Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXVIII): Gesundheitswahn

7 04 2017
Gernulf Olzheimer

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Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Endlich eitriger Ausschlag! Tagelang sah es nur nach einer leichten Magenverstimmung aus, die Rückenbeschwerden waren bedauerlicherweise schon nach kurzer Dauer abgeklungen – dass sie nur vom stundenlangen Stehen kamen, ist bisher sowieso ungeklärt – und der Drehschwindel wollte sich einfach nicht mehr einstellen. Es müssen die verdammten Karotten gewesen sein, die es bis vor wenigen Millionen Jahren ja auch noch nicht gab. Endlich ein Grund, auf Nuss und Nudel zu verzichten, endlich Kasteiung, kalte Sitzbäder und Rutschen auf rohen Erbsen! Kniebeugen mit Essig und Luftanhalten bei vollem Hohnausgleich! Nur eins macht glücklich, der Gesundheitswahn!

Kaum beißt dem gemeinen Europäer die Erkenntnis ins Bein, dass der Aufenthalt auf diesem zweifelhaften Rotationskörper von kurzer Dauer ist und bestenfalls im ersten Drittel ohne die lästigen Degenerationserscheinungen der geistigen Reife abgeht, schon eskaliert er in alle Richtungen. Nur gesund will er sein, vielleicht innerlich deformiert, psychisch am Rande der Auflösung, verarmt von Scharlatanerie, auf dem Jahrmarkt der Quacksalber verschollen, bloß: gesund. Wenigstens so, dass er sich für gesund hielte.

Aber was heißt das schon. Der in Peru vereinzelt vorkommende rote Rübenwurm, dem man hinter vorgehaltener Hand eine Mitschuld am eruptiven Nachtschweiß gibt, muss in badischen Bäckerblättchen breitestmöglich als Gefahr für das teutonische Abendland ausgerufen werden. Erst jetzt erkennt die züchtig waltende Hausfrau, dass die je um je sommers wie auch winters grippoid die Schleimhaut verschwiemelnde Angelegenheit in Wahrheit aus Mangel an gestampften Sojakeimen rührt, was jeder weiß, der schon einmal im Anflug der Erkältung gestanden haben mag. Zack, schon pfropft eine Anzeigenindustrie ohne Furcht noch Adel ihnen Postwurf in die Pupille, die Message Iss Cola, trink Popcorn aufzusaugen, und dann keimt der Schmadder. Das glitschige Konglomerat aus Stolz und Vorurteil greift zu allerhand Hausmittelchen, schwört Gluten und Baumwollhosen ab und vertraut nach dem straffen Heilbaden auf Schrumpelhaut als untrügliches Anzeichen des plötzlichen Herztodes.

Schwierig wird’s, wenn Nachbarn, Freunde oder verbliebene Familienmitglieder den Bescheuerten beim Verzehr roher Gurke sehen, beim Stehen auf dem falschen Bein, Duschen mit zu kaltem, mit zu warmem Wasser, Wasser überhaupt, Duschen an sich, Körperpflege im Allgemeinen, Äußerungen des organischen Lebens im weiteren Sinne. Da hat früher der Russe die Finger im Spiel gehabt, jetzt sind es Mainstream und Medien, die falschen natürlich, und die Pharmalobby, die mit boshafter Einflüsterung dem Todgeweihten zu verstehen gibt, er sei im Wahrheit gar nicht magersüchtig (habe keinen Krebs, sei nicht schizophren), obwohl er pro Tag einen Kubikliter Chemtrails einatmet (Pestizide per Fruchtfliegen schluckt, Kontaktgifte mit der Apfelschale inkorporiert). Gegen diese böswillige Verkürzung höchst komplexer Zusammenhänge arbeitet ein konzertiertes Hysteriemarketing an mit der generalstabsmäßig für die Marketingschlacht eingedosten Placeboschwemme, die dem Deppen eine Vorstellung von den mittleren Höllenkreisen gibt, in denen das Verbot von Kohlehydraten und Zucker gar nicht mehr diskutiert wird. Sie verfallen in pseudoreligiöse Raserei, brägenbewölkt und im Kern des Wesens erleuchtungsfähig wie Teerpappe.

Denn nichts anderes ist die Kulturideologie für Dumpftüten, die für eine vernünftige Psychose nicht genug Vorbildung besitzen. Sie wollen ihre eigene Endlichkeit jenseits jeglichen Verfalls in die Transzendenz wuppen, koste es, was es wolle, auch und vorwiegend unter komplett bescheuerten Umgebungsvariablen einschließlich einer Askese, die die Restbestände des vegetativen Handelns für intellektuell zurechnungsfähige Dritte nicht mehr wie Leben aussehen lässt. Das Kreisen im denkfreien Raum macht vorsichtshalber alles zur Krankheit, damit spirituelle Ausfallerscheinungen es wieder ausgleichen können – Heilung to go, Jesus muss sich angesichts der komplett verseiften Pauschalpropheten vorkommen wie ein Gesundbeter aus dem Anzeigenblättchen. Hätte er wenigstens schon Wein in Milchzuckerkügelchen verwandelt, die Nummer wäre in die Geschichte eingegangen. Ja, die Lage ist aussichtslos, aber immer noch nicht ernst genug. Schauen wir den Kranken zu, wie sie joggen, auf Mehl verzichten, Bäume rechtsdrehend umarmen und lösungsmittelfrei gebatikte Tapeten an die Wand vom Meditations- und Bügelzimmer tackern. (Leim ist halt nicht vegan.) Irgendwann sind sie derart mies überdosiert, dass sie sich schon wieder gesund fühlen. Und dann plötzlich sterben sie. Alle. Was ist das für eine Welt.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCXLII): Heilmittelchen

30 05 2014
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Was hatte es der naturbelassene Hominide doch leicht. Bei einfachen Sprunggelenksbeschwerden legte er durchgekaute Kräuter auf die Haut – mit der anwachsenden Hirnmasse wurde ihm langsam klarer, dass bereits das Kauen half, Schmerz und Schwellung von innen zu bekämpfen. Mit der Zeit lernte er Wirkstoffe und Anwendungen, Dosierung und Kontraindikationen zu beherrschen, bekam ein Gefühl für Wechselwirkungen und Toleranzen, und es erschloss sich ihm eine vollkommen neue Welt, in der er jeglicher Krankheit Herr wurde. Leider überlebte so auch jeder Klötenkasper, den sonst die Evolution aus dem Genpool genascht hätte. Und dieses geistige Gewölle fing an zu studieren, möllerte sich die Birne an der Wand ein und erfand feinstoffliche Aromatherapie, orthomolekulare Psychiatrie und Heilquanten, kurz: die Pseudomedizin der vielen Heilmittelchen.

Alles wäre halbwegs gut gewesen, hätte sich der postdiluviale Bildungsbürger weiter an pflanzliche Substanzen gehalten und seine Wehwehchen damit kuriert. Allein die Aufklärung lockte filigrane Symptome der Beklopptheit aus der Tiefe der Seelen, Hexenwahn und Kapitalismus – der Verwandtschaftsgrad ist noch nicht raus, aber sie sind Angehörige derselben Sippe – und führte den Wahnsinn methodisch fort.

Eine ganze Industrie mit Tentakeln bis in die Werbewirtschaft lebt inzwischen von der Blödheit der Prä- bis Postgeronten, die nach der Lektüre der Apothekenfachperiodika jedes noch so beknackte Zeugs hinters Zäpfchen zwängen. Sie verkaufen den Heilungssuchenden Fischöl und Pollenpillen, Schlangenöl und Wässerchen jenseits von Gut und Böse. Geschickte Pharmazeuten drücken dem zahlenden Opfer gar Kürbis gegen nächtliche Pinkelattacken und Lavendeldrops für zügigen Schlaf in die Hand, wohl wissend, wäre Letzteres wirksam, könnte man sich Ersteres sparen. Die Koksgnome im weißen Kittel schachern fröhlich mit den Abfallprodukten der Forschung, anders ist ihr Umgang mit derlei Placebo und Zückerchen nicht zu deuten. Früher fuhren sie mit Planwagen über Land und priesen Brackwasser als Allheil-Tonikum gegen eingewachsene Fußnägel, Herz- und ähnliche Infarkte, schlechte Börsennachrichten und chronischen Hirnzellenauswurf. Heute schieben die Drecksäcke Schubladen auf und zu, um im Sekundenschlaf der Vernunft einer hilflosen Schar grundverdeppter Allesglauber Zink anzudrehen, das Nonplusultra der alternativen Medizin.

Weil Zink, sagt zumindest die Pseudomedizin, gegen eigentlich alles hilft, Allergie und Asthma, schwiemelnden Schweißfuß und Morbus Aua. So verkauft der durchschnittliche Pillendreher pro Tag den Gegenwert eines Kleinwagens an Zinkpastillen, obwohl er sein Examen nicht bestanden hätte, würde er den Schmadder, den er den Kunden hier auftischt, einem Pharmakologen ins Gesicht sagen. Vermutlich werden sie irgendwann die grassierende Zinkallergie der Bevölkerung entdecken und mit homöopathischen Nanozinkpartikeln kontern, damit sie wieder Salben, Tinkturen und Gelkapseln unters jammernde Volk jubeln können.

Man kann es den approbierten Mehlmützen nicht einmal anrechnen, dass sie größtenteils Unfug in Tüten ausgeben, der ungefähr so wirksam ist wie der Versuch, seinen Harndrang zur Schlafenszeit in eine Klangschale unterm Bett zu lenken. Da sie den offensichtlich kernhysterischen Patienten mehr oder weniger wirkungs- bis sinnlosen Schrott an die Backe packen, Pflästerchen und Sprühschaum, Creme und Murks-in-Wasser-Emulsionen, geleiten sie die Zweifelnden von einem Beschiss zum nächsten, währenddessen sich wenigstens die subjektive Befindlichkeit, größtenteils jedoch auch der objektive Status verschlechtert. Nach dem zwölften Zink-Magnesium-Kombipräparat mit Apfel-Qualle-Geschmack fegt der Apotheker dann die röchelnden Reste des reflexzonenresistenten Moribundus aus dem Laden und karrt ihn in die Notaufnahme. Vielleicht haben die ja einen besseren Blasentee.

Unterdessen schlägt die Fraktion professionell arbeitender Hypochonder gnadenlos zurück und zeigt den Pharmakolügnern, was eine Harke ist. Auf ihr Geheiß ballern sich Drogeriemärkte und Discounter die Regale voll mit Abführdragées und Pinkelpastillen für Untenrum, für die Omme gibt’s Gingkoglobuli, und wenn Kollege Alzheimer nach Retardkapseln quengelt, ist wohl auch etwas da. Warum in die Ferne schweifen? Wo der normale Konsument sich ohne Leidensdrückerkolonnen den Stoff holt, ist noch genug Platz für andere. Sollte dem Apotheker angesichts des Ansehens- und Einkommensverlustes der Kamm schwellen, empfiehlt sich frischer Ingwer, gerieben und mit Öl vermengt, wahlweise zur innerlichen Anwendung oder großflächig auf dem Kopf verschmiert. Und ansonsten hat er bestimmt noch ein Schächtelchen Zink im Haus.