Gernulf Olzheimer kommentiert (DCXXXIII): Die lügende Macht

23 09 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Kunibert Ohnehose lief noch der Wein aus den Mundwinkeln. Er schwankte, rülpste hörbar in den Thronsaal und fing ansatzlos mit einer der sattsam bekannten Fantastereien an: ein kariertes Einhorn habe ihn mit Traubensaft abgefüllt, der zwischen Lipp’ und Kelchesrand plötzlich fuselte, so faselte der Monarch. Der Kronrat hatte genug. Seit Jahr und Tag wusste man, dass der König im Zustand heitersten Suffs gerne Bares vom Balkon hebelte, Gaukler zu Grafen und billige Mädchen zu Damen am Hof beförderte. Die Schwierigkeit bestand nur darin, dass sie ihn nicht absetzen konnten. Oder es nicht wollten, denn Wohl und Wehe, meist Letzteres lag in den Händen eines mächtigen Hofstaates, der sich einen versoffenen Feuchtbeutel hielt, um in seinem Windschatten ein angenehmes Leben zu führen. So mussten sie also die Hirngespinste des Regenten – Angriff aus Pumpolonien, eine neue Residenz im Kartoffelfeld von Bad Gnirbtzschen, Sondersteuer für den Vollmond – für bare Münze nehmen. Denn es waren keine gruseligen Ideen des irrenden Herrschers, sondern Einflüsterungen der Günstlinge. Und so zerstören die Lügen der Macht ein ganzes Land, das sich nicht entgegenstellt.

Die Lüge zieht sich durch die Geschichte als der Kitt bröseliger Diskrepanzen. Reiche und mächtige Männer befehlen über uns und üben Gerechtigkeit aus, weil sie reich und mächtig sind, in Wahrheit aber, weil irgendein Genomzonk mit höherem Arschlochlevel in früher Vorzeit Dörfer und Reiche zu Klump gehauen und sich deren Besitz unter die verpilzten Nägel gerissen hat. Es ist nicht in ihrem Interesse, Wahrheit und Aufklärung über die Menschen zu bringen. Und so heuchelt, täuscht und flunkert sich ein Establishment von einer Dynastie zur nächsten, denn Dreck haben alle am Stecken, und was kann eine Lüge besser verbergen als noch mehr Lügen. So verschwimmt allmählich die Grenze zur Wahrheit, mehr noch: die moralische Unterscheidung, ob und was man der Welt gerade als Tatsache auftischt.

In der Antike ersonnen, im Zeitalter der Medien zur Perfektion gebracht, hat sich die Propaganda als Kanal der dominierenden Meinung eine Autorität erschaffen, die auf stumpfer Wiederholung beruht. Nur wenig Variation ist erlaubt, um die gängigen Lügenmärchen auf niedermolekularer Ebene in die Hirnwindungen der Untertanen zu schwiemeln, die gleichgeschaltet nachplappern und marschieren, wo die Dummheit ihre Fahnen flattern lässt. Auch der vollkommene Verschwörungsmythos baut auf die Naivität der Dummdeppen, jede noch so dämliche und fadenscheinige Wirrnis inbrünstig zu glauben, zu verteidigen, am besten mit eigener Unwahrheit, und aus ihr heraus eine tiefere Weisheit zu ziehen. Was, wenn die Radfahrer wirklich unser Unglück sein sollten? Geht nicht die Sonne jeden Tag unter, weil die Klempnerinnung es befohlen hat? Ist nicht der Führer der Erlöser des Volkes, weil er ihm den Endsieg schenkt?

In der technokratisch regierten Welt, die sich als Parlamentarismus ein theoretisch unangreifbares System der Transparenz ersonnen hat, hat allein der Souverän in Gestalt der wählenden Bevölkerung die Macht und ist in der Lage, andere Ansprüche mit legalen Mitteln abzuwehren – theoretisch, denn die Kaste der Mächtigen überlebt noch die Bombe, bei der die Kakerlaken aufgeben. Um ihren Anspruch auf die fortdauernde Macht zu sichern, lügen auch sie, weil sie das eherne Gesetz der Konservierung von Herrschaft befolgen: sie nehmen für sich das Gesetz in Anspruch, halten sich aber nicht daran, während für die Untertanen das Gesetz gilt, das sie aber nicht in Anspruch nehmen können. So feiern sie rauschende Feste, versorgen sich mit Deals und Nebeneinkünften, setzen ihre Lobbyisten mit an den Verhandlungs- und den Kabinettstisch. Kippt das auf, geben sie scheibchenweise zu, was sich nicht mehr vertuschen lässt, schieben anderen dafür die Schuld in die Schuhe und suhlen sich in der Opferrolle. Der gemeine Bürger aber nimmt die Politik nur noch als Theatermaschinerie wahr, in der hin und wieder Knallchargen in der Versenkung verschwinden, während auf der Bühne immerzu das alte Stück weggenudelt wird. Wen wundert’s, dass der Souverän verdrossen das Parkett verlässt.

Letztlich zerstört die Lüge jede herrschende Macht; kann man das bei einem Diktator noch als gerechte Strafe für sein moralisches Fehlen sehen, ist es um ein demokratisches Gemeinwesen schon schlechter bestellt, wenn sich zwischen den aus Gewohnheit fabulierenden Ichlingen und der Rotte perfider Parallelexistenzen ein Schulterschluss ergibt, wer die Bürger am besten hinter die Fichte führt. Wie bei einer Währung ist die bindende Kraft nicht, was auf einem Stück Papier steht; der Kredit ist, was die Menschen an Glauben darin haben.

Es gibt nur eine Sache, die die moralisch schon komplett ausgeglittenen Darmleuchter nachhaltig übel nehmen: wenn nämlich Politiker sich trauen, öffentlich die Wahrheit zu sprechen und sich zu erklären. Das goutiert der Bescheuerte nicht, denn er weiß, wie oft und warum er selbst lügt. Die da gehören nicht zu ihm, denn die Welt will betrogen werden. Auch ein Machtanspruch.





Horror vacui

11 09 2022

für Erich Kästner

Wir haben alles überwunden,
die alte Denk- und Täterzunft.
So schön dreht unsre Zeit die Runden,
wir haben alles überwunden,
es fehlt uns nur noch die Vernunft.

Kriegt man sie weg mit Fleckenwasser,
das auch Vergangenheit entfernt
für Volksgenoss und Menschenhasser –
kriegt man sie weg mit Fleckenwasser,
wär selbst der Himmel unbesternt.

Wir wollen alles ausradieren,
was Mensch uns sein lässt und dazu
verspricht, das Leben gut zu führen.
Wir wollen alles ausradieren.
Dann hat die liebe Seele Ruh.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DCXXX): Anstand

2 09 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Der Kriegsgrund waren die Buntbeeren. Waren die Jungen noch voller Respekt vor dem Alter, so griff der Älteste in der Einsippenhöhle ungeniert in den Trog, in dem die Früchte lagen. Am ärgsten aber trieb es Uga, sobald nur noch ein paar saftige Beeren übrig waren auf dem Boden. Gerecht oder nicht, die Gier siegte über jeden Verstand, und so wurde er allmählich zum abschreckenden Beispiel für die kommende Generation. Vielleicht würden ja auch sie einmal das soziale Privileg des Alters an der Kalorienausgabe für sich beanspruchen. Vorerst jedoch begnügten sie sich, denn sie wollten keinen Verlust ihres Anstands kundtun. Wir hätte das denn ausgesehen.

Auf Anstand liegt der Jäger nur, damit er mit scharfem Auge entdecken kann, was nicht anständig ist. Schickliches Benehmen, kurz: was sich mit der gesellschaftlichen Stellung der Figur vereinbaren lässt, ohne es beanstanden zu müssen, entgeht den Schnöseln, nur ein Makel nicht. Und so ist es bis heute die Daseinsberechtigung der wohlanständigen Bürger, mit dem Finger auf die Fehler der anderen zu zeigen, damit die eigene Kaste sauber bleibe, achtbar, gediegen. Indes der Mangel liegt nicht im Detail.

So ist Anstand kein Wert für sich, sondern nur der durch Sozialisation in einer bestimmten Umgebung erworbene Kodex an Verhaltensweisen, die eine Person nicht als Außenseiter in einem moralischen Gerippe offenbaren – wer weiß, wie Moral aus zeit- und kulturabhängigen Stellgrößen zusammengeschwiemelt wird, so dass sich beinahe jeder schmerzfrei noch eine zweite leisten kann, der wird über die Verwendung des Begriffs kaum süße Illusionen haben. Gemeinhin verwechselt der reine Tor Anstand und Sitte in Unkenntnis dessen, dass mit dem korrekten Aufhebeln von Krustentieren die Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft bemüht wird und nicht die intrinsischen Wertvorstellungen des guten Menschen eine Rolle spielen, und so bleibt alles in schönster Harmonie: die akzeptierte Moral spiegelt sich in der Verwendung des rechten Bestecks, die Ansichten des Freiherrn von Knigge werden auf hygienische Hacks heruntergebrochen, die fein in eine Tanzstunde passen, und schon bleiben die Anständigen wieder unter sich.

Pustekuchen. Es ist kein Wunder, dass in einem von Gier und Verrohung triefenden Zeitalter – der Effekt des Herabtropfens ist hier übrigens korrekt beschrieben, das Gesindel hockt an der Spitze der Gesellschaft – der Ruf nach Anstand lauter wird, gerade von denen, die die angeblich guten Sitten als Ausdruck tradierter Wertvorstellungen hochhalten. Wer sich schamlos bereichert, lügt und betrügt, dem wird mangelnder Anstand vorgeworfen, was genau bedeutet: wenn man schon auf den moralischen Vorstellungen der Gesellschaft herumkoten muss, dann doch bitte nicht öffentlich. Derlei Verhalten erregt öffentliches Ärgernis, und keiner will, dass es öffentlich sei.

Denn im Grunde ist eine ganze Gesellschaft verroht, wenn sich materiell unterfüttertes Streben nach Macht zum Konstruktionsprinzip entwickelt hat. Fordert eine auf die korrekte Inszenierung der Geschichte erpichte Klasse nun ordentliches Benehmen, ist es so, als habe man ja nichts gegen Wohnungseinbrüche, wünsche sie aber in seiner Nachbarschaft aus Lärmschutzgründen nur am frühen Nachmittag. Ausgewählten moralischen Prinzipien wird Genüge getan, man denkt dabei an die Allgemeinheit, sogar an die Kinder, ansonsten darf jede Schweinerei auf eigene Faust stattfinden. Sicher ist nur, dass vor allem privates Betragen eine gute Note erhält, weil Rocksaum und Haarschnitt wenig Anlass zum Skandal geben. Den Charakter aber zeigt es nicht, wie auch Höflichkeit, die täuschend ähnliche Schwester der Freundlichkeit, vor jeder Arschgeige artig knickst, bevor sie ihr eins über die Rübe zieht.

In einem Gemeinwesen, das sich, ganz auf die Außenwirkung bedacht, eine preziöses Fassade vor die Fratze hält, ist die Sittlichkeit längst zu einer lächerlichen Übung geronnen, zur kategorischen Invektive gegenüber der praktischen Vernunft. Wie das Böse als Freiheit verstanden wird, und so wird es verstanden, besteht der Umgang des Menschen mit sich selbst nur aus Etikette und Schwindel, was als identitätsstiftendes Zeichen jedoch immer schon genug war. Die Hauptsache ist, wir werden dabei anständig verladen und kriegen ordentlich eins auf die Mütze. Inzwischen hat sich die Kinderstube bis auf das Terrain der Kriegsdiplomatie ausgeweitet, und mit stilisiertem Entsetzen blicken wir auf das Unzivilisierte, als könnten wir es bannen. Wer mit dem Finger zeigen kann, reklamiert noch immer den Anstand für sich, die Moral, die Sittlichkeit. Immerhin bleiben wir innerhalb unserer üblichen Wertvorstellungen, und es ist immer gut, wenn sie nicht einer aus dem Wandschrank holt, der sie auch verstanden hat. Wie praktisch, dass das so selten geschieht.





Die Städte

14 08 2022

für Christian Morgenstern

So wandert man durch Städte und durch Straßen
und sieht die Welt in beispiellosem Licht.
Wie viele diese Wege einst durchmaßen,
das sieht man auf dem alten Pflaster nicht.

Die Türme und die Kirchen, die Gebäude
sind anfangs fahl und dunkel-unvertraut.
Nur langsam öffnet sich die Augenweide,
wer diese Wunder vor der Welt erbaut.

Bald weiß man an den Schildern, welche Namen
gewichtig waren, auch, wo ein Gewerk
sich anfand, und wie Fremde dorthin kamen.
Man steht vor der Geschichte wie ein Zwerg.

Dann nimmt man Abschied. Weiter führt die Reise,
ein Leben, das nie an die Grenzen stieß.
Und doch fragt man sich, ob man still und leise
mit seinem Blick wohl Spuren hinterließ.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DCXXVI): Muße und Müßiggang

5 08 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Welch eine skandalöse Wirkung muss es gehabt haben, als sich der erste junge Jäger aus Ugas Sippe entschloss, die anderen für sich arbeiten zu lassen. Die Alten, am Ende des dritten Lebensjahrzehnts, genossen dies Privileg mit gewisser Nonchalance, da ihnen körperlich nicht viel anders übrig blieb, auch wenn sie an Erfahrung den Jünglingen überlegen waren. Die aber, zumal vor der Einführung der Klassengesellschaft, hatten noch kein Recht auf ihre Jeunesse dorée erworben, schon gar nicht durch Werke (was so bleiben sollte) oder gar Abstammung (was blieb und bleibt). Der kühne Kerl wollte hauptsächlich künstlerisch tätig werden, träumte von einer Einzelausstellung in Lascaux und bekam die erste Kritik aus der Familie: Müßiggang. Wer nicht für das Kollektiv arbeitete, sollte auch nicht im Kollektiv essen. So begann die Geschichte der schöpferischen Untätigkeit, der Muße.

Die ursprüngliche Bedeutung von Muße ist: Möglichkeit, die Gelegenheit, aus dem täglichen Trubel, dem otium, in die ungleich freiere Weltsicht auszusteigen und zumindest gedanklich die Fesseln eines vegetierenden Daseins hinter sich zu lassen, sich im Sinne der σχολή zu bilden und Potenziale zu entfalten. Als Wert an sich begreift das der protestantisch verbogene Mensch nicht, erst recht nicht die neoliberale Überzüchtung; allenfalls als herbeifantasierte Supertechnologie, die noch ein paar Generationen lang zum finalen Versauen des Klimas herbeischwiemelt, lässt der Turbomaterialist durchgehen. Freiheit, die diese mehr oder weniger zivilisierte Gesellschaft auf die Schultern von Giganten gestellt hat, erkennt er nicht, was er für Freiheit hält, gesteht er nur sich selbst zu, koste es die anderen, was es wolle. Wer sich die Freiheiten nimmt, auch die legitimen, wird von ihm des Müßiggangs geziehen, der endgültigen Todsünde in einer überzogenen Leistungsdruckgesellschaft.

Der Dünkel der intellektuell bessergestellten Schicht verwehrt es der Plebs, sich ohne erkennbare körperliche Anstrengung durch eine Existenz zu manövrieren, die auch dem äußeren Anschein nach an Bürgerlichkeit grenzt. Das kennt nicht das antike Ideal des mittellosen Philosophen, der auch durch Spenden der Aristokratie geistige Überlegenheit kultivieren konnte. Heute aber sieht das aus wie ein bedingungsloses Grundeinkommen, das nur den Leistungsträgern zugute kommen sollte, weil sie es im Gegensatz zum Prekariat gut anlegen würden. Mit allerhand Bedürfnispyramiden versucht man physiologische Nöte, Hunger und Obdachlosigkeit für wichtiger zu erklären, und kann man die in der nach oben umverteilenden Gesellschaft nicht aus dem Weg räumen, wird’s halt nichts mit Kunst und Kultur. Dass Reiche für ihre Selbstverwirklichung im Himalaya auf annehmbare Außentemperaturen, komfortablen Sauerstoffgehalt und Sterneküche verzichten: geschenkt.

Überhaupt gilt ein nicht durchgetaktetes Leben bereits für die Mittelschicht als unproduktiv, nicht aufstiegsorientiert, hoffärtig. Erfolgreiche Typen sind stets in Bewegung, bis sie den sozialen Status erreichen, an dem sie das Leben der anderen nur noch einen feuchten Fisch interessiert. Auch gucken sie sich Kunst an, wenn sie mit prestigeträchtigen Namen verbunden, gerade eben noch mit einem Pkw verlastbar und mit Aussicht auf Preisanstieg käuflich ist. Wer im Schweiße seines Angesichts sein Brot nagt, der darf wohl auch einmal feiern. Aber doch lieber im Mäßiggang.

Arbeit muss die köstliche Angelegenheit sein, als die sie missverstanden wird, und man überlässt sie aus lauter Freundlichkeit den Armen, damit sie nicht zu sehr ins Nachdenken kommen. Anders ist es ja nicht zu erklären, warum man die Unterschicht zwanghaft in Bewegung halten will. Allein Muße ist Quelle des Guten und der Inspiration – wer da nicht aufpasst, hat ganz schnell die Revolution am Hals oder wenigstens Sklaven, die erkennen, dass sie Sklaven sind. Her mit der Moralkeule, um dem sündigen Faulpelz eins überzubraten, man wird mit der Todsünde im Katholizismus so gut bedient wie bei den Lutheranern mit der hintenrum für gottlos erklärten Faulheit. Wie weit das in die Oberschicht abstrahlt, merkt man an den ausgedehnten Urlauben und Landpartien, heute: Wellness, die man nur der Gesundheit zuliebe auf sich nimmt, weil sich keiner ertappen lassen will, wie er gegen das Gebot der Lustfeindlichkeit verstößt. Bewusst ihre Seelenruhe herzustellen käme auch ihnen nicht in den Sinn, metaphysisch entwurzelt, wie sie nun einmal sind. Immerhin kann die Elite noch darauf vertrauen, dass aus mangelnder Bildung kaum ein Arbeiter auf den Gedanken käme, ein Œuvre von proustschen Dimensionen in seiner Freizeit herzustellen. In einer kapitalistischen Welt, in der Freizeitgestaltung einen kommerziellen Nutzen haben muss, gilt einer, der genussvoll Löcher in die Luft starrt, bereits als subversives Element. Hüten wir uns.

Und so bleibt das Begriffspaar gemäß führender Mode streng geteilt, und der obere Mittelstand ruft einander zu: tuet Muße, aber weltlich. Seid nur kein Vorbild, denn sonst wollen alle so sein wie Ihr, und aus der Nummer kommt Ihr nie wieder raus. Es gibt kein Recht auf Faulheit. Also nicht für alle.





Mein Apfelbäumchen

31 07 2022

Alles wankt. Das Ende naht.
Nichts ist mehr gewiss.
Was Ihr in der Ferne saht,
als der Himmel riss,
alles düster, schwarz und grau –
jede Aussicht trüb.
Keiner weiß mehr so genau,
was davon uns blieb.
    Was wird aber davon bleiben,
    nicht im Wind, im Wasser treiben?
    Wer will’s mit dem Teufel tanzen,
    statt sein Apfelbäumchen pflanzen?

Herzlos ist die Ungeduld,
bis das Gute reift.
Wird es schlecht, wer trägt die Schuld,
die sich nicht begreift?
Was verleiht dem Leben Sinn,
macht uns froh und reich?
Lebt man nur für den Gewinn?
Ist bald alles gleich?
    Wer Besitz und Macht erstrebt,
    gegen Mensch und Menschheit lebt,
    trägt der Eitelkeit Monstranzen,
    will kein Apfelbäumchen pflanzen.

Heiter bleibt, wer stets vertraut,
wenn der Tag sich neigt,
dass er leise oder laut
sich als Freund bezeigt.
Mancher, der den Geist verhöhnt,
blickt auf seine Uhr,
geht verletzt und unversöhnt
und lässt Schatten nur.
    Wer sich seine Ziele setzt,
    weiß: die Hoffnung stirbt zuletzt,
    soll man doch im Großen, Ganzen
    nur sein Apfelbäumchen pflanzen.





Teufelswerk

3 07 2022

für Erich Kästner

Es ginge mit dem Teufel zu,
wird es den Teufel geben.
Er nimmt der lieben Seele Ruh
und kostet sie das Leben.

Die Ansicht, dass es Böses gibt,
erzeugt den einen Bösen,
der sich in die Gedanken schiebt,
vom Guten sie zu lösen.

Vielleicht ist alles dann auch gleich.
Man sündigt bis zum Ende,
ob alt, ob jung, ob arm, ob reich,
er führt uns schon die Hände.

Wir sind verloren, was Moral
und Anstand postulieren.
Man kann dies Leben allemal
sich in die Haare schmieren.

Dann bleiben diese Frommen, die
stets brav und ehrlich handeln,
dass sie im hellen Lichte wie
die Heiligen schon wandeln.

Man sieht sie theologisch treu
in göttlicher Erhebung,
das spendet sich, wenn man sie lässt,
schnell hilfsbereit Vergebung.

Nur manchmal sind sie voller Pein,
man sieht sie Unheil wittern –
die Angst, sie zieht durch ihr Gebein,
wenn sie vor Glauben zittern.

Am Ende ist das alles wahr,
die schrecklichen Geschichten –
gibt es den Teufel, immerdar
sie für die Schuld zu richten?

Man wünscht es sich, dass es so sei
für Heuchler, Gauner, Diebe.
Für uns ist dies recht einerlei,
wir sind von dem Gedanken frei
auf Erden – für die Liebe.





Fundamentaltheologie

19 06 2022

Wie sind die vielen kleinen Fliegen grässlich!
Man atmet sie, wenn man nicht acht gibt, ein.
Das ist, wenngleich auch nebensächlich, hässlich.
Vielleicht sind wir in dieser Sicht allein.

Vielleicht sind Fliegen unbewusst ergeben,
dass sie sich opfern in der Menschen Schlund.
Sie haben, wie wir auch, nur dieses Leben
und gehen, zwecks Erfüllung, dann zugrund.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DCXVI): Erinnerungskultur

27 05 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Eduard der Ersetzbare war ein selten dummer König, der das Land mit Zorn und Geltungsdrang regierte, wenn er nicht gerade Geld und Gut zum Fenster rauswarf. Immerhin machte er es späteren Betrachtern leicht, da er von seinem noch erheblich blöderen Bruder Heinrich dem Dummklumpen mit dem Dolch zum Nationalhelden befördert wurde, dero den finstersten Jahren vorangegangen war, die das Reich je sehen sollte. Noch heute feiert man den Todestag des ständig schreienden Despoten, der außer Wein und Wutausbrüchen nicht viel der Welt hinterließ, allein er war der erste und einzige in der langen Folge an Herrschern, der keinerlei Krieg mit seinen Nachbarn anfing. Und so blieb Eduard, der vielseitig ungebildete Holzkopf, als Friedensfürst im Gedächtnis des Volkes. Das ist durchaus nicht untypisch für den Umgang mit der Geschichte, die unsere Erinnerungskultur konstituiert.

Abgesehen von den Zeugen der Vergangenheit, Denkmälern und Plaketten im öffentlichen Raum, bieten Feierstunden und festmeterweise Literatur das Gerüst, auf dem wir uns durch die Historie hangeln. Allerlei Fixpunkte, an denen kapituliert oder befreit, annektiert und wiedervereinigt wurde, ergeben einen Kalender, der sich saisonal bestens für eine Reihe staatstragender Festivitäten eignet. Unter Sektkorken und Salutgeböller gehen dann die Tage unter, an denen die bürgerliche Gesellschaft zähneknirschend die unangenehmen Jubiläen mit lautstarkem Bekenntnis zur aufgeklärten Gegenwart hinter sich bringt: Pogrome, Attentate, Massaker. Im günstigsten Fall frühstückt das kollektive Ego gleich alle rassistischen Mordanschläge auf einmal ab, kündigt noch mehr Problembewusstsein an und ist wieder für ein Jahr mit dem Schmodder durch.

Geschichte ist die in der Gegenwart und für sie zurechtgeschwiemelte Konstruktion, die zeitgleich erklärt und entlastet, wo es etwas zu erklären gäbe. Der Mensch ist nicht dazu erschaffen, sich ständig Dinge ins Gehirn zu laden, die seine aktuelle Lage nicht oder nur marginal beeinflussen. Genau darum verformt er die Vergangenheit durch den Druck des Erlebens, bis das Gewesene sich anpasst. Es wird mit der nötigen Deutung so semantisiert, dass alles einen vernünftigen Sinn ergibt, genau die Ideologie stützt, die es gerade stützen soll, als logische Folge von Handlungen einer planvoll handelnden Gruppe von Personen, die immer schon wusste, was wird, bevor dann der Zufall eintrifft. Geschichte entlastet vor allem die, die nicht dabei waren, seien sie durch die Ungnade ihrer Geburt auch Zeitzeugen, und gibt uns das praktische Verfahren der Mythenbildung an die Hand. Damit erschafft sich jede Generation eine eigene Vergangenheit, geschichtete Geschichte in Gemengelage, die vielleicht irgendwann kodifiziert wird: König gut, König böse, und es war nicht alles schlecht, während auf uns die Bomben fielen.

Konträr dazu müht sich zwischen Wissenschaft und Infotainment eine halb künstlerische, halb vom Gesinnungsbewusstsein getriebene Schar mit dem allseits populärer Brauchtumsterrorismus, die ganze Geschichte noch einmal neu zu dokumentieren, bis noch der letzte Authentizitätssüchtige alle Folgen mit Hitlers Chauffeur, Leibarzt, Sekretärin, Koch oder Kellner konsumiert hat – zwischen Baum und Borke entzieht diese Folkloretruppe den Historikern das Ansehen, indem sie stets das Werbeversprechen wiederholt, jetzt müsse die Geschichte aber ganz, ganz anders und vor allem neu geschrieben werden. Sicher ist nur, dass diese Annäherungsversuche mit dem Kopf an der Wand enden, da sie das Objekt der Untersuchung nur selten anders zeigen als auf dem Sockel der Anbetung. Der Aufarbeitung dient das nicht, aber wenigstens sind die Gerümpelmacher von einem Miniwahr weit entfernt, weil sie Fakten nicht fortwährend an die Bedürfnisse einer neuen Gegenwart anpassen müssen.

Wir überformen die Ereignisse, bis sie sich als geschichtstauglich zeigen, und schreiben sie in der für uns angebrachten Reihenfolge und Gewichtung auf. Früher waren es vor allem Jahreszahlen großer schlachten, heute sind es spekulative Zahlen von Todesfällen, die eine fortwährende Rekonstruktion der Wirklichkeit zur Statistik gerinnen lassen. Die Erinnerungsverfälschung durch Suggestion oder Autosuggestion tut ein Übriges, schließlich glaubt eine ganze Nation, sie sei vor Jahrhunderten Zeuge gewesen, wie dies und das geschah. Nur von den Konzentrationslagern wusste man nichts, das ganze Volk war sofort damit beschäftigt, sich gegenseitig in den Widerstand zuführen, und jeder hatte einen syrischen Geflüchteten in der Nachbarschaft, der mit dem Ferrari ins Sozialamt fuhr und reihenweise blondbezopfte Mädchen belästigte. Auch das wird von Zeit zu Zeit wieder verdrängt, beispielsweise dann, wenn es gerade opportun ist, die Klappe über die eigenen Verstrickungen zu halten. Die heilsame Flucht in die Erinnerungslosigkeit halten wir aus, wenn wir zum korrekten Zeitpunkt kurz und klar im Gedenken unsere Opferrolle vortanzen und uns die einmütige Betroffenheit sowie allgemeine Unschuld bescheinigen. Wenn uns keiner vergibt, müssen wir es selbst tun. Nur für die Folgen der Geschichte, da suchen wir noch nach einer Strategie. Aber wer weiß, vielleicht reicht ja individuelle Demenz aus.





Äquinoktium

8 05 2022

für Erich Kästner

Man schläft so schlecht. Das liegt wohl an den Träumen,
denn jeder nimmt den Tag mit in den Schlaf.
Der Kopf versucht, das alles aufzuräumen,
was einen in den wachen Stunden traf.

Das schüttelt man rasch ab. Es sind Gespinste,
das fliegt vorbei mit einem Stundenschlag.
Doch was dem einen nachts ins Leben grinste,
die Ängste, haben andre jeden Tag.