Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCXCVI): Der irrationale Mensch

8 12 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Zugegeben, die Produktbeschreibung klang nicht ganz übel. Ein Trockennasenaffe aus dem Premium-Segment, der spricht, rechnet, seine Zukunft vorausahnt, metaphysische Gedanken entwickelt und dazu Musik macht, das war für ein evolutionäres Zufallsergebnis schon sehr avanciert. Der Prozess der Individualisierung machte nicht Halt bei Fingerabdruck und Frisur, scheinbar ließ der Sapiens den Herdentrieb schnell und gründlich hinter sich, denn er war als erster in der Lage, sein eigenes Bewusstsein als solches wahrzunehmen, das Ich sagt. Ein feiner Zug, will man meinen, doch ist er nicht selten schon abgefahren. Was rattert er sich nicht alles aus der Rübe, der König der Kopfgeburten, Philosophien von der Stange und Weltreiche aus Reststoffen, den Staat als Wille und Vorstellung, das Blaue vom Himmel. Und doch, die Sache hat einen Haken. Es ist der irrationale Mensch, den wir nicht loswerden.

Alle Systematik, mit der große Pläne für ein wirtschaftlich und politisch global gelenktes Geschehen entworfen werden, fußt auf der Annahme, der Zweibeiner besäße ansatzweise etwas wie Verstand, nicht zu sagen: Vernunft, und wäre in der Lage, diese seine Gaben auch zum Wohl des Ganzen einzusetzen. Was das ist, Volk oder werktätige Masse, bestimmt der aus Ideologie und theoretischem Teig geschwiemelte Treibstoff, der den Trieb stoppt, die Einsicht in die ultimative Ratio, dass die nackte Entschlusskraft allein noch keine stabilen Weltreiche gewuppt kriegt. Denn es trompetet irgendwo und irgendwann immer etwas dazwischen, unvorhergesehen und kontraproduktiv, klar verständlich in seiner Existenz und gerade aus diesem Grunde so herzlich verzichtbar. Der Mensch an sich mag gut sein, edel, hilfreich, schmiegsam und redlich. Die Leute sind es nicht.

Immerhin müssen wir unser Urteil über den gemeinen Gesellschaftsdeppen nicht großartig ändern; handelt er auch weniger aus kaltem Kalkül, neigt er dank der jäh ausfallenden Impulskontrolle zu allerhand Idiotie, die wahlweise die Umwelt zu Klump kloppt, Menschen knechtet oder gleich in Weltkriege kippt. Freundlichkeit braucht bei dieser Art keiner zu erwarten, sie arbeitet mit Hochdruck daran, sich selbst auf einem bislang noch knapp bewohnbaren Planeten abzuschaffen – was auch durchaus im Interesse einer intakten Natur wäre, die des Menschen ungefähr so sehr bedarf wie jener Mensch Brechdurchfall beim Hochseilakt. Er ist Homo oeconomicus, wenn er als Maximierer seines Nutzens vor dem Reißbrett die Großpackung mit acht Rollen Zellstoff auf die Liste schreibt, aber im Supermarkt kauft Homo inhabilis ein Zweierpack, weil es Klopapier einzeln nicht gibt. Er entscheidet sich natürlich für die beste Alternative, in diesem Fall für ein Wirtschaftsgut, das er mit einer Hand ins heimische Warenlager verlasten kann.

Gibt es Risiken? weg mit der Struktur, der Müll unter der Schädeldecke brennt von alleine. Dräut dem beweglichen Subjekt Unsicherheit, weil es zu viele Zufälle, ja zu viele Parameter außerhalb der schnittfesten Luft gibt? Nutzt der logisch stolpernde Entscheidungsautomat gerade im Gerümpel der Zielkonflikte die plötzlich sich aufspannende Differenz zwischen reinem Egoismus und reiner Nächstenliebe für eine Freifahrt in den Abgrund? Und ist nicht beides geeignet, als Popanz der spekulativen Umnachtung für Stagnation und die Fehlentwicklung des Ganzen zu sorgen?

Komplette Denkschulen haben sich der Idee gewidmet, dass die Raffkes und Arschlöcher für eine funktionierende Wirtschaft unerlässlich seien, und zwar vorwiegend zum Wohle der Arschlöcher und Raffkes. Wer nicht zu deren Kaste zählt, ist oft bescheuert genug, das antisoziale Verhalten ihrer Unterdrücker aus Einsicht in die höhere Vernunft zu verteidigen und zu unterstützen – die sorgfältig umnachteten Klötenkönige torkeln einander ins Messer, suchen sich aber aus noch höherer Vernunft dann eine soziale Schicht, der es noch schlechter gehen muss. Damit ist der Homo idioticus nicht mehr die Unterseite der sozialen, wohl aber die der intellektuellen Pyramide. Wer merkt das schon.

Spätestens beim Betreten einer strikt nach marktökonomischen Prinzipien geführten Agentur für Werbung und PR dämmert’s dem Dummdödel, dass die vereinfachenden Modelle nie im Leben an die Hochkomplexität des Verhaltens eines Kindes vor dem Kaugummiautomaten heranreichen: die Münze im Schacht verheißt die Süßigkeit, ist dann aber futsch. Noch nicht einmal eingerechnet ist die Freude des selbstlosen Tuns, die Lust an der reinen Leichtfertigkeit als Essenz des freien Individuums. Es rechnet sich nicht, wenn man es nur kalkuliert, und in diesem Sinne ist das Leben auch außerhalb des Herdentriebs absurd genug, unverständlich bis schwer erträglich nach dem Prinzip der praktischen Vernunft. Es gibt nur Nachteile, sich der Realität zu stellen ist selten angenehm, das Dasein ist ein nur notdürftig in Zuckerwatte gepfropftes Elend. Wäre da nicht die Musik.

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Die Falken von Carcassonne

19 11 2017

Sie kamen aus den östlichen Gefilden,
sich an der schönen Stätte aufzuhalten,
gebracht von edlen Herrn in Hundertfalten,
sich als Gespiel und Beiwerk auszubilden.

Die Herren sanken hinter ihren Schilden.
Man ließ sie ruhmlos sterben und erkalten.
Doch in der Burg entsprang aus allen Spalten
ein Schrei, ganz gleich von Zahmen und von Wilden.

Des Menschen Macht verrinnt, fort ist die Stärke,
und fort sind ihr Gewicht und ihre Werke,
nichts wird bestehen in Äonenstürmen.

Fort sind die Krieger, fort sind ihre Rösser.
Die Landschaft ruht und strömt wie die Gewässer.
Die Zeugen bleiben in verlassnen Türmen.





Akustischer Moment

22 10 2017

Als wäre nichts, schweigt alles still.
Dort spielt ein Mensch für sich Klavier.
Man hört es so, als sei es hier,
auch wenn man es nicht will.

Wie Bild auf Bild so blass entsteht,
vernimmt man leise, wie aus Tönen
das Zauberreich des fremden Schönen
sich zeigt und rasch zergeht.





Grammatik der Gefühle

7 05 2017

für Robert Gernhardt

Marmor, Stein und Eisen bricht,
nur: grammatisch stimmt das nicht,
weil sie alle, sich zu rächen,
im Terzett gemeinsam brechen.





In eigenen Worten

12 03 2017

Ach, dass es Sprache gäbe, die verstünden
nur die Verständigen und andre nicht,
damit sie so einander Reines künden
und nicht dran leiden, was ein andrer spricht.

Die Blüte welkt, das Glühende erkaltet.
Wohl gibt es sie noch nicht. Doch wenn sie reift,
entsteht sie, wo sich Fülle weit entfaltet,
sofern man einer Rede Sinn begreift.





Mutmaßung

26 02 2017

für Erich Kästner

So viele Helden, auch die allerneusten,
sie bieten aller Welt mit Macht die Stirn.
Prompt scheitern sie; es liegt nicht an den Fäusten,
sie siegten wohl, benutzten sie ihr Hirn.





Treu und Glauben

12 02 2017

Treu und Gauben, diese zwei
sind zwar höchst umstritten,
doch sie stehen einerlei
für die guten Sitten.

Höher ist als das Gesetz
löbliches Verhalten,
drum soll keiner mit Geschwätz
Ethik neu gestalten.

Treu und Glauben, jenes Paar
ist so hoch erhaben –
wird dereinst für immerdar
Seit an Seit begraben.