Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXXIV): Träges Wissen

23 07 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es musste noch nicht einmal besonders viel in der Entwicklung des Hominiden schiefgehen, um die Ausbreitung seiner Art mit Hilfe einer Auslese zu regulieren. Ugas Schwippvetter hatte in seiner Jugend oft die wohlschmeckende Buntbeere direkt vom Strauch genascht und dabei die grünen Früchte ausgelassen. Zwar schmeckten die nicht bitterer als andere unreife Pflanzen, waren aber in diesem Zustand höchst unbekömmlich und wiesen mit Brechdurchfall und Wahnvorstellungen den Weg in die ewigen Jagdgründe. Im vollen Mannesalter, was seinerzeit nur ein paar Jahre später war, hatte sich der von Bratspieß und Körnerbrei verwöhnte Kerl nun also ans Sammeln gemacht, unter Ausblendung des Instinkts alles in den Verdauungstrakt gepfropft, was nahrhaft schien, und war alsbald abgetreten. Schuld war nicht seine Dummheit oder gar die reine Vergesslichkeit, das Problem war das träge Wissen.

Im Gegensatz zum aktiven Wissen, das aus der Erkenntnis der Dinge entspringt, sich in einen pragmatischen Zusammenhang einbinden lässt – Schuhe zubinden, Uhr lesen, bei Traueransprachen Fresse halten – und Lebensalltag, soziale Normen sowie das Überleben als Individuum erleichtert, ist das träge Wissen selten Sachverhalt oder begründet durch das Für-wahr-Halten. Aktives und passives Wissen kann schwinden, auf natürliche Art, wenn die Hirnrinde weich wird, Kollege Nachtfrost oder sein Begleiter Alkohol sich häuslich einrichten. Passives Wissen, die Hauptstadt von Honduras oder der Unterschied zwischen Altona und Altena, sind dabei nicht ganz so gefährlich, es sei denn, man ist gerade Quizshowkandidat oder will unbedingt als Bundeskanzler untergehen. Aktives Wissen wie die Fähigkeit, sich die Schuhe zuzubinden, ohne dabei Gleichgewicht und Impulskontrolle zu verlieren, ist da schon wichtiger; wer die Speicherkapazität der Biomasse des gewöhnlichen Bescheuerten auf dem Schirm hat, der weiß, warum der Klettverschluss erfunden wurde.

Es kann vielschichtige Gründe haben, dass das Wissen untertaucht. Zum einen wissen wir in alter Tradition immer noch, dass wir nichts wissen, was aber wir nicht wissen, wissen wir noch weniger. Wer nicht immer über eigenes Wissen nachdenkt – darf ich in die Kasse greifen, obwohl mich mein Amtseid eigentlich daran hindert, kann ich den ganzen Tag fadenscheinige Lügen rausrülpsen, die ein Eimer somnolenter Pantoffeltierchen als üblen Exponentialbullshit identifiziert – bekommt die schönsten Wissenslücken. Leider ist danach nicht mehr bekannt, wo sie sich befinden. Für Nappel, die nicht wissen, was sie denken, bevor sie nicht gehört haben, was sie sagen, kann die Lage schon mal garstig eskalieren.

Andererseits verheddern sich die meisten Lern- und damit auch nicht wenig Denkprozesse in einer gar nicht erst vorhandenen Struktur. Tschechische Vokabeln einzutrichtern mittels der Annahme, dass die reine Quantität der in die Birne geschwiemelten Wörter durch ein konstantes Verhältnis von Lern- und Vergessensleistung ausreicht, um irgendwann mit Bimsmethodik das Schweigen der Lemmata zu beenden. Das in vielerlei Fächern so berüchtigt wie sinnfreie Prüfungspauken variiert das Vorgehen, da reines Wissen verpfropft wird, eher in der Hoch- als in der Regelschule, und die notwendige Kompetenz zur Anwendung dieses Materials weder vermittelt noch examensrelevant verlangt wird. So kann sich der Kandidat fünfzig Sorten Hautpilz merken, von denen in der Praxis höchstens drei vorkommen, so dass er den Rest nicht einmal erkennen würde, wenn das ein Schild um den Hals trüge. Böhmische Begriffe und medizinische Terminologie hingegen als semantischer Smoothie brächte auch nichts. Nur zur Sicherheit, falls es jemand ausprobieren will.

Schließlich gibt es Deppen, die einmal Erlerntes nicht mehr anwenden können, weil die Anwendung auf nicht bekanntem Terrain sie überfordert: die Rettungsgasse auf der A1 lernen und auf der A8 nicht mehr wissen, wie es geht, auf einem braunen Klavier Stunden nehmen und dann am schwarzen Konzertflügel die Finger verknoten, ein Studium halbwegs zu Ende bringen, sich als Wissenschaftler etablieren wollen, Noten würfeln und dann mit Schnaps unter der Kalotte herumplärren, dass man seine verzweifelten Korruptionsbemühungen nicht von Wissenschaftlern korrigieren lassen will. Hin und wieder scheint das Wissen derart eng an den Kontext gebunden, dass schon eine minimale Veränderung der Uhrzeit ausreicht, um nachhaltiges Vakuum ins Oberstübchen zu saugen. Freilich ist das alles auch nur eine Mutmaßung, da wir nur erahnen können, wie weit sich ordinäre Dummheit zur Erklärung dieses Phänomens eignet, die so gut wie überall vorkommende Grundform jeglicher Niveauuntertunnelung, die wir erst bemerken, wenn wir auf Stelzen genau in die Löcher im Boden stapfen und eine flotte Einpunktlandung hinlegen. Der Trost der Welt scheint zu sein, dass jeder eine Chance bekommt, sich als dümmster Ernstfall im Laden zu profilieren. Bedauerlich ist die Quote derer, die diese Gelegenheit nicht verstreichen lassen wollen. Denn manchmal liegen die ewigen Jagdgründe wirklich, wirklich weit weg.





Der Jahrkreis (VII). Juli

4 07 2021

Weich ist der Sand. Viel weicher noch als Seiden
ist kindheitsweich und warm der Sand am Meer.
Die Menschen suchen, was sie sonst vermeiden,
und reisen ihren Träumen hinterher.

Die Sonne glüht. Wir sind vom Tag ermattet.
Der Abend schließt die Pforten leise zu.
Ein Baum, der uns aus Freundlichkeit beschattet,
hat hier auf uns gewartet und gibt Ruh.

Das ist des Menschen Los: die Welt bereisen,
was in Erinnerungen uns gefällt.
So aber werden reicher nur die Weisen:
man sieht nur, wo man wahrhaft innehält.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXIX): Krise und Populismus

18 06 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Seitdem sich die Hominiden auf das Konzept Zivilisation eingelassen hatten, waren sie eigentlich immer im Krisenmodus. Nicht immer haben sie es gemerkt, mit einer etwas pessimistischen Haltung kann man Fortschritt ja auch schon mal mit Krise verwechseln, und das schwiemelt sich durch die Geschichte wie Neigung des Menschen, immerzu recht haben zu wollen und anderen die Schuld zu geben, wenn es mal nicht stimmt. Ein Zeitalter ohne Postkutschen wäre vor zweihundert Jahren wie ein Alptraum erschienen, ohne Schreibmaschine aber war noch Leben möglich. Die Europäer, besser: das, was von ihnen noch übrig ist, sterben vermutlich in naher Zukunft aus, weil sie nicht in der Lage sind, ohne zweimal im Jahr auf die Balearen zu fliegen, diesen Kontinent weiter zu besiedeln. Das reicht für eine weitere Krise, die das eine oder andere Land bis kurz vor den Umsturz bringt. Man munkelt, das Volk sei bereits gerüstet, den Rasen zu betreten. Es folgt doch nur der Weisheit, dass jede Krise in den Populismus mündet, unweigerlich.

Dass sich eine Gruppe in Problemsituationen den starken Mann herbeiwünscht und dabei allem hinterläuft, was nur laut genug brüllt, ist nicht nur durch die Aufmerksamkeitsökonomie Konfliktstoff zwischen kurzfristigen Interessen und Vernunft. Das Paradox entsteht, wenn die Frustrierten zwar in ihrer Sorge nach denen suchen, deren Kompetenz sie vor den Konsequenzen einer nicht behobenen Gefährdung schützen könnte, aber nur die finden wollen, die gleich zur vollständigen Säuberung des Gemeinwesens antreten: missliebige Minderheiten marginalisieren, Feindbilder aufpusten, konstant im Opferrollenspiel den Präventivschlag gegen den Rest der Welt rechtfertigen. Die Krise verzwergt die Person und engt ihren Blick um den eigenen Nabel erheblich ein, bis sich jeder selbst der Nächste ist – und weil die Gesellschaft im Paradox lebt, lässt sie sich die Haltung als Ausweg verkaufen, die nur in der großen Gemeinschaft funktioniert. Natürlich nur für die, die man nicht vorher schon rauswirft.

Die rein ausweglose Lage, die bei rationaler Betrachtung gar nicht so ausweglos ist, spült einen Typus an die Oberfläche, der bereits vorher in der Politik reüssieren konnte, jetzt aber als Rolemodel taugt für den Ritt in die untergehende Sonne: den Ego-Shooter, der ein Land auch dann zur Beute und in Geiselhaft nimmt, wenn er sich schon die Justiz zum Feind gemacht hat und nur noch das Ziel sieht, mit heiler Haut aus der Nummer zu kommen. Er treibt das billige Einer-gegen-alle-Spiel, das sich auch nicht zu blöd ist, eine Minderheit als gefühlte Mehrheit zu adressieren, bis es die Mehrheit als gefühlte Minderheit weiter aufhetzen kann. Da die zum Auffalten kognitiver Dissonanzen, ohne die keine populistische Ideologie besteht, zwingend notwendigen Verschwörungsrauner das alsbaldige Ende der Welt verkündet haben, bleibt die Skepsis als unsicheres Terrain, auf dem sich die Zweifler bewegen müssen. Noch schwieriger wird es, wo die Auswirkungen der Krise sich im Rahmen hielten, während die populistischen Führer sich auf die Fahne schreiben, das unausweichliche Weltende verhindert zu haben. So schrumpft und verdichtet sich das Gefolge der Knalldeppen bei jeder Runde, Arbeitsmarkt und Euro, Pandemie und Klima, und radikalisiert sich.

Nach der Krise aber ist vor der Krise, erst recht in einem durchgängigen Tanz auf der Rasierklinge, dem sich der neoliberal geschärfte Konsumismus als Staatsreligion unterwirft. Und so schüttelt sich eine gebeutelte Gesellschaft, stellt fest, dass es noch einmal gut gegangen ist, jedenfalls haben sich die Schäden in Grenzen gehalten, und geht allmählich zur Tagesordnung über, wohl wissend, dass sich am Horizont die nächste Katastrophe zusammenbraut. Am deutlichsten sichtbar wird es in den Spätfolgen für die demokratische Teilhabe, wo man gelernt hat, dass es, wenigstens vorübergehend, auch mit dem starken Mann funktioniert hat. Und so sinkt die Zeit der einen Krise gemach in die rosige Erinnerung ab, die noch jeden Morast der Geschichte erträglich macht, wenn man ihn denn überhaupt erlebt hat.

Und so lässt sich der gemeine Bekloppte auch nach der Sintflut von den folgenden Herrschern als dumpfer, materiell orientierter Armleuchter in jedes beliebige Bockshorn jagen, der nicht selbst denkt, es sich aber wenigstens einbildet. Die Normen der liberalen Gesellschaft haben sie irgendwann über Bord geworfen, das Andenken daran verblasst, bis die soziale Zusammenrottung sich selbst nicht mehr als Gesellschaft begreifen würde, wenn man es ihr nicht unaufhörlich sagen würde: zu Weihnachten, im Wahlkampf, vor dem Krieg. Wie der Populismus sich aus der Krise speist, gebiert er neue Krisen, die zunehmend den kleinen Mann auf der Straße treffen und es notwendig machen, ihm uniforme Meinung und konformes Verhalten vorzuschreiben. Was in einer Volksmasse ohne Pluralität auch recht einfach geht. Wenn erst einmal alles am Boden liegt, ist halt auch ein stabiler Zustand erreicht. Aber das ist dann halb so schlimm, denn dafür wird dann keiner mehr verantwortlich sein wollen, weshalb auch keiner mehr dafür verantwortlich sein wird. Und das geht auch erstaunlich gut. Bis zur nächsten Krise.





Der Jahrkreis (VI). Juni

6 06 2021

So hell und freundlich strahlt der Frühlingshimmel,
man fühlt sich wie in allerfeinster Kunst.
Auf Erden zeigt sich allerhand Gewimmel,
das tiriliert und pfeift im Morgendunst.

Dann steigt die Sonne auf. Die Alten schmunzeln.
Was sehen sie, was dort die Jugend tut,
lässt sie mit Ironie die Stirne runzeln.
Nichts ändert sich. Und das ist wohl sehr gut.

Halt ein! will man zum Augenblick wohl sprechen,
das Dasein fassen, wenn es uns denn lässt,
den Gang der Tage einmal unterbrechen,
nur einmal. Denn das Leben ist ein Fest.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXVI): Antiintellektualismus

28 05 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Selten gab es bisher Gelehrtenrepubliken, nicht eben häufig wurden die Experten befragt an den Nahtstellen der Geschichte. Gerne dienert man vor Professoren und Titelträgern, heimlich aber blüht die Verachtung der Gebildeten als Eierköpfe weiter und führt zum putzigen Paradoxon: dass nämlich zu viel Denken schadet, während man pauschal die Schüler schilt, die nicht beflissen büffeln. In einer Gesellschaft, die sich Bildungsfeindlichkeit nicht leisten kann und deshalb den Mangel an Wissen mit verbissener Wut heranzüchtet, bleibt die Neigung zur Blindheit nicht verborgen, der gehegte Wunsch nach Antiintellektualismus.

Prächtig gedeiht der Populismus, mitunter auch in Parteiform, wo Hoch- und andere Schullehrer das Heft führen, dozieren, besserwissen, abkanzeln und ihre bestenfalls seit Studententagen gepflegten Seil- wie Freundschaften produktiv sein lassen. Was sie dem Volk verkaufen, ist jedoch nicht der Glaube, die oberen Ränge würden es kraft Rüstzeug in der Birne auch politisch richten, sondern der kalte Hass auf alte Führungsschichten, die – wie die neuen übrigens auch – aus Intellektuellen bestehen und wie ein arroganter Überbau wahrgenommen werden sollen, den es mehr oder weniger gewaltsam zu entfernen gilt, wenn sich alles ändern soll. Der Hass auf die Eliten, wer auch immer das sein mag, wird dem Proletariat als heiliger Auftrag verkauft, die Abneigung gegenüber weltoffener, pluralistischer Denkweise, die diesen Namen überhaupt verdient.

Nicht eben zufällig lehnen Rechtstotalitäre jede intellektuelle Regung des Geistes ab, da sie unter Umständen auf unliebsame Fakten stoßen könnte, die der ehernen Wahrheit im Fundament der reinen Doktrin nicht mehr in den Kram passt. Kultur ist verdächtig, weil sie sich über die Schranken des erlaubten Denkens hinwegsetzt, der Verstand muss dem Fortschritt entsagen, da es bekanntermaßen in der Erkenntnis keine Entwicklung mehr geben darf, die am Ende an den Grundfesten rüttelt. Die großen Umbrüche, allen voran die Werte von 1789, müssen zurückgedreht werden, sonst verschwiemeln sich die völkischen Konstrukte im eigenen Aushub.

Geschenkt auch, dass die Geistesfeindschaft der Gestrigen im Technikfetisch einen quasireligiösen Gegenpol findet. Was aber bleibt in der Ablehnung von Vernunft und Rationalismus, ist die deutlich sichtbare Wissenschaftsfeindlichkeit weiter Kreise derer, die des Populismus als Krücke bedürfen. Bis in die elitären, halbgebildeten Führungskreise wird jede theoretische Reflexion vermieden, was nicht das Weltbild stützt, steht unter Generalverdacht und gerät schnell in Konkurrenz zu alternativen Fakten. Die konfliktscheuen Moderierungsregierungen, die lieber mit Extremisten kuscheln, setzen auf stumme Unterwerfung, und so dominiert die Emotion die Ratio, die Intuition die Logik, bis uns wieder die flache Erde aus Hohlschädeln entgegenkommt.

Doch begeht der Antiintellektualismus seinen größten Verrat nicht an den Intellektuellen, sondern an denen, die er zu vertreten vorgibt, während er sie in Wahrheit nur dumm zu halten versucht. Kein öffentlicher Dissens entsteht, kein dialektischer Disput kann sich entwickeln, wo eine scheinbar abgehobene Klasse dem Proletariat ihre Ideen nicht diktieren darf – das übernimmt die Führerkaste aus Menschenfreundlichkeit lieber selbst. Um ganz sicher zu gehen, zerstört die nun herrschende Rotte auch die Wissenschaft als System, und zwar an der Wurzel. Das geht mit der Ausweitung der prekären Arbeit vom Fließband auf die Hochschulen, die mit befristeten Stellen und beschissenen Zeitverträgen ausgehöhlt und sturmreif geschossen werden, bevor ein geradezu sadistisch anmutendes Verfahren des Aussiebens nur die glattgelutschten Angstbeißer in die Nähe der Lehrstühle lässt, während sich das Assistenzvolk in den Burnout promoviert. Würde der Doktorgrad bei ein paar Lautsprechern in den Parlamenten nicht ausschließlich für ein bisschen Abkürzung auf der Visitenkarte angestrebt, die dafür verballerten Ressourcen würden Begabten weiterhelfen, eine aussichtsreiche Laufbahn in der Forschung zu beginnen. So bleibt es akademisches Gemüse, die formale Eintrittskarte in einen Stand, in dem Wissenschaft nichts zählt, nur die Tatsache, dass man sich nicht mehr in ihren Niederungen herumtreiben muss.

So hat die Aufklärung mit der Überzeugung von Gleichheit die Mittelschicht derart versteift, dass sie einer als soziale Auslese missverstandenen Schicht das Recht abspricht, die intellektuelle Führung über die Gesellschaft zu besetzen. Was der geistigen Sphäre als empirische Tatsache gilt, wird von den Spießerhirnen als Meinung abgetan: Klimatologie, Relativitätstheorie, Virologie, das heliozentrische Weltbild. An US-amerikanischen Universitäten, vor allem in den ökonomischen Fachbereichen, gilt Betrug bei schriftlichen Arbeiten längst als sozial akzeptiert, da die Ergebnisse unwichtig erscheinen; die deutsche Politik schließt fleißig auf. Schon gilt der Geist als dekadent, da er nicht tatkräftig ist. Wir werden es im Auge behalten, wenn die Meere das Festland überspülen. Die Wissenschaftler werden schuld sein. Sie hätten ja einfach etwas anderes prognostizieren können.





Hier irrt der Dichter

23 05 2021

für Robert Gernhardt

Man kann mit Versen gut verallgemeinern,
was ich im Allgemeinen auch gern tu,
um meine Wirkung nicht noch zu verkleinern.
Doch bin ich eben ich, nicht es, nicht du.

Ich kann auch nur begrenzt in andre schlüpfen.
Von außen sehe ich dann Kopf und Bauch.
Da oben kann ich schwer den Deckel lüpfen,
und untenrum misslingt es mir dann auch.

Als Dichter greife ich stets zu den Sternen,
damit gleich jeder merkt: ja, der macht Kunst.
Vom Boden muss man sich dazu entfernen,
der Nachteil ist: da oben ist bloß Dunst.

So bin ich für Verächter noch viel schlechter.
Das macht es für Verklärer noch viel schwerer.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXIV): Konservativismus

14 05 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Französische Revolution bescherte der Welt viele schöne Dinge: die Republik, Restaurants der gehobenen Küche, bequeme Freizeithosen und die Weltanschauungen des Liberalismus sowie des Sozialismus, geboren aus dem Geist der Gleichheit. Spätestens zum Ende der Hochphase aber kippte die Stimmung, denn was gab es für die Kaste der Besitzenden schon zu verlieren als die Ketten, die sie sich durch ein paar Jahrhunderte Ausbeutung und Unterdrückung eingehandelt hatten. Der Citoyen war eine nette Idee, die Besitzbürger aber siegten und machten sich einen hübschen Lenz daraus, zur Abwechslung während ihrer Jeunesse dorée auf die Unterschicht zu schießen. So wurde der Grundstein gelegt für die wichtigste politische Idee kommender Epochen, den Konservatismus.

Aber was ist aus ihm geworden? Im Gegensatz zum Sozialismus, der Inkarnation des Bösen, wo es keine Bananen gibt und Fabrikanten dieselbe Rente bekommen wie Fabrikarbeiter, zum Liberalismus, der die narzisstische Persönlichkeitsstörung zur Kunstform aufbläst, hat das trotzige Aufbäumen der Beharrer nicht einmal ein eigenes Programm außer zu ignorieren, dass sich Dinge ändern. Sie wollen einfach nicht einsehen, was auch ohne ihre bräsige Opposition passieren würde. Die Zeit läuft an ihnen vorbei, die gute alte Zeit, in der es Dampfschiffe gab, Postkutschen, später auch Schreibmaschinen. Ihre Frauen waren noch Haustiere, die Kirche hatte grundsätzlich recht, eigentlich war der Krieg ganz lustig gewesen, sie haben ihn auch nicht verloren, die anderen haben nur gewonnen, und wenn nicht überall böse Fremde herumlaufen würden, wäre die gutbürgerliche Epoche, die eigentlich nie existiert hat, nicht vorbei. Deshalb pochen sie auf Werte.

Werte? Guter Witz. Was unter diesem Etikett zusammengeschwiemelt wird, ist moralgesättigte Abwehr des Denkens, die sich gegen Veränderung imprägniert. Der Schutz des Lebens ist vor allem für Ungeborene eminent wichtig, für Moribunde, aber nicht für das Reinigungspersonal. Als soziale Normen werden sie von einer ängstlichen Schicht in Beton gegossen und gelten definitionsgemäß nur für die Untergebenen. Eine offene Gesellschaft ist dem Konservativen verhasst, da deren sittliche Vorstellungen in der Gegenwart liegen und sich nicht ins Gestern hieven lassen – schaudernd steht er vor den Versprechungen der Verfassung, die er nie anzweifeln darf, da er für Law & Order bestallt wurde, und arrangiert sich mit seiner Art von Ethik: Grundrechte, aber eben nicht für alle. Er begründet dies gerne mit der Hierarchie, die die harmonische, göttliche Ordnung des Ständestaates noch gehabt hat, bevor die Knechte Teufelszeug wie Demokratie und Menschenrechte aus der Hölle holten.

Werte! Nicht von der Religion geschaffen, in mühseliger Kleinarbeit und oft gewaltsam gegen sie durchgesetzt, um eben die bürgerliche Gesellschaft zu etablieren, für die sich bourgeoise Pimpfe halten. Stünde das vor dem Affenkäfig, man wüsste, wer da mit Kot schmisse. Als letzte Larmoyanz popelt sich der konservative Klötenkönig zum Nachweis des Machtanspruchs das christliche Menschenbild aus der Nase. Das Menschenbild, das sich bei noch nicht ganz vollgelaufenen Intensivstationen kaum entscheiden kann, ob man das Pflegepersonal mit mehr Pandemiepatienten oder durch die totale Abschaffung aller Verkehrsregeln im Namen der Freiheit voll auslasten soll – nicht vergessen, die von den Berufschristen geforderten Freiheiten im Sinne des Grundgesetzes sind Dienstleistungen, die überwiegend von Ungeimpften erbracht werden, und die Christlichkeit besteht allenfalls darin, ein paar Niedriglöhner für die gute Sache zu opfern. Also für das Kapital. Und die Wiederwahl.

Im Endeffekt geht es doch nur darum, sich ohne gesellschaftliche Konsequenzen – die juristischen räumt eine Rotte teurer Rechtsanwälte schon weg – die Taschen vollzustopfen, gerne auch durch reiche Zuwendungen zugewandter Reicher, die mit einem privaten Trickle-down gnädig ihre Domestiken in Freilaufhaltung füttern, während sie mit den kleinen Leuten besser nicht in Berührung kommen wollen, es sei denn in Form der durch sie erwirtschafteten Renditen. Der konservative Politiker ist eine Art Hündchen, vielseitig verwertbar zum Kläffen, zum Beißen und zum Männchen machen.

Die Lächerlichkeit der Konservativen zeigt sich in der Ablehnung von Natur- und Klimaschutz, die als Bewahrung der Schöpfung tatsächlich zu den religiös motivierten Ideen einer wertorientierten Haltung zählen könnten, während die blindwütige Technikgläubigkeit ohne Rücksicht auf Verluste die peinlichste Attitüde der Traditionsbehämmerten ist, der quasi esoterische Glaube, irgendjemand würde gegen alle Widrigkeiten der Welt patentierbare Wundermittel erfinden. Aber bestimmt schlummert auch hierin nur der Wunsch, sich an dem Zeug dumm und dämlich zu verdienen.

Konservatismus ist Heimweh nach einer Utopie von Vergangenheit, Sehnsucht nach weltfremden Idealen, an denen man die Weltfremdheit lobt, weil man nur so mit dem Finger auf alle die zeigen kann, die ihnen nicht entsprechen. Was wären wir ohne ihn, wenn nicht glücklich im Hier und Jetzt.





Der Jahrkreis (V). Mai

9 05 2021

Ach, süße Nacht! als wären alle Nächte
nur da, dass man sich tags nach ihnen sehnt,
was jede Nacht an Seligkeit dann brächte,
wenn man verträumt sich an den Himmel lehnt.

Nur leise ahnt man, das, was man anfänglich
umschwärmte, ließ im Dunkel man zurück.
Wie Schatten sind auch Träume rasch vergänglich.
Nicht alles, was man dafür hält, ist Glück.

Doch was soll Wehmut? Lieder, die verklangen,
sind wie verwehter Wind, erloschne Glut.
Die Bäume schlagen aus, und ein Verlangen
zieht uns hinaus und schenkt uns neuen Mut.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXII): Hoffnung auf die Apokalypse

30 04 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Seitdem seine Sippe nicht mehr auf, sondern nur noch in der Nähe von Bäumen hauste, hatte Rrt die Angewohnheit, mit milder Skepsis in die Zukunft der Hominiden zu blicken. Gewiss, es gab ständig neue Erfindungen – Schwager Uga hatte kürzlich einen Faustkeil mitgebracht, einer seiner Söhne war mit dem Flechten von Birkenbast beschäftigt, und das lederne Gluttäschchen war aus dem modernen Mehrsippenhaushalt auch nicht mehr wegzudenken. Aber hatte dieses Dasein nicht längst seinen Zenit überschritten? War nicht alles nur Ablenkung, dass die Evolution sich offenbar auf dem absteigenden Ast befand und das Ende der Menschen, so wie sie sich selbst begriff, nur noch eine Frage der Zeit sein sollte? So dachte der Alte und so denken nicht eben wenige noch heute, oder: heute wieder und erst recht, denn sie haben scheint’s Anlass dazu. Am liebsten wäre es ihnen, der ganze Karneval wäre endlich vorüber. Dann gäbe es Hoffnung auf die Apokalypse.

In was für einer beschissenen Welt wir gerade leben, muss man doch ernsthaft keinem erklären – der Planet erwärmt sich, während die Politiker mit letzter Verzweiflung ihre Taschen füllen, ganze Generationskohorten auslöschen, nichts dagegen unternehmen, dass das Bier immer teurer wird und die Damenmode zu einer Art Brechmitteleinsatz für zu schwache Nerven. Es soll Supermärkte geben, in denen man samstags nach achtzehn Uhr keinen frischen Spargel mehr bekommt. Der soziale Druck wird immer größer, sich ständig neue Telefone und Straßenpanzer anzuschaffen. Man kann sich zwar zwei Wochen Malle leisten, aber es gibt keinen einklagbaren Platz am Pool. Dazu leben wir in einer Diktatur, die derart diktatorisch ist, dass man vor laufender Kamera sagen kann, man lebe in einer Diktatur. Es wird Zeit, dass der Planet verdampft.

Was auch immer sich die Grützbirnen im Suff aus dem Stammhirn schwiemeln, sie verwechseln zwei Dinge: man kann das Schlechte in der Welt sehen, man kann sich damit abfinden oder nicht, aber man kann es auch aus der eigenen Lust am Untergang zulassen, fördern, herbeireden. Je mehr der Doofe die schrecklichen Begleiterscheinungen seiner im historischen Vergleich dufte verlaufenden Durchschnittsexistenz als Fetisch umtanzt, um nur ja nichts daran ändern zu müssen, desto mehr hat er auch einen Grund, irgendwann zuzusehen, wie sich der Rest der bigotten Bizarrerie in Dünnluft auflöst. Es ist damit die angenehme Rechthaberei gesichert, nichts unternehmen zu müssen, da ja alles sowieso in die Grütze geht. Wie schön für Menschen, denen außer Selbstmitleid nichts mehr einfällt.

Wenn immer mehr Politiker sich als glitschige Gnome herausstellen: wählt sie ab und lasst sie in der Versenkung verschwinden. Beleidigt die Niveauuntertunnelung von Talkshowlaberern den Intellekt des gemeinen Sofahockers: schaltet die Glotze ab. Nervt das Gesülze grenzdebiler Schnackbratzen auf der Jagd nach Aufmerksamkeit: schenkt ihnen eine Tüte Vollignoranz. Statt über die ekligen Schröcklichkeiten einer von Knalldeppen erzeugten Mistwelt zu greinen, die man eigentlich nur zu Klump kloppen kann, wie wäre es mit der einfachen Lösung, blutdrucktreibende Nervzwerge durch unverbindliche, aber stumpfe Gewalt aus der Reichweite zu katapultieren, damit sie niemandem mehr auf den Zwirn gehen können? Ist nicht dieses Dasein gleich viel schöner, wenn man einem der unzähligen Flusenlutscher die Tür von außen zeigt?

Nicht positives Denken als Allheilmethode hilft gegen die zwanghafte Zernichtung, die sich als neurotischer Nährboden von Weltschmerz, Gram und allerlei Leiden erweist, sondern konstruktives. Gegen den Spießer, der aus Tran Trauerflor am Schlafanzug trägt, helfen keine Durchhalteparolen; er würde sie selbst nicht durchhalten. Gegen diese Spezies, die nur dann behaglich in den Regen guckt, wenn sich alles gegen ihn verschworen hat, um ihm das Leben schwer zu machen, brauchen wir Lösungen. Wobei der schwermütige Schwachmat für jede sofort ein Problem basteln wird.

Fast hat er gewonnen, der Fadfinder, der die vielen Schwierigkeiten einer komplexer werdenden Welt in ihrer klebrigen Zusammenballung für eine Aufforderung zur Kapitulation hält. Sicher sieht er auch die Unausweichlichkeiten, Einkommensteuer, Brotpreis und Tod, als persönliche Beleidigung. Es bleibt ihm nur der platte Populismus, dass früher alles besser war, wofür es logischerweise einen Sündenbock geben muss, und schon weimert der Beknackte, dass er von populistischen Hackfressen umgeben ist, die große Probleme auf unsinnige Lösungen herunterbrechen. Die Apokalypse ist da, und der Nieselpriem freut sich heimlich, dass es gar nichts zu freuen gibt. So tiefe Befriedigung ließe sich nur mit Optimismus gar nicht erzeugen.

Es gibt Tage, an denen leben diese Menschen vom Prinzip Hoffnung. Manchmal entwickeln sie eine Art Zuversicht, die sich auf die großen und bahnbrechenden Entdeckungen der Zivilisation berufen: der menschliche Geist ist größer als alle Furcht. Es gibt so vieles, das uns weitergehen lässt. Die Hoffnung stirbt zuletzt, sagt der Apokalyptiker. Aber sie stirbt. Alles wird gut.





Die Priester

25 04 2021

Nur eins ist ärmer noch als alle Götter,
es ist der Priester, der die Menschen narrt.
Dort stehen sie, in Angst und Schmerz erstarrt,
und hoffen unterm Himmel auf die Retter,

die Zorn verkünden laut in Sturm und Wetter,
dieweil ein Magier lächelt hinterm Bart,
wie er genau so auf die Sonne harrt
und seinesgleichen ist ein übler Spötter.

Sie spielen mit den Mengen, weil die Mächte
sie reizen, so verkleidet als Gerechte
die zu bestrafen, andere zu trösten.

Doch ist ihr Schicksal gleich. Dieselben Leiden
ereilen sie, sie werden nichts vermeiden
und wissen: keine Götter, die erlösten.