In hominibus bonae voluntatis

16 12 2018

Ach, fast vergessen wunderlich, wie Frieden
auf dieser Erde, eiseskalt und kahl,
ein Wunsch bleibt, uns hinaus vom Jammertal
zu leiten, was verheißen ist hienieden.

Das Irdische, das aber uns beschieden,
bedroht uns, steht in Flammen erst der Pfahl,
weil wir im Überschwange von Moral
das Untertanensein zu gut gemieden.

So ist kein Friede mehr, ist Krieg auf Erden,
hat aller Herren Länder mit den Herden
und Horden, alle Welt bereits verdrossen,

dass jeden Gang, wohin die Dinge gehen,
kein Menschliches wird in der Zeit verstehen,
und hat sich selbst vor aller Welt verschlossen.

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Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXLI): Die Beleidigung

23 11 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Wer mag es ihm verdenken, Rrt war außer sich. „Mooskauer“, kreischte er die hysterisch lachenden Leute an der Öffnung der Sippenhöhle an, „Eure Mütter haben die Nachgeburt aufgezogen!“ Nichts aber verfing, denn mit dem nachgerade uneleganten Abgleiten an der rutschigen Uferstelle und einem Arm voller Brennholz unter der Achsel hatte sich der Hilflose vor den Nachbarn effektiv zum Gespött gemacht, der den Schaden hatte und also eine sozial leicht ramponierte Position. „Ihr Blondinen“, hätte er koffern können, aber noch war die Evolution auch phänotypisch im Ruhepuls, und keiner hätte kapiert, dass helle Haarfarbe, natürlich oder aus des Coiffeurs Chemiekasten zurechtgeschwiemelt, zum Synonym subfontaneller Schlichtmöblierung werden sollte – die Einzelbegriffe wären den Troglodyten nicht mehr als ein verstörtes Runzeln der Nickhaut wert gewesen, wenn überhaupt. So aber musste Rrt Schadenfreude dulden und blieb einen Tag und eine Nacht im Gehäus, bevor sich der erste Hominide an seinen Gedächtnisschwund erinnerte und wissen wollte, wie man den Faustkeil beim Entzünden des Feuers halten musste. Der Alte schluckte seinen Stolz und zeigte es ihm, wohl wissend, dass die Wut in ihm das Werkzeug zu ganz anderen Verrichtungen hätte zwingen können.

Im Verkehr mit Menschen ist die Beleidigung nicht mehr als das feste Vertrauen darauf, dass ein anderer mit derart verwinseltem Ego ausgestattet sei, dass er bei hilfsverbalen Ausstülpungen in die Angst verfallen wird, auch diesen Ichrest noch zu verlieren. Der Schimpfende dübelt wie im Rausch sein Selbstwertgerümpel an dieser Ecke ein und zieht sein Opfer in die Tiefe, meist bis auf sein eigenes Niveau. Denn wer beleidigt, ist im Regelfall auch nur eine Beleidigung für den Durchschnitt.

Dass Invektiven für den in der Schuldkultur ausgebildeten Deppen meist die untere Hälfte des Körpers thematisieren, macht die Sache nicht unbedingt kreativer; das Repertoire der in aller Hast zusammengeschwiemelten Verächtlichkeiten bleibt selten im Gedächtnis, weil es in der Regel komplett austauschbar ist. Der Kränkende schmeißt mit dem Schmutz, den er gerade zur Hand hat, und wer trüge schon ausgewählten Schmodder mit sich herum, wenn er vorhätte, dem anderen nichts weniger als die Ehre abzuschneiden, überhaupt: jene soziale Kategorie, die in der heutigen Gesellschaft längst nicht mehr realisiert wird, wird ersetzt durch das höchst unbestimmte Rechtsgut, sich nicht öffentlich beleidigen zu lassen, jedenfalls nicht wirksam. Wo der eine sich tagsüber bereits beim Vergeben von Tiernamen aufregt – es soll ja noch nirgends einer Klage stattgegeben worden sein wegen Titulierung als Tüpfelkuskus, offenbar hat dieser Kletterbeutler kein Image als schlimmer Fingre unter den Säugern aufgebaut – fühlt sich gar ein anderer geehrt, wenn man ihn als Scheißkapitalisten apostrophiert, und ein Dritter macht sich nichts aus Abfälligkeiten über seine Mutter, weil er weiß, aus welcher Richtung es kommt. Beleidigung setzt zwingend die genaue Kenntnis des zu beleidigenden Subjekts voraus und ist somit gar nicht adäquat zu leisten, schon gar nicht mit dem Standardrepertoire aus dem körpereigenen Sanitärbereich. Zwar wäre auch dies eine Injurie im Sinne des Gesetzes, doch der eigentliche Zweck, die Schmähung des anderen zwecks Fremdgesichtsverlust, dabei möglichst auch ohne Opfer in den eigenen Reihen, wird kaum zu erreichen sein. Erst auf aristokratischem Niveau also wäre die Beschimpfung als eine abgekürzte Verleumdung hinreichend fantasievoll, aber selbst hier bliebe die Prämisse, dass der Schimpfende nie bis selten den bereits blutenden Punkt mit der Klinge trifft, denn im Wesen der Erniedrigung liegt bereits der, wenn auch selten von Talentdetonation gesegnet, so doch vorhandene Wunsch, Unerhörtes über den zu äußern, der einem gerade Parkplatz oder Gatten streitig macht. Man hat das selten auf Tasche.

So bliebe eine einigermaßen funktionsfähige Herabsetzung die sorgsam ausformulierte, die weder gemein noch aus dem üblichen Bauschaum des Affektes gedrechselt erscheinen und dem Gegner keine Möglichkeit lassen, sie aus reinem Trotz auf den Werfer zurückzuschmeißen. Hier kommt der Flachfluch nicht vor, verdammt ist im Allgemeinen die Floskel, aber die Spontaneität leidet doch sehr darunter, wenn kurz vor dem Ausbruch der Tätlichkeiten der Spötter noch kurz in die Unterlagen blickt und den passenden Hohn aus dem Register popelt, aufgestapelt zu wirren Tiraden und geradezu auswendig gelernt, wozu es einer ganzen Menge Wut bedürfte und erkennbar zu viel Zeit, abgesehen von der Enttäuschung, dass man auch dieses Geblök nicht aufbügeln kann, wenn es einmal losgelassen wurde. Wer denkt sich so etwas überhaupt aus? Und warum? Der Teufel soll sie holen.





In letzter Konsequenz

4 11 2018

Man schätzt den Strauchdieb, nimmt er’s von den Reichen,
denn das erscheint den Armen nur gerecht.
Natürlich ist ein Dieb im Grunde schlecht,
doch lässt sich das beileibe nicht vergleichen.
Es stört hier die Moral mitunter wenig,
man merkt es erst, wird dieser Dieb zum König.





Γνῶθι σεαυτόν

7 10 2018

für Erich Kästner

Hartnäckig hält sich das Gerücht,
es gäbe einen Bösen.
Doch sucht man, findet man ihn nicht.
Das lässt sich nicht niemals lösen.

Betrachtet man die Menschen dann,
betrachtet man die Taten,
lässt es sich schon von Anfang an
aus ihrem Tun erraten.

Was manchen in den Ohren klingt,
hier wird es wohl begründet:
der Böse ist nicht unbedingt
der Böse, den man findet.

Man schaltet sein Gewissen aus –
vorausgesetzt, man wäre
noch des Gewissens Herr – und raus
kommt Tat, kommt Schuld und Schwere.

Es ist kein Teufel, den Gebet
und Frömmigkeit besiegen.
Ihr findet ihn. Von früh bis spät
wird es in Euch drin liegen

und nagt das bisschen Mitgefühl,
das Ihr noch habt, vom Knochen.
Dann wird es dunkel, feucht und kühl.
Dann kommt es angekrochen.

Wer jemals das in sich erfand,
erspart sich noch kein Leiden.
Es liegt nur in der eignen Hand,
sich anders zu entscheiden.





Ewigheutige

2 10 2018

Es gab Fernsehen in den Zimmern, Fernsehen mit drei Programmen, wobei durch eine verschmitzte Technik auch ein viertes lief, deutlich als Konserve erkennbar, und die Fernseher, Röhrenapparate aus dem technischen Museum, hatten tatsächlich keine Fernbedienung. Nicht einmal die klobigen Kästen an der langen Schnur, die sich ein paar Meter durch den Raum bis halb zum Rauchertischchen wand, nicht einmal die hatten Einzug gehalten. Doktor Pflockenschild hatte alles richtig bedacht.

„Es gibt ein Konstanten im Leben“, erklärte er lächelnd, „und das Fernsehen ist nun mal eine der prägendsten. Deshalb haben wir das Programm auch behutsam an die Bedürfnisse der Patienten angeglichen.“ Peter Frankenfeld machte gerade eine Conférence, auf den Tellern lagen Schnittchen mit Wurstaufschnitt und sorgfältig eingetrockneter Remoulade. Die Schlafzimmervorhänge sahen aus, als wären sie Schlafzimmervorhänge. Hier hatte sich seit Jahren nichts geändert. „Seit Jahrzehnten“, korrigierte Pflockenschild. „Genau darum geht es hier, wir wollen die Sorgen der Patienten mit einem zielstrebigen Mittel bekämpfen.“

Die Neophobie der Insassen musste schlimme Blüten treiben; jedenfalls hatte sich seit vierzig bis fünfzig Jahren nicht viel verändert. „Eine Art Schocktherapie“, bestätigte die Schwester. „Manche werden direkt in ihre Kindheit zurück katapultiert, aber nur die wenigsten.“ „Und die anderen?“ Sie sah mich verständnislos an. „Die waren damals doch noch gar nicht geboren.“ Sie stellte die frisch abgestaubten Aschenbecher auf die Fensterbank.

Der Linoleum-Fußboden war just neu verlegt, hatte aber laut Firmenprospekt ein Alterungsfinish erhalten, als sei er bereits seit Generationen in Gebrauch. „Wir achten sehr auf Details“, erklärte der Leiter, „oft scheitert ein so emotional besetztes Projekt schon an Kleinigkeiten, weil die nicht stimmen.“ Das leuchtete ein.

Auch die Tageszeitungen waren aktuell, nur eben fünfzig Jahre verspätet. Der Prager Frühling war vorbei, die große Krise der deutschen Politik stand unmittelbar bevor. „Wird es die Patienten nicht ängstigen?“ Pflockenschild schüttelte den Kopf. „Sie wissen ja ungefähr, wie es ausgegangen ist. Die Mauer ist irgendwann gefallen, der Terror hatte ein Ende, alles war ganz anders als erwartet, und irgendwie ging die Geschichte immer weiter.“ „Aber wenn die Geschichte immer weiter geht“, insistierte ich, „warum verkriechen sich diese Leute in ihre eigenen Wahnvorstellungen?“ Er musste einen Augenblick überlegen, bevor er antwortete. „Sie sehen ja durchaus eine positive Zukunft, und das ist das, was wir Gegenwart nennen, das heißt, ihre Gegenwart können sie nur deshalb ertragen, weil sie ihre Zukunft ist, verstehen Sie?“ „Und warum versuchen Sie dann nicht, ihnen diese Gegenwart als Ausgangspunkt für eine Zukunft zu erklären, in der die Geschichte auch einfach weiter geht?“ Pflockenschild fuhr sich mit der flachen Hand über die Glatze. „Jede geistige Affektation ist anders, mit Logik kommen wir dem nicht bei.“

Selbstverständlich gab es Wählscheibentelefone und ähnliche Geräte. „Schon wegen der sehr gefährlichen Strahlung“, seufzte der Arzt, „man darf hier so gut wie nichts benutzen, was irgendwie strahlt.“ „Bis auf die Fernseher“, entgegnete ich. Er nickte verzweifelt. „Und die Elektroherde in der Stationsküche, aber das ist natürlich etwas ganz anderes.“ Ich grübelte. „Warum haben sie Angst vor einer Sache, die in ihrer goldenen Vergangenheit noch nicht einmal bekannt war?“ „Das ist egal.“ Er putzt umständlich seine Brille. „Die Hauptsache ist, dass wilde und gefährliche Strahlung durch unbekannte technische Geräte ausgelöst wird, die es in der Gegenwart, also in dem, was sie für ihre Gegenwart halten, nicht gibt.“ „Ein interessantes Verhältnis zur Naturwissenschaft“, meinte ich, „an sich tritt dieser Menschenschlag gerade durch eine besonders ausgeprägte Fortschrittsgläubigkeit in Erscheinung, nicht wahr?“

Der deutsche Schlager, vielmehr seine düstere Vergangenheit wehte durch den Aufenthaltsraum. Irgendwo forderte eine sächselnde Stimme ein hartes Vorgehen gegen Fluchthelfer. Es roch nach nasser Wäsche und Kohlenstaub. Aus dem Untergeschoss hörte man einen Kanarienvogel zwitschern, etwas zu laut und zu regelmäßig, um noch als echt durchzugehen. Aber vielleicht war das ja auch gar nicht mehr gewünscht. „Wir stecken in einer Zeitschleife“, stöhnte Pflockenschild. „Wenn Sie in zehn Jahren wiederkommen, werden Sie dasselbe sehen, vielleicht dieselben Leute, und sie sind auf dem Stand von heute, weil wir sie nicht für den Rest ihres Lebens näher an eine Gegenwart heranführen können, die sie ablehnen. Es sind keine Ewiggestrigen, schlimmer: es sind Ewigheutige. Sie sind vollständig aus der Zeit gefallen, keiner wird sie mehr zurückführen können, und genau das ist das Problem. Wir müssen sie immer weiter von uns wegschieben, damit sie sich nicht mehr in unserer Gegenwart einnisten. Furchtbar, nicht wahr?“

Die Schwester rollte den Servierwagen durch den säuerlich riechenden Flur. Er quietschte. Das also war die Gegenwart. Ich schaute auf die Uhr, es war später als geplant. Man kann seiner Zukunft einfach nicht entkommen, dachte ich. Vielleicht ist das auch ganz gut so.





Curriculum vitæ

23 09 2018

Geht man, zum Beispiel: morgens ins Büro
und kehrt, wie jeden Tag, nach Haus zurück,
und ist es anderntags dann ebenso,
so bleibt die eine Frage – welches Stück

von einem Gang ist Teil bereits vom andern?
Ist man am Morgen auf dem Heimweg gar
und weiß es nicht? Und muss man weiter wandern,
obwohl man, wo man ist, schon immer war?

Von Anbeginn sind wir schon vor dem Ende,
und sind der Schritte viel, sind sie gezählt.
Das Leben schreitet selbst voran behende
und weiß, weil es die Schritte selber wählt.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXXVIII): Anstand

24 08 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Sehen wir der Sache ins Auge: der Hominide ist offensichtlich derart defizitär ausgestattet, dass er als einzige Spezies Regeln definieren muss, um sich nicht selbst auszulöschen. Paradoxerweise führt die Einrichtung der menschlichen Gesellschaft in allen ihren Ausprägungen nicht selten dazu, dass genau diese Regeln außer Kraft gesetzt, wenigstens aber gezielt verletzt werden. Es scheint, als habe dieser lächerlicherweise aufrecht durch die fade Existenz stolpernde Depp einen sorgfältig ausgeklügelten Selbstzerstörungsmechanismus in seiner DNA, um die Ergebnisse der Evolution auf dieser mit flüssigem Wasser und Schokolade gesegneten, leicht eiernden Kugel auf ihrem Weg zu einem kochenden Brei in der Sonnenumlaufbahn nicht länger als notwendig zu stören – diese Affenart wird früher oder später von alleine über die Wupper wippen, es ist halt ihre Bestimmung. Doch wozu dann die Erfindung des Anstands?

Zunächst gehen Anstand und Gesellschaft Hand in Hand, und verschaffte einem Teilnehmer einen Vorteil an Distinktionsgewinn. Wer nicht mehr in der eigenen Höhle seine Verdauungsendprodukte unter sich ließ, gehörte bald zu den besseren Kreisen, es stank weniger beim Nachmittagstee und die Fliegen blieben dauerhaft draußen. Der Aufstieg, jene fixe Idee der Urgesellschaft, gelang mit allerlei anständigem Verhalten. Was als gesittet galt, entschieden Sitten, zeit- und ortsneutral nicht zu haben, aber in der Regel stark kodifiziert und so streng beobachtet, dass jeder Fehltritt sanktioniert wurde, mehr oder weniger unangenehm in der Folge bis zum Ausschluss aus ebendieser Gruppe, Schicht, Gesellschaft. Zwar lassen sich mit Hilfe des kategorischen Imperativs einige Universalien herausfiltern – Tötungsdelikte nur im begründeten Einzelfall, Hände weg von der Tochter des Chefs – doch deren Anwendungsintensität galt individuell recht unterschiedlich. Wichtig bleibt, dass die reine Anwendbarkeit der Sanktion bei gleichzeitig sehr deutlichem Vorhandensein der Regel als Instrument sozialer Konstruktion Macht aufbaut und absichert. Dies fängt mit der Benutzung des Messer an, bei Tisch oder gegen genetische Konkurrenten.

Die dysfunktionale Gesellschaft entwickelte sich Hand in Hand mit der Idee der Sitte, nur eben in paralleler Richtung. Was heute als dominanter Typ des Gesellschaftsaufbaus eben jene Idee eines menschlichen Miteinanders nur noch windschief abbildet, ist dem Gegenteil geschuldet; nicht der Anständige, der Unanständige gelangt zu Macht, Einfluss und in die Schichten, in denen sich der Distinktionsgewinn lohnt, allerdings inzwischen auf eine symbolische Weise. Für die Tochter des Chefs darf man sich interessieren, Tötungsdelikte sind nicht mehr tabu, solange sich ein politischer Grund dafür zusammenschwiemeln lässt. Was als moralische Einrichtung galt, wird nun endgültig ad absurdum geführt, wenngleich nicht so perfekt und gleichzeitig beschissen, wie es Menschen in ihren jeweiligen Zwangsgruppen erledigen können, je nach Herkunft, Geschlecht, religiöser Vorstellung oder zufälligem Geburtsort sortiert.

Der erfolgreichste Weg, jede Moral dauerhaft in Vergessenheit geraten zu lassen, ist national, ethnisch oder sonst wie sich identitär gebärdender Haufenzwang, in dem die Teilnehmer blökend einem wirr zusammengehauenen Ideal folgen, um sich gegen die Anfeindungen der Anständigen zur Wehr zu setzen. Offensichtlich haben sie das Prinzip verstanden, jenes Regelwerk sorgt im Kern dafür, dass die Arschkrampen, die man in jeder normalen Gesellschaft ausmerzte, nicht an die Spitze der Pyramide gelangen, und nur darum geht es ihnen: Macht, Einfluss, materielle Versorgung. Der evolutionäre Kampf wird mit grundlegendem Fehlverständnis geführt, dass nicht Kooperation und Ausgleich, sondern blinde Gewalt aus dem limbischen System unter ständiger Ausschaltung der Impulskontrollsteuerung die Sippe irgendwie zusammenhält. Dass diese Kollateralbevölkerung allen anderen auch noch mangelnden Anstand vorwirft, als sei Ethik Knetmasse wie jede Moral auch, ist nicht belustigend, es sei denn aus dem historischen Abstand der Nachgeborenen. Was als untadeliges Verhalten allenfalls in einer Art von Verbrecherehre gelten könnte, hier wird’s jedenfalls auch nicht Ereignis. Begegnen wir ihnen nicht mit Freundlichkeit, nicht mit Verständnis, duseln wir nicht Humanität, seien wir anständig. Denn dieser Kodex erlaubte es vor allem in gesellschaftlich komplexen Situationen mit einfachen und schnell zu realisierenden Methoden die Störenfriede aus der Gesellschaft zu entfernen. Warten wir nicht ab, bis man politische Korrektheit, jenes Schimpfwort für den kränkenden Anstand, als Straftatbestand in den Diskurs einführt, und schauen wir nicht tatenlos zu, bis diese unsere Spezies sich erledigt hat. Helfen wir anlassbezogen und fallweise nach. Und zwar anständig.