Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXXVIII): Anstand

24 08 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Sehen wir der Sache ins Auge: der Hominide ist offensichtlich derart defizitär ausgestattet, dass er als einzige Spezies Regeln definieren muss, um sich nicht selbst auszulöschen. Paradoxerweise führt die Einrichtung der menschlichen Gesellschaft in allen ihren Ausprägungen nicht selten dazu, dass genau diese Regeln außer Kraft gesetzt, wenigstens aber gezielt verletzt werden. Es scheint, als habe dieser lächerlicherweise aufrecht durch die fade Existenz stolpernde Depp einen sorgfältig ausgeklügelten Selbstzerstörungsmechanismus in seiner DNA, um die Ergebnisse der Evolution auf dieser mit flüssigem Wasser und Schokolade gesegneten, leicht eiernden Kugel auf ihrem Weg zu einem kochenden Brei in der Sonnenumlaufbahn nicht länger als notwendig zu stören – diese Affenart wird früher oder später von alleine über die Wupper wippen, es ist halt ihre Bestimmung. Doch wozu dann die Erfindung des Anstands?

Zunächst gehen Anstand und Gesellschaft Hand in Hand, und verschaffte einem Teilnehmer einen Vorteil an Distinktionsgewinn. Wer nicht mehr in der eigenen Höhle seine Verdauungsendprodukte unter sich ließ, gehörte bald zu den besseren Kreisen, es stank weniger beim Nachmittagstee und die Fliegen blieben dauerhaft draußen. Der Aufstieg, jene fixe Idee der Urgesellschaft, gelang mit allerlei anständigem Verhalten. Was als gesittet galt, entschieden Sitten, zeit- und ortsneutral nicht zu haben, aber in der Regel stark kodifiziert und so streng beobachtet, dass jeder Fehltritt sanktioniert wurde, mehr oder weniger unangenehm in der Folge bis zum Ausschluss aus ebendieser Gruppe, Schicht, Gesellschaft. Zwar lassen sich mit Hilfe des kategorischen Imperativs einige Universalien herausfiltern – Tötungsdelikte nur im begründeten Einzelfall, Hände weg von der Tochter des Chefs – doch deren Anwendungsintensität galt individuell recht unterschiedlich. Wichtig bleibt, dass die reine Anwendbarkeit der Sanktion bei gleichzeitig sehr deutlichem Vorhandensein der Regel als Instrument sozialer Konstruktion Macht aufbaut und absichert. Dies fängt mit der Benutzung des Messer an, bei Tisch oder gegen genetische Konkurrenten.

Die dysfunktionale Gesellschaft entwickelte sich Hand in Hand mit der Idee der Sitte, nur eben in paralleler Richtung. Was heute als dominanter Typ des Gesellschaftsaufbaus eben jene Idee eines menschlichen Miteinanders nur noch windschief abbildet, ist dem Gegenteil geschuldet; nicht der Anständige, der Unanständige gelangt zu Macht, Einfluss und in die Schichten, in denen sich der Distinktionsgewinn lohnt, allerdings inzwischen auf eine symbolische Weise. Für die Tochter des Chefs darf man sich interessieren, Tötungsdelikte sind nicht mehr tabu, solange sich ein politischer Grund dafür zusammenschwiemeln lässt. Was als moralische Einrichtung galt, wird nun endgültig ad absurdum geführt, wenngleich nicht so perfekt und gleichzeitig beschissen, wie es Menschen in ihren jeweiligen Zwangsgruppen erledigen können, je nach Herkunft, Geschlecht, religiöser Vorstellung oder zufälligem Geburtsort sortiert.

Der erfolgreichste Weg, jede Moral dauerhaft in Vergessenheit geraten zu lassen, ist national, ethnisch oder sonst wie sich identitär gebärdender Haufenzwang, in dem die Teilnehmer blökend einem wirr zusammengehauenen Ideal folgen, um sich gegen die Anfeindungen der Anständigen zur Wehr zu setzen. Offensichtlich haben sie das Prinzip verstanden, jenes Regelwerk sorgt im Kern dafür, dass die Arschkrampen, die man in jeder normalen Gesellschaft ausmerzte, nicht an die Spitze der Pyramide gelangen, und nur darum geht es ihnen: Macht, Einfluss, materielle Versorgung. Der evolutionäre Kampf wird mit grundlegendem Fehlverständnis geführt, dass nicht Kooperation und Ausgleich, sondern blinde Gewalt aus dem limbischen System unter ständiger Ausschaltung der Impulskontrollsteuerung die Sippe irgendwie zusammenhält. Dass diese Kollateralbevölkerung allen anderen auch noch mangelnden Anstand vorwirft, als sei Ethik Knetmasse wie jede Moral auch, ist nicht belustigend, es sei denn aus dem historischen Abstand der Nachgeborenen. Was als untadeliges Verhalten allenfalls in einer Art von Verbrecherehre gelten könnte, hier wird’s jedenfalls auch nicht Ereignis. Begegnen wir ihnen nicht mit Freundlichkeit, nicht mit Verständnis, duseln wir nicht Humanität, seien wir anständig. Denn dieser Kodex erlaubte es vor allem in gesellschaftlich komplexen Situationen mit einfachen und schnell zu realisierenden Methoden die Störenfriede aus der Gesellschaft zu entfernen. Warten wir nicht ab, bis man politische Korrektheit, jenes Schimpfwort für den kränkenden Anstand, als Straftatbestand in den Diskurs einführt, und schauen wir nicht tatenlos zu, bis diese unsere Spezies sich erledigt hat. Helfen wir anlassbezogen und fallweise nach. Und zwar anständig.

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Saisonaler Ratschlag an Bildungsbürger

29 07 2018

Es bleibt der Sommer heiß und furchtbar trocken,
fast wünscht man sich, dass man in Nächten friert.
Das Freibad will nur mit Geschrei anlocken,
auch wirkt man dort im Anzug deplatziert.

Die Kahnpartie verspricht die holde Landschaft,
jedoch ganz schattenlos und hell durchglüht.
Im schlechten Falle trifft man auf Verwandtschaft.
Man weiß ja, was dann an Gerede blüht.

Wer klug ist, wird nicht in die Wälder gehen,
verschmäht die Teiche, Parks und auch den Pfühl.
Wer klug ist, geht am Sonntag in Museen.
Sie sind so menschenleer und still. Und kühl.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXXIII): Ontologische Unsicherheit

20 07 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Da wusste auch Rrt nicht weiter. Alles war seit Generationen so harmonisch gewesen. Die Kinder machte der dicke Vegetationsgott, wer sich mit der Säbelzahnziege einließ, war Biomüll, ab Mitte zwanzig knackten eh die Knochen, aber die Typen an der westlichen Felswand sahen nicht halb so mies aus wie die anderen Hominidenexperimente. Das sicherte ihnen spirituellen Beistand bei der Büffeljagd, ließ ihre Kinder besser gedeihen und hätte wenige IQ-Punkte später bereits zur Gründung einer neofaschistischen Partei gereicht. Damals wie heute wussten die Affen mit Haarausfall, dass es nur um die Kontinuität der Rasse ging, denn von einem gewissen Level der Beklopptheit abwärts wird sich keine dieser besorgten Mehlmützen je als Individuum angesprochen fühlen. Die Götter aber wandten sich ab, Missernten und der Einfall der Leute aus dem östlichen Tal waren der deutliche Beweis dafür. Die Seinsgewissheit, dass alles genau so ist, wie es scheint, hatte sich nach und nach aus den wachsenden Hirnen ausgeschlichen. Was blieb, war der Zweifel.

Spätere Generationen hatten noch ganz andere Erkenntnisse zu verdauen. Es gibt keine Götter, die Bäume wachsen nicht in den Himmel, Schiffe sind nicht unsinkbar, Kathedralen können krümeln. Die ontologische Unsicherheit entwurzelt nach und nach den Menschen, der sich eben noch gefeit sah in den Begleitumständen der conditio humana, und während die einen ihre skeptische Sicht auf die faulen Götzen durch noch mehr Glaube an andere höhere Wesen mit Hilfe hastig hingeschwiemelter Ersatzreligionen zu befriedigen versuchten, wuchs ein kleiner Teil an der plötzlichen Freiheit. Ein kleiner Teil, das heißt: so gut wie niemand. Der Rest suchte sich beliebige Strukturen, baute sie aus den Trümmern seiner bisherigen Ordnung auf und nannte sie nach Ungreifbarem wie Kapital oder Nation, denn was nicht greifbar ist, kann auch nicht versehentlich kaputtgehen. Endlich hatte er wieder ein Dasein, das sich nicht hinterfragen ließ.

Schließlich war da wenig, und es hatte deutliche Nachteile. Die Idee einer Gruppenzugehörigkeit, die die einigermaßen stabilen sozialen Beziehungen zur Umwelt ad hoc ersetzt, findet da ihre Grenzen, wo andere auch auf die Schnapsidee kommen, einer Gruppe anzugehören, freiwillig oder nicht, oder wo man sie gerne exkludierte, wenn es denn sinnvoll wäre. Plärrte ganze Europa, man wolle Vietnam auf keinen Fall als ebenbürtiges Mitglied seiner Staaten akzeptieren, müdes Grinsen begleitete das verbale Gerümpel der Aluhütchenspieler. Und doch lässt sich auch daraus noch eine trübe Brühe köcheln, die für Parteitage reicht, Wahlkämpfe im Bierzelt und Aufmärsche, bei denen sich eine Rotte fußkranker Knalldeppen als das Volk bezeichnet, als gäbe es gerade kein anderes. Die ontologische Unsicherheit macht, dass die dümmsten Arschlöcher zeigen, was sie tatsächlich sind: die dümmsten Arschlöcher.

Zunehmend wird deutlich, dass auch die neue Struktur nur aus Exklusion besteht. Die Gruppe ist stolz und froh, nicht mehr den alten Vegetationsgott anzubeten, keine krausen Haare zu haben, keine Nasale in der Nationalsprache, eine vom neuen Gott und der Gewerkschaft der Heiligen verordnete Fahne mit anderen Querstreifen als bei den anderen, kurz: sie sind anders, halten es aber im Gegensatz zur üblichen Denkart für zielführend und eine Gnade. Es erlaubt ihnen, aus dem Schmierkäse ihrer faden Existenz eine Struktur zu schnitzen, in denen sich mancher denkfreie Raum aufbauen kann. Dabei ignoriert das Völkchen tapfer, wie viele Wahrheiten neben seiner noch in den Dimensionen des Seins herumdümpeln, falls es nicht in Zeiten der plötzlichen Liberalität, wenn jene anderen mit ihrem Freiheitsdrang wieder in Erscheinung getreten sind, klüger wäre, Angst zu entwickeln, neue Unsicherheit als drohendes Schicksal, wenn nicht mit allen Mitteln die einmal gefundene Autonomie gegen eine wirkliche verteidigt würde. Jeder Strohhalm dient dann dazu, Feindbilder zu schaffen. Die Hölle, das sind die anderen, und so braucht man sie nicht mehr in sich selbst zu suchen, weil man sie ja bereits erfolgreich abgespalten hat. Dem Beknackten ist es letztlich egal, wie er seine Wohlfühlpsychose anfüttert. Alles da draußen wird wegdefiniert, und mit jeder Grenze, die sich auch schließen lässt, bleibt die innere Labilität ein wenig länger erhalten, auch wenn längst der Boden bröselt.

Nichts geht doch über die gute, alte Angst als Gestaltungsmittel innerer Freiheit. Mit Unsicherheit wird so jeder Zweifel dialektisch bekämpft, der Fundamentalismus bombt die Hinterlassenschaften der Aufklärung aus dem Gesichtsfeld, und eine neue Welt entsteht, in der es keinen Urknall gibt, keine anderen Einsichten als die eine, richtige, und keine Götter, es sei denn, der Bescheuerte hätte sie sich als Maßanfertigung ins Regal gehauen. Hier ist noch Wahrheit. Nie war sie absoluter.





Deutsches Idyll

17 06 2018

Ach, Hausmeister zu sein! das ist ein Leben,
als ob der Himmel täglich neu aufbricht
zu senden einen Kittel, Muff und Pflicht.
Man kann nach Höherem fürwahr nicht streben.

Ein reines Dasein, mehr kann es nicht geben,
wenn hier die Gottheit selbst aus einem spricht –
wo es an Unterordnung nicht gebricht,
ist Macht an Macht, sitzt man gewiss daneben.

Besorg das Haus, besieh drin jeden Schaden,
der Auftrag ist bestimmt von höchsten Gnaden,
und gib dem Volke aus Gebot und Richtung.

Ein Amt, zu wägen Weisheit gegen Willen,
wird endlich jeden Tatendrang einst stillen.
Es geht zum Schluss um Leitung und um Dichtung.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXVIII): Fensterrentner

15 06 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es wäre doch plausibel: die Hominiden haben sich von Dackel und Erdmännchen den Zugang zur Sippenhöhle abgeguckt, und ihre einzige kulturelle Errungenschaft bestand eben darin, den Eingang des Unterschlupfs an größere Objekte anzupassen. Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, so könnt Ihr bei guten Wetter in der Öffnung stehen, in die Umgebung gucken und den anderen Stämmen als Zielscheibe für Übungen mit der Steinschleuder dienen. Temporäre Erscheinungen wie etwa der Würfelhocker, der sich sein Sitzgerät vor die Pyramide pflanzt, blieben eben dieses: temporär. Die Sphinx lag auch nur in der Gegend herum, und sie konnte nicht einmal zur Seite linsen. Allein die Geburt der Fensterbank aus dem Geiste der Neugier schuf Veränderung, und so blieb nur der Faktor Zeit, um das Phänomen zu vollenden. Geboren, nicht geschaffen, ward der Fensterrentner.

Denn er ist wahrlich ein Typus, der jäh mit dem Zeitkontingent entsteht, das im Seniorenalter leise aufgähnt, wo noch so viel Schlaf die Freizeit gar nicht auffangen kann. Kleine Hilfsmittel, Sitz- und Stützapparaturen, Kissen, Polster vervollständigen das Ambiente, in dem sich der Mensch installiert, um die Vorübergehenden zu betrachten, mehr oder weniger aufmerksam, vergleichend, kategorisierend und immer mit dem gewissenhaften Blick der abschätzenden Schläue, aus der nach mannigfaltiger Erfahrung schließlich Wissen kondensiert, so dass man nach kurzer, aber analytischer Sicht auf die Methodik begreift: der Sapiens am Fenster ist der Erfinder der Anschauung und damit der Philosophie an sich. Anders ist die Geschichte nicht denkbar.

Die Macht des Ausblickens ist allein daran erkennbar, dass sich das Fernsehen nie dagegen hat durchsetzen können; dass andererseits das gemeine Nachmittagsprogramm aus wirr verschwiemeltem Restmüll besteht, der bestenfalls gnädigen Schlaf vor der angeschalteten Glotze zeugt – das Gerät auf Standby wäre die bessere Alternative gewesen, der Pensionär im Aktivmodus – kann andererseits nicht verschwiegen werden. Doch langfristig wird die stetig gleichbleibenden Bildsuppe, die aus dem Kasten kleckert, nie die Tiefe und Wahrheit eines ganz normalen Tages haben, wie er sich in einer beliebigen Verbindung zwischen einem Kreisel und einer Hauptstraße ereignet. Die Bäume rauschen ihr lindes Liedchen, Vögel brüllen lauter als von der Gewerkschaft vorgegeben, ab und zu stört ein Jugendlicher in flamboyantem Schuhwerk den Anblick – die Hilflosigkeit des Einzeltiers, das vor der Höhle hin und wider geht, Fang für die Speere der anderen Sippe, ist hier gleichnishaft in sein Wesen eingeschrieben – und schon zeitigt die reine Vernunft ihre schönsten Blüten. Aus der Anschauung gebiert sich die Frage: Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin? Darf ich über den Grünstreifen laufen? Und flugs gerinnt alles, was den ästhetischen Trichter passiert, zu tieferer Weisheit, ganze Geschlechterfolgen an der Frucht der Erkenntnis zu laben. Wer falsch parkt, frisst auch kleine Kinder, oder: Ein Gehweg muss immer geharkt sein, sonst ist es kein Gehweg, oder: Am Sonntag hängt man keine Wäsche auf den Balkon.

Daneben übt der Fenstermann in seiner sozialen Rolle durchaus einigen Einfluss aus auf seine Mitwelt. Denn die von ihm konstatierten Zustände dieser Gesellschaft sind mit dem impliziten Postulat der Veränderung versehen. Er kann nun die rezente Damenoberbekleidung und den Lärmpegel der durchziehenden Schlachtenbummler nach dem gewonnenen Korbballspiel nur kommentieren, sein Wirkkreis bleibt beschränkt, wer jedoch den nach Recht und Gesetz an der Grundstückskante in rechtem Winkel aufgetürmten Schnee betritt, wird unter Interformation über versicherungstechnische Details zum Verlassen des Anwesens animiert. Die von Sprachduktus, Mimik und Gestik unterstützte Verlautbarung prägt die Umwelt nach einem Bilde, wie es der prähistorisch gefundene und bis in die Jetztzeit überkommene Gedanke einer göttlichen Ordnung nicht poetischer hätte demonstrieren können. Die Nähe zum priesterlichen Amt, in dem erhöht ein Einzelner thront, zu richten die Lebenden und jene, bei denen sich dieser Umstand jederzeit ändern kann, die unverkennbare Ähnlichkeit mit dem Richter auch ist maßgebliches Element für die Außen-, bisweilen auch der Selbstwahrnehmung. Die Vorstellung eines Schöpfers ist nicht abwegig, wie er sich Umgebungsvariablen zu Gemüte führt, wohl wissend, dass man diese verkekste Kreation auch nicht mehr ändern kann, wenn sich die meisten Patzer mit der Weitergabe der DNA bereits explosionsartig verbreitet haben. Nichts mehr zu machen, aber als kostenfreie Simulation eines halbwegs ansprechenden Fernsehprogramms kann man es doch hinnehmen. Es versöhnt mit der Vorstellung, dereinst selbst alt und auf Sozialentzug zu sein, und hat man das Glück, nicht in einer Plattenbausiedlung mit Sichtscheibe zum Fahrstuhl zu residieren, so bietet sich manche Möglichkeit für einen entspannten Herbst des Lebens, denn diese Welt ist doch schön – transeuntibus.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXV): Zeitsouveränität

25 05 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Irgendwann – wir wollten die Blumen gegossen haben, aber die Scheiben sind ja so schmutzig, dass man’s eh nicht mehr sieht, auf dem Schreibtisch liegen Mahnungen, in der Ferne bellte eine Maus, die für die Evolution schon mehr Zeit hatte – war der definitiv letzte Termin, das Jahresabonnement vom Fitnessstudio zu kündigen, wie das letzte Mal, und davor, und davor, und davor. Zwölf Stunden des Tages verbringt der postmoderne Nappel auf Arbeit und in Vorortzügen, zwölf Stunden mit Schlaf samt Vor- und Nachbereitung. In der übrigen Tagesmasse geht er seinen Neigungen nach, wird gelassen, ernährt sich gesund, tanzt, nagelt die Fenster zu und zimmert dem Nachbarn eine rein, der ihm die Nachtruhe zur Nichtruhe macht. Für wen, für was, und vor allem: wie gelangt er dabei noch zur Zeitsouveränität?

Am ehesten bemerken wir das Verrinnen der Zeit, wenn außer dem nichts passiert. Der Handwerker hatte seinen Termin auf das Ende der Kreidezeit gelegt, leichte Verzögerungen in Aussicht gestellt und sich danach gemütlich versteinern lassen; wir aber hocken mit Kalk an den Körperausbuchtungen in einer Art versuppender Ewigkeit und hätten in der Zeit Weltreiche planen, durchführen und in die Grütze reiten können, alles im Konjunktiv. Wir hätten fast die Weltformel entdeckt und sie mit Bleistift auf Stullenpapier in eine handliche Form gekürzt. Nebenbei wäre uns Beethovens Zehnte eingefallen, der gerade Turm von Pisa und der Tragödie dritter Teil, das kapitalistische Manifest, der Sekundenwalzer, die braungrüngrauen Pferde, und wir hätten eine Kathedrale für alles errichtet, irgendwo in einem Gewerbegebiet südlich von Gera, wo nachts sowieso keiner nachguckt, ob noch alles steht. Stattdessen haben wir Löcher in die Abluft gestarrt und uns gefragt, wo die Vokabelhefte sind.

Irgendwann, es muss kurz vor dem Eintritt in die Sekundarstufe gewesen sein, wurde jedem von einer besonders unverfrorenen Lehrkraft ins Hirn geschwiemelt, man möge immer ein Lehrbuch der Stochastik mit sich führen, ein Kompendium der Volkswirtschaftslehre oder anderer Clownerie, in der Not ein Wörterbuch Deutsch – Mandarin. In jeder freien Sekunde, bimste der Pauker den Eleven in die kognitiv nutzbare Gallerte, drückt man sich ein Schnipselchen in die Vergessensmechanik, lernt eine Vokabel, und zack! schläft an jenem Abend der Bekloppte ein im Bewusstsein, den diem so was von gecarpt zu haben, dass er gar nicht mehr zum Yolo kommen konnte. Der Legende nach sollen in der handelsüblichen Schlange vor dem Postschalter bereits Analphabeten eine komplette Habilitation in vergleichender Hieroglyphenkunden aus der Rübe gerattert haben. Wenn man gerade nicht die nötige Sekundärliteratur für eine Abrechnung mit Kant im Rucksack hat, ist das okay.

Aktuelle Lebensmodelle, gleitende Sabbatjahre oder Work-Life-Balance, übersehen den Tenor der geltenden Gesellschaft. Während wir auch mit Fieber im Urlaub für den Abteilungsleiter noch ans Telefon kriechen, weil der Daseinsdruck unseren Zwang zur Selbstausbeutung triggert, bölken die Gewerkschaften und ähnliche Laienschieltruppen von der Galerie, Flexibilität und Freiheit als Fanal für eine gesellschaftliche Freiheit zu feiern. Als gäbe es jenseits der Stechuhr ein Leben: natürlich drücken wir den Nachwuchs, kaum dass er stehen kann, in den Fremdsprachenkurs, lassen ihn Ballett und Schießen lernen, Rhetorik auf liberale Art, was man halt so braucht, um sich auf einen Burnout standesgemäß vorzubereiten.

Manchmal neidet die vermeintliche Elite den anderen, die dumm sind und keine Arbeit haben, das Glück. Sie schlafen aus, hätten theoretisch Zeit für umfangreiche soziologische Abhandlungen und bekommen scheint’s wenig Druck dafür, sie haben einen anstrengungslosen Zeitwohlstand wie nur die adligen Schmarotzer, die man eigentlich an der Laterne entsorgt glaubte. Was in der Mittelschicht als Entgrenzung der Arbeit antrainiert wurde, geht hier als Ablehnung unbedingter Selbstzerstörung durch. Der globalisierte Bescheuerte hat nur einen Sinn vor Augen, die Aufrechterhaltung seiner Funktionsfähigkeit, und die erlaubt ihm keine halbe Minute mehr in der Warteschleife.

Hatte der Hominide schon vorher wenig Sinn für das Unendliche, hier hat er auch noch die Einsicht in die Endlichkeit verklappt. Der kollateral verödete Sinn für die Sinnlosigkeit ist weg. Immerhin kommt die Erkenntnis pünktlich und raubt uns nicht noch ein halbes Leben, in dem wir von der Muße geküsst ausreichend materielle Bedürfnisse hätten befriedigen können, weil uns für die Entwicklung idealistischer Neigungen die nötige Distanz fehlte. Endlich genug Frust-Ration, jeden Tag ein Stückchen, jede Minute, in der wir das in Werbung und regelmäßig anschwappenden Predigten schöne Dasein nicht mehr genießen können, weil eine Digitaluhr dazwischen ist. Und so sehen wir die Tage verstreichen, die Rolltreppen sind defekt, der verspätete Zug hat Verspätung, die Vernunft hat Augenringe vom ständig bösen Erwachen. Schlafen können wir, wenn wir tot sind.





Vorschlag zur praktischen Durchsetzung der sozialen Gerechtigkeit

20 05 2018

Wir haben das Patentrezept gefunden:
wir lassen uns zu Hungerkünstlern bilden.
Von allen Mitteln, auch von allen wilden,
ist dieses doch noch eins von den gesunden.

Ach, wären wir doch längst darauf gekommen!
Die Reichen wären noch ein bisschen reicher,
den Armen aber fehlt kein Korn im Speicher.
Es wird fortan von ihnen nichts genommen.