Auf eigene Gefahr

9 10 2018

„Wenn die Journalisten das wollen, dann machen wir das. Schließlich haben wir in Deutschland eine verfassungsmäßig garantierte Pressefreiheit, die wir als Polizei auch mit verteidigen. Deshalb geht ein Polizeischutz für Journalisten mit uns auch völlig in Ordnung.

Wir sind natürlich nicht nur Ansprechpartner für die Berichterstatter, wir schützen sie aktiv vor Ort. Das wird für die Damen und Herren jetzt etwas ungewohnt sein, dass wir sie dann zur Vorsicht in unsere Kampfmontur mit Helm und Protektoren stecken – Selbstschutz geht immer vor, das sollte ihnen geläufig sein – und dass sie nur noch an ihrer Uniform als Pressemitarbeiter erkennbar sind. Ist ja klar, sonst könnte man sie auf einer Demo für Polizei halten und sie versehentlich zum Einsatz abkommandieren. Will ja auch keiner.

Das Konzept des eingebetteten Journalismus ist ja nun auch nicht mehr ganz so neu, in bisherigen Kriegssituationen hat das immer gut funktioniert. Man kommt direkt mit an die Front, hat immer sehr gute Bilder, alle Informationen aus erster Hand, in der Regel können Sie als Journalist eine Aktion auch schon vorher ungefähr abschätzen und müssen im Grunde nur noch raus, ein bisschen filmen, dann schneiden Sie Ihren Beitrag zusammen, fertig. Für die Berichterstattung ist das ein enormer Vorteil, das bedeutet für uns zum Beispiel, dass wir für authentisches Material bei politisch brisanten Veranstaltungen nicht mehr auf Linksradikale angewiesen sind, sondern einfach Medienfuzzis in die Schusslinie stellen und sie ihre Arbeit machen lassen.

Sie müssen dann natürlich vorsichtig sein, wenn Sie teure Geräte mitnehmen. In einer Hundertschaft Polizei, die gerade von besorgten Musikfreunden mit Flaschen und Steinen beworfen wird, ist so ein Stativ nicht gerade besonders einfach zu handhaben und könnte in einigen Fällen von uns auch schon mal verboten werden, weil es die Polizisten in einer Gefechtssituation gefährdet. Wenn wir für die Sicherheit der Journalisten verantwortlich sind, dann müssen wir den Auftrag auch ernstnehmen, das geht dann eben einmal nicht ohne technische Einschränkungen. Auf der anderen Seite sind Sie immer ganz vorne mit dabei, und die Zeiten, wo man Sie attackiert, weil Sie für so ein kritisches Scheißblatt schreiben, das die Kirche verstaatlichen will und fleischfreie Kantinen fordert, die sind dann vorbei. Also ich könnte damit leben.

Nein, das haben Sie falsch verstanden. So geht das natürlich nicht, dass Sie Ihren Polizeischutz anfordern wie bei einer Demonstration, das ist nicht unsere Aufgabe. Dann müssen wir als Polizisten am Ende Journalisten schützen vor linken Chaoten und Hausbesetzern, die Autos in Brand stecken und die Presse am besten auch gleich. Das heißt ja, wir müssen Sie vor denen schützen, die wir aber aus ganz anderen Gründen unschädlich machen wollen. Das ist polizeirechtlich nicht so einfach, wie Sie sich das vorstellen. Wenn Sie schon eingebettete Berichterstattung haben wollen, dann halten Sie sich einfach an unser aktuelles Angebot, das wir den Medienvertretern machen. Da ist immer wieder etwas dabei, Schweigemarsch für das deutsche Reh, Aktionärsversammlungen, wenn Sie in Dresden arbeiten oder in Chemnitz, dann sollte jede Woche ein bunter Strauß volkstümlicher Kundgebungen darunter sein – was man als Polizei halt so macht. Und wir garantieren Ihnen, es wird nicht langweilig mit uns.

Wir wollen ja auch nicht, dass Journalisten das Fehlverhalten unbeteiligter Bürger provozieren, und so eine Kamera kann man durchaus als Provokation verstehen. Es kann doch nicht Aufgabe der Polizei sein, dass wir Bürger, die sich einfach nicht filmen lassen wollen, mit Gewaltmaßnahmen davon abhalten müssen, ihre persönliche Meinung auf physische Art auszudrücken. Außerdem haben wir Einsatzkräfte meistens auch einen geschulten Blick dafür, wer beispielsweise aus den übergeordneten Behörden kommt und den einen oder anderen Hitlergruß in Ausübung seines Berufs zeigt. Wenn Sie da als Journalist draufhalten, fliegt die Tarnung möglicherweise auf, und das kann ja nicht Sinn der Übung sein.

Und Sie müssen auch berücksichtigen, dass wir dann als Schutztruppe immer direkt bei Ihnen sind. Wenn Sie also mal ein polizeikritisches Interview führen wollen – noch haben wir ja Pressefreiheit, das dürfen Sie jederzeit versuchen – dann machen Sie das auf eigene Gefahr, und Sie müssen sich darüber im Klaren sein, dass Sie neben einem Polizisten stehen. Oder der Polizist steht halt neben Ihnen. Lässt sich nicht vermeiden.

Das Beste ist sowieso immer, wenn Sie eine Armlänge Sicherheitsabstand halten. Und dann vertrauen Sie einfach darauf, dass die Polizei das Richtige tut. Eigenmächtigkeiten können wir in diesem Zusammenhang nicht dulden, dann müssen Sie leider auf unseren Schutz verzichten. Wenn Sie da einzelne Demonstranten ins Visier nehmen oder nicht sicher sind, ob es sich wirklich lohnt, eine Hetzjagd zu filmen, obwohl wir die noch gar nicht als solche eingeordnet haben, dann ist das sicher nicht sehr hilfreich. Und wir sind als Polizisten auch den Demonstrierenden verpflichtet, das sind ja schließlich auch Menschen, die einen Anspruch auf Durchsetzung ihrer Grundrechte haben. Wenn Sie sich damit arrangieren können, dann sollte Ihrer Berichterstattung über die letzten Tage der Demokratie in Deutschland eigentlich nichts mehr im Wege stehen.“

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Gehorsames Vorauseilen

24 04 2016

für Robert Gernhardt

Hier stünde an sich ein Gedicht,
ein kritisches, doch steht’s hier nicht,
weil alles, das wahrscheinlich schmäht,
hier schon aus Vorsicht gar nicht steht,
damit kein Arschloch vor Gericht
was sagen kann. Drum steht’s hier nicht.





Kosten vor Anschlag

11 05 2015

„Wir sind auf alle Eventualitäten eingerichtet. Das sind wir unseren Kunden nun mal schuldig. Als Geheimdienst tragen wir Verantwortung für das gesamte Vaterland und seine Belange. Nicht nur für die Wirtschaft. Wir sind ja nicht die Bundeswehr.

Großes Paket, kleines Paket, wissen Sie: wir bieten individuelle Dienstleistungen an. Was nicht passt, wird halt passend gemacht. Da ist man dann auch mal ganz pragmatisch und rennt nicht immer mit dem Grundgesetz unterm Arm herum. Richtig, Herr Minister. Das würde auch ganz schön stören, vor allem beim Schießen. Aber mal Scherz beiseite, als Verfechter marktkonformer Herrschaftsformen wissen wir natürlich sehr gut, wo man ansetzen muss, damit wieder Ruhe und Ordnung in diesem Land einkehren. Und man macht nebenbei auch noch einen schnellen Euro. Umsonst ist ja nicht mal der Tod.

Sie müssen jetzt nicht gleich denken, dass wir nur mit brutalen Methoden arbeiten. Wir machen das ganz subtil. Da fliegt erstmal nur das Auto in die Luft oder die Gattin wird aus Versehen im Supermarkt am Samstagnachmittag im Kühlraum vergessen. So Sachen halt. Und wir sprechen auch alles immer mit den Auftraggebern ab, wenigstens in Grundzügen. Falls uns plötzlich eine gute Idee kommt oder sich eine günstige Gelegenheit ergibt, dann wird selbstredend weiterhin improvisiert.

Wir sind wirklich offen für alle Aufträge, Herr Bundesminister. Wirklich. Sogar jetzt bei Siemens, und das ist ja echt eine harte Nuss. Normalerweise ist uns ja der Schutz der deutschen Wirtschaft ein Herzensanliegen, aber wenn dieser komische Laden jetzt selbst der Meinung ist, die Bundesregierung angreifen zu müssen, ja Gott – dann entscheidet sich eben der eine oder andere Siemens-Vorstand mal spontan zum Schienensuizid. Soll alles schon vorgekommen sein. Oder hier, Airbus. Wer weiß, ob die nicht mal alle Lust auf einen Rundflug über den französischen Alpen bekommen.

Wir rechnen transparent ab. Sie bekommen den Kostenvoranschlag – Kosten vor Anschlag, der ist gut! köstlich, Herr Bundesminister! – immer am Wochenanfang, und dann legen wir Ihnen eine Liste mit den aktuellen Zielobjekten vor. Sie wählen dann aus, wir erarbeiten ad hoc eine angepasste Strategie und setzen uns mit der öffentlichen Meinung auseinander. Selbstverständlich mit robustem Mandat, Herr Minister. Dazu sind wir ja nun mal der Geheimdienst.

Da müssen wir noch mal sehen, ob wir ein Team freibekommen. Ein paar Leute brauchen wir immer als Reservisten, so wie jetzt. Die Sturmgewehre sind nach Mexiko exportiert worden, und man weiß nie, ob die sie schon ausprobiert haben. Wenn ja, dürfte es schnell zu den ersten Protesten kommen, und dann müssen wir die Kundenbetreuungseinheit schnellstens hinschicken. Mit richtigen Waffen diesmal. Nein, nicht für die Mexikaner. Für die Kundenbetreuer natürlich.

Wir nehmen lediglich eine kleine Leihgebühr. Das hatten Sie im Empfehlungsschreiben sicher falsch verstanden, Herr Bundesminister. Dass Heckler & Koch eigene Waffen stellt, dürfte klar sein. Die brauchen die Gebühr nicht zu entrichten. Sie können das ja von der Steuer abziehen. Und Maut gibt’s ja auch bald, wenn die Kaffeekasse aus Versehen leer sein sollte.

Aktuell haben wir einen Nahrungsmittelkonzern zu versorgen, der den Entwicklungsländern gerne ihr eigenes Grundwasser verkaufen will. Das ist ja ohne Investitionsschutzabkommen noch mal eine Nummer schwieriger, aber für uns wird das eine hervorragende Kundenreferenz. Solche Jobs kriegen Sie sonst in Europa so gut wie gar nicht. Jedenfalls nicht ohne einen parallel geführten militärischen Einsatz.

Natürlich gibt es auch Rückschläge. Den Bahnstreik beispielsweise, den hatten wir uns ganz anders vorgestellt. Das ist irgendwie frustrierend, Sie wollen einem die Bude abfackeln, haben alles dabei, Brandsätze, Zünder, und dann kommen Sie an und die Feuerwehr rückt gerade ab, weil sich das Löschen schon nicht mehr lohnt. Naja, man kann nicht alles haben.

Auf unsere Diskretion können Sie sich jederzeit verlassen, Herr Bundesminister. Die Kanzlerin wird kein Wort erfahren. Wenn Sie nicht wollen, dass wir Sie unterrichten, dann hören Sie natürlich von uns auch keine Ergebnisse. Das ist für spätere Fragen wir Untersuchungsausschüsse sehr praktisch, dann können Sie immer noch legal behaupten, Sie hätten gar nicht gewusst, dass wir in Ihrem Auftrag handeln. Besondere Maßnahmen verlangen eben äh, besondere Maßnahmen.

Sie werden zufrieden sein mit uns, das kann ich Ihnen versprechen. Wir werden für Sie durchgreifen, diesen ganzen Saustall einmal richtig ausmisten und für Ordnung sorgen. Sie werden es erleben. Und es wird hinterher garantiert keiner mehr so unschöne Sachen über Sie schreiben, Herr de Maizière. Jedenfalls nicht als den ehemaligen Verteidigungsminister.“





Druckgewerbe

21 08 2013

„Wir haben ihnen die Sicherung herausgedreht, Frau Bundeskanzlerin. Das ist alles weg. Bis morgen werden die ganz sicher nichts mehr tun können. Wir haben diese Zeitung voll im Griff.

Nein, wir haben keinen Fehler gemacht, Frau Bundeskanzlerin. Absolut nicht. Woher hätten wir denn wissen können, dass sich bei dieser Zeitung Journalisten befinden? also echte, richtige, die noch recherchieren und schreiben und publizieren, was nicht vom Kanzleramt freigegeben wird? Das klang von vorneherein unglaubwürdig. Wer hätte denn wissen können, dass es tatsächlich noch solche Leute gibt? Und vor allem, wer hätte je geglaubt, dass es uns trifft?

Dann hat er eben falsch reagiert. Meine Güte, das passiert uns doch allen mal. Auch als Bundespräsident. Aber das ist nicht entscheidend. Sie tanzen nicht nach unserer Pfeife, verstehen Sie? Wenn er Beweismaterial hinterlassen hat, dann sollte es ihre verdammte Pflicht und Schuldigkeit als Deutsche sein, es sofort bei uns abzuliefern, statt eine Story daraus zu machen. Zeitungen sind dazu da, den Willen der Regierung zu verbreiten, und zwar ohne diese lästigen Nachfragen. Wir können auch anders. Wir haben nichts falsch gemacht.

Es könnte sein, dass hier und da gewisse, wie soll ich sagen: das Gesetz hat sich nicht immer an unsere Zielvorstellungen gehalten. Die Sachlage hat hier und da ein bisschen mehr persönlichen Einsatz erfordert. Die entsprechenden Beamten haben natürlich gesagt, dass sie sich an Recht und Gesetz gehalten haben, soweit es ihnen klar gemacht worden sei. Aber letztlich ist gar nichts passiert.

Nein, das ist nicht möglich. Sie haben noch diese Anrufbeantworter, in die man eine Kassette reinsteckt. Die kann man natürlich auch rausnehmen. Nein, man kann die nicht löschen, wenn man nicht weiß, wo sie ist.

Wir müssen in Zukunft viel schneller reagieren, Frau Bundeskanzlerin. Dass uns der Köhler durch die Lappen gegangen ist, haben die Leute schon vergessen, aber den hier nehmen sie uns übel. Vielleicht noch engeren personellen Kontakt zu den Verlagen. Oder öfter mal einen zielführenden Meinungsaustausch mit den Redaktionen. Also jetzt nicht als Bedrohung, Frau Bundeskanzlerin. Nicht unbedingt. Aber man könnte doch auch mal offen darüber nachdenken, ob man nicht die Meldungen vorher einer, wie soll ich sagen: dass die Leser da draußen auch nicht immer alles erfahren müssen, was man rein theoretisch würde schreiben können.

Jetzt sollten wir uns um ein gutes Verhältnis zu diesen Medien bemühen, Frau Bundeskanzlerin. Klare Verhaltensregeln ausgeben. Deutlich machen, dass uns an einer konstruktiven Zusammenarbeit gelegen ist, bei der sie nicht zu schaden kommen und wo die Pressefreiheit auch nicht gleich im Kern angegriffen wird, wenn sie es nicht ständig provozieren. Wir sind durchaus kompromissbereit und wissen es zu schätzen, wenn sich die Gegenseite auf uns zubewegt.

Ich höre eben, wir haben eine Nachricht vom Geheimdienst bekommen. Das mit der Sicherung hat nichts genützt. Nein, weil bei uns immer die Computer abstürzen, wenn die Hauptsicherung rausfliegt. Ich dachte, wenn wir da den Strom abstellen, dann ist alles weg.

Natürlich ist das nicht illegal, Frau Bundeskanzlerin. Keinesfalls. Ich hatte extra gestern noch im Innenministerium angerufen. Das ist dieses Supergrundrecht, Frau Bundeskanzlerin. Das nehmen wir jetzt mal in Anspruch. Gerade in Bezug auf die Grundrechte ist das meistens recht kompliziert, und wir müssen uns schon überlegen, was wir machen. Was am wenigsten Dreck hinterlässt. Wir können ja schlecht die GSG 9 vorbeischicken, oder die halbe Redaktion springt freiwillig vom Dach. Stellen Sie sich mal die Bilder im Fernsehen vor. Das versaut uns die Wiederwahl.

Da könnte man schon etwas machen. Wenn wir den Bundespräsidenten zum Geheimnisträger erklären – der ist Mitglied im CDU-Präsidium? und weiß, wie Sie Bundeskanzlerin geworden sind, Frau Bundeskanzlerin? Eindeutig ein Geheimnisträger. Das bedeutet, wir können die Finanzierung des Bungalows zu einem Staatsgeheimnis machen, dessen Verrat strafrechtlich geschützt ist, und das Ganze verkaufen wir dann als Terrorabwehr. Genau, Terrorabwehr! Der Bundespräsident braucht ein Haus, damit die freiheitliche demokratische Grundordnung gewahr bleibt, und wenn die irgendwie in Gefahr sein sollte, dann ist das sofort ein terroristischer Akt. Wollen wir doch mal sehen, wer hier Druck macht, die oder wir.

Im Falle eines Falles müssten wir Bilder beschlagnahmen. Aber das ist kein Problem, wir nehmen die einfach wieder mit. Doch, das geht. Wenn wir uns vorher deutlich genug ausgedrückt haben, dass wir ausschließlich für den Schutz der Grundrechte gewisser Personen sorgen, dann wird das auch durchzusetzen sein. Selbstverständlich, Frau Bundeskanzlerin. Die werden uns keine Schwierigkeiten mehr machen. Ganz bestimmt nicht. Zur Not lassen wir es wie einen Unfall aussehen.“





Copy & Paste

11 01 2011

„Was erwarten Sie denn von einem verlogenen Drecksack? Von einem versoffenen Hampelmann, der alles flachlegt, was nicht bei drei auf dem Baum hockt, der mit seinen Naziparolen mühsam darüber hinwegtäuschen will, was für ein elender Versager er ist? Von einem abgehalfterten, korrupten Deppen, ohne Wirtschaftskompetenz, ohne die geringste Ahnung von Fiskalpolitik, ohne Grundwissen von Europa?“ „Hören Sie mal, wie reden Sie denn über Seehofer!“ „Interessant. Ich meinte Orbán.“

„Meinen Sie nicht, dass Sie etwas übertreiben?“ „Keinesfalls. Wir sind wieder so weit, die Ungarn spielen den Minensuchhund. Sie sondieren das Gelände, der Rest wird nachziehen.“ „Ich glaube, Sie dramatisieren das. Wenn Sie die Pressefreiheit meinen, die wird doch in der EU sowieso nicht mehr ernst genommen.“ „Und? Ist das ein Grund, diese beiden Zwerge in Frankreich und Italien machen zu lassen, was ihnen in den Kram passt? Die Grundrechte werden mit Füßen getreten und Sie denken, es sei nicht so schlimm, wenn es nur alle tun?“ „Das habe ich nicht gesagt. Die plötzliche Empörung ist übertrieben. Viktor Orbán ist nicht das personifizierte Böse, er macht genau dasselbe, was man jahrelang in Frankreich und Italien, in Großbritannien und in Deutschland auch hätte anprangern können.“ „Aber er tut es nicht umsonst. Und er weiß es.“ „Woraus schließen Sie das?“ „Wenn ein Regierungspolitiker…“ „Gut, nominell zählt Seehofer zur Regierung. Inhaltlich weniger.“ „… die Wirtschaftspolitik in Ungarn lobt, dann handelt es sich entweder um ein Versehen…“ „Was in Anbetracht von Seehofers Kompetenz auch nicht verwunderlich wäre.“ „… oder um den Versuch, der Politik Sand in die Augen zu streuen.“ „Weil die EU Ungarn schon mal vor einem Staatsbankrott gerettet hat.“ „Weil Ungarn nach der Rettung sofort wieder angefangen hat zu zocken und die Profiteure der Krise noch reicher zu machen.“

„Und Sie denken, Ungarn sei letztlich noch ein Entwicklungsland?“ „Allerdings. Und zwar eines, in dem ein Politikmodell für Europa entwickelt wird. Bis zur Serienreife.“ „Dann wundert es mich, dass Sie bei den Einschränkungen des Presserechts nicht vorher reagiert haben. Wie gesagt: Italien und Frankreich.“ „Aber hier können Sie es systematisch studieren. Die Wirtschaft, die soziale Ordnung, die Bürgerrechte, als Krönung der Rassenwahn. Orbán ordnet die Faktoren an wie in einem Feldversuch. Sein Biotop dient der Züchtung einer politischen Ordnung.“ „Warum fängt er dann unmittelbar vor der Übernahme der Ratspräsidentschaft mit einem Verstoß gegen die Wertvorstellungen der EU an?“ „Um den anderen vorwerfen zu können, dass sie bisher die Regeln auch nicht besonders ernst genommen haben.“ „Sie meinen, die Überprüfung der geplanten Zensurinfrastruktur sei nicht nur eine Rechtfertigung gewesen, um seine eigene Agenda zu verharmlosen?“ „Er weiß, dass er sich nicht den Wertvorstellungen der EU unterwerfen wird, also macht er sich selbst zum Maßstab – mit dem Einverständnis der Gemeinschaft.“ „Ich verstehe, Ungarn ist also die Ausnahme von der Regel.“ „Und wenn man einmal eine Ausnahme macht, dann ist die Regel hinterher hinfällig, auch für die, die sich ihr bisher beugen mussten. Eine Heuchelei für die Öffentlichkeit auf der Galerie.“

„Welche Konsequenzen werden wir von der Euro-Politik zu erwarten haben?“ „In erster Linie gibt es uns Freiheit, den Sparkurs weiterzuführen. Wir werden den Sozialstaat alternativlos schleifen, weil wir sehen, dass wir mit einer gerüsteten Miliz im Innern jegliche Widerstände ersticken können, wenn wir klare Feindbilder haben.“ „Deshalb die terroristische Bedrohung auf dem Weihnachtsmarkt und ein Päckchen ins Kanzleramt?“ „Unsinn, wir werden heimlich, still und leise den Rassismus aus der Versenkung holen.“ „Das glauben Sie doch selbst nicht. Deutschland und Rassismus?“ „Ungarn geht voran. Sie übernehmen das Geblütsrecht der Nationalsozialisten und erklären alle zu ungarischen Staatsbürgern, die eine Blutsabstammung geltend machen können.“ „Das haben die Nazis in Polen und Böhmen schon erfolgreich praktiziert.“ „Eine elegantere Methode der Expansion hätte sich nur Sarrazin als Gröfatzke mit genetischer Blutsuppe ausdenken können.“ „Das wird Deutschland nicht dulden.“ „Fidesz kann sich der Freundschaft der Unionsparteien nicht erwehren, und es wäre schon erstaunlich, wenn eine CDU, die völkerrechtwidrig Roma ausweist, plötzlich anfinge, die völkischen Vorstellungen der Ziehkinder zu kritisieren.“

„Haben Sie eine Vorstellung, was das ergeben wird? Für ein Terrorregime werden sie ja wohl nicht werben.“ „‚Arbeit, Heim, Familie, Gesundheit und Ordnung werden die Tragsäulen unserer gemeinsamen Zukunft bilden‘ – das klingt doch gut?“ „Sogar für eine CDU-Kampagne reichlich verkalkt, aber wenn sie ihren Absteig mit Pofalla als Kanzler planen?“ „Das ist die Programmatik der ungarischen Opposition.“ „Opposition?“ „Aber ja, den neoliberal-antisozialen Präventivstaat haben die jetzigen Machthaber mit der Union abgestimmt, als Fidesz noch nicht an der Macht war. Sie haben abgewartet, was sich entwickelt. Jetzt kopieren sie, was sich entwickelt. Copy and Paste. Nützliche Idioten haben die Drecksarbeit gemacht, sie dürfen gegen Homosexuelle, Roma und Juden hetzen, gegen Ausländer, Arbeitslose und Behinderte. Sie dürfen ausprobieren, bis wohin sie zu weit gehen dürfen. Ihre Ziehväter werden es ihnen danken; Merkel wird ein wenig augenzwinkernd auf den Nebenkriegsschauplatz mit dem Presserecht zeigen, der Rest der Union wird mitgrölen im Chor der Rechtsrücker und eine Verfassungsänderung nach der anderen durchdrücken wollen, um christliche Leitkultur gegen die Migranten zu setzen.“ „Was für eine geisteskranke Idee – wenn sie Angst vor drohender Überfremdung heraufbeschwören, wie können sie dann daran glauben, dass ihre eigene Kultur stark und durchsetzungsfähig wäre?“ „Na, jetzt stehen Sie Orbán aber auch schon ganz schön kritisch gegenüber.“ „Wer spricht von Orbán? Ich rede von Horst Seehofer!“





Fluchtlinientreu

22 10 2009

„Ja, stellen Sie gleich durch. Ich warte. Was wollen Sie denn schon wieder, Schwarzkopf? Ich hatte Ihnen doch ausdrücklich gesagt, der Artikel über den Gesundheitsfonds kommt nicht auf den Titel, sonst macht der Verlag wieder Stress! Was soll ich denn mit so einer Negativschlagzeile, da werden die Aktionäre doch in der Pfanne verrückt. Außerdem ist das alles an den Haaren herbeigezogen, da haben sich ein paar Idioten eine völlig unfinanzierbare… Nein, nicht Sie. Ich rede mit meinem Redakteur. Ist er denn inzwischen wieder im Haus? Nicht? Und was mache ich jetzt?

Ja, das wäre mir am liebsten, aber wir hatten das doch letzte Woche auch alles schon fest abgemacht. Na selbstverständlich, es war alles abgemacht. Mit dem Fotografen, und wie er sich ein Brot schmiert, im Schlafzimmer mit… Sahra Wagenknecht? Nö, die will hier auch keiner. Trotzdem. Es gibt noch ein paar mehr Schnallen mit einer hübschen Fresse, deshalb kommt mir die Frau trotzdem nicht ins Blatt. Schon gar nicht für eine Homestory. Ach hören Sie doch auf, das haben wir schon so oft durchgekaut. Die Alte zieht nur bei den Ultras.

Dann haben wir noch den Termin bei der nächsten Demo. Da schicken wir einen Fotografen hin und den Bericht macht der Blömelein aus der Lokalredaktion. Was ist denn an dem auszusetzen? Ach, ich bitte Sie. Im RCDS, da waren wir doch alle mal, und das ist jetzt fast dreißig Jahre… Gut, wer wäre Ihnen denn genehm? Grigoleit? Der arbeitet doch seit Jahren nicht mehr bei uns. Was heißt hier, das hätten wir wissen können? dass er IM war, weil er aus Jena kommt? Ist doch albern!

Also was jetzt, Demo oder nicht Demo? Keine Zeit? Da ist er im… Aber Sie wollten doch die Homestory und den ganzen… Was ist denn jetzt schon wieder? Schwarzkopf, können Sie nicht einmal etwas selbstständig machen? Müntefering? Ja, auf die Titelseite. Oder warten Sie mal: Headline auf den Titel, warten Sie mal… ‚Müntefering: Das war’s dann wohl‘, Bild und dann weiter auf Seite 2. Und lassen Sie Pitrowski den Leitartikel schreiben. Sind Sie noch dran? Was heißt hier abgelenkt, ich muss mich um den laufenden Betrieb kümmern, wer hier stört, das sind doch wohl… Populismus? Wir? Das müssen gerade Sie sagen!

Dann wäre da noch die Antiamerikanismus-Konferenz nächsten Monat, wo Sie unbedingt den Redebeitrag abgedruckt haben wollten. Wir haben mit dem Verlag gesprochen, das wäre nicht das Problem, wenn Sie… Nicht? Aber die Plakate sind bereits gedruckt! Ja Herrschaftszeiten, Sie haben ein halbes Jahr lang gebettelt, dass wir das Ding ins Feuilleton aufnehmen, wir haben unsere Inserenten bearbeitet, dass sie mitspielen, und dann hat der Herr keine Lust mehr? Terminschwierigkeiten? Ach, auf einmal. Das ist ja großartig. Dabei hat er doch wochenlang vorher dem Veranstalter immer wieder erzählt, was er alles besser machen würde, wenn er denn tatsächlich mal… So, und deshalb hat er auch seine Mitwirkung nicht… hören Sie mal, das ist doch lächerlich!

Wählertäuschung? Wer hat das denn abgelehnt, das war doch wohl er selbst! Wählertäuschung – da kann er sich doch an die eigene Nase fassen. Lang genug dürfte die ja sein! Dass wir was? Für ein Drei-Minuten-Interview mit vorher eingereichten Fragen? einen ganzen Tag mit zwei Reportern? Das ist doch nicht Ihr Ernst! Nur, weil wir Springer-Presse sind, werden wir doch nicht Ihrem Herrn Kandidaten hinterher hüpfen!

Er hat bitte was gesagt? Er hat sich über meinen autoritären… Schwarzkopf, was ist denn jetzt schon wieder? Die Junge Union? Was soll die Merkel gesagt haben? Das glauben Sie doch selbst nicht! Nein, ausgeschlossen. Nicht, weil das justiziabel wäre, aber einen so klaren Gedanken in einem einzigen Satz auszudrücken, das traue ich ihr einfach nicht… Sind Sie noch dran? Also was meinen autoritären Führungsstil angeht, ich bin hier der Chefradakteur, und wenn Sie der Meinung sind, dass ich in meinem eigenen Unternehmen nicht… ja, aber ich mache das dann auch. Hier wird nämlich gearbeitet, wenn Sie das noch nicht bemerkt haben sollten.

Unmöglich! Das machen wir nicht! Nein, und wenn Sie sich auf den Kopf stellen! Warum? Weil wir das schon im letzten Jahr hatten. Zwei Wochen lang haben sich unsere Kollegen im Fitness-Studio abgestrampelt, um Kondition zu bekommen, dann treten sie zum Marathon an und stellen fest, dass er gar nicht erst… Ach was, Haarspalterei, wenn wir das hätten vorher wissen können, wären wir sicher nicht erschienen. Ich will Ihnen mal etwas sagen, Sie jammern uns hinterher mit irgendwelchen Interviewterminen, und dabei wissen wir doch längst vorher, was er uns sagen wird, weil er das immer schon gesagt hat: er hat das ja immer schon gesagt. Glauben Sie echt, dass wir das brauchen?

Selbstkritik? Wir sollten mal wieder Selbstkritik üben? Sind Sie denn von allen guten Geistern verlassen? Wir? Was? regierungsfreundlich? vor der Wahl? Herr, wir sind ein überparteiliches Blatt und lassen uns nicht vorschreiben, wie wir vor der Wahl die Kandidaten… Und deshalb hat er seine Selbstdarstellung gar nicht erst bei uns? Weil wir was sind? Ein rechtes Schmierblatt? Ich geb’ Ihnen rechtes Schmierblatt, dann… Hallo? Sind Sie noch dran? – Verdammt noch mal, dass dieser Lafontaine aber auch nie etwas zu Ende kriegt!“