Mundus vult decipi

14 06 2020

Es denkt der Mensch, er sei von mancher Schläue,
da er am meisten habe an Verstand,
und wer ihm seine Zweifel rasch zerstreue,
der ist’s, in dem er einen Meister fand.

Die anderen sieht er nur mehr als Gimpel,
da er doch auf sich selber nur vertraut.
Er hält sie im Vergleich für schrecklich simpel
und lobt sein Urteil ungestüm und laut.

Sobald er glaubt, er könne sich belügen,
zieht sich um seinen Hals die Schlinge fest.
Für jeden, der sich anschickt zu betrügen,
ist einer, der sich stets betrügen lässt.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXVII): Deutsche im Todestrieb

5 06 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Sie sind, auch wenn sie so tun, als hörten sie es nicht gerne, die Musterschüler unter den halbwegs als Industrienation erkennbaren Pausenclowns der Erdgeschichte, zufällig in der von Flachland, einer Gebirgsregion und langweiligen Hügeln geprägten Geografie Mittelmitteleuropas geboren und damit erkennbar privilegiert, weil sie innerhalb der letzten Jahrtausende nur wenig Gelegenheit hatten, von Naturkatastrophen ausgelöscht zu werden. Hier und da nagten Sturmfluten kurz an der Küste, aber sonst führten sie ein apathisches Dasein. Hätten sie es nicht hin und wieder durch Kriege aufgelockert – teilweise blitzartig fürs Volk ohne Raum, teilweise als dreißigjährigen Versuch, Raum ohne Volk zu erschaffen – sie wären schläfrig in Trübsal und Verdruss versuppt, elend erschlafft, matt ins Grab gesunken und längst vergessen. Natürlich hätte eine Weltgeschichte ohne Deutsche auch funktioniert, mutmaßlich nicht schlechter, aber nicht ohne die manisch mahnende Vorbildfunktion dieses Volkes, das von nichts mehr beherrscht wird als von seinem Todestrieb.

Andere feiern Dolce vita oder Savoir-vivre, der Teutsche ist zuerst pünktlich, dann gründlich, und zuletzt trennt er den Müll, auch hier in der Stunde des Abschieds vom Dinglichen penibel, weil er sich vom Paradies der Einwegflaschen nur die sortenreine Auferstehung vorstellen kann. Wo Verwertungslogik regiert, und wo in diesem Land regierte die nicht, da sucht sie ihre Rechtfertigung im Rituellen, wofür der Preuße ja wie geschaffen scheint, liebt er doch nichts mehr als die Wiederholung des immer gleichen. Denn wo sich nichts ändert, nichts sich entwickelt, sind nur Stillstand und Zustandserhaltung möglich, von vorsichtigen Kritikern Konservativismus genannt, von Realisten Tod. Der labile Status, ob als Knick im Paradekissen oder billiger Sprit an der Tanke, alles das darf nie verloren gehen und wird zum Unvergänglichen verschwiemelt, das auf Erden und erst recht anderswo Ereignis wird, vornehmlich als Leitkultur, von der keiner weiß, was da eigentlich drinsteckt, eventuell das christliche Abendland, der Weihnachtsmann oder die Einheit. Alles das sind wir sofort bereit, über die Wupper zu jagen, damit es kein anderer mehr besitzen kann. Auch wenn es weg ist, das gehört noch uns: Ostgebiete, Kolonien, der Kaiser.

Das Klima erhitzt sich, der Acker verdorrt, doch der Deutsche will, will, will nach Malle fliegen, im Straßenpanzer über die Autobahn ballern und zu Weihnachten südamerikanischen Flugspargel in den Schlund schieben. Ja, er verheizt die Zukunft seiner Kinder, aber die sind selbst schuld – was mussten die auch so spät geboren werden. Der Bescheuerte ändert sich nicht, so wie sich Universitäten nicht ändern, weder Justiz noch Politik, Märkte oder die metaphysischen Diensteanbieter, die allesamt in ihren Handlungsmustern erstarrt sind, damit alles so bleibt, wie es niemals war. Es vereinfacht nicht nur das Leben, es entlastet vom nörgelnden Über-Ich, das immerzu die Vernichtung der anderen verbietet, mit Moral kommt und einem die Regression madig macht, in die sparsame anale Phase zu glitschen. Wen wundert’s schon, dass der Teutone in der Existenzkrise vor allem Toilettenpapier hamstert.

Und so kombiniert der teutonische Töffel im Angesicht der Gefahr beides, die Vernichtung des Lebendigen an sich und der Außenwelt. Die Bilder der Toten vor Augen greint er nach Haarschnitt und Biergarten, als müsse er im Bunker hocken und den Putz von den Wänden lutschen. Er will es einfach, am besten zurück in den Mutterschoß, wo er die Verantwortung für dieses Leben loswird. Alles soll sich so wiederholen, wie es früher einmal war, ohne die Hiobsbotschaften einer sich verändernden Welt, ohne Rücksicht auf Verluste. Der einzige Schmerz ist ihm, über Leichen zu gehen, denn dazu muss er sich ja bewegen. Aber was tut man nicht alles.

Jenseits des Unlustprinzips scheint sich der Deutsche ohnehin nach Ewigkeit zu sehnen, ohne sie aber noch durch erwähnenswerte Eigenaktivität am Laufen halten zu müssen; seine Vorstellung von Jenseits ist die einer andauernden Rente, die er am Nullpunkt der Teilchenbewegung verbringt, nur mit ausgeklügelten Messmethoden von der Zeitlosigkeit des Anorganischen unterscheidbar, eins mit allem wie ein beiger Fleck in der Landschaft, der sich erst bei sehr hoher Auflösung als Seniorengruppe am Einstieg eines Reisebusbahnhofs entpuppt, während um sie herum sich die Thermodynamik verhakt. Ein Meister aus Deutschland hat das Auto erfunden und den Verbrennungsmotor, Kernspaltung und alles, was ihm bis zum bitteren Ende einen Eintrag in der Geschichte der Auslöschung sämtlichen Lebens auf diesem Planeten sichert. Sollte es wider Erwarten doch intelligentes Leben geben, dann wird es unser Sonnensystem erst in ferner Zukunft entdecken und diesen mit einer Sauerstoffatmosphäre, zahlreichen Parkplätzen und Kriegsdenkmälern ausgestatteten Rotationsellipsoiden betreten. Sie werden sicher im Halteverbot landen, aber es wird keiner mehr da sein, der auf sie schießt. Schwer vorstellbar: ein Himmel auf Erden, alles tot. Wie traurig, dass wir das nicht mehr erleben dürfen.





Nachher

31 05 2020

Was dann geschieht, am Ende mancher Kriege,
dass, wer sich kennt, erst recht und ganz entzweit.
Die Menschen halten aus in allem Leid,
doch sprengt die Not kein Band wie manche Siege.

Es tritt hervor, was auch verborgen liege,
was in der Angst verharrt und in der Zeit.
Hat eins sich aus der Eigenschaft befreit,
befindet es, was ihm nun schwerer wiege.

Es hält sich wohl im Nachgang der Geschichte
die Frage, ob ein Mensch den andern richte,
und wem es zusteht, Strafe beizumessen.

Das alles geht vorbei. Wir sind geduldig.
Es geht ein Spruch, und andere sind schuldig.
Man kann verzeihen. Doch wer wird vergessen?





Transeuntibus

17 05 2020

Einstmals, da besucht ein Kaiser
eines Klosters feste Mauern,
sah sich um, und wie ein Weiser
sprach er leise mit Bedauern –
denn die Reise ließ nicht warten –
zu dem Mönch, der stumm:
„Ach, so lieblich dieser Garten,
gerne kehrt ich um!“
Keiner aber von den Brüdern
wollte nur ein Wort erwidern,
einer nur, weil’s einer muss:
    „Transeuntibus…“

Und so sind die Menschen alle,
die die Welt im Sturm bereisen:
sehen sie im besten Falle
fremde Sterne sich umkreisen.
Sonst bleibt alles unverfänglich,
Freude, Lust und Leid.
Was sie sehen, ist vergänglich
und geht mit der Zeit.
Was an Tagen wir vermessen,
ist zu bald von selbst vergessen
und verschwimmt im großen Fluss –
    transeuntibus.

Erst wenn wir die Zeit erkennen,
halten ein die großen Uhren.
Schnell, wie ihre Zeiger rennen,
so verwehen alle Spuren
und mit ihnen unser Leben,
Sendung und Geschick –
bis wir uns dem Sinn hingeben
und dem Augenblick.
Mag die Welt uns weitertreiben,
der Moment soll immer bleiben,
schenkt dem Herz sich voll Genuss:
    Transeuntibus.





Pavor nocturnus

3 05 2020

Es hängt ein Mond im nächtlichen Gespinst,
das vor dem schwarzen Himmel webt und weht.
Das bleiche Licht, das auf die Erde grinst,
wird blasser noch, bevor es untergeht.

Ach, alle Angst kommt aus der Finsternis –
wie ist man einsam, fern von jedem Hafen,
auf schwankem Schiff, so morsch und ungewiss…
Schon deshalb soll man nachts am besten schlafen.





Kleine philosophische Übung

19 04 2020

für Christian Morgenstern

Aus reiner Langeweile kann man denken,
wie Raum und Zeit sich in Beziehung setzen
und sich sodann an dem Problem ergötzen,
sich stundenlang in den Gedanken senken:

was, beispielsweise, sich als Raumpunkt weitet,
ist wie ein stetiges Vorüberfließen,
als wollte sich die Zeit in Räume gießen,
damit der Punkt durch alle Zeiten gleitet.

So wurde manche Wesenheit bewiesen.
Hauptsache ist, man muss dabei nicht niesen.





Anekdote aus der Zukunft

5 04 2020

für Erich Kästner

Es schwiegen die Waffen. Der Krieg war vorbei.
Sie lagen sich schnell in den Armen.
Die Völker, sie waren so friedlich und frei,
und jeder rief: weg mit der Tyrannei!
Der Menschheit ein Recht auf Erbarmen!

Sie schenkten sich alles. Man teilte und litt,
sie linderten Hunger und Nöte.
Wer fern von der Heimat, dem brachte man’s mit,
und keiner, der zankte und neidet und stritt.
Die Welt war so voll Morgenröte.

Dann wurde es anders. Sie ahnten es schon,
und leise begann es zu zittern,
das Wort macht die Runde: die Revolution,
sie stand vor der Tür. Endlich Brot für den Lohn,
und Blumenduft schien man zu wittern.

Da kriegten sie Angst, und die vorher noch schrieen,
begannen sich jäh zu entleiben.
So weit war die Gleichheit des Menschen gediehn.
Sie wollten’s nicht glauben. Sie wollten nur fliehn.
Wie sonst soll denn alles so bleiben?





Mementote

22 03 2020

Noch war der Friede groß. Schon naht die Pest
und lässt die Straßen und die Giebel wanken,
dass bald schon alle, die an ihr erkranken,
verloren sind, und schon hält sie uns fest.

Zwar ist dort einer, den sie ledig lässt,
doch wollen wir ihr nicht zu frühe danken –
wir wissen von so vielen, die da sanken,
die ihr sonst in der Hoffnung jäh vergesst.

Es ist, als ob uns die Geschichte blendet,
dass sie verkünden will, woran sie endet
und wie sie nun nach ihrem Ende strebt.

Es ist uns gleich, dass Zukunft auf uns lauert.
Wir haben alle Fährnis überdauert.
Geschichte schreibt nur, wer sie überlebt.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DV): Der Zwang zum Glück

13 03 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Wahrscheinlich war Hans bloß ein schlecht gewähltes Beispiel, weil er seinen Goldklumpen gegen Nutzvieh und schließlich gegen einen Wetzstein eintauschen konnte, der viel leichter im Brunnen zu entsorgen war als ein Pferd. Aber das war noch zu einer Zeit, als die Überwindung der materiellen Güter noch nicht als klinisch relevante Dummheit durchging und den Märchen eher selten ein marxistisches Etikett auf der Hinterseite klebte. Lieber Arm dran als Bein ab, scherzt der alte Knabe vor sich hin, positiv denken! Sollte er am Ende doch schon der stromlinienförmig gefeilte Meister sein, dem die Selfmade-Messiasse auf der Suche nach Erleuchtung hinterherkriechen? Und leiden nicht sie am meisten unter dem Zwang zum Glück?

Eine hochglanzlackierte Turbogesellschaft kann sich keine Schatten mehr leisten, und nichts liegt nun näher, als jegliches Scheitern den Scheiternden anzulasten: Krankheit, Armut, Schicksal. Hätten sie sich halt ihre Herkunft samt genetischer Disposition besser ausgesucht. Schnell stehen sie im sozialen Abseits, weil man den Misserfolg nicht mehr zeigt, gilt er doch als ansteckend, wenn man schon selbst gegen das Axiom verstoßen hat, dass alle alles schaffen können, wenn sie nur wollen. Glück aber ist Wille zur Macht, wie man ihn meist in besseren Familien mitbekommt, auf besseren Schulen oder mit etwas größeren Erbschaften.

Die antike Philosophie hatte noch vernünftige Ziele. Es galt, das Unglück möglichst zu vermeiden oder damit zu leben, dass es sich nicht vermeiden ließ – aus der Differenz von Ist- und Sollzustand wuchs noch kein diktatorischer Imperativ, dessen Sense sich nicht um die Wirklichkeit scherte und jede Rübe abhackte, die zufällig im Weg stand. Erst die Verwertungslogik, die alles den Reichen gibt, erklärt das Glück zur Norm und erhebt es in den Rang eines unbedingt zu erstrebenden Gutes; wer nicht erlöst werden will, stellt sich gegen die ganze Ordnung und wird eben mit der Mistgabel vom Hof gejagt, da er sonst den Zorn der Gottheit auf sich zöge, die sicherlich auch abfärbt, bis ins siebente Glied alles ausrottet, die Ernte verdirbt und die Börsenkurse stolpern lässt. Nicht zufälligerweise funktionieren Ersatzreligionen wie echte, sonst bräuchte man sie ja nicht.

Und eine Religion wäre keine, zeugte sie nicht auch Schweinepriester, die sich als gierige Gurus ein Geschäft daraus machen, verschwiemeltes Zeug als Weisheit von der Stange zu verscherbeln. Es wäre ja auch kein verordnetes Bedürfnis, würde es nicht jeder haben, der brav im Glauben lebt, aus eigener Schuld noch nicht zu den Siegern zu zählen, die die anderen unterjochen dürfen.

Endlich verfängt bei den geistig Unterkellerten der Wahn, dass ist, was sein soll – sie gaukeln sich so lange Wonne in Tüten vor und reden sich ein, dass alles, alles gut ist, bis ihre rosarote Brille sie ungebremst an die Wand klatschen lässt. Einmal nicht positiv gedacht, schon am Arsch, oder wie es im Selbstprophezeiungsmodus heißt: wer seine Krankheit nicht von der Backe kriegt, hat nur nicht verbissen genug gebetet. Schon wieder in der Falle, nur ist es diesmal die Existenz, die über ihnen zuschnappt. Und so bleibt ihnen nichts als die bei Freizeitheiligen beliebte Offenbarung, die man ihnen abnehmen muss, weil sie sie dreist vor sich hertragen: sehet, ich bin der bessere Mensch, also ab in den Staub, wenn ich vorüber schreite. Wer die Last der unaufhörlichen Suche nicht länger dulden will, erklärt sich einfach für perfekt, um unter den anderen Blendern nicht mehr aufzufallen. Ein joviales Grinsen nagelt sich wie von selbst in den Gesichtsversuch, es darf nur keiner das Preisschild entdecken. Die Hauptsache ist, sie nehmen einem alle diesen Segen ab, neidzerfressen, missgünstig und übel gesonnen, weil sich das Schöne so ganz ohne Kontrast nicht lohnen würde.

Wenige aber merken, dass die ärgste Eifersucht der Vermögenden den scheinbar Unglücklichen gilt, die bereits die Zufriedenheit kennen und es zu schätzen wissen, wenn ihnen einer aus der Sonne geht. Die Sucht nach Selbstverwirklichung hat sie noch nicht zu Wegwerfhelden gemacht, die sich gegenseitig auf die Füße treten, weil nur einer als erstes ankommen kann, denn Glück heißt in ihrer Vorstellungswelt: mehr Glück als bei anderen. Es ist ein stolzloses Gedeihen, das auch nicht im Gegensatz stehen darf zu den eigenen Misserfolgen, die man niemals zugeben würde. Dieser naive Begriff von Nutzen verdient bei allem Zwang fast Mitleid, fast, fußt er doch zutiefst auf einem Dogma von Freiheit, die er nur sich selbst zugesteht, während er für andere nicht verantwortlich sein will. Krachend haut hier sein Fallbeil zu. Schönes Leben haben Sie da, raunt Freund Hein, wäre doch schade, wenn das jemand kaputt machen würde. Ihre zwischenmenschlichen Beziehungen lösen sich in lustige Wölkchen auf, mehr war nicht drin. Noch hätten sie Zeit für ein unvernünftiges Verlangen, das sie auch nicht an anderen messen müssen. Nicht einmal Kant hievt sie aus der Grütze. Vielleicht hätten sie den Unsinn finden können. Oder umgekehrt.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DIII): Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

28 02 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Irgendwann nach dem Urknall müssen sich Materie und Strahlung entkoppelt haben, dann begann die Bildung der Galaxien, große Gaswolken kollabierten zu Sternen, die Planeten gingen auf die Umlaufbahnen, dann entstanden Jahreszeiten, Ebbe und Flut. Trüb guckte der Troglodyt in den Regen, in die Nacht. Heute hockt der Hominide wie doof vor dem visuellen Endgerät und lässt Werbepausen an sich vorüberwabern, bevor der Filmdreck ihm wieder die Synapsen verkleistern darf. Das Konzept Zeit hat sich auch makrokosmisch durchgesetzt, ist aber in der Art Gesellschaft, die den Namen nicht unbedingt rechtfertigt, nicht mehr Grundgröße, nur selten von eigenem Wert, ansonsten nutzbares Zeug und nachwachsender Rohstoff. Es ist noch nicht einmal hinreichend geklärt, ob wir die Zeit verloren haben oder sie uns. Und niemand weiß, ob eine Antwort auf diese Frage es nicht schlimmer machen würde. Viel schlimmer.

Noch vor wenigen Jahrhunderten besaß nicht jeder das Bewusstsein, ein Individuum zu sein, indes er teilte seine Existenz in zwei Phasen ein, die vorübergehende in der Kohlenstoffwelt, eine nicht vergängliche im metaphysischen Ereigniskomplex. Letzterer gibt heute nur noch sporadisch Hoffnung und wird bisweilen ausgeblendet, wo in der reinen Zeitdilatation der Augenblick selbst sich zerdehnt wie Kaugummi unter einen Kinositz. Wir haben gerade noch so viel Zeit, dass wir jedem sagen können, wir hätten keine mehr. Die rigide Struktur neuzeitlicher Verwertungslogik hat uns abgerichtet, wir unterwerfen uns nicht mehr den Zeiten, sondern der Uhr, ihrer Weiterung ins Minutiöse, das als geldwerte Einheit überhaupt unsere Würde als wirtschaftliche Subjekte bestimmt. Als Teil einer kapitalistischen Nutzerbringung ist der Mensch in der Pflicht, seine Zeit in den Dienst des Marktes zu stellen, weil dieser Markt ihn sonst nicht überleben ließe, auch nicht in der resultierenden Restzeit, in der man atmet und schläft, isst und wohnt, nach Möglichkeit aber als Verbraucher seine Zeit auch im Interesse der Wirtschaft einsetzt, weil sich sonst die verlorene Zeit endgültig nicht mehr lohnen, das heißt: rechnen würde. Die Berechtigung zu ein paar Stunden Freigang erhält der ökonomisch getriebene Bürger nur, wenn er sie gegen die Käfighaltung der Leistungsethik eintauscht. So will es das Gesetz.

Als ungesetzlich, da unmoralisch, gilt sogleich alles, was die Verwertbarkeit abstreitet, indem es dem Gut Zeit einen inneren, untilgbaren Wert beimisst, als ob sie eine eigene Würde besäße. Der Arbeitslose wird nicht wegen seines mangelnden Beitrag am BIP geschmäht, man wirft ihm vor, seine Lebenszeit autonom zu nutzen, für sich selbst und verdachtsweise auch in eigenem Interesse. Der Bettler schon unterlag der verschwiemelten Ausbeutungssystematik, denn er unterlag noch immer dem grob gerasterten Stundenschlag, Auf- und Untergang der Sonne, Morgen-, Abendläuten sowie den Elementarkräften, die sich nicht beugen wollten, wenn die Börse es verlangte. Sie wurden frühzeitig als schlechte Vorbilder für die Jugend und die konditionierte Arbeiterklasse von der Gasse gefegt, eingesperrt und ins Werkhaus gestopft, um fortan nach dem Rhythmus der Industrialisierung den Fluss der Dinge zu erfahren. Noch heute zwingt die Maßnahme des Erwerbslosen, sich ans Maß zu gewöhnen, Struktur in den Tag und also in die reine Gegenwärtigkeit des Schaffens zu bringen, auch wenn dies den Wert der Person am Markt mindert.

Als reine Provokation bleibt das klassische Ideal der Muße auf der Strecke, ohne den Künste und Wissenschaft, namentlich die Philosophie nie den hohen Stellenwert im abendländischen Konstrukt gewonnen hätten, den ihm die Bildungsstelzen bis heute zuschreiben. Allerlei larmoyantes Wirrwerk mit Lufthaken dengeln sich die ökonomisierten Triebkraftprotze zusammen, als könne es Freiheit nur im Knast der Stechuhren geben, Wohlstand der Wenigen durch die Vertaktung der Vielen dabei fadenscheinig ausblendend. Dass eine ehedem heilige Zeitordnung des Immateriellen durch eine noch viel sakrosanktere Tempovorschrift ersetzt wird, verdeckt mühselig, wie wenig man das Motiv für Entdeckung und Innovation: die Faulheit ernst nimmt und ihren Endzweck erkennen will, nämlich die Auslastung der Maschine, der man gar nicht erst ein Ethos zusammendichten muss, um sie in eine pseudoreligiöse Sphäre zu hieven. Ohnehin hält der Apparat besser und treuer den Takt, kennt er doch keinerlei Barmherzigkeit, Herrenfeste oder Urlaub.

So bestrafen wir, dass wir die Ordnung der Vernunft verlassen haben, an denen, die noch an ihr festhalten, statt sich paradoxaler Beschleunigung hinzugeben, die in einem geschlossenen Kreis gar nicht funktionieren kann, da es Gesetze gibt, Gesetze und Grenzen, nicht nur in der Genauigkeit, auch in der Größe. Bei der Lichtgeschwindigkeit ist dann spätestens Schluss, nicht nur zufällig, sondern als Folge der Rahmenbedingungen. Sie werden das nicht ändern, auch nicht bei Sonnenaufgang. Sie hätten sich einen anderen Urknall suchen müssen.