Abschussball

23 09 2021

„Hallo, München? Können Sie mich hören? Hallo? Was ist das denn da für ein Lärm? Feiern Sie etwa heute schon? Und kann mir mal einer den Chef an die… – Ach so, Sie sind es selbst?

Ist Ihnen nicht gut, Herr Söder? Ich kann gerne später noch mal anrufen, wenn Sie mehr Zeit haben. Das klingt ja, als seien Sie momentan beschäftigt, oder was ist das da im Hintergrund? Haben Sie das Oktoberfest in die Staatskanzlei verlegt? Sie sind gar nicht in der Staatskanzlei? Rufweiterleitung ins Franz-Josef-Strauß-Haus, verstehe. Deshalb auch diese Geräuschkulisse. Ist das eine Blaskapelle oder haben Sie nur den Heimatsender aufgedreht? Was!? mir soll’s ja egal sein, wer da spielt, aber finden Sie das nicht ein bisschen sehr extravagant? Vor allem ist das sauteuer, wenn die alle eingeflogen werden müssen, von der Umweltbilanz ganz zu schweigen, aber wenn Sie meinen, dass das… –

Ich dachte schon, Sie seien weg, Herr Söder. Ja, ich bin noch dran, was machen Sie da eigentlich in der Parteizentrale? Party? Aber die Wahl ist doch erst am Sonntag, da können Sie doch jetzt noch nicht wegen der… – Allerdings, ich habe die letzten Umfragen gelesen. Sah gar nicht mal so gut aus. Deshalb bin ich ja auch so irritiert, dass Sie heute feiern, das kann ich mir nämlich gar nicht… – Das ist ja schön, dass Sie so toll jodeln können, Herr Söder, ich glaub’s Ihnen auch, das müssen Sie mir jetzt nicht… – Meine Güte, diesen Lärm, kann man den nicht abstellen? oder gehen Sie meinetwegen in den Nebenraum, da können wir ungestört… – Dann jodeln Sie halt, Herr Söder, ich muss mir das ja nicht unbedingt anhören, oder?

Was ich eigentlich wollte, es geht noch um die Beschlussvorlagen der Landesregierungen zum… – Herr Söder, eine Minute, der Bundesrat will das bis spätestens morgen haben, damit wir das Verfahren zur Gesetzgebung in die… – Sagen Sie Bescheid, wenn Sie fertig sind mit Jodeln? Ich könnte in der Zwischenzeit noch im Finanzministerium anrufen und die Absicherung der… – Bei Ihnen? Scholz? Hat der Mann denn keine Wahlkampftermine mehr? Stand schon seit Wochen fest? Wahrscheinlich hatte er wieder eine seiner Erinnerungslücken, ab und zu ist ja auch die Zukunft davon betroffen, in diesem Fall die Zukunft Deutschlands. Aber egal, sagen Sie ihm doch mal, ich bräuchte die Vorlage aus dem Gremium, damit wir die… – Herr Söder, ich will jetzt nicht mit Ihnen anstoßen, das können wir demnächst in der Staatskanzlei, aber jetzt muss ich die gesamten Papiere für die… –

Das ist der Bayerische Defiliermarsch, ich weiß, aber ich möchte mit Ihnen jetzt nicht über die… – Sagen Sie mal, haben Sie getrunken? nein, nicht, ob Sie etwas getrunken haben, ich frage: haben Sie getrunken, Herr Söder? Aha. Ja, ich weiß, was das ist, und dass das eine bayerische Spezialität ist und ziemlich teuer, und ich muss jetzt trotzdem noch mal fragen, ob Sie noch in Lage sind, also nicht: ob Sie sich noch in der Lage fühlen, mir einige Fragen zu beantworten, ob Sie die… – Ja, das würde ich den Minister Scholz auch fragen, aber darum geht’s gerade nicht, auch nicht, ob Sie gerade noch gerade gehen können, Herr Söder, Witze sind momentan eher unangebracht, und ich… – Ja, man muss Feste feiern, oder bei Ihnen wohl eher feste feiern, Sie sind offenbar nach ein bis zwei von diesen… – Aus dem Maßkrug!? Sind Sie total übergeschnappt, das trinkt man doch nicht aus dem Maßkrug!

Löwen? Ist das auch wieder so eine Anspielung auf das Wappen oder das CSU-Logo oder auf die Gladiatorenspiele, die Sie da veranstalten? Aus dem Kronebau!? Entschuldigen Sie mal, haben Sie noch alle Tassen im Schrank? Zehn Raubkatzen auf einer Party, das ist ja… – Wer findet das gut? Baerbock? Die Baerbock? hatte sich den Termin frei gehalten und feiert jetzt mit? Ein Glas Riesling und Bio-Apfelschorle? Hören Sie, Herr Söder, es ist ja nett, wie Sie Ihre politische Konkurrenz auf dem Fest haben, aber wir müssen doch jetzt die wirklich wichtigen Fragen für die… –

Nein, ich habe keinen blassen Schimmer, als was Sie sich verkleidet haben, Herr Söder. Ich will auch nicht raten. Meinetwegen, Ludwig II.? Ah ja, darauf hätte ich auch kommen können. Ich weiß gar nicht, was daran so witzig sein soll, das hatten Sie doch schon mal… – Sagen Sie mal, Sie haben doch irgendwas geraucht? Ich will gar nicht wissen, was Sie da konsumiert haben, ich bin nur mittlerweile zu der Überzeugung gekommen, dass Sie nicht mehr zurechnungsfähig sein können. Im Prinzip ist mir das ja egal, Sie können da rauchen, was Sie wollen, aber ich habe hier eine Gesetzesvorlage, und jetzt hören Sie verdammt noch mal auf zu jodeln, sonst werde ich gleich richtig sauer! Sie brauchen gar nicht so albern zu kichern, das wird alles Konsequenzen haben, wenn nämlich morgen die Meldung ans Bundeskanzleramt geht, dass die Vorlagen nicht rechtzeitig wieder angekommen und beglaubigt sind, dann kann ich Ihnen versprechen, dass die Kanzlerin Ihnen gewaltig in den… –

Frau Merkel ist in München? bei Ihnen!? Auf der Party? Mit Hütchen? Sie hat was mitgebracht!? Ich glaube Ihnen kein Wort mehr, das geht jetzt entschieden zu weit! Hören Sie auf, Herr Söder, ich werde mir das nicht mehr länger mit anhören, jetzt ist Schluss! Das ist eine bodenlose Unverschämtheit, was Sie da… – Sie strapazieren meine Geduld, Herr Söder! Was zum Teufel feiern Sie da eigentlich? Sie haben doch gerade jetzt gar keinen Grund, sich zu… – Noch vier Tage, dann ist Laschet Geschichte? Meine Güte, warum sagen Sie das nicht gleich!“





Sündenbock

22 09 2021

„… es in der Union derzeit keinen Konsens gebe. Sicher sei nur, dass das schlechte Abschneiden der CDU ausschließlich von Merkel verursacht worden sei, da sie nicht mehr als Kanzlerin und Vorsitzende der Partei in den…“

„… eine Reaktion aus dem Kanzleramt nicht zu erwarten sei. Die Vorwürfe seien weder neu noch zutreffend, so dass eine Auseinandersetzung in der jetzigen Situation nicht mehr zielführend und…“

„… die Schuld nicht nur bei der Kanzlerin liege, sondern in der Art, wie sie ihn als größten Politiker der Nachkriegszeit davon abgehalten habe, das Land wieder an die Weltspitze zu bringen. Merz sehe sich ganz klar in der Pflicht, als Kanzler und CDU-Vorsitzender die nächsten…“

„… sich aber nicht auf einzelne Politikfelder beschränke, sondern im Gesamtergebnis gesehen werden müsse. Spahn sehe in Merkel immer noch die beste Bundeskanzlerin der letzten 16 Jahre und werde für den nächsten Bundeskanzler, der seiner Ansicht nach der beste Bundeskanzler der nächsten Jahre sein werde, einer der besten Minister sein, der dann später einmal als der…“

„… liege der Fehler nach Schäubles Ansicht darin, dass Merkel zwar noch Kanzlerin sei, durch ihren Rücktritt als CDU-Vorsitzende aber den für die letzten Wahlen typischen Amtsbonus nicht mehr in die…“

„… nicht bestätigt werden könne. Es gebe für Mitglieder der Parteispitze keine therapeutischen Angebote, diese seien auch nicht angefragt worden, da man sich entschlossen habe, durch weitere zum Teil konstruktive Diskussionen in der…“

„… dass sich die Union insgesamt sehr stark verändern müsse, personell und inhaltlich, um die vergangenen Jahre hinter sich zu lassen und mit modernen Impulsen die Gesellschaft zu gestalten. Merz sei überzeugt, dass nur er dies leisten könne, und werde daher unmittelbar nach der Wahl als neuer Vorsitzender der…“

„… habe Schäuble zu Bedenken gegeben, dass eine Vorsitzende Merkel durch ihre Möglichkeiten im Wahlkampf auch nach einem Rücktritt als Kanzlerin in der Mitte der Legislatur eine viel bessere Basis für einen erfolgreichen…“

„… auch Kräfte in der Union stärken müsse, die bisher bundespolitisch noch nicht in Spitzenämtern gewesen und daher unbelastet seien. Amthor sei für diese Erfahrung noch zu jung, deshalb wolle man ihn erst in einigen Jahrzehnten mit der…“

„… aber nicht für die Fehler von Ministern verantwortlich gemacht werden dürfe. Außerdem sei für Söder die traditionelle Besetzung des Verkehrsressorts mit einem Christsozialen absolut unproblematisch gewesen, was auch an der starken Zustimmung innerhalb Bayerns und den…“

„… durchaus Erfahrung in wichtigen Bereichen wie Korruption und Veruntreuung vorweise und mit vielen gewaltbereiten Rechtsextremisten vernetzt sei. Spahn sehe in Amthor einen ausreichend qualifizierte Kandidaten für den Parteivorsitz, den er durch loyale Unterstützung fördern werde, um in einigen Jahren eventuell selbst als…“

„… eine gemeinsame Kandidatensuche nicht parteiintern geklärt werden könne, da man dazu auch die Basis befragen müsse. Sollte es dennoch auf eine Kür des Sündenbocks hinauslaufen, werde Merz sich der Wahl nicht stellen, da er genügend Zeit brauche, um eine Übernahme von Regierung und Vorsitz der…“

„… sei es ein Versäumnis der Bundeskanzlerin, dass sie in den letzten Jahren Umweltministerinnen der SPD ins Kabinett berufen habe. Da das Klima nicht durch eigene Parteipolitik bekämpft worden sei, habe sich die Opposition nun mit…“

„… von allen Parteiämtern entbinden werde. Merkel habe auf diesen Vorstoß ihrer Kritiker nicht reagiert, da sie nach der Amtsübergabe ohnehin in den Ruhestand gehe und keine weiteren…“

„… müsse sich die Kanzlerin anrechnen lassen, dass sie nicht genügend auf die Expertise zweier SPD-Umweltministerinnen vertraut habe, sondern durch parteiinterne Politik Versäumnisse in der…“

„… dem Bundesvorstand negative Energien verleihe. Die öffentliche Diskussion zwischen Merz und Schäuble, wer mehr unter Merkel gelitten habe, sei nicht mehr produktiv für den…“

„… dass in den letzten Legislaturen ein viel zu christliches Profil die Politik bestimmt habe. So sei die wirtschaftliche Kompetenz wichtiger Fachleute in den Bereichen Rente, Pflege oder Wohnen stark in Misskredit geraten, was sich nun auf die…“

„… sich der rechte Parteiflügel offen für einen Ausschluss von Merkel ausgesprochen habe. Zwar habe man sich in den vergangenen Jahren in vielen außerparlamentarischen Beschäftigungen schnell bereichern können, doch werde die Nachhaltigkeit dieser Geschäftsmodelle durch den Verlust der Kanzlerschaft viel zu plötzlich unterbrochen, um neue Geldquellen jenseits einer…“

„… beispielsweise bei der FDP zur Entwicklung eines mitfühlenden Liberalismus geführt habe, der mehrere Tage lang in den Medien präsent gewesen sei. Laschet müsse bis zum Vorabend der Wahl eine deutliche Distanzierung von der Bundeskanzlerin zeigen, indem er ein Ohne-Mutti-Weiter-so als neue Brückenlösung bis zu einer…“

„… mit der parteiinternen Aufarbeitung der aktuellen Lage durchaus zufrieden sei. Immerhin spare sich die CDU komplizierte Wahlanalysen und könne gleich in den Prozess der Selbstzerstörung übergehen. Merkel sehe dies mit tiefer Befriedigung und einer gewissen…“





Wählertäuschung

20 09 2021

„… darauf hinarbeiten werde, dass beim Sieg der SPD eine Koalition mit der FDP und den Grünen möglich sei. Im Falle einer Zuwiderhandlung werde Söder alle parlamentarischen Mittel nutzen, um die Verweildauer eines Konkurrenten im Amt so kurz wie nur rechtlich zulässig zu…“

„… gehe man auch im Konrad-Adenauer-Haus davon aus, dass es sich bei der Wahl leidlich um eine Momentaufnahme der politischen Meinung einer Minderheit handle, die an der Abstimmung teilgenommen habe. Im Gegensatz dazu könne man belegen, dass die Volksmeinung den einzig legitimen, da von Gott gesandten Kandidaten als Retter der Nation vor den sozialistischen…“

„… gehe Scholz inzwischen davon aus, dass die Äußerungen des CSU-Chef ein weiterer Versuch seien, eine erneute Große Koalition zu bilden. Dies werde er aber nach jetzigem Stand nicht zulassen und vertraue auf die Verhandlungen mit dem…“

„… zu Irritationen geführt habe, da manche der Unionsmitglieder aus dem inneren Kreis um den Kanzlerkandidaten ihre Befürchtungen geäußert hätten, sie würden im Falle eines Wahlsieges bei der Ämtervergabe nicht ausreichend berücksichtigt. Vor allem dreizehn Parteifreunde, denen Laschet das Kanzleramt versprochen habe, seien derzeit nachhaltig verärgert mit dem…“

„… dass die ungebrochen ansteigende Quote an Briefwahlstimmen zur Verzerrung des Ergebnisses beitragen werde. Söder habe angekündigt, dass in Bayern nur vorab eingereichte CSU-Stimmen in das Endergebnis einfließen würden, da man bei anderen davon ausgehen könne, dass Enkel, Kinder oder anderweitig linksextremistisch indoktrinierte Feinde des christlichen Lagers eine…“

„… auch möglich sei, dass der Kanzler nicht aus der Mitte des Deutschen Bundestages gewählt werde. Da Laschet vermutlich nicht dem Parlament angehören werde, sei es im Ergebnis egal, ob die Union den CDU-Kandidaten oder besser gleich ihn zum Regierungschef mache. Söder wolle auf jeden Fall mit parlamentarischen Mitteln die Macht für ein Bündnis mit der…“

„… eine Regierung unter Laschet zwar als legitimen Nachfolger akzeptieren werde, solange das Bundesverkehrsministerium weiterhin in CSU-Hand sei und die verabredeten Finanzmittel in den Freistaat transferiere, sich bei weiteren Fragen der Ämterbesetzung aber Nebenabreden vorbehalte, etwa in der Frage, wer als Bundeskanzler für…“

„… dass vom Bundesverfassungsgericht geprüft werden müsse, ob nicht ein besonders schwerer Fall von Wählertäuschung vorgelegen habe. Die CSU sei davon ausgegangen, dass der Kanzlerkandidat der Union ein geistig gesunder, zurechnungsfähiger Mann von politischem Sachverstand sei, dem man jederzeit zutrauen könne, dass er seine Schuhe ohne fremde Hilfe zubinde. Da dies offensichtlich nicht zutreffe, sei diese Bundestagswahl ungültig und müsse schnellstmöglich wiederholt werden, und zwar mit einem Kandidaten, der nicht als…“

„… stehe die christsoziale Partei loyal zum CDU-Kandidaten. Der bayerische Ministerpräsident spreche ihm ausdrücklich sein uneingeschränktes Vertrauen aus und werde ihn nach Möglichkeit nicht weiter in die Kandidatur…“

„… sei es durchaus möglich, wenigstens die gemeinsame Führung der Unionsparteien auf den Chef der Christsozialen zu konzentrieren. Laschet werde nach einer verlorenen Wahl und ohne ein parlamentarisches Amt und die dazugehörige Indemnität im Visier strafrechtlicher Ermittlungen stehen, weshalb eine zeitnahe Entlastung ganz im Sinne der Parteibasis und der…“

„… dass ein Koalitionsvertrag auch den Passus enthalten könne, der die Amtsnachfolge des Bundeskanzlers regle, wenn dieser nach Ansicht der Parteiführung nicht mehr das Vertrauen der Partei oder ihrer Führungsgremien genieße. Söder sehe eine jährliche Abstimmung als guten Weg, um 2022 die Regentschaft für den bis dahin nicht mehr von der Union getragenen…“

„… eine Koalition des größten Fortschritts mit SPD und Grünen bilden könne. In diesem Fall sei mit Scholz und Baerbock vereinbart worden, dass das Bündnis nicht mit Laschet geschlossen werden solle, da dieser für grundlegenden Fragen erheblich zu wenig Ahnung von Bereichen wie Politik, Wirtschaft oder…“

„… rate Söder, alle an die Union fallenden Ressorts im Bundeskabinett gleich mit Ministern aus der CSU zu besetzen. So falle es bei Neuwahlen oder einer informellen Amtsübernahme durch ihn dem Volk sehr viel leichter, eine Kontinuität in der politischen Willensbildung nach der…“

„… das Amt eines Hofnarren einführen wolle, das Laschet bis auf Weiteres ausüben dürfe, bis sich die Strafverfolgungsbehörden mit seinen…“

„… sei es jetzt noch zu früh, um die Übernahme der CDU durch ihre bayerische Schwesterpartei zu beschließen. Spätestens bei diesem Schritt werde es aber unumgänglich sein, aus Tradition die Einheit wiederherzustellen durch die Personalunion von Parteivorsitzendem und Bundeskanzler, wie es bereits im…“

„… dass die FDP ebenfalls Teil der nächsten Regierung sein müsse, weil Lindners politisches Schicksal daran hänge. Er werde sämtliche Befehle aus München wohlwollend empfangen und freue sich schon auf eine vertrauensvolle und…“

„… seien Abschiebungen integraler Bestandteil der CSU-Identität, so dass man aus folkloristischen Gründen für Laschet auch einen Daueraufenthalt in Brüssel oder…“





Gamechanger

16 09 2021

„Natürlich nur unter Armin Laschet. Wenn die SPD mehr Stimmen haben sollte als wir, dann heißt das noch lange nicht, dass wir keine Regierung bilden können, und das schließt natürlich auch eine große Koalition nicht aus. Wir lassen einfach alles so, wie es ist, nur Bundeskanzler wird dann halt Laschet.

Das ist doch für Sie als Sozialdemokraten eine durchaus komfortable Situation, schließlich sind Sie es doch, die sich gegen die Vorwürfe zur Wehr setzen müssen, dass mit Ihrem Kanzler sofort der Sozialismus ausbricht und Deutschland innerhalb weniger Monate in einen Staatsbankrott taumelt und mindestens hunderttausend Prozent Inflation kriegt. Sie überlassen uns das Kanzleramt, dafür sind Sie an der Regierung beteiligt. Wenn wir uns das recht überlegen, dann dürfen Sie sogar Scholz weiterhin als Finanzminister beschäftigen, der hat seine Sache ja nicht schlecht gemacht. Und da wir als kleinerer Koalitionspartner traditionell das Recht auf den Außenministerposten haben, werden wir das mit Altmaier besetzen, damit Merz ins Wirtschaftsministerium kann. Zum Ausgleich wäre vielleicht das Entwicklungshilfeministerium frei, weil die CSU sich jetzt auf ihre Kernkompetenzen beschränken wird. Wir haben da noch ein paar sehr kostspielige Infrastrukturprojekte in Oberbayern, der Scheuer muss diesmal mehr als achthundert Milliarden ranschaffen. Pro Jahr. Da werden Sie froh sein, dass Sie im Finanzministerium die paar Euros zusammenhalten können.

Es ist auch billiger, verstehen Sie doch – wenn man nicht immerzu alle Ministerien neu besetzen muss, dann schafft man mehr Kontinuität, es gibt die alten Türschilder noch mal, das alte Briefpapier, die alten Staatssekretäre, und wir müssen auch nicht so viele Übergangsgelder zahlen. Eigentlich muss auch nicht unbedingt ein neuer Koalitionsvertrag geschlossen werden, solange wir mit dem alten noch nicht fertig geworden sind. Wir zumindest sind der Ansicht, wenn sich eh nicht viel ändert, dann muss man auch keine Neuausrichtung der Politik erfinden, die der Wähler am Ende sowieso nicht glaubt. Sie meinen, mit dem Argument kann man sich Wahlen gleich ganz ersparen? Das haben Sie gesagt!

Jetzt seien Sie doch nicht gleich eingeschnappt! Sie wollten ja immer die ganz große Wende, den Gamechanger in der deutschen Politik, und jetzt haben Sie ihn! So eine Koalition der Stabilität und der Kontinuität ist ein ganz ungewöhnliches Signal an die politischen Beobachter. Da können Sie mit Fug und Recht behaupten: ‚Die CDU wollte absolut keine Experimente wagen, aber wir, die SPD, haben sie dazu gebracht, dass sie unserer Idee folgt!‘ An Ihrer Stelle würde ich mir das gut überlegen, so eine Riesenchance kriegt man höchstens einmal im Leben. Wenn Sie jetzt nicht zugreifen, und das sage ich Ihnen ganz offen, dann könnte das für Sie der Untergang sein, ja: der Untergang. Danach sind Sie möglicherweise mit den Linken in einer Rot-Grün-Koalition, aber wir wissen doch beide, dass Sie das gar nicht wollen. Und dass das gar nicht gut ist für Deutschland. Und dass die SPD danach komplett und endgültig in der Bedeutungslosigkeit versinkt, wie Sie das vor dem Wahlkampf schon einmal fast erlebt hätten. Das wäre jetzt ein Pyrrhussieg, das müssen Sie mir glauben. Den wollen Sie nicht.

Natürlich würden wir Ihnen entgegenkommen, damit Sie merken, dass es uns ernst ist. Sie müssten nicht einmal mehr den Vizekanzler stellen, weil wir den diesmal ins Wirtschaftsministerium verlegen. Sie haben ja gesehen, dass man das Amt auch vom Finanzministerium aus ausüben kann, und da wir zu internationalen Terminen Altmaier einfach nicht mitnehmen können – abgesehen davon, dass Sie den in kein Flugzeug reinkriegen, falls Sie vorhatten, das Ding in die Luft zu bekommen, der Mann ist dümmer, als er fett aussieht – macht das Merz. Mehr als wirtschaftliche Beziehungen sind für uns ohnehin nicht interessant, und dass Merz alles andere vollkommen egal ist, dürfte sich bis zu Ihnen herumgesprochen haben. Sie können sich dann ganz auf Steuersenkungen konzentrieren.

Mitziehen müssten Sie als SPD jetzt schon, sonst macht das ja alles keinen Sinn. Das ist auch nicht undemokratisch, wenn Sie das meinen – der Wählerwille wird ja respektiert, weil die Wähler nicht den Bundeskanzler wählen, sondern eben den Bundestag, und wenn die Abgeordneten nun mal für Laschet stimmen, dann ist das richtig demokratisch. Sie dürfen natürlich ein paar Mal gegen Laschet stimmen, mit solchen Manövern haben Sie als SPD ja genügend Erfahrung, aber das wird Ihnen nichts nützen. Wir werden Ihnen ein Angebot machen, das Sie gar nicht werden ablehnen können. Sie sind eh in der Rolle gefangen, dass Sie immer umfallen und dann der CDU in die nächste Koalition folgen. Wie Sie mit dem Imageschaden zurechtkommen, das ist nicht unser Problem. Sie müssen bloß unseren Kandidaten wählen, dann haben Sie wieder vier Jahre Ruhe, und in der Zwischenzeit haben sich die Verhältnisse wieder so eingependelt, dass Sie hinter der CDU liegen. Ich denke, das haben Sie kapiert. Und da wir in dieser Zeit eine leichte Öffnung des rechten Flügels zur AfD vollziehen werden, haben Sie die Gelegenheit, sich durch flexibles Beharren in der Mitte als ausgleichende Kraft zu profilieren. Also überlegen Sie sich das gründlich.

Gut, Sie wollen Scholz. Dann machen wir Ihnen aber kein Angebot mehr, wenn wir doch wieder die stärkste Kraft im Bundestag werden. Das haben Sie dann davon. Aber das hätte uns ja von Anfang an klar sein müssen: Sie als Sozialdemokraten stehen eben immer auf der falschen Seite der Geschichte.“





Schnelle Hilfen

15 09 2021

„… starke seismische Ausschläge in der Eifel gemessen worden seien. Wissenschaftler würden in den nächsten Wochen mit mehreren Erdstößen in der Region rechnen, die zum Teil erheblich am…“

„… wolle sich Laschet zunächst nicht mit den geologischen Befunden beschäftigen. Aus der Staatskanzlei heiße es, solange es noch wichtige Wissenschaftler gebe, die sich nicht abschließend zu der Prognose geäußert hätten, könne sich die Landesregierung nicht mit Problemen, die in der Zukunft lägen und noch keine dringliche…“

„… in der Gegend um Bad Münstereifel erste Erschütterungen festgestellt hätten. Für einen Krisenstab sei es nach Ansicht der Regierung noch zu früh, da keine erkennbaren Beschädigungen an den Häusern festgestellt worden seien, die von der Flut bereits stark in…“

„… Hilfsangebote aus Rheinland-Pfalz nicht angenommen worden seien, da Reul keine Zeit habe, eine Koordination der Einsatzkräfte vor dem Eintreffen stärkerer Erdbewegungen aus dem…“

„… die tektonisch aktiven Gebiete räumen lassen müsse. Zwei stärkere Erdbewegungen im Süden von Euskirchen seien für das Geologenteam ein deutliches Warnzeichen, dass sich innerhalb der kommenden Tage eine Verschiebung des…“

„… rechne Laschet mit einem Vulkanausbruch in Rheinland-Pfalz, da er dieses Gebiet von der Straßenkarte her sehr gut kenne und dort mehrmals schon durchgefahren sei. Weitere Prognosen wolle er vor der Wahl nicht kommentieren, da er derzeit sehr in die reibungslose Übernahme des Amtes des Bundeskanzlers eingespannt sei und keine…“

„… gegen zwei Uhr nachts stattgefunden habe. Das Beben mit einer Magnitude von 6,5 auf der Richterskala habe den gesamten Innenstadtbereich von Bad Münstereifel zerstört und sei mit seinen Ausläufern noch bis Bonn und in den…“

„… scharfe Kritik an den Wissenschaftlern geübt habe. Laschet habe seine Empörung gegenüber den Geologen geäußert, dass diese nicht in der Lage gewesen seien, trotz teurer Technik einen Erdstoß so präzise vorherzusagen, dass sich die Wirtschaft durch präventive Maßnahmen im…“

„… etwa tausend Bewohner obdachlos seien, da viele Gebäude als einsturzgefährdet betrachtet werden müssten. Bevor die Landesregierung einen Krisenstab einrichte, wolle Reul zunächst durch Gespräche mit der zuständigen Verwaltung vor Ort einen Eindruck von der…“

„… ein Nachbeben stattgefunden habe. Ob es sich um eine abgeschlossene seismische Aktivität handeln würde, sei derzeit noch nicht…“

„… könne es noch keine Gespräche mit dem Innenminister geben, da die Telefonleitungen in der betroffenen Region größtenteils zerstört worden seien. Die Landesregierung erwarte daher vermehrt schriftliche Eingaben der Verwaltung, die man allerdings erst nach der Bundestagswahl sichten könne, da die personellen Ressourcen in der CDU sich noch auf andere Aufgaben im…“

„… eine Kerze in der Herz-Jesu-Kirche in Aachen entzünden wolle, deren Chormosaik bei einem Beben am 22. Juli 2002 schwere Schäden davongetragen habe. Laschet habe bei dieser Gelegenheit nochmals betont, dass nur mit mehr Digitalisierung schnelle Hilfen im ländlichen Raum möglich seien, weshalb die Entfesselung der Wirtschaft oberste Priorität nach den…“

„… in einer Pressemitteilung unterstrichen habe, dass das Erdbeben nicht von Menschen oder der Wirtschaft verursacht worden sei. Die CDU in Nordrhein-Westfalen wolle gleich jetzt linksgrünen Spekulationen vorbeugen, tektonische Ereignisse seien eine wachsende Gefahr, die nur durch die vollständige Abschaffung des Wohlstandes in der Bundesrepublik und einen Lockdown für die…“

„… sich nach der dritten Nacht erheblicher Protest gegen die Landesregierung regen würde, die noch immer keine Hilfsmaßnahmen für eine wachsende Zahl von Geschädigten in der…“

„… die Investition in Warnsirenen nicht sinnvoll gewesen wäre, da diese bei einem Erdbeben schnell zerstört worden wären. Die Landesregierung werde stattdessen eine digitale Lösung anschieben, wenn die Wirtschaft die entscheidenden Impulse für eine neue technische…“

„… habe Reul die Bürgermeister der betroffenen Kommunen zu einer Videokonferenz eingeladen, die aus technischen Gründen allerdings im Innenministerium stattfinde. Einen Termin werde man noch in diesem Jahr, spätestens aber vor den Wahlen zum Landtag von…“

„… eine Chance für Nordrhein-Westfalen sehe. Da es perspektivisch viele Neubauten gebe, werde die nächste Bundesregierung mit zinsgünstigen Krediten für Solaranlagen auf den Dächern viel für den Klimaschutz und die…“

„… werde er schon bald persönlich nach Bad Münstereifel kommen. Laschet lasse es sich nicht nehmen, einen kurzfristigen Wahlkampfauftritt in den Erdbebengebieten zu absolvieren, um den Mut und die Stabilität seiner Regierung auch in sehr schwierigen Zeiten, in denen ein Linksrutsch drohe, für die Bürgerinnen und Bürger draußen in den…“

„… sich zunächst nicht mit dem Aufbau der eingestürzten Häuser werde befassen können. Die Schäden der Flutkatastrophe seien dringlicher, man werde nach deren Behebung über Landesmittel für die Erdbebenopfer entscheiden. Zum jetzigen Zeitpunkt sei dies allerdings noch eine…“





Katastrophenalarm

14 09 2021

„Haben Sie da gerade jemanden?“ „Aus dem Kompetenzteam?“ „Die sind doch schon weg.“ „Aber wir bräuchten einen.“ „Ob uns da ein Berater hilft?“ „Lieber gleich zwei.“ „Der muss aber gut sein.“ „Und vor allem schnell, wir haben ja nicht mal mehr eine Woche.“

„Ein bisschen mehr schon.“ „Sie müssen aber berücksichtigen, dass wir erst mal abwarten sollten, ob die Wähler unseren Neustart auch bemerken.“ „Und dann müssten wir auch schauen, dass sich das in den Vorhersagen abzeichnet.“ „Weil ja dann erst die Ergebnisse besser werden.“ „Verstehe.“ „Also vier bis fünf Tage?“ „Das dürfte sehr eng werden.“ „Wir müssten erzählen, dass Scholz eine miese Sau ist und falsch parkt und Mundgeruch hat und…“ „Ruhig!“ „Also wirklich, jetzt mal langsam!“ „Wir einigen uns erstmal auf einen Berater, der uns eine Strategie vorschlägt, und dann können Sie hier mit Ihren Inhalten kommen, okay?“

„Und wenn wir künstliche Intelligenz in den…“ „Ich sagte doch, Inhalte können wir dann immer noch machen.“ „Man kann doch irgendwas in der Richtung jetzt für den Wahlkampf benutzen.“ „Aber von uns hat doch keiner Ahnung.“ „Von Wahlkampf oder von Intelligenz?“ „Jetzt machen Sie mich hier nicht nervös!“ „Das sind doch alles Dinge, die wir irgendwann sowieso besprechen wollten.“ „Aber die dauern zu lange!“ „Ich dachte, diese künstliche Intelligenz nimmt man, damit es schnell geht?“ „Das muss man doch erst mal aufbauen!“ „Ach so, wir haben da nicht genug Platz?“ „Wenn es am Geld liegt, ich kenne da einen, der würde uns auch kurz vor der Wahl noch etwas spenden.“ „Das ist doch jetzt völlig irrelevant!“ „Wieso, Geld kann man doch immer gebrauchen, oder?“

„Irgendwas mit Stabilität?“ „Klingt irgendwie verlässlich.“ „Nein, nichts mit ‚verlassen‘!“ „Das ist doch aber…“ „Fragen Sie mal die künstliche Intelligenz, ob der etwas einfällt.“ „Dazu müssten wir erst einen Berater haben, der die künstliche Intelligenz fragen kann.“ „Verstehe.“ „Trotzdem ist Stabilität ganz gut.“ „Klingt immer noch besser als Katastrophenalarm.“ „Was ist daran jetzt schlecht?“ „Ich meine ja auch nur, das ist besser als…“ „Also wenn wir eine Katastrophe haben, dann sollten wir auch den Mut zum Katastrophenalarm…“ „Das ist doch Quatsch!“ „Eben, oder haben wir hier eine Katastrophe?“ „Wir haben Stabilität, und das sollten die Wähler auch erkennen.“ „Trotzdem wäre es eine Katastrophe, wenn es diese Stabilität plötzlich nicht mehr gäbe.“ „Das können wir nur mit künstlicher Stabilität…“ „Sie meinen künstliche Intelligenz?“ „Nein, warum?“ „Warten wir doch erstmal ab, was der Berater dazu sagt.“

„Jedenfalls muss sich jetzt alles ändern.“ „Wie kommen Sie denn auf den Unfug?“ „Wir sind doch die Partei der Stabilität!“ „Aber für einen neuen Aufbruch, weil wir jetzt die Zukunft der…“ „Was haben Sie bloß mit Ihrer Zukunft?“ „Seine ist doch gar nicht so wichtig, es geht hier schließlich um die Partei.“ „Und um Deutschland!“ „Er ist noch nicht so lange dabei, stimmt’s?“ „Den Eindruck habe ich auch.“ „Wir brauchen ein Sofortprogramm auf den Gebieten Digitalisierung und Bürokratieabbau!“ „Das bezeichnen Sie als Aufbruch?“ „Ein Berater hätte das auch nicht schlechter hingekriegt.“ „Das funktioniert durch sofortigen Bürokratieabbau?“ „Die Digitalisierung lässt sich aber schneller in den Ämtern und Behörden durchsetzen.“ „Zum Beispiel mit einem abgesicherten Mail-Programm?“ „Dann müssen wir nur noch irgendwann das Programm neu machen, wenn die überflüssigen Gesetze weg sind, die wir mit digitalisiert haben.“ „Aber es ist ein Aufbruch!“ „Kann ich das mit der künstlichen Intelligenz noch mal sehen?“

„Videoüberwachung?“ „Das könnte man gegen Clankriminalität und…“ „Wollen Sie uns alle in den Knast bringen!?“ „Er ist wirklich noch nicht lange dabei.“ „Am besten gegen Steuerhinterziehung, Sie Pfeife!“ „Hat er und schon T-Shirts drucken lassen mit ‚Wir sind die Verbotspartei‘?“ „Wir könnten für den Klimaschutz eine…“ „Der ist ein U-Boot.“ „Das Gefühle habe ich auch.“ „Gleich schlägt er noch eine Beschleunigung für Genehmigungen im Bauordnungsverfahren vor.“ „Machen das nicht die Kommunen?“ „Deshalb schlägt er es ja vor.“ „Verstehe.“ „Und wie finanzieren wir das?“ „Wenn man die Spitzenverdiener entlastet, dann schaffen wir mehr Kapital für Investitionen.“ „Beim Staat?“ „Das muss aber auch schnell umsetzbar sein.“ „Wir haben doch vier Jahre Zeit.“ „Drei Jahre.“ „Stimmt, im nächsten Wahlkampf brauchen wir ja was.“ „Es müsste jetzt perspektivisch etwas geben, was wir vollkommen ignorieren.“ „Dann haben wir für den nächsten Wahlkampf auch was.“ „Genial!“ „Damit ist der Berater überflüssig!“ „Ich will mich ja nicht selbst loben, aber das Honorar könnte man dann doch gleich mir auszahlen, oder?“ „Sehen Sie, so macht man das!“ „Der ist auch schon etwas länger in der Partei.“ „Verstehe.“

„Und wenn wir uns das alles gar nicht leisten können?“ „Wir müssen sowieso erstmal abwarten, was die Kassenlage ergibt.“ „Das heißt, im Zweifel können wir gar nichts umsetzen?“ „Dann sind die Ausländer schuld.“ „Und der Sozialismus.“ „Sind die fürs Klima verantwortlich?“ „Die Chinesen schon.“ „Vielleicht brauchen wir da doch wieder einen Berater.“ „Ich hätte da noch Barmittel.“ „Wir könnten künstliche Intelligenz davon kaufen.“ „Da werden Sie nicht viel bekommen.“ „Und für die, die nicht wissen, was sie wählen sollen?“ „Wir müssen anschlussfähig sein nach allen Seiten.“ „Nach allen Seiten?“ „Verstehe, kein Problem: wer gendert, wird erschossen.“





Bananenrepublik

13 09 2021

07:03 – Fluchend verlässt Rentner Ernst K. (85) die Kaufhalle Malschwitz (Landkreis Bautzen), da es am Tag nach der Bundestagswahl keine Bananen mehr gibt. Empört klingelt der ehemalige Schreiner und jetzige AfD-Funktionär die Anwohner am Dorfplatz aus dem Bett, um die Wiederkehr des verhassten Sozialismus zu verkünden.

07: 19 – Ein Anruf in der Hauptstadtredaktion von BILD versetzt den Springer-Konzern in Aufruhr. Die Chefredaktion versendet per SMS die Botschaft „Sozialismus Start“ an dreißig Reporter, deren Aufgabe es nun ist, Beweise für den jähen Umbruch in Deutschland zu finden. Eine zweite Nachricht aus der Konzernspitze lautet: „Wir schaffen das!“

07:26 – Im benachbarten Kubschütz sind sämtliche Telefonketten heiß gelaufen. Kaufmann Ronny T. (38) holt eine halbe Stunde vor Geschäftsöffnung die verbliebenen Südfrüchte der Freitagslieferung aus dem Kühlraum und bereitet sich auf die Kunden vor, die erfahrungsgemäß schon gegen zehn Uhr die Filiale betreten. Es gibt Bananen, auch wenn diese eher selten gekauft werden.

07:31 – Die hastig zusammengezogene NPD-Kampfgruppe Doitsche Ehre wartet auf Verstärkung aus der Kreisstadt. Bisher sind noch keine Mitglieder der Kameradschaft Bautzen Ausländerfrei auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt eingetroffen. Die jungen Neofaschisten vertreiben sich die Zeit mit Rauchen.

07:58 – Einzelhandelskauffrau Melinda Z. (27) will für die Geburtstagsfeier ihres Gatten Bananenbrot backen und bietet Filialleiter Ronny T. für die verbliebenen Schlauchfrüchte zehn Euro an. Nach kurzer Qualitätskontrolle einigen sie sich auf sechs Euro für das Gebinde, das während des Tages im Kühlraum verbleiben soll.

08:04 – Das nationale Kommando betritt den Laden und verlangt in herrischem Ton Südfrüchte. Da sie verständlicherweise nur noch deutsches Obst in der Auslage vorfinden, reißen sie mehrere Regale in der Frischeabteilung zu Boden. Ronny T., der in seiner Jugend ebenfalls Mitglied in einer völkischen Bewegung war, holt den Baseballschläger aus der Kassenbox. Einer der Besucher erleidet einen Schädelbasisbruch, zwei weitere verlieren den überwiegenden Teil ihrer Frontzähne.

08:32 – In einer Reportage auf BILD TV besucht eine investigative Journalistin, gespielt von einer Mitarbeiterin des Springer-Konzern, zehn Einzelhandelsgeschäfte in Berlin, in denen sie keine Bananen findet. Die Aussagen der Ladeninhaber, sie hätten am betreffenden Tag kein Frischobst im Angebot, werden von einer mobilen Einheit so geschnitten, dass sie den Tenor der als sozialismuskritisch angekündigten Sendung klar wiedergeben.

08:35 – Im Konrad-Adenauer-Haus herrscht wachsende Anspannung. Nachdem der Hausmeister versehentlich ein Paar rote Socken hatte mitgehen lassen, kann der unterlegene Kanzlerkandidat nun nicht mehr für einen Pressetermin posieren. Die von der Wahlkampfmanagerin geleitete Kommission zieht sich zu einer Klausurtagung zurück, um die Strategie für eine CDU-geführte Große Koalition zu erarbeiten.

08:43 – Das Team von BILD TV wird tätlich angegriffen. Sie hatten nach einem Floristen und einem Fahrradladen ein Schuhgeschäft und ein Brautmoden-Center besucht, in denen sie gar nicht erst nach Bananen gefragt hatten. Der Inhaber des Obst- und Gemüseladens, der wie immer frische Bananen auf den Bürgersteig gestellt hatte, will seine Ware zurück.

09:01 – Der ADAC ist in der Bautzener Ostvorstadt angekommen. Der auf der Löbauer Straße mit einem Achsbruch liegen gebliebene Laster verfügt über ein Kühlaggregat, so dass vierzig Kisten mit Frischobst, davon zehn mit Bananen, sich noch immer in gutem Zustand befinden und im Laufe des Tages von einem Ersatzfahrzeug ausgeliefert werden können. Die umliegenden Geschäft im Osten der Kreisstadt entlang der Bundesstraße 6 werden telefonisch informiert.

09:26 – Mehrere rechtsgerichtete Medien melden, durch den von Wahlsieger Scholz blitzkriegartig eingeführten Sozialismus gebe es in Deutschland keine einzige Banane mehr. Der Handelsverband Deutschland, der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband sowie die Pilotenvereinigung Cockpit erheben schwere Vorwürfe gegen den designierten Wirtschaftsminister Merz, dass es keine präventive Einlagerung strategisch wichtiger Güter für den Fall einer nationalen Katastrophe gegeben habe. Der Sauerländer gibt auf einer improvisieren Pressekonferenz zu erkennen, dass er nicht weiß, worüber geredet wird, da seine Berater es ihm noch nicht erklärt haben.

09:32 – Nach einer kurzen Unterhaltung mit der Polizei, die die Verletzten bereits kennt und aus der Kontroverse unter ehemaligen Bekannten keine große Sache machen möchte, da keine fremdrassige Störkraft an der Aktion beteiligt war, räumt Ronny T. die Frischeabteilung auf. Sein Auszubildender Enrico F. (19) nimmt die Benachrichtigung des Spediteurs entgegen und beschließt, die Lücke im Sortiment mit einer Kiste Tafelbirnen großzügig zu kaschieren.

09:49 – Ein als Che Guevara verkleideter Springer-Mitarbeiter zerkratzt in der Tiefgarage einer Unternehmensberatung die Luxuslimousinen der Vorstände. Da sämtliche Stellplätze per Videoüberwachung gesichert sind, die an eine Gesichtserkennungssoftware angeschlossen ist, wissen die Polizisten beim Anrücken bereits, um wen es sich handelt. Er protestiert nicht gegen seine Festnahme, kann aber nicht verhindern, dass ihm vor laufender Kamera die Maske abgenommen wird und die Polizisten ihn mit Namen ansprechen.

10:04 – Ein Kurierdienst liefert zehn Flaschen Weißwein an Franz Josef Wagner. Er lässt sich den Empfang der Flaschen quittieren.

10:25 – Im Konrad-Adenauer-Haus wird erörtert, ob die Botschaft, Scholz habe auf Anordnung von Putin einen Nerobefehl erlassen, um das deutsche Volk innerhalb weniger Tage verhungern zu lassen, in der Wählerschaft noch verfängt und ob es noch zu einer Meinungsänderung in der SPD führen wird. Die stellvertretenden Vorsitzenden sind einhellig der Meinung, nur ein geistig minderbemitteltes Arschloch würde derartigen Scheißdreck öffentlich äußern.

10:30 – Vor den bereits seit einer Stunde wartenden Pressevertretern äußert der unterlegene Kandidat der Bundestagswahl, Scholz habe auf Anordnung von Putin einen Nerobefehl erlassen, um das deutsche Volk innerhalb weniger Tage verhungern zu lassen. Die SPD habe immer auf der falschen Seite gestanden, deshalb könne auch nur er als der legitime Nachfahre aller deutschen Kaiser seit Karl dem Großen aus Wasserstoff Bio-Bananen machen.

10:41 – Söder lässt sich in der Frühstückspause vor der Bayerischen Staatskanzlei ablichten. In letzter Minute haben die Hilfskräfte aus dem Obstkorb, der unscharf im Hintergrund zu sehen sein soll, eine Staude Bananen entfernt. Der CSU-Chef lässt dem gescheiterten CDU-Kollegen für seine Suche nach Koalitionspartnern ausrichten, wenn keine Bananen mehr in Reichweite seien, solle es er doch mit Kiwi versuchen.

11:07 – In den Redaktionen deutscher TV-Sender herrscht pure Verzweiflung. Dreierteams mit Reporter, Kamera und Ton sind in Hamburg, Köln, Stuttgart und Frankfurt unterwegs, um O-Töne von besorgten Bürgern für die Mittagsmagazine zu erhalten. In keiner der Städte lässt sich ein Geschäft ohne ausreichenden Vorrat an Bananen filmen.

11:17 – Studio Dresden meldet einen Gemüseladen in Kötzschenbroda, der angeblich keine einzige Banane im Sortiment haben soll. Das Filmteam rast auf direktem Weg nach Radebeul, um exklusive Bilder für das ZDF-Mittagsmagazin zu erhalten.

11:34 – Auf Nachfrage der Reporter, ob Laschet aus Bio-Bananen auch Stahl erzeugen könne, gibt der CDU-Chef zu erkennen, dass er über diese wirtschaftspolitisch sehr wichtige Frage erst lange nachdenken müsse. Er könne aber jetzt schon ganz klar sagen, dass dies kein sozialistischer Stahl sei, sondern ein deutsches Qualitätsprodukt, mit dem er ganz allein das Klima retten und jeden weiteren Lockdown verhindern werde.

11:57 – Das ZDF-Team erreicht gerade noch vor der Mittagspause das Geschäft am Lößnitzbad. Wie ihnen Inhaber Tino G. (59) ungehalten zu erkennen gibt, bedeute das Ladenschild Gemüsekiste genau das, nämlich ein Fachgeschäft für Gemüse, in dem es noch nie eine einzige Banane zu kaufen gab. Auf den Vorschlag von Reporter Simon E. (34), für den Filmbeitrag das Schild zu verhängen und eine nicht ganz so realitätsnahe Geschichte zu erzählen, reagiert der Händler ungehalten. Er bezeichnet die Mitarbeiter als Abgesandte der Lügenpresse und droht ihnen an, sie mit frischem Staudensellerie zu verprügeln.

12:06 – In der BILD-Redaktion geht per SMS die Botschaft „Die Sau ist voll“ ein. Das lyrische Thinkpiece der Nation ist jetzt nur noch eine Frage der Zeit.

12:25 – Eine Pressemitteilung der CSU wird an die Redaktionen großer deutscher Tageszeitungen gefaxt. Unabhängig von der Bananensituation gebe Söder sein Wort als führender Konservativer in der Bundesrepublik Deutschland, dass seine Partei ein Gendergesetz der Stalinistischen Volkspartei und der Öko-Gaga-Verbotsdiktaturvolksfront namens Die Grünen bis vor das Europäische Gericht für Menschenrechte bringen werde. Allein im Freistaat Bayern werde man die internationalsozialistische Linksruck-Zerstörung schnell bemerken, wenn die Gelder für Verkehrsprojekte um bis zu 600% niedriger ausfallen würden.

12:48 – In einem Radiointerview wird Tino Chrupalla gefragt, was sein deutsches Lieblingsobst sei. Er nennt ohne zu zögern die Banane.

13:14 – Die Pressestelle im Willy-Brandt-Haus bekräftigt die Absicht der Sozialdemokraten, den Mindestlohn so schnell wie möglich auf zwölf Euro anzuheben. Die Kunde wird kritisch aufgenommen. Während die Freidemokraten monieren, dass eine zu hohe Kaufkraft im Prekariat die Bananen für Leistungsträger unerschwinglich machen könnte, verlangt Alice Weidel, dass die Erhöhung nur für Deutsche gilt, da sonst orientalische Vergewaltiger und nordafrikanische Messerstecher völkischen Arbeitern das Obst wegfressen.

13:33 – Ein Rettungswagen wird zum Konrad-Adenauer-Haus gerufen. Es handelt sich um einen Notfall, bei dem einem designierten Bundesminister von einem engen Mitarbeiter eine Banane so tief in den Darmausgang geschoben wurde, dass das Objekt nicht ohne medizinische Hilfe wieder entfernt werden kann. Der Vorfall muss unbedingt vertuscht werden. Noch kurz zuvor hatte Merz den nationalen Notstand ausgerufen, da es im ganzen Bundesgebiet keine einzige Banane mehr gebe.

13:40 – Nathanael Liminski befindet sich auf dem Weg der Besserung.

13:49 – Das sächsische Filmteam hat in Pirna ein Lebensmittelgeschäft entdeckt. Durch das Fenster ist die leere Bananenkiste im Obstsortiment klar zu erkennen. Die drei Mitarbeiter treten ein, um in einer Blitzreportage auf den eklatanten Mangel an Südfrüchten aufmerksam zu machen. Nach einer kurzen Ton- und Lichtprobe werden sie von Mandy K. (22) rüde zur Seite geschubst. Die Verkäuferin räumt eine neue Kisten Dessertbananen der Sorte Cavendish ein. Simon E. erleidet einen Nervenzusammenbruch.

14:04 – Söder betont nochmals, dass die von Pol Pot, Mao und Hitler inspirierten Grünen das Benzin mit einer Strafsteuer zur Finanzierung riesiger Windkraftanlagen verteuern wollen, um alle Kirchen in Deutschland abzureißen und durch die lebensgefährlichen Propeller zu ersetzen. Zugleich werde der Preisanstieg beim Kraftstoff Bananen so teuer machen, dass die durchschnittliche deutsche Familie im Jahr bis zu hunderttausend Milliarden Euro mehr ausgeben müsse. Sofort nach dem Verbot des Genderzwanggesetzes werde die CSU diese Regelung durch den Einmarsch von NATO-Truppen und einen förmlichen Protest beim DGB unterbinden.

14:36 – Erstmals meldet sich auch Wahlsieger Olaf Scholz zu Wort. In einem kurzen Pressestatement betont er, dass nicht nur jede vierte Banane aus indischem Anbau stamme, so dass Deutschland und die EU nicht von China abhängig seien. Außerdem sei es eine Legende, dass Konrad Adenauer seine Zustimmung zur Gründung der EWG nur gegeben hätte, wenn der jungen BRD nicht zollfreie Bananenimporte garantiert worden seien. Vielmehr habe ein Zusatzprotokoll zu den Römischen Verträgen besondere Bedürfnisse bei der Einfuhr von Bananen nach Deutschland festgestellt. Man wisse, dass Kalium und Magnesium gut für die Hirntätigkeit von CDU-Führern seien, bei Laschet würde ein Doppelzentner Bananen täglich wohl knapp ausreichen.

14:50 – Im Konrad-Adenauer-Haus wird unterdessen heftig diskutiert, ob das Bananenverbot nicht eigentlich eine Idee der Linken gewesen sei, um die Deutschen frühzeitig auf DDR-Verhältnisse in einer Mangelversorgung einzustimmen, bevor einzelne Waren und Dienstleistungen von den Grünen mit einzelnen Verbotsgesetzen abgeschafft werden. Die These, Annalena Baerbock sei in Wahrheit der Antichrist, kann sich nur knapp im Vorstand der Christdemokraten durchsetzen. Ein unangenehmer Geruch hängt im Raum, da Paul Ziemiak eine leicht zerdrückte Banane verzehrt.

15:03 – Die Deutsche Polizeigewerkschaft beklagt in einer Videobotschaft, dass es überall in der Republik große No-Go-Areas gebe, in denen man auf der Straße jede Art von Drogen oder Waffen, nicht aber Bananen kaufen könne. Der Vorsitzende Wendt kündigt an, nach der Machtergreifung von Laschet Berlin mit der Panzerfaust zu säubern.

15:05 – Merz kündigt den Schulterschluss zwischen AfD und CDU an. Sofort nach der Vereidigung als Bundeskanzler werde er Landwirtschaftsminister Maaßen anweisen, in Mitteldeutschland die Zucht der rasserein deutschen Banane zu starten, die bis zum Jahr 2059 zum Kilopreis von etwa 150 Euro in den Kolonialwarenläden angeboten werde. Die zur Bewerkstelligung des Projekts notwendigen Kräfte werde man aus der Zwangsarbeit für Erwerbslose rekrutieren, wobei Merz sozialromantischen Ideen wie einem Mitarbeiterrabatt für Erntehelfer gleich eine Absage erteile.

15:15 – Die Gewerkschaft der Polizei widerspricht den Ausführungen der rechtsgerichteten Beamten. Es gebe in Deutschland keine rechtsfreien Räume, die Sicherheit der Bevölkerung sei Ländersache, und die größten Probleme würde seit Jahrzehnten in Nordrhein-Westfalen auftreten. Einer der führenden Kriminellen im Ruhrgebiet besitze mehrere Obst- und Gemüsegeschäfte, in denen auch Bananen verkauft werden.

15:21 – Die von der sächsischen CDU eilends für den Nachmittag geplante Demo Deutsche Bananen für Deutschland in der Dresdner City findet kaum Beachtung. Bis auf Michael Kretschmer und wenige andere Nationalsozialisten bleibt der Theaterplatz leer.

15:59 – Gerade noch rechtzeitig zur Konferenz trifft Wagners Artikloid über die deutsche Banane ein, in welcher der Kolumnist das endgültige Ende der jüdisch-christlichen Tradition beschwört, weil die Verräterpartei, die auch norwegische Kommunisten als Bundeskanzler nach Deutschland eingeschleppt hat, die Frucht ausrottet, die bereits Jesus in der Krippe von vorüberziehenden Hirten aus dem Morgenland zum Geschenk erhielt. Der Text geht ohne weitere Korrekturen in den Satz.

16:05 – Die Börse Frankfurt gibt bekannt, dass durch die Auswirkungen der COVID-19-Pandemie in Brasilien die diesjährige Orangenernte schwerer treffen könnten als bisher befürchtet. Der Mangel an Pflückern und Transportarbeitern lasse gerade die Kurse der Groß- und Außenhandelskonzerne einbrechen, die mit dem Import von Südfrüchten aus Übersee Gewinne machen. Der DAX sei fest, da neue Hoffnungen auf eine stabile EU durch den SPD-Wahlsieg und pragmatische Investitionen in Deutschland den Einzelhandel bei Laune halten würden. Ein erstes Anzeichen sei die ungebrochene Kauflaune der Deutschen nach der Wahl, die vor allem der Banane gilt.





Eingliederungsmaßnahmen

9 09 2021

Eine kleine Gruppe Männer in auffällig billigen Polyesteranzügen stand vor der Tür; sie rauchten. Dies kannte ich bereits von anderen Tagungs- und Therapiezentren, hier aber scharten sich alle um mich wie die Kletten und flüsterten mir zu, dass sie Geld bräuchten. Der eine wollte eine halbe Million, ein anderer war schon mit dreihunderttausend Euro zufrieden. Vielleicht hatte ich aber auch nicht genau hingehört.

„Sie sind eben sozial inkompetent“, seufzte die Leiterin und drückte auf den Fahrstuhlknopf. Wir fuhren ins zweite Obergeschoss. Rumpelnd öffnete sich die Tür, sofort packte mich wieder einer der grauen Männer am Arm. „Zehntausend“, keuchte er. „Kleine Scheine, keine Quittung. Ich verrate auch nichts!“ „Meine Güte“, knurrte ich und schüttelte ihn ab, „warum suchen Sie sich nicht einen Job?“ Frau Doktor Kliebner schob ihn unsanft beiseite. „Genau darum sind sie ja hier. In absehbarer Zeit ist Schluss mit dem Faulenzen, dann müssen sie einer Erwerbsarbeit nachgehen, denn bisher haben sie ihr Geld nicht auf ehrliche Art verdient.“ „Nicht durch normale Bettelei?“ Sie drehte dem Mann den Arm auf den Rücken und stieß ihn weg. „Abgeordnete, wenn Sie’s genau wissen wollen: CDU. Eine ganze Menge von ihnen stehen bald vor dem Aus, und wir sollen hier Eingliederungsmaßnahmen leisten.“

Ich errötete; waren die parlamentarischen Mittel sonst eher wenig sinnvoll, weshalb ich die Karte mit der Einladung gar nicht erst genau gelesen hatte, so war dieses doch durchdacht. „Wir gehen derzeit von etwa 150 Abgeordneten aus, die sich in den kommenden Monaten um eine Neuordnung der existenziellen Koordinaten bemühen müssen, und je nach Ausfallerscheinungen ihres Spitzenkandidaten können es noch einmal mehr werden.“ Wir gingen in eine Art Klassenzimmer, in dem die zukünftigen Ex-Parlamentarier saßen, ein altmodisches Telefon vor sich und ein paar Blätter Papier. Die meisten riefen offensichtlich in Firmen an, von denen sie einmal eine Menge Geld kassiert hatten. „Es gibt zwei Wege für sie“, erklärte Frau Doktor Kliebner. „Die meisten möchten weiterhin Geld haben, haben aber noch nicht ausreichend verinnerlicht, dass sie den Unternehmen gar nicht mehr die Gefälligkeiten erweisen können, wie sie es als Abgeordnete getan haben.“ Hier und da hörte man ein Schluchzen, eine ehemalige Volksvertreterin stieß wüste Drohungen aus, allgemein lag eine verzweifelte Stimmung im Raum. „Wie ich bereits sagte“, erwiderte ich, „warum suchen sie sich nicht einen Job?“ Sie sah mich mit einer gewissen Müdigkeit an. „Warum, glauben Sie, sind diese Leute Abgeordnete?“

Tatsächlich hatten einige von ihnen anfänglich versucht, als gute Bekannte eine freie Stelle bei den Unternehmen zu besetzen, für die sie sich zuvor verwendet hatten. Leider wurden sie als durchaus durchschnittliche Juristen, Lehrer oder Politologen in Rüstungskonzernen oder in der Chemiebranche nicht so einfach eingestellt. „Ab und zu wird schon mal über den Drehtüreffekt engagiert“, berichtete die Leiterin. „Sogar außerordentlich dämliche Idioten, denen kein zurechnungsfähiger Mensch den Hausmeisterposten übertragen würde.“ Das überraschte mich nun doch. „Dann besteht für diese armen Menschen noch Hoffnung.“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich vergaß zu sagen, dass das so gut wie nur für ehemalige Minister gilt.“

Einer der grauen Anzüge, in dem ein kleiner, untersetzter Kahlkopf mit Goldrandbrille steckte, kam auf mich zu und überreichte mir seine Karte. „Ich bin Experte“, klärte er mich auf, „und kenne mich mit so gut wie mit allem hervorragend aus.“ „Sehr gut“, antwortete ich. „Wie viele Einwohner hat Dschibuti?“ Er stutzte. „Welche Bodenschätze werden da am meisten exportiert?“ „Er wird das nicht wissen“, warf Frau Doktor Kliebner ein. „Ihm wird Wirtschaftskompetenz nachgesagt, aber das war, weil er einmal auf dem Golfplatz zusammen mit einem Bankmanager gesehen wurde.“ „Ich bin im Bilde“, gab ich zurück. „Finden Sie raus, wo das ist, vielleicht heuert Sie dann einer als Spezialisten für Ostasien an.“ Schon war er verschwunden.

„Was haben wir nicht alles versucht.“ Frau Doktor Kliebner war nicht verzweifelt, schließlich wurde sie gut bezahlt dafür, alles an den Probanden zu probieren, was ihr einfiel. „Viele von ihnen haben acht Jahre und länger für ihre Partei im Deutschen Bundestag gesessen, in Ausschüssen gedöst oder in der Kantine herumgelungert, um einmal im Quartal im Plenarsaal zu sitzen und zu den Ausführungen der Kanzlerin zu klatschen.“ „Das klingt nach einem Profil, auf das der Arbeitsmarkt nicht gewartet hat.“ Sie nickte. „Wir können nicht allen wieder ins Leben zurück helfen, wenn sie sich nicht helfen lassen wollen.“ Ich überlegte. „Wäre es nicht möglich, sie legal mit dem zu beschäftigen, was sie vorher nebenbei und mitunter illegal getan haben?“ Die Leiterin lächelte schief. „Dann beschäftigen wir drei Dutzend Idioten damit, Masken und medizinische Schutzkleidung zu überhöhten Preisen einzukaufen?“ Das hatte ich nicht bedacht. „Kommen Sie“, sagte sie. „Ich zeige Ihnen etwas.“

In einem großen Saal saßen viele Männer auf langen Bänken. Vorne stand einer von ihnen auf dem hölzernen Podest. „Die deutsche Politik“, deklamierte er, „ist die Politik, die wir hier, meine Damen und Herren, in Deutschland und für Deutschland, das muss in dieser Klarheit einmal zum Ausdruck gebracht werden!“ Frenetischer Beifall begleitete seine Ausführungen. Frau Doktor Kliebner nickte. „Wenn wir jemanden finden, der den ganzen Mist bezahlt, dann hätten wir’s.“





Krisenstäbchen

8 09 2021

„Hat sie eigentlich irgendwann mal eine Strickjacke getragen? so kohlmäßig? Sonst haben wir nur diese Schlandkette, aber die war nie so wichtig. Politisch gesehen. Hosenanzüge, kann man ja machen, aber welchen soll man da nehmen?

Das ist mal wieder eine Schnapsidee, die sich die Partei ausgedacht hat. Merkel-Museum. Das ist der blödeste Einfall, seitdem der Kanzlerkandidat irgendwas gesagt hat, und der sagt ja dauernd was. Wie soll man aus Merkel ein Museum machen? und was zeigt man da? Und warum? Die Partei hat sich gedacht, wir zeigen das politische Erbe, aber nur positive Sachen. Gut, wären wir dann fertig?

Im Eingangsbereich erst mal die Abteilung über die Umweltkanzlerin, obwohl: die war sie gar nicht. Da müsste man in einem eigenen Stockwerk alle Absichtserklärungen sammeln, sämtliche Versuche, die deutsche Wirtschaft vor den Auswirkungen der Erderwärmung zu schützen – die deutschen Bürger hätte sie schützen können, aber das war genau das Problem, dass sie ihre Politik nicht für deutsche Bürger gemacht hat. Sondern für die Wirtschaft, unter anderem auch für die deutsche. Was dann Solaranlagen betrifft, da kann sich die chinesische Wirtschaft nicht beschweren. Die Auswirkungen auf Deutschland, dazu bräuchte man so eine Art Erlebnispädagogik. Einen Raum, der unter Wasser steht und an einer Ecke wegbricht. Also sie hat was fürs Klima getan, nur eben nicht für die Menschen. Dem Klima ist das egal, das war ihr immer schon klar. Sie ist ja Physikerin.

Immerhin hat sie nach dem Ausstieg aus dem Ausstieg aus der Kernenergie den Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg hingekriegt. Das war als Wahlkampfmanöver gedacht und hat trotzdem ganz gut funktioniert. Da könnte man ein Modell von Fukushima bauen, als Bezug zu ihrer Politik. Wobei sie ja eher die langsame Brüterin ist, aber wenn es aus dem Ruder läuft: sofort alles stoppen. Das war in Afghanistan nicht anders, da hat sie auch ein paar Jahre gebraucht, bis sie gemerkt hat, dass die Wissenschaftler, die sie vor einer Katastrophe warnen, Wissenschaftler sind, die sie vor einer Katastrophe warnen. Sie bremst schon, aber eben erst dann, wenn die Wand vor ihr beschleunigt.

Ihre Parteisoldaten haben sechzehn Jahre lang gesagt, dass sie bei ihrer Politik immer auch alle deutschen Bürger mitnimmt. Das stimmt. Fragen Sie die Wand.

Es gibt auch einen Flügel in der Partei, die die positiven Aspekte gar nicht sehen wollen. Denen ist so ein Museum eigentlich nur als Gruselkabinett willkommen, damit sie hinterher sagen können, dass sie alles besser gemacht hätten, nur eben nicht jetzt, wo sie es nicht mehr besser machen, weil ihnen keiner mehr zutraut, dass sie es besser würden machen können. Die wollen unbedingt eine kontrafaktische Abteilung, da wird zum Beispiel das Märchen von der Grenzöffnung noch mal ganz groß aufgeblasen mit allen Artikeln aus der Presse, in denen das so dargestellt wurde. Am besten gleich rautenförmig, wegen der Symbolik.

Oder hier, Europa – da wollen die Flügelleute am liebsten eine vergoldete Kanzlerin auf dem Podest, weil sie erst mit ihrer Sparpolitik so richtig dafür gesorgt hat, dass die ganze Eurozone auf dem Zahnfleisch ging. Eine Bankenkrise hätte Europa ja noch alleine hingekriegt, aber sie hat eine richtige Staatsschuldenkrise gezaubert, mit externalisierten Kosten für die anderen, denen man dann vorwerfen kann, dass sie nicht genug Feuerwehr haben, wenn wir ihnen regelmäßig wieder die Bude abfackeln. Das ist Balsam für die deutsche Nationalseele, die am liebsten alles alleine macht, weil sie überzeugt ist, dass die anderen es nicht so gut hinkriegen.

Die Destabilisierung des politischen Systems in Deutschland zur marktkonformen Demokratie darf man hier auch nicht vergessen. Asymmetrische Demobilisierung ist das eine, aber wenn die Leute überhaupt wählen, wählen sie je nach Bundesland bis zu einem Viertel Faschisten. Eigentlich könnte man denen einen ganzen Raum überlassen. Braun anstreichen reicht, den Rest machen sie selbst. Viel Gegenwehr war da nicht, für Hanau oder Halle oder den NSU brauchen keinen Extraraum. Wir könnten einen versprechen und ihn vergessen, das wäre im Duktus der Kanzlerin. Vielleicht gräbt mal einer aus, ob es Bilder vom Krisenstab gibt. War wohl eher ein Krisenstäbchen. Das können wir irgendwo im Kuriositätenkabinett aufhängen. Bei der sozialen Schere und neben der Ehe für alle. Oder auf den großen Scheiterhaufen. Also das, was von ihr noch übrig ist. Das reicht dann für den Ausgangsbereich.

Haben Sie noch eigene Ideen? Gut, war jetzt nur so eine rhetorische Frage, aber da sind wir auch auf der richtigen Seite, weil der Flügel das sowieso zu verhindern weiß. Die alternde Gesellschaft wird man ihr in die Schuhe schieben, vor allem, weil sie nicht mehr die Partei wählt, das Scheitern der Partei als Partei, die Pandemie, dass sie Merz nicht an die Macht gebracht hat, dass sie Merz nicht vernichtet hat, dass sie ewig da war, dass sie nicht weg ist, dass sie weg ist, dass sie nicht wiederkommt. Das kann man irgendwann mal als Sonderausstellung aufziehen. Das große Versprechen an die Sparer in der Krise, Digitalisierung, Arbeitslose, Pflege, die dummen Arschlöcher im Kabinett, die von dummen Arschlöchern ersetzt wurden. Eine Kriecherin, die die Darmschleimhaut der einzelnen Autokonzerne am Geschmack erkannt hat. Sie allein wusste, wir wollen an die Wand, die Wand wusste es, wir wussten es. Und nur sie wusste: wir schaffen das.“





Liebesgrüße aus Aserbaidschan

7 09 2021

„… könne jeder Bürger anonyme Hinweise melden, denen die Staatsanwaltschaft bei begründetem Anfangsverdacht nachgehen werde. Laschet werde nach seiner Wahl zum Bundeskanzler dafür sorgen, dass die Online-Wache gegen Clankriminalität zur funktionsfähigen und schlagkräftigen Einheit im…“

„… ein ganz normales Verfahren sei, um die Rechtssicherheit in der Bundesrepublik wieder herzustellen, da die Bürger von ihrer Regierung erwarten dürften, dass sie nicht in sozialistischer Misswirtschaft oder einem…“

„… erste Meldungen eingegangen seien. Diese beträfen Einzelheiten eines Geschäftes mit FFP2-Masken, die zu deutlich überteuerten Preisen an das Bundesgesundheitsministerium vermittelt worden seien. Es seien teilweise Gelder ausgezahlt worden, bevor die Lieferanten hätten sicherstellen könne, ob sie die bestellten Produkte überhaupt noch im…“

„… die Ermittlungen an sich gezogen habe, da man durchaus von Clankriminalität sprechen könne. Die Union habe in einer Vielzahl von Verbrechen ihre von der Außenwelt abgeschotteten Subkulturen und deren hierarchische Struktur für eine…“

„… weise Laschet den Vorwurf an die CDU vehement zurück. Seiner Erfahrung nach könne es in der Union keine organisierte Kriminalität geben, da die personelle Gliederung zur Durchführung so komplexer Aktionen auf Bundes- wie auf Länderebene in viel zu geringem Maße für eine…“

„… keiner der genannten Abgeordneten im persönlichen Kontakt mit ausländischen Herstellern gestanden habe. Im Falle von Altmaier und Spahn seien ohnehin nur die Staatssekretäre mit einer Vollmacht ausgestattet worden, um größere Beträge aus dem Bundeshaushalt an kurz zuvor gegründete Scheinfirmen zu…“

„… habe Merz den Begriff Clankriminalität im Zusammenhang mit der CDU als stark abwertend kritisiert. Das Wort sei zwar diskriminierend gemeint, werde aber mit Bezug auf die Union zum Rassismus gegen Deutsche, die in ihrem eigenen Vaterland nicht mehr als…“

„… deutliche Anzeichen für die Förderung einer Parallelgesellschaft sehe, in der das geltende Recht nicht mehr zur Anwendung komme. Das Gericht sehe es als erwiesen an, dass diese kriminellen Machenschaften innerhalb der Partei auch zur Anwerbung neuer Mitglieder aus Wirtschaft und…“

„… würden sich einzelne Parteifunktionäre durch ihre Nähe zu fremden Kulturkreisen, deren politisches System mit dem der BRD nicht mehr kompatibel sei, auch beim Aufbau von parallelen internationalen Staatenbeziehungen engagieren. Wer sich nicht langfristig füge, laufe zudem Gefahr, als Verräter mit Kosequenzen rechnen zu müssen, was im Falle der Parlamentarierin Strenz bis zu ihrem plötzlichen und unerwarteten…“

„… andererseits in Schutzgelderpressungen von anderen Clans verwickelt sei. Altmaiers Zahlungen an Energiekonzerne und Fluggesellschaften seien durch die Absicht zu erklären, die Steuervermögen des Bundes regelmäßig abzuschöpfen, damit der aufwendige Lebensstil der Konzerne, die teilweise auch untereinander geschäftliche und private…“

„… auf Bundes- und Landesebene häufig auf Respektlosigkeit gegenüber staatlichen Behörden treffe und ein erhebliches Aggressionspotenzial bei der Abwehr juristische Maßnahmen feststelle. Vor allem Laschet sei durch gewalttätige Angriffe aufgefallen, die bis zur Auflösung ganzer Behörden, die Ermittlungen gegen ihn, Mitglieder seiner Familie, seines Clans und der…“

„… pflege die in der Partei teilweise durch nicht mit der Führung kooperierende Untergruppen eine Werteordnung, die nichts mit dem Rechtsstaat zu tun haben wolle, sondern ihre eigenen patriarchalen Machtverhältnisse nutze. Dies zeige sich etwa in der familienähnlichen Struktur, in der Mitglieder wie Amthor von älteren Mentoren dazu angehalten werde, in die Finanzierung ausländischer Firmen in sicherheitsrelevanten Bereichen des…“

„… untereinander konkurrierende Banden gebe, die durch gegenseitige Bespitzelung, Denunziation und Whistleblowing auffallen würden. So habe ein Teil der CDU-Bundestagsfraktion unter dem Mantel der Kooperation mit Behörden eigene Abgeordnete verraten, nachdem die Warnung Liebesgrüße aus Aserbaidschan in einer anonymen…“

„… enge personelle Verbindungen zwischen Kredit- und Immobilienwirtschaft nachgewiesen werden könnten, die im Falle von Spahn zu einem viel zu günstigen Kauf einer Villa ohne eigenes Kapital geführt hätten. Gleichzeitig habe der Minister versucht, die gerichtliche Anordnung, über laufende Ermittlungen berichten zu dürfen, durch erhebliche Einschüchterungsversuche gegen die…“

„… gehe die Verstrickung der Union nicht nur bis in höchste Kreise von Rüstungskonzernen oder Energieerzeugern, sondern bis in die Spitze der Ermittlungsbehörden. So seien die Untersuchungen gegen Scheuer nach der versehentlichen Löschung aller Daten auf seinem dienstlichen Mobiltelefon nicht weitergeführt worden, obwohl eine rasche Rekonstruktion technisch im Bereich des…“

„… wehre sich die Union gegen undeutsche Zerstörungsversuche der wichtigsten Volkspartei, die als flankierende Maßnahme für den kommenden Linksruck gewertet werden müsse. Laschet habe die Befürchtung, wenn bald gegen bisher noch nicht rechtskräftig verurteilte Politiker auch wegen des Anfangsverdachts der Steuerhinterziehung ermittelt werden könne, dann werde ein sozialistisches Terrorregime statt einer christlichen und sozialen Marktwirtschaft den endgültigen Untergang des…“