In eigenen Worten

12 03 2017

Ach, dass es Sprache gäbe, die verstünden
nur die Verständigen und andre nicht,
damit sie so einander Reines künden
und nicht dran leiden, was ein andrer spricht.

Die Blüte welkt, das Glühende erkaltet.
Wohl gibt es sie noch nicht. Doch wenn sie reift,
entsteht sie, wo sich Fülle weit entfaltet,
sofern man einer Rede Sinn begreift.





Mutmaßung

26 02 2017

für Erich Kästner

So viele Helden, auch die allerneusten,
sie bieten aller Welt mit Macht die Stirn.
Prompt scheitern sie; es liegt nicht an den Fäusten,
sie siegten wohl, benutzten sie ihr Hirn.





Treu und Glauben

12 02 2017

Treu und Gauben, diese zwei
sind zwar höchst umstritten,
doch sie stehen einerlei
für die guten Sitten.

Höher ist als das Gesetz
löbliches Verhalten,
drum soll keiner mit Geschwätz
Ethik neu gestalten.

Treu und Glauben, jenes Paar
ist so hoch erhaben –
wird dereinst für immerdar
Seit an Seit begraben.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXI): Die konservative Chimäre

3 02 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Gespenster gehen genug um, meistens sieht man schnell, aus welchem Holz sie geschnitzt sind – bis auf den Faschismus, der Stoffwechselergebnisse aufbraucht – und bezieht entsprechend Stellung. Der Sozialismus sagt, der Mensch braucht keine Bananen. Der Anarchismus erlaubt Bananen, nur nicht ihre alleinige Nutzung. Der Liberalismus ist nicht gegen Bananen, Arbeiter dürfen sie anbauen, ernten, verschiffen und käuflich erwerben, essen jedoch nur ein paar korrupte Klötenkönige. Die nur noch selten auftretende Mische aus Katholiban und Evangelikazis verteufelt die Banane, da sie nicht in der Bibel auftaucht, gesteht sie aber ein paar sehr Gläubigen zu, für die Gesetze sowieso nicht gelten. Nur der Konservative steht alleine im Bananenhain, weiß alles, kann aber nichts erklären, und ist fein raus. Seine Politik steht für alles, aber auch für gar nichts, und genau das macht er seinen Anhängern klar. Seine Ideologie ist die konservative Chimäre.

Denn Konservatismus ist politische Ideologie ohne Programm, Philosophie oder Perspektive. Die Anhänger dieser Bewegung wollen alles, nur keine Bewegung. Zwar wissen sie, dass die Zeit noch nie für sie gearbeitet hat, aber genau deshalb wollen sie zurück, um keine positiven Utopien entwerfen zu müssen. Sie vermeiden strategische Ziele, und sie tun es nicht ohne Bedacht: je mehr ihnen aus reiner Konzeptionslosigkeit die Welt aus den Fingern gleitet, weil der Wirklichkeit Parteikarrieren wumpe sind, desto hektischer gerät das entschiedene Durchgreifen zum reinen Aktionismus hampelnder Marionetten, die erst in totaler Panik wieder zur alten Überzeugung finden, dass Angststillstand in Krisensituationen noch immer am besten ist.

Abgesehen von Rechts und Links geht dabei der Gesellschaftsentwurf nicht weiter, man kann ihn nur noch in die graue Vorzeit zurückkatapultieren. Darum ist inzwischen auch der Rechtspopulismus so attraktiv – man hasst seine Vergangenheit vorwiegend wegen ihrer unangenehmen Symptome, aber immerhin kennt man sie – und nicht der linke, den man für Abklatsch hält, nachdem sich die sozialdemokratische Idee erfolgreich suizidiert hat. So wird konservative Anschauung, die auf Welt größtenteils verzichtet, zur reinen Politik, die für ihre Selbstbespiegelung keine Menschen nötig hat, sondern nur einen Staat, der dem kollektiv in tiefes Selbstmitleid gesunkenen Kompetenzimitat eine aus keimfreien Zutaten hastig zusammengenagelte Ersatzreligion bietet: Du bist nichts, dies Ding ist alles. Genau so regiert das auch.

Amüsanter als alles andere ist die konservative Einsicht, die menschliche Vernunft sei beschränkt und könne ohne die Vorsehung einer um die Sonne kreisenden Teekanne, zu klein, um sie jemals zu entdecken, nie die unbewusste Weisheit der Ahnen begreifen, und die Empirie gibt ihnen recht: sie bemerken es als Letzte, dass sie eine Gesellschaft in die Scheiße geritten haben, und immunisieren sich wirksam gegen jede Verantwortung. Immerhin sind sie klug genug, sich selbst für dumm zu halten, und leiten aus der Erkenntnis den Anspruch ab, klüger zu sein als alle anderen. Mal ehrlich, was soll da schon schiefgehen.

Daraus entsteht die geradezu groteske Dialektik von geradezu religiöser Wissenschaftsfeindlichkeit und hysterischem Fortschrittsglauben, der an den Rändern gerne in tobsüchtiges Nachgeplapper von Zauberformeln eskaliert, die ihnen Wirtschafts- und andere Pseudoforscher hinterlassen. Alles geht, der Mensch wird schon irgendwann zur Sonne fliegen, fleißiges Beten schafft Arbeitsplätze, und dass der Neger in Europa nichts zu suchen hat, ist durch ein Bauchgefühl hinreichend legitimiert. Die in diesem Milieu siedelnden Parallelexistenzen lehnen alles ab, vorrangig aber das Fremde, Andersartige, kurz: das, was seit Jahren bis Jahrzehnten eine Mehrheit als Normalität ansieht. Sie verachten nur nicht ihresgleichen, denn das wäre egalitär, widerspräche ihrem im Mittelalter fein auf Flaschen gezogenen Klassismus und ließe sich nicht mehr mit den alten Etiketten als Vielfalt des historisch Gewachsenen verkaufen. Wenn es schon immer so war, muss es auch immer so bleiben.

Der Konservatismus will zurück zur Natur, am liebsten in atomgetriebenen Dampfwalzen, und hat bisher immer sein Möglichstes getan, um sich in den Paradoxa seiner eigenen Motivation gründlich zu verheddern. Wo immer der Mensch die Zukunft nicht überblicken kann, gerät er in Sorge, und was triebe das geistig ungesegnete Proletariat besser in die Angst, als sie zu beschwören. Der autoritäre Charakter, den er so schätzt, funktioniert nicht mit Toleranzen, die es erst seit Jahrzehnten gibt, und so erschließt sich, dass der Konservatismus an einer Neurose leidet, die er mit möglichst vielen teilen will – kein Wunder, Feiglinge kommen in einem dunklen Keller selten alleine zurecht. Ursprünglich waren Naturschutz, ein christliches Menschenbild und Verfassungstreue in Verdacht, als konservative Werte durchzugehen, aber längst wird man dafür als linker Vogel bespieen. Denn man will ja damit der normativen Wirklichkeit mit Widerstand begegnen, und wogegen lohnt sich Widerstand mehr? Gut, die Schwerkraft. Aber wäre das mehrheitsfähig?





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLX): Die historische Fälschung

27 01 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Childegund, CEO von Kalumbrien und eine der gefährlichsten Frauen des frühen Mittelalters, hatte ein Problem. Ihr Vetter Aldarich war schon lange scharf auf die Grafschaft Exonia, kriegte aber für einen Feldzug nie genug Truppen zusammen. Da besann er sich auf eine Kriegslist. Mit Hilfe seines Anwalts Dr. Laubenheimer schwiemelte er ein gar hübsches Pergament hin, auf dem der von Erzvater Æþelmulð unterzeichnete Vertrag zur Übergabe des Territoriums an die fettleibige Seitenlinie stand. Schöner Mist. Aber was sollte man machen. Ein Wahrheitsministerium gab es noch nicht.

Um dem Offensichtlichen kurz die Ehre zu geben: die Geschichtswissenschaft ist zum größten Teil das Geschäft, alles herauszusieben, wo man die Realität mit zufällig anwesendem Zeug aufpolstern ließ. Es wurde mehr, öfter, schamloser geschönt, geprellt, gefoppt, jeder tat es und niemand hatte ein Interesse am Aufkippen des Schwindels. Vielleicht waren diese Epochen ein Eldorado für Lügenbolde, vielleicht musste man angesichts der Gegenseite auch gewohnheitsmäßig die Wahrheit anpassen. Die Historie ist ein Märchenbuch und manche Seiten sind von minderer Qualität.

Politik war schon immer ein verhältnismäßig populistisches Geschäft, dessen Akteure mit der Wahrheit nicht viel am Hut hatten, wenn es der guten Sache dienlich war, und das ist im Zweifel immer die eigene. Gaius Iulius Caesar, der Welt vor allem bekannt als Autor der Commentarii de Bello Gallico, wusste durch nüchterne Kürze den Anschein des rationalen Checkers zu erwecken, der mit seiner Schilderung der Elche, die keine Kniegelenke besäßen und nur an Bäume angelehnt zu schlafen vermöchten, allenfalls aufschäumende Fantasterei produzierte, nur noch getoppt von des älteren Plinius’ Historia naturalis, in der er dem Trughirsch – noch so eine evolutionäre Raubkopie! – könne wegen seiner hervorstehenden Oberlippe nur im Rückwärtsgang grasen. Gaius kam nur bis Stabiae, die skandinavischen Abenteuer geben den Kritikern der Elche bis heute nicht recht.

Nicht besser waren die Chronisten, die Marie Antoinette den Schnack mit Brot und Kuchen ins Mäulchen legten. Schon 1760 schob Rousseau sie einer Potentatin unter, die Bürgerin Capet indes, verwöhnter Teen und allem Anschein eher gutmütig als elitär, wäre nicht einmal auf eine so brillante Sottise gekommen. Aber was nicht wahr ist, muss wenigstens gut erfunden sein, um das Gewissen der Henker zu versöhnen. Was alle glauben, kann so verkehrt nicht sein, und wer ließe sich nicht einen Bären aufbinden.

Seit der Ausbreitung des Drucks gierte der Pöbel nach dem Unerhörten; welcher Kaufmann schlüge noch um die Wende zum 18. Jahrhundert das todsichere Geschäft aus, die Höchstmerckwürdige, doch gewisse, und in denen dieserhalb gehaltenen Acten gegründete Nachricht, von einem abscheulichen Drachen, welcher sich zu Gattersleben, ohnweit Bernburg, den 23. Aug. a. c. früh nach 1. Uhr, in dem dasigen Glocken-Thurme, zu großem Entsetzen der erschrockenen Einwohner, sehen lassen unter die Leserschaft zu jubeln, damit der Rubel rollt. Drachen! Entsetzen, aber hui! Augenzeugen, yeah! Heute heißt das BILD sprach als erstes mit dem Toten, und keiner kauft’s.

Was heute als Fake News verschrien ist und im Verdacht steht, die Geschichte auf den Kopf zu stellen, war in vergangenen Epochen nur ein Mittel, dem Lauf der Welt Beine machen. Konstantinische Schenkung? erschtonken und erlogen! Hamburger Hafenrecht? Schummel und Schmu! Pseudoisidor? Privilegium Maius? sauber über den Löffel balbiert und für dumm verkauft. Der Bryce-Report warf 1915 deutschen Soldaten vor, belgischen Kindern die Hände abzuhacken. 1990 verbreitete eine US-amerikanische Kampagne, kuwaitische Schwestern rissen Frühgeborene aus dem Brutkasten, um sie auf dem Boden sterben zu lassen – ganz ohne alle Massenvernichtungswaffen, daher sicher wahr. Die Welt will nicht nur beschissen werden, sie weiß es und mauschelt zurück. Der einzige Unterschied zur Vergangenheit ist, dass wir heute über eine bessere mediale Grundausstattung verfügen und mit etwas Hirn unter der Kalotte Falsifikate von der Wahrheit unterscheiden können sollten. Die gedopte Realität macht jedem X ein U vor, hält Narren zum Narren und seift alles ein.

Dass uns die historische Einordnung nicht recht gelingt, liegt weniger daran, dass wir die historische Dimension nicht sehen wollen; der übliche Depp ist nicht bereit, seine Existenz in einem Zeitkontinuum zu betrachten, er hält sich für wesentlich klüger als die Erfindergeister der Spätantike und natürlich für erheblich kritischer als die, denen man vor zehn Jahren dieselben Märchen erzählt hat. Die Evolution ist nicht machtlos, aber sie ist ehrlich. Man sieht es nur so ungern, weil man sich lieber falsche Tatsachen vorspiegeln lässt – für den eigenen Vorteil.





Zum Lutherjahr

15 01 2017

Da sitzt er, dem die Angst am Herzen nagt,
und starrt in dunkler Nacht voll Pein und Schrecken
auf eine Wand und einen schwarzen Flecken,
der ihn bedroht, dass er vor sich verzagt.

Der Schatten, den er vor den Augen fand,
ist für den Kleinmut wie des Teufels Finte,
die allem innewohnt, und mit der Tinte
wirft er die Furcht hinaus und an die Wand.

Die reine Unvernunft beherrscht das Denken,
wo sich die Macht behauptet von Dämonen,
die nur den Blick in Finsternisse lenken.

Bald blickt man deutlich, bald als Unbewusster
hinab, wo Sorge, Not und Lähmung wohnen.
Was man in Ängsten sieht, ist nur ein Muster.





Abgesang auf ein altes Jahr

18 12 2016

für Erich Kästner

Es war ein bisschen viel. Es ließ nichts stehen,
was dort im Wege wuchs. Das sank dahin,
als müsse es so sein. Die Wolken gehen.
Das ist nun ihr Beruf und ihr Gewinn.

Es wurde oft und viel zu viel gestorben,
wie immer war es sinnlos und verfrüht.
Nicht nur die Laune hat es uns verdorben.
Wir wissen längst nicht mehr, was uns noch blüht.

Nur manche Tage gaben sich ganz heiter.
Das war besonders schaurig, wüst und laut.
Wenn andre gingen, lebten wir nur weiter,
und doch ist es uns seltsam unvertraut.

Noch sind es fast zwei Wochen. Alle Zeichen,
dass sich noch etwas bessert, sind verweht.
Und wie sich Traum und Wirklichkeit auch gleichen,
das nächste Jahr, es findet seine Leichen
schon, über die es geht.