In letzter Konsequenz

4 11 2018

Man schätzt den Strauchdieb, nimmt er’s von den Reichen,
denn das erscheint den Armen nur gerecht.
Natürlich ist ein Dieb im Grunde schlecht,
doch lässt sich das beileibe nicht vergleichen.
Es stört hier die Moral mitunter wenig,
man merkt es erst, wird dieser Dieb zum König.

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Γνῶθι σεαυτόν

7 10 2018

für Erich Kästner

Hartnäckig hält sich das Gerücht,
es gäbe einen Bösen.
Doch sucht man, findet man ihn nicht.
Das lässt sich nicht niemals lösen.

Betrachtet man die Menschen dann,
betrachtet man die Taten,
lässt es sich schon von Anfang an
aus ihrem Tun erraten.

Was manchen in den Ohren klingt,
hier wird es wohl begründet:
der Böse ist nicht unbedingt
der Böse, den man findet.

Man schaltet sein Gewissen aus –
vorausgesetzt, man wäre
noch des Gewissens Herr – und raus
kommt Tat, kommt Schuld und Schwere.

Es ist kein Teufel, den Gebet
und Frömmigkeit besiegen.
Ihr findet ihn. Von früh bis spät
wird es in Euch drin liegen

und nagt das bisschen Mitgefühl,
das Ihr noch habt, vom Knochen.
Dann wird es dunkel, feucht und kühl.
Dann kommt es angekrochen.

Wer jemals das in sich erfand,
erspart sich noch kein Leiden.
Es liegt nur in der eignen Hand,
sich anders zu entscheiden.





Ewigheutige

2 10 2018

Es gab Fernsehen in den Zimmern, Fernsehen mit drei Programmen, wobei durch eine verschmitzte Technik auch ein viertes lief, deutlich als Konserve erkennbar, und die Fernseher, Röhrenapparate aus dem technischen Museum, hatten tatsächlich keine Fernbedienung. Nicht einmal die klobigen Kästen an der langen Schnur, die sich ein paar Meter durch den Raum bis halb zum Rauchertischchen wand, nicht einmal die hatten Einzug gehalten. Doktor Pflockenschild hatte alles richtig bedacht.

„Es gibt ein Konstanten im Leben“, erklärte er lächelnd, „und das Fernsehen ist nun mal eine der prägendsten. Deshalb haben wir das Programm auch behutsam an die Bedürfnisse der Patienten angeglichen.“ Peter Frankenfeld machte gerade eine Conférence, auf den Tellern lagen Schnittchen mit Wurstaufschnitt und sorgfältig eingetrockneter Remoulade. Die Schlafzimmervorhänge sahen aus, als wären sie Schlafzimmervorhänge. Hier hatte sich seit Jahren nichts geändert. „Seit Jahrzehnten“, korrigierte Pflockenschild. „Genau darum geht es hier, wir wollen die Sorgen der Patienten mit einem zielstrebigen Mittel bekämpfen.“

Die Neophobie der Insassen musste schlimme Blüten treiben; jedenfalls hatte sich seit vierzig bis fünfzig Jahren nicht viel verändert. „Eine Art Schocktherapie“, bestätigte die Schwester. „Manche werden direkt in ihre Kindheit zurück katapultiert, aber nur die wenigsten.“ „Und die anderen?“ Sie sah mich verständnislos an. „Die waren damals doch noch gar nicht geboren.“ Sie stellte die frisch abgestaubten Aschenbecher auf die Fensterbank.

Der Linoleum-Fußboden war just neu verlegt, hatte aber laut Firmenprospekt ein Alterungsfinish erhalten, als sei er bereits seit Generationen in Gebrauch. „Wir achten sehr auf Details“, erklärte der Leiter, „oft scheitert ein so emotional besetztes Projekt schon an Kleinigkeiten, weil die nicht stimmen.“ Das leuchtete ein.

Auch die Tageszeitungen waren aktuell, nur eben fünfzig Jahre verspätet. Der Prager Frühling war vorbei, die große Krise der deutschen Politik stand unmittelbar bevor. „Wird es die Patienten nicht ängstigen?“ Pflockenschild schüttelte den Kopf. „Sie wissen ja ungefähr, wie es ausgegangen ist. Die Mauer ist irgendwann gefallen, der Terror hatte ein Ende, alles war ganz anders als erwartet, und irgendwie ging die Geschichte immer weiter.“ „Aber wenn die Geschichte immer weiter geht“, insistierte ich, „warum verkriechen sich diese Leute in ihre eigenen Wahnvorstellungen?“ Er musste einen Augenblick überlegen, bevor er antwortete. „Sie sehen ja durchaus eine positive Zukunft, und das ist das, was wir Gegenwart nennen, das heißt, ihre Gegenwart können sie nur deshalb ertragen, weil sie ihre Zukunft ist, verstehen Sie?“ „Und warum versuchen Sie dann nicht, ihnen diese Gegenwart als Ausgangspunkt für eine Zukunft zu erklären, in der die Geschichte auch einfach weiter geht?“ Pflockenschild fuhr sich mit der flachen Hand über die Glatze. „Jede geistige Affektation ist anders, mit Logik kommen wir dem nicht bei.“

Selbstverständlich gab es Wählscheibentelefone und ähnliche Geräte. „Schon wegen der sehr gefährlichen Strahlung“, seufzte der Arzt, „man darf hier so gut wie nichts benutzen, was irgendwie strahlt.“ „Bis auf die Fernseher“, entgegnete ich. Er nickte verzweifelt. „Und die Elektroherde in der Stationsküche, aber das ist natürlich etwas ganz anderes.“ Ich grübelte. „Warum haben sie Angst vor einer Sache, die in ihrer goldenen Vergangenheit noch nicht einmal bekannt war?“ „Das ist egal.“ Er putzt umständlich seine Brille. „Die Hauptsache ist, dass wilde und gefährliche Strahlung durch unbekannte technische Geräte ausgelöst wird, die es in der Gegenwart, also in dem, was sie für ihre Gegenwart halten, nicht gibt.“ „Ein interessantes Verhältnis zur Naturwissenschaft“, meinte ich, „an sich tritt dieser Menschenschlag gerade durch eine besonders ausgeprägte Fortschrittsgläubigkeit in Erscheinung, nicht wahr?“

Der deutsche Schlager, vielmehr seine düstere Vergangenheit wehte durch den Aufenthaltsraum. Irgendwo forderte eine sächselnde Stimme ein hartes Vorgehen gegen Fluchthelfer. Es roch nach nasser Wäsche und Kohlenstaub. Aus dem Untergeschoss hörte man einen Kanarienvogel zwitschern, etwas zu laut und zu regelmäßig, um noch als echt durchzugehen. Aber vielleicht war das ja auch gar nicht mehr gewünscht. „Wir stecken in einer Zeitschleife“, stöhnte Pflockenschild. „Wenn Sie in zehn Jahren wiederkommen, werden Sie dasselbe sehen, vielleicht dieselben Leute, und sie sind auf dem Stand von heute, weil wir sie nicht für den Rest ihres Lebens näher an eine Gegenwart heranführen können, die sie ablehnen. Es sind keine Ewiggestrigen, schlimmer: es sind Ewigheutige. Sie sind vollständig aus der Zeit gefallen, keiner wird sie mehr zurückführen können, und genau das ist das Problem. Wir müssen sie immer weiter von uns wegschieben, damit sie sich nicht mehr in unserer Gegenwart einnisten. Furchtbar, nicht wahr?“

Die Schwester rollte den Servierwagen durch den säuerlich riechenden Flur. Er quietschte. Das also war die Gegenwart. Ich schaute auf die Uhr, es war später als geplant. Man kann seiner Zukunft einfach nicht entkommen, dachte ich. Vielleicht ist das auch ganz gut so.





Curriculum vitæ

23 09 2018

Geht man, zum Beispiel: morgens ins Büro
und kehrt, wie jeden Tag, nach Haus zurück,
und ist es anderntags dann ebenso,
so bleibt die eine Frage – welches Stück

von einem Gang ist Teil bereits vom andern?
Ist man am Morgen auf dem Heimweg gar
und weiß es nicht? Und muss man weiter wandern,
obwohl man, wo man ist, schon immer war?

Von Anbeginn sind wir schon vor dem Ende,
und sind der Schritte viel, sind sie gezählt.
Das Leben schreitet selbst voran behende
und weiß, weil es die Schritte selber wählt.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXXVIII): Anstand

24 08 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Sehen wir der Sache ins Auge: der Hominide ist offensichtlich derart defizitär ausgestattet, dass er als einzige Spezies Regeln definieren muss, um sich nicht selbst auszulöschen. Paradoxerweise führt die Einrichtung der menschlichen Gesellschaft in allen ihren Ausprägungen nicht selten dazu, dass genau diese Regeln außer Kraft gesetzt, wenigstens aber gezielt verletzt werden. Es scheint, als habe dieser lächerlicherweise aufrecht durch die fade Existenz stolpernde Depp einen sorgfältig ausgeklügelten Selbstzerstörungsmechanismus in seiner DNA, um die Ergebnisse der Evolution auf dieser mit flüssigem Wasser und Schokolade gesegneten, leicht eiernden Kugel auf ihrem Weg zu einem kochenden Brei in der Sonnenumlaufbahn nicht länger als notwendig zu stören – diese Affenart wird früher oder später von alleine über die Wupper wippen, es ist halt ihre Bestimmung. Doch wozu dann die Erfindung des Anstands?

Zunächst gehen Anstand und Gesellschaft Hand in Hand, und verschaffte einem Teilnehmer einen Vorteil an Distinktionsgewinn. Wer nicht mehr in der eigenen Höhle seine Verdauungsendprodukte unter sich ließ, gehörte bald zu den besseren Kreisen, es stank weniger beim Nachmittagstee und die Fliegen blieben dauerhaft draußen. Der Aufstieg, jene fixe Idee der Urgesellschaft, gelang mit allerlei anständigem Verhalten. Was als gesittet galt, entschieden Sitten, zeit- und ortsneutral nicht zu haben, aber in der Regel stark kodifiziert und so streng beobachtet, dass jeder Fehltritt sanktioniert wurde, mehr oder weniger unangenehm in der Folge bis zum Ausschluss aus ebendieser Gruppe, Schicht, Gesellschaft. Zwar lassen sich mit Hilfe des kategorischen Imperativs einige Universalien herausfiltern – Tötungsdelikte nur im begründeten Einzelfall, Hände weg von der Tochter des Chefs – doch deren Anwendungsintensität galt individuell recht unterschiedlich. Wichtig bleibt, dass die reine Anwendbarkeit der Sanktion bei gleichzeitig sehr deutlichem Vorhandensein der Regel als Instrument sozialer Konstruktion Macht aufbaut und absichert. Dies fängt mit der Benutzung des Messer an, bei Tisch oder gegen genetische Konkurrenten.

Die dysfunktionale Gesellschaft entwickelte sich Hand in Hand mit der Idee der Sitte, nur eben in paralleler Richtung. Was heute als dominanter Typ des Gesellschaftsaufbaus eben jene Idee eines menschlichen Miteinanders nur noch windschief abbildet, ist dem Gegenteil geschuldet; nicht der Anständige, der Unanständige gelangt zu Macht, Einfluss und in die Schichten, in denen sich der Distinktionsgewinn lohnt, allerdings inzwischen auf eine symbolische Weise. Für die Tochter des Chefs darf man sich interessieren, Tötungsdelikte sind nicht mehr tabu, solange sich ein politischer Grund dafür zusammenschwiemeln lässt. Was als moralische Einrichtung galt, wird nun endgültig ad absurdum geführt, wenngleich nicht so perfekt und gleichzeitig beschissen, wie es Menschen in ihren jeweiligen Zwangsgruppen erledigen können, je nach Herkunft, Geschlecht, religiöser Vorstellung oder zufälligem Geburtsort sortiert.

Der erfolgreichste Weg, jede Moral dauerhaft in Vergessenheit geraten zu lassen, ist national, ethnisch oder sonst wie sich identitär gebärdender Haufenzwang, in dem die Teilnehmer blökend einem wirr zusammengehauenen Ideal folgen, um sich gegen die Anfeindungen der Anständigen zur Wehr zu setzen. Offensichtlich haben sie das Prinzip verstanden, jenes Regelwerk sorgt im Kern dafür, dass die Arschkrampen, die man in jeder normalen Gesellschaft ausmerzte, nicht an die Spitze der Pyramide gelangen, und nur darum geht es ihnen: Macht, Einfluss, materielle Versorgung. Der evolutionäre Kampf wird mit grundlegendem Fehlverständnis geführt, dass nicht Kooperation und Ausgleich, sondern blinde Gewalt aus dem limbischen System unter ständiger Ausschaltung der Impulskontrollsteuerung die Sippe irgendwie zusammenhält. Dass diese Kollateralbevölkerung allen anderen auch noch mangelnden Anstand vorwirft, als sei Ethik Knetmasse wie jede Moral auch, ist nicht belustigend, es sei denn aus dem historischen Abstand der Nachgeborenen. Was als untadeliges Verhalten allenfalls in einer Art von Verbrecherehre gelten könnte, hier wird’s jedenfalls auch nicht Ereignis. Begegnen wir ihnen nicht mit Freundlichkeit, nicht mit Verständnis, duseln wir nicht Humanität, seien wir anständig. Denn dieser Kodex erlaubte es vor allem in gesellschaftlich komplexen Situationen mit einfachen und schnell zu realisierenden Methoden die Störenfriede aus der Gesellschaft zu entfernen. Warten wir nicht ab, bis man politische Korrektheit, jenes Schimpfwort für den kränkenden Anstand, als Straftatbestand in den Diskurs einführt, und schauen wir nicht tatenlos zu, bis diese unsere Spezies sich erledigt hat. Helfen wir anlassbezogen und fallweise nach. Und zwar anständig.





Saisonaler Ratschlag an Bildungsbürger

29 07 2018

Es bleibt der Sommer heiß und furchtbar trocken,
fast wünscht man sich, dass man in Nächten friert.
Das Freibad will nur mit Geschrei anlocken,
auch wirkt man dort im Anzug deplatziert.

Die Kahnpartie verspricht die holde Landschaft,
jedoch ganz schattenlos und hell durchglüht.
Im schlechten Falle trifft man auf Verwandtschaft.
Man weiß ja, was dann an Gerede blüht.

Wer klug ist, wird nicht in die Wälder gehen,
verschmäht die Teiche, Parks und auch den Pfühl.
Wer klug ist, geht am Sonntag in Museen.
Sie sind so menschenleer und still. Und kühl.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXXIII): Ontologische Unsicherheit

20 07 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Da wusste auch Rrt nicht weiter. Alles war seit Generationen so harmonisch gewesen. Die Kinder machte der dicke Vegetationsgott, wer sich mit der Säbelzahnziege einließ, war Biomüll, ab Mitte zwanzig knackten eh die Knochen, aber die Typen an der westlichen Felswand sahen nicht halb so mies aus wie die anderen Hominidenexperimente. Das sicherte ihnen spirituellen Beistand bei der Büffeljagd, ließ ihre Kinder besser gedeihen und hätte wenige IQ-Punkte später bereits zur Gründung einer neofaschistischen Partei gereicht. Damals wie heute wussten die Affen mit Haarausfall, dass es nur um die Kontinuität der Rasse ging, denn von einem gewissen Level der Beklopptheit abwärts wird sich keine dieser besorgten Mehlmützen je als Individuum angesprochen fühlen. Die Götter aber wandten sich ab, Missernten und der Einfall der Leute aus dem östlichen Tal waren der deutliche Beweis dafür. Die Seinsgewissheit, dass alles genau so ist, wie es scheint, hatte sich nach und nach aus den wachsenden Hirnen ausgeschlichen. Was blieb, war der Zweifel.

Spätere Generationen hatten noch ganz andere Erkenntnisse zu verdauen. Es gibt keine Götter, die Bäume wachsen nicht in den Himmel, Schiffe sind nicht unsinkbar, Kathedralen können krümeln. Die ontologische Unsicherheit entwurzelt nach und nach den Menschen, der sich eben noch gefeit sah in den Begleitumständen der conditio humana, und während die einen ihre skeptische Sicht auf die faulen Götzen durch noch mehr Glaube an andere höhere Wesen mit Hilfe hastig hingeschwiemelter Ersatzreligionen zu befriedigen versuchten, wuchs ein kleiner Teil an der plötzlichen Freiheit. Ein kleiner Teil, das heißt: so gut wie niemand. Der Rest suchte sich beliebige Strukturen, baute sie aus den Trümmern seiner bisherigen Ordnung auf und nannte sie nach Ungreifbarem wie Kapital oder Nation, denn was nicht greifbar ist, kann auch nicht versehentlich kaputtgehen. Endlich hatte er wieder ein Dasein, das sich nicht hinterfragen ließ.

Schließlich war da wenig, und es hatte deutliche Nachteile. Die Idee einer Gruppenzugehörigkeit, die die einigermaßen stabilen sozialen Beziehungen zur Umwelt ad hoc ersetzt, findet da ihre Grenzen, wo andere auch auf die Schnapsidee kommen, einer Gruppe anzugehören, freiwillig oder nicht, oder wo man sie gerne exkludierte, wenn es denn sinnvoll wäre. Plärrte ganze Europa, man wolle Vietnam auf keinen Fall als ebenbürtiges Mitglied seiner Staaten akzeptieren, müdes Grinsen begleitete das verbale Gerümpel der Aluhütchenspieler. Und doch lässt sich auch daraus noch eine trübe Brühe köcheln, die für Parteitage reicht, Wahlkämpfe im Bierzelt und Aufmärsche, bei denen sich eine Rotte fußkranker Knalldeppen als das Volk bezeichnet, als gäbe es gerade kein anderes. Die ontologische Unsicherheit macht, dass die dümmsten Arschlöcher zeigen, was sie tatsächlich sind: die dümmsten Arschlöcher.

Zunehmend wird deutlich, dass auch die neue Struktur nur aus Exklusion besteht. Die Gruppe ist stolz und froh, nicht mehr den alten Vegetationsgott anzubeten, keine krausen Haare zu haben, keine Nasale in der Nationalsprache, eine vom neuen Gott und der Gewerkschaft der Heiligen verordnete Fahne mit anderen Querstreifen als bei den anderen, kurz: sie sind anders, halten es aber im Gegensatz zur üblichen Denkart für zielführend und eine Gnade. Es erlaubt ihnen, aus dem Schmierkäse ihrer faden Existenz eine Struktur zu schnitzen, in denen sich mancher denkfreie Raum aufbauen kann. Dabei ignoriert das Völkchen tapfer, wie viele Wahrheiten neben seiner noch in den Dimensionen des Seins herumdümpeln, falls es nicht in Zeiten der plötzlichen Liberalität, wenn jene anderen mit ihrem Freiheitsdrang wieder in Erscheinung getreten sind, klüger wäre, Angst zu entwickeln, neue Unsicherheit als drohendes Schicksal, wenn nicht mit allen Mitteln die einmal gefundene Autonomie gegen eine wirkliche verteidigt würde. Jeder Strohhalm dient dann dazu, Feindbilder zu schaffen. Die Hölle, das sind die anderen, und so braucht man sie nicht mehr in sich selbst zu suchen, weil man sie ja bereits erfolgreich abgespalten hat. Dem Beknackten ist es letztlich egal, wie er seine Wohlfühlpsychose anfüttert. Alles da draußen wird wegdefiniert, und mit jeder Grenze, die sich auch schließen lässt, bleibt die innere Labilität ein wenig länger erhalten, auch wenn längst der Boden bröselt.

Nichts geht doch über die gute, alte Angst als Gestaltungsmittel innerer Freiheit. Mit Unsicherheit wird so jeder Zweifel dialektisch bekämpft, der Fundamentalismus bombt die Hinterlassenschaften der Aufklärung aus dem Gesichtsfeld, und eine neue Welt entsteht, in der es keinen Urknall gibt, keine anderen Einsichten als die eine, richtige, und keine Götter, es sei denn, der Bescheuerte hätte sie sich als Maßanfertigung ins Regal gehauen. Hier ist noch Wahrheit. Nie war sie absoluter.