Eintritt unfrei

13 12 2011

„Du kommst hier net rein!“ Der Muskelmann mit der dunklen Sonnenbrille schob sein Kinn drohend nach vorne. „Das ist mir vollkommen egal“, gab ich zurück, „ich habe gleich einen Termin bei Doktor Weinreich, und Sie lassen mich jetzt auf der Stelle durch.“ Das schien ihn jedoch nicht weiter zu kümmern; er musterte mich abschätzig und zischte: „’schmach Disch platt, Du kommst hier net rein!“

„Sie hätten gerne auch etwas weniger impulsiv reagieren können“, tadelte Doktor Weinreich, „der arme Mann muss ja in die Notaufnahme.“ „Falls es Sie interessiert: es ist nicht mein Unterkiefer“, antwortete Anne kühl. „Sollte einer Ihrer Gorillas mich nochmals ohne Erlaubnis anfassen, dann werden Sie das den Hinterbliebenen erklären.“ Der Patentanwalt zerfloss in Selbstmitleid. „Was soll ich denn machen, die Türsteher sind kostenlos! Und die Partei stellt sie mir auf Wunsch jederzeit zur Verfügung, da kann ich doch nicht ablehnen?“ „Können schon“, schaltete ich mich ein. „Diese Aktion war ja ursprünglich nur für Ärzte gedacht und nicht für alles, was einen Onkel Doktor auf dem Türschild hat, wenn er denn echt…“ „Kein Wort“, keuchte Weinreich, „kein Wort – ich kann mir jetzt keinen Skandal leisten! Außerdem hatte ich nicht genau gelesen, worum es da ging.“

„Großartig“, knurrte Anne. „Das ist jetzt der zweite Fall. Kannst Du mir bitte mal sagen, warum sie mich beim Gemüsehändler nicht reingelassen haben?“ Ich überlegte einen Augenblick. „Du hast kein Rezept vorweisen können?“ „Wieso denn ein Rezept“, fragte sie entgeistert. „Weil es beim Arzt jetzt ja auch jedes Mal fünf Euro kostet, und da haben sie sich wohl gedacht…“ Sie verzog das Gesicht. „Ich will von diesem Unsinn nichts mehr wissen. Weck mich, wenn es vorbei ist.“

Wir waren nicht alleine. Doktor Klengel ließ sich auf dem Wochenmarkt ein Pfund Äpfel abwiegen. „Wenigstens braucht man hier keinen Eintritt zu bezahlen“, stöhnte der Allgemeinarzt. „Bei mir haben sie ja vor der Tür herumgelungert, obwohl ich sie gar nicht bestellt hatte. Vermutlich ging es ihn nur um die fünf Euro pro Person, die sie aus meiner Praxis rausschmeißen können. Und ich sitze dann den ganzen Tag ohne einen einzigen Patienten da.“ „Moment“, mischte sich Anne ein. „Die kassieren fünf Euro, obwohl sie einen Patienten überhaupt nicht in die Praxis lassen?“ „Aber natürlich“, erklärte Klengel mit schiefem Lächeln. „Das ist doch die übliche Politik dieser, naja, nennen wir’s mal spaßeshalber Regierung. Es funktioniert wie dies ominöse Betreuungsgeld: Sie bekommen es ausgezahlt, wenn Sie es nicht brauchen, weil Sie das Angebot nicht in Anspruch nehmen.“

Allein wir blieben ohne Erfolg. Weder in die Buchhandlung noch ins Schuhgeschäft ließ man uns vor, letzteres sehr zum Ärger von Anne, die wenigstens gehofft hatte, dass die Liberalen etwas für den Einzelhandel in die Waagschale werfen würden. „Das ist leider nicht möglich“, jammerte die Verkäuferin durch den Türspalt, während der Bulle davor drohend seine Fäuste schüttelte und sie zum Schweigen ermahnte. „Wir sind nur ein mittelständisches Unternehmen. Wären wir ein Mischkonzern mit einem Vorstand, der im Schnitt fünf Jahre Knast gekriegt hat und aus chronischer Unlust lieber auf freiem Fuß bleibt, dann sähe die Sache gleich ganz anders aus.“ „Man müsste diese Besuche doch reduzieren können“, überlegte ich. „Versetzen wir uns doch mal in die Regierung – sie gehen vermutlich davon aus, dass ein Besuch pro Jahr ausreicht, und dann kann man das stufenweise noch weiter reduzieren.“ „Sie erwarten von mir, dass ich bereits im Januar weiß, dass ich mir im Sommer einen Sonnenbrand hole und im Herbst den Fuß verstauche?“ Anne schüttelte den Kopf. „Wenn man das konsequent weiterdenkt, sind wir irgendwann so weit, dass Säuglinge sich ihre Vorsorgeuntersuchungen für Senioren zusammen mit den ersten Impfungen abholen und nur noch kostenfrei zum Zahnarzt kommen, wenn sie noch keine Zähne haben.“ „Du hast es verstanden“, nickte ich. „Das ist ungefähr das intellektuelle Niveau des Bundeskabinetts.“ Anne runzelte die Stirn. „Und wie verdienen dann Ärzte überhaupt noch etwas?“ Ich lächelte nachsichtig. „Wozu gibt es denn schließlich chronisch Kranke?“

„Sie kommen hier nicht rein!“ Mandy Schwidarski hing aus dem Fenster der Agentur Trends & Friends; unten dräute der Türwärter. „Ich habe alles probiert“, rief sie, „aber die lassen nicht mit sich reden. Wir mussten uns ja selbst schon vom Nachbargrundstück übers Dach abseilen, um überhaupt in unsere Büros zu kommen.“ „Sie machen es gründlich“, schimpfte Anne. „Es ist vollkommen sinnlos, aber sie machen es wenigstens gründlich.“ „Was willst Du hier“, bellte inzwischen der Idiot an der Tür. „Du kommst hier net rein!“ „Ich stehe hier so lange, wie es mir passt.“ Er guckte mich stumpfsinnig an. Da hatte ich eine Idee. „Wir wollten doch eigentlich nur ein paar Urlaubsbilder ansehen“, fragte ich Anne. Sie nickte. „Und ich komme wegen der Tipps aus der Reiseredaktion – man will ja nicht unbedingt da Urlaub machen, wo der Chef hinfliegt.“ „Perfekt“, grinste ich und klatschte in die Hände. „Wir sind also nicht geschäftlich hier. He, Fettwanst!“ Der Trottel vor der Tür blähte die Nüstern. „Weg da, wir sind privat hier!“ Eilfertig riss er die Tür auf. „Privatpatienten“, stammelte er. „Hier entlang, die Herrschaften!“ Anne würdigte ihn keines Blickes. Ich schnalzte mit der Zunge. „Hervorragend! Und nachher gehen wir noch mal zum Gemüsehändler. Auf eigene Rechnung, versteht sich.“





Ärzte ohne Grenzen

13 05 2009

Die Fälle häuften sich. Der Hartmannbund ließ die Alarmglocken läuten. Die niedergelassenen Ärzte in Deutschland standen – so war einer objektiven Selbsteinschätzung ihrer Lage zu entnehmen – kurz vor dem Zusammenbruch. Zwar wurde keiner von ihnen mit Symptomen eines drohenden Burnout in der Praxis eines Standeskollegen vorstellig, auch Belege für die Existenz von Hungerödemen waren bislang nicht auffindbar. Leonhard Hansen, der Chef der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein, plädierte dafür, die Praxisgebühr deutlich zu erhöhen. Eine Verschärfung der Maßnahmen sei dringend nötig, um die Mediziner in Deutschland vor dem Ruin zu erretten. Nicht mehr zehn Euro pro Quartal, zehn Euro pro Arztbesuch seien zu entrichten, sonst sei an wirtschaftliches Arbeiten nicht mehr zu denken.

Der Marburger Bund äußerte sich nicht. Dies mag daran gelegen haben, dass der zuständige Arzt, ein Unfallchirurg an einem Universitätsklinikum in Süddeutschland, nach zwei 72-Stunden-Schichten in Folge einfach vergaß, die E-Mail zu beantworten. Der Verband stand in der Kritik sowie kurz davor, von der Lobbyliste des Deutschen Bundestags zu fliegen. So viel Pflichtvergessenheit ging zu weit.

Unvorsichtigerweise hatte ein Jungmitglied des Medizinerclubs in einer Podiumsdiskussion die Meinung geäußert, man könne durch Leistungs-, notfalls durch Effizienzsteigerung einen besseren Praxisbetrieb herbeiführen. Der Saal schrie ihn mit der Parole Mehr Geld für weniger Arbeit von der Bühne. Zu seinem Glück befanden sich genug Ärzte unter den Anwesenden, um die offenen Knochenbrüche zu versorgen.

Ein erstes Opfer der Auseinandersetzung war Harald Klöbenstöcker. Der bei seinen Fachkollegen beliebte Gynäkologe wurde dabei ertappt, wie er am Quartalsende heimlich Krankenblätter sortierte, statt wie vereinbart zum Golfturnier zu erscheinen. Klöbenstöcker wurde regelrecht zu Tode gehetzt. Er hielt dem Druck, der auf ihm lastete, nicht lange stand. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung bedauerte, dass seine Zulassung entzogen werden musste. Der Geburtshelfer musste den Zweitferrari binnen Jahresfrist veräußern. Er begann, sein Kokain mit Puderzucker zu strecken. Seine minderjährige Geliebte seilte sich ab, so dass seine Frau schließlich die Scheidung zurückzog. Man fand ihn leblos in seiner Jagdhütte.

Hansen hielt eine ergreifende Trauerrede. Er forderte zügige Konsequenzen. Die Hemmschwelle, ärztliche Leistungen in Anspruch zu nehmen, sei immer noch zu niedrig. Dies müsse sich ändern.

Der Fall eines Allgemeinmediziners blieb indes unklar. Nicht der Fall von der Dachterrasse seines Penthouses stand in Zweifel, die Motive lagen noch im Dunklen. Hatte der junge Doktor Heimann die Geburt seiner ersten Tochter nicht verkraftet? War es der Lotto-Jackpot gewesen, der ihn nervlich anspannte? Immerhin hatte er eine Kassenpatientin noch am selben Vormittag in den Behandlungsraum gebeten, und das bereits zum dritten Mal in diesem Monat. Ihr Meniskus bereitete ihm Sorgen. Ein klarer Fall von Überarbeitung, schloss Hansen. Der Suizid war ein Warnsignal gewesen – Versicherte seien sich nach wie vor nicht der Tatsache bewusst, dass ihre ständigen Arztbesuche eine massive Berufsstörung darstellten, die nichts als Kosten verursacht. „Wenn die Arztbesuche auf die notwendigen Fälle reduziert werden könnten“, philosophierte der Medizinmann, „wird es auch weniger Wartelisten geben.“

Die von der EU-Wettbewerbskommissarin angeregte und auch finanzierte Studienreise der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg nach Island war zunächst von den Mitgliedern rege angenommen worden. Eine Woche Baden in heißen Quellen, Verkostung von Stockfischspezialitäten, ein Live-Konzert des Isländischen Streichoktetts im Medizinmuseum Nesstofa, das Rahmenprogramm versprach schöne Tage an den nordatlantischen Gestaden. Doch was als heiterer Betriebsausflug in den malerischen Inselstaat geplant war, entpuppte sich als Höllenfahrt. Reykjavík zeigte sich von seiner schönsten Seite. Schon am zweiten Tag ging der erste Studienfahrer – im Zivilberuf Urologe aus dem Saarland – zum Arzt. Das leichte Halskratzen, das er verspürte, mag an der trockenen Heizungsluft gelegen haben, denn er weigerte sich, die Fenster seines Hotelzimmers auch nur einen Spalt weit zu öffnen. Þorfinnur Vilhjálmsson, seines Zeichens Hausarzt in der Hauptstadt, nahm sich einen ganzen Vormittag Zeit für eine eingehende Untersuchung. Er empfahl als Therapie frische Luft, Halsbonbons und die baldige Abreise.

So kam am Ende doch heraus, was die Kassenärztliche Vereinigung ihren Mitgliedern um jeden Preis zu verschweigen versucht hatte: die Isländer hatten längst vor der medizinischen Überversorgung kapituliert. Vereinzelt gab es noch ein Ausweichen in die Masse, das die Skandinavier zur höchsten Blüte getrieben hätten – statt zehn Patienten in der Stunde zu verarzten, kurierten die Heiler nun die Hälfte mit dem doppelten Aufwand und natürlich zu doppelten Kosten, ganz wie in Deutschland – denn auch hier krankte das Gesundheitswesen am Patientenmangel, auch hier dokterte die Wirtschaft den Krankenstand auf ein immer tieferes Niveau. Zehn Prozent der Ärzte waren bereits auf staatliche Fürsorgeleistungen angewiesen, da ihre Einkünfte den Sozialhilfesatz unterschritten. Fast ebenso viele fanden sich auf pragmatische Weise damit ab, eröffneten erst gar keine Praxen und verdienten ihren Lebensunterhalt als Taxifahrer, Fischer oder Landwirt. Immerhin hatten diese Berufe bei ihren Landsleuten ein hohes Ansehen, was man von der Medizinertätigkeit nicht gerade behaupten konnte; das Sozialprestige der Halbgötter in Weiß zeichnete sich dadurch aus, dass es nicht vorhanden war.

Zahlreiche Mitglieder der Reisegruppe erlitten ad hoc posttraumatische Belastungsstörungen. Eine Kardiologin ereilte der Infarkt. Ein Dermatologe bekam nervös bedingten Hautausschlag. Schwere Depressionen bemächtigten sich zweier Orthopäden aus Erlangen. Angeschlagen kehrten sie zurück. Sie blieben dauerhaft berufsunfähig. Es ist bis heute unklar, wann sie wieder einer geregelten Tätigkeit nachgehen werden. Als Mitglieder der gesetzlichen Krankenversicherung war es ihnen bisher nicht gelungen, einen Termin zur Erstuntersuchung zu erhalten. AOK-Schmarotzer, so die Kassenärztliche Bundesvereinigung, dürfen auch weiterhin warten. Bis der Arzt kommt.