Der Jahrkreis (X). Oktober

10 10 2021

Wie unter einem Teppich liegen Flächen
von Laub bedeckt. Das Tageslicht ist matt,
will dem Betrachter nicht zu viel versprechen.
Wohl dem, der nun Erinnerungen hat.

Man schreitet durch die Zeit. Auf einer Lichtung
verliert sich Vorwärts, Rückwärts wird vergehn.
Gleichwohl hat jeder Gang auch eine Richtung.
Wer sie behält, erkennt: dort ist es schön.

Gut möglich, dass man am Gedenken leidet.
Wo man vermisst, hat man einmal begehrt.
Entscheidend ist, wer sich dafür entscheidet,
dass uns bald wieder Gutes widerfährt.





Hausmittel oder Weiter so

26 09 2021

für Wilhelm Busch

Es geht dem Michel gar nicht wohl,
er fühlt sich kraftlos, müd und hohl.
Zunächst versucht er’s treu und brav
mit einem Gläschen Wein und Schlaf,

und wenn er auch in Schlummer sinkt,
es ist nichts, das ihm Tröstung bringt.
Dem Michel wiegt der Kopf gar schwer.
Jetzt muss der Onkel Doktor her.

Es kommt sogleich der gute Mann
und sieht ihn aus der Nähe an.
Dass er sein Leiden nicht verschleppt,
bekommt der Michel dies Rezept:

„Die beste Speise, die es gibt,
ist kräftig, deftig, wie man’s liebt,
doch nur, was hier im Garten sprosst,
kurzum: zuvörderst leichte Kost.

Auch braucht es reine, klare Luft,
der Bergeshöhen Kräuterduft,
und da es dort zumeist recht kalt,
geht man, wenn’s warm ist, in den Wald.

Vor allem härte man sich ab
und bleibe alleweil auf Trab,
wobei man achte, wenn man satt,
dass man viel Ruh und Schonung hat.“

Da sich der Doktor niemals irrt,
stutzt Michel und ist schwer verwirrt.
Doch insgeheim ist er nun froh,
die Botschaft lautet: weiter so.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXXXII): Denkmäler

17 09 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Kurz bevor das ganze Reich unterging, ließ sich Aššur-bāni-apli noch mal in voller Montur samt Krönchen ins Relief dengeln, wie er mit Pfeil und Bogen Großwild jagte. Als Ganzfigur mit Bart und Korb warb er für assyrischen Wohnungsbau, dann war auch bald Schicht im Schacht. Mehr noch als in der Antike, im Mittelalter, erst recht in der Neuzeit war den Völkern des Altertums klar, dass alles recht vergänglich ist. Dynastien kamen, Dynastien gingen und wurden von Schutt und Asche bedeckt, damit kommende Herrscher auf rauchenden Trümmern neue Verwaltungseinheiten organisieren konnten, die die Machtverhältnisse gründlich neu ordneten und schon durch das Erscheinungsbild monumental angelegter Kunst im öffentlichen Raum änderten, was es zu ändern galt. Hier und da meißelten die dienstbaren Geister die Grinsrüben aus dem Fels, wie sie noch heute in jedem besseren Personenkult von Mauern und Fassaden hängen, sofort guckte der neue König so gütig wie machtvoll aufs Volk, kurz: der alte Klotz war weg, der neue Klotz war da. Wozu braucht es da heute noch Denkmäler?

Die Herren der Macht, und es sind immer nur Männer, Ottokar der Dehnbare, Kurfürst Heribert von der Klappstulle und irgendein Friedrich von Dingenskirchen mit Pelz und Perücke, haben sich größtenteils in Eisen gießen lassen, lungern nun auf steinernem Podest mit güldener Inschrift, damit sie keiner mit dem Gründer der städtischen Hunde-Wasch- und Reinigungsanstalt verwechselt, in den fußläufigen Zonen nahe Kirchen und Rathäusern herum, werden fotografiert, mit Pappnasen und Altpapier verschwiemelt und dienen allenfalls als Treffpunkt für Jugendliche, die vorabends alleine in modischer Kleidung mit flamboyantem Schuhwerk auf ihresgleichen warten. Trostlos fürwahr, und da ist das Denkmal nicht einmal mit eingerechnet. Die knöterigen Staubfänger längst vergangener Epochen stehen störrisch im Stadtbild, ohne die Aufschrift wüsste kein Passant, ob es sich um einen Kaiser, einen König oder den Erzherzog einer nicht mehr existenten Provinz handelt – mit Aufschrift weiß es auch keiner, aber wen kümmert das schon.

So schön ersichtlich an berittenen Deppen in rostiger Wehr, wie sie Reklame für den nächsten Krieg machen, für Preußens Gloria und Schlesiens Untergang, so zweifelsfrei stehen die dominanten Hohlkörper für nichts mehr, was mit der Gegenwart auch nur entfernt zu tun hätte. Allein die in alle teutonischen Weichbilder gerummsten Bismarcke verkünden nur noch mit Getöse die Apotheose von Pickeln auf der Haube, neben denen der Deutsche gerade noch genug Zeit für Kolonialismus hatte und den Platz an der Sonne mit Leichentüchern sicherte. Die Erinnerungskultur richtet sich an unterkomplex denkende Weichstapler, die mit Geschichte nicht viel am Hut haben, sonst müssten sie das präpotente Säbelrasseln der nationalen Besoffenheitsapostel ganztägig reflektieren. Womit schon.

Das Denkmal hat vielmehr die Aufgabe, alles an Geschichte zahnschonend zu verklittern, was den künftigen Generationen Probleme beim Schlucken verursachen könnte. Steht irgendwo am König vor dem Katasteramt, dass er ein mieser Militarist war, ungewaschen, versoffen und rassistisch dazu? Da das, was auch immer das ist, früher nun mal so war, müssen wir uns eben damit abfinden, dass man auf dem Weg zum Supermarkt an Antisemiten vorbeiradelt, an Arschlöchern, die zur Finanzierung eines neuen Lustschlosses mit Menschenhandel und Zwangsarbeit ihre eigenen Untertanen in den sicheren Tod trieben oder auf der Jagd durch Privatwälder ihre Tage herumbrachten, während das Volk nicht einmal Brennholz sammeln durfte. Es fehlt an den einordnenden Hinweisen, die Kriegsherren und Fürstbischöfe als zwielichtige Egoleptiker kennzeichnen, die hinter den blinden Flecken der Historie in Deckung gehen.

Interessant nun, dass man Saddam und Stalin, Hitler und Pol Pot sauber abgesägt, Putschisten wie Lettow-Vorbeck oder die Nagelbirne Hindenburg ordentlich entschuldigt, Wissmann, den Schlächter von Ostafrika, allenfalls einlagert, sobald sich eins an den Sklavenhandel als Grundlage für deutschen Wirtschaftsaufschwung erinnert. Überhaupt ist es die germanische Eigenheit, Wohlstand auf Kosten fremder Ethnien, jenes deutsche Wesen, das die Welt gerade noch überlebt hat, als Errungenschaft der Eliten in Erz zu kippen und irgendwo in eine Grünanlage zu stellen. Jede Gesellschaft vererbt ja die Vorbilder, die sie für geeignet hält, über ihre Tage hinaus zum Idol zu taugen, rituell angebetet zu werden und zur intellektuellen Auseinandersetzung in der Gegend herumzustehen – in der Reihenfolge. Es geht ja weniger um Authentizität, erst recht nicht in den übrigen Randbereichen des Erinnerns, Krieg oder Genozid, sondern um die Sakralisierung, die unsere Säulenheiligen im säkularen Umfeld notfalls museumstauglich macht, irgendwo eingeklemmt zwischen Pathos und Kitsch. Wenn sich der Spießer schon Bismarck als Aschenbecher und Bierhumpen in die Bude stellt, warum dann nicht auch Hitlern als Klobürste, wie es seine Kriegsgegner taten? Es gäbe da, um die objektive Verwertbarkeit der Geschichte zu gewährleisten, manche Möglichkeit.





Der Jahrkreis (IX). September

12 09 2021

Die Sommerseligkeit ist kaum verklungen,
da öffnet sich die Welt, und man genießt,
als wäre einer Künstlerin gelungen,
dass alles warm in goldnen Tönen fließt.

Die ersten Vögel ziehen in den Süden
wie ein gemaltes Band von feinem Glanz.
Ein letztes Mal ist uns der Blick beschieden,
dann geht er aus dem Sinn. Ein letzter Tanz.

Doch bleibt ein Bild in uns, daran wir denken,
und lässt uns bis zum Schlummer nicht mehr los.
So ist es mit den herzlichsten Geschenken,
erwartet man sie nicht, so sind sie groß.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXXX): Der Gerechte-Welt-Glaube

3 09 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Uga war ein mieser Drecksack. Wie er aus Lust am Übeltun dem Neffen ein Bein stellte, die eigene Tochter für ein paar lausige Buntbeeren im tiefsten Winter aus der Höhle jagte oder seiner Schwägerin vor versammelter Sippe das Dachsfelloberteil an der morschen Knochenklemme öffnete, das blieb noch weit über sein Ableben hinaus Gesprächsstoff am Feuer, wobei eben dieser Hintritt, den ein übel gelauntes Panzernashorn beschleunigte, alle mit dem Leben dieses Taugenichts versöhnte. Er war so gestorben, wie er gelebt hatte: kein schöner Anblick und dennoch unvergesslich. Moralisierend fügte man stets hinzu, dass ausgleichende Gerechtigkeit für dieses spektakuläre Ende verantwortlich sei, in den ersten Generationen eine rein spekulative Art der Metaphysik, in der Folge aber ein fast religiös wirkendes Prinzip. Uga war selbst schuld, wie sonst sollte man an eine gerechte Welt glauben?

Seitdem die Existenz komplizierter wurde, nein: seit wir genug Glibber in der Hirnschale haben, um deren Komplexität zu kapieren, denken wir uns die Grütze bunt. Im Frühstadium der Hominisation gab es ebenso Unfälle und Kümmernis, und mit genug mentaler Rechenleistung reicht schon die emotional aufgeschwiemelte Egowahrnehmung, die sich fragt, warum man selbst vom Blitz getroffen wurde und nicht die Knalltüte da neben einem. Bewältigt der Randomschnösel seine Bruchlandung besser als der subjektiv bessere Pausenclown, der sich bar jeder Schuld sieht und also mehr Recht auf Gutes hat? Das magische Denken ist nicht fern, das Ursache und Wirkung infantil ignoriert und in einfache Form pfropft, damit es auch simpel gestrickte Gemüter glaubensselig schlucken.

Vulgärkapitalistisch lässt sich das Konzept natürlich bestens ausschlachten, wenn man es auf links krempelt: wer mehr materiellen Reichtum zur Verfügung hat, der hat es eben verdient, wer aber arm bleibt, strengt sich nicht genügend an. Die aus dem Calvinismus geronnene Arbeitsethik hat damit nur am Rande zu tun, schließt sie doch Luxus und eitle Zeitvergeudung als törichten Abfall von jenem höheren Wesen aus, das wir alle verehren. Wo nach Glaubensgrundsätzen bedingungslos erwählt wurde, kann ja auch durch Fleiß gar nichts zu verdienen sein, während in der gerechten Welt alle Spielregeln transparent vor uns liegen: wir müssen nur in guter Absicht handeln, dann gibt’s uns irgendeiner im Schlaf des Gerechten. Die Ungeheuer werden nur zufällig geboren und jenseits der Vernunft.

Wo nun das Schicksal, die kleine Schwester der existenziellen Hilflosigkeit, ihre Selbstwirksamkeit in die Tonne tritt, haben wir das Spielfeld bereitet für die Ausschlusskriterien aus dem sozialen Spiel, das nur Gewinner kennt, indem es die möglichen Verlierer aussortiert. Arbeitslos, Krebs, mittellos geboren? Pech, und mit ein bisschen Bösartigkeit macht der spätbourgeoise Machertyp dem anderen auch klar, dass wohl die Vorsehung einen Hänger hatte, wenn eins nicht als Milliardärserbe geboren wurde. Die Abwertung des Unterlegenen ist nur ein kleiner Schritt, die Rechtfertigung seiner sozialen Unterlegenheit ein großer. Dem Opfer die Schuld zu geben hatte schon immer etwas Verlockendes für die glitschigen Geiferer, die sich ihrer Macht nicht sicher waren, und so richtet man sein moralinsauren Maßstäbe daran aus. Vergewaltigt? Dann war wohl der Rock zu kurz. Überfahren? was geht man auch zu Fuß über die Straße. Flüchtling? wir können nicht alles gleichzeitig plattbomben. Die ungerechte Welt wäre bedrohlich, da sie die angeblich gerechte Fügung auf alle verteilen würde, und was würde da die reiche Geburt nützen?

Wir lassen uns von einer Rotte neoliberaler Klötenkönige einreden, die Investition in unsere – also ihre – Zukunft sei nur dann vernünftig, wenn wir an das gute Ende der Mission glauben würden. Jede Wirtschaftskrise, jeder Bankencrash durch die marodierenden Heuschrecken wäre unabänderliche Entwicklung, nicht einmal durch Insiderdeals zu lenken. So wird auch der Wagemut der Anleger zur sinnlosen Tapferkeit verklärt, während sich die Verlierer mit ihrer Bestimmung abfinden müssen. Hämmern wir es ihnen oft genug in die Rübe, so sind sie geneigt, ihr Geschick als gerechte Strafe zu verstehen, auch wenn sie nicht begreifen, wofür sie eigentlich büßen sollen. Zugleich lernen sie, dass die Autoritäten, die sie anerkennen sollen, sicher auch billig zu ihrer Autorität gelangt sind, also keinerlei Schuld tragen – es ist also nicht statthaft, an ihrer moralischen Integrität zu zweifeln, an ihren akademischen Graden, an ihren Steuerzahlungen. Was wie ein hohler Belohnungsaufschub aussieht, nämlich auf die Vergeltung am Ende eines sinnlos langen Lebens zu hoffen, stabilisiert nur die absurd anmutenden Tugendregeln, an die sich kleine Leute zu halten haben, damit ein Gesellschaftsvertrag des transzendenten Gerechtigkeitsempfindens weiter existiert. Kleine Sünden, sagt der Volksmund, werden sofort bestraft, große scheinen dagegen nicht sündhaft zu sein, denn wie sonst sollte man damit durchkommen, ohne seine gerechte Strafe zu erhalten? Es ist schwierig. Wahrscheinlich haben wir es nicht verstanden. Wahrscheinlich haben wir es nicht besser verdient.





Der Jahrkreis (VIII). August

1 08 2021

Bis gestern rann der Schweiß von unsern Stirnen,
jetzt wird der Abend seltsam blau und rot.
Schon schwellen an den Zweigen Äpfel, Birnen
und auf den Halmen Korn für alles Brot.

Noch ist es Sommer, jedenfalls am Tage.
Ganz unbemerkt verliert er die Gestalt.
Die Vögel singen sanft die leise Klage,
die in den Sternen brüchig widerhallt.

Es ist nicht Schwermut und auch keine Trauer,
und doch ist nicht zu sagen, was es ist.
Das Jahr, das ganze Leben ist von Dauer,
wenn man begreift, woran es sich bemisst.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXXIV): Träges Wissen

23 07 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es musste noch nicht einmal besonders viel in der Entwicklung des Hominiden schiefgehen, um die Ausbreitung seiner Art mit Hilfe einer Auslese zu regulieren. Ugas Schwippvetter hatte in seiner Jugend oft die wohlschmeckende Buntbeere direkt vom Strauch genascht und dabei die grünen Früchte ausgelassen. Zwar schmeckten die nicht bitterer als andere unreife Pflanzen, waren aber in diesem Zustand höchst unbekömmlich und wiesen mit Brechdurchfall und Wahnvorstellungen den Weg in die ewigen Jagdgründe. Im vollen Mannesalter, was seinerzeit nur ein paar Jahre später war, hatte sich der von Bratspieß und Körnerbrei verwöhnte Kerl nun also ans Sammeln gemacht, unter Ausblendung des Instinkts alles in den Verdauungstrakt gepfropft, was nahrhaft schien, und war alsbald abgetreten. Schuld war nicht seine Dummheit oder gar die reine Vergesslichkeit, das Problem war das träge Wissen.

Im Gegensatz zum aktiven Wissen, das aus der Erkenntnis der Dinge entspringt, sich in einen pragmatischen Zusammenhang einbinden lässt – Schuhe zubinden, Uhr lesen, bei Traueransprachen Fresse halten – und Lebensalltag, soziale Normen sowie das Überleben als Individuum erleichtert, ist das träge Wissen selten Sachverhalt oder begründet durch das Für-wahr-Halten. Aktives und passives Wissen kann schwinden, auf natürliche Art, wenn die Hirnrinde weich wird, Kollege Nachtfrost oder sein Begleiter Alkohol sich häuslich einrichten. Passives Wissen, die Hauptstadt von Honduras oder der Unterschied zwischen Altona und Altena, sind dabei nicht ganz so gefährlich, es sei denn, man ist gerade Quizshowkandidat oder will unbedingt als Bundeskanzler untergehen. Aktives Wissen wie die Fähigkeit, sich die Schuhe zuzubinden, ohne dabei Gleichgewicht und Impulskontrolle zu verlieren, ist da schon wichtiger; wer die Speicherkapazität der Biomasse des gewöhnlichen Bescheuerten auf dem Schirm hat, der weiß, warum der Klettverschluss erfunden wurde.

Es kann vielschichtige Gründe haben, dass das Wissen untertaucht. Zum einen wissen wir in alter Tradition immer noch, dass wir nichts wissen, was aber wir nicht wissen, wissen wir noch weniger. Wer nicht immer über eigenes Wissen nachdenkt – darf ich in die Kasse greifen, obwohl mich mein Amtseid eigentlich daran hindert, kann ich den ganzen Tag fadenscheinige Lügen rausrülpsen, die ein Eimer somnolenter Pantoffeltierchen als üblen Exponentialbullshit identifiziert – bekommt die schönsten Wissenslücken. Leider ist danach nicht mehr bekannt, wo sie sich befinden. Für Nappel, die nicht wissen, was sie denken, bevor sie nicht gehört haben, was sie sagen, kann die Lage schon mal garstig eskalieren.

Andererseits verheddern sich die meisten Lern- und damit auch nicht wenig Denkprozesse in einer gar nicht erst vorhandenen Struktur. Tschechische Vokabeln einzutrichtern mittels der Annahme, dass die reine Quantität der in die Birne geschwiemelten Wörter durch ein konstantes Verhältnis von Lern- und Vergessensleistung ausreicht, um irgendwann mit Bimsmethodik das Schweigen der Lemmata zu beenden. Das in vielerlei Fächern so berüchtigt wie sinnfreie Prüfungspauken variiert das Vorgehen, da reines Wissen verpfropft wird, eher in der Hoch- als in der Regelschule, und die notwendige Kompetenz zur Anwendung dieses Materials weder vermittelt noch examensrelevant verlangt wird. So kann sich der Kandidat fünfzig Sorten Hautpilz merken, von denen in der Praxis höchstens drei vorkommen, so dass er den Rest nicht einmal erkennen würde, wenn das ein Schild um den Hals trüge. Böhmische Begriffe und medizinische Terminologie hingegen als semantischer Smoothie brächte auch nichts. Nur zur Sicherheit, falls es jemand ausprobieren will.

Schließlich gibt es Deppen, die einmal Erlerntes nicht mehr anwenden können, weil die Anwendung auf nicht bekanntem Terrain sie überfordert: die Rettungsgasse auf der A1 lernen und auf der A8 nicht mehr wissen, wie es geht, auf einem braunen Klavier Stunden nehmen und dann am schwarzen Konzertflügel die Finger verknoten, ein Studium halbwegs zu Ende bringen, sich als Wissenschaftler etablieren wollen, Noten würfeln und dann mit Schnaps unter der Kalotte herumplärren, dass man seine verzweifelten Korruptionsbemühungen nicht von Wissenschaftlern korrigieren lassen will. Hin und wieder scheint das Wissen derart eng an den Kontext gebunden, dass schon eine minimale Veränderung der Uhrzeit ausreicht, um nachhaltiges Vakuum ins Oberstübchen zu saugen. Freilich ist das alles auch nur eine Mutmaßung, da wir nur erahnen können, wie weit sich ordinäre Dummheit zur Erklärung dieses Phänomens eignet, die so gut wie überall vorkommende Grundform jeglicher Niveauuntertunnelung, die wir erst bemerken, wenn wir auf Stelzen genau in die Löcher im Boden stapfen und eine flotte Einpunktlandung hinlegen. Der Trost der Welt scheint zu sein, dass jeder eine Chance bekommt, sich als dümmster Ernstfall im Laden zu profilieren. Bedauerlich ist die Quote derer, die diese Gelegenheit nicht verstreichen lassen wollen. Denn manchmal liegen die ewigen Jagdgründe wirklich, wirklich weit weg.





Der Jahrkreis (VII). Juli

4 07 2021

Weich ist der Sand. Viel weicher noch als Seiden
ist kindheitsweich und warm der Sand am Meer.
Die Menschen suchen, was sie sonst vermeiden,
und reisen ihren Träumen hinterher.

Die Sonne glüht. Wir sind vom Tag ermattet.
Der Abend schließt die Pforten leise zu.
Ein Baum, der uns aus Freundlichkeit beschattet,
hat hier auf uns gewartet und gibt Ruh.

Das ist des Menschen Los: die Welt bereisen,
was in Erinnerungen uns gefällt.
So aber werden reicher nur die Weisen:
man sieht nur, wo man wahrhaft innehält.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXIX): Krise und Populismus

18 06 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Seitdem sich die Hominiden auf das Konzept Zivilisation eingelassen hatten, waren sie eigentlich immer im Krisenmodus. Nicht immer haben sie es gemerkt, mit einer etwas pessimistischen Haltung kann man Fortschritt ja auch schon mal mit Krise verwechseln, und das schwiemelt sich durch die Geschichte wie Neigung des Menschen, immerzu recht haben zu wollen und anderen die Schuld zu geben, wenn es mal nicht stimmt. Ein Zeitalter ohne Postkutschen wäre vor zweihundert Jahren wie ein Alptraum erschienen, ohne Schreibmaschine aber war noch Leben möglich. Die Europäer, besser: das, was von ihnen noch übrig ist, sterben vermutlich in naher Zukunft aus, weil sie nicht in der Lage sind, ohne zweimal im Jahr auf die Balearen zu fliegen, diesen Kontinent weiter zu besiedeln. Das reicht für eine weitere Krise, die das eine oder andere Land bis kurz vor den Umsturz bringt. Man munkelt, das Volk sei bereits gerüstet, den Rasen zu betreten. Es folgt doch nur der Weisheit, dass jede Krise in den Populismus mündet, unweigerlich.

Dass sich eine Gruppe in Problemsituationen den starken Mann herbeiwünscht und dabei allem hinterläuft, was nur laut genug brüllt, ist nicht nur durch die Aufmerksamkeitsökonomie Konfliktstoff zwischen kurzfristigen Interessen und Vernunft. Das Paradox entsteht, wenn die Frustrierten zwar in ihrer Sorge nach denen suchen, deren Kompetenz sie vor den Konsequenzen einer nicht behobenen Gefährdung schützen könnte, aber nur die finden wollen, die gleich zur vollständigen Säuberung des Gemeinwesens antreten: missliebige Minderheiten marginalisieren, Feindbilder aufpusten, konstant im Opferrollenspiel den Präventivschlag gegen den Rest der Welt rechtfertigen. Die Krise verzwergt die Person und engt ihren Blick um den eigenen Nabel erheblich ein, bis sich jeder selbst der Nächste ist – und weil die Gesellschaft im Paradox lebt, lässt sie sich die Haltung als Ausweg verkaufen, die nur in der großen Gemeinschaft funktioniert. Natürlich nur für die, die man nicht vorher schon rauswirft.

Die rein ausweglose Lage, die bei rationaler Betrachtung gar nicht so ausweglos ist, spült einen Typus an die Oberfläche, der bereits vorher in der Politik reüssieren konnte, jetzt aber als Rolemodel taugt für den Ritt in die untergehende Sonne: den Ego-Shooter, der ein Land auch dann zur Beute und in Geiselhaft nimmt, wenn er sich schon die Justiz zum Feind gemacht hat und nur noch das Ziel sieht, mit heiler Haut aus der Nummer zu kommen. Er treibt das billige Einer-gegen-alle-Spiel, das sich auch nicht zu blöd ist, eine Minderheit als gefühlte Mehrheit zu adressieren, bis es die Mehrheit als gefühlte Minderheit weiter aufhetzen kann. Da die zum Auffalten kognitiver Dissonanzen, ohne die keine populistische Ideologie besteht, zwingend notwendigen Verschwörungsrauner das alsbaldige Ende der Welt verkündet haben, bleibt die Skepsis als unsicheres Terrain, auf dem sich die Zweifler bewegen müssen. Noch schwieriger wird es, wo die Auswirkungen der Krise sich im Rahmen hielten, während die populistischen Führer sich auf die Fahne schreiben, das unausweichliche Weltende verhindert zu haben. So schrumpft und verdichtet sich das Gefolge der Knalldeppen bei jeder Runde, Arbeitsmarkt und Euro, Pandemie und Klima, und radikalisiert sich.

Nach der Krise aber ist vor der Krise, erst recht in einem durchgängigen Tanz auf der Rasierklinge, dem sich der neoliberal geschärfte Konsumismus als Staatsreligion unterwirft. Und so schüttelt sich eine gebeutelte Gesellschaft, stellt fest, dass es noch einmal gut gegangen ist, jedenfalls haben sich die Schäden in Grenzen gehalten, und geht allmählich zur Tagesordnung über, wohl wissend, dass sich am Horizont die nächste Katastrophe zusammenbraut. Am deutlichsten sichtbar wird es in den Spätfolgen für die demokratische Teilhabe, wo man gelernt hat, dass es, wenigstens vorübergehend, auch mit dem starken Mann funktioniert hat. Und so sinkt die Zeit der einen Krise gemach in die rosige Erinnerung ab, die noch jeden Morast der Geschichte erträglich macht, wenn man ihn denn überhaupt erlebt hat.

Und so lässt sich der gemeine Bekloppte auch nach der Sintflut von den folgenden Herrschern als dumpfer, materiell orientierter Armleuchter in jedes beliebige Bockshorn jagen, der nicht selbst denkt, es sich aber wenigstens einbildet. Die Normen der liberalen Gesellschaft haben sie irgendwann über Bord geworfen, das Andenken daran verblasst, bis die soziale Zusammenrottung sich selbst nicht mehr als Gesellschaft begreifen würde, wenn man es ihr nicht unaufhörlich sagen würde: zu Weihnachten, im Wahlkampf, vor dem Krieg. Wie der Populismus sich aus der Krise speist, gebiert er neue Krisen, die zunehmend den kleinen Mann auf der Straße treffen und es notwendig machen, ihm uniforme Meinung und konformes Verhalten vorzuschreiben. Was in einer Volksmasse ohne Pluralität auch recht einfach geht. Wenn erst einmal alles am Boden liegt, ist halt auch ein stabiler Zustand erreicht. Aber das ist dann halb so schlimm, denn dafür wird dann keiner mehr verantwortlich sein wollen, weshalb auch keiner mehr dafür verantwortlich sein wird. Und das geht auch erstaunlich gut. Bis zur nächsten Krise.





Der Jahrkreis (VI). Juni

6 06 2021

So hell und freundlich strahlt der Frühlingshimmel,
man fühlt sich wie in allerfeinster Kunst.
Auf Erden zeigt sich allerhand Gewimmel,
das tiriliert und pfeift im Morgendunst.

Dann steigt die Sonne auf. Die Alten schmunzeln.
Was sehen sie, was dort die Jugend tut,
lässt sie mit Ironie die Stirne runzeln.
Nichts ändert sich. Und das ist wohl sehr gut.

Halt ein! will man zum Augenblick wohl sprechen,
das Dasein fassen, wenn es uns denn lässt,
den Gang der Tage einmal unterbrechen,
nur einmal. Denn das Leben ist ein Fest.