Gernulf Olzheimer kommentiert (DXCIV): Greenwashing

10 12 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Auf der Suche nach Wahrheit landen wir alle früher oder später beim Werbefernsehen. Kieksende Kids rumpeln in luxuriösen E-Panzerwagen über naturbelassene Straßen aus Bio-Beton, an deren Spontanvegetation unter schadstofffrei blauem Himmel glückliche Kühe käuen und die Landschaft mit veganem Methan nachhaltig bereichern. Voller Engagement verkünden miserabel synchronisierte Teenager ihre Entschlossenheit, das von der Politik kurz nach der Unterschrift getonnte 1,5-Grad-Ziel als real existierenden Surrealismus zu begreifen, in atmosphärischen Farben für ACME inszeniert. Als würde das nette Kohlekraftwerk um die Ecke die Landschaft mit Gänseblümchenextrakt vollballern, schwabbert uns die Konzernpropaganda die Hirne zu: wir tun was, quasi jetzt gleich sofort. In drei Jahren. In fünf. Oder zehn. Oder nie. Irgendwas tun wir aber, und sei es nur Greenwashing.

Wahrscheinlich hat man komplette PR-Tanks ins Rhetorikseminar geprügelt, damit die Grütze schneller durchgeht als ‚Bestes Waschmittel‘ oder ‚Leckerste Vollkornreiswaffel westlich des Rheins‘. Eine Rotte geldgieriger Arschgeigen rutscht auf dem eigenen Angstschweiß aus, weil die restliche Menschheit längst gemerkt hat, wie viel Dreck der Kapitalismus mit sich herumschleppt. Schon klebt die Wirtschaft Fantasiebömmel auf die FCKW-freie Baumwolle, als würde man kalorienarmes Wasser unter die Menschheit jubeln – immer bescheißt die Leute, passt schon, wenn sie nichts merken. Je wolkiger das Versprechen, innerhalb der folgenden ölfzig Jahre kein Dingsda zu verblasen, desto lauter der Jubeltutenchor der geistig Untertunnelten.

Natürlich geht uns alle das Etikettengeklebe der Ökonomen etwas an, wenn wir nicht als tumbe Gesellschaft der chronischen Aufschieberitis auf den Leim gehen wollen. Schon juchzt die einzig wichtige Industrie, die Kraftfahrzeuge ausstößt, das Stromauto sei so supi, es sei an Urstheit mit dem an sich schon duften Benzintöff nicht zu vergleichen. Wir erinnern uns, die Dieselschleuder wurde uns auch als Erlösung vom Auspuffgetöse herbeigebetet und mit hastig zusammengeschwiemelten Szenarien des Weltuntergangs verglichen, um dem gemeinen Nappel den Erwerb der Heizölkarre zu insinuieren – besser als ein Meteoriteneinschlag während der allgemeinen Nudelknappheit zur Helene-Fischer-Welttournee wäre es allemal gewesen.

Aber egal, die professionellen Klimaleugner, die unsere – unsere? wir haben den Schmodder mit den Gewinnen bezahlt und kommen jetzt auch noch für die versteckten Subventionen auf, bevor die Steuer fürs Katastrophenschutzprogramm uns den Boden unter den Füßen wegreißt – Kohle zur Abwehr der Zukunft verbraten, schleimen sich aalglatt an den Zielkonflikten entlang. Ein Cent pro Plastikbeutel würde reichen, frohlockt der gemeine Discounter, schaufelt sich mit der Methode eine halbe Million per anno rein und vergisst zufällig, wie sein übriges Grünzeugsortiment in Kunststofffolie geraten ist. Da barmt’s aus der Bierbranche, der Kunde könne gar nicht so viel von der Plempe saufen, wie der Hersteller Regenwald retten möchte – ungelöst aber bleibt, warum der Braumulti zehnmal so viel in die Reklame investiert wie in die Aufforstung. Bald stampfen stinkende Kreuzfahrtpötte den Restozean aus der Existenz, macht aber nix: an Bord gibt’s ja nur noch Handtücher aus nachhaltigem PVC-Textil, da kann man den Ausstoß der schwimmenden Kohlendioxidfabriken schon mal vernachlässigen.

Überhaupt ist die Grünwäscherei der mutige Versuch, die ganze Bevölkerung für geistig nicht satisfaktionsfähig zu verkaufen. Gäbe es nicht die Inseln aus kreisendem Plastik auf den Weltmeeren, hätten wir nicht längst Kleinstteilchen in jeder aus dem Wasser gefischten Nahrung, die an der eigenen Heiligkeit zugrunde gehenden Propagandalappen würden hoffen, dass niemand sich für ihr Geseier interessiert. Sie retten sich in die Zuversicht, dass der Verbraucher schlicht nicht alles boykottieren kann, wenn er irgendwie überleben will, oder aber ganze Produktgruppen ausblenden muss, Fahrzeuge und Fisch, Smartphones, Spielwaren, Tourismus. Und wer wäre schon so konsequent, ein Leben ohne Leberwurst aus ökologischen Motiven zu wählen.

Früher oder später wird es im Zeitalter der Wissenschaftsfeindlichkeit zum Schulterschluss mit dem Hokuspokus kommen, mit Homöopathie und Heilern, die die Schadstoffbelastung für Menschen in unseren Breitengraden wegpendeln, Globuli für Klimagestresste verordnen oder freie Energie aus Erdstrahlen gewinnen wollen, die gegen ordentlich Kohle das Chi oder irgendeine andere Schusswunde im Bewusstsein wegbügeln und uns alle zu Frieden und Freiheit helfen, damit wir nicht mehr merken, wenn der Planet uns mit Schmackes loswerden will. Als Alternative werden alle kritischen Stimmen, die nach Transparenz rufen, für Querulanten gehalten, die uns alle in den Ökoterrorismus treiben wollen. Bis dahin werden wir regional geerntete Bierdeckel, Recycling-Rollmops mit Stochern aus kontrolliert geschnitztem Qualitätstotholz, natürliche Aromen und naturidentische Natur erdulden und irgendwann als Normalfall akzeptieren. Irgendwer klatscht da sicher ein Bio-Siegel drauf. In Grün.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CLXXV): Astroturfing

23 11 2012

Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer


Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Sie irren, alle irren sie sich, wenn sie denken, nur der Tod und die Steuern seien sicher, in welche Kategorie von Staat oder Gesellschaft man auch durch pränatale Zufallsereignisse hineingeraten sei, marktkonforme Demodiktatur, Klerikalfaschismus, kleptosome Mischformen oder die gute alte Monarchie. Nichts und gar nichts ist gleichermaßen verhasst und gefürchtet bei den einen, mit purer Gleichgültigkeit quittierst bei den anderen, wie es der Spalter jeder totalitären oder Spaßgesellschaft nur sein kann. Sie ist die öffentliche Meinung, das Schmirgelpapier am Gesäß der Machthaber, die unentschärfbare Sprengbombe, die die Hohlpfosten in Regierung und Aufsichtsrat, in Lobby und Kamarilla gleichermaßen in die Embolie treibt, denn sie ist nicht näherungsweise so gut zu berechnen wie das Konsumverhalten oder die Trendabhängigkeit. Stehen Wahlen ins Haus, käme vielleicht eine kleine Revolution zwischendurch in Betracht, wer würde da nicht gerne eine handliche Notbremse neben dem Schleudersitz griffbereit wissen? Es gibt sie, zumindest in der kindischen Welt der pseudoelitären Grützbirnen. Nichts macht sie glücklicher als Astroturfing.

Leicht gewöhnt man sich an den besonderen Service unserer geliebten Führer: sie machen sich unseren Kopf. Wo immer diese Horde von Homo-sapiens-Parodien in die Gefahr käme, sich mit Großbaustellen, Währungspolitik oder einer Gebietskörperschaftsreform den Feierabend zu versauen, schickt man ihnen die Nanny, die sie mit vorgekautem Stoff füttert. Argumentation aus vorletzter Hand kleckert in die Ohren der Masse, breiiger Beton für den Pfropf in Richtung Cortex schottet sie ab von der widrigen Wirklichkeit. Man wundert sich lediglich, warum keiner der geistig Ungesegneten merkt, wie Meinungsmacheten und Begriffseinpeitscher sich unter die Menge mischen, um sich distanzlos anzukumpeln. Dumme jubeln den Soundtrack zum Untergang nach, das Volk schreit nach der Peitsche – man hat es zu lange im Glauben gelassen, es dürfe sich aussuchen, an welcher Seite des Geräts es dereinst stehen dürfe.

Dabei haben wir das Werkzeug der Pöbling-Relation-Manager schon voll verinnerlicht und schniefen es mit jeder Waschmittelwerbung tief in die Hirnrinde rein: glückliche Menschen in einer zutiefst glücklichen Umgebung (tiefenentspannte Kühe und glückliche Zapfsäulen im Hintergrund, die Musi spielt einen volkstümlichen Junglejingle, ein Alpenpanorama wird wie zufällig um eine Tube Zahnpasta zentriert) benutzen glücklich eine beliebige Plempe im Tiegel, hernach quarren sie in die Kamera, wie authentisch sie sich fühlen, wenn sie ihre Schuhe mit dem Zeug putzen. Echte, authentische Menschen, die drittklassige Kleindarsteller, die echte, authentische Menschen spielen – wir nehmen ihnen von einem gewissen Möblierungsgrad der Kalotteninnenseite abwärts den Schmodder ab.

Weil der Bekloppte in einer Top-down-Welt lebt und früh gelernt hat, seine Wirbel knacken zu lassen, wenn der Befehl von oben quäkt. Der Hanns Guck-in-die-Luft lässt es lieber in die Nase regnen, anstatt den Wuchs der Graswurzeln auf seine Richtung und Tiefe zu kontrollieren. Sein von verbalem Gerümpel versautes Sensorium hat die Bedienungsanleitung für die Dialektik gründlich missverstanden. Er hält den Chorgesang plötzlich auftauchender Jubeltuten für reine Natur mit Schleifchen; vermutlich jault er im Knabenbass die gut abgehangenen Stimmungsschlager aus der Populismushitparade gleich mit. Deus lo vult. Und während er diesen merkwürdig verschwiemelten Zufall für keinen hält, um den sich eine dufte Verschwörungstheorie kneten ließe, so wittert er lieber bei anderen Dingen den Dunst des Skandals.

Dass der Blindgänger bei übermäßiger Claque misstrauisch wird, scheint an seiner tief im Neidzentrum eingewurzelten Beißroutine zu liegen, die immer dann zuschnappt, wenn der Beknackte in unverbindliche Larmoyanz flieht und sich in Selbstmitleid ergehen kann. Wo aber die gesteuerte Kampagne den Besuch der Logikkita zwingend voraussetzte, wird’s halt wohlig düster unterm Schädeldach. Der Hohlrabi ist es gewohnt, seine Regierung zu wählen, wie er seine Brötchen kauft: ohne erheblichen Einsatz der arteigenen Vernunft, zur Not auch gegen die eigenen Interessen, weil das Verkaufspersonal so hübsch grinst. So liest er sein Meinungssurrogat in den Kommentarspalten der Totholzzeitung, bekommt in der Repetierhandlung die Sache als eigene Denkleistung eingepoltert, bis sie nachschwatzfähig wieder rauskommt – auch dies übernimmt, da gerade biegsam beschäftigt, das Rückenmark. Edlere Teile werden nicht damit behelligt.

Es bleibt doch zu fragen, wie man auf dem eingeflogenen Teppich bleiben kann, wenn man dessen Hinterseite aus unglücklich verketteten Umständen einmal zu Gesicht bekommen sollte. Die Erfahrung lehrt zwei Dinge. Einerseits kippt jede Aktion eines Tages auf, denn sie hat einen der Behämmerten als Sollbruchstelle vorgesehen, der plappert, Papiere liegen lässt, Passwörter streut oder mit angefüllter Hose zur Gegenseite überläuft; andererseits erzeugt jede nicht gehörte Schuss einen gewaltigen Rückstoß, der die Einflüsterer von der Platte putzt. Etwas viel Aufwand, gleich die Bude abzufackeln, wenn man einen Dieb darin hört. Aber es wird sich nicht bessern, denn auf der anderen Seite sitzen dieselben Idioten. Was übrigens auch zu den Unverbrüchlichkeiten dieser an sich witzlosen Existenz gehört, wie etwa Steuern. Oder der Tod.





Pfuschikato

6 10 2010

„Fünfzig Prozent? Sie haben wohl nicht mehr alle Rillen auf der Erbse! Fünfzig Prozent mehr für Ihre Werbung?“ „Man muss halt mit der Zeit gehen, das machen heute alle so.“ „Aber doch nicht für solche Summen – das ist grotesk! Was haben Sie sich alles geleistet in Ihrem Konzern, Fernseher ohne Ton, Autos ohne Bremse, Bügeleisen ohne Handgriff…“ „Aber letztlich hat es immer irgendwie funktioniert, ich weiß gar nicht, was Sie wollen.“ „… und Sie wollen für diese Ansammlung an Stümpereien auch noch mehr Geld haben? Für Werbung? Sie haben doch nicht mehr alle Tassen im Schrank!“ „Aber die Leute mögen unsere Produkte. Ehrenwort! Es muss ihnen bloß jemand sagen.“

„Jetzt gucken Sie sich doch mal diesen Mist hier an. Eine Abfüllfabrik für Limonade.“ „Das war ja auch ein riskantes Geschäft, wir hatten nicht geahnt, dass die deutschen Kunden so anspruchsvoll wären. Die Sorten Orange und Zitrone gingen überhaupt nicht.“ „Woran lag das?“ „Wir haben eine genaue Marktanalyse anfertigen lassen, die Markentreue der Limonaden-Verbraucher aus der westdeutschen Mittelschicht ist annähernd…“ „Ach, quatschen Sie doch nicht! Die Flaschen wurden nicht ordentlich verschlossen, die Hälfte kippte auf dem Weg aus, und der Rest war eine müde Brühe, die man nicht mehr in die Läden stellen konnte. Keine einzige Flasche kam je in den Verkauf.“ „Deshalb müssen wir jetzt sehr sensibel reagieren auf den Markt, die Tremds zu neuen Sorten wie Limette-Apfel oder Maracuja-Karambole könnte sonst den Absatz…“ „Mann Gottes, wer bezahlt Sie eigentlich für einen derartigen Stuss?“ „Sie müssen die Konsumenten immer ernst nehmen. Sobald dort etwas passiert, was Sie nicht verstehen, haben Sie ein Problem.“

„Oder hier, Schuhimport. Schuhe aus China, einzeln importiert. Einzelne Schuhe!“ „Sie meinen, die Verpackungskosten wären dadurch etwa höher gewesen? Nein, wir waren da clever. Die Chinesen haben dann immer je einen Damen- und einen Herrenschuh in den Karton gepackt.“ „Und Sie Idiot verkaufen das dann auch noch so – gucken Sie sich doch den Quatsch mal an! Ein halbes Paar High Heels und einen Plüschpantoffel! Das ist doch nicht mehr normal!“ „Aber Sie müssen zugeben, dass diese Idee schon innovativ ist. Auf ihre ganz eigene Art und weise, irgendwie.“ „Papperlapapp, das ist Unsinn! Und Sie beschweren sich, dass Ihnen die Felle wegschwimmen? Haben Sie schon mal einen Gedanken daran verschwendet, dass Sie eventuell für so einen Konzern völlig ungeeignet sein könnten?“ „Der Vorstand findet, ich mache das ganz gut.“ „Der Vorstand wird Ihnen auch nichts anderes sagen, solange Sie seine Gehälter und Boni zahlen.“ „Aber irgendwas muss je geschehen.“ „Und Sie sind ernsthaft entschlossen, diesen ganze Gewurstel so weiterlaufen zu lassen?“ „Wie soll ich es denn anders machen?“ „Und jetzt wollen Sie einen Werbespot mit Filmstars?“ „Glauben Sie mir, das macht Eindruck. Vor allem bei den Banken.“

„Was soll das sein? Ein Exposé für einen TV-Spot mit dieser Hollywood-Torte?“ „Man muss das eben verkaufen. Wie die Regierung.“ „Wieso die Regierung?“ „Da wird doch auch nur Mist gebaut. Aber die verkaufen das prima.“ „Habe ich jetzt was verpasst? Was verkaufen die denn?“ „Keine Ahnung, aber sie geben auch eine Menge Geld aus. Hier, Ursula von der Leyen: 3,9 Millionen Euro für die Eigenwerbung.“ „Zeigen Sie mal – ein Drittel mehr? Wie kann das angehen?“ „Das ist so wie mit meiner Limonade: gute Idee, die aber nicht klappt, weil wir es nicht zu Ende gedacht haben, und damit wir trotzdem gut dastehen, müssen wir wenigstens schöne Etiketten auf den Sprudelflaschen kleben.“ „Und hier, das Finanzministerium will 40 Prozent mehr. Wofür?“ „Vielleicht kauft sich Schäuble mal einen neuen Rollstuhl? Oder nein, warten Sie: da muss ein Grundgesetz angeschafft werden.“ „Lassen Sie die dummen Witze! Das sind Millionen für irgendwelche Kärtchen und dumme Luftballons, und dabei sollen die doch sparen!“ „Machen die auch, aber die holen sich das bestimmt über das Sparpaket wieder rein.“

„Und hier, Verkehrsministerium: 45 Prozent mehr? Was will denn der Ramsauer mit der ganzen Kohle, hat der mit Stuttgart noch nicht genug Ärger an der Backe?“ „Natürlich, aber Sie wissen auch, wenn der auf eine Fliege tritt, dann hat er mehr Hirn unterm Schuh als im Kopf – bis auf viel Tamtam um Deutschlands Streusalzvorräte hat er nichts getan. Der ist einfach unbekannt. Und was macht ein unbekannter Politiker?“ „Sagen Sie’s mir.“ „Er sucht sich eine Gelegenheit, möglichst viel Unsinn in möglichst kurzer Zeit loszuwerden.“ „Also Werbung?“ „Genau.“

„Und hier, Bildung und Forschung – sind die deppert, die Frau will die Hälfte mehr? Ich kann das nicht glauben!“ „Ist das diese Bildungsinitiative?“ „Aber für die ist dann doch gar kein Geld mehr da!“ „Deshalb machen die auch die Werbung?“ „Damit hinterher kein Geld mehr da ist?“ „Damit sie sagen können, dass hinterher kein Geld mehr da ist.“ „Und wofür machen die dann Werbung?“ „Damit sie auch allen sagen können: ‚Wir geben hier Euer Geld aus.‘“ „Und hier, Brüderle – Niebel! Will seinen Laden abschaffen und kann jetzt gar nicht genug Werbung machen! Was ist bloß aus dieser Regierung geworden… alles ein einziger Pfusch, und das Geld ist hin.“ „Ja, es ist schlimm.“ „Sie seien mal ganz still, Sie müssen das gerade sagen!“ „Entschuldigen Sie mal, das ist eine Beleidigung!“ „Wie soll ich das denn nun verstehen?“ „Was ich auch mache: so einen Murks wie die Regierung kriege ich beim besten Willen nicht hin.“





Geliebter Führer

20 07 2010

Gödeke holte mich gerade noch ein, obwohl auch ich ziemlich rasch, nicht zu sagen im Laufschritt zur U-Bahn unterwegs war, fast zwei Minuten über der Zeit, das Telefon hatte noch mal geklingelt, der Nachbar mich aufgehalten, und als ich Gödeke aus dem Augenwinkel erblickt hatte, war ich erst recht schneller geworden. „Sie schon das Exposé“, jappte er atemlos, „wollte Ihnen das gestern schon!“ Und als wir die Kaiserallee ganz hinaufgerannt waren, hatten wir die Treppe erreicht.

Seltsame Klänge hallten aus dem Lautsprecher. „Wir sind eine fortschrittliche Partei, die den Willen hat, den Willen hat, den Willen, Willen, den Willen hat…“ „Hat die Platte einen Sprung“, mokierte ich mich, „oder was soll dieses Gedudel?“ „Hören Sie doch zu“, zischte Gödeke. „Das motiviert doch. Also es soll zumindest.“ „… Willenwillenhat, hat, das Volk, das Volk in seiner Werktätigkeit zu unterstützen, damit die Leistungsträger, die…“ Ich stopfte mir die Finger in die Ohren. „Aufhören!“ Einige Dutzend Augenpaare schauten mich an. Wo war ich nur gelandet? In einer Indoktrinationsdisco nach Breschnews Bauplan? „Gucken Sie genau hin, dann wissen Sie es.“ Ein Westerwelle hing neben dem anderen, ein Dutzend pickeliger Brüllaffen pro Kachelfront onkelten ihr schmieriges Gegrinse in den Bahnschacht. Überall der Große Vorsitzende. War ich hier bei Big Brother gelandet? Nein, dann hätte man ja den Innenminister an die Wand gestellt – eine Sache, sagte ich mir, die man so oder so mal ins Auge fassen sollte.

„Haben Sie das denn nicht schon vergangene Woche mitbekommen?“ Offenbar war Gödeke öfter mit der U-Bahn gefahren. „Natürlich, ich wohne doch gleich hier nebenan. Da ist auch die Zentrale.“ „Welche Zentrale“, fragte ich irritiert. Hatten die Irren hier ihr Quartier aufgeschlagen und wollten den Rest der Bevölkerung in den Wahnsinn treiben? „Die FDP-Parteizentrale natürlich. Hätten Sie sich auch gleich denken können, oder?“ „Wegen der Grinseguidos? Ja, hätte man.“ „Pah“, entgegnete er, „den sehen Sie doch inzwischen in jeder Talkshow. Nein, ich meine natürlich diese jungen Leute.“ Er machte eine ausladende Bewegung mit dem Arm, dort standen sie auf dem Bahnsteig, Bänkervisagen, denen man ein abwaschbares Standardlächeln angetackert hatte, Polyesteranzugträger, die sich für die Elite hielten und doch nur Befehlsempfänger waren, denen man auftrug, hässliche Krawatten mit blau-gelbem Streifenmuster um den Kragen zu krempeln. Alles biss sich wie doof auf die Zähne und lächelte krampfig in den Tunnel, als sei hier der Faschingsball einer Kiffersekte ausgebrochen.

Da rollte der Zug herein, der die restlichen Ankömmlinge bringen sollte. Die Bahn stoppte, die Türen öffneten sich zischend, eine amorphe Masse rückgratloser Duckmäuser quoll aus den Wagen auf die Plattform. Alle zusammen stellten sich, wie von einer unsichtbaren Hand geleitet, in Reihen auf und legten die Hände an die Hosennaht. Sie warfen die Beine im Takt der schmetternden Schlagermusik. Ich tippte mir an die Stirn. „Die sind doch komplett gehirngewaschen!“ „Was wollen Sie denn da groß waschen“, erwiderte Gödeke lakonisch.

Es ging los. Eine dünne Groschentrompete, in der Stimmlage Birgit Homburger nicht unähnlich, quarrte durch die Station. „Guido, wir vertrauen auf Deine große Weisheit“, fistelte der Chor der Hotel- und Erbenfinanzierungsgesellschaft, „ich fühle mich der Neuen Sozialen Marktwirtschaft, der Neuen Sozialen Marktwirtschaft, Marktmarkt…“ „Schon wieder ein Hänger?“ Gödeke schüttelte den Kopf. „Markt-Schreier. Kennen Sie doch.“

Unablässig quiekte und leierte die Schalltapete weiter. „Nein, Gödeke, jetzt mal ernsthaft. Sie können mir doch nicht erzählen, dass sich die FDP eine U-Bahn-Haltestelle mietet, um eine derart blöde Selbstbeweihräucherungsshow abzuziehen. Das glaubt Ihnen nicht mal die Presse.“ Er lächelte. „So ist es ja nicht. Das ist Geschlossenheitstraining für die Parteimitarbeiter.“ Ich riss die Augen auf. „Geschlossenheitstraining? Wollen die rausfinden, ob sie noch ganz dicht sind?“ Gödeke brach in schallendes Gelächter aus. „Ach Gott, nein! Sie wollen das ständige parteiinterne Gezänk von der Backe kriegen. Eine Disziplinierungsmaßnahme, mehr nicht. Allerdings zugegebenermaßen eine reichlich perfide.“ Ich schaute mich auf dem Bahnsteig um; Westerwelle-Plakate, Westerwelle als Handzettel und Fähnchen, Westerwelle in Zeitungsseiten am Kiosk. Wer sich das ausgedacht hatte, muss sehr verzweifelt gewesen sein. Schon wieder plörrte die Musik los, diesmal in Gestalt einer pathetischen Hymne. „Voran, voran, in den Sieg der Partei!“ Dieser fernöstliche Sound ließ mich aufhorchen. „China?“ „Fast“, nickte Gödeke. „Westerwelle hatte vor ein paar Wochen Kontakt mit Nordkorea, und diese Inszenierung muss ihm wohl sehr gefallen haben.“ „Voran, voran, die Partei hat immer den richtigen Weg!“ Ich verzog das Gesicht. „Dass die das mitmachen! Westerwelle würde doch einen Wutausbruch bekommen bei diesem sozialistischen Einheitskram!“ Er runzelte die Stirn. „Als wäre der Mann jemals konsequent gewesen – haben Sie jetzt etwa mehr Netto?“ Ich verneinte. „Eben. Die Arschkriecher wissen jetzt wieder, wer das Sagen hat.“ „Unser großer Führer, der ruhmreiche Guido, Geliebter Führer, mach uns fünf Prozent, mach ein Wunder, ein Wunder, mach fünf Prozent!“ Die U-Bahn aus der Gegenrichtung klappte die Türen zu. „Zurücktreten“, knarrte es blechern aus den Lautsprechern. „Zurücktreten!“ Gödeke war zufrieden. „Mal bloß gut, dass sie noch dies bisschen Realitätssinn behalten haben.“





Jubelperser

10 09 2009

Am Empfang saß eine sehr diskrete Dame, die mich über den Rand ihrer Brille musterte wie ein Stück Vieh. „Sie sind möglicherweise nicht unser Typ“, teilte sie mir mit gezwungener Freundlichkeit mit, „aber wenn Sie durchaus darauf bestehen, werde ich sehen, was sich machen lässt.“ „Lassen Sie nur, Frau Blümlein“, beeilte sich der Mann im korrekten Anzug, der plötzlich hinter ihr wie aus dem Parkettboden gewachsen stand, „der Herr ist nicht wegen einer Bewerbung gekommen.“ Das betretene Blümlein inspizierte gewissenhaft ihren Nagellack, während er mir die Hand gab. „Philipp Brausekopf, sehr angenehm. Sie kommen auf Empfehlung von Seyboldt, nehme ich an?“ Das entsprach den Tatsachen; Seyboldt ist rechthaberisch, ein notorischer Besserwisser, von stinkender Arroganz, ungebildet, penetrant wie ein Staubsaugervertreter und vor allem charakterlos, kurz: ich hatte nie einen besseren PR-Berater kennen gelernt.

„Möchten Sie schon etwas fest buchen“, fragte Brausekopf mich im Aufzug, „oder wollen Sie sich lieber vorab einen Überblick über unseren Vorrat verschaffen?“ Ich wollte erst einmal sehen, denn so ganz klar war mir nicht, was in diesem Laden so getrieben würde. „Wir haben ein ausgeklügeltes Suchraster, das wir ganz genau an Ihre Bedürfnisse anpassen können. Jederzeit das richtige Personal, ist das nicht wundervoll?“ „Also sind Sie eine Agentur für Zeitarbeit?“ Er schüttelte den Kopf. „Nein, wir haben hier nur freie Mitarbeiter, die jeweils für einen Event gebucht werden können. Sie versorgen uns mit Ihren jeweiligen Vorgaben, der Computer erledigt den Rest – Sie sind mit dem Personal People Pool allzeit gut beraten. Darf ich Ihnen einmal unsere Datenbank zeigen?“ Und er führte mich in einen Büroraum, in dem ein Rechner stand. „Nehmen Sie Platz.“

Endlose Reihen von Namen, Daten, Auswahl- und Eingabeboxen scrollten den Bildschirm herab. „Nehmen wir einmal an, Sie wollen einen Betrieb besichtigen. Die Presse soll natürlich dabei sein, das Fernsehen, es wird fotografiert, möglicherweise filmt jemand das und stellt es hinterher ins Internet. Sie sehen, es gibt einige Dinge zu bedenken. Was brauchen Sie nun?“ „Einen PR-Manager?“, fragte ich unsicher. „Viel einfacher“, lächelte Brausekopf, „zunächst einmal brauchen Sie die richtige Staffage und das perfekte Personal. Sie wählen aus, wer für Ihr PR-Ereignis gebraucht wird, Sie inszenieren die ganze Sache, und wir schicken Ihnen die Leute.“ „Ich komme also als Politiker zu Ihnen und ordere dann ein paar Arbeitergesichter? Wäre es nicht viel einfacher, gleich die Belegschaft der Firma zu nehmen?“ „Sie missverstehen. Es geht hier nicht einfach nur um Gesichter – schauen Sie sich die Suchmaske an. Wir sortieren nicht nur nach Alter, Geschlecht, Haarfarbe, wir haben eine Fülle von Kriterien.“ Er gab ein paar Zahlen ein, drückte eine Taste, und die Datenbank spuckte eine Reihe von Kandidaten aus. „Kleinwüchsige. Keiner größer als einen Meter dreißig. Hätte Sarkozy uns damit beauftragt, er hätte lauter Hutzelzwerge um sich herum gehabt. Auch die Hausfrauen, die das Unterrichtsministerium zum Lügen in den Supermarkt geschickt hatte, hätten wir liefern können: ein Dutzend Damen mit Dyskalkulie hätten sofort und glaubwürdig bestätigt, dass bei einer Preissteigerung von hundert Prozent alles billiger wird. Voilà!“ Und der Rechner ließ eine Liste sehr kleiner Französinnen mit Rechenschwäche vom Stapel.

„Sie lehren also die Bilder lügen“, sagte ich trocken. „Aber woher denn? Schauen Sie, wenn diese Frauen das sagen, ist es doch vollkommen korrekt. Wenn ich einen Blinden befrage und er mir sagt, er könne keinen Unterschied sehen, ist das dann gelogen? Na?“

„Machen wir es kurz, Brausekopf“, antwortete ich, „Sie vermieten Jubelperser. Sie organisieren das Hintergrundrauschen, das die Manipulation erst ermöglicht.“ „Das müssen Sie doch verstehen!“ Er war offensichtlich gekränkt. „Man braucht doch Publikum, um eine Öffentlichkeit darzustellen – soll denn der Bürger glauben, dass sich alles nur hinter verschlossenen Türen abspielt? Sehen Sie mal.“ Wieder tippte er an der Suchmaske herum. „Rentner, politische Orientierung, so, und jetzt noch den beglaubigten Intelligenzquotienten… na? Frau von der Leyen ist immer sehr zufrieden, wenn wir ihren Wahlkampf beschicken.“ Ich schwieg. „Na, wir drehen mal da noch ein bisschen am IQ, dann nehmen wir mal das Alter raus… so, hier können wir vielleicht noch ein bisschen Vorstrafenregister reinnehmen…“ Er geriet regelrecht ins Schwärmen. „Jede Menge Vollidioten. Die ideale Kulisse für einen NPD-Parteitag.“

„Fassen wir es zusammen, Herr Brausekopf: Sie basteln hier etwas zusammen, das für die Realität gehalten wird und nicht ist.“ „Papperlapapp“, fiel er mir ins Wort, „was glauben Sie eigentlich, warum sich der Kohl damals immer zwischen Blüm und den Grafen Lambsdorff gestellt hat, wenn die Fotografen kamen? Denken Sie, das ist neu?“ „Und woher haben Sie die ganzen Daten? Das muss ja ein enormer logistischer Aufwand sein, Tausende in diese Datenbank aufzunehmen und die Daten dann zu pflegen?“ „Nun ja“, druckste er, „wir arbeiten ja eng mit der Wirtschaft zusammen.“ Mit der Wirtschaft? „Schauen Sie, wenn die Deutsche Bahn AG jemanden schon mal zufällig ins Visier genommen haben sollte…“





Kreuzweise

23 07 2009

Möllenbaum seufzte. Er hatte seit drei Tagen nicht richtig geschlafen. Zum Wochenende musste jedoch unbedingt noch die neue PR-Kampagne raus. Sein Rücken schmerzte. Verspannt hockte er auf dem Stuhl, schusterte aus Versatzstücken eine Serie von Aufklärungsbeiträgen zusammen und ging endlich dazu über, eine alte Artikelfolge aus dem Archiv mit der Textverarbeitung aufzuhübschen: überall, wo zehn Jahre zuvor Tee als Allheilmittel gegen Husten, Krebs, Pest und sinkende Manneskraft beworben wurde, diente die wissenschaftliche Untersuchung nun Kaffee an. Mit glasigen Augen klappte Möllenbaum den Ordner zu und schickte sein Elaborat an die angeschlossenen Redaktionen. Gleich am nächsten Tag würden Apotheken-, Bäcker- und Frauenzeitschriften, politische und Lifestylemagazine, Tages- und Wochenzeitungen, Film, Funk, Fernsehen und Internet der braunen Bohne Lobpreis singen. Es war vollbracht.

Gleich am nächsten Tag überraschte allerdings die synchron in mehreren Blättern erscheinende Schlagzeile Schnaps – besser als sein Ruf das Publikum. Schon im Jugendalter, dozierte eine Immunologin im Morgenmagazin, sei gegen täglichen Verzehr von Korn und Wodka nicht viel einzuwenden. Selbst sporadisches Komasaufen sei nach neuesten medizinischen Erkenntnissen weit weniger gefährlich, als man bisher befürchtet hatte. Von alledem bekam Möllenbaum nichts mit. Er schnarchte. Nicht einmal im Traum hätte er geahnt, dass er irrtümlich die Reste der bestellten Kampagne gegen Alkohol in der Zwischenablage gelassen und ahnungslos in Dutzende von Artikeln eingeklebt hatte.

Schon am Nachmittag äußerte sich ein CSU-Abgeordneter anlässlich der Aktuellen Stunde, das Jugendschutzgesetz mit sofortiger Wirkung zu lockern, ja stellenweise abzuschaffen. Man könne doch nicht ruhigen Gewissens Heranwachsenden eine Maß verbieten, wenn sie auf der anderen Seite mit Großkalibermunition schießen dürften. Die Debatte wurde turbulent, als Ursula von der Leyen zu einer Discounter-Kontrolle durch minderjährige Testkäufer aufrief; wer Kindern – immer jüngeren, wie die Ministerin betonte – auf brutale Art und Weise – und zwar immer brutaler, wie die Ministerin zu betonen nicht müde wurde – den artgerechten Zugang zu Alkoholika verwehrte, müsse mit erheblichen Zugangserschwerungen zum Binnenmarkt rechnen.

Am Abend flimmerte die hastig produzierte Folge einer Krankenhausserie durch das Programm des Öffentlich-Rechtlichen Fernsehens. Der Onkel Doktor empfahl dem Patienten, den Leberkrebs mit Rakı zu bekämpfen. Während sich Chefarzt und Oberschwester flaschenweise Marillenbrand in die Birne gossen, glühte der Herzchirurg mit Sliwowitz vor; die Anästhesistin hatte bereits den Enzian für die Narkose weggeschnasselt, so dass der auf seine Transplantation wartende Rentner alleine und verzweifelt Trost suchte in absurden Mengen von Marc und Eierlikör mit Grappa.

Sabine Bätzing tobte. Die Drogenbeauftragte war nicht mehr beruhigen. Sie forderte den ARD-Intendanten auf, die Serie sofort zu stoppen. Doch man zeigte sich hart. Medien seien frei, man habe nichts verfassungsrechtlich Bedenkliches gezeigt, ansonsten verwies die Sendeleitung auf die jüngst von der CDU gestartete Maßnahme Wässer für Deutschland, die den Kirsch aus einheimischer Produktion empfahl. Es ging um Arbeitsplätze. Verschämt kichernd gestand die Kanzlerin, täglich zum Frühstück ein Gläschen Zitronenlikör zu nippen, da die Säure ihr ein angenehm griesgrämiges Gesicht zaubere.

Erste Proteste folgten. Einerseits beschwerte sich ein Hersteller von Milchmischgetränken aus dem süddeutschen Raum, dass seine Erzeugnisse nicht ausreichend in den Publikumszeitschriften vertreten seien; schließlich habe man recht happige Summen für das Gutachten überwiesen, dass ausschließlich Schoko-Nuss-Shakes zur Malaria-Prophylaxe geeignet seien. Andererseits schlug die Pharmabranche Krach. Medikamente seien als Suchtmittel durch nichts zu ersetzen, betonte der Verbandssprecher. Mit einer Pulle Wein zwischen den Mahlzeiten sei das eben nicht getan.

So wunderte es auch keinen, dass Hademar Bankhofer seinen Melissengeist inzwischen als Bandenwerbung im Gesundheitsmagazin installiert hatte. Der Promoter hielt tapfer das Gebräu in die Kamera. Niemand nahm Anstoß daran. Nach dem Abspann stießen die Fernsehleute damit an.

Zunächst fiel es der Redakteurin schwer, die Masse an Leserbriefen zu beantworten, die das Titelthema der Modezeitschrift mit Spirituosen ausgekleidet hatte, obzwar es als Anti-Aging-Artikel angekündigt war. Man grübelte. Bei hochprozentigen Werbegeschenken glühte dem Team schließlich das Lämpchen: wer säuft, wird nicht alt. Die Logik war gerettet.

Eine neue Woche begann. Die gesundheitliche Vorsorge und Kommunikation in Deutschland wollte gefördert sein. Noch immer spürte Möllenbaum ein Reißen in den Schultern. Sollte er sich für eine Woche krankschreiben lassen? Unter Ächzen und Klagen machte er sich auf ins Büro. Die Nation musste gewarnt werden vor den verheerenden Folgen des Cannabisrauchens. Mechanisch öffnete Möllenbaum Briefumschläge und legte sie auf den großen Stapel, dorthin, wo schon längst die Sache mit den Milchgetränken auf Erledigung wartete.