Herbstbild

4 10 2020

Ein weiches Licht fällt, wo sich Blätter röten
und taucht die Welt in Stille, mild und schön.
Ein Vogel tanzt im Teich auf dünnen Flöten
und singt ein leises Lied vorm Schlafengehn.

Fort sind die Falter. Wenn sie sich vermummen,
vergeht das Farbenblühen im Geäst.
Ein letztes Sirren will auch noch verstummen,
wo Tau aus kalter Luft das Gras benässt.

Aufrauscht der Boden nun: durchs Blattwerk schreitet
der Wanderer, der sacht vorüberzieht.
Es sind die kleinsten Lichter ausgebreitet,
in denen er die Nacht schon nahen sieht.





Stille

20 09 2020

Kein Hauch bewegt die Luft. Die Dinge schweigen
und reglos steht die Welt im Sonnenlicht.
Die Zeit verstummt, und wie der Strahl sich bricht,
will sich der Tag auch schon zum Dunkel neigen.

Die Hoffnung war, dass bald die Lichter steigen
in einen Himmel, der uns Trost zuspricht,
damit uns stützt beim nahenden Gericht
ein Helfer, dem wir unsre Wunden zeigen.

Kein Wort. Uns wirft das lastende Geschick,
bevor die letzten Dinge sich entfalten,
in eine stumme Innenwelt zurück.

Ein Winter voller Ewigkeit gefriert
und schafft bewegungslos einst die Gestalten,
in denen eine Schöpfung sich verliert.





Praktische Handreichung zur Kunst im öffentlichen Raum

23 08 2020

Ein Denkmal steht, zu künden von Geschichte,
seit langen Jahren fest im Straßenbild.
Wer ahnte, dass die Zukunft anders richte?
dass man die Großen nun Verbrecher schilt?

Man kann sie nicht ersetzen. Zehnmal Goethe
sind selbst für die Kulturnation zu viel.
Es bringt die Städte schon in große Nöte,
da man auf diese Lösung nicht verfiel.

Man fertige die Bilder ohne Köpfe,
die man nach Wunsch auf ihre Rümpfe schraubt.
Rasch wechselt man das Antlitz der Geschöpfe.
Und alles ist so gut, wie man es glaubt.





Mundus vult decipi

14 06 2020

Es denkt der Mensch, er sei von mancher Schläue,
da er am meisten habe an Verstand,
und wer ihm seine Zweifel rasch zerstreue,
der ist’s, in dem er einen Meister fand.

Die anderen sieht er nur mehr als Gimpel,
da er doch auf sich selber nur vertraut.
Er hält sie im Vergleich für schrecklich simpel
und lobt sein Urteil ungestüm und laut.

Sobald er glaubt, er könne sich belügen,
zieht sich um seinen Hals die Schlinge fest.
Für jeden, der sich anschickt zu betrügen,
ist einer, der sich stets betrügen lässt.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXVII): Deutsche im Todestrieb

5 06 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Sie sind, auch wenn sie so tun, als hörten sie es nicht gerne, die Musterschüler unter den halbwegs als Industrienation erkennbaren Pausenclowns der Erdgeschichte, zufällig in der von Flachland, einer Gebirgsregion und langweiligen Hügeln geprägten Geografie Mittelmitteleuropas geboren und damit erkennbar privilegiert, weil sie innerhalb der letzten Jahrtausende nur wenig Gelegenheit hatten, von Naturkatastrophen ausgelöscht zu werden. Hier und da nagten Sturmfluten kurz an der Küste, aber sonst führten sie ein apathisches Dasein. Hätten sie es nicht hin und wieder durch Kriege aufgelockert – teilweise blitzartig fürs Volk ohne Raum, teilweise als dreißigjährigen Versuch, Raum ohne Volk zu erschaffen – sie wären schläfrig in Trübsal und Verdruss versuppt, elend erschlafft, matt ins Grab gesunken und längst vergessen. Natürlich hätte eine Weltgeschichte ohne Deutsche auch funktioniert, mutmaßlich nicht schlechter, aber nicht ohne die manisch mahnende Vorbildfunktion dieses Volkes, das von nichts mehr beherrscht wird als von seinem Todestrieb.

Andere feiern Dolce vita oder Savoir-vivre, der Teutsche ist zuerst pünktlich, dann gründlich, und zuletzt trennt er den Müll, auch hier in der Stunde des Abschieds vom Dinglichen penibel, weil er sich vom Paradies der Einwegflaschen nur die sortenreine Auferstehung vorstellen kann. Wo Verwertungslogik regiert, und wo in diesem Land regierte die nicht, da sucht sie ihre Rechtfertigung im Rituellen, wofür der Preuße ja wie geschaffen scheint, liebt er doch nichts mehr als die Wiederholung des immer gleichen. Denn wo sich nichts ändert, nichts sich entwickelt, sind nur Stillstand und Zustandserhaltung möglich, von vorsichtigen Kritikern Konservativismus genannt, von Realisten Tod. Der labile Status, ob als Knick im Paradekissen oder billiger Sprit an der Tanke, alles das darf nie verloren gehen und wird zum Unvergänglichen verschwiemelt, das auf Erden und erst recht anderswo Ereignis wird, vornehmlich als Leitkultur, von der keiner weiß, was da eigentlich drinsteckt, eventuell das christliche Abendland, der Weihnachtsmann oder die Einheit. Alles das sind wir sofort bereit, über die Wupper zu jagen, damit es kein anderer mehr besitzen kann. Auch wenn es weg ist, das gehört noch uns: Ostgebiete, Kolonien, der Kaiser.

Das Klima erhitzt sich, der Acker verdorrt, doch der Deutsche will, will, will nach Malle fliegen, im Straßenpanzer über die Autobahn ballern und zu Weihnachten südamerikanischen Flugspargel in den Schlund schieben. Ja, er verheizt die Zukunft seiner Kinder, aber die sind selbst schuld – was mussten die auch so spät geboren werden. Der Bescheuerte ändert sich nicht, so wie sich Universitäten nicht ändern, weder Justiz noch Politik, Märkte oder die metaphysischen Diensteanbieter, die allesamt in ihren Handlungsmustern erstarrt sind, damit alles so bleibt, wie es niemals war. Es vereinfacht nicht nur das Leben, es entlastet vom nörgelnden Über-Ich, das immerzu die Vernichtung der anderen verbietet, mit Moral kommt und einem die Regression madig macht, in die sparsame anale Phase zu glitschen. Wen wundert’s schon, dass der Teutone in der Existenzkrise vor allem Toilettenpapier hamstert.

Und so kombiniert der teutonische Töffel im Angesicht der Gefahr beides, die Vernichtung des Lebendigen an sich und der Außenwelt. Die Bilder der Toten vor Augen greint er nach Haarschnitt und Biergarten, als müsse er im Bunker hocken und den Putz von den Wänden lutschen. Er will es einfach, am besten zurück in den Mutterschoß, wo er die Verantwortung für dieses Leben loswird. Alles soll sich so wiederholen, wie es früher einmal war, ohne die Hiobsbotschaften einer sich verändernden Welt, ohne Rücksicht auf Verluste. Der einzige Schmerz ist ihm, über Leichen zu gehen, denn dazu muss er sich ja bewegen. Aber was tut man nicht alles.

Jenseits des Unlustprinzips scheint sich der Deutsche ohnehin nach Ewigkeit zu sehnen, ohne sie aber noch durch erwähnenswerte Eigenaktivität am Laufen halten zu müssen; seine Vorstellung von Jenseits ist die einer andauernden Rente, die er am Nullpunkt der Teilchenbewegung verbringt, nur mit ausgeklügelten Messmethoden von der Zeitlosigkeit des Anorganischen unterscheidbar, eins mit allem wie ein beiger Fleck in der Landschaft, der sich erst bei sehr hoher Auflösung als Seniorengruppe am Einstieg eines Reisebusbahnhofs entpuppt, während um sie herum sich die Thermodynamik verhakt. Ein Meister aus Deutschland hat das Auto erfunden und den Verbrennungsmotor, Kernspaltung und alles, was ihm bis zum bitteren Ende einen Eintrag in der Geschichte der Auslöschung sämtlichen Lebens auf diesem Planeten sichert. Sollte es wider Erwarten doch intelligentes Leben geben, dann wird es unser Sonnensystem erst in ferner Zukunft entdecken und diesen mit einer Sauerstoffatmosphäre, zahlreichen Parkplätzen und Kriegsdenkmälern ausgestatteten Rotationsellipsoiden betreten. Sie werden sicher im Halteverbot landen, aber es wird keiner mehr da sein, der auf sie schießt. Schwer vorstellbar: ein Himmel auf Erden, alles tot. Wie traurig, dass wir das nicht mehr erleben dürfen.





Nachher

31 05 2020

Was dann geschieht, am Ende mancher Kriege,
dass, wer sich kennt, erst recht und ganz entzweit.
Die Menschen halten aus in allem Leid,
doch sprengt die Not kein Band wie manche Siege.

Es tritt hervor, was auch verborgen liege,
was in der Angst verharrt und in der Zeit.
Hat eins sich aus der Eigenschaft befreit,
befindet es, was ihm nun schwerer wiege.

Es hält sich wohl im Nachgang der Geschichte
die Frage, ob ein Mensch den andern richte,
und wem es zusteht, Strafe beizumessen.

Das alles geht vorbei. Wir sind geduldig.
Es geht ein Spruch, und andere sind schuldig.
Man kann verzeihen. Doch wer wird vergessen?





Transeuntibus

17 05 2020

Einstmals, da besucht ein Kaiser
eines Klosters feste Mauern,
sah sich um, und wie ein Weiser
sprach er leise mit Bedauern –
denn die Reise ließ nicht warten –
zu dem Mönch, der stumm:
„Ach, so lieblich dieser Garten,
gerne kehrt ich um!“
Keiner aber von den Brüdern
wollte nur ein Wort erwidern,
einer nur, weil’s einer muss:
    „Transeuntibus…“

Und so sind die Menschen alle,
die die Welt im Sturm bereisen:
sehen sie im besten Falle
fremde Sterne sich umkreisen.
Sonst bleibt alles unverfänglich,
Freude, Lust und Leid.
Was sie sehen, ist vergänglich
und geht mit der Zeit.
Was an Tagen wir vermessen,
ist zu bald von selbst vergessen
und verschwimmt im großen Fluss –
    transeuntibus.

Erst wenn wir die Zeit erkennen,
halten ein die großen Uhren.
Schnell, wie ihre Zeiger rennen,
so verwehen alle Spuren
und mit ihnen unser Leben,
Sendung und Geschick –
bis wir uns dem Sinn hingeben
und dem Augenblick.
Mag die Welt uns weitertreiben,
der Moment soll immer bleiben,
schenkt dem Herz sich voll Genuss:
    Transeuntibus.





Pavor nocturnus

3 05 2020

Es hängt ein Mond im nächtlichen Gespinst,
das vor dem schwarzen Himmel webt und weht.
Das bleiche Licht, das auf die Erde grinst,
wird blasser noch, bevor es untergeht.

Ach, alle Angst kommt aus der Finsternis –
wie ist man einsam, fern von jedem Hafen,
auf schwankem Schiff, so morsch und ungewiss…
Schon deshalb soll man nachts am besten schlafen.





Kleine philosophische Übung

19 04 2020

für Christian Morgenstern

Aus reiner Langeweile kann man denken,
wie Raum und Zeit sich in Beziehung setzen
und sich sodann an dem Problem ergötzen,
sich stundenlang in den Gedanken senken:

was, beispielsweise, sich als Raumpunkt weitet,
ist wie ein stetiges Vorüberfließen,
als wollte sich die Zeit in Räume gießen,
damit der Punkt durch alle Zeiten gleitet.

So wurde manche Wesenheit bewiesen.
Hauptsache ist, man muss dabei nicht niesen.





Anekdote aus der Zukunft

5 04 2020

für Erich Kästner

Es schwiegen die Waffen. Der Krieg war vorbei.
Sie lagen sich schnell in den Armen.
Die Völker, sie waren so friedlich und frei,
und jeder rief: weg mit der Tyrannei!
Der Menschheit ein Recht auf Erbarmen!

Sie schenkten sich alles. Man teilte und litt,
sie linderten Hunger und Nöte.
Wer fern von der Heimat, dem brachte man’s mit,
und keiner, der zankte und neidet und stritt.
Die Welt war so voll Morgenröte.

Dann wurde es anders. Sie ahnten es schon,
und leise begann es zu zittern,
das Wort macht die Runde: die Revolution,
sie stand vor der Tür. Endlich Brot für den Lohn,
und Blumenduft schien man zu wittern.

Da kriegten sie Angst, und die vorher noch schrieen,
begannen sich jäh zu entleiben.
So weit war die Gleichheit des Menschen gediehn.
Sie wollten’s nicht glauben. Sie wollten nur fliehn.
Wie sonst soll denn alles so bleiben?