Fundamentaltheologie

19 06 2022

Wie sind die vielen kleinen Fliegen grässlich!
Man atmet sie, wenn man nicht acht gibt, ein.
Das ist, wenngleich auch nebensächlich, hässlich.
Vielleicht sind wir in dieser Sicht allein.

Vielleicht sind Fliegen unbewusst ergeben,
dass sie sich opfern in der Menschen Schlund.
Sie haben, wie wir auch, nur dieses Leben
und gehen, zwecks Erfüllung, dann zugrund.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DCXVI): Erinnerungskultur

27 05 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Eduard der Ersetzbare war ein selten dummer König, der das Land mit Zorn und Geltungsdrang regierte, wenn er nicht gerade Geld und Gut zum Fenster rauswarf. Immerhin machte er es späteren Betrachtern leicht, da er von seinem noch erheblich blöderen Bruder Heinrich dem Dummklumpen mit dem Dolch zum Nationalhelden befördert wurde, dero den finstersten Jahren vorangegangen war, die das Reich je sehen sollte. Noch heute feiert man den Todestag des ständig schreienden Despoten, der außer Wein und Wutausbrüchen nicht viel der Welt hinterließ, allein er war der erste und einzige in der langen Folge an Herrschern, der keinerlei Krieg mit seinen Nachbarn anfing. Und so blieb Eduard, der vielseitig ungebildete Holzkopf, als Friedensfürst im Gedächtnis des Volkes. Das ist durchaus nicht untypisch für den Umgang mit der Geschichte, die unsere Erinnerungskultur konstituiert.

Abgesehen von den Zeugen der Vergangenheit, Denkmälern und Plaketten im öffentlichen Raum, bieten Feierstunden und festmeterweise Literatur das Gerüst, auf dem wir uns durch die Historie hangeln. Allerlei Fixpunkte, an denen kapituliert oder befreit, annektiert und wiedervereinigt wurde, ergeben einen Kalender, der sich saisonal bestens für eine Reihe staatstragender Festivitäten eignet. Unter Sektkorken und Salutgeböller gehen dann die Tage unter, an denen die bürgerliche Gesellschaft zähneknirschend die unangenehmen Jubiläen mit lautstarkem Bekenntnis zur aufgeklärten Gegenwart hinter sich bringt: Pogrome, Attentate, Massaker. Im günstigsten Fall frühstückt das kollektive Ego gleich alle rassistischen Mordanschläge auf einmal ab, kündigt noch mehr Problembewusstsein an und ist wieder für ein Jahr mit dem Schmodder durch.

Geschichte ist die in der Gegenwart und für sie zurechtgeschwiemelte Konstruktion, die zeitgleich erklärt und entlastet, wo es etwas zu erklären gäbe. Der Mensch ist nicht dazu erschaffen, sich ständig Dinge ins Gehirn zu laden, die seine aktuelle Lage nicht oder nur marginal beeinflussen. Genau darum verformt er die Vergangenheit durch den Druck des Erlebens, bis das Gewesene sich anpasst. Es wird mit der nötigen Deutung so semantisiert, dass alles einen vernünftigen Sinn ergibt, genau die Ideologie stützt, die es gerade stützen soll, als logische Folge von Handlungen einer planvoll handelnden Gruppe von Personen, die immer schon wusste, was wird, bevor dann der Zufall eintrifft. Geschichte entlastet vor allem die, die nicht dabei waren, seien sie durch die Ungnade ihrer Geburt auch Zeitzeugen, und gibt uns das praktische Verfahren der Mythenbildung an die Hand. Damit erschafft sich jede Generation eine eigene Vergangenheit, geschichtete Geschichte in Gemengelage, die vielleicht irgendwann kodifiziert wird: König gut, König böse, und es war nicht alles schlecht, während auf uns die Bomben fielen.

Konträr dazu müht sich zwischen Wissenschaft und Infotainment eine halb künstlerische, halb vom Gesinnungsbewusstsein getriebene Schar mit dem allseits populärer Brauchtumsterrorismus, die ganze Geschichte noch einmal neu zu dokumentieren, bis noch der letzte Authentizitätssüchtige alle Folgen mit Hitlers Chauffeur, Leibarzt, Sekretärin, Koch oder Kellner konsumiert hat – zwischen Baum und Borke entzieht diese Folkloretruppe den Historikern das Ansehen, indem sie stets das Werbeversprechen wiederholt, jetzt müsse die Geschichte aber ganz, ganz anders und vor allem neu geschrieben werden. Sicher ist nur, dass diese Annäherungsversuche mit dem Kopf an der Wand enden, da sie das Objekt der Untersuchung nur selten anders zeigen als auf dem Sockel der Anbetung. Der Aufarbeitung dient das nicht, aber wenigstens sind die Gerümpelmacher von einem Miniwahr weit entfernt, weil sie Fakten nicht fortwährend an die Bedürfnisse einer neuen Gegenwart anpassen müssen.

Wir überformen die Ereignisse, bis sie sich als geschichtstauglich zeigen, und schreiben sie in der für uns angebrachten Reihenfolge und Gewichtung auf. Früher waren es vor allem Jahreszahlen großer schlachten, heute sind es spekulative Zahlen von Todesfällen, die eine fortwährende Rekonstruktion der Wirklichkeit zur Statistik gerinnen lassen. Die Erinnerungsverfälschung durch Suggestion oder Autosuggestion tut ein Übriges, schließlich glaubt eine ganze Nation, sie sei vor Jahrhunderten Zeuge gewesen, wie dies und das geschah. Nur von den Konzentrationslagern wusste man nichts, das ganze Volk war sofort damit beschäftigt, sich gegenseitig in den Widerstand zuführen, und jeder hatte einen syrischen Geflüchteten in der Nachbarschaft, der mit dem Ferrari ins Sozialamt fuhr und reihenweise blondbezopfte Mädchen belästigte. Auch das wird von Zeit zu Zeit wieder verdrängt, beispielsweise dann, wenn es gerade opportun ist, die Klappe über die eigenen Verstrickungen zu halten. Die heilsame Flucht in die Erinnerungslosigkeit halten wir aus, wenn wir zum korrekten Zeitpunkt kurz und klar im Gedenken unsere Opferrolle vortanzen und uns die einmütige Betroffenheit sowie allgemeine Unschuld bescheinigen. Wenn uns keiner vergibt, müssen wir es selbst tun. Nur für die Folgen der Geschichte, da suchen wir noch nach einer Strategie. Aber wer weiß, vielleicht reicht ja individuelle Demenz aus.





Äquinoktium

8 05 2022

für Erich Kästner

Man schläft so schlecht. Das liegt wohl an den Träumen,
denn jeder nimmt den Tag mit in den Schlaf.
Der Kopf versucht, das alles aufzuräumen,
was einen in den wachen Stunden traf.

Das schüttelt man rasch ab. Es sind Gespinste,
das fliegt vorbei mit einem Stundenschlag.
Doch was dem einen nachts ins Leben grinste,
die Ängste, haben andre jeden Tag.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DCXIII): Die Fassadentheorie

6 05 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Šamši und Salmānu-ašarēd waren wie Brüder, mehr noch: sie waren Brüder, und damit begann das Problem. Als Vormund für den Jüngeren musste der Erstgeborene sein Geschwister gegen die damals übliche Praxis des Verwandtenmordes beschützen, die unangenehme familiäre Konstellationen schnell und unbürokratisch für die konzentrierte Machtfülle klärte. Aus politischen Gründen hatte er für die Vermählung mit der scharfen Yâba zu sorgen, die kaum über eine geistige Grundausstattung verfügte, aber ordentlich Asche und ansehnliche Kurven mit in die Ehe brachte – für den Prinzregenten eine Qual sondergleichen, da er schon der schielenden Schwester versprochen war, die Land und Sklaven hatte, Macht und Ansehen, aber nur den Charme einer Spaltaxt. Als nun Salmānu-ašarēd in Qarqar als General den Speer schwingen sollte, platzte seinem Bruder die Halsschlagader; er stellte ihn in die erste Schlachtreihe, sah seiner Zerfleischung bei einem temperierten Trunk zu und krönte sich nach drei Tagen Staatstrauer zum Alleinherrscher. So weit die Überlieferung, was der dünne Firnis der Zivilisation – so man in diesem Stadium davon sprechen darf – von unserer Triebsteuerung bremst.

Der Mensch ist, so die einschlägige Theorie, nur seine Fassade, eine hübsch verklinkerte Maskerade vor dem Hormonfeuerwerk, das auch nicht vor der Selbstzerstörung Halt macht, wenn man irgendeine Störgröße damit wegschmirgeln kann. Was uns mit kodifiziertem Recht und einer moralisch fundierten Erziehung zu mündigen Bürgern Tag für Tag davon abhält, die gesamte Menschheit über die Wupper zu schicken, ist ein fragiles Konglomerat aus Vernunft, Impulskontrolle und dem, was wir Gewissen nennen – die Angst, dass bei einem Ausbruch des Es das Ich die Zeche zahlen wird. Wie hinlänglich im Leviathan beschrieben ist er, der angebliche Herrscher der Schöpfung, sich selbst ein Wolf, wobei sich der Canide nicht ansatzweise so beschissen benimmt wie der Versager, der sich allen Ernstes für das Ebenbild jenes höheren Wesens hält, das wir verehren.

Doch nicht die Extremsituationen, in denen der Kampf um das nackte Überleben nette Nachbarn, die im Treppenhaus immer gegrüßt haben, zur reißenden Bestie macht, nicht der Weltuntergang oder die schwere narzisstische Kränkung lassen uns zu Arschgeigen mutieren, es ist der Egoismus an sich, die treibende Kraft der kräftigen Triebe, von denen jeder einzeln destruktiv genug ist, um eine ganze Gesellschaft zu zerstören. Schon die Tragik der Allmende zeigt, dass wenige Ichlinge reichen, um eine ganze Gemeinschaft zu destabilisieren. Was auch immer ein ethisches Gerüst gegen die tobende Verheerung der Selbstsucht ausrichten kann, es muss fortwährend neu ausgehandelt, neu verteidigt werden gegen die Zerstörung aus dem Inneren. Das Problem ist nicht, dass es Eigennutz gibt; das Problem ist, dass er zum moralischen Wert erhoben wurde.

Nicht erst durch die Einwirkung totalitärer und menschenverachtender Mächte schwiemeln sich die heimlich Bösen Entschuldigungen zurecht, mit denen sie als Mitläufer, Befehlsempfänger oder im großen Chor der Drecksäcke ihre Nächsten quälen wie sich selbst. Schon durch das Marktprinzip, das als Modell auf soziale Beziehungen übertragen und zur Richtschnur erfolgreichen Handelns gemacht wird, unterscheiden wir andere nach Nützlichkeit. Wir helfen, erwarten aber eine Gegenleistung. Bleibt die aus, lassen wir das aufgeschraubte Lächeln in der Westentasche verschwinden und räumen mit dem anderen auf. Noch den Trost für die Beschädigungen des Mitmenschen spendet der Egoist erst, wenn er sich im Licht seiner eigenen Großherzigkeit sonnen kann, weil das sein Ansehen entscheidend stärkt. Er wahrt sein Gesicht, auch wenn er gar keins mehr hat.

Bei Primatenforschern stieß die Fassadentheorie jüngst auf Kritik, da sich Empathie als evolutionär vorteilhaft für die Anpassung an gruppenspezifische Entwicklungen herausgestellt hat. Leider verfügen Bonobos im Gegensatz zu moralisch geschulten Arbeitnehmern, Wählern und Autofahrern nicht über den Intellekt, der es ihnen erlauben würde, zur Steigerung eines Börsenkurses den Lebensraum einer ganzen Ethnie platt zu machen, weil sie da eh nicht hinfahren würden, solange man die Rohstoffe mit dem Containerschiff nach Europa holen kann. Schimpansen sind auch nicht dafür bekannt, zur Durchsetzung ihrer politischen Ideale Arbeitslager zu errichten. Einige geistig hochstehende Arten verfügen neben der Anlage zum Humor auch über die Fähigkeit, einander anzulügen. Dass sie sich selbst belügen, und das aus strategischen Gründen, wurde bisher nicht entdeckt. Sollten sich Affen und Delfine verabreden, diesen ganzen Planeten in die Tonne zu treten, sie hätten unser Verständnis, falls sie damit den Menschen als permanenten Störer loswerden wollen. Vielleicht schaffen sie es als Meister der Kooperation ja auch, uns als einzig überflüssige Spezies abzuschaffen. Die Welt ohne Menschen wäre ein besserer Ort, nicht unbedingt ein friedlicher, aber eine perfekte Balance, in der es keine Masken bräuchte. Und keine Masken gäbe.





In tyrannos

24 04 2022

Weiß der Tyrann, dass man ihn stets belügt,
so glaubt er doch am Ende den Geschichten.
Er lebt in Träumen, die aus den Berichten
entstehen, die er selbst aus Lügen fügt.

Wer ist nun schuldig? jeder kann es sehen,
und jeder weiß von dem, der Falsches spricht.
Sie sehen es, und sehen es doch nicht.
Die Welt wird über sie hinweg vergehen.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DCX): Das dumme Tier

15 04 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Eigentlich verlief sich Uga selten im Wald, aber wenn, dann gründlich. Zwei Sonnenuntergänge lang musste er nun durch die Vegetation stapfen, weil er die Orientierung verloren hatte. Schließlich begann sein Magen zu knurren, und als er einige Portionen Protein auf dem Boden krabbeln sah, überlegte er nicht groß, sondern griff zu. Tierische Nahrung im Snackformat war ihm sonst fremd, bisher musste er immer mit Speer und Keule auf ungehaltene Säuger losgehen. So aber knusperte er eine Handvoll Käfer und überlegte schon, wie er die süßlichen Dinger in seinem Beutelchen in die Einsippenhöhle würde transportieren können. Er hätte zu gern gewusst, ob der jüngst gezähmte Wolfshund das Geziefer mit Schwanzwedeln und Appetit annehmen würde. So aber blieben ihm nur Beeren, ein wenig Moos und der Gedanke, ob er dem Heimtier vielleicht durch ein paar Knochen eine Freude machen könnte. Es war schließlich ein ganz besonderer Hund.

Etwas weiter östlich hatten ähnliche Stämme Hund, Katze, Marder oder Wiesel gleichfalls zum Fressen gern, obgleich auf weniger metaphorische Art. Bis heute ist das Verständnis der Menschheit von Biodiversität das Verlangen der Bescheuerten, sich möglichst schnell möglichst viele Arten in den unterschiedlichsten Garzuständen reinzupfeifen, außer eben wegen religiös-kultureller Tabus, sozial gewachsener Nähe oder Brechreiz auslösenden Ekels ausgenommenen Lebewesen, wobei auch hier fast jede Weigerung erlernt wird – würde sich der gemeine Allesfresser weigern, potenziell gefährlich oder degoutant wirkende Kalorienträger ins Gesicht zu drücken, die Erfindung der Fast-Food-Ketten wäre eine kurze, erfolglose Geschichte geblieben. Dass ein Teil der monotheistischen Religionen den Verzehr von Schweinen ablehnt, hat mehr als einen Grund. Die Erkenntnis, dass das Hausschwein den geistigen Entwicklungsstand eines gut zweijährigen Menschen besitzt, differenzierte Sozialbeziehungen zu Artgenossen unterhält und Emotionen wie Angst, Freude oder Neugier in individueller Ausprägung fühlt, spielt hier jedoch keine größere Rolle. Ein Schnitzel, das „Ich“ sagen kann, möchte man sich lieber nicht vorstellen, und so schwiemelt sich der Grützkopf eine Natur zurecht, in der seine positiven Gefühle artgerecht befriedigt werden: Delfine sind kluge Meeressäuger, die miteinander Spaß haben, Hunde die treuen Gefährten, die das Herrchen auch über unglaubliche Distanzen wiederfinden. Das an uns unverzichtbarste Bauteil ist die Tränendrüse.

Schwieriger wird dieser Subjekt-Objekt-Bezug durch eine neue Kategorie, den Affekt. Er ist nicht nur verhaltenssteuernd, greift weit über instinktives Reagieren hinaus und stiftet ein komplexes System aus Interaktionen innerhalb und außerhalb dessen, was das Ich als Selbst begreift. In ihm entsteht die kognitiv verarbeitete Erkenntnis der Wesenheit, die sich zu anderem und anderen verhält, paradox auch darin, dass die Kommunikation mit anderen Spezies dem scheinbar dummen Tier besser glückt als dem scheinbar intelligenten Menschen. Wie unglücklich muss diese Menschheit sein, wenn sie erkennt, dass nicht nur die vertrauten Freunde – wenngleich diese Freundschaft nicht unbedingt auf Gegenseitigkeit beruht – wie Hund, Pferd, Katze Schmerz kennen, sondern auch Knochenfische, Mollusken, Bienen. Noch bis in die 1980er-Jahre sah man Säuglinge vor dem Erlernen von Sprache als empirisch gut messbarem Indikator für Intelligenz als nicht in der Lage, Schmerz zu empfinden, und operierte mit geringer dosierter oder ganz ohne Narkose.

Was also den Hominiden auszumachen scheint, komplexe Intelligenz, Sozialstruktur und Emotion, leugnet er aus pragmatischen Gründen bei anderen Arten, wo es ihm vorteilhafter erscheint, als sich die existenziellen Kosten seines Organismenkonsums vor Augen zu halten. Zwar gibt es für Operationen bei Kleinkindern inzwischen Anästhesie, aber keine kognitive Dissonanz zwischen putzigen Kraken im Zoo, wie sie den Pfleger an der Hand erkennen, und ihren in Frittenfett ausgebackenen Armen, die wie Reifengummi in Bierteig auf der Peloponnesplatte dümpeln, damit man mehr Ouzo hinters Zäpfchen gießen kann. Anfassen würde man die Weichtiere sicher nicht, aber Verbrauchen ist okay.

Sträuben sich zusehends weniger, wenn man die Persönlichkeitsrechte des Menschen auf die nahen Verwandten innerhalb der Primaten übertragen will, haben wir bei Meerschweinchen, Ratte und Hase schon eindeutig mehr Ambivalenz. Nicht einmal die Kängurus sind sicher, geschweige denn Tierkinder. Aber die Fähigkeit des Verdrängens scheint eine der Stärken zu sein, die Zivilisation zusammenzuhalten und sie gegen die eigenen ethischen Prinzipien zu verteidigen. Nach dem Fressen kommt keine Moral, vorher sowieso nicht. Wie die Überlegenheit der Art Homo sapiens sapiens (sic!) auch die Zerstörung des Planeten als unangenehmen, aber in die Folgen der Marktwirtschaft eingepreisten Nebeneffekt des Spätkapitalismus hinnimmt, noch viel mehr dulden lässt, dürfte klar sein, dass diese Moral einen Preis hat. Wer ihn zahlt. Und für wen. Die Menschheit hat oft genug bewiesen, was sie ist: schmerzfrei. Wer denkt schon an die Kinder.





Zinsen

10 04 2022

für Franz Kafka

Dem Bösen kann man nicht in Raten zahlen.
Die Summe bleibt die Haut. Ist sie entbehrlich,
so wächst nach ihr ein Sündengeld aus Qualen
der Menschheit. Man versucht es unaufhörlich.





Vorläufige Bilanz

27 03 2022

für Erich Kästner

Wir sind so weit. Die Welt geht aus den Fugen.
Wir haben den Planeten fast zerstört.
Noch gelten die Bedenken, die wir trugen.
Es ist nur nicht geklärt, wem was gehört.

Der Eigennutz ist groß, uns zu beschützen.
Wer hungert, den schießt man am besten tot.
Der Fortschritt soll zu guter Letzt auch nützen.
Wen wir nicht sehen, der ist nicht bedroht.

Was nützt die Utopie, es sei die Erde
mit etwas Freundlichkeit ein Paradies?
Die Schafe bleiben immer bei der Herde.
Am Boden liegt nur, wer nicht selber stieß.

Wir rechnen ab. Sind wir nicht weit gekommen?
Ein Strich darunter, und dann ist schon Schluss.
Ein jeder hat sich möglichst viel genommen,
was nicht bedeutet, dass er zahlen muss.

Wir rechnen ab. Natürlich sind Verluste
recht ärgerlich. Nie schafft man etwas ganz.
Es kommt nicht darauf an, wer wann was wusste.
Wir rechnen ab. Und hier ist die Bilanz

Wir zahlen – manche mit dem nackten Leben,
mit Kleingeld, mit der Würde, oft mit Blut.
Die Welt ist nicht gerecht. Das soll es geben.
Woran es lag? die Menschen sind nicht gut.

Die gute Nachricht: es wird Menschen geben.
Bestimmt lebt in der Zukunft manches Kind.
Die schlechte Nachricht: die es überleben,
sind auch nicht besser, als wir heute sind.





Война и мир

13 03 2022

Die Nacht ist tief und dunkel. Alle Ängste
versinken schwer in einem schwarzen Traum.
Am Himmel steht kein Stern. Man sieht ihn kaum.
Die eine Stunde naht. Sie ist die längste.

Ein Kahn legt ab, treibt aus dem sichren Hafen,
er gleitet auf die Weite, aus der Bucht,
geht schutzlos aus der Welt. Die letzte Flucht
wird eine Nacht sein, die wir alle schlafen.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DCV): Das Thomas-Theorem

11 03 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Nicht immer können Menschen zwischen Wahn und Wirklichkeit unterscheiden, zumal nicht dann, wenn diverse Ingredienzien das Urteil erschweren: Drogen, Bewusstseinsstörungen, die Mitgliedschaft in sogenannten Glaubensgemeinschaften. Wer nun hin und wieder Stimmen in seinem Schädel hört, die sich nicht auf den Fernseher im Nebenraum, die Einflüsterungen von Aliens oder Strahlung aus dem Paralleluniversum zurückführen lassen, wird mit den dadurch verursachten Denkstörungen alleine fertig werden müssen, gegebenenfalls schlecht und kurz schlafen, sofern er aber nicht seine Wohnung verlässt, wenig in der Außenwelt ändern, es sei denn, er befindet sich im Besitz einer Schusswaffe, mit der sich derartig gelagerte Konstellationen nicht unblutig, aber rasch und grundlegend ändern lassen. Es liegt daran, dass unser betrachtetes Subjekt die Situation als wirklich definiert hat, folglich wird der Einsatz des Personenlochapparats auch immer auf die Wirklichkeit wirken – der Nachbar, dessen zu lauter TV-Konsum die Sache getriggert hatte, wird nicht im Kopf des Täters versterben, sondern im Treppenhaus. Wir haben es mit einer Konsequenz der Situationslogik zu tun.

Nicht nur die rationale Entscheidung, nach der sich ein zielgerichtetes Tun wie etwa der Kauf von Brot und Seife als notwendig empfundenes Handeln verstehen lässt, auch die nicht vernünftige Aktion wird stets aus dem Selbst begriffen: wem der Kopf friert, der wird sich eine Mütze aufsetzen, und sei es gerade Hochsommer. Man hat Homo rationalis als zurechnungsfähige Größe aus den Resten seiner Triebsteuerung zusammengeschwiemelt, immer im Zweifel, ob er nicht über Willensfreiheit verfügt; man setze ihn im Supermarkt nervtötender Musik aus und halte ihm Alkoholika vor die Nase, schon hat sich das dialektische Verhältnis dessen, was der Neoneandertaler aus freien Stücken an Unvernunft tut, wieder einigermaßen gerade gerückt.

Der Denkansatz der amerikanischen Soziologen Dorothy Swaine und William Isaac Thomas zielt zwar zunächst auf das Verhalten, also nicht nur auf die Entscheidungsfähigkeit handelsübliche Deppen unserer Verbrauchergesellschaft, und auch hier rein auf den mental eher eingedellten Anteil, aber was macht das schon. Schauen wir in der postfaktischen Epoche auf die Leistungsfähigkeit der White-Trash-Protagonisten, die aus Gründen ihr Schuhwerk nur mit Klettverschlüssen verwendungsfähig kriegen, so wundert uns nichts mehr. Wahn und Wirklichkeit verschwimmen bei den im Hohlraum einer flachen Erde Aufgewachsenen in einen Braunbrei, der auch durch regelmäßige Medikamentenausgabe nicht mehr zu korrigieren ist. Wie viel hier genetisch mit Bordmitteln versaubeutelt wurde, entzieht sich unserer Kenntnis, aber so wenig kann es nicht sein.

Wie sieht es aus, wenn man Wahn mit Ideologie erklärt und die Folgen, die die sich weit außerhalb eines sozial erwünschten Korridors der Meinungen befinden, real werden lässt? Es beginnt zunächst mit Framing, in dem die Situation umgedeutet wird, so dass Opfer Schuld haben an Diskriminierung, an Vertreibung und Hetze, an Brandsätzen, Lagerhaft oder Abschiebungen, weil ein politisches Konzept ja keinen anderen Ausweg lässt, als beispielsweise Kriegsflüchtlingen mit Gewalt zu begegnen, wenn sie von ihren Grundrechten Gebrauch machen. Die Folgen für die Gesellschaft sind real, weil die von ihnen ausgehende Gefahr – Islamisierung, Tod der als einheitlich begriffenen Volksidentität, Faulheit auf Kosten der Steuerzahler bei gleichzeitiger Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt – als wahr- statt wahnhaft gesehen wird. Auch dies ist natürlich ein rational nutzenmaximierendes Handeln, es nützt nur nicht der Gesellschaft, sondern rechtskonservativen Politikern.

Und also wird auch der normale Mitläufer, der sich von ideologisch verbrämtem Fimmel vor den Karren der Parallelweltdenker spannen lässt, zum willigen Gehilfen, der neue Fakten schafft. Gerade an dem Punkt zeigt sich die Schwäche der Theorie der rationalen Entscheidung, dass nämlich soziales Handeln immer zur unterkomplexen Beurteilung der realen Probleme neigt und sie auf kollektivem Niedrighirnniveau löst. Bekannt sind die Bilder der Menschenmassen, die Parolen plärren, für die man sie nach objektiven Maßstäben für unmündig halten und in die Obhut kräftiger junger Männer in weißen Kitteln geben sollte. Die Frage liegt hier also nicht darin, was Menschen für wirklich halten, sondern schon darin, ob sie zwischen wahr und wirklich noch unterscheiden können – oder wollen. Worauf sich die Sache durch einen Selbstbezug als rationale Entscheidung auch praktisch erledigt haben dürfte.

Und so lutschen wir uns unsere Geschichte und die gesellschaftlichen Tatbestände zurecht und sind überrascht, wenn sie nicht so funktionieren, wie wir es uns in der vermeintlichen Objektivität gedacht hatten. Schon Epiktet wusste aus stoischer Sicht der moralischen Autonomie, dass nicht Handlungen uns verstören und erschrecken, sondern Meinungen und Vermutungen über Handlungen. Wie wir ja auch meist nicht denken, sondern nur denken, dass wir dächten. Wir sollten nicht alles glauben, was wir denken. Es könnte wirklich sein.