Social Freezing

30 10 2014

„Suuuper Idee! ganz tolle Sache, das ist mindestens an die, ach was: noch mehr ist das wert – suuuper, das versetzt den Vorstand in Ekstase, und dann das Controlling erst! Die sind ja für Abbau immer zu haben. Sonst würden sie nicht immer diese Hirnschlagopfer bei uns entsorgen.

Das ist natürlich eine geniale Sache, so eine Zeitschrift so ganz ohne verwertbare Inhalte. Das ist echt voll total Kultur und so: nichts reinstecken, aber alles rausholen. Finde ich echt suuuper, das. Und wenn wir das jetzt noch durch alle Bereiche durchdeklinieren, dann kann man das echt zum Modellfall machen. Ist doch das, das liegt ja wohl voll total auf der Hand: keine Redakteure mehr, dann hat man keine Personalkosten mehr, und dann hat man auch nie wieder Personalprobleme! Das ist so voll suuuper, das wird viel besser als erwartet!

Ach so. Gut, wir hatten das schon bedacht. Der eine da, dieser Typ aus dem, nee, nicht aus dem Controlling, der hatte einen Schulabschluss. War wohl ein Praktikant. Der meinte dann so, wenn wir alle Redakteure rauswerfen, haben wir auch keine Redaktion mehr. Haben wir natürlich als linke Hetzpropaganda von Gewerkschaftstypen abgetan. Aber irgendwie müssen wir das transparent machen. Falls die Aktionäre kritische Fragen stellen, muss man doch vorbereitet sein.

Wir haben die Lösung, aber sie ist viel einfacher als erwartet – sage ich jetzt nur, weil das der Vorstand bei solchen Sachen auch immer sagt: wir kaufen die Texte einfach. Ist doch suuuper, was? Finde ich jedenfalls. Finden wir alle. Und das wird voll der Gewinn, weil: wenn man die Texte kauft, dann bestimmt der Markt den Preis! Das doch so suuuper, das ist schon echt voll total suuuper, oder? Oder!?

Das wagen die nicht. Das würden die echt nicht wagen, auf einmal alle arbeitslos zu sein. Ich meine, soziale Verantwortung, das ist keine Einbahnstraße. Nur weil wir diese Arschlöcher alle auf die Straße setzen, werden die doch nicht plötzlich arbeitslos. Das wagen die doch nicht! Ich meine, es gibt doch für alles einen Markt – aber doch nicht für Arbeiter, oder? Die können doch nicht alle arbeitslos sein und dann plötzlich ins Callcenter gehen oder zu Schlecker. Geld ist doch nicht alles im Leben, das müssen die doch wissen!

Wir haben ja schon mal geguckt, aber wo dieser Internet-Oettinger die wieder heißmacht mit dem Urheberrecht, wir werden uns die Texte echt irgendwie besorgen müssen. Schülerpraktika? Kann man machen. Da müssten wir die Rechtsabteilung fragen. Die wird nicht gekündigt, keine Angst. Ohne die wären wir echt aufgeschmissen!

Klar, wir wollen die Vielfalt und Kreativität des modernen Lifestyles irgendwie auch widerspiegeln, und das möglichst auch in medialen Inhalten. Aber das sagt ja noch nichts über die Produktion, da sind wir im Prinzip ja erstmal ohne Vorgaben, oder? Gut, die erwartete Umsatzsteigerung sollten wir nicht unbedingt um fünfzig Prozent unterschreiten, aber das kriegen wir schon hin. Mehr als vierzig, oder sagen wir mal: fünfundvierzig werden es nicht. Vorerst.

Aber suuuper, das machen wir doch sofort! Das mit den Leserreportern ist natürlich eine suuuper Idee, das greifen wir bei uns doch sofort auf! Was die reportieren sollen? Mir doch wumpe, Hauptsache ist doch: kostenlos! Es kostet nichts, das ist der Punkt!

Vielleicht mal eine Kooperation mit so einem Rezeptblog. Beauty. Was die moderne, emanzipierte Frau heute so interessiert. Schminken, Kochen, Schuhe, Kinder. Was man ohne große Aufbereitung halt so hinkriegt, damit es schon jetzt so aussieht wie der Qualitätsjournalismus von morgen.

Aber dafür wird ja die Führungsebene unseres Magazins aufgestockt! Ist das nicht eine Nachricht? Suuuper! Wir schaffen Topjobs im Mediensektor, und damit das klar ist: es liegt nicht am Geld, denn was diese paar Tussen da in der Redaktion nicht mehr reingesteckt kriegen, das reicht doch noch lange nicht, um die Spitzenmanager zu bezahlen, die ab sofort unser Magazin ganz nach vorn in den Auflagenzahlen der – Quote? Sind Sie noch ganz frisch in der Birne!? Wir holen uns doch keine Frauen in die Chefetage, was sollen wir denn mit denen anfangen? Social Freezing? so viele Eier kann man ja gar nicht einfrieren, und am Ende kommt noch eine von den Muttis auf die Idee und adoptiert am Arbeitsvertrag vorbei so ein afrikanisches Baby! Da kriege ich doch die Krätze!

Das ist unerlässlich – wir sind schließlich eine deutsche Zeitschrift. Auf einen Schreiber kommen dann zahlenmäßig zweieinhalb Vorstände. Damit wir eine gute Work-Life-Balance haben. Falls sich einer von denen um die Schreiber kümmern will. Wir sind ja jetzt bei Bertelsmann so sozial, wir stellen das so lange frei, bis wir aus Versehen eine Stiftung dafür gegründet haben. Die kümmert sich dann darum, dass die Honorare der Schreiber kontinuierlich minimiert werden, damit mehr von den Schreibern von ihrem steigenden Einkommen leben können. Suuuper Sache, aber das wollte ich Ihnen eigentlich noch gar nicht… –

Ich!? Aber ich bin doch seit fast zwanzig Jahren bei Ihnen… Sie können mich nicht einfach… Das glaube ich jetzt nicht! Nur, weil ich damals freiwillig die Leitung für das Online-Ressort übernommen habe, wollen Sie mich…“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCXLV): Zeitungssterben

20 06 2014
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Irgendwann einmal gefiel es der Kaste der Verleger, ihre sinkenden Auflagenzahlen zur Kenntnis zu nehmen, und siehe, sie plärrten ein erschröckliches Liedchen von großer Gefahr. Das Internet, die Kostenlosmentalität und ein völlig aus der Façon geratener Pöbel schwingen darin tödliche Waffen, während ein grauenvoller Weltenbrand die Szenerie in apokalyptisches Licht tunkt. Das Ende der Existenz, wie wir sie in der Schule gelernt haben, steht vor der Tür und knirscht demonstrativ mit den Zähnen. Diddl, Dösen, Demente, alles hat ein Ende. Das Zeitungssterben auch, und es hat vor allem eins: Gründe.

Sie nehmen Anlauf, um Realitätsverweigerung und Beratungsresistenz unter einen Hut zu kriegen. Verzweifelt schwiemeln Entscheider – größtenteils Finanzvorstände, die unfähig wären, nur eine grammatisch gerade Zeile in den Bleisatz zu rülpsen – sich ihre Diagnose zurecht: nicht sie haben die Scheibe zerschmissen, der Stein war’s. Nicht der wirtschaftliche Niedergang der Massen bedroht die Delikatessenläden, es ist der Boom der Fischstäbchenkonzerne. Zu Hülf. Zu dumm.

Die Therapien sind durchaus unterschiedlich. Während die einen jegliche Qualität aus dem Fenster treten und mit Monster, Möpsen, Mutationen eine Milliardenauflage zu halluzinieren beginnen, gibt sich die andere Fraktion sofort restriktiv – um hinter einer erbärmlich zusammengezimmerten Bezahlschranke denselben Schrott zum Kauf anzubieten, den es an der nächsten Straßenecke weiter umsonst gibt. Manche haben noch den Stolz der alten Tage am Leib, der ihnen befiehlt, elitär und hochfahrend alles zu missachten, was den Neuigkeitsfeudel täglich kauft. Man mag sie für eingebildet halten, aber sie sind wenigstens so ehrlich, dass sie den Leser zum natürlichen Feind der Zeitungsverlage erheben. Wen auch sonst.

Nämlich der Leser ist schuldig, das unbekannte Wesen, das sich trotz aufwändiger Marktforschung, permanenter Ausspähung und ständiger Gängelung durch gekauftes Gesetzeswerk im Urheberrecht just so verhält, wie es der voraufklärerische Schamane im Publizistenpelz gar nicht hätte wissen können. Sie – es muss sich um eine völlig andere Elite handeln, die Produktionsmittel, Medien und Kapitalflüsse der westlichen Welt jahrzehntelang in ihren schwitzigen Fingern gehabt haben – erfinden einfach dieses Internet und konnten nicht damit rechnen, dass es benutzt wird, obwohl es ja nur Geld kostet, Zeit, Aufmerksamkeit und eine gewisse Neigung, sich dafür zu engagieren. Wie konnte das nur passieren.

Schon die flüchtige Betrachtung zeigt, dass der Schlachtgang der Printviecher lange vor dem Siegeszug des Netzes begann. Nicht die simple Kausalität erklärt den Fall, die Korrelation ist erhellend. Das verkrustete Gefüge aus Muff und Plüsch, das mählich dem Neoliberalismus entgegen schimmelte, es nahm sich die Freiheit, für die Interessen der Bevölkerungsmehrheit irrelevant zu werden, und zwar aus freien Stücken. Das Gefasel euphorischer Hilfsanimateure aus der etablierten Funktionsträgerschaft langweilt die undifferenziert als Pöbel apostrophierten 99%, wie sie Pest- und Kohl-Ära in feuchten Träumen herbeikirchnerten. Die ohnehin schwache Bindungsenergie der Institutionen, Gewerkschaften, Parteien und anderer interkonfessioneller Kegelclubs fraß die ungeistig bis unmoralische Wende, das Wuchern der zur Flächenverdeppung gezüchteten Knalltütensender zeitigte den gewünschten Erfolg und erwies sich als suizidaler Selbstversuch. Fortan verwitterte der Intellekt der Kurzstreckendenker zur Mittagszeit vor dem Unterschichten-TV, statt sich in Krieg und Friede Springers Stürmer in die Birne zu drücken.

Tempora mutantur. Natürlich stirbt nichts so ganz; aus nostalgischen Gründen erklären die einen den Spuk zum legitimen Lebenszeichen, die anderen beharren auf Kulturgüter und beschwören eine schreckliche Zukunft, in der wir unzivilisiert zugrunde gehen werden, weil wir keine Postkutschen, weder Reiseschreibmaschinen noch Gänsefedern nutzen. Kein etabliertes Instrument des Informations- und Gedankenaustauschs will der Weichstapler missen, und ist er schon glücklich in dem Bewusstsein, von künftigen Generationen zum Retter der Windmühle erhoben zu werden, so erschöpft sich seine intellektuelle Kapazität meist auf dem Weg zum Brett vor dem Schädel. Möglicherweise sind Federkiel und Reifrock in musealem Kontext weiter überlebensfähig, doch sind sie es eben nur dort. Die Crux ist, dass unter dem Brauchtumsterrorismus der Pausenclowns die Stützen der Gesellschaft leiden.

So besäße der usuelle Faltlappen immer noch die klaffende Marktlücke, sich lokal auszubreiten oder in die Tiefe zu wachsen und, zeitlich begünstigt für die genauere Reflexion im Herstellungszeitraum, alle Hintergründe zu beleuchten, die der wartende Leser im hetzenden Digitalgewerbe vergeblich sucht. Man bietet dem Produzenten eine kostbare Flöte, nach deren Tönen eine Schar zahlungskräftiger Bürger im engeren Sinne sich gar erziehen ließen, das Gute und Schöne mit Barem zu verbinden, und was tut der Depp, den nur noch die Rendite schert? Er pfeift darauf.

Ein Großteil dieser soi-disant Qualitätsmedien sind sekundär verwerteter Agenturdreck, oder wie der Fachmann es nennt: Gleichschaltung. Hätte ein Teil der Käuferschicht nicht eh schon die Fähigkeit zum Dreischritt Lesen, Verstehen, Analysieren an der Autobahnraststätte ausgesetzt, man wüsste nicht recht, warum man sich derlei freiwillig unter die Fingernägel reiben sollte. Vielleicht sind wir ja alle kulturlos. Oder zu sehr an Fischstäbchen gewöhnt. Wer braucht heute noch Einwickelpapier?





Gernulf Olzheimer kommentiert (CLXXVII): Leserbriefe

14 12 2012
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Im Schnitt einmal täglich greift der Behämmerte zu dem Stapel aus labberigem Papier, mit dem man früher in der Ausscheidungsräumlichkeit Fliegen verscheucht hätte; mit etwas Glück behandelt er die Druckprodukte auch nur für ausdrückende Tätigkeiten, doch oft geschieht es wohl, dass er sich mit seinen Gedanken allein fühlt und zu den fürchterlichsten Mitteln greift, der Gazetten Herr zu werden: Schwalben falten, Sudoku lösen und, wenn alle Mittel versagt haben, Leserbriefe schreiben.

Der Leserbrief ist ein Brief an sich selbst. Kein anderer Adressat, weder der Journalist noch ein Subjekt der Berichterstattung, kein Leser, erst recht nicht die unter galoppierendem Kopfaua leidenden Schöpfungskollegen sind so recht dazu ersehen, den eigenen Hirnkasteninhalt kapieren zu können. So bleibt nur der Grund, warum sich die Rezipienten ausgerechnet der Zeitung gegenüber als geeignet ansehen, ihre Meinung in die Luft zu geigen. Sie zerfallen in diverse Fraktionen.

Die erste Gruppe ist schnell erklärt, sie lässt sich nicht bevormunden und denkt anders. Sie liest jene Zeitung, oft ist es die regionale Tageszeitung, er lässt sich nicht vereinnahmen. Sie verurteilt jeden Leitartikel, täglich, wegen so unsachgemäßer wie antiquierter Betrachtung, Ideologieferne und/oder dogmatischer Verkrustung, Frauenfeindlichkeit, Speziesismus oder anderer Vergehen wider den Heiligen Geist und das Erste Vatikanisches Konzil, doch sie lässt sich nicht kaufen von der Stimmung im Volk. Der Verfasser des verbalen Einwurfs weiß nur zu gut, dass auch er schon zu den 99% gehört hat, die alles für Weltfrieden und niedrige Steuern getan hätten (und öfters auch alles getan haben), allerdings braucht er keine Rechtfertigung für seine frühere Meinung wie auch für den anschließenden Umschwung. Er hatte immer schon Recht, da ist die Marschrichtung reißpiepenegal.

Ein zweiter Teil ist viel gefährlicher als die Permanentquaker mit ihrem bohrenden Hass; es sind die Serienkiller der Rhetorik, die den direkten Körperkontakt suchen, um leichter den Stahl ins Rückenmark des Redakteurs zu versenken. Mit eiferndem Lob walzen sie die Zwischentöne des Artikels platt, Hymnen kleckern ihnen von der Unterlippe, ein fadenziehender Brei hündischer Ergebenheit. Dicht unter der Oberfläche sind natürlich auch hier Häme und Missgunst der Motor der hündischen Unterwerfung. Keiner, der das Plattgelalle der Skribenten nur einen Tag lang ertrüge, würde sich nicht heimlich zu ihnen zählen, im weiteren und weitesten Sinne, denn auch ohne Arme wäre mancher von ihnen ein guter Journalist geworden. Freilich weiß der mit durchschnittlicher Begabung ausgestattete Blödmensch, dass auch er nur holzschnittartiges Wissen vorliegen hat – wer mit einiger Zielsicherheit die Umrisse von Polen und der Schweiz zu unterscheiden weiß, wird ja heute schon trotz Dementi zum Nahostexperten gekürt, aber man mag eben nicht glauben, dass auch solche Dumpfschlümpfe ihr bisschen Weltbild aus der Lektüre anderer Zeitungen zusammenpappen. Ja, er würde zu gerne dazugehören, Teil des Prozesses sein, der aus toten Bäumen Laberpappe macht, vollgenölt mit individueller Qualitätsmotze, dem Gewissen wie den Anzeigenkunden verpflichtet, aber nienicht unobjektiv, höchstens von felsenfest überzeugter Meinung. Die plaudert der affirmierende Strammsteher nun nach, doch was sollte mehr in ihm stecken als das Fiepen aus dem Bedeutungsnirwana, das im Getröte der Kritik an die Wand geklatscht wird.

Eine weitere Gruppe sülzt die wehrlosen Leser mit der Fülle unsinnigen Wissens zu – gemäß deutschem Weingesetz darf Wein nicht unter der Produktbezeichnung Wein in den Handel gebracht werden, Panama-Hüte kommen nicht aus Panama, und was dergleichen dem Bildungsbürger ins Hirn geschwiemelt wird – um im trüben Glanz der eigenen Wissensfunzel zu stehen, von niemandem wirklich bemerkt oder für voll genommen, aber immerhin existent, falls dies ein Trost sein sollte. Der mangelhaft ausgelastete Freizeitpädagoge lehrt die Mitwelt allerlei Klügelei sowie überflüssigen Scharfsinn, hangelt sich an Tipp- und Flüchtigkeitsfehlern des Originalbeitrags mühsam in die Vertikale und hinterlässt den unangenehmen Eindruck eines Typen, den man früher in der Schulpause nicht einmal geschubst hätte. Mit erhöhter Wahrscheinlichkeit ist er genauso verdübelt wie der Rest der Leser und dem Autor nicht einmal überlegen, denn er hatte eine halbe Woche Zeit, um sein Geweimer zu in die Maschine zu hacken, ein verbaler Balanceakt auf dem Schwebebalken zwischen Aufschneiderei und peinlicher Dummheit, weil Besserwisserei noch kein Anzeichen intellektueller Leistung ist, sondern meist nur eine Kollision zwischen charakterlichen Stockflecken und verbissener Recherche, die als Ergebnis nichts Gutes zeitigen konnte.

Entlarvend ist die Übertragung des Leserbriefs in die dialogisierenden Netzmedien; hier zeigt der Bekloppte, dass er noch nie in der Lage war, eine differenzierte Meinung auszubilden (geschweige denn sie ohne fäkalisierendes Beiwerk zu artikulieren), ernsthaft zu streiten oder in aller Sachlichkeit eine Fehlannahme zu korrigieren. Er bezahlt das Blatt, ist aufmerksamkeitsökonomisch noch immer Hauptsponsor der Umsonstmedien, bildet sein Knochengerüst, das er folgerichtig auch publizistisch vereinnahmt, und macht Meinung, indem er den Regler auf die Zehn dreht. So, wie ihm das die politische Klasse seit Jahren vorturnt – auch der Boulevard, die formunschönen Sabbelkrampen auf Niedrighirnniveau, gehört zum Dreckrand dieser Kaste – greift er mit schmutzigen Fingern ins Getriebe. Und labert, pöbelt, schwallt. Was ihm da aus der Rübe rattert, ist mitnichten das Zeichen neuen Gemeinsinns, da er seine (nicht nennenswert vorhandene) Meinung mit uns zu teilen versucht. Es ist das Symptom einer neurotischen Entgrenzung, die das Druckmedium mit seiner beschränkten Guckkastenbühne nur knapp befördert, zum Wohle aller Beteiligten übrigens. Jetzt aber übernehmen die Flusenlutscher das Regiment und drehen den Spieß um. Die Formen der Selbstdarstellung, Kritik, Lob und das übliche Sendungsbewusstsein der Profilneurotiker, sie verschwimmen milde am Horizont. Was bleibt, ist nur eine Abortwand, vollgemalt mit Tiraden in kreativer Rechtschreibung. Immerhin weiß der Bescheuerte da immer, wo er seinen Beitrag zur Debatte geleistet hat. Er muss ihn nicht einmal ausschneiden und aufkleben. Es kann alles so einfach sein.





Die Summe der Teile

8 07 2009

„Du hast was getan!?“ Der junge Mann packte das Mädchen an den Schultern und schüttelte sie durch. „Ich liebe sie! Und Du wirst uns nicht auseinander bringen!“ Er stieß sie von sich weg. Mit Schwung warf sie sich in die Couch. „Klappe!“ „Gestorben!“ Und damit war die Szene im Kasten. Siebels kam aus dem Fundus und bemerkte, dass ich schon da war. Freundlich grüßend hob der Produzent seine Hand und wechselte ein Wort mit dem Regisseur, bevor er sich neben mich setzte.

„Und, wie fanden Sie den Pilotfilm?“ Ich war verwirrt gewesen, denn die DVD zeigte nicht weniger als 489 einzelne Szenen, mitunter wenige Sekunden lange Schnitte. Einige Cuts waren sogar nur durch minimale Änderungen zu unterscheiden; einmal warf Chantal den Müll aus dem Fenster und einmal sich selbst an die Brust des männlichen Hauptdarstellers. „Genau das ist unsere Strategie“, nickte der Macher, „um der Realität ins Auge zu sehen. Wir machen es besser.“ Dabei wusste ich ja, dass ein Film eigentlich erst am Schneidetisch entsteht – das Rohmaterial ist meist nicht mehr als Anregung durch den Regisseur, der sich einbildet, ein Drehbuch habe ihn dazu angeregt.

Aber Siebels widersprach mir. „Sie täuschen sich. Wir haben nicht die Verpackung neu erfunden, sondern das Produkt. Das, was die Zeitungen falsch machen und wofür sie die Verantwortung an die ach so dummen Leser weiterreichen. Im Gegensatz zu ihnen stellen wir uns der Debatte und geben dem Kunden eine Alternative. Wir handeln.“ Wie sollte das nun funktionieren? „Indem wir das Internet so nutzen, wie es gedacht war. Als mehrschichtiges Medium, das Feedback und Metakommunikation erlaubt. Das, was keine Zeitung kann.“ „Aber das ist doch nicht viel mehr als Video-on-Demand – man gibt den Zuschauern Puzzleteilchen und lässt sie damit die Realität nachspielen?“ Siebels sah mich über den Rand seiner Brille hinweg an. „Sie täuschen sich, ich sagte es bereits. Sie spielen nicht eine Realität – sie erschaffen ihre Realität. Jede Szene ist ein Teil ihrer Wirklichkeit, so oder so. Wir lassen sie vor dem Film einen Fragebogen ausfüllen und der Server kombiniert ihre Vorstellungen zum Produkt. Chacun à son goût. Jeder bekommt das, was er präferiert. Das Ende des medialen Diktats.“

Unterdessen hatte sich Chantal in die Kantine begeben und war durch Sabrina ersetzt worden. „Ich liebe sie“, röhrte der Junge, „und Du wirst uns nicht auseinander bringen!“ Sabrina flog aufs Sofa, wurde leicht abgepudert und ging wieder in ihre Ausgangsposition; das Licht hatte nicht gestimmt. „Aber das ist doch völlig unmöglich! Sie drehen hier eine Seifenserie ab, Zeugs mit simpler Story, und erwarten doch wohl von ihrem Publikum nicht, dass es über die Anschlussfehler lacht? Der Knabe hier legt erst die eine und dann die andere Dame auf den Rücken – was halten Sie von Logik, Siebels? Major Strasser verliert seine Schulterstücke, und Ihnen fallen solche Böcke nicht auf?“ Siebels war verärgert. „Denken Sie doch mal nach, bevor Sie reden! Er steht eben zwischen zwei Frauen. Das Ergebnis ist austauschbar, die Handlung ist egal. Der Gang der Handlung, das zählt. Haben Sie nie eine Zeile Brecht gelesen?“

Episches Theater im Vorabendprogramm. Ich begriff. „Nein, eben nicht“, stöhnte der Programm-Erfinder, „wir müssen eben die Zielgruppe direkt fragen, was sie erwartet – ihre Wirklichkeit besteht aus mehr als Fakten. Sie besteht aus Attitüden. Die Zeitungen glauben, man könne den Leser durch auktoriale Auswahl steuern; das geht in die Hose, denn sie leugnen, dass jedes Medium einen Markt hat. Alle halten ihr Blättchen für die einzige Zeitung auf Erden und denken, ein Erdbeben, das nicht auf ihrer Titelseite steht, habe gar nicht stattgefunden. Jeder schreibt es, das Ergebnis ist dasselbe. Aber die Haltung – man kann sich ja nur blamieren, wenn man in diesem Einheitsbrei mitschwimmt. Bis man eben absäuft.“ Mokant wies ich Siebels auf BILD, Blick und Krone hin. Doch das ließ ihn kalt. „Kakerlaken sind eben widerstandsfähiger als Rehe. Und Augenhöhe mit den Konsumenten heißt nicht zwangsläufig, freiwillig im Dreck zu liegen.“

Der Matte Painter spielte die Innenstadt von Erlangen ein. Das Rathaus, die Beton gewordene Kathedrale des schlechten Geschmacks, flirrte digital durch die Schaufenster eines Cafés. Köln folgte, Dresden und Potsdam und Bremerhaven. Der Protagonist warf wütend eine Tasse auf den Boden. Konstanz, Kiel, Kassel, ein ganzer Kasten Geschirr ging zu Bruch. „Die regionalen Aspekte werden ja auch vernachlässigt“, erläuterte Siebels, „natürlich sehen Sie die Sache mit ganz anderen Augen, wenn es in der Nachbarschaft spielt. Noch so ein Punkt, bei dem die Printmedien patzen. Wir machen das besser.“ „Und was bringt Ihnen das ein außer einem Riesenaufwand an Zeit und Kosten?“ Er lächelte nachsichtig. „Wir produzieren anders. Zielorientierter. Wir beteiligen die Schauspieler am Erfolg. Wer zum besten Darsteller des Monats gewählt wird, erhält einen Bonus. Das motiviert. Hier gibt es keine Fixkosten-Kalkulation, wo das Volk nach Jahrzehnten jede Woche vor der Glotze hockt und Mutter Beimer eine Embolie wünscht, um die alte Tante nicht mehr sehen zu müssen.“

Aber vielleicht hatte er Recht. Vielleicht hatten andere Medien zu wenig die Bodenhaftung gesucht. Der Jungspund war schon wieder im Dialog: „Ey, Panne oder was!? Isch mach Disch Messer!“