakatastrophe zur Ersatzreligion aufpusten, doch wer würde schon eine Eschatologie der Ohnmacht entwerfen, die komplett ohne Hoffnung auskäme. Sie setzen auf alternative Verfahren und heilen durch Handauflegen, wobei sie trickreich den neoliberalen Turn ausnutzen, dass der nicht geheilt wird, der zu wenig an die Therapie glaubt. Zum Ausgleich ängstigen sie sich vor Chemtrails als Emanation eines infernalischen Machtapparats wie die Steinzeitler beim Anblick des Wetterleuchtens, denn ohne Teufels Beitrag ist die Ordnung einfach nicht zu deuten, wenn sie hinreichend komplex sein soll. Das Böse erfüllt seinen Zweck, wenn es nur genügend abstrakt sein kann, und was wäre besser geeignet als eine Idee, die allein zu diesem Zweck entworfen wird. Als das Fremde, als unbekannte Variable, beliebig einsetzbare Störgröße oder von den selbstverständlich bösen Machthabern verfügte Setzung ist sie der letzte Grund, auf dem sich noch bauen ließe: die Opferrolle lässt den Bekloppten wieder in beschaulicher Ruhe klagen, dass er die Dinge nicht ändern kann, die er gar nicht ändern will, weil er auch gar nicht wüsste, wozu. Aber er hat ein Motiv, sich zu beklagen, und allein das reicht aus, um es laut zu tun, hinter der Monstranz der eigenen Machtlosigkeit schreitend und den gewohnten Abgrund fest im Blick. Dass die Menschheit sich abschafft, ist ausgemacht, es steht nur zu fragen, wie lange sie dazu braucht. Wer daran schuld sein wird, ist eine müßige Überlegung, denn wer wäre hinterher noch da, um es wissen zu wollen. Aber vielleicht hocken wir dann ja alle gemütlich in der Hölle und wundern uns, dass wir nicht eher auf den Gedanken gekommen sind, in einem mies geplanten Gedankenexperiment zu existieren. Jemand muss Schnaps in das Fass gegossen haben, als unsere Gehirne schon darin lagen.





Lear oder Mein Reich komme

24 02 2019

Als hätte Nacht, in der kein Stern mehr funkelt,
ihn angebunden, einen großen Mann,
ihm seinen Geist entzogen und verdunkelt.
In Wahrheit war der Alte ein Tyrann.

Schon hörte er nur noch auf seine Töchter,
auf kriechendes Gewürm und Schmeichelei,
und wurde für die Macht zum Menschenschlächter.
Er selber wähnte sich noch immer frei

und baute um sein Reich wohl eine Mauer,
und alles litt an übergroßer Not.
Sein Glück indes war nicht von langer Dauer.
An seiner Mauer fand er auch den Tod.

Zuletzt war er von seiner Schuld geblendet
und hoffte noch auf eine Wiederkunft.
Er war wie alle andern, als er endet,
voll Selbstmitleid, doch bar jeder Vernunft.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXLIX): Die Zielfixierung

1 02 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Rrt wusste, was auf ihn zukam, ob in Gestalt der genervten Säbelzahnziege oder eines nachlässig gezielten Beils, im Endeffekt also das Ableben. Dass auch dieses nicht zwecklos war, leuchtete ihm aus der Sicht des mäßig entwickelten Hominiden noch nicht so recht ein, gab es doch noch kaum genug seinesgleichen, um die staubigen Steppen der damaligen Nahtoderholungsgebiete zu besiedeln; hätte er um die späteren Verklumpungen der Menschheit in den Wohntürmen des Megamolochs gewusst, ihm wäre klar gewesen, dass sich die Stückzahl seiner Spezies nicht einfach durch reinen Nahrungsmangel an die dazugehörige ökologische Nische anpassen würde. Das also blieb, wenn auch wie immer gründlich dem Zweck entfremdet, dass der Sinn des Daseins in sich selbst läge. Wir müssen noch für den letzten Unfug ein Ziel finden, und finden wir es, zählt es fortan mehr als alles.

Kaum hat die geneigte Grützbirne die Götter erfunden, steht der Zweck dieser Existenz, stets verbunden mit ihrem Ende, auch schon fest. Wir denken die Kausalität immer vom Abgang her, was gleichsam als Notwendigkeit allem eingeschrieben ist. Doch keiner ist zufrieden mit dem Tun und lässt sich nebenbei auf sekundären Krimskrams ein. Keiner zwirbelt mehr des Geschmacks halber Fisch und Beeren hinters Zäpfchen, es sind die guten Omega-3-Fettsäuren und die Antioxidantien, für die man Graubrot und Senf meidet, falls diese nicht auch die endoplasmatischen Retikula schmieren. Der Nahrungserwerb ist nicht als Handlung an sich schon schlechthinnige Abhängigkeit der Welt von ihrem vollverdübelten Geist, er muss vielmehr noch eine Stufe mehr zünden, um überhaupt als eine lohnenswerte Tätigkeit angesehen zu werden; wer nicht an freie Radikale glaubt, so meint man, muss dann halt unauffällig verhungern, weil er das höhere Ziel verfehlt.

Kein Flusenlutscher käme heute auf die Idee, aus Jux und Dalles ein Ballspiel zu erfinden, zehn Stück Mann um sich zu scharen und das Spielgerät nach daumendickem Regelwerk in die gegnerische Kiste zu klotzen. Was könnten die Leute in der Zeit Rohre schweißen, Fliesen legen oder gegen die Klimakatastrophe demonstrieren. Erst mit der Gründung einer Liga, in der eine Mannschaft der anderen den Garaus machen will, nebst zahlenden Gästen, aus denen langsam ein Wirtschaftsfaktor wird, eine Industrie, die schließlich zum nationalen Symbol gerinnt, erst jetzt wird die Sache halbwegs interessant. Erst durch die Zielfixierung wird eine Substanz offenbar, die sonst nur verschwiemelt im Absoluten klebt, niedermolekular verzahnt mit dem Rest der Idee, die sonst keinen interessiert.

Nicht anders ist es in der Wissenschaft, auch und gerade dann, wenn sie mehr herausfindet als historisch belegbare Konsonanten in einer kratzigen Keilplatte, die die Abrechung von zehn Säcken Reis nach Lieferverzug von drei Monden und drei Tagen festhalten. Eng schmiegt sich Kultur an die Grenze der Zivilisation, die Membran des Alltäglichen durchdringend, doch der Erfinder ist sich seufzend gewiss: den Ohrenschmalzlöffel hat er in fester Absicht erschaffen, Weltruhm zu genießen, doch Flaschenzug und Rad haben es außerhalb des Programms zu bahnbrechendem Erfolg geschafft. In der Matrix ist ein Webfehler.

Wirr implodiert indes der Drang ins uns, selbst das unbeirrte Tun, strikt ausgerichtet an Vernunft und Sittsamkeit, noch mit dem doppelten Ziel zu überhöhen. Reichte es, die Energieerzeugung auf erneuerbare Ressourcen umzustellen, und wir würden trotz dessen elektrische Kraftfahrzeuge auf der Autobahn stapeln, Stromsparkühlschränke für kleines Geld erfinden, den Plasteschmodder aus den Meeren fischen und weniger Flächen versiegeln und die Massentierhaltung abschaffen und die Pestizide von Acker jagen, es wäre die Katastrophe des Jahrhunderts für die Technokraten. Wir hätten eine wundervolle Welt, lebenswert und nachhaltig, aber wozu denn? Die schlimmste Vorstellung ist tatsächlich, dass es sich nicht einmal kommerziell verwerten ließe, ein Zuschussgeschäft für den einzelnen, obzwar ein großer Schritt für die Menschheit, und die schöne Stoßrichtung für den tapferen Deppen dahin.

Man könnte sich doch von allem befreien, nur noch die Schönheiten von Kunst und Natur an sich heranlassen, Spiel und Kreativität als Movens der menschlichen Natur begreifen, aber schon suppt die Reprise des Dämlichen durch alle Luken, der früh einsetzende Hirnschaden dudelt Karaoke, und alle singen: wo geht die Reise hin, wir sind als erste da. Der Rechtfertigungsdruck, der die Wurstverkäufer zu Königen unter den einarmigen Blinden gemacht hat, setzt sich verzweifelt durch, und erst in den Grenzerfahrungen des Lebens begreift sich der Bekloppte wieder als er selbst, geschmissen in eine in-sich-seiende Welt, die unterm Weihnachtsbaum nach monströsen Braten mit Klößen und Rotkraut noch Bratäpfel stopft, Marzipankonfekt und Stollen und Plätzchen mit einer Überdosis Zimt, quasi absichtslos und immunisiert gegen Verzweckung als letztes Mittel, dieser Welt eine Absicht in den Rachen zu stopfen. Es wäre sinnlos.





In hominibus bonae voluntatis

16 12 2018

Ach, fast vergessen wunderlich, wie Frieden
auf dieser Erde, eiseskalt und kahl,
ein Wunsch bleibt, uns hinaus vom Jammertal
zu leiten, was verheißen ist hienieden.

Das Irdische, das aber uns beschieden,
bedroht uns, steht in Flammen erst der Pfahl,
weil wir im Überschwange von Moral
das Untertanensein zu gut gemieden.

So ist kein Friede mehr, ist Krieg auf Erden,
hat aller Herren Länder mit den Herden
und Horden, alle Welt bereits verdrossen,

dass jeden Gang, wohin die Dinge gehen,
kein Menschliches wird in der Zeit verstehen,
und hat sich selbst vor aller Welt verschlossen.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXLI): Die Beleidigung

23 11 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Wer mag es ihm verdenken, Rrt war außer sich. „Mooskauer“, kreischte er die hysterisch lachenden Leute an der Öffnung der Sippenhöhle an, „Eure Mütter haben die Nachgeburt aufgezogen!“ Nichts aber verfing, denn mit dem nachgerade uneleganten Abgleiten an der rutschigen Uferstelle und einem Arm voller Brennholz unter der Achsel hatte sich der Hilflose vor den Nachbarn effektiv zum Gespött gemacht, der den Schaden hatte und also eine sozial leicht ramponierte Position. „Ihr Blondinen“, hätte er koffern können, aber noch war die Evolution auch phänotypisch im Ruhepuls, und keiner hätte kapiert, dass helle Haarfarbe, natürlich oder aus des Coiffeurs Chemiekasten zurechtgeschwiemelt, zum Synonym subfontaneller Schlichtmöblierung werden sollte – die Einzelbegriffe wären den Troglodyten nicht mehr als ein verstörtes Runzeln der Nickhaut wert gewesen, wenn überhaupt. So aber musste Rrt Schadenfreude dulden und blieb einen Tag und eine Nacht im Gehäus, bevor sich der erste Hominide an seinen Gedächtnisschwund erinnerte und wissen wollte, wie man den Faustkeil beim Entzünden des Feuers halten musste. Der Alte schluckte seinen Stolz und zeigte es ihm, wohl wissend, dass die Wut in ihm das Werkzeug zu ganz anderen Verrichtungen hätte zwingen können.

Im Verkehr mit Menschen ist die Beleidigung nicht mehr als das feste Vertrauen darauf, dass ein anderer mit derart verwinseltem Ego ausgestattet sei, dass er bei hilfsverbalen Ausstülpungen in die Angst verfallen wird, auch diesen Ichrest noch zu verlieren. Der Schimpfende dübelt wie im Rausch sein Selbstwertgerümpel an dieser Ecke ein und zieht sein Opfer in die Tiefe, meist bis auf sein eigenes Niveau. Denn wer beleidigt, ist im Regelfall auch nur eine Beleidigung für den Durchschnitt.

Dass Invektiven für den in der Schuldkultur ausgebildeten Deppen meist die untere Hälfte des Körpers thematisieren, macht die Sache nicht unbedingt kreativer; das Repertoire der in aller Hast zusammengeschwiemelten Verächtlichkeiten bleibt selten im Gedächtnis, weil es in der Regel komplett austauschbar ist. Der Kränkende schmeißt mit dem Schmutz, den er gerade zur Hand hat, und wer trüge schon ausgewählten Schmodder mit sich herum, wenn er vorhätte, dem anderen nichts weniger als die Ehre abzuschneiden, überhaupt: jene soziale Kategorie, die in der heutigen Gesellschaft längst nicht mehr realisiert wird, wird ersetzt durch das höchst unbestimmte Rechtsgut, sich nicht öffentlich beleidigen zu lassen, jedenfalls nicht wirksam. Wo der eine sich tagsüber bereits beim Vergeben von Tiernamen aufregt – es soll ja noch nirgends einer Klage stattgegeben worden sein wegen Titulierung als Tüpfelkuskus, offenbar hat dieser Kletterbeutler kein Image als schlimmer Fingre unter den Säugern aufgebaut – fühlt sich gar ein anderer geehrt, wenn man ihn als Scheißkapitalisten apostrophiert, und ein Dritter macht sich nichts aus Abfälligkeiten über seine Mutter, weil er weiß, aus welcher Richtung es kommt. Beleidigung setzt zwingend die genaue Kenntnis des zu beleidigenden Subjekts voraus und ist somit gar nicht adäquat zu leisten, schon gar nicht mit dem Standardrepertoire aus dem körpereigenen Sanitärbereich. Zwar wäre auch dies eine Injurie im Sinne des Gesetzes, doch der eigentliche Zweck, die Schmähung des anderen zwecks Fremdgesichtsverlust, dabei möglichst auch ohne Opfer in den eigenen Reihen, wird kaum zu erreichen sein. Erst auf aristokratischem Niveau also wäre die Beschimpfung als eine abgekürzte Verleumdung hinreichend fantasievoll, aber selbst hier bliebe die Prämisse, dass der Schimpfende nie bis selten den bereits blutenden Punkt mit der Klinge trifft, denn im Wesen der Erniedrigung liegt bereits der, wenn auch selten von Talentdetonation gesegnet, so doch vorhandene Wunsch, Unerhörtes über den zu äußern, der einem gerade Parkplatz oder Gatten streitig macht. Man hat das selten auf Tasche.

So bliebe eine einigermaßen funktionsfähige Herabsetzung die sorgsam ausformulierte, die weder gemein noch aus dem üblichen Bauschaum des Affektes gedrechselt erscheinen und dem Gegner keine Möglichkeit lassen, sie aus reinem Trotz auf den Werfer zurückzuschmeißen. Hier kommt der Flachfluch nicht vor, verdammt ist im Allgemeinen die Floskel, aber die Spontaneität leidet doch sehr darunter, wenn kurz vor dem Ausbruch der Tätlichkeiten der Spötter noch kurz in die Unterlagen blickt und den passenden Hohn aus dem Register popelt, aufgestapelt zu wirren Tiraden und geradezu auswendig gelernt, wozu es einer ganzen Menge Wut bedürfte und erkennbar zu viel Zeit, abgesehen von der Enttäuschung, dass man auch dieses Geblök nicht aufbügeln kann, wenn es einmal losgelassen wurde. Wer denkt sich so etwas überhaupt aus? Und warum? Der Teufel soll sie holen.





In letzter Konsequenz

4 11 2018

Man schätzt den Strauchdieb, nimmt er’s von den Reichen,
denn das erscheint den Armen nur gerecht.
Natürlich ist ein Dieb im Grunde schlecht,
doch lässt sich das beileibe nicht vergleichen.
Es stört hier die Moral mitunter wenig,
man merkt es erst, wird dieser Dieb zum König.