Deutsches Idyll

17 06 2018

Ach, Hausmeister zu sein! das ist ein Leben,
als ob der Himmel täglich neu aufbricht
zu senden einen Kittel, Muff und Pflicht.
Man kann nach Höherem fürwahr nicht streben.

Ein reines Dasein, mehr kann es nicht geben,
wenn hier die Gottheit selbst aus einem spricht –
wo es an Unterordnung nicht gebricht,
ist Macht an Macht, sitzt man gewiss daneben.

Besorg das Haus, besieh drin jeden Schaden,
der Auftrag ist bestimmt von höchsten Gnaden,
und gib dem Volke aus Gebot und Richtung.

Ein Amt, zu wägen Weisheit gegen Willen,
wird endlich jeden Tatendrang einst stillen.
Es geht zum Schluss um Leitung und um Dichtung.

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Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXVIII): Fensterrentner

15 06 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es wäre doch plausibel: die Hominiden haben sich von Dackel und Erdmännchen den Zugang zur Sippenhöhle abgeguckt, und ihre einzige kulturelle Errungenschaft bestand eben darin, den Eingang des Unterschlupfs an größere Objekte anzupassen. Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, so könnt Ihr bei guten Wetter in der Öffnung stehen, in die Umgebung gucken und den anderen Stämmen als Zielscheibe für Übungen mit der Steinschleuder dienen. Temporäre Erscheinungen wie etwa der Würfelhocker, der sich sein Sitzgerät vor die Pyramide pflanzt, blieben eben dieses: temporär. Die Sphinx lag auch nur in der Gegend herum, und sie konnte nicht einmal zur Seite linsen. Allein die Geburt der Fensterbank aus dem Geiste der Neugier schuf Veränderung, und so blieb nur der Faktor Zeit, um das Phänomen zu vollenden. Geboren, nicht geschaffen, ward der Fensterrentner.

Denn er ist wahrlich ein Typus, der jäh mit dem Zeitkontingent entsteht, das im Seniorenalter leise aufgähnt, wo noch so viel Schlaf die Freizeit gar nicht auffangen kann. Kleine Hilfsmittel, Sitz- und Stützapparaturen, Kissen, Polster vervollständigen das Ambiente, in dem sich der Mensch installiert, um die Vorübergehenden zu betrachten, mehr oder weniger aufmerksam, vergleichend, kategorisierend und immer mit dem gewissenhaften Blick der abschätzenden Schläue, aus der nach mannigfaltiger Erfahrung schließlich Wissen kondensiert, so dass man nach kurzer, aber analytischer Sicht auf die Methodik begreift: der Sapiens am Fenster ist der Erfinder der Anschauung und damit der Philosophie an sich. Anders ist die Geschichte nicht denkbar.

Die Macht des Ausblickens ist allein daran erkennbar, dass sich das Fernsehen nie dagegen hat durchsetzen können; dass andererseits das gemeine Nachmittagsprogramm aus wirr verschwiemeltem Restmüll besteht, der bestenfalls gnädigen Schlaf vor der angeschalteten Glotze zeugt – das Gerät auf Standby wäre die bessere Alternative gewesen, der Pensionär im Aktivmodus – kann andererseits nicht verschwiegen werden. Doch langfristig wird die stetig gleichbleibenden Bildsuppe, die aus dem Kasten kleckert, nie die Tiefe und Wahrheit eines ganz normalen Tages haben, wie er sich in einer beliebigen Verbindung zwischen einem Kreisel und einer Hauptstraße ereignet. Die Bäume rauschen ihr lindes Liedchen, Vögel brüllen lauter als von der Gewerkschaft vorgegeben, ab und zu stört ein Jugendlicher in flamboyantem Schuhwerk den Anblick – die Hilflosigkeit des Einzeltiers, das vor der Höhle hin und wider geht, Fang für die Speere der anderen Sippe, ist hier gleichnishaft in sein Wesen eingeschrieben – und schon zeitigt die reine Vernunft ihre schönsten Blüten. Aus der Anschauung gebiert sich die Frage: Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin? Darf ich über den Grünstreifen laufen? Und flugs gerinnt alles, was den ästhetischen Trichter passiert, zu tieferer Weisheit, ganze Geschlechterfolgen an der Frucht der Erkenntnis zu laben. Wer falsch parkt, frisst auch kleine Kinder, oder: Ein Gehweg muss immer geharkt sein, sonst ist es kein Gehweg, oder: Am Sonntag hängt man keine Wäsche auf den Balkon.

Daneben übt der Fenstermann in seiner sozialen Rolle durchaus einigen Einfluss aus auf seine Mitwelt. Denn die von ihm konstatierten Zustände dieser Gesellschaft sind mit dem impliziten Postulat der Veränderung versehen. Er kann nun die rezente Damenoberbekleidung und den Lärmpegel der durchziehenden Schlachtenbummler nach dem gewonnenen Korbballspiel nur kommentieren, sein Wirkkreis bleibt beschränkt, wer jedoch den nach Recht und Gesetz an der Grundstückskante in rechtem Winkel aufgetürmten Schnee betritt, wird unter Interformation über versicherungstechnische Details zum Verlassen des Anwesens animiert. Die von Sprachduktus, Mimik und Gestik unterstützte Verlautbarung prägt die Umwelt nach einem Bilde, wie es der prähistorisch gefundene und bis in die Jetztzeit überkommene Gedanke einer göttlichen Ordnung nicht poetischer hätte demonstrieren können. Die Nähe zum priesterlichen Amt, in dem erhöht ein Einzelner thront, zu richten die Lebenden und jene, bei denen sich dieser Umstand jederzeit ändern kann, die unverkennbare Ähnlichkeit mit dem Richter auch ist maßgebliches Element für die Außen-, bisweilen auch der Selbstwahrnehmung. Die Vorstellung eines Schöpfers ist nicht abwegig, wie er sich Umgebungsvariablen zu Gemüte führt, wohl wissend, dass man diese verkekste Kreation auch nicht mehr ändern kann, wenn sich die meisten Patzer mit der Weitergabe der DNA bereits explosionsartig verbreitet haben. Nichts mehr zu machen, aber als kostenfreie Simulation eines halbwegs ansprechenden Fernsehprogramms kann man es doch hinnehmen. Es versöhnt mit der Vorstellung, dereinst selbst alt und auf Sozialentzug zu sein, und hat man das Glück, nicht in einer Plattenbausiedlung mit Sichtscheibe zum Fahrstuhl zu residieren, so bietet sich manche Möglichkeit für einen entspannten Herbst des Lebens, denn diese Welt ist doch schön – transeuntibus.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXV): Zeitsouveränität

25 05 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Irgendwann – wir wollten die Blumen gegossen haben, aber die Scheiben sind ja so schmutzig, dass man’s eh nicht mehr sieht, auf dem Schreibtisch liegen Mahnungen, in der Ferne bellte eine Maus, die für die Evolution schon mehr Zeit hatte – war der definitiv letzte Termin, das Jahresabonnement vom Fitnessstudio zu kündigen, wie das letzte Mal, und davor, und davor, und davor. Zwölf Stunden des Tages verbringt der postmoderne Nappel auf Arbeit und in Vorortzügen, zwölf Stunden mit Schlaf samt Vor- und Nachbereitung. In der übrigen Tagesmasse geht er seinen Neigungen nach, wird gelassen, ernährt sich gesund, tanzt, nagelt die Fenster zu und zimmert dem Nachbarn eine rein, der ihm die Nachtruhe zur Nichtruhe macht. Für wen, für was, und vor allem: wie gelangt er dabei noch zur Zeitsouveränität?

Am ehesten bemerken wir das Verrinnen der Zeit, wenn außer dem nichts passiert. Der Handwerker hatte seinen Termin auf das Ende der Kreidezeit gelegt, leichte Verzögerungen in Aussicht gestellt und sich danach gemütlich versteinern lassen; wir aber hocken mit Kalk an den Körperausbuchtungen in einer Art versuppender Ewigkeit und hätten in der Zeit Weltreiche planen, durchführen und in die Grütze reiten können, alles im Konjunktiv. Wir hätten fast die Weltformel entdeckt und sie mit Bleistift auf Stullenpapier in eine handliche Form gekürzt. Nebenbei wäre uns Beethovens Zehnte eingefallen, der gerade Turm von Pisa und der Tragödie dritter Teil, das kapitalistische Manifest, der Sekundenwalzer, die braungrüngrauen Pferde, und wir hätten eine Kathedrale für alles errichtet, irgendwo in einem Gewerbegebiet südlich von Gera, wo nachts sowieso keiner nachguckt, ob noch alles steht. Stattdessen haben wir Löcher in die Abluft gestarrt und uns gefragt, wo die Vokabelhefte sind.

Irgendwann, es muss kurz vor dem Eintritt in die Sekundarstufe gewesen sein, wurde jedem von einer besonders unverfrorenen Lehrkraft ins Hirn geschwiemelt, man möge immer ein Lehrbuch der Stochastik mit sich führen, ein Kompendium der Volkswirtschaftslehre oder anderer Clownerie, in der Not ein Wörterbuch Deutsch – Mandarin. In jeder freien Sekunde, bimste der Pauker den Eleven in die kognitiv nutzbare Gallerte, drückt man sich ein Schnipselchen in die Vergessensmechanik, lernt eine Vokabel, und zack! schläft an jenem Abend der Bekloppte ein im Bewusstsein, den diem so was von gecarpt zu haben, dass er gar nicht mehr zum Yolo kommen konnte. Der Legende nach sollen in der handelsüblichen Schlange vor dem Postschalter bereits Analphabeten eine komplette Habilitation in vergleichender Hieroglyphenkunden aus der Rübe gerattert haben. Wenn man gerade nicht die nötige Sekundärliteratur für eine Abrechnung mit Kant im Rucksack hat, ist das okay.

Aktuelle Lebensmodelle, gleitende Sabbatjahre oder Work-Life-Balance, übersehen den Tenor der geltenden Gesellschaft. Während wir auch mit Fieber im Urlaub für den Abteilungsleiter noch ans Telefon kriechen, weil der Daseinsdruck unseren Zwang zur Selbstausbeutung triggert, bölken die Gewerkschaften und ähnliche Laienschieltruppen von der Galerie, Flexibilität und Freiheit als Fanal für eine gesellschaftliche Freiheit zu feiern. Als gäbe es jenseits der Stechuhr ein Leben: natürlich drücken wir den Nachwuchs, kaum dass er stehen kann, in den Fremdsprachenkurs, lassen ihn Ballett und Schießen lernen, Rhetorik auf liberale Art, was man halt so braucht, um sich auf einen Burnout standesgemäß vorzubereiten.

Manchmal neidet die vermeintliche Elite den anderen, die dumm sind und keine Arbeit haben, das Glück. Sie schlafen aus, hätten theoretisch Zeit für umfangreiche soziologische Abhandlungen und bekommen scheint’s wenig Druck dafür, sie haben einen anstrengungslosen Zeitwohlstand wie nur die adligen Schmarotzer, die man eigentlich an der Laterne entsorgt glaubte. Was in der Mittelschicht als Entgrenzung der Arbeit antrainiert wurde, geht hier als Ablehnung unbedingter Selbstzerstörung durch. Der globalisierte Bescheuerte hat nur einen Sinn vor Augen, die Aufrechterhaltung seiner Funktionsfähigkeit, und die erlaubt ihm keine halbe Minute mehr in der Warteschleife.

Hatte der Hominide schon vorher wenig Sinn für das Unendliche, hier hat er auch noch die Einsicht in die Endlichkeit verklappt. Der kollateral verödete Sinn für die Sinnlosigkeit ist weg. Immerhin kommt die Erkenntnis pünktlich und raubt uns nicht noch ein halbes Leben, in dem wir von der Muße geküsst ausreichend materielle Bedürfnisse hätten befriedigen können, weil uns für die Entwicklung idealistischer Neigungen die nötige Distanz fehlte. Endlich genug Frust-Ration, jeden Tag ein Stückchen, jede Minute, in der wir das in Werbung und regelmäßig anschwappenden Predigten schöne Dasein nicht mehr genießen können, weil eine Digitaluhr dazwischen ist. Und so sehen wir die Tage verstreichen, die Rolltreppen sind defekt, der verspätete Zug hat Verspätung, die Vernunft hat Augenringe vom ständig bösen Erwachen. Schlafen können wir, wenn wir tot sind.





Vorschlag zur praktischen Durchsetzung der sozialen Gerechtigkeit

20 05 2018

Wir haben das Patentrezept gefunden:
wir lassen uns zu Hungerkünstlern bilden.
Von allen Mitteln, auch von allen wilden,
ist dieses doch noch eins von den gesunden.

Ach, wären wir doch längst darauf gekommen!
Die Reichen wären noch ein bisschen reicher,
den Armen aber fehlt kein Korn im Speicher.
Es wird fortan von ihnen nichts genommen.





Vom Ende der Welt

8 04 2018

Und als Columbus eine Welt entdeckte,
erschien es ihm, als schlössen sich die Kreise
des einen Gottes, den er damit preise,
dass sich die Gegenwart zum Ende reckte.

Das Ende aller Zeiten, das bezweckte,
dass sich die Schöpfung berge still und leise
in einem Untergang, beziehungsweise
im Aufgang, wo sich Ewigkeit erstreckte.

Zerstörung ist das Rad, das der Geschichte
die Erdenreste nimmt und ihre Wichte,
dass unser Wesen leicht zum Ende werde.

Doch wir verstehen falsch, wenn wir im Glauben
uns selbst die Sicht auf Weltenläufe rauben,
Verblendete, zerstören wir die Erde.





Erinnerungslücken

5 04 2018

Natürlich hatte ich an meinen Ausweis gedacht. „Sie würden sonst nicht wieder aus der Station kommen“, bemerkte die Schwester am Empfang. „Jedenfalls nicht so einfach.“

Verwirrte saßen auf den Bänken im Innenhof. Verwirrte standen in den Umgängen, die auf den Hof hinausgingen. „Sie sind schon fast fertig“, erklärte die Leiterin. „Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen das gerne mal demonstrieren.“ Ich verneinte. „Üblicherweise arbeitet die Medizin in die andere Richtung.“ Sie zog eine Augenbraue in die Höhe. „Wir sind ja auch Psychologen. Und wir haben diesen Ansatz so gut wie perfektioniert. Schauen Sie sich mal diesen Mann an.“ Ich sah auf den Umgang gegenüber. „Er weiß ab und zu, wer er ist und was er hier macht. Noch eine Woche, und er wird sogar das gezielt verdrängen können.“

Es handelte sich dabei um einen jungen, aufstrebenden Berufspolitiker, der gerade als Landrat Karriere machen wollte. „Vor der Wahl hat er sieben neue Kindertagesstätten, den Bau eines neuen Krankenhauses und die Umgehungsstraße am Plunderbusch versprochen.“ „Natürlich vor Zeugen?“ Sie grinste etwas schief. „Wie lange beschäftigen Sie sich jetzt schon mit Politik? Es geht gar nicht um die Zeugen, es geht um das Versprechen an sich. Er konnte sich eine Woche nach der Wahl noch an jede Einzelheit erinnern.“ Das erschreckte mich. „An jede?“ Die Leiterin seufzte. „Jede. Ein schwerer Fall, wie Sie sehen. Außerordentlich schwer.“ „Das wird das Bild des Berufspolitikers in der Öffentlichkeit massiv beschädigen.“ „Quatsch“, schnaubte sie. „Haben Sie eine ungefähre Vorstellung, was das alles kosten wird?“ Die Partei hatte ihn zügig auf die Station gebracht und sofort der Obhut des psychologischen Personals unterstellt. „Wir bringen ihm grundlegendes Vergessensmanagement bei. Wissen ist bekanntlich Macht, wenn Sie nichts wissen – macht nichts.“

Langsam begriff ich, worum es hier ging. Je mehr wir wissen, desto mehr denken wir nach, je mehr wir über uns reflektieren, desto eher geraten wir in Zweifel – ich denke, also spinn ich. Das Glück der Menschen besteht nicht in der Erkenntnis ihrer selbst. Es lässt sich nur in ihrer vollkommenen Abwesenheit fassen, und selbst hier nicht mit der gewünschten Sicherheit. Wer sich nicht erinnert, dem kann die Erinnerung auch nicht getrübt, verfälscht, genommen werden. Und er stellt keine Gefahr dar für andere, denen diese Erinnerung im Falle eines Falles gefährlich werden könnte. Der erinnerungslose Mensch ist ein idealer Zeitgenosse, leicht zu verwenden, quasi abwaschbar, vollendet gutartig, da zu keiner Schlechtigkeit intellektuell in der Lage, und keiner würde es ihm als Fehler ankreiden. Die meisten hätten wohl ihre Gründe.

„Bei manchen haben wir eine Menge Arbeit“, erklärte sie. „Sie sind zu begriffsstutzig und wissen gar nicht, was sie vergessen sollen. Bei manchen haben wir einfach nur eine Menge Arbeit.“ Mir kam dieses Gesicht gleich so bekannt vor. „Ist das nicht…“ „Doch“, antwortete sie trocken. „Sonst sehen Sie den Mann aus den Abendnachrichten, er ist jetzt schließlich Bundesminister, aber sonst hat sich nicht viel geändert.“ Wie normal das aus ein paar Metern Entfernung aussah; geistig war er nicht mehr in der Lage, seine Schuhe vernünftig zuzubinden, aber er erzählte noch immer denselben Unsinn, den er seit Jahren erzählte. „Er macht meist das Amt für sein Versagen verantwortlich, dem er einige Jahre lang vorgestanden hatte.“ Die Leiterin schob gelangweilt ihre Brille zurecht. „Außerdem hat er vollkommen vergessen, was er in dieser Position von der Führung seines jetzigen Ministeriums verlangt hatte.“ Der Mann hatte leichte Gleichgewichtsstörungen und hielt sich an der Brüstung des Umlaufs fest; immerhin wusste er noch genau, dass er Bundesminister war, und so trat er nach den Pflegern, spuckte sie an und schrie, sie sollten gefälligst arbeiten gehen, statt sich im Krankenhaus auszuruhen.

„Wenn Sie wüssten, wen wir hier haben, Sie wären entzückt.“ Ich konnte mir schon vorstellen, wer sich in Behandlung begab, höhere Beamte, eine Menge Würdenträger aus allerhand Parteien und anderen Kirchen, wahrscheinlich auch Künstler mit verdrängungswürdigem Vorleben. „Und sie haben alle ein Bedürfnis nach Vergessen.“ „Wie man’s nimmt.“ Wieder schob sie sich die Brille zurecht. „Ein paar von ihnen leben sowieso schon längst im Wolkenkuckucksheim, denen kann man nicht mehr viel ausreden, die nehmen keine Art von Realität wahr. Da muss man höchstens daran arbeiten, die Mauern noch ein bisschen höher zu ziehen.“ Offenbar hielt sie nicht viel von den Patienten, auf die das zutraf. „Aber einige von ihnen haben doch das Bedürfnis nach Verdrängung, weil sie sonst nicht mehr leben könnten. Sie müssen ausschalten, was sie dazu bringen könnte, ihr ganzes bisheriges Leben noch einmal neu zu überdenken. Oder etwas anders zu machen. Oder überhaupt einmal zu handeln, statt immer nur zuzuschauen, wie etwas geschieht, das sie nicht begreifen.“ Die kleine Gruppe von Verwirrten kam wieder aus dem Hof zurück. Einer von ihnen blieb stehen und sah mich aus leeren Augen an. „Autoindustrie“, sagte sie. „Seit gestern weiß er nicht einmal mehr, was ein Dieselmotor ist.“





Schwierigkeiten der Gedichtinterpretation

25 03 2018

Das lyrische ist nicht dasselbe Ich,
das ich in meinen kargen Räumen fand.
Als Dichter sieht man sicher allerhand,
was ich mit meinen Zuständen verglich.

Und wie mein so beschränktes Ich entwich,
hat es in der Beschränkung gleich erkannt:
was mich mit jenem Lyriker verband,
war brüchig und verzieht sich sicherlich.

So sitzen täglich Leute auf den Bänken,
um sich und ihren Dichtern nichts zu schenken,
um Dinge zu erfinden, die im Licht

von pädagogischen Versuchen hocken.
Soll man dem Dichter seinen Sinn entlocken:
wenn er das wollte, warum schrieb er’s nicht!?