Leviathan

14 07 2019

Es gibt keine Gesellschaft. Ihr Vertrag
wird einfach aufgekündigt, doch von oben.
Die Ordnung ist damit einfach zerstoben,
und kann fortan verfahren, wie er mag.

Doch damit hat sich das Gewicht verschoben:
Moral und Fundament, mit einem Schlag
an dieser Wurzel fort an einem Tag,
was bleibt, ist blinde Wut und reines Toben.

Es gründen sich kein Staat und keine Währung
auf andrer Münze als nur auf Vertrauen,
und wer nicht damit rechnet, scheut Entbehrung.

Es trägt ja der Vertrag ein ganzes Land.
Wer allen alles nimmt, kann auf nichts bauen
und baut am Ende seine Macht auf Sand.

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Gesammelte Wissenslücken

30 06 2019

Wie so eine Schnecke schnirkelt,
Quinte sich auf Quinte zirkelt,
dafür hab ich den Beweis,
und ich weiß, dass ich es weiß.

Gibt es eine deutsche Ehre?
Wozu braucht es Mengenlehre?
Das steht in ganz andrem Licht,
dies, das weiß ich, weiß ich nicht.

Gibt es Fische ohne Gräten,
Monde, ganz ohne Planeten?
Ganz verborgen und ganz leis
weiß ich nicht mal, dass ich’s weiß.

Aber was ich gar nicht wüsste,
nicht mal, dass ich’s wissen müsste,
weiß ich, nur weiß ich beileibe,
dass es mir gestohlen bleibe.





Wirtschaftswunderliches

2 06 2019

Man müsste, dass man etwa Kinder schlüge,
verbieten, sowie auch Betrug und Lüge,
auch dass die Mieten ganz entsetzlich steigen:
hier müsste die Regierung Kante zeigen!

Und Kriege! ach, bejammernswerte Tote,
bejammernswert auch der Pakete Bote,
dass man die Brücken und die Schienen schindet
und Kohlen gräbt und daran gar nichts findet.

Das ganze Land verpestet Fluss und Meere,
verqualmt die Lüfte – die soziale Schere,
der Pflegenotstand, ach! die Menschenrechte,
und für die Meinungsfreiheit droht das Schlechte!

Die Welt geht unter, nur: wer wird sie hindern?
Die Tränen eines ganzen Volks gar lindern?
Man könnte schon, doch ahnt man: die Gesetze,
sie kosten uns am Ende Arbeitsplätze.





Instrumentelle Vernunft

22 05 2019

„Moment mal, was heißt: alle?“ „Alle.“ „Also echt alle?“ „Ja.“ „Wirklich alle!?“ „Ja doch, was denn sonst?“ „Dass ein paar Minister aus Protest in den Sack hauen, okay – aber alle!?“

„Ich verstehe es auch nicht, aber die Idee einer Expertenregierung ist doch sehr charmant.“ „Und warum haben wir das vorher nicht ausprobiert?“ „Weil die wenigsten Experten in die Politik gehen.“ „Dabei könnten sie dort am meisten ausrichten.“ „Allerdings immer unter strikter Einhaltung des korrekten Verwaltungsweges, einschließlich der erforderlichen Formulare.“ „Muss das denn sein?“ „Wie stellen Sie sich das denn sonst vor? Sollen jetzt die Finanzmathematiker durch die Lande tingeln und bei allen zuständigen Abteilungsleitern einen Vortrag halten, dass bis zu einer bestimmten Freigrenze keine Schulden mehr gepfändet werden, weil die Pfändung mehr kostet, als sie einbringt?“ „Das wäre doch mal ein vernünftiger Ansatz.“ „Leider fällt so ein Beispiel unter sich selbst: auch das kostet mehr, als es einbringt. Und wir werden nie fertig.“ „Das haben wir doch jetzt schon.“ „Also warum sollten wir dann eine Expertenregierung haben, wenn sie schlimmer ist als das, was schon jetzt hier herumkriecht?“

„Und was bringt dann so eine Regierung?“ „wir regieren wenigstens nicht mehr mit ideologischer Brille, nach der wir von bösen Flüchtlingen überrollt werden, die gar nicht kommen, und nur durch zusätzliche Dieselabgase vor der Islamisierung gerettet werden können.“ „Das ist aber nur eine Partei, die Sie da ansprechen.“ „Dann nehmen Sie meinetwegen noch hunderttausend Erwerbslose, denen wie durch Zauberhand ein Vollzeitjob wächst, wenn sie nur höhere Zuverdienstgrenzen haben und dafür zum Ausgleich auf den Mindestlohn verzichten und doppelt so viel arbeiten, wie der Bedarf ist.“ „Das heißt, wir müssen nur auf ideologische Wahnvorstellungen verzichten, und schon wird alles gut?“ „Es wird zumindest nicht schlimmer als jetzt, das wäre schon mal ein guter Anfang.“ „Und warum haben wir es bis jetzt nicht ausprobiert?“ „Weil man den meisten Menschen ideologischen Unsinn einreden kann, aber keine Vernunft.“

„Warum wehrt sich der Mensch so sehr gegen die Vernunft?“ „Weil die meisten von ihnen der Ansicht sind, sie besäßen schon genug davon, also lassen sie sich nicht zusätzlich von außen welche aufschwatzen.“ „Das heißt, sie wollen lieber Visionen?“ „Natürlich. Lieber jede Menge utopischen Schwachsinn als gar keine Zukunft.“ „Kann man den Menschen dann nicht eine solche ideologiefreie Politik als Vision verkaufen?“ „Das versuchen Sie mal. Die Leute werden Sie kreuzigen.“ „Warum?“ „Weil sie den Ansatz erst recht für ideologisch halten. Gehen Sie hin und erklären Sie den Menschen, dass Europa demnächst im Meer versinkt, und jeder wird Sie mit großen Augen angucken.“ „Hm.“ „Gehen Sie hin und erläutern Sie anhand von geophysikalischen Messdaten, dass Europa demnächst im Meer versinkt und wir leider den Durchschnittshaushalt mit tausend Euro Steuern belasten müssen, um unseren Arsch zu retten, und die Leute werden mit Steinen nach Ihnen schmeißen.“ „Weil ich es Ihnen einrede?“ „Weil Sie es ihnen beweisen können. Das wollen sie nicht. Und es ist sozialistischer Terror und Gleichmacherei, weil sie unterschiedlich behandelt werden.“ „Wie das denn?“ „Weil den Erwerbslosen trotz doppelt so hohen Bemühungen doch kein Vollzeitjob wächst und sie deshalb gar keine Steuern zahlen können.“ „Ideologie ist also, wenn man selbst nicht von der Politik bevorzugt wird?“ „Ideologie ist, wenn es nicht jemanden gibt, den man schlechter behandeln kann, weil man davon überzeugt ist, dass er es verdient hat.“ „Und wenn man den Leuten erklärt, dass das nicht mit unserem politischen System vereinbar ist?“ „Dann ist man ein Ideologe, weil man das System vertritt.“

„Dann sind also Sozialleistungen immer eine Form von Ideologie, weil sie im System der sozialen Marktwirtschaft angelegt sind.“ „Genau. Und Steuersenkungen für Leute, die sowieso nicht die Steuern zahlen, die sie nach Recht und Gesetz zahlen müssten, sind selbstverständlich keine Form von Ideologie, weil sie nichts mit diesem System zu tun haben.“ „Dann ist also eine Expertenregierung nicht ideologisch.“ „Wie kommen Sie jetzt darauf?“ „So eine Expertenregierung ist in diesem System gar nicht vorgesehen, die Politik wird doch von Parteien gemacht.“ „Aber nicht der Staat.“ „Kann man den nicht umgehen?“ „Dann sind wir wieder bei der Umgehung der Institutionen und bei einem vollkommen ineffizienten Herumregieren, das von außen gut aussieht und von innen nichts bringt.“ „Aber wenn wir das einigermaßen ideologiefrei hinbekommen, dann orientieren wir uns doch an den vernünftigen Zielen.“ „Also beispielweise an der Durchsetzung von Fünfjahresplänen.“ „Das habe ich nicht gesagt.“ „Aber da endet es meistens, weil die instrumentelle Vernunft jedes Mittel heiligt und damit auch schon wieder ideologisch wird.“ „Das heißt, man könnte auch Steuern senken, wenn es nur der Durchsetzung eines rationalen Gedankens dient.“ „Oder Arbeitslager bauen.“ „Aber das würde ja wieder dem System eines demokratischen Staates widersprechen.“ „Kommt immer darauf an, was Sie unter Demokratie verstehen.“ „Ich habe keine Ahnung. Fragen Sie die Experten.“





Überlegungen zur Kosmologie

19 05 2019

Warum ist eigentlich nicht Nichts?
Will der Gedanke reifen,
an Wissen um die Welt gebricht’s,
um dieses zu begreifen.

Schon nach dreihunderttausend Jahr
trennt sich die Strahlung ab –
nichts ist mehr, wie es vorher war:
Materie, nicht knapp.

Man steht in meinem Zimmer stumm
und wird’s sofort verstehen:
hier liegt recht viel Gerümpel rum
bei Licht, um es zu sehen.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLXIII): Grenzgänger

10 05 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Für sein Volk war es ein Initiationsritus: einmal der Bestie bis auf Armlänge gegenüberstehen, ihren heißen Atem spüren, dem Tod ins Auge blicken – oder zumindest der realen Chance, mit ansehnlichen Fleischwunden in die Höhle am Rande der großen Felswand zurückzukehren und dann gewaltig Schlag beim weiblichen Geschlecht zu haben. Die Säbelzahnziege kannte dies; instinktiv hatten sie und ihre Umwohner die Entwicklung der letzten hunderttausend Jahre beobachtet, in denen sich die Trockennasenaffen ausgebreiteten und mit ihrem Müll und Lärm jede ökologische Nische besetzten, in der andere Arten gedeihlich koexistierten. Zwar wurde auch hier gelegentlich gekämpft und der eine oder andere gefressen, doch keiner sah sich dem Versuch ausgesetzt, als komplette Art ausgerottet zu werden. Die Dominanz der Hominiden hatte dies mit sich gebracht, in ihrer reinsten Ausprägung in der Gestalt des Grenzgängers.

Es sind paradoxe Wesen: auf der einen Seite ist ihnen die Sterblichkeit rudimentär bewusst, zum Teil schwiemeln sie sich aus Versatzstücken von Naturbeobachtung und Drogenrausch eine erste Religion zusammen, die ihr bisschen Sein im Ansatz transzendiert, doch statt sich in den Zentren der Existenz auszubreiten, suchen sie die Ränder auf, an denen das Unbekannte lauert. Es ist nicht der Forscherdrang, der sie unbekannte Früchte ausprobieren lässt, von denen man lustig wird oder doof, gerne auch in umgekehrter Reihenfolge; es ist das rücksichtslose Selbstexperiment, in dem der Dummschlumpf herausfinden will, ob man den Sprung von der Klippe an einem aus Nasenhaar verdrillten Seil um die Füße überlebt. Scheitert er, so wird der Bekloppte zwar einen Beweis erbracht haben, den er jedoch selbst nicht mehr verwenden kann – für manche hinreichend deutlich, dass der Mensch schon im frühen Stadium als Art handelte und über die eigene Anschauung hinweg die Welt begriff, für andere noch ein Indiz, wie dämlich der Primat sich verhielt und noch verhält.

Denn nichts hat sich verändert, im Gegenteil. Noch immer und stärker denn je hat es sich der Mensch an den Außengrenzen seiner kleinen Welt gemütlich gemacht und dehnt sie empirisch aus über jede Schmerzschwelle hinweg. Wo in der Frühgeschichte noch primitive Waffengänge als Mutprobe galten, muss sich der brägenbevölkte Volldepp der Gegenwart auf Rollerblades an einen Rennwagen hängen, um die Fliehkräfte zu testen. Im Regelfall, wie ihn Festkörperphysik und Stochastik definieren, haut es den Klotzkopf aus der Bahn, er schmirgelt sich den Gesichtsversuch auf dem Asphalt zu einer Art Freestyle-Körperkunst, mit der er zwar nicht mehr geeignet ist, seine Gene produktiv weiterzugeben, aber die Individualität siegt, denn wer sieht schon so aus. Dialektisch betrachtet ist derlei das Bekenntnis zu Darwins Gedankengebäude, eingeschrieben ins Erbgut von Homo sapiens, das dieser bereitwillig ausübt als konstante Zwangshandlung, die Nanodenker aus dem Genpool auszusondern. Im Widerspruch dazu steht die Neigung der meisten Remidemmiurgen, das gezielte Beschädigen zentraler Funktionen von Körper und Restintellekt zu zelebrieren. Sie nennen es Risikosport oder integrieren es in den täglichen Anfahrtsweg über die Autobahn, der ihnen wie eine permanente Seinsvergewisserung vorkommt: wenn sie es überleben, ohne sich und andere an die Leitplanke zu scheuern, haben sie einen ganzen Tag gewonnen, der ihnen über die Absurdität hinweg Sinn stiftet in einer Welt, die ihrer nicht bedarf.

Und so basteln die harmloseren unter ihnen den Köln Dom im Maßstab 1:1 aus bulgarischem Quark nach oder erkennen dreißig Kühe am Rülpsen, um einmal in einer Samstagabendshow vor Millionen von Zuschauern die Rübe in die Kamera zu halten, doch es bleibt ja nicht dabei. Wer nicht dräuende Felsspalten im Hochgebirge auf einem leiernden Gummiseil ohne Sicherung überquert oder hundert Kilometer durch die Sandwüste joggt – beides nicht schlimm, da nur jeweils ein Chromosomensatz aus dem Bestand entfernt wird – surft auf der S-Bahn oder klettert die Glasfassade einer Großbank herauf, von wo er jederzeit unbeteiligten Passanten auf den Schädel möllern könnte. Doch das ist ihnen wumpe, ihr bisschen Bewusstsein macht ja innerhalb der Grenzen Schluss, die sie ausdehnen wollen, und das geht bei ihnen nicht ohne Gewalt gegen sich und alle anderen.

Als Spezies hat er der Mensch jedenfalls gut in die Wege geleitet, sich einem kollektiven Urteil zu unterziehen, ob er dieses Ordal überlebt. Wir zerstören mit hohem technischem Aufwand unseren Planeten und testen kollektiv aus, ob es uns gelingt, die komplette Zivilisation über die Wupper zu schaffen. Die Chancen stehen nicht schlecht, auch wenn es hin und wieder Nachwuchs gibt, der von geistig normalen Erzeugern abstammt und den Schwindel durchschaut. Doch wir hören ihre Warnung nicht, sie erricht uns nicht im Grenzgebiet zwischen Lebensgier und Todessehnsucht. Es hätte in den früheren Zivilisationsstufen kein Tabu sein dürfen, sich bei chronischem Lebensüberdruss die Kugel zu geben, das hätte langfristig die Art erhalten. Wir hätten möglicherweise die Geschichte neu schreiben müssen, auch das wurde und wird praktiziert. Aber wir wären gezwungen gewesen zum Umdenken, und da sind sie wieder, die Grenzen unserer Welt. Wir wissen eben, bis wohin wir zu weit gehen können.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLIX): Partnerlook

12 04 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Der Geschlechtsdimorphismus hat auch seine guten Seiten. Zwar degradiert manche Fischart das Männchen zum Reservoire für genetisches Material mit praktischer Anklettfunktion am Bauch des Weibchens – wo denn auch sonst – aber wenigstens findet sie ihn dann auch wieder, wenn sie keine besondere Neigung zur Ordnung hat. Alternative Möglichkeiten sind Anketten, Einmauern oder am Boden festnageln, wobei Letzteres gerade am Meeresgrund auf verfahrenstechnische Probleme stoßen könnte. Wie viel einfacher ist doch der Hominide gestrickt, sogar bei Baureihen nach der Steinzeit: auch außerhalb der Wohnhöhle lässt sich der Vater leicht lokalisieren, ohne Ortungsfunktion oder Implantat, wenngleich auch mit einer Kombi aus Instinkt-Dressur-Verschränkung und Hardwareunterstützung. Sie nennen es Partnerlook.

Was als textile Zwangshandlung an der unschuldigen Kollateralbekinderung von n größer gleich zwei einigermaßen funktioniert, zumal bei Zwillingen, fußt bei Paaren auf Handlungszwang. Auch im dichten Gedränge findet man gerne den anderen Teil der Zugewinngemeinschaft wieder, Anleinen ist gesellschaftlich noch nicht akzeptiert, also entscheidet sich gerade der dominante Part zur rigorosen Farbwahl. Der Klempnermeister geht nur in pinkem Pantherprint zum Möbelschweden, weil er sonst am Samstag garantiert zwischen Eingang und Getränkestützpunkt den Anschluss zur Gruppe verlöre. Was auch immer die Neigung hervorbringt, sich öffentlich zum Obst zu machen, es muss mehr sein als der Hang zum theatralischen Scheitern vor wehrlosem Publikum, sonst gäbe es nicht eine Industrie, die Viskose zu ästhetischem Gerümpel schwiemelt, auf dass sich alles außerhalb der fokussierten Zweierbeziehung schon aus Gründen des nervlichen Selbstschutzes für ausgeschlossen erklärt. Nicht jeder mag Grellorange in Verbindung mit frechen Mohairapplikationen, nicht einmal jeder Klempnermeister.

Eigentlich hat die Individualisierung, besser: der Zwang zu ihr jeglichen Wunsch nach Konformität zur Banalität des Blöden degenerieren lassen, und die Einzigartigkeit treibt Blüten sonder Zahl. Reicht es hier und da noch, sich mit unangepasstem Haarschnitt und flamboyantem Schuhwerk nebst den üblichen Metallwaren im Gesichtsbereich plus Ganzkörpertattoo als Teil einer Jugendbewegung zu gerieren, geht erst der Partnerlooker so recht in der Masse unter wie ein durchschnittlicher Uniformträger auf dem Feuerwehrball. Ist also der Versuch, einander selbstähnlicher zu sein als zwei Schlümpfe, die immerhin funktionales Beiwerk mit sich durch den Comicstreifen schleppen, eine falsch verstandene Integration in eine Parallelwelt, die noch unmöglicher existiert als das gezeichnete Ich?

Es ist das niedermolekulare Zusammenwachsen zweier wohl einzeln nicht mehr überlebensfähiger Organismen zu einer größeren Einheit, ähnlich den Polypen, die sich erst in der Kolonie als handelnde Gebilde verstehen. Das wirkt so überflüssig, wie es auch überflüssig ist. Zwischen Verstörung und Selbstaufgabe pressen sich zwei Personen in denselben Phänotyp, als wollten sie krampfhaft ihre durch die Beziehung und andere Abhängigkeiten gewachsene Identitätskrise nach außen krempeln, Abziehbilder ihrer selbst in einer Dialektik, die nicht einmal mehr Schielen erlaubt – einmal nicht aufgepasst, und man legt an auf den falschen Vogel.

Wo sich Paare finden, am Arbeitsplatz, in der religiösen Ausübung oder im offenen Vollzug, sie teilen zunächst ihre Gemeinsamkeiten, um nicht gleich über die Differenzen streiten zu müssen. Gut möglich, dass es zur Bildung einer Persönlichkeit einen gewissen Grundsatz an psychischer Stabilität braucht, aber man kennt das von der Steuer: die Veranlagung geht auch gemeinsam. Und just so kommt es zur Oberbekleidung, die nach einer Doppelblindstudie schreit, gemeinsam produktiv genutzter Stressbewältigung an der Außenhülle zur Innenwelt, die nicht mehr sieht als eine gründlich gespaltene Persönlichkeit. Es ist noch Luft, aber nicht unbedingt nach oben.

Mag es sein, dass Konfliktvermeidung zum Doppelerwerb der Hosen geführt hat, generell sind die multiplen Outfits tatsächlich ein schrilles Signal in die vereinzelte Welt: wir tragen Gelb, wir lieben den Affenarmschnitt, wir haben jeglichen Anflug von Scham weit hinter uns gelassen und schauen dem Einsetzen des Schwachsinns relativ gelassen entgegen, und zwar alle beide. Hier verläuft der schmale Grat, ab der die Symbiose beginnt, aber als Krankheit. Nicht selten endet der anschließende Kontrollwahn in einer lustigen Katastrophe, weil man die Überreste anhand ihrer Verpackung nicht mehr als einzelne Proteinhaufen separieren kann. Aber was soll’s. Nach dem Feuerwehrball hätte man sie auch nicht mehr identifizieren können.