Der Jahrkreis (V). Mai

9 05 2021

Ach, süße Nacht! als wären alle Nächte
nur da, dass man sich tags nach ihnen sehnt,
was jede Nacht an Seligkeit dann brächte,
wenn man verträumt sich an den Himmel lehnt.

Nur leise ahnt man, das, was man anfänglich
umschwärmte, ließ im Dunkel man zurück.
Wie Schatten sind auch Träume rasch vergänglich.
Nicht alles, was man dafür hält, ist Glück.

Doch was soll Wehmut? Lieder, die verklangen,
sind wie verwehter Wind, erloschne Glut.
Die Bäume schlagen aus, und ein Verlangen
zieht uns hinaus und schenkt uns neuen Mut.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXII): Hoffnung auf die Apokalypse

30 04 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Seitdem seine Sippe nicht mehr auf, sondern nur noch in der Nähe von Bäumen hauste, hatte Rrt die Angewohnheit, mit milder Skepsis in die Zukunft der Hominiden zu blicken. Gewiss, es gab ständig neue Erfindungen – Schwager Uga hatte kürzlich einen Faustkeil mitgebracht, einer seiner Söhne war mit dem Flechten von Birkenbast beschäftigt, und das lederne Gluttäschchen war aus dem modernen Mehrsippenhaushalt auch nicht mehr wegzudenken. Aber hatte dieses Dasein nicht längst seinen Zenit überschritten? War nicht alles nur Ablenkung, dass die Evolution sich offenbar auf dem absteigenden Ast befand und das Ende der Menschen, so wie sie sich selbst begriff, nur noch eine Frage der Zeit sein sollte? So dachte der Alte und so denken nicht eben wenige noch heute, oder: heute wieder und erst recht, denn sie haben scheint’s Anlass dazu. Am liebsten wäre es ihnen, der ganze Karneval wäre endlich vorüber. Dann gäbe es Hoffnung auf die Apokalypse.

In was für einer beschissenen Welt wir gerade leben, muss man doch ernsthaft keinem erklären – der Planet erwärmt sich, während die Politiker mit letzter Verzweiflung ihre Taschen füllen, ganze Generationskohorten auslöschen, nichts dagegen unternehmen, dass das Bier immer teurer wird und die Damenmode zu einer Art Brechmitteleinsatz für zu schwache Nerven. Es soll Supermärkte geben, in denen man samstags nach achtzehn Uhr keinen frischen Spargel mehr bekommt. Der soziale Druck wird immer größer, sich ständig neue Telefone und Straßenpanzer anzuschaffen. Man kann sich zwar zwei Wochen Malle leisten, aber es gibt keinen einklagbaren Platz am Pool. Dazu leben wir in einer Diktatur, die derart diktatorisch ist, dass man vor laufender Kamera sagen kann, man lebe in einer Diktatur. Es wird Zeit, dass der Planet verdampft.

Was auch immer sich die Grützbirnen im Suff aus dem Stammhirn schwiemeln, sie verwechseln zwei Dinge: man kann das Schlechte in der Welt sehen, man kann sich damit abfinden oder nicht, aber man kann es auch aus der eigenen Lust am Untergang zulassen, fördern, herbeireden. Je mehr der Doofe die schrecklichen Begleiterscheinungen seiner im historischen Vergleich dufte verlaufenden Durchschnittsexistenz als Fetisch umtanzt, um nur ja nichts daran ändern zu müssen, desto mehr hat er auch einen Grund, irgendwann zuzusehen, wie sich der Rest der bigotten Bizarrerie in Dünnluft auflöst. Es ist damit die angenehme Rechthaberei gesichert, nichts unternehmen zu müssen, da ja alles sowieso in die Grütze geht. Wie schön für Menschen, denen außer Selbstmitleid nichts mehr einfällt.

Wenn immer mehr Politiker sich als glitschige Gnome herausstellen: wählt sie ab und lasst sie in der Versenkung verschwinden. Beleidigt die Niveauuntertunnelung von Talkshowlaberern den Intellekt des gemeinen Sofahockers: schaltet die Glotze ab. Nervt das Gesülze grenzdebiler Schnackbratzen auf der Jagd nach Aufmerksamkeit: schenkt ihnen eine Tüte Vollignoranz. Statt über die ekligen Schröcklichkeiten einer von Knalldeppen erzeugten Mistwelt zu greinen, die man eigentlich nur zu Klump kloppen kann, wie wäre es mit der einfachen Lösung, blutdrucktreibende Nervzwerge durch unverbindliche, aber stumpfe Gewalt aus der Reichweite zu katapultieren, damit sie niemandem mehr auf den Zwirn gehen können? Ist nicht dieses Dasein gleich viel schöner, wenn man einem der unzähligen Flusenlutscher die Tür von außen zeigt?

Nicht positives Denken als Allheilmethode hilft gegen die zwanghafte Zernichtung, die sich als neurotischer Nährboden von Weltschmerz, Gram und allerlei Leiden erweist, sondern konstruktives. Gegen den Spießer, der aus Tran Trauerflor am Schlafanzug trägt, helfen keine Durchhalteparolen; er würde sie selbst nicht durchhalten. Gegen diese Spezies, die nur dann behaglich in den Regen guckt, wenn sich alles gegen ihn verschworen hat, um ihm das Leben schwer zu machen, brauchen wir Lösungen. Wobei der schwermütige Schwachmat für jede sofort ein Problem basteln wird.

Fast hat er gewonnen, der Fadfinder, der die vielen Schwierigkeiten einer komplexer werdenden Welt in ihrer klebrigen Zusammenballung für eine Aufforderung zur Kapitulation hält. Sicher sieht er auch die Unausweichlichkeiten, Einkommensteuer, Brotpreis und Tod, als persönliche Beleidigung. Es bleibt ihm nur der platte Populismus, dass früher alles besser war, wofür es logischerweise einen Sündenbock geben muss, und schon weimert der Beknackte, dass er von populistischen Hackfressen umgeben ist, die große Probleme auf unsinnige Lösungen herunterbrechen. Die Apokalypse ist da, und der Nieselpriem freut sich heimlich, dass es gar nichts zu freuen gibt. So tiefe Befriedigung ließe sich nur mit Optimismus gar nicht erzeugen.

Es gibt Tage, an denen leben diese Menschen vom Prinzip Hoffnung. Manchmal entwickeln sie eine Art Zuversicht, die sich auf die großen und bahnbrechenden Entdeckungen der Zivilisation berufen: der menschliche Geist ist größer als alle Furcht. Es gibt so vieles, das uns weitergehen lässt. Die Hoffnung stirbt zuletzt, sagt der Apokalyptiker. Aber sie stirbt. Alles wird gut.





Die Priester

25 04 2021

Nur eins ist ärmer noch als alle Götter,
es ist der Priester, der die Menschen narrt.
Dort stehen sie, in Angst und Schmerz erstarrt,
und hoffen unterm Himmel auf die Retter,

die Zorn verkünden laut in Sturm und Wetter,
dieweil ein Magier lächelt hinterm Bart,
wie er genau so auf die Sonne harrt
und seinesgleichen ist ein übler Spötter.

Sie spielen mit den Mengen, weil die Mächte
sie reizen, so verkleidet als Gerechte
die zu bestrafen, andere zu trösten.

Doch ist ihr Schicksal gleich. Dieselben Leiden
ereilen sie, sie werden nichts vermeiden
und wissen: keine Götter, die erlösten.





Der Jahrkreis (IV). April

11 04 2021

Der Sonnenschein ist nicht von langer Dauer.
Ein Schelm, wer ohne Schirm das Haus verlässt.
Fast stündlich warten auf uns Regenschauer,
von denen jeder einzelne durchnässt.

Was man heut weiß, ist keinesfalls beständig.
Woran man glaubt, hat beinah mehr Bestand.
Ein jedes Ding ist durchweg wetterwendig.
Was sich nicht ändert, ist noch unbekannt.

Doch liegt darin ein Reiz. Die Regen waschen
die ganze Welt fein sauber, und sie blüht.
So kann ihr Anblick uns noch überraschen,
wenn man zum ersten Mal sie wieder sieht.





Der Jahrkreis (III). März

14 03 2021

Ein letzter Schnee zerschmilzt. Die harte Krume
liegt an den blassen Tagen wie im Schlaf.
Ein weißer Punkt erscheint. Die erste Blume,
und dort am Himmel hüpft das erste Schaf.

Noch ist es kalt. In sonderbarer Milde
entsteht die neue Welt. Die Luft ist weich
und führt bestimmt viel Freundlichkeit im Schilde,
weil sie es kann. Und Tag und Nacht sind gleich.

Erinnert Euch, erkennt Ihr dieses Blühen?
War’s nicht einmal, saht Ihr es nicht schon oft?
So wird’s auch sein mit allen Euren Mühen.
Es ist nichts ausgeschlossen, wenn man hofft.





Der Jahrkreis (II). Februar

14 02 2021

Musik! die ersten Feste wollen rauschen
mit Mummerei und Wein und lautem Klang!
Lasst uns des Tages Mühen einmal tauschen
mit Possen, freiem Wort und Spottgesang!

Noch ist der Frühling fern, doch seine Süße
lebt auf, wenn man es will, im Augenblick.
Wer auf den Straßen tanzt, hat kalte Füße,
doch wer nicht tanzt, kriegt keine Zeit zurück.

Jetzt sind die Menschen, zugegeben, Narren
in ihrer ordentlichen Narrenzunft.
Man wäscht den Beutel, um auf Geld zu harren.
Ab morgen, ganz bestimmt! herrscht die Vernunft.





Mehr Licht

31 01 2021

für Erich Kästner

Was nun aus Goethes Worten letztlich spricht,
will keinen, die sie hören, je erleuchten.
Was nützt da Licht. So viel sie davon bräuchten,
bleibt sinnlos, öffnen sie die Augen nicht.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXLVIII): Das Recht auf Idiotie

22 01 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Sonne, so weiß der Dichter, bringt es an den Tag. Meist genügt ein geringer Anlass, in dessen Folge den Mithominiden schlagartig klar wird, dass hier ein geistig ungesegneter Artgenosse, obgleich er das Wahlrecht ausüben, Kraftfahrzeuge durch die Vegetation bewegen und Reproduktionsversuche unternehmen darf, Handlungen unternimmt, die er als einziger unter den Anwesenden ernst nimmt. Menschen kontrollieren den Füllstand eines Tank vermittelst eines brennenden Streichholzes, nehmen ein Vollbad mit dem elektrisch betriebenen Radio an der Wannenkante oder ersticken beim Versuch, lebendige Zierfische zu verschlucken. Nichts ist so weise wie die Evolution, die den rechten Rand der Gauß-Verteilung aus dem Genpool kärchert. Was sich hartnäckig der Arterhaltung entgegenstellt, das bekommt halt seinen Willen, wenngleich etwas rascher als erwartet. Alle anderen dürfen ihr Recht auf Idiotie gerne anmelden.

Ob sie es allerdings auch ausleben dürfen, das sei dahingestellt. Es haben Klügere schon das Lob der Torheit gesungen, Witzigere und Mutigere, die dafür auch an den Galgen hätten kommen können, doch nicht alle waren auch gestraft damit, von den Deppen dieser Welt umgeben zu sein und sich die Früchte ihrer intellektuellen Fehlleistungen zu Gemüte zu führen. Durchschnittlich gelagerte Ausprägungen an Dämlichkeit gehören nach allgemeiner Überzeugung in den Normalbereich der kognitiven Grundausstattung einer Population, die insgesamt Nüsseknacken und aufrechten Gang ohne letalen Ausgang über die Bühne bringt, doch ist es nicht allein die Summe der Beklopptheiten, sondern deren Einzeltragweite. Im Gegensatz zu kollektiven Leistungen, die auch über Generationen hinweg die Entwicklung des Menschengeschlechts prägen und fördern, genügt ein einziger Dummklumpen, der im falschen Augenblick auf den verbotenen Knopf patscht, um die Zivilisation, wie wir sie kennen, rückstandsfrei auszulöschen. Manche von ihnen haben es bis in die Wirklichkeit geschafft, auch wenn sie diese meist nicht als allgemein verbindlich anerkennen, und alle wurden früher oder später an der Durchführung ihrer Pläne gehindert. Freilich hatten auch sie ein Recht auf Blödheit, aber nicht in dem Ausmaß, in dem sie es genutzt haben. Dass dies Recht zur freien Entfaltung der Persönlichkeit gehört, ist in der gegenwärtigen Welt mit ihrem unstillbaren Drang nach Individualisierung nicht mehr bestreitbar. Fragwürdig ist aber und bleibt, wie weit es gestattet ist, diesem Recht nachzugehen – oder andere dem nachgehen zu lassen.

Intelligenz scheint die am gerechtesten verteilte Ressource zu sein; jeder glaubt, mehr bekommen zu haben als die anderen. Dass aber gerade die, die sich im Besitz höherer Weisheit wähnen, mit der größten Anstrengung der Dummheit nachlaufen, ist nicht von der Hand zu weisen. Wobei es hier kaum um formale Bildung geht – auch der akademisch geschulte Pöbel vermag Ideologien zu folgen, die als gerichtsfester Nachweis der Blödheit gelten könnten – sondern um das, was dem Erhalt der Gesellschaft dient oder sie, unter umgekehrten Vorzeichen, zu schädigen geeignet ist. Idiot zu sein ist eine soziale Kategorie.

Nicht Erwerb oder Benutzung eines Panzers mit Zulassung für den normalen Straßenverkehr sind gefährlich, der Einsatz als Kompensation für einen handelsüblichen Minderwertigkeitskomplex ist ein Zeichen ausgeprägter Idiotie, die selten kompatibel ist mit der gewaltfreien Koexistenz denkender und bekloppter Zeitgenossen. Dort, wo sich die eigene Idiotie in die Vernunft anderer Menschen hineinschwiemelt, wird sei zur allgemeinen Gefahr und hat ihr Recht auf Durchsetzung verwirkt. Es gibt sie wirklich, jene Dummheit, die größer ist als von der Polizei erlaubt, und sie wird, als wäre sie es nicht ohnehin, von einem kategorischen Imperativ beschränkt, der die Verdübelten in Schach hält. Nur in Notwehr scheint die moderate Dummheit erlaubt, wenn die Schlauen auf Gelehrtheit drängen, damit sie ihren Markt mit Gebildeten bestücken können, die für ihr Kapital sorgen. Sich dumm stellen zu können ist keine Straftat, immer vorausgesetzt, man ist nicht wirklich der Hohlkopf, als der man sich ausgibt. Gleichwohl ist es aber nicht berechtigt, sich aus Berechnung der Torheit als Tarnung zu bedienen, um durch krudes Geschwätz und stumpfe Lügen, die man selbst kaum glaubte, Torfschädel aus dem Volk anzulocken und für wirres Gewäsch zu gewinnen, das den Klugen dumm, die Dummen aber noch dümmer macht.

Bereits in der Meinungsfreiheit zeigt sich das Recht auf Idiotie. Jeder hat die gleiche Chance, sich durch unverblümtes Aussprechen seiner Ideen als Feingeist zu bezeigen oder als Lackschaden im Epizentrum der Behämmerten. Wie jede Freiheit umfasst auch diese stets die Verpflichtung, mit den Konsequenzen der eigenen Verdeppung zu leben, da bekanntlich nichts umsonst ist in einer freien Gesellschaft. Wer das leugnete oder als feindliche Ideologie bezeichnete, wäre freilich ein Idiot zu nennen. Und das mit Recht.





Der Jahrkreis (I). Januar

17 01 2021

Ein neues Jahr liegt dämmernd in den Kissen.
Die Welt da draußen ist zu Eis erstarrt.
Was kommen mag, will heute jeder wissen,
und ahnt und fragt und träumt und hofft und harrt.

War es nicht schon einmal, dass sich bereitet
ein Anfang hat, der gänzlich anders war,
und dann auf ausgetretnen Pfaden schreitet?
Ist dies nicht wieder so ein trübes Jahr?

Die Zeit ist eng. Begrenzt ist so ein Leben,
dem man sein Dasein nochmals anvertraut,
doch nährt uns Hoffnung: Jahr um Jahr wird’s geben,
an dem der harte Winter schließlich taut.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXLV): Die Unbelehrbaren

18 12 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Bei Ansicht des Riesenpanzernashorns, und Ugas Sippe wusste dies aus eigener Anschauung, gab es nur eins zu tun: schnell, am besten schreiend die Flucht zu ergreifen und sich nicht auch noch umzudrehen, da dies wertvolle Sekunden kosten würde, die das Tier in seiner Wut besser zu nutzen wüsste als der rennende Jäger. Mit dem Aufkeimen der Vernunft im Hominidenschädel brannte sich die Erkenntnis ein, dass die Warnung der Alten nicht allein aus gekränkter Eitelkeit gegenüber den nachwachsenden Generationen stetig und wieder geäußert wurde. Die Mehrheit, die nicht nur aus reiner Arterhaltung am Leben hing, verinnerlichte die Botschaft schnell und flocht sie ins Programm zur Nachwuchsschulung ein, um die Manpower bei der Proteinbeschaffung nicht nachhaltig durch Betriebsunfälle zu schmälern. Wer aber keinen nennenswerten Beitrag zum Genpool leisten konnte oder wollte, versuchte es eher durch individuelle Leistungen, wenngleich noch keiner wusste, an welchem Ende der Glockenkurve sie zu finden sein würden. Fanden sie das Riesenpanzernashorn gar nicht erst vor, überlebten sie ihren Anblick, so ließ sie der glückliche Zufall die Warnung vergessen. Nur der fatale Ausgang des Erstkontakts schuf die stochastisch eindeutige Ruhe und Klarheit: wer die Gefahr sucht, kommt darin um. Alle anderen sind auf Dauer unbelehrbar.

Der durchschnittliche Depp, der nicht gerade aus reiner Hirnverdübelung mit der Schere in der Steckdose herumstochert, sondern als Zeichen der Expertise mit elektrischen Leitungen sehr wohl das Risiko eines Stromschlags abschätzen zu können meint, wird sicher einen allgemeinen Eindruck von der Wahrscheinlichkeit bekommen, die irgendwann auch bei ihm zuschlägt. Vielleicht jagt es beim ersten Mal nur die Sicherungen im Erdgeschoss raus – nicht in seinem – und er kommt mit ein paar angesengten Bartspitzen wieder zu sich. Unter Umständen hallt die Kopfnuss auch ordentlich in seinem Schädel nach. Bis dahin jedoch gilt jeder Versuch als erfolgreich, bis irgendwann der Arzt seinen Schnörkel unter den Schein setzt, der akutes Ableben attestiert. Jeder wird es dem Hohlpflock erklärt haben, dass die Wahrscheinlichkeit, mit dem Leben davonzukommen, bei einem Versuch so hoch ist wie bei allen anderen, doch die Hybris wird mählich zunehmen, wenn man sie genügend zu kennen glaubt. Wer eine Bombe mit ins Flugzeug nimmt, weil die Chance geringer ist, in einem Flieger mit zwei Bomben gleichzeitig zu sitzen, irrt. Die Wahrscheinlichkeit bleibt; die zweite Bombe ist nur eine weitere Gefahr, die sich nicht klein rechnen lässt, auch wenn man es versucht.

So hängt sich auch die geistige Ausschussware auf Rollerskates an die hintere Stoßstange des Rennwagens und lässt sich aus der Kurve tragen, damit die Organspenden florieren. Sie hüpfen an dünnen Gummiseilen in den Abgrund, damit sie die Inkontinenz früher erleben, schmeißen sich im Flughörnchenkostüm mit Werbeaufdruck von der Felswand oder lassen sich in der Rakete ein paar hundert Meter hochschießen, damit sie sich auf dem Parkplatzasphalt die Rübe einballern können. Jedes Stadium ihres Versuchs hätte vernunftmäßig mit einer Fanfare der Ablehnung enden können, der ihr fröhliches Weiterleben gesichert hätte. Aber waren nicht lernfähig. Was nutzt da die Urteilskraft.

Eine zusammengeschwiemelte Selbsttäuschung ist die Tendenz des Aluhütchenspielers, alles kontrollieren zu wollen – und sich vor allem der Illusion hinzugeben, man könne es kontrollieren. Lustige Zahlenmuster nötigen uns regelmäßig, die sauer verdiente Kohle zu setzen; wir nennen es Lotto und sind enttäuscht, wenn die Zahlen unserer Geburtstage (eins bis zwölf verstärkt, sonst bis 31) in den 49 Kugeln nicht angemessen oft erscheinen. Die Absolventen des Bausparerabiturs jedoch sind nicht in der Lage, den Fehlschluss zu verstehen, und versuchen es verbissen weiter, bis die Finger ausbluten. Anscheinend ist der mangelnde Erfolg derselben Handlung auch nach quasi-unendlicher Wiederholung nicht ausschlaggebend für die Erkenntnis, dass die Abwechslung von Versuch und Nachdenken lohnenswert sein könnten. Oder überhaupt der Versuch des Nachdenkens.

So sind es auch die demonstrierenden Deppen in der Seuchenverbreitung, deren kontinuierliche Aussetzung die Gefahr nicht mindert, nur weil sich die Infektion nicht gleichmäßig über die Rotte verteilt beim ersten Versuch zeigt. Die Einsicht in die kaum beeinflussbaren Mechanismen der Natur lässt sich nicht erzwingen, wohl aber die Folge der Beklopptheit. Die Beratungsresistenten nehmen sich die Freiheit, andere damit zu bestrafen, dass sie aus ihren eigenen Fehlern nicht lernen wollen, und spucken vor ihrer Abschiedsvorstellung der Evolution noch einmal kräftig in die Suppe. Leider ist es nicht getan mit einer sturen Horde, die tapfer jeden Anflug von Wirklichkeit ignoriert, bis sie wütend vor ihnen steht, zum Beispiel in Gestalt des Riesenpanzernashorns. Selbst das würden sie für einen miesen Propagandatrick halten, da das Tier bekanntlich seit Jahrtausenden ausgestorben ist. Gut, dass das Riesenpanzernashorn das nicht weiß.