Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXII): Die politische Lüge

10 02 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Seitdem sich die Zellkumpen aus der Ursuppe getraut haben, wurde es eigentlich nicht besser. Die Raubfische der Tiefsee täuschten mit blinkenden Dingern an der Rübe Fresschen vor und schluckten die Interessenten dann lebendig weg, aber anders machen Banken heute auch keine Reklame. Diverse Brutschmarotzer entsorgten ihr Gelege in Nachbars Nest. Aber erst der Hominide schleicht pfeifend ans Säbelzahnzicklein heran, krault es noch einmal am Bärtchen und zieht ihm dann die Steinaxt über die Kalotte. Sobald die evolutionäre Schlacke sich in Horden, Clans und Stämme teilte, wusste sie die Spaltung von Zunge und Tat zu nutzen. Das Talent zur Irreführung wurde zum Herrschaftsinstrument.

Das Dumme an der Lüge ist ja, man muss die Wahrheit kennen, weil sie sonst nichts auslöst. Und selbst da braucht es die feine Abstufung zwischen leiser Flunkerei und plärrender Räuberpistole, um das Heer der Blödkolben zu mobilisieren. Die Renten, schwafelte einst die abgesägte Glatze der Herz-Jesu-Sozialisten, seien sicher. Keiner habe die Absicht, Ehrenwort, eine Mauer, ich wiederhole: mein Ehrenwort, zu bauen. Read my lips. Trallala, da blühen die Landschaften. Inzwischen hat trotz funktionierender Portokasse der kleine Mann auf der Straße, dem die politische Lüge meist gilt, noch keine Segnungen des Fortschritts festgestellt, aber würde er die Wahrheit überhaupt vertragen?

Realpolitik ist letztlich nur das Kaufen von Zeit zu einem schwer verhandelbaren Preis, denn keiner weiß, wann er sich je im eigenen Seemannsgarn verheddert. Dass dabei mit doppelten Standards gearbeitet wird – Sozialismus war böse, die Waffen-SS liegt aber schon so lange zurück, und da waren die bedeutendsten Köpfe Mitglied, denen wir den Wiederaufbau zu verdanken haben – liegt nicht nur daran, dass Staatsräson ohne Machiavellismus nur selten standfest bleibt. Uneingeschränkte Macht ist nur dann zu erreichen, wenn in einem Arbeitsgang auch die Lufthoheit über die angeblich Klugen errungen wird; wird die Luft zu dünn, braucht es wiederum der Gewalt, um die von ethischen Resten befreite Herrschaft zu sichern. Aus einfachem Realitätsdesign schwiemelt sich alsbald die Macht Waffen für den Krieg gegen die Wahrheit.

Erzählt man also dem fluchtwilligen Briten, wöchentlich zahle das Land 350 Millionen Pfund Sterling an die Europäische Union, mit denen das gebrechliche Gesundheitssystem aufgepäppelt werden solle, so wäre diese Heuchelei mit einem kurzen Blick in die Bücher erledigt. Allein es wirft keiner einen Blick in den öffentlichen Haushalt, da es sich um Leimrute in der schlimmsten Form handelt: um das Versprechen, dem Quotengeziefer Geld zu schenken, sogar unter der Voraussetzung, hinfort vernünftig unters Volk zu jubeln, was zuvor dem Altbösen in den Rachen gepfropft ward. Dass die Verwirrung mit pseudomoralischem Anstrich in die Öffentlichkeit tritt, ist nicht neu, sondern wird planmäßig ausgeführt. Wer aber glaubte nicht der Lüge, gereichte sie genau den Richtigen in der Gesellschaft zum Guten?

Der Bettnässer von Braunau hat die Propaganda nicht anders behandelt, und das mit dem Twist, der ihn zum König der Aluhütchenspieler adelte: die Lüge, zumal eine, die den Regelbruch innerhalb der politischen Struktur zur Folge haben würde, per Dekret als konstituierendes Element einer anderen Wahrheit einzusetzen. Indem sie sich gegen alle offensichtlichen Beweise des Gegenteils abdichten, wird ihr Kahn noch nicht wasserdicht, säuft aber langsamer ab. Da mit dem Krieg die Wahrheit als erstes stirbt, ersetzt man sie vorsorglich mit der Alternative zur Wahrheit; sie stabilisiert sich, indem sie sich auf die Dümmsten stützt, die zwischen Lüge und Wahrheit nicht unterscheiden wollen, und aus allerlei Lautsprechern quillt, deren Ausstoß den Tiefstbegabten als wahr gilt, weil er das Leugnen locker übertönt.

Wahrhaftigkeit war nie eine politische Tugend, und noch selten hat sie das Politische oder die Welt verändert. Gefahr für die auf Realitätsverweigerung beruhende Räson jedoch entsteht schneller als das Rettende, wenn sich der staatliche Notstand auf der Grundlage einer moralischen Umwertung der unmoralischen Werte verfestigt. Wie die Gewalt die Wahrheit liquidieren kann, so wird Politik, meist als national borniertes Geschäft verstanden, früher oder später durch die heraufbeschworene Gewalt wieder entfernt, da Blut und Eisen noch nie eine dauerhafte Macht, geschweige denn Koexistenzen gezeitigt haben. Wer Zügellosigkeit und Habsucht in seiner eigenen gründlich verdübelten Restexistenz findet und sie zur Triebfeder des übrigen Mistgabelmobs erklärt, der irrt; nicht der Zweck heiligt die Mittel, die Mittel schlagen beizeiten zurück. Denn keiner, der nur bewundert werden will, wird von denen bewundert, die nur bewundert werden wollen. Derer aber, abgesehen vom destruktiven und ausbeuterischen Rand der Clique, gibt es mehr als genug. Man lügt sie nicht an, und wenn, dann nur einmal.





Zigeunergulasch

14 09 2015

„Naa, das kriegen wir schon hin, Herr Kollege. Da kooperieren wir einfach gegen diese internationalen linken Gutmenschenregierungen, einschließlich der Merkel da in Berlin, und dann einigen wir uns auf eine gemeinsame Lösung. Erstmal schickt Ihr uns diese ganzen Juden her, mit denen haben wir jede Menge Erfahrung.

Beim letzten Mal hat’s ja auch geklappt, und wir sind mit den Juden hier sehr gut fertig geworden. Naa, nach der Wiedervereinigung. Als Ihr da alle plötzlich demokratisch werden musstet, da haben wir auch geholfen, und seitdem hat die Welt wieder ein positives Bild von Deutschland. Die haben sich gut integriert, wir konnten uns mit diesem jüdisch-christlichen Abendlandgefasel ein neues Allzweckalibi anschaffen, und die meisten von unseren Nazis haben auch gar nicht mehr gegen die. Das liegt vielleicht auch daran, dass unsere ein bissel dümmer sind als der Durchschnitt, aber in unserem Freistaat kann man damit auch in höhere Parteiämter aufsteigen.

Denn das müssen Sie uns dann doch zugeben, Herr Kollege: Deutschland ist einfach besser. Wir haben einen untadeligen Ruf in Europa. Und zwar als führende Nation. Hier herrscht Ordnung, und wenn es die gerade mal nicht gibt, dann herrscht wenigsten irgendwas, klar? Und das muss man auch können. Wir unterstützen Sie gerne dabei, aber damit eins mal gleich klar ist, wir sind Deutschland. Dann kommt ganz lange gar nicht, und dann irgendwann kommt Ihr.

Man braucht nämlich eine Ruhe, und eine Ordnung braucht man. Das sind die Grundfesten eines Staatsgebildes, verstehen Sie? Lichtenhagen war ein Beweis, dass wir eine ordentliche Polizeitruppe haben. Kein deutscher Volksgenosse wurde damals verletzt. Gut, die ungarische Polizei greift auch gerne so durch, wie unsere nur dann durchgreift, wie wenn gerade keiner hinguckt, aber ist nicht der Punkt. Wir sollten zusammenarbeiten. Als gute Europäer.

Schauen Sie, Herr Kollege – wir brauchen ja Autobahnen. Naa, wir haben in Deutschland schon noch andere Sachen zum Tun, aber diesmal müssen wir eben die Autobahnen neu ausbauen, fünfspurig, weil sich das mit der sakrischen Maut sonst nicht rechnen wird. Und viel kosten soll es halt auch nicht. Sonst gibt’s nämlich in der nächsten Legislaturperiode, wenn ich dann festgestellt habe, dass ich auf das Amt des Ministerpräsidenten und Parteivorsitzenden gar nicht verzichten kann, schon aus Gefahrenabwehr für den Freistaat Bayern, dann gibt es nämlich an den Stammtischen eine mittlere Revolution, wenn die alle feststellen, dass wir für die nächste Bankenrettung gar kein Geld mehr haben, weil wir alles für die Brücken und Schulen und Kindergärten hinausgeschmissen haben. Das wird doch keiner wollen, oder? Sehen’s, und das haben wir uns jetzt so gedacht: wir arbeiten mit Personal, das nicht unbedingt fragt, wann und wie und wo, wie beispielsweise bei unserer guten bayerischen Wurst – ich rede hier vom Personal, verstanden? die Produkte kommen freilich immer noch auch Bayern, man lässt da doch nicht zu, dass sich so ein Saupreiß auch noch daran bereichert – und dann kommen wir mit dem Kostendruck viel besser zurecht. Schicken’s uns halt einmal ein paar von Ihren Herren, denen es wirtschaftlich besser gehen könnte, dann arrangiert man sich schon.

Sie sagen doch, Flüchtlinge hätten gar kein Recht auf ein besseres Leben. Deshalb sollen die ja Autobahnen durch Bayern bauen. Und Brücken. Und diese Radarkästen und so. Schicken’s uns ein paar von Ihren Gulaschzigeunern, die können wir schon zwei Jahren beschäftigen.

Natürlich muss das diskret ablaufen, Herr Kollege. Naa, nicht mit einem internationalen Communiqué, dass wir jetzt ein paar Tausend Fremdarbeiter von Ihnen beschäftigen. Das wollen Sie doch sicher auch nicht. Ich würde das viel lieber unter der Hand regeln – die werden ausgewiesen, und dann tauchen sie hier auf, Quartiere werden sie sich suchen müssen, aber da zähle ich auf die Flexibilität Ihres Menschenmaterials. Wenn man etwas wirklich will, dann kriegt man es doch meist auch.

Wir würden dann auch höchstens mal in enger Zusammenarbeit mit unseren größeren Medien ab und zu auf Schwarzarbeiter stoßen, die von Subunternehmern von Subunternehmern von Subunternehmern angestellt worden sind und gar nicht wissen, dass sie sich in Deutschland befinden. Das ist dann sehr unangenehm, aber nicht für mich. Und dann bauchen wir das ein paar Tage lang auf, weil wir endlich den Beweis haben, dass uns diese illegalen Einwanderer die Arbeit wegnehmen, und dann ist auch gut. Eben, Sie haben es verstanden. Genau deshalb bilden wir ja auch keine Langzeitarbeitslosen weiter, weil wir die als Druckmittel brauchen. Und Ihre Schmarotzer brauchen wir dann eben als Druckmittel, damit uns die Langzeitarbeitslosen nicht frech werden.

Also wir können uns da einigen, dass die ungarische Regierung mit uns an einem Strang zieht? Sehr gut. Wir nehmen ab dem nächsten Frühjahr die ersten Arbeiter. Zeitlich befristet natürlich. Und wenn wir sie nicht loswerden, Herr Kollege, haben wir ja immer noch die Terrorkarte.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCXCIII): Werte

3 07 2015
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Jede feucht-völkische Deppenansammlung kennt sie, jede religiös sich bepredigende Schar, und nicht nur die konservative Fraktion führ sie im Schild, mit dem sie verteidigt, was scheinbar ansonsten nicht laufen kann. Was jede Ideologie jeder Ideologie vorwirft, meist in Verkennung, selbst Ideologie zu sein, hier wird’s Ereignis, und sei das Eis auch noch so dünn: Werte zählen. Welche, das bestimmt oft nicht viel mehr als der Wetterbericht.

Jeder reklamiert die universalen Ansprüche, die die eigene Gesellschaft, die eigene Nation, den eigenen Schützenverein zu dem gemacht haben, die sie heute sind, für sich und nur für sich. Jeder Heckenpenner auf Sozialentzug hofft, es fiele außerhalb des Wahlkampfes nicht auf, dass ein komatöser Mob sich für die eigenen ethischen Fundamente interessiert wie für das Innere von Pickeln, und die Hoffnung fällt auf fruchtbaren Boden. Gilt es gegen andere, die uns die eigene Wurst streitig machen könnten, echt oder eingebildet oder von den Bannerträgern der eigenen Ordnung herbeifantasiert, dann plärrt der Führer von Werten, und das verseifte Gros stapelt sich hinter ihm.

Da man den größten subjektiven Wert Dingen zumisst, die relativ knapp sind, stehen die Werte in der soi-disant zivilisierten Welt eben ganz oben. Fast alles lässt sich mit dieser Seifenblase an den Haaren in die Mitte der Manege zerren, Wirtschaft und Sozialabbau, manchmal beides, und wenn es um die Verteidigungsbereitschaft geht gegen Hier-ein-Volk-nach-Wahl-einfügen-das-eigentlich-von-der-Herrenrasse-ausradiert-gehört, wer würde nicht Werte exportieren wollen? Natürlich exportiert die Seite des gerechten Krieges dann noch Werte, und wir nutzen dazu meist Flugkörper, die genug Minderjährige und Senioren unter den Zivilisten mit plattmachen, so dass sich die Demonstration westlicher Moral auch noch jahrlang lohnt.

Keiner spricht über den Wertewandel, es sei denn, man will als Regierungsdarmleuchter mal eben ein bisschen Remmidemmi mit religiotischer Schwungmasse veranstalten, wenn eine dieser degenerierten Versagerinnen der Öffentlichkeit ankündigt, bald nach der Gleichstellung werde sicher ein deutscher Volksgenosse seinen Staubsauger ehelichen wollen. Wertewandel, den man unbedingt negativ verstehen will, ist auch die Abgötterei mit dem Kapitalismus und Abkehr vom Ahlener Programm, das den ganzen Berufskatholen ja viel zu viel Jesuskacke enthielt. Im positiven Sinne wäre es überhaupt die konsequente Umsetzung der Zivilisation, der Abschied vom Auge-um-Auge-und-Zahn-um-Zahn-Prinzip. Aber was kümmert eine Gesellschaft die Versuchung, die eigenen Standpunkt kritisch zu hinterfragen – die Gartenzwerge beharren auf der Größe ihrer Schatten bei untergehender Sonne und lassen sich ihre Auffassung nicht zerreden.

Denn meist ist es nicht Glaube oder säkulares Sendungsbewusstsein, nicht einmal Leberwerte als Ausdruck der daseinserfüllten Weltsicht spielen eine Rolle, sondern schlicht die schwarze Zahl. Wer Wert preist, hat nur die Materie zum ideellen Prinzip erhoben, was mehr über den Grad seiner Zivilisiertheit aussagt, als es die Zivilisation je könnte.

Die neoliberale Gesellschaft ist geboren aus Schutt und Asche einer totalitären Welt pervertierter Ideologien, die subjektiv für die eigene Größe, im historischen Rückblick für die Zerstörung der Zivilisation selbst standen. Der heutige Realitätsallergiker will die alte Größe, weiß jedoch, dass er sie mit schwerem Mangel erkaufen würde, und entscheidet sich instinktiv gegen die Unsicherheit der Verhältnisse. Dass er damit zugleich die postdemokratische Gesellschaft herbeireden will, ist sein Kreuz. Wie praktisch, dass man bei einer primitiven Masse auch mit Friedensgeschrei einen Krieg argumentativ durchdrücken kann.

Das Vordringen postmaterieller Bedürfnisse ist immer ein Einbruch durch das dünne Eis der gesellschaftlichen Verfasstheit, der Konservative hasst sich selbst dafür, dass er Stück für Stück die Individuen in seiner Population als Menschen wahrnehmen muss und ihre Werte ebenso als die seinen. Kurzfristig verteidigt der Berufskathole den Feminismus gegen die bösen Flüchtlinge, die aus einer patriarchalen Parallelwelt stammen, um ihn hernach im kruden Cocktail krustiger Vorurteile wieder fortzuspülen, als sei er eine in der Studentenrevolte aufgekommene Schnapsidee. Wert ist, was in Fettschrift auf ein Plakat passt, als rituelle Abwehrhandlung gegen das Andere. Solange es Dumme gibt, wird es diese Abziehbilder einer postulierbaren Ethik geben. Solange es diese Abziehbilder gibt, werden Menschen geboren und zu Dummen erzogen. Man wird ihnen sagen, ihr Verhalten sei irgendwie nachhaltig, und sie werden es als Wert verkaufen. Immerhin.





Restschutzmittel

2 07 2014

„Oder doch irgendwie liberal und so?“ „Das macht mich jetzt aber echt betroffen, Du.“ „Leute, könntet Ihr vielleicht freundlicherweise mal kurz das Ziel vor Augen behalten?“ „Erneuern, oder?“ „Ja, aber die liberale Marke!“ „Ach so.“ „Hm.“ „Und ich dachte schon, die FDP.“ „Oder uns.“ „Oder so.“

„Es gibt keine Denkverbote, Ihr müsst einfach nur…“ „Was müssen wir?“ „Und wieso eigentlich: müssen?“ „Pff.“ „Sollen wir uns jetzt erneuern oder nicht?“ „Wir brauchen einen neuen Markennamen, das ist nach der letzten Bundestagswahl doch wohl klar ersichtlich.“ „So klar ist das gar nicht.“ „Was wir bräuchten, wäre ein neuer Markenkern.“ „Und eine neue Markendefinition.“ „Oder überhaupt mal die Frage, warum wir uns überhaupt als Marke aufstellen müssen, wenn wir noch nicht einmal einen einzigen Inhalt haben.“ „Soll ich Euch alle an die frische Luft setzen!?“ „Typisch.“ „Die übliche Tour, die Parteiführung besteht aus nach oben durchgereichten Versagern, und wir dürfen deren bekloppte Ideen zur Weltrettung umsetzen.“ „Habt Ihr schon Westerwelle gefragt?“ „Nee, der war ja schwer damit beschäftigt, ein paar Hundert Presseleute einzuladen und ihnen mitzuteilen, dass sie seine Angelegenheiten nichts angehen.“ „Der Markenkern der FDP, würde ich sagen.“

„Wie hieß noch mal dieser Profilneurotiker mit der Polyesterfrise?“ „Berlusconi?“ „Nee, Lindner.“ „Richtig. Der wollte vernünftige Wirtschaftspolitik in der deutschen…“ „Dann sollte er seinen Laden nicht umbenennen, sondern abwickeln.“ „Oder an die Grünen verkaufen.“ „Das macht mich aber total betroffen jetzt.“ „Nicht ernst nehmen. Vorsitzende kommen, Vorsitzende gehen. Solange sie Niebel noch nicht aus dem Bombenkrater gekratzt haben.“ „Bitte! Wir brauchen einen…“ „Den hätten wir schon vor Jahrzehnten gebraucht, aber dann kam leider der Falsche.“

„Irgendwas mit Politik.“ „Klingt nicht schlecht, ist aber zu sperrig.“ „Finde ich auch.“ „Moment, das war jetzt nicht als…“ „Wobei das mit der Politik ja eher Nebenkriegsschauplatz war.“ „Die sind auch eher für irgendwas mit Politikern zu gebrauchen.“ „Irgendwas mit Wirtschaft?“ „Jedenfalls nichts mit Menschen.“ „Wir sollten uns vielleicht auf die Kernkompetenzen der…“ „Irgendwas mit Propaganda.“ „Das tendiert ja sogar wieder in Richtung Markenbewusstsein, sehr gut!“ „Klasse!“ „Hauptsache, wir haben endlich dieses blöde D draußen.“ „Deutschland?“ „Wieso Deutschland?“ „Weil Deutschland in dieser Partei keine… nee, Moment mal.“ „Ist doch besser andersrum.“ „Dass die Partei nicht mehr in Deutschland ist?“

„Wie wär’s mit Konzertierte Lobbyisten Organisation?“ „Korrupt?“ „Geht auch.“ „Merkt man ja kaum.“ „Vor allem die Abkürzung ist gut.“ „Genau!“ „Da weiß man auf dem Wahlzettel wenigstens sofort, wo man seine Stimme rein schmeißt.“

„Leute, es geht nicht darum, dass Ihr das Rad neu erfindet.“ „Das wäre ja noch verhältnismäßig leicht.“ „Und ausnahmsweise mal eine sinnvolle Aufgabe für die Zukunft.“ „Wir müssen…“ „Wir?“ „Er meint uns.“ „Also einer schwingt die Reden und die anderen baden es aus.“ „Typisch.“ „Nein, ich meine nur, dass wir…“ „Die Partei braucht einen neuen Anstrich.“ „Bei dem Zustand auch nicht verwunderlich.“ „Eine Art Rostschutzmittel.“ „Hier wohl eher Restschutzmittel.“ „Wie ist das mit Mövenpick?“ „Wollen wir jetzt als Discounter-Ware auftreten?“ „Nein, aber dann hätten wir wenigstens mal eine Dachmarke mit renommiertem Namen.“ „Stimmt.“ „Hatten wir ja länger nicht.“

„Und wenn man das ganzen Personal…“ „Statt der Namensänderung?“ „Er meint bestimmt zusätzlich.“ „Dann wär’s ja überhaupt nicht mehr die FDP.“ „Also Mission erfüllt.“ „Warum sollen wir das eigentlich machen?“ „Wüsste ich auch gerne.“ „Na, wir wollen glaubwürdig bleiben.“ „Also ist eine Partei dann besonders glaubwürdig, wenn sie ihren Namen wegschmeißt?“ „Wohl eher dann, wenn sie ihre Herkunft verleugnet.“ „Diese Kritik an den Linken ist durchaus…“ „Wissen wir, macht es aber nicht besser.“ „Oder hat die Partei jetzt vor, den Linken alles nachzumachen?“ „Ja, aber viel erfolgreicher.“ „Na dann Prost.“

„So, keine Müdigkeit vorschützen! Liberal! Eine neue Marke in der Parteienlandschaft!“ „Und das sollen wir jetzt auf die Schneller erledigen?“ „Bis zur nächsten Bundestagswahl ist ja nicht mehr viel Zeit.“ „Bis zur nächsten Bundestagswahl ist auch nicht mehr viel Luft.“ „Nach oben schon.“ „Und wenn wir dann auch scheitern?“ „Dann sind wenigstens zwei Namen verbrannt.“ „Klingt auch nicht besser.“ „Ist es auch nicht.“ „Was darf das überhaupt kosten?“ „Frag lieber, was das wen kosten wird.“ „Den Vorstand sicherlich nichts.“ „Und was haben wir für Mittel?“ „Nicht viel.“ „Also irgendwas Junges.“ „Möglichst preiswert.“ „Und hip.“ „Oder so.“ „Ich glaube, ich hab da was.“ „Und das wäre?“ „Moment noch. – Hallo, Ikea? Ich hätte gerne den Mitarbeiter gesprochen, der die Klappstühle benennt.“





Der Knopf

24 06 2014

„Die Technik macht ungeheure Fortschritte“, sagte Knöttgen. „Sie können die Geräte so gut wie überall mit sich führen, ohne damit aufzufallen.“ Ich betrachtete den Kasten auf dem Tisch, ungefähr so groß wie ein Schuhkarton, allerdings aus solidem Metall. Er schüttelte den Kopf. „Das ist bloß die Stromsparsteckdose meines Vorgängers, die hat nicht einmal funktioniert. Den Politranslator habe ich hier in meiner Hand.“

Es war nämlich ein kleiner Hörer, den man sich ins Ohr steckte. „Dazu regeln Sie die Frequenz mit einem Drehknopf – der passt in jede Jackentasche.“ Der Knopf hätte auch gepasst, leider war das dazugehörige Kästchen nicht besonders flach. „Ich hoffe, ich muss nicht den ganzen mit einer Beule in der Jacke herumlaufen.“ Knöttgen kratzte sich am Kopf. „Man wird nicht gleich denken, dass es eine Waffe ist, aber schön sieht es nicht aus. Warten Sie mal.“ Er verschwand für einen Augenblick. „Sie können das Gerät mit einer App steuern. Ich habe sie zwar noch nicht getestet, aber rein theoretisch sollte sie es schon tun.“ „Versuchen wir es mal“, entschied ich. „Damit wäre ich für den Auftritt gerüstet.“

„Wir wollen mehr Arbeits-Plätze schaffen“, verkündete der Spitzenkandidat. „Auch Menschen ohne eine gute Berufs-Ausbildung sollen Arbeit haben.“ Ein wenig irritierte die Asynchronität, doch ich gewöhnte mich schnell an den Knopf im Ohr, der die Wahlkampfveranstaltung in eine einfachere Sprache übersetzte. Zur Probe stellte ich den Apparat mit dem Telefon stumm. „Kapitalanleger müssen auch in Zukunft die Möglichkeit zu Hochrisikoinvestments haben, um die Kreditwürdigkeit der Finanzbranche nicht unnötig aufs Spiel zu setzen.“ An. „Jeder, der viel Geld hat, soll damit zocken.“ Aus. „Die Stärkung der deutschen Wirtschaft durch eine Erleichterung des Kreditrahmens…“ An. „… macht die anderen Länder arm, und das ist schön.“ Aus. „Sollte es jedoch zu einem Ungleichgewicht der Exportquoten von nationaler und peripherer Wirtschaft kommen, so birgt dies die Gefahr einer Deflationsspirale, die zu einer Rezession führt, in deren Wirkung…“ An. „… uns diese Scheißbimbos in den Arsch treten werden.“ Nanu? Ich war bei einer normalen Wahlkampfrede eines gemäßigt rechten Linken, der sich nie als links bezeichnet, aber sicher auch nie bewusst gemäßigt hätte. Er trug keinen Schnauzbart, beim Sprechen lief ihm nur wenig aus dem Mund, und das Publikum schien auf eine recht nationale, aber kaum auf eine rechtsnationale Rede gewartet zu haben. Was war da los?

„Ihr seid dann nämlich alle gekniffen, weil wir Euch die Job noch schneller als bisher geplant unter dem Hinten wegziehen werden.“ War das noch Rechtspopulismus? Normalerweise machen diese Politiker dem Publikum Angst, aber doch nicht vor ihrer eigenen Verworfenheit? „Und wenn Ihr dummen Arschlöcher erstmal arbeitslos seid, dann kriegt Ihr von und derart eins in die…“ An. „… zur Konsolidierung des Bundeshaushalts beitragen, denn wir können von unseren europäischen Nachbarn und Freunden nicht rigide Sparmaßnahmen verlangen, ohne selbst genau darauf zu achten, dass wir…“ Aus. „… uns Eure Kohle hinten und vorne reinstopfen werden, und Ihr werdet dafür so was von…“ An. „… alle den Gürtel enger schnallen müssen, um das bisher Erreichte zu stabilisieren, besonders für künftige Generationen, die…“ Aus. „… sich in ihren Billigjobs bis dahin hoffentlich alle totgeschuftet haben, damit meine Erben genau so ein stinkfaules, korruptes Pack werden wie…“ An.

Es musste ein kleiner Übermittlungsfehler sein, oder das Gerät übersetzte plötzlich Klartext. Sonst hätte der Wahlredner sein Publikum nicht derart beleidigt. Knöttgen war nicht erreichbar. Hatte ich etwas an dem Ding verstellt?

„Zugleich müssen wir als Deutsche wieder mehr Verantwortung zeigen, damit unsere Wirtschaft auch international konkurrenzfähig bleibt.“ War das jetzt schon die Übersetzung? Es brummte ein wenig, dann schaltete das Gerät sich von selbst wieder ein. „Auch mit Kriegs-Einsätzen kann Deutschland den Ausländern zeigen, wie gut wir für unsere Wirtschaft sorgen.“ Knack. „Wenn diese Lakritznasen in die Steinzeit zurückgebombt haben, dann werden sie uns Deutsche nie wieder schief angucken.“ Kracks. „Dabei sterben manche Leute, und wenn wir Pech haben, sind es Deutsche.“ Krrk. „Wir dürfen uns nicht abhängig machen von den Rohstoffen eines einzigen Lieferanten.“ Kräck. „Wir kaufen das billig von den armen Leuten, und dann lassen wir andere arme Laute für einen Hunger-Lohn ganze schicke Telefone daraus machen, für die man hier sehr viel Geld bezahlt.“ Krrrrrrk. „Deshalb ist ein Freihandelsabkommen mit unseren transatlantischen Partnern alternativlos, weil es Chancen und Perspektiven für beide Seiten eröffnet.“ Kkkrrrk. „Und zwar für die fetten, korrupten Kapitalistenschweine drüben und die fetten, korrupten Kapitalistenschweine hier, und Ihr unterprivilegierte Versager dürft den ganzen Dreck kaufen, damit Ihr nicht merkt, dass Ihr von uns für dumm verkauft werdet.“ Knacks.

Das Publikum war begeistert. Ich musste zugeben, er machte auch eine gute Figur dort oben auf dem Podium. Mein Sitznachbar klatschte ergriffen. Ich rückte den Knopf im Ohr zurecht. Es knackte. „Wissen Sie“, sagte er, „ich werde den Mann wählen.“ Ich nickte zustimmend. „Ein rhetorisches Talent, oder?“ Er pflichtete mir bei. „Er sagt doch genau das, was alle denken.“





Trau, schau, wem

30 01 2014

„… die Deutsche Bahn künftig zu kontrollieren. Dobrindt habe erklärt, er wolle sich nicht mehr auf die Zahlen verlassen, die das Unternehmen selbst als Rechtfertigung für Zahlungen, Subventionen und…“

„… einer genauen Prüfung nicht standhalten könne. Die Anschaffungskosten der Drohne seien nicht wie erwartet doppelt so hoch, sondern mehr als…“

„… bei der Finanzierung des Stuttgarter Tiefbahnhofs lediglich ein Komma verrutscht, allerdings um mehrere Stellen nach…“

„… dass die durchschnittliche Fünf-Minuten-Verspätung der Fernzüge wenigstens eine halbe Stunde…“

„… habe die Bundesagentur für Arbeit die Quote der Arbeitslosen versehentlich um fast ein halbe Prozent…“

„… noch nicht sagen könne, wie weit der Börsenpreis für Strom fallen werde, weshalb die Industrie auch noch nicht verraten wolle, wie hoch der Verkaufspreis im kommenden…“

„… dass der Aufklärungsflieger nicht wie erwartet mit wenigen Monaten Verspätung geliefert werden könne. Das Papier von 1999 sei inzwischen nicht mehr…“

„… geringe Summen als Fehlbetrag ausweise. Es könne nur um einstellige Beträge bei der Elbphilharmonie gehen, allerdings Millionenbeträge, da diese sich…“

„… belaste die geplante Pkw-Maut die Bundesbürger tatsächlich nicht um mehr als hundert Euro pro Monat. Tatsächlich liege die Summe knapp oberhalb von…“

„… fließe der gesamte Etat zwar in die Finanzierung der Luftrettungshelikopter, deren Einsatz jedoch entspreche nicht den…“

„… die Erhöhung der erhöhten Zahlen leicht erhöht sei. Dennoch könne man nicht von (wenn auch unabsichtlich) verfälschten Arbeitslosenzahlen ausgehen, sondern müsse die…“

„… angenommen, dass die Auslastung der Reisezüge bei 98% liege. Gesicherte Zahlen gingen inzwischen davon aus, dass es sich dabei um den Grad der Überbuchung handle, der zusätzlich durch…“

„… werde dadurch kompensiert, dass die Benutzung der Bundesautobahnen durch ausländische Fahrzeuge nur knapp ein Drittel der bisher angenommenen…“

„… sei es nicht mehr möglich, die von Hoeneß gezahlte Summe zu eruieren. Alle beteiligten Beamten seien sich jedoch sicher, dass es um einen Betrag im niederen vierstelligen…“

„… die Mietpreisbremse noch nicht umgesetzt. Die SPD gehe davon aus, die Erhöhungen bei maximal 15% zu deckeln, was real höchstens einer Verdreifachung der Kaltmieten in den westdeutschen…“

„… wolle die Deutsche Polizeigewerkschaft die Anzahl der tatsächlich gefahrenen virtuellen Streifen bei Google Street View nochmals prüfen, da die Strecke in eklatantem Missverhältnis zu den Fahrtenbüchern und Kraftstoffabrechnungen…“

„… es sich um höchstens fünf bis sieben, maximal vierzig Prozent zu viel Arbeitslose handeln müsse, die durch versehentliches Herausrechnen aus der…“

„… habe die Deutsche Bahn AG bisher keine belastbaren Zahlen über den Abbau des Schienennetzes beibringen können, da die Schienen, die nachgeprüft werden sollten, bereits entfernt oder nicht mehr…“

„… weniger einbringe. Die Summe liege nur ungefähr 700 Millionen Euro unterhalb der tatsächlichen Betriebskosten, so dass die Autobahnmaut nunmehr einen Fehlbetrag von…“

„… um eine bewusste Fälschung der Quoten gehandelt habe, wenn die Zuschauer von Jauch, Kerner und Lanz als Konsumenten von politischen Sendungen…“

„… eine Neuauszählung der Stimmen der letzten Wahlen zum CSU-Parteivorsitz nicht vorgesehen sei, da ein fehlerhaftes Ergebnis traditionsgemäß nie…“

„… dass die arbeitsuchenden Arbeitslosen eigentlich ja Arbeitslose seien, die Arbeit suchten, was jedoch in der Statistik bisher ausgenommen worden sei, da sie nicht als Arbeitslose, sondern nur als Arbeit suchend zur Beendigung ihrer Arbeitslosigkeit…“

„… um eine erhebliche Kostensteigerung. Die Summe sei nicht genauer zu beziffern, weshalb sich die Deutsche Bahn AG bereiterklärt habe, sie vom Staat zu fordern, ohne zuvor einen…“

„… auch nicht den technischen Spezifikationen entspreche. Laut von der Leyen gehe die Bundeswehr inzwischen davon aus, dass die Flugkörper nur mit Hilfe zusätzlicher Kleinmotoren flugfähig…“

„… eine genaue Zählung ergeben, dass der ADAC nicht wie offiziell angegeben 20 Milliarden deutsche Autofahrer…“

„… mehrfach korrigiert. Die Drohne sei nicht nur nicht in der Lage, länger als sechs Stunden in der Luft zu bleiben, das erste Nachtanken habe bereits vor dem Verlassen des Kasernengeländes…“

„… wobei die fünf Millionen Arbeitslosen noch einmal zusätzlich zu rechnen seien. Sie hätten sich in einer Schublade befunden, die bisher keiner geöffnet habe, da man dort lediglich Arbeitslose und…“





Armutszeugnis

29 11 2012

„… gebe der neue Bericht nun die Meinung der Bundesregierung wider und müsse daher nicht nochmals…“

„… halte bei Discountern der Trend an, Waren vor dem Erreichen des Mindesthaltbarkeitsdatums in den Müll zu werfen. Dies sei zahlreichen Geringverdienern geschuldet, die bei der Auswahl ihrer Lebensmittel viel qualitätsbewusster…“

„… solidarischer Aktionen bis hin zum kompletten Lohnverzicht, damit mehr Steuergelder für notleidende Banken statt für Griechenland…“

„… habe laut Vizekanzler Rösler die bisherige Sicht die kausalen Zusammenhänge nicht exakt gewichtet. Vielmehr liege die gefühlte Armut in Deutschland nur daran, dass immer mehr Arme…“

„… legten Beschäftigte im Niedriglohnsektor vermehrt Wert auf Wohnkultur. Die Zahl der Umzüge in kleinere Altbauwohnungen mit Ofenheizung spreche für das Bedürfnis nach mehr Originalität, namentlich in den Slums von…“

„… gestiegenes Unrechtsbewusstsein. Da auf 1400 Euro Steuerhinterziehung inzwischen fast ein ganzer Euro unberechtigt gezahlter Sozialleistungen kämen, erwarte man durch ein a priori vermitteltes Schuldbewusstsein einen erheblichen Rückgang der Hartz-IV-Anträge. Die Bundesagentur zeige sich kompromissbereit, den Armen mit mehr Druck und Verachtung zu…“

„… begrüße der Einzelhandel Lohnkürzungen und harte Einschnitte bei den Sozialleistungen. Da Arme nun nicht mehr so viel konsumierten, könne sich das Personal nun intensiver um die Besserverdienenden…“

„… begeistere sich die Bevölkerung mehr und mehr für die Klimaziele der Kanzlerin, die schon immer eine entschiedene Gegnerin der Atomkraft gewesen sei. Eine Umwelt-Avantgarde aus Erwerbslosen versuche derzeit durch Stromsperren und Energieverzicht, die Forderungen ihres Idols Peter Altmaier bundesweit populär zu…“

„… sich die trendgerechte Mobilität der Hipster zum Vorbild nähmen. Immer mehr Berufsaussteiger seien heute obdachlos, um das Ideal der Freiheit, wie sie Bundespräsident Gauck und die FDP…“

„… Tendenz zu gemeinschaftlichen Aktivitäten, die sogar außerhalb der Arbeitszeit unternommen würden. So besuche ein Großteil mehrmals pro Woche die Tafeln, um mit Gleichgesinnten in fröhlicher Runde einen netten…“

„… eine kausale Verbindung von Erwerbsarmut und Bildungsdefiziten zu erkennen. Die meisten Jugendlichen seien inzwischen nicht mehr davon überzeugt, dass die Bildungsdefizite auf Seiten der Bundesregierung…“

„… gesundheitsbewusste Ernährungsweise in den unteren Dezilen. Man finde vor allem eine Reduktion um dreißig Prozent der Kosten für drei Monate, die sich als sogenannte Hartz-Diät größter Beliebtheit…“

„… direkten Unterstützung für Staatskonzerne. Da weniger Arme sich Mobilität leisten könnten, verkaufe die Deutsche Bahn AG weniger Tickets, müsse so noch weniger auf Unpünktlichkeit Rücksicht nehmen und konzentriere sich ganz auf defekte Klimaanlagen, Datenschutzlecks, den geplanten Börsengang sowie…“

„… für strukturelle Verbesserungen am Arbeitsmarkt. Rösler unterstütze die Meinung der Bevölkerung, durch sinkende Löhne könne insgesamt das Lohnniveau steigen, durch mehr Arbeitslose könne man Vollbeschäftigung erzeugen und durch Steuersenkungen gäbe es…“

„… sich die drohende Altersarmut immer mehr entschärfe. Von der Leyen habe dabei insbesondere Hartz IV als Trainingsprogramm gelobt, um im Alter trotz Mangelernährung möglichst lange überlebensfähig zu…“

„… sich Arbeitslose auch aus Rücksicht versteckten und nur noch in besonders abgeteilten und bewachten Arealen aufhielten. Die ALG-II-Bezieher hätten Sorge, ihr anstrengungsloser Wohlstand könne den Neid von Investmentbankern und anderen anständigen Staatsbürgern…“

„… gebe es im Gegensatz zum Bundeshaushalt kaum sinnlose Neuverschuldung. Die Niedriglöhner neigten nicht zur Anschaffung von Motorjachten, Oldtimern und Pelzmänteln, selten erworben würden auch Fußballvereine, Banken oder…“

„… sich für eine Vermögenssteuer aussprächen. Die zweckgebundene Abgabe solle nach dem Willen der Bürger für Vermögende in Not genutzt werden, etwa für Niebels Auslegeware oder die…“

„… die Neigung der Erwerbslosen zum Suizid ein Anzeichen von gestiegener Eigenverantwortung im Gesundheitssystem sei. Bahr führe die Welle an Selbsttötungen darauf zurück, dass Sterbehilfe bei unheilbaren Krankheiten nicht von den Kassen…“

„… Bruttostundenlöhne von weniger als sechs Euro gefordert. Nur konsequenter Lohnverzicht sei eine geeignete Solidarmaßnahme, um die Profite der Wirtschaft nicht zu gefährden. Viele Arbeiter und Angestellte sprächen sich inzwischen auch dafür aus, ganz auf Gehälter zu…“

„… müsse auch Bildung wieder eine Rolle spielen. Da immer mehr Jugendliche die Schule abbrächen, verzeichne man proportional auch weniger schlechte Abschlüsse, so dass von einer durchschnittlich höheren Qualifikation für den…“

„… ein größeres kulturelles Bewusstsein für deutsche Traditionen. Nicht nur ehemalige DDR-Bürger seien wieder an Zensur, Schnüffelei und…“

„… immer mehr Angehörige des Prekariats ein neues Lebensgefühl entwickelten. Vermehrt komme es nach Aussage von der Leyens zu Brotmangel, der aber durch Kuchen…“

„… sich Arbeitslose durch Eigeninitiative fit hielten. Sportarten wie Pfandflaschensammeln und Papierkorbtauchen seien Ausdruck der anhaltenden Daseinsfreude von jungen und alten…“

„… in den folgenden Legislaturperioden der besten Bundesregierung seit der Wiedervereinigung nicht mehr zu erwarten sei. Das Kabinett verzichte künftig auf wirtschaftliche oder soziale Erwägungen, die Regierung kenne sich ohnehin nur mit geistiger Armut aus und wolle daher…“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CLXXV): Astroturfing

23 11 2012

Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer


Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Sie irren, alle irren sie sich, wenn sie denken, nur der Tod und die Steuern seien sicher, in welche Kategorie von Staat oder Gesellschaft man auch durch pränatale Zufallsereignisse hineingeraten sei, marktkonforme Demodiktatur, Klerikalfaschismus, kleptosome Mischformen oder die gute alte Monarchie. Nichts und gar nichts ist gleichermaßen verhasst und gefürchtet bei den einen, mit purer Gleichgültigkeit quittierst bei den anderen, wie es der Spalter jeder totalitären oder Spaßgesellschaft nur sein kann. Sie ist die öffentliche Meinung, das Schmirgelpapier am Gesäß der Machthaber, die unentschärfbare Sprengbombe, die die Hohlpfosten in Regierung und Aufsichtsrat, in Lobby und Kamarilla gleichermaßen in die Embolie treibt, denn sie ist nicht näherungsweise so gut zu berechnen wie das Konsumverhalten oder die Trendabhängigkeit. Stehen Wahlen ins Haus, käme vielleicht eine kleine Revolution zwischendurch in Betracht, wer würde da nicht gerne eine handliche Notbremse neben dem Schleudersitz griffbereit wissen? Es gibt sie, zumindest in der kindischen Welt der pseudoelitären Grützbirnen. Nichts macht sie glücklicher als Astroturfing.

Leicht gewöhnt man sich an den besonderen Service unserer geliebten Führer: sie machen sich unseren Kopf. Wo immer diese Horde von Homo-sapiens-Parodien in die Gefahr käme, sich mit Großbaustellen, Währungspolitik oder einer Gebietskörperschaftsreform den Feierabend zu versauen, schickt man ihnen die Nanny, die sie mit vorgekautem Stoff füttert. Argumentation aus vorletzter Hand kleckert in die Ohren der Masse, breiiger Beton für den Pfropf in Richtung Cortex schottet sie ab von der widrigen Wirklichkeit. Man wundert sich lediglich, warum keiner der geistig Ungesegneten merkt, wie Meinungsmacheten und Begriffseinpeitscher sich unter die Menge mischen, um sich distanzlos anzukumpeln. Dumme jubeln den Soundtrack zum Untergang nach, das Volk schreit nach der Peitsche – man hat es zu lange im Glauben gelassen, es dürfe sich aussuchen, an welcher Seite des Geräts es dereinst stehen dürfe.

Dabei haben wir das Werkzeug der Pöbling-Relation-Manager schon voll verinnerlicht und schniefen es mit jeder Waschmittelwerbung tief in die Hirnrinde rein: glückliche Menschen in einer zutiefst glücklichen Umgebung (tiefenentspannte Kühe und glückliche Zapfsäulen im Hintergrund, die Musi spielt einen volkstümlichen Junglejingle, ein Alpenpanorama wird wie zufällig um eine Tube Zahnpasta zentriert) benutzen glücklich eine beliebige Plempe im Tiegel, hernach quarren sie in die Kamera, wie authentisch sie sich fühlen, wenn sie ihre Schuhe mit dem Zeug putzen. Echte, authentische Menschen, die drittklassige Kleindarsteller, die echte, authentische Menschen spielen – wir nehmen ihnen von einem gewissen Möblierungsgrad der Kalotteninnenseite abwärts den Schmodder ab.

Weil der Bekloppte in einer Top-down-Welt lebt und früh gelernt hat, seine Wirbel knacken zu lassen, wenn der Befehl von oben quäkt. Der Hanns Guck-in-die-Luft lässt es lieber in die Nase regnen, anstatt den Wuchs der Graswurzeln auf seine Richtung und Tiefe zu kontrollieren. Sein von verbalem Gerümpel versautes Sensorium hat die Bedienungsanleitung für die Dialektik gründlich missverstanden. Er hält den Chorgesang plötzlich auftauchender Jubeltuten für reine Natur mit Schleifchen; vermutlich jault er im Knabenbass die gut abgehangenen Stimmungsschlager aus der Populismushitparade gleich mit. Deus lo vult. Und während er diesen merkwürdig verschwiemelten Zufall für keinen hält, um den sich eine dufte Verschwörungstheorie kneten ließe, so wittert er lieber bei anderen Dingen den Dunst des Skandals.

Dass der Blindgänger bei übermäßiger Claque misstrauisch wird, scheint an seiner tief im Neidzentrum eingewurzelten Beißroutine zu liegen, die immer dann zuschnappt, wenn der Beknackte in unverbindliche Larmoyanz flieht und sich in Selbstmitleid ergehen kann. Wo aber die gesteuerte Kampagne den Besuch der Logikkita zwingend voraussetzte, wird’s halt wohlig düster unterm Schädeldach. Der Hohlrabi ist es gewohnt, seine Regierung zu wählen, wie er seine Brötchen kauft: ohne erheblichen Einsatz der arteigenen Vernunft, zur Not auch gegen die eigenen Interessen, weil das Verkaufspersonal so hübsch grinst. So liest er sein Meinungssurrogat in den Kommentarspalten der Totholzzeitung, bekommt in der Repetierhandlung die Sache als eigene Denkleistung eingepoltert, bis sie nachschwatzfähig wieder rauskommt – auch dies übernimmt, da gerade biegsam beschäftigt, das Rückenmark. Edlere Teile werden nicht damit behelligt.

Es bleibt doch zu fragen, wie man auf dem eingeflogenen Teppich bleiben kann, wenn man dessen Hinterseite aus unglücklich verketteten Umständen einmal zu Gesicht bekommen sollte. Die Erfahrung lehrt zwei Dinge. Einerseits kippt jede Aktion eines Tages auf, denn sie hat einen der Behämmerten als Sollbruchstelle vorgesehen, der plappert, Papiere liegen lässt, Passwörter streut oder mit angefüllter Hose zur Gegenseite überläuft; andererseits erzeugt jede nicht gehörte Schuss einen gewaltigen Rückstoß, der die Einflüsterer von der Platte putzt. Etwas viel Aufwand, gleich die Bude abzufackeln, wenn man einen Dieb darin hört. Aber es wird sich nicht bessern, denn auf der anderen Seite sitzen dieselben Idioten. Was übrigens auch zu den Unverbrüchlichkeiten dieser an sich witzlosen Existenz gehört, wie etwa Steuern. Oder der Tod.





Schwarzrosagold

22 11 2012

Wasserklar und ölig schwappte die Flüssigkeit in dem kleinen Fläschchen. „Die Wirkung ist gar nicht auszudenken“, kicherte Nötzke. „Seien Sie gewiss, dass wir in den nächsten Monaten nach Kräften weiterforschen werden, um das Zeug in großem Maßstab herzustellen.“ Ich betrachtete das Ding. „Sie meinen, man sollte diese Substanz literweise produzieren?“ Erstaunt hob der Forscher die Augenbrauen empor. „Aber nein, keinesfalls. Hektoliterweise, das träfe es wohl eher.“

Ich entkorkte das Gefäß und fächelte ein wenig von diesem blumigen, bananenartigen Duft in meine Richtung. Es stach erst in der Nase, milderte sich sofort ab und schwankte zwischen Heu, frischen Erdbeeren und einer viel befahrenen Autobahn. „Vorsicht bitte“, mahnte Nötzke. „Noch sind die Wirkungen nicht vollständig erforscht, und wir wollen natürlich kein Risiko eingehen.“ „Sie möchten mir natürlich nicht verraten, wer Sie bei diesem Projekt unterstützt?“ Er lächelte. „Wir erhalten Bundesmittel. Mehr darf ich nicht sagen.“ Für eine Chemikalie, die gegen Infektionen schützen, das Hautbild verbessern und den Appetit zügeln sollte, erschien mir dies ungewöhnlich; allein, ich zweifelte nicht an seinen Worten. Die öffentliche Hand hatte schon für ganz andere Sachen Geld aus dem Fenster geschaufelt.

Nötzke steckt mir ein Zettelchen zu. „Ich habe Ihnen die Telefonnummer aufgeschrieben, wenn Sie sich entschließen könnten, unseren Geschäftsbericht zu betreuen.“ Ein schmales Papier, das ich faltete und in die Rocktasche steckte. „Wir halten Sie auf dem Laufenden. Und benachrichtigen Sie mich am besten sofort, wenn Ihnen etwas einfällt.“

Den leichten Husten auf der Treppe ignorierte ich, aber ich begann zu keuchen, als ich die Halle betrat. Für einen Moment lang suchte ich nach einer Sitzgelegenheit, dann war es schon wieder vorbei. Der Herbsthimmel breitete sich über die Stadt, in lustigem Grau, in dem heitere Sprühregentropfen herumtänzelten. Ein junger Mann, muskulös und nach der aktuellen Mode gekleidet, rempelte mich an. Ich muss ihn nicht richtig verstanden haben. Er bestellte Grüße an meine Mutter oder so ähnlich.

Ein Hupkonzert tauchte den Theaterplatz in komplexe Rhythmen. Der eine oder andere Fahrer hatte die Scheibe heruntergekurbelt und hielt ein lautstarkes Schwätzchen mit seinem Nebenmann. Sie schüttelten die Fäuste und gaben sich alle Mühe, dem Ernst ihres Ausdrucks zu verleihen.

Am Zeitungskiosk erfuhr ich, was gestern in der Welt passiert sein musste – der Händler hatte die Nachrichten eigens für mich einen Tag lang aufbewahrt. Dicke Schlagzeilen verkündeten den erfolgreichen Einsatz von Rüstungsgütern im Nahen Osten, der tausende junger Männer zu einer spannenden, actiongeladenen Tätigkeit rief. Zugleich zeigten internationale Diplomaten und Regierungsgeschäft, wie gut sie den bewaffneten Konflikt verhindern konnten. Es war alles so schön, ich hätte mir nichts Schöneres vorstellen können.

Eines Besseren belehrt wurde ich in der Linie 3, genauer gesagt im Bus, den ich an der Uhlandstraße Ecke Museumsplatz bestieg. Eine fröhliche Schar halbwüchsiger Rangen demonstrierte die Lebendigkeit ihres Alters und sang mit Vorwitz sowie aus voller Kehle ein Potpourri heiteren Liedguts, vornehmlich in dauernder Rotation, so dass ich es bald hätte mitsummen können – wenn es nicht den kontaktbedürftigen Hund gestört hätte, der seine spitze Schnauze immer wieder liebevoll in meine Kniekehle stieß. Ich fühlte mich geborgen, denn wer kann das schon für sich in Anspruch nehmen, die aufmerksame Hinwendung der Mitwelt nach einem langen, von aufregender, fordernder Arbeit versüßten Tageslauf.

Frischluft drang mir entgegen, als ich das Verkehrsmittel in der Bismarckstraße wieder verließ. Heiter blinkerte eine Herde hyperaktiver Stimmungsleuchter durch das abendliche Dunkel. Die Leuchtreklame empfahl mir den Geschmack der großen, weiten Welt. Eine Recyclingtonne schmückte die Garageneinfahrt. Kaum hatte ich die Wohnung betreten, da knipste ich begierig das Abendmagazin meines Lieblingssenders an. Ein Personenkraftwagen auf dem Bahnübergang hatte für eine freie Wohnung gesorgt, die Nation jubelte einem Superstar zu, der unter vielen anderen Superstars super sang, eine Zahnbürste schrubbte spurlos Tomaten ab, die Kanzlerin verkündete, dass sie die beste Bundesregierung seit der Vereinigung zweier gleicher Völker anführte, und sie verhieß uns Sonnenschein und Vollbeschäftigung, scharfe, aber gerechte Steuern für alle, die sich für die Mittelschicht hielten, Sicherheit und weiter so für alle Bürgerinnenundbürger und eine Komikernation voller Liebe und Frieden, Liebe und Frieden, Liebe und Frieden. Und Frieden. Und Liebe. Und Frieden.

Schweißgebadet kam ich zu mir. Das Telefon jodelte durch den Raum. „Ich kann es nirgendwo finden“, jammerte Nötzke. „Ich habe es doch nicht versehentlich in den Müll geworfen?“ Man konnte deutlich hören, dass er vor Angst am ganzen Leib bebte. „Die Formel steht doch darauf – ohne die Formel müssen wir wieder ganz von vorne anfangen!“ Ich tastete nach meiner Anzugtasche. „Wenn ich die Formel nicht wiederbekomme, dann können die Bundestagswahlen nicht stattfinden!“ Die Streichhölzer lagen griffbereit neben dem schweren Kristallascher. „Beruhigen Sie sich“, besänftigte ich Nötzke. „Es ist alles in bester Ordnung. Glauben Sie mir.“





Schubidu

17 08 2011

Die Türklingel ließ ein melodiöses Gebimmel erschallen. Schritte schlurften über die Dielen, dann öffnete er die Tür: Jean Chanteur, der Schlager-Pate. „Singer“, begrüßte er mich, „Hansi Singer. Ich hatte Sie bereits erwartet. Kommen Sie herein und machen Sie es sich bequem.“ Hier also entstand die Unterhaltungsmusik einer ganzen Nation.

Mein Gastgeber hatte sich in dem großen, knöchelhoch mit Papier bedeckten Zimmer ans Klavier gesetzt. „Bringen Sie mir den Stapel da nicht in Unordnung“, wie er mich an, „das wird die neue Platte für Freddy Pernambuco. Links neben der Stellage müsste eine Kiste liegen, da setzen Sie sich hin.“ Und wirklich befand sich ein Kasten unter dem Notenverhau. Ich nahm Platz. „Hören Sie mal – wie finden Sie das?“ Singer klimperte einige Akkorde und hub mit seiner nasalen, verrosteten Tenorstimme an zu säuseln: „Rote Rosen im Abendwind, davon träumen die Cowboys in Honolulu!“ Ich hüstelte. „Heiße Nächte in Rio, wo sind sie geblieben?“ „Pardon“, wandte ich ein, „dass in Honolulu Rinderzucht betrieben wird, das wäre mir jetzt neu.“ „Egal.“ Singer suchte bereits in einem Stapel unterhalb des Instruments. „Die meisten Leute wissen auch nicht, wo genau Rio liegt. Und die Platten verkaufen sich doch.“

Er hatte die passenden Noten gefunden. „Da haben wir’s. Das Problem ist, ich weiß nicht, ob ich es den Krachlhuber Schluderbuam oder Tony Tornado & The Beatstars andrehen soll.“ „Wo ist der Unterschied?“ Er seufzte. „Schwierig zu sagen, es ist kulturell ein ganz anderer Hintergrund.“ Das begriff ich – zumindest glaubte ich es. Doch er war ganz anderer Meinung. „Der Ober-Krachlhuber Mustafa ist verhältnismäßig konservativ eingestellt, Straubing eben, dem darf ich nichts Frivoles schreiben, das mögen die Niederbayern nicht. Und Tony heißt mit bürgerlichem Namen Andrzej Dembończyk, da müssen die Texte verhältnismäßig einfach sein. Er spricht ungefähr so gut Deutsch wie ein Fußballspieler.“

Auf dem Boden lagerte angefangenes Material in Hülle und Fülle. „Wie gesagt, man schreibt nicht immer alles für denselben Künstler. Deshalb muss man immer ein bisschen flexibel bleiben, und mit den kleinen Feinheiten kommt dann der Interpret mit seinem Lied auch zurecht. Wollen Sie mal hören?“ „Was bleibt mir anderes übrig“, resignierte ich, und schon griff Jean Chanteur in die Tasten. „Das ist Wahnsinn“, jodelte er – „Das wäre jetzt die Version für Tony Tornado, und dann haben wir die für Die Drei Desperados, wollen Sie mal…“ Ich zuckte ergeben mit den Schultern. „Das ist Irrsinn!“ Eine semantisch völlig unterschiedliche Nuance, das musste ich zugeben. Singer zeigte kein Mitleid. „Das ist Unsinn“, grölte er. „Wenn Martin Isecco den singen würde.“

Singer war kurz in den Flur geschlurft, um die Zigarettenschachtel aus seiner Jacke zu holen. Ich blätterte durch die Papiere auf dem Flügeldeckel. „Gaby Schlüpperke hat ihr neues Album von mir betexten lassen, soll ich Ihnen mal die – kennen Sie nicht? Kennen Sie Gaby Schlüpperke nicht?“ Ich musste passen, und er schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn. „Natürlich nicht, wie konnte ich auch so dumm sein! Chantal van Houten, die werden Sie doch wohl schon mal gehört haben? Passen Sie auf, wie finden Sie das?“ Bevor ich protestieren konnte, hatte er sich wieder an die Klaviatur gemacht. „Schallala, halli-hallo, yeah, yeah – schubi-dubi-du, trallali-trallala, schubidua!“ „Fantastisch“, antwortete ich trocken. „Das wird ihr internationaler Durchbruch. Wenigstens werden Sie für diesen Text den Übersetzer sparen.“ „Ich weiß nicht“, gab er skeptisch zurück, „ich weiß nicht, woran es liegt – aber in der Schweiz stagnieren ihre Verkaufszahlen.“

„Und das hier?“ Singer lief hochrot an. „Sie haben es gewusst?“ Er nestelte an seinem Kragen. „Bringen Sie mich bitte nicht in Verlegenheit in meinem Berufsverband – es darf keiner wissen, dass ich mir mittlerweile ein Zubrot verdienen muss.“ „Sie meinen wohl, Sie bestreiten Ihren Lebensunterhalt inzwischen zum größten Teil durch politische Propaganda.“ Er blickte mich verbittert an. „Ja, das stimmt. In meiner Studentenzeit war ich ein politischer Aktivist und wäre sicher einmal ein großer Autor geworden – Heine haben wir damals gelesen, Enzensberger! Grass! Aber dann bekam meine Frau das erste Kind, und dann musste ich irgendwie die Miete bezahlen, und da stand dann zufällig Hubert Kaloppke von den Swing-Jimbos. Und mein Schwiegervater in spe hatte eine elektrische Orgel im Keller stehen. Und ich hatte eine Menge Einfälle, was man alles machen könnte mit dieser drittklassigen Kapelle.“ Mitleidig sah ich ihn an; ein Leben im Frondienst der Schlagerbranche zog an mir vorbei, scheußliche Liedchen von Sonne und Südsee, ewiger Liebe und grauenerregenden Endreimen, stümperhaft nachgeplärrten Chansons und holpernden Kanzonetten, Alpenalbträumen und senilem Popgetöse im Rückwärtsgang. „Und wie halten Sie das aus?“ Er lächelte. „Sekundärrohstoffe. Ich verwerte die Sachen meist mehrfach. Kennen Sie das?“ Und schon hatte Jean Chanteur sich ins Klavier vergraben. „Ich schenke Dir die Sterne, Baby – am blauen Himmelszelt!“ Er setzte ab und schaute mich erwartungsvoll an. „Ich senke Dir die Steuern, Baby – und diesmal klappt’s bestimmt!“ Das also war sein Erfolgsgeheimnis. Hansi grinste. „Alte Autorenweisheit: manche Texte sind so bescheuert, die kann man nur singen.“