Rückwärtsgang

11 11 2010

„… musste der Städtetag feststellen, dass die flächendeckende Privatisierung nicht nur generell teurere, sondern vor allem schlechtere Leistungen zur Folge hatte, so dass nach der Abstimmung, die nur als Formsache galt, ein einstimmiges Ergebnis für die Restitution der ehemaligen Verhältnisse vorlag, ein Ausgang, von dem man nun annimmt, dass er auch für die Landes- und Bundesebene…“

„… konnte der Streudienst der Freien und Hansestadt Hamburg auch ohne zusätzliche Hilfe des FDP-Chefs die notwendigen Hilfskräfte zur Verfügung stellen, da die Stadt eigene Bedienstete in eigenen Fahrzeugen mit Quarzsand und Auftausalz aus eigener Bevorratung entsandte, die das überraschende Glatteis…“

„… sich anlässlich der Wiedereinweihung des Paketamtes Hamburg weigerte, die in Abstimmung mit der Gewerkschaft vorformulierte Rede zu halten. Seitens der ehemaligen Paketzusteller wurde vor allem moniert, dass Postminister Pofalla…“

„… mit dem ICE von Dresden nach Chemnitz die Restrukturierung der Deutschen Bundesbahn als staatliches Transportunternehmen auf der Schiene feierte. Bundesverkehrsminister Mappus betonte, niemand habe die Absicht, einen Börsenkurs zu errichten oder…“

„… dass sozialversicherungspflichtige Arbeit, wie es Guido Westerwelle ausdrückte, per se nur von dekadenten Sozialisten ausgeübt würde, um deren Gier nach spätrömischer Lohnfortzahlung im anstrengungslosen Krankheitsfall zu befriedigen. Das Grünflächenamt Castrop-Rauxel blieb dabei, den Erinpark auch weiterhin von hauptamtlichen Kräften pflegen zu lassen, statt Ein-Euro-Jobber…“

„… auch nicht zu erwarten gewesen, dass die Paketzustellung nun so reibungslos abliefe wie noch vor zwanzig Jahren; die für Innenminister de Maizière bestimmte Rohrbombe, die am Montag explodieren sollte, war so schon am vorangehenden Freitag im Bundesministerium abgeliefert worden und konnte vom Entschärfungskommando der…“

„… darum auch ein erheblicher Rückgang der Niedriglöhner zu sehen war. Erwartungsgemäß wurde der Erfolg getrübt von den 850.000 Kräften, die zuvor als Bewerbungstrainer, Jobvermittler, in Zeitarbeitsfirmen und privaten Kontrollbetrieben für Arbeitslose gearbeitet hatten und nun ohne die vom Steuerzahler finanzierten…“

„… nun auch für den Briefverkehr, der nun dank einer vereinfachten Dienstvorschrift noch mehr auf die Bedürfnisse der Postkunden zugeschnitten werden soll: Briefsendungen, die in Briefkästen eingeworfen oder an Briefpostämtern eingeliefert werden, sollen künftig vom Briefträger an den jeweiligen Empfänger zugestellt werden. Kritiker bemängeln, eine derart komplizierte Vorschrift…“

„… sich die Kommission darauf einigte, eine Gesamtlösung zu errechnen. Trotz der hohen Kosten von fast 90 Millionen Euro könne auf dem Stuttgarter Streckenteil eine Fahrzeitverkürzung um bis zu zwanzig Minuten…“

„… sich über den Missbrauch der Paketdienste beklagte. Dass mit der ansteigenden Nachfrage der Binnenkonjunktur auch das Bruttoinlandsprodukt steigt, hatte dem Wirtschaftsminister bisher keiner verraten, so dass Brüderle ganz alleine…“

„… stellte das Hauptamt Bebra anlässlich einer Rechnungsprüfung fest, dass die beauftragte Firma CityClean gemäß ihren Forderungen mehrere Jahre lang täglich ein Areal von der Größe Grönlands nass durchgewischt zu haben behauptete. Man sei erst stutzig geworden, so Kassenwart Ernst P. (55), als die Personalnummer des Straßenkehrers Lutz W. (23) auch bei der dreimal abgerechneten Untertunnelung der Kasseler Kuppe…“

„… könne nun auch in die Anzahl an Automaten wieder reduziert werden. Postminister Pofalla nahm dies zum Anlass, entschieden zu widersprechen und eine Umschulung von Überwachungskameras zu Postwertzeichenausgabegeräten zu fordern. Eine ungeschnittene Version von Pofallas Bemühungen, eine 55-Cent-Marke aus dem Automaten zu ziehen, wurde trotz ihrer Länge auf einer 3-DVD-Box…“

„… selbstverständlich auch der Müllabfuhr, deren Kenntnisse umweltgerechter Entsorgung die profitorientierten Strukturen der alten Anbieter ausstach. So legte die Abteilung Wert darauf, dass die Mitnahme eines ausgedienten Bettgestells durch einen städtischen Bediensteten schon wegen der bürokratischen Hürden einer arbeitsrechtlichen Maßnahme nicht geahndet…“

„… als technische Sensation gewertet, dass der neue ICE nicht nur über Selbstverständlichkeiten wie WLAN, Schlafsitze, eine Minibar und eine ausgefeilte Neigetechnik jenseits der 475-km/h-Grenze verfügt, sondern um eine Klimaanlage, die auch außerhalb von Labor und Werkstatt…“

„… sich auch die Frage stellt, warum eine Post in Staatseigentum die Produkte einer Mobilfunk- und einer Papierwarenmarke verkaufen müsse. Auf dringendes Ersuchen teilte Postminister Pofalla mit, die Angebote für Hühnerfleisch und Winterreifen mit sofortiger Wirkung aus dem Sortiment zu…“

„… nochmals darauf hingewiesen, dass es sich bei den angekündigten Fahrpreisminderungen nicht um einen Aprilscherz handelte, sondern…“

„…jetzt auch der Telekommunikationszweig der Zustellung anschloss, da die Höhe der Vorstands- und Aufsichtsratsgehälter nicht mehr aus den Unternehmensgewinnen zu bezahlen…“

„… sich der Fahrgastverband Pro Bahn lobend darüber äußerte, das deutsche Schienennetz sei nun bald wieder so gut wie 1970, während die…“





Ab die Post

6 03 2009

Wenske drückte auf den Knopf. Der Beamer beamte. Dreiunddreißig Kurven schlängelten sich an der Wand. Zur Vereinfachung schlängelten sie sich alle in Gelb. Nur knappe zwanzig Minuten, nachdem Wenske das Manuskript gefunden hatte, begann er seine Analyse.

„Wir stehen vor großen Herausforderungen. Die Briefzustellung der Zukunft wird nicht leicht sein. Wie Sie an der gelben Kurve sehen, haben wir ein Defizit, das ungefähr, äh, größer ist als erwartet. Die gelbe Kurve zeigt uns, dass wir zusätzlich einen Rückgang der Briefzustellungszahlen haben. Diese, nein diese, nein… also die gelbe Kurve steht für die Wochenarbeitszeit der Vorstandsmitglieder.“

Ein Aufschauern durchkroch den Raum. Wie die meisten gelben Strahlen knickte auch jener jäh ab. Doch er knickte nicht genug. Ein Zeichen dafür, dass die Schalter und Walter des Briefbringdienstes bald schon kaum mehr Zeit haben würden, sich beim Plaudern im Golfclub von den Strapazen einer Cabriofahrt zu erholen. Wenske bohrte weiter.

„Ganz abgesehen von den Leistungen unseres Personals – manche Zusteller mussten schon aus dem Dienst entfernt werden, weil sie freiwillig Überstunden machten, unbezahlt natürlich – haben wir mit massiven Problemen zu kämpfen. Es hat sich eine schwierige Lage ergeben. Die weiteren Einzelheiten erläutert Ihnen Kollege Sommermehr.“

Sommermehr ordnete seine Papiere und suchte seine Brille. Die dadurch entstehende Pause – zwei Vorstandsmitglieder besuchten unterdessen einen Nachtclub, ein weiteres unternahm spontan eine Urlaubsreise nach Ostasien – nutzte er, Wenske unauffällig zu fragen, was denn das Thema der Vorstandssitzung sei.

„Das Kernproblem ist der Kunde. Wir können dies Problem nur durch Eliminieren des natürlichen Feindes lösen: als kundenlose Post.“

Ein Raunen ging durch den Raum. Man hatte es geahnt, aber nicht erkannt. Sommermehr schilderte die Gefahr. „Wir haben es teilweise mit einer völlig überzogenen Erwartungshaltung zu tun. Unschöne Szenen spielen sich in den Postfilialen ab: Kunden erwarten, dass die von ihnen eingelieferten Briefe, wie soll ich sagen…“ Er schwitzte sichtlich. „Sie verlangen von uns, dass wir die Briefe zustellen.“ Der ganze Vorstand saß wie versteinert. Manche Obszönität hatten sich die Herren schon angehört. Absurdes und verschrobenen Unsinn. Doch dies schlug nun wirklich dem Fass den Boden aus.

„Wir können uns unanständige Wünsche nur vom Hals halten, indem wir die Vertriebswege für unser Produkt vollkommen anders gestalten. Herr Kollauer von Kollauer & Seeck Consulting hat da mal etwas vorbereitet. Bitte schön, Herr Kollauer.“

Der Berater bastelte am Beamer. „Wie Sie sehen, sind Ihre Produkte erstens zu billig und zweitens nicht ausgereift. Wir haben einen Drei-Stufen-Plan erarbeitet. Stufe eins: drastische Portoerhöhung. Ein Global Player arbeitet nicht für einen Euro, wir leisten etwas. Und Leistung muss sich wieder lohnen!“ Der Applaus gab ihm Recht.

„Stufe zwei startet mit einem völlig neuen Vertriebskonzept. Bieten Sie dem Postkunden mehr Möglichkeiten, seinen Brief zustellen zu lassen. Starten wir mit dem Tarif für vier Zustelltage pro Woche. Für einen zusätzlichen Tag, Montag oder Samstag, gibt es schrittweise ansteigende Tarife.“ Ein Vorstandsmitglied meldete sich. „Wo ist denn da der Nutzen?“ Kollauer antwortete: „Denken Sie mal an den Postkunden, der seinen Brief am Freitag einliefert. Er kann eine Stufe mehr bezahlen – dann liefern wir ihn schon am Montag aus. Zwei Stufen mehr: bereits am Samstag. Wer den normalen Weg wählt, darf am Dienstag mit einer Auslieferung rechnen.“ „Was heißt: darf rechnen?“ „Briefe erhalten ab sofort einen Eingangsstempel. Was älter als 48 Stunden ist, wird gar nicht erst befördert, sondern kostenpflichtig geschreddert.“

Wieder meldete sich der Frager. „Was machen unsere Briefträger an den Ausfalltagen?“ Kollauer lächelte wissend. „Ich sehe, Sie haben begriffen. Natürlich können wir nicht einfach so tun, als hätte die Post keine Arbeit – wir haben in den freien Zeitabschnitten Kapazitäten zur Zustellung von Werbesendungen, Postwurf und ähnlich lukrativen Dingen. Wir müssen keine Arbeitsplätze abbauen. Die Politik wird uns gegen alles verteidigen.“

Sommermehr drängte. So kam Kollauer zum Kernpunkt des Plans. „Punkt drei ist das Image. Wir müssen uns auf große Traditionen berufen. Groß, grau, hässlich, unflexibel, patzig – da wollen wir hin!“ Der Rest seiner Worte ging im Jubel fast unter. „Panzerglasscheiben, hinter denen Beamte Sondermarken verteidigen! Schalterstunden von zehn bis halb elf, der erste Postbeamte kommt um kurz nach zwei und trinkt bis Feierabend hinter seinem Fensterchen Kaffee und liest Zeitung! Wer nicht passend zahlt, wird weggeschickt oder…“ „Moment mal“, fiel ihm Wenske unwirsch ins Wort, „das geht zu weit!“ Kollauer zischte zurück: „Geben Ihre Automaten noch Wechselgeld heraus? Na also!“ Wenske schwieg verbittert.

„Es muss komplizierter werden! Ab sofort werden Einschreiben in der Dienststelle geöffnet, gescannt, per E-Mail verschickt – dort lagern sie dann automatisch so lange, wie es dem Sondertarif für die Zustellung entspricht – wieder ausgedruckt und dann zugestellt.“ Wenske versuchte es ein letztes Mal. „Und das Briefgeheimnis?“ Höhnisches Gelächter war alles, was ihm entgegen scholl.

„Natürlich alles kostenpflichtig, jeder einzelne Schritt. Dazu ein besonderes Qualitätsmanagement als flankierende Maßnahme: jede dritte Sendung wird an Ort und Stelle auf die korrekte Anschrift überprüft, stichprobenartig auch mehrmals, und bei korrekt angebrachter Empfängerbezeichnung in unserer Zweigniederlassung in Dilling innerhalb eines Jahres neu zur Zustellung gebracht.“ „Er meint Dillingen an der Saar?“, raunte Sommermehr seinem Nachbarn zu. „Er meint ad-Dilling. Im Sudan“, flüsterte der zurück.

„Meine Herren, das ist die Post der Zukunft! Wir werden dies Konzept auf dem internationalen Markt…“ Eine Stimme unterbrach ihn. „Gut und schön, aber was machen wir mit den steuerlichen Aspekten? Wir können doch die Steuern nicht unberücksichtigt lassen!“

Kollauer lehnte sich zurück und lächelte. „Ja, Herr Zumwinkel, haben Sie vielleicht eine bessere Idee?“