Gernulf Olzheimer kommentiert (DCXLIX): Narrative

3 02 2023
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Das Herrschergeschlecht der Pumploiden kennt man in der Historie als Bezwinger des rotkarierten Schuppentiers, welches sich noch heute auf Wappen und Banknoten des Fürstentums erblicken lässt. In grauer Vorzeit hatte das Ungeheuer eine Jungfrau als Nachspeise verlangt, worauf sie vom legendären Gründer der Dynastie unter Zuhilfenahme eines Bratspießes in Biomasse überführt wurde. Hochzeit und Happy End, und bis heute nennen sich die Einwohner des strukturell benachteiligten Fleckens an den Ufern der Schlotter die Drachentöter. Nichts davon ist gerechtfertigt, Bruttoinlandsprodukt und Kriminalstatistik zeigen eine genetische Sackgasse. Doch die Folklore siegt, und das Narrativ bestimmt das Selbstverständnis der Menschen. Warum nur?

Weil es in einer zunehmend sinnfreien Welt den Sinn stiftet, der als Perspektive auf trübe Zukunft die emotional aufgeladene Vergangenheit zu einem Transportmittel macht für die Werte, die Identität versprechen. Manches davon ist pure Erfindung, wesentliche Narrative aber die Überhöhung der an sich banalen Wahrheit, die sich selbst in goldenem Licht spiegelt. Wir haben uns im Krieg gegenseitig platt gebombt? Das Wirtschaftswunder! Eine Rotte Soziopathen, deren religiöse Wahnvorstellungen als nicht mehr tragbar galten, hat eine Kolonie auf der Basis von Genozid und Versklavung gegründet? The Land of the Free! Die Konstruktion des Realen aus selbstgerechtem Gerümpel ist zwangsläufig subjektiv und bleibt es auch, wenn alle Variablen sich ändern. Was passiert, wenn sich die etablierte Klasse aus den Versatzstücken ihrer Mythologie ein Sortiment aus Legenden zurechtschwiemelt, sieht man an den Verzerrungen des Kapitalismus. Noch nie ist ein Tellerwäscher zum Millionär geworden, selten hat sich Leistung gelohnt, zumindest nicht für den, der sie erbringt. Werbung, Wahlkampf und Weihnachtsansprachen, allerlei Propagandaschwulst in wechselnden Gewändern, treten den Quark breit, in dem unsere geistigen Fundamente feststecken. Was von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit sowie der FDGO bleibt, wenn der Vorhang gefallen ist und die Protagonisten sich abschminken, hat mit der Idee wenig zu tun. Dass wir uns in einem der reichsten Länder der Welt (Bierzeltversion) nicht leisten können, Kindern ausreichend Geld für eine gesunde Ernährung zur Verfügung zu stellen (Realpolitik), fällt öfter als gelegentlich auf.

Je gemütlicher es sich eine Gesellschaft als Erzähler des eigenen Lebens macht, desto weniger ist sie noch Autorin der eigenen Realität. Sie lässt sich, geübt darin, nicht aus dem Bild auszubrechen, in der Geschichte treiben, anstatt Geschichte zu schreiben. Nicht nur der Fatalismus der Fiktion, die nach bewährten Mustern immer gleich abschnurrt, ist ein massives Hindernis, unsere Geschicke in die eigene Hand zu nehmen, auch der Irrglaube vom guten Ausgang des Märchens hält uns davon ab, in der Wirklichkeit anzukommen. Alle leben wir noch heute und sind infolgedessen glücklich. Bis auf die, die daran gestorben sind. Und so klammern wir uns an die Vergangenheit, aus der scheinbar folgerichtig alles wächst, was uns Bedeutung gibt, wenngleich wir die Auswahl haben, was wir wann anwenden. Entweder sind wir als Deutsche oder Europäer die aufgeklärteste Kultur der Welt, stark und innovativ, oder wir werden als christliches Abendland von den minderwertigen Völkern, die ungerechterweise viel kräftiger sind, unterdrückt und ausgerottet. Da die islamische Welt, China, der ehemalige Ostblock mit dem Platzen der Weltwirtschaftsblase jeweils ihre eigene Story entgegenhalten konnten, wankt auch die Hegemonie des westlichen Machtzentrums um eine kaum noch vorhandene Mitte. Öfter und mehr begegnen einem bigotte Bizarrerien, in denen die populistischen Dummschwätzer uns weismachen, die Werte der Aufklärung, eben Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit nebst Gewaltenteilung, wären nicht gegen das christliche Abendland erkämpft worden, sondern dessen Folge. Kaum zu glauben, dass es geglaubt wird, weil es absurd ist.

Man sollte nicht aus den Augen verlieren, dass auch Verschwörungserzählungen Narrative sind, die an der Zielgruppe der Knalldeppen ausgerichtet die Wahrheit in eine unerwünschte Richtung verdrehen. Unter Ausnutzen der Logik werden Widersprüche einfach eliminiert, bis niemand mehr rafft, dass das Fiktionale der entscheidende Faktor von Fiktion ist. Die Geschichten wurden einst ersonnen, um in der gefahrvollen Welt der Zukunft einen Kompass zu haben, der heute aber immer seltener metaphorisch verstanden, sondern für bare Münze genommen wird. Was nicht plausibel erscheint, wird mit den Werkzeugen der Erzähltechnik zurechtgedengelt, bis es in den windschiefen Rahmen des modernen Weltbildes passt. Hier lohnt kein Ausbruch, wir laufen auf einem Möbiusband aus alternativen Fakten der Wirklichkeit hinterher, die keine andere Seite der Medaille kennt.

Eine Ermächtigung für Ohnmächtige in Form von Aberglauben ist der wirksamste Weg, jede Art von Selbstreflexion des Individuums auszuschalten. Wo der Hokuspokus symbolische Qualitäten erhält, sind wir für die kritische Vernunft schon so gut wie verloren. Leugnen ist zwecklos. Keiner glaubt uns.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DCXLVIII): Das Ende der Geschichte

27 01 2023
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Fragt man Menschen im vorgerückten Alter, sie werden überdurchschnittlich oft von den guten alten Zeiten schwärmen, in denen alles noch besser war, weniger schnell und ermüdend, gesünder, tiefer in seiner Befriedigung und mehr getragen von dem nachhaltigen Bewusstsein, in einem qualitativ sich gut entwickelnden Dasein eine richtige Rolle zu spielen – im Gegensatz zu dem Zerrbild, das sich heute als Wirklichkeit ausgibt, mühsam als billige Fassade an die nackte Wand des sozialen Rohbaus getackert, hinter deren Kulisse besser keiner guckt. Da plärren die Gesellschaftsingenieure auf: aber die Zukunft! Flugtaxis! Künstliche Intelligenz! alles bollert mit synthetischem Sprit über Autobahnen! Wozu, möchte man fragen, brauchen wir da noch Zukunft, wenn uns das Ende der Geschichte, wie wir sie kennen, schon prophezeit wurde?

Früher bestand der Geschichtsunterricht daraus, Schlachten auswendig zu lernen, doch wir warten noch immer auf das Ende der Kriege. Was uns verheißen war, sollte nicht weniger sein als die endgültige Befriedung der Welt in einem Zustand der Ultrastabilität, äußerlich geprägt durch die aus militärischen Katastrophen gewachsene Erkenntnis, dass nur Allianzen uns als Menschheit solidarisch retten können, innerlich gefestigt vom Gedanken der christlichen Gesinnungsethik, dürftig mit der Schminke des Kapitalismus als Religionssurrogat verspachtelt, das nur für Grab- und Sonntagsreden reicht, ansonsten aber nur für grobes Grinsen. Die liberale Demokratie sollte das Allheilmittel sein.

Bündnisse hin, Verflechtungen her, allein in der Institution der Nationalstaaten gerinnt die übliche Trennung zwischen uns und allen anderen zu einem bei jeder Gelegenheit produktiven Anlass, den Bekloppten Wurstbrot und Sonnenschein zu versprechen, auf dass es ihnen besser gehe als den Bescheuerten jenseits des Schlagbaums. So dumm wäre kein machthungriger Politiker im Wahlkampf, dass er in seinem Regierungsbezirk, in seinem Staat oder sonst wo stünde und verspräche, dass es den Nachbarn bald genau so gut ginge wie dem eigenen Volk; man würde ihn mit dem Schlagring aus dem Bierzelt jagen und sich eine verlogene Arschgeige holen, die im Vollrausch der Machtbesessenheit ein intellektuell abgehängtes Stückchen Agrarland zur Krone der Zivilisation erklärt und als künftiges Zentrum des Kontinents in die Annalen schwiemelt. Es hat immer funktioniert, es wird auch weiterhin anstandslos funktionieren.

Denn was den Menschen, wenigstens denen mit westlich zentrierter Blickrichtung, eingetrichtert wurde, ist das angebliche Ende aller größeren transnationalen Konflikte unter dem Zuckerguss der kapitalistischen Globalisierung, die heimlich dazu benutzt wird, auf nationaler Ebene die guten alten Ängste zu bedienen, wenn wieder ein Konzern in ein anderes Land abzuwandern droht, weil ihm dort noch höhere Subventionen gezahlt werden, weil der Markt mal wieder anders regelt als erhofft. Einige Kulturen, die sich partout nicht in die westliche Geschichte einordnen, führen ein kapitalistisches Schisma herbei: China, die arabische Welt, die afrikanischen Militärdiktaturen, allesamt nicht an der Demokratie interessiert, nicht einmal an der marktkonformen, schließlich die alte Sowjetunion, die sich als neues Russland verkleidet, alle sie sind treffliche Gegenbeispiele von Kulturen, die in offener Feindschaft auftreten gegenüber einer als dominant empfundenen westlich-reformierten Politik, die auf Narrativen wie dem calvinistischen Gruppenethos oder der unsichtbaren Hand beruht, nicht aber auf dem Eingeständnis, dass jahrhundertealte Sprach- und Herrschaftsgrenzen mit einer Heilslehre nicht wegzuradieren sind, vor allem nicht dann, wenn zentrale Versprechen wie Aufstieg, Wohlstand und Vorsorge sich als dünnes Geschwätz entlarven lassen.

Vor allem aber versagt diese Erzählung, wenn die Menschheit als Ganzes vor ihrer Auslöschung steht, während die Macher der Geschichte sich mit fadenscheinigen Lügen aus der Affäre ziehen oder mit aggressiven Beschuldigungen alle anderen für die Katastrophe verantwortlich machen wollen. Die Rettung der Welt ist auf nationaler Ebene schwer zu bewerkstelligen, denn auf den Wettbewerb kam es nie an. Wo die beste aller Welten in der Theorie bereits so gut wie existierte, konnte man sich als Nutznießer gemütlich zurücklehnen und dem Paradies beider Entstehung zusehen. Wir haben in einem global vollkommen versaubeutelten System gelähmt zugesehen, wie der Wasserstand langsam bis an die Dachoberkante anstieg, und jetzt sind wir überrascht, dass das Wasser nicht nur in einer der vielen Statistiken erscheint, sondern höchst real ist. Auch das könnte das Ende der Geschichte sein, das Ende sämtlicher Geschichten sogar, und es gibt die eine oder andere Religion, in der man den falschen Propheten die Rübe weghaut. Sollten wir nicht den Kulturen, die wir so fleißig ausgebeutet haben, ein wenig entgegenkommen, könnten wir die Propheten sein. Denn Identität ist nach wie vor ein probates Mittel zur Sinnstiftung, und nach wie vor ist es die Utopie. Keiner hat behauptet, dass wir darin die Hauptrolle spielen müssen. Oder bis zum Ende.





Ideal

15 01 2023

für Christian Morgenstern

Was Du als Richtiges weißt,
wirst Du begreifen,
näher als alles dem Geist,
in ihm zu reifen.

Was vom Wahrhaftigen zeugt,
musst Du auch schauen,
wenn es den Stolz Dir auch beugt,
sollst Du vertrauen.

Was Dich am Anfang beseelt,
nimm’s zu behalten.
Erst, wenn Dein Eigensinn fehlt,
magst Du gestalten.





Preis der Freiheit

18 12 2022

Die Häuser sind verwüstet. Hab und Gut
sind wie im Krieg geraubt von den Gewalten.
Geschichte ist, wird sein, was wir gestalten.
Was davon blieb, das reißt hinweg die Flut.

Die Not macht arm. Da man den Armen höhnt,
ist noch kein Grund gefunden, dass man handelt,
aus seiner Angst sich für die Zukunft wandelt,
bevor man sich an diese Not gewöhnt.

Was uns das Handeln kostet, ist die Frage.
Verstummt die Sorge vor der Reichen Klage,
wird selbstgerecht er seine Stimme heben.

Wir warten. Irgendwann muss es doch glücken,
wie wir in diesen einen Abgrund blicken.
Was kostet uns die Trägheit? nur das Leben.





Von der Notwendigkeit des Poetischen

4 12 2022

für Robert Gernhardt

So, als säße man in Zügen,
schaut man auf ein Spiel,
sieht die Welt vorüberfliegen
und erreicht kein Ziel.

So, als gäbe es noch Orte,
hofft man, dass es bleibt,
sucht beharrlich neue Worte,
weil man nichts beschreibt.

Ach, dies scheint so unerheblich
und gibt kein Gedicht.
Doch auch Schweigen ist vergeblich.
Also schweigt man nicht.





Sankt Nimmerlein

20 11 2022

für Robert Gernhardt

Mir träumte jüngst, dass eine Kathedrale
ich erbte, da ein Vetter jäh verschied.
Jetzt habe ich das Ding mit einem Male
am Hals, was ich so liebend gern vermied.

Sie steht nur da und ragt bis in den Himmel.
Es wird georgelt, dass man’s draußen hört.
Am schrecklichsten jedoch ist dies Gebimmel,
vor allem sonntags, was den Schlaf zerstört.

Mir will der Bau einfach zu gar nichts nutzen.
Im Winter ist es kalt, da unbeheizt.
Man muss wohl an die tausend Fenster putzen
und Säulen, da der Raum damit nicht geizt.

Und dann die Pfaffen – ach, man möchte speien!
Mir ist Architektur auch einerlei,
darum werd ich den Kasten schnell entweihen.
Mit etwas Glück ist dann der Traum vorbei.





Krieg

6 11 2022

Es kam ein Frühling. Wie in allen Kriegen
war keine Jahreszeit, die widerklingt,
war nur der Tag, der alles niederringt,
wie sich die Nächte ineinander biegen.

Von Ferne ahnt man nichts von ihren Siegen,
in denen sich ihr Leiden selbst bedingt.
Wir hören, wie kein Lied dabei sich singt.
Die Last der Stille muss uns überwiegen.

Der Sommer ging, der Herbst will Winter werden.
Wir hatten keinen Frieden, nie auf Erden
rief man ihn aus. Das Schweigen ist verstummt.

Es waren, sind nun unbekannte Orte,
sind hinter einem Schleier dunkle Worte,
was unbegreiflich durch die Himmel summt.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DCXXXIX): Aggressionsverschiebung

4 11 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Steppenleute waren schuld. Uga hatte schon den dritten Sommer erlebt, in dem die Fische im kleinen Bächlein an der westlichen Felswand nicht mehr laichen wollten, inzwischen ging ein Teil der Population dazu über, mit dem Bauch nach oben der Strömung zu folgen. Kausalzusammenhänge, die auf der Einleitung von Fäkalien in den oberen Bachlauf beruhten, ließen sich mangels sorgfältig durchgeführter Langzeitstudien mit Kontrollgruppe nicht belegen. Aber Uga wusste sowieso alles, vor allem wusste er alles besser. Die Steppenbewohner, die seit Generationen in Feindschaft mit dem Volk der Höhlenhauser lebten, sie waren der einzige plausible Grund für das aussterben der Fische. Nur sie, die ansonsten Säbelzahnziege und Panzerhase jagten, was ein Dutzend Tagesmärsche in Richtung Sonnenaufgang auch ohne Weiteres möglich war, kamen als Täter in Frage. Vielleicht schissen sogar diese bösen Stämme selbst in den Bach, um den Troglodyten in perfider Schuldumkehr Unfrieden zu bringen? Egal, das Narrativ hatte sich gebildet, und für kommende Zeiten stand fest, dass man die Jäger der Ödnis aus Rache töten dürfe, da man sich die eigene Verantwortung am Scheitern nicht offen würde eingestehen können. So etablierte sich die Aggressionsverschiebung als Abwehrhandlung.

Der Mechanismus ist immer derselbe: kann der Bauer nicht schwimmen, ist die Badehose schuld. Im kindlichen Stadium schmeißt der Hominide mit Gegenständen um sich, wenn ihm der Brei nicht schmeckt, was etliche Deppen an den Schaltstellen der gesellschaftlichen oder politischen, meist auch wirtschaftlichen Macht, einfach beibehalten, da sich jede Art von Verantwortung damit ebenfalls in die nächstbeste Ecke schlenzen lässt. Wie gerne wird alles, was uns nicht in den Kram passt, verdrängt und zu dem gekehrt, was andere unter den Teppich geschwiemelt haben. Abgesehen von der typischen Befriedigung, die das erfolgreiche Abwehren einer sittlichen Kraft auslöst, muss der Realitätsallergiker nun öffentlich handeln, und also schmeißt er eine Scheibe ein – von innen, deutlich sichtbar, da vor Zeugen, aber er ist zur tat geschritten, und nur das zählt für sein Wertesystem. Mehr muss man über diese Werte auch gar nicht wissen.

Es geht dem Aluhütchenspieler mit eigener Ich-Wahrnehmung im ihn umkreisenden Kosmos um Lustgewinn (wo nicht?) und Unlustvermeidung (die er seltener zugibt), und folgsam sucht das Egodings nach Abwehrmöglichkeiten. Wen es wundert, dass Regression, Spaltung, Verneinung, Dämonisierung gleich mit in der Suppe schwimmen, die Knöpfe für solche Hirnkorrekturen liegen ja gleich daneben.

Wir verneinen die Auswirkungen von Pandemie, Austerität oder Klimawandel so lange, bis wir die Folgen nicht mehr ausblenden können, weil der Elefant im Raum längst alles andere an die Wand klatscht; schuld sind aber immer andere, die wir mit aggressiver Anklage fein säuberlich an die Wand nageln: eine Jugendliche, die uns die rohe Botschaft überbringt und dafür gesteinigt werden muss, eine Gruppe von Aktivisten, die schon für das Richtige demonstriert, die aber zu den Bösen gehören muss, weil das keine von uns sind. Die just regierenden Nachtmützen fordern mehr Fortschritte, die die gerade nicht mehr Regierenden versäumt haben – Überschneidungen sind rein zufällig – verhindern sie aber, weil sich dafür ein Sündenbock finden lässt. Die nicht mehr regierenden Wurstverkäufer haben für Jahrzehnte alles für die Erhaltung der Zivilisation planmäßig in die Grütze gehauen, sind nun aber empört, dass die aktuell Regierenden nicht innerhalb weniger Tage den Stein der Weisen aus der Schublade ziehen, wie man es selbst immer der Bevölkerung versprochen hat, die nun vor den Trümmern einer gemeinsam demolierten Welt steht und längst eine leise Gleichgültigkeit empfindet, wer sie nun eigentlich zerstört hat.

Allen gemeinsam ist der Hang zur Regression, die das Verschieben unserer Affekte so wundervoll erleichtert, weil damit jegliche Verantwortung an der Garderobe abgegeben wird. Nicht zuletzt die anheimelnde Opferrolle, in der sich trotzig-infantil der gerade noch vor Kraft humpelnde Übermensch wälzt, ist ein schlagender Beweis dafür, dass mit dem Erleben von Frustration das Verhalten fixiert wird – wer einmal in seinem narzisstischen Ego Kränkung erfahren hat, macht dies auch weiterhin für die Folgen der eigenen Blödheit verantwortlich. Dass sich der durchschnittlich faktenferne Depp in einer Deckerinnerung alles wahrlügt, was in sein ramponiertes Weltbild passt, befördert die Neigung zur Verschwörungserzählung, die noch immer jedes Versatzstück harmonisch verarbeitet hat.

Und so bleiben wir bei den einfach gedengelten Erklärungen, warum die vielen Fremden in dieses Land kommen, das ja das beste und reichste der Welt ist, aber leider von allen ausgenutzt wird und unmittelbar vor der Auslöschung steht durch diese Leute, die eigentlich hier arbeiten sollten, aber nur für ganz wenig, und die trotzdem nicht herkommen, obwohl man sie sowieso irgendwann rauswirft, weil sie ja letztlich hier nichts zu suchen haben, wo sie uns schon nicht helfen, das schönste Land der Welt zu sein. Keiner versteht uns. Es ist ein Rätsel.





Rechtsnachfolge

3 11 2022

„Bloß nicht verbuddeln, das hat man ja früher so gemacht. Das hat irgendwie etwas Unhygienisches, fast Gruseliges, als wenn das irgendwann wieder hochkommen könnte, wenn man es am wenigsten gebrauchen könnte, Herr Merz. Nein, dann lieber eine Feuerbestattung. Da weiß man, was man hat. Das ist viel zweckmäßiger, wenn man die Reste verbrennt, dann lässt sich hinterher auch so gut wie nichts mehr nachweisen.

Das ist der Lauf der Welt, Herr Merz. Die CDU ist nun mal schon ziemlich alt, das lässt sich nicht mehr leugnen, und irgendwann stellen sich die Anzeichen ein, dass sie es nicht mehr lange macht. Ganz am Ende kommen noch mal die trügerischen Hoffnungen, sie könnte es vielleicht doch noch schaffen, aber das ist alles nur schöner Schein. Da muss man den Tatsachen ins Auge sehen, und wenn es nicht genug Tatsachen gibt, findet man eben welche. Das machen viele so, Herr Merz. Lassen Sie sich da nicht irritieren.

So eine Sterbegeldversicherung, die ist ja in den letzten Jahren total aus der Mode gekommen. Wie gut, dass Sie die noch entdeckt haben, sonst müsste die CDU jetzt für ihre eigene Beerdigung zahlen. Tut sie? Und wo landet jetzt die Kohle, die dafür eigentlich vorgesehen war? Nein, sagen Sie es nicht – ich will mir das gar nicht vorstellen. Aber Sie können das Geld sicher gut gebrauchen, für eine Stiftung beispielsweise. Haha, kleiner Scherz! Ich wusste doch, dass Sie Spaß verstehen!

Gut, dann eben nicht. Sie möchten das auf eine preiswerte Art, ich meine, es soll doch alles billig werden, oder nicht? Wenn es Sie nicht stört, dass es dann auch alles billig aussieht, dann machen wir das so, Herr Merz. Leiche ist Leiche, und wenn der Sarg erst mal geschlossen ist, dann regt sich über das fehlende Totenhemd sicher niemand mehr auf. Was Sie den Angehörigen erzählen, das ist uns im Zweifelsfall auch völlig egal. Es wird ja am Grab viel gelogen, da macht Ihnen niemand etwas vorm und da haben Sie nun wirklich zu Lebzeiten der CDU schon jede Menge Erfahrung gesammelt. Es ist nur so, dass wir das ja als Gesamtauftrag sehen, und wenn Sie jetzt beispielsweise in der Anzeige schreiben, die Partei sei nach langer, schwerer und geduldig ertragener Krankheit friedlich von uns gegangen, dann können Sie am Grab nicht vom Meuchelmord durch linksextremistische Klima- und Einwanderungsterroristen sprechen und blutige Rache androhen. Da muss man ausnahmsweise mal vorher wissen, was man sagt. Nur so als Tipp.

Ich würde das natürlich eher schlicht halten. Die Kränze nicht zu groß, die Schleifen eher mit den üblichen Worthülsen. Da findet sich bestimmt noch ein bisschen Zeug im Fundus. Und lassen Sie bloß das Christliche nicht so sehr raushängen, das wirkt am Ende eher peinlich. Nein, nur kein Theater, Herr Merz. Sonst fragt Sie am Ende noch einer, was die Lieblingstugend der CDU war, und dann sind Sie plötzlich mitten in einem Fachgespräch über Gott. Das hat uns ja gerade noch gefehlt.

Das Testament würde ich erst mal ausklammern. Die Leute kommen früh genug und wollen wissen, ob es da etwas zu holen gibt, dann schnüffeln die im Keller herum, und was sie da finden – nein, das machen Sie schon richtig, Herr Merz. Wenn die alte Dame abgekratzt ist, fängt man gar nicht erst mit Transparenz oder Vergangenheitsbewältigung an. Sie müssen den Ruf der CDU rein erhalten. Was sich da in den letzten Jahrzehnten angesammelt hat, das können Historiker irgendwann mal aus den Archiven kratzen, wenn es dann nicht schon weg sein sollte, aber jetzt ist es definitiv zu früh. Das machen Sie ganz richtig.

Vor allem, dass Sie sich entschlossen haben, den letzten Weg der alten Dame so ganzheitlich zu begleiten, das nötigt uns schon einen gewissen Respekt ab. Palliativbegleitung, Sterbehilfe, dann die Beisetzung, und da Sie sich vielen völkischen Verfassungsfeinden freundschaftlich verbunden fühlen, gehe ich davon aus, dass Sie sich auch um die Rechtsnachfolge kümmern werden, Herr Merz.

Grabschmuck? Wie ich die CDU in Erinnerung habe, hätte sie gegen Eichenlaub bestimmt nichts einzuwenden gehabt. Lorbeer vielleicht? Ach so, den haben Sie für sich selbst reserviert. Am besten machen wir es ein bisschen hübsch und ordentlich, vielleicht noch ein anrührendes Arrangement aus seltenen Blüten – da buddelt keiner, um zu gucken, was da noch alles mit in die Urne reingerutscht ist. Mit Asche kennen Sie sich ja aus, oder?

So etwas wie Verstreuen oder Waldbestattung kann ich Ihnen jedenfalls nicht empfehlen. Bei dem einen hätten Sie natürlich den Vorteil, dass sich die Umweltaktivisten über Feinstaubbelastung durch die Hinterlassenschaften der CDU beschweren, und bei dem anderen haben Sie eine sehr große Nähe zu den Grünen. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie das wirklich gut finden, Herr Merz. Dann lieber ein Loch in den Boden und weg mit dem Scheiß, nicht wahr? Das ist der Pragmatismus, für den Sie so geschätzt werden, Herr Merz, und das sogar bis in die CDU hinein. Hindernisse muss man beseitigen, vor allem dann, wenn man nicht selbst die Konsequenzen trägt. Erinnerungsgottesdienst? Ach so, wir wollten es ja nicht christlich. Ist wohl auch besser so, wenn man die Partei langfristig vom Radar verliert. Vergessen kann man sie jetzt schon.

Dann sollten wir alles haben, Herr Merz – Sie rufen kurz durch, wenn die Alte platt ist, dann sind wir da und kümmern uns um den schmutzigen Rest. Aber eine Frage habe ich noch, nur zur Sicherheit, falls doch etwas dazwischenkommt. Wenn etwas mit Ihnen sein sollte, an wen wenden wir uns da?“





Gernulf Olzheimer kommentiert (DCXXXIII): Die lügende Macht

23 09 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Kunibert Ohnehose lief noch der Wein aus den Mundwinkeln. Er schwankte, rülpste hörbar in den Thronsaal und fing ansatzlos mit einer der sattsam bekannten Fantastereien an: ein kariertes Einhorn habe ihn mit Traubensaft abgefüllt, der zwischen Lipp’ und Kelchesrand plötzlich fuselte, so faselte der Monarch. Der Kronrat hatte genug. Seit Jahr und Tag wusste man, dass der König im Zustand heitersten Suffs gerne Bares vom Balkon hebelte, Gaukler zu Grafen und billige Mädchen zu Damen am Hof beförderte. Die Schwierigkeit bestand nur darin, dass sie ihn nicht absetzen konnten. Oder es nicht wollten, denn Wohl und Wehe, meist Letzteres lag in den Händen eines mächtigen Hofstaates, der sich einen versoffenen Feuchtbeutel hielt, um in seinem Windschatten ein angenehmes Leben zu führen. So mussten sie also die Hirngespinste des Regenten – Angriff aus Pumpolonien, eine neue Residenz im Kartoffelfeld von Bad Gnirbtzschen, Sondersteuer für den Vollmond – für bare Münze nehmen. Denn es waren keine gruseligen Ideen des irrenden Herrschers, sondern Einflüsterungen der Günstlinge. Und so zerstören die Lügen der Macht ein ganzes Land, das sich nicht entgegenstellt.

Die Lüge zieht sich durch die Geschichte als der Kitt bröseliger Diskrepanzen. Reiche und mächtige Männer befehlen über uns und üben Gerechtigkeit aus, weil sie reich und mächtig sind, in Wahrheit aber, weil irgendein Genomzonk mit höherem Arschlochlevel in früher Vorzeit Dörfer und Reiche zu Klump gehauen und sich deren Besitz unter die verpilzten Nägel gerissen hat. Es ist nicht in ihrem Interesse, Wahrheit und Aufklärung über die Menschen zu bringen. Und so heuchelt, täuscht und flunkert sich ein Establishment von einer Dynastie zur nächsten, denn Dreck haben alle am Stecken, und was kann eine Lüge besser verbergen als noch mehr Lügen. So verschwimmt allmählich die Grenze zur Wahrheit, mehr noch: die moralische Unterscheidung, ob und was man der Welt gerade als Tatsache auftischt.

In der Antike ersonnen, im Zeitalter der Medien zur Perfektion gebracht, hat sich die Propaganda als Kanal der dominierenden Meinung eine Autorität erschaffen, die auf stumpfer Wiederholung beruht. Nur wenig Variation ist erlaubt, um die gängigen Lügenmärchen auf niedermolekularer Ebene in die Hirnwindungen der Untertanen zu schwiemeln, die gleichgeschaltet nachplappern und marschieren, wo die Dummheit ihre Fahnen flattern lässt. Auch der vollkommene Verschwörungsmythos baut auf die Naivität der Dummdeppen, jede noch so dämliche und fadenscheinige Wirrnis inbrünstig zu glauben, zu verteidigen, am besten mit eigener Unwahrheit, und aus ihr heraus eine tiefere Weisheit zu ziehen. Was, wenn die Radfahrer wirklich unser Unglück sein sollten? Geht nicht die Sonne jeden Tag unter, weil die Klempnerinnung es befohlen hat? Ist nicht der Führer der Erlöser des Volkes, weil er ihm den Endsieg schenkt?

In der technokratisch regierten Welt, die sich als Parlamentarismus ein theoretisch unangreifbares System der Transparenz ersonnen hat, hat allein der Souverän in Gestalt der wählenden Bevölkerung die Macht und ist in der Lage, andere Ansprüche mit legalen Mitteln abzuwehren – theoretisch, denn die Kaste der Mächtigen überlebt noch die Bombe, bei der die Kakerlaken aufgeben. Um ihren Anspruch auf die fortdauernde Macht zu sichern, lügen auch sie, weil sie das eherne Gesetz der Konservierung von Herrschaft befolgen: sie nehmen für sich das Gesetz in Anspruch, halten sich aber nicht daran, während für die Untertanen das Gesetz gilt, das sie aber nicht in Anspruch nehmen können. So feiern sie rauschende Feste, versorgen sich mit Deals und Nebeneinkünften, setzen ihre Lobbyisten mit an den Verhandlungs- und den Kabinettstisch. Kippt das auf, geben sie scheibchenweise zu, was sich nicht mehr vertuschen lässt, schieben anderen dafür die Schuld in die Schuhe und suhlen sich in der Opferrolle. Der gemeine Bürger aber nimmt die Politik nur noch als Theatermaschinerie wahr, in der hin und wieder Knallchargen in der Versenkung verschwinden, während auf der Bühne immerzu das alte Stück weggenudelt wird. Wen wundert’s, dass der Souverän verdrossen das Parkett verlässt.

Letztlich zerstört die Lüge jede herrschende Macht; kann man das bei einem Diktator noch als gerechte Strafe für sein moralisches Fehlen sehen, ist es um ein demokratisches Gemeinwesen schon schlechter bestellt, wenn sich zwischen den aus Gewohnheit fabulierenden Ichlingen und der Rotte perfider Parallelexistenzen ein Schulterschluss ergibt, wer die Bürger am besten hinter die Fichte führt. Wie bei einer Währung ist die bindende Kraft nicht, was auf einem Stück Papier steht; der Kredit ist, was die Menschen an Glauben darin haben.

Es gibt nur eine Sache, die die moralisch schon komplett ausgeglittenen Darmleuchter nachhaltig übel nehmen: wenn nämlich Politiker sich trauen, öffentlich die Wahrheit zu sprechen und sich zu erklären. Das goutiert der Bescheuerte nicht, denn er weiß, wie oft und warum er selbst lügt. Die da gehören nicht zu ihm, denn die Welt will betrogen werden. Auch ein Machtanspruch.