Kleider machen Leute

1 12 2019

Es schritt, fürwahr! der Kaiser vor den Adel
und ließ sie seinen feinen Rock bestaunen,
und bald erhob sich schon geheimes Raunen
mit einer Spur von Spott und leisem Tadel.

Und artig küsst dem Herrscher man die Hand,
auch wenn an seinen Fingern Ringe prangen.
Man wird nach seinen Kleidern wohl empfangen,
verabschiedet wird man nur nach Verstand.





Die Wasserspeier

3 11 2019

Hoch oben auf dem Dach der Kathedrale
begrenzt ein Chor aus Fratzen jenen Rand,
an dessen Abgrund sich ein feines Band
ergießt wie aus der Lippe einer Schale,

das aus den Mäulern gurgelt viele Male,
wenn Regen zieht wohl über alles Land,
und speit sich aus wie eine Wasserwand,
und stürzt von Sinnen auswärts und zu Tale.

Schon möglich, dass die steinernen Grimassen
des Wassers überdrüssig nichts mehr fassen
und tausendjährig schon in Wettern schlafen.

Vielleicht sind es auch hässlich arge Sünder,
die noch in Jahren ihrer Kindeskinder
im Dom nicht sind, um ewig sie zu strafen.





Chinesische Legende

8 09 2019

„Ich bin es leid“, so klagt der Alte täglich.
„Die Leute gehen mich um Weisheit an,
doch ständig klug zu sein, das ist unmöglich.“
So kam’s, dass er sein großes Werk begann.

Ihm selber fiel nichts ein. Das war die Falle.
So schickt er einen Boten durch das Land,
nach Sprüchen wohl zu forschen, die er alle
auf eine Rolle schrieb, wo er sie fand.

Er nahm’s von Müttern, Ammen, Herren, Kerlen,
die haben alles fleißig rausgerückt.
Darunter waren freilich manche Perlen,
an denen er sich wunderbar entzückt.

Dann kam der Bote wieder. Unser Meister
war sehr zufrieden und zu Lob bereit.
„Dies ist ein Werk für alle großen Geister,
es überdauert sicher alle Zeit.“

Und sagt man auch, nachdem die Jahre gingen:
Konfuzius spricht – der Ursprung nie vergeht.
Die Weisheit, an der alle Menschen hingen,
braucht einen, der sie ordnet und versteht.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLXXIX): Private Schusswaffen

30 08 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Einmal die Zeitung aufschlagen und schon ist die Welt wieder in Ordnung: im Land der nicht begrenzbaren Unmöglichkeit hat ein Genomzonk ein Dutzend Menschen per Wumme in die ewigen Jagdgründe überführt. Gedanken, Gebete, Sela. Da fühlt sich doch der europide Spießbürger seltsam erhoben überm Morast eines Steinzeitlandes, in dem Ethik die Freiheit meint, sich selbst zum Maß aller Dinge zu machen; ein Steinzeitland, das den antiken Gedanken der Demokratie so weit zu Ende gedacht hat, dass es ihn abschaffen konnte, und den Gedanken der Freiheit gleich in einem Arbeitsgang. Wir sind ja nicht immun gegen Gewalt, hegen mit Sorgfalt und Liebe unsere Vernichtungsfantasien ein und schieben es auf das krude Konstrukt einer Gesellschaft aus Knalltüten, die ihre Verfassung so gründlich falsch verstehen, wie sie auch andere religiöse Schriften stets wörtlich nachturnen. Es ist, tönt der gute alte Europäer, nicht die private Waffe, es ist der Mensch dahinter.

Die legale Knarre im Privathaushalt ist ein Relikt des Feudalismus, als sich eine materiell besser und moralisch oft schlechter gestellte Kaste gegen alles meinte verteidigen zu müssen, was ihr die selbst verliehenen Rechte einzuschränken drohte. Wie die Jagd das Privileg der Herren war und Wilderei stets aus der Not heraus begangen, so blieb die Büchse Statussymbol und Drohung, die Herrschaft über Leben und Tod über alles auszuüben, was nach göttlicher Ordnung zum Abschuss frei war. Nicht wenige ignorieren dabei den soziokulturellen Aspekt des privaten Kriegs auf eigener Scholle gegen Fuchs und Hase als Pertinenz im Untertanenstatus. Mit der Christianisierung, die überall noch als Friedensreligion vermarktet wurde, durfte der neue Adel zwar das Wild daherschießen, gleich wie es ihm gefiel, doch machte er erst exklusiv Gebrauch davon, als zur Pertinenz noch Leibeigene kamen. Zugleich war die Feuerwaffe Hoheitszeichen und selbst in den Anfängen schon technologischer Fortschritt, der einer vermögenden Gesellschaft zur Verfügung stand und keinerlei Legitimation bedurfte. Gott hat mitgeschossen.

Nicht von Ungefähr hat die Oberschicht auch das Recht zur Reproduktion gleichermaßen strikt auf Eigennutz interpretiert. Weltliche und geistliche Fürsten lebten ihren Triebstau aus, wo immer sie konnten, denn es bedeutete, die Herrschaft legal zu entgrenzen; die privatrechtliche Fehde war längst kriminalisiert, doch Personalunion von Kläger und Richter schafft manch lästiges Gesinde vom Hals, ehe es zu Gegengewalt greifen kann.

Sinn und Zweck aufgeklärter Gesetzgebung ist nicht, die Menschheit mit der Knute zu verbessern, diese ist nur Ultima Ratio, wenn sich die Dummheit als überlebensfähig auszeichnet gegen jede Form von Therapie. Und so bleibt die Schusswaffe im privaten Besitz auch unverbrüchliches Relikt einer außerhalb jeder Vernunft handelnden Person, die sich nicht dem Gewaltmonopol aussetzen will, weil sie es – der alte Mann mit dem langen Bart hatte es selbst in diesem dicken Buch geschrieben – nur wörtlich versteht. Naiv zusammengeschwiemeltes Kinderwissen stellt sich aus eigenem Antrieb auf eine Kiste und kräht im Vollbesitz intellektueller Schmierreste von einer Selbstermächtigung, die sich nur gegen das Fremde richten kann. Jetzt aber dient die Flinte nur mehr dem persönlichen Genuss, weil man im eigenen Machtbereich alles wegballern kann, was sich bloß auf eine Verfassung beruft und nicht auf die Gewaltverhältnisse des Naturrechts.

Und so beruft der gemeine Depp, der den Staat nur braucht, um ihm Vorhaltungen zu machen, sich nach alter Treu auf sein Notwehrrecht, wenn Kinder sein Grundstück betreten: cuius regio, eius religio. Aus Blut und Boden wächst der Aberglaube, dass der Freie allein dadurch frei bleibe, wenn er seine Freiheit faustrechtlich verteidigt. Als gäbe es keinen Staat, ballern die Kleinkriegshelden durch ihren Vorgarten, nur um doch wieder dem Irrtum zu erliegen, eine in der Öffentlichkeit getragene Waffe sei der beste Schutz vor den Soziopathen, die schon durch eine in der Öffentlichkeit getragene Waffe ihre krankhafte Aggression zur Schau stellen. Das Vorrecht der Regenten aus dem Ancien Régime übernimmt nun pflichtbewusst der weiße Mann, der sich mit der legalen Schusswaffe schützen muss vor den illegalen Schusswaffen der anderen, die sich vor den legalen Schusswaffen schützen müssen. Sie alle erliegen demselben Irrtum, es ist der Irrtum des Staates, dass sich ein gesetzloser Zustand allein durch die Kräfte des Marktes regeln ließe, und sei es durch ein Gleichgewicht des Schreckens. Die Impulsivität des Individuums als seine Freiheit zu verkaufen ist eine Marketingidee mit Muffgeruch, doch die Geschichte kennt das Muster, dass keiner so sinnlose Gewalt erdenken könnte wie Sklaven, die plötzlich Herren werden. Vernunft allein ist noch kein Garant für den Frieden, bisher sind noch alle Versuche den Erfolg schuldig geblieben. Der Leviathan hat noch viel zu tun.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLXXVIII): Die imaginäre Mehrheit

23 08 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Wir haben heute keine belastbaren Zeugen mehr für die Entscheidung, die einer Seitenlinie des Stammbaums von Rrt den Weg in das große Dunkel geebnet hat. Zwölf Jäger hockten um das Feuer in der Gemeinschaftshöhle an der östlichen Felswand, und zwölf von ihnen waren der Ansicht, der Bär im angrenzenden Wäldchen sei nicht nur ordentlich zu braten, er sei vor allem einfach zu erlegen. Alle sahen sich schon als große Helden des Waidwerks, von Generation zu Generation wie Halbgötter verehrt, da sie die behaarte Beste furchtlos zur Strecke gebracht hatten. Eine knappe Stunden später verteilte sich ein Teppich aus Fleischbrei und Knochensplittern zwischen Gebüsch und Steppe, wo der grantige Großsäuger die prähistorischen Knalltüten in Einzelteilen entsorgt hatte. Eine nach demokratischen Maßstäben nicht anfechtbare Entscheidung, das muss man ihnen schon lassen, aber die Folgen waren von und für Idioten. Nicht immer ist die Mehrheit segensreich.

Das Totschlagargument des Plärrguts, wer kennt es nicht: es sind die meisten, die schreien, also sind sie im Recht. Ausnahmsweise kommt das Konzept mal ohne die schweigende Mehrheit aus, die immer nur dann auf die Monstranz genagelt werden muss, wenn sich die populistischen Sackpfeifen in ihrem eigenen Sumpf auf die Fresse packen. Wer brüllt, ist die Mehrheit. Interessante Nebeneffekte wie die Entscheidung durch Einzelne, wie sie in jeder politischen Konstruktion außerhalb der Anarchie im Tagesgeschäft vorkommen und den Gang der Gesellschaft ausmachen, sie kommen im Modell der Mehrheit nicht vor, und das aus gutem Grund nicht. Denn nicht nur ist es soziologische Binse, dass jede Mehrheit aus verschachtelt korrelierenden Minderheiten besteht, keiner will auch plötzlich zu einer Minderheit gehören. Nicht und nie.

Das beliebte Beispiel, in einer westlichen Demokratie, die die Todesstrafe konstitutionell abgeschafft hat, diese per Volksbegehren wieder einzuführen, weil es dann ja der Mehrheit als moralisch vertretbar erscheint, zeigt zwei Fehler. Zum einen steht die Mehrheit mitnichten über der Moral – meistens eher darunter – und nicht über dem Gesetz, über der Verfassung schon gleich gar nicht, sonst wäre letztere so unnötig wie erstere. Zum anderen sind Sperrminoritäten nicht umsonst auch da eingerichtet, wo die DNA einer politischen Gesellschaft sich verändern lässt. Was ein Volk oder wenigstens eine wählende Minderheit glaubt, ist noch nicht die Vernunft.

Wäre also bei einer Abstimmung, an der nur ein Prozent der Wahlberechtigten teilnähmen, automatisch die schweigende Mehrheit fähig, das Ergebnis zu bestimmen, und wenn ja, wäre ihr Schweigen zugleich Zustimmung oder doch wieder Ablehnung, weil sie nicht für die Veränderung votiert hat? Wenn je eine Hälfte auf dem Land wohnt und in der Stadt, je eine Hälfte der Hälfte aber bessere Straßen für den Individualverkehr fordert oder den Ausbau des öffentlichen Verkehrs, gibt es dann eine Mehrheit oder zwei oder nur eine, die keine ist, aber eine ist, wo sie das Gegenteil will? Und sind fünfzig Prozent immer die Mehrheit, wenn die Minderheiten zusammen auf dasselbe Stimmgewicht kommen?

Lustigerweise sind es die Errungenschaften der Aufklärung, die gegen eine unzivilisierte Mehrheit durchgesetzt wurden, die nun einmal die Ränder der Normalverteilung stellen. Könnte ein ansonsten demokratisch verfasstes Volk durch Abstimmung beschließen, einen Genozid an einer Minderheit in ihrer Mitte durchzuführen, so hätte sich damit jeder Anspruch auf Demokratie erledigt – wer auch immer mit der verschwiemelten Denkhülse kommt, eine Partei, die dies plante, müsse man doch als normale politische Größe akzeptieren, wenn sie demokratisch gewählt sei, hat in mehr als einem Fach Tiefschlaf gewählt. Würde ein Dorf mit der Mehrheit von neunzig Prozent beschließen, die restlichen zehn Prozent wegen ihrer Rothaarigkeit umzubringen, könnte das restliche Gemeinwesen sich nicht vielseitig desinteressiert zurücklehnen und die Hinterwäldler mit ihrem trüben Geschäft alleine lassen, weil es sie nun mal nichts angeht? Und sollte man, statt die ethischen Fundamente einer Gesellschaft zu ramponieren, nicht lieber Steuerhinterziehung straflos stellen, weil sie ein Kavaliersdelikt ist, das von der Mehrheit trotz eindeutiger Gesetzeslage zum Volkssport aus Notwehr gegen den bösen Staat erhoben wird? Wichtig ist nur, keine Drogen zu entkriminalisieren, weil die böse Schäden fürs Volk bedeuten – bis auf den Suff, den die Mehrheit als zivilisatorisches Gut anerkennt und ihn also schützt vor Verfolgung und Verbot.

Millionen Tiere fressen Scheiße und das aus physiologisch gutem Grund, aber noch keiner hat ernsthaft hinterfragt, warum der rezente Mensch so ineffizient in seiner Ernährung isst und die eigenen Ausscheidungen verschmäht. Es sind Aufgeklärte, die im Strahlenkegel der eigenen Erleuchtung auf der Autobahn Geisterfahrer sehen, Tausende von Geisterfahrern. Was soll’s, sie fahren alle gegen die Wand. Aber sie werden Recht haben. Bis zuletzt.





Perpetuum immobile

11 08 2019

für Erich Kästner

Es waren zehn Länder, die waren sich eins:
den Krieg darf es nimmermehr geben.
Sie schworen zur Gründung des Ländervereins
aufs friedliche, gütliche Leben.

So gingen die Jahre. Die Väter sind tot,
jetzt stellen die Söhne die Weichen
und finden, das manches nach altem Gebot
ganz neu scheint und nicht zu vergleichen.

Es waren zehn Länder, doch dachte sich dies,
das vornehmer war als die andern,
dass es besser jenen Verein schnell verließ,
um freiheitlich weiter zu wandern.

Von jenen neun Ländern, da fühlte sich nun
das kleinste durchaus überflutet
von Menschen, die hätten da doch nichts zu tun.
Was hat man ihm da zugemutet.

Von achten, da dachte sich eins, dass der Krieg
nun lange vorbei und verdrängt sei.
Bevor man aus allen Verträgen ausstieg,
betont man, dass man nun gekränkt sei.

Es waren von allen, historisch gesehn,
noch in dem Verein ganze sieben,
doch wollte ein Land es historisch verstehn,
und ist nur aus Trotz nicht geblieben.

Da waren es sechse. Das eine war stolz
und pries sich als Erbe von Vätern,
die damals geschnitzt waren aus jenem Holz,
das blutig umgeht mit Verrätern.

Von fünfen war eines, das wusste sich satt
und sorgt für der anderen Speise,
doch ließen sie hungern, wer selber nichts hat.
Sie nannten das groß und auch weise.

Es waren noch viere, da zog man den Zaun
um eines wohl hoch, zu verschließen
die Grenzen. Jetzt will man noch Mauern dort baun.
Die haben auch Scharten zum Schießen.

Von dreien, da wählte sich eines sogar
zum Führen den Sumpf der Betrüger.
Die kreischten, das Land sei in höchster Gefahr,
doch wäre bald Krieg, sei man Sieger.

Es sind nur noch zwei, und sie streiten sich wüst,
dass keiner die Spaltung geahnt hat.
Für alles hat keiner von ihnen gebüßt,
nur der, der zur Einheit gemahnt hat.

Dann kam wohl der Krieg. Keiner hatte Geduld,
und kurz war die Wut, lang die Reue.
Natürlich trug keiner daran eine Schuld.
Und wieder begann es aufs Neue.

Es waren zehn Länder, die waren sich eins:
den Krieg darf es nimmermehr geben.
Sie schworen zur Gründung des Ländervereins
aufs friedliche, gütliche Leben.





Mundi historia brevis

28 07 2019

Am Anfang war die Menschheit nur auf Erden
und mit ihr alle Dinge, alle Spuren,
von denen andre draußen nie erfuhren,
bis eines Tages sie’s erfahren werden.

Sie kamen spät und nahmen den Planeten
als Eigentum, auf dem ein Herrscher thront.
Als dies erreicht war, griffen sie zum Mond.
Die Welt war unterdes schon längst zertreten.

Einst wird kein Mensch mehr da sein zu erschauern.
Ein Fußabdruck wird alles überdauern.