Patentrezept

28 09 2016

Er sah wirklich bemitleidenswert aus, wie er sich am Gartenzaun festhielt. Horst Breschke schniefte und keuchte. „Das ist der kühle Sommer dieses Jahr“, jammerte er, „würde er nicht so lange dauern, ich hätte mich nie erkältet.“ Ein gewaltiger Nieser schüttelte den Alten durch. Keine Frage, hier war medizinische Hilfe vonnöten.

Willig ließ sich Breschke die Kastanienallee entlangführen, zwischendurch mehrmals kräftig ins Taschentuch schnaubend. Einmal musste er sich noch am Zaun abstützen, die übrige Zeit hatte ich ihn am Arm. „Meine Frau hatte es vergangene Woche“, teilte er mir mit heiserer Stimme mit. „Aber bei ihr ist es schneller abgeklungen, sie ist ja gerade bei unserer Tochter zu Besuch.“ Die Vermutung lag nahe, dass vor allem seine aktuelle Lage als Strohwitwer zwar nicht zum Ausbruch der Krankheit geführt, ihr wohl aber den Weg geebnet hatte. Im vorigen Jahr hatte der pensionierte Finanzbeamte volle zehn Tage lang auf der Couch geschlafen, lauwarmen Tee getrunken, kaum den Garten aufgesucht, obwohl es im Haus nicht eben kühl war dank der Julitemperaturen, und er hatte nur jeweils einmal einen kurzen Gang vor die Tür gewagt, wenn Bismarck ihn lange genug vom Flur aus angeschaut hatte, weil er einen ganzen Tag lang warten musste. Die Krankheit fühlte sich offenbar recht wohl in Breschke, und es schien mir, als wäre es umgekehrt wohl halbwegs auch der Fall.

„Da ist es“, befand er, und ich kam nicht umhin, ihm sofort zu widersprechen. „Doktor Klengel ist doch schon seit Jahren nicht mehr hier“, erklärte ich mit Blick auf das neue Türschild. Die Kinderärztin im ersten Stock würde ihn sicher nicht behandeln, und im zweiten Stock saß die Nachfolgerin unseres aus Altersgründen nicht mehr praktizierenden Allgemeinmediziners. „Sie wollen doch wohl nicht…?“ „Aber es ist doch seine Praxis“, beharrte Breschke, „und wahrscheinlich werden sie alle Akten behalten haben, da kann ich doch nicht so einfach zu einem anderen Arzt gehen.“ Ich seufzte auf. Dann eben zur Heilpraktikerin.

Das Wartezimmer war angenehm leer, wir mussten nur knapp eine halbe Stunde warten, bis Frau Trummschneider uns hineinbat, das heißt: Breschke bat sie, mich nahm sie mit knirschenden Zähnen hin, weil der Alte darauf bestand. Bestimmt hatte sie sich noch einmal ordentlich auf den neuen Patienten vorbereiten müssen – die Klangschalen mit linksgerührtem Mondwasser desinfizieren, die Fichtennadeln in konzentrischen Kreisen rund um die Badewanne auslegen, alle Globuli nach Größe und Geschmack sortieren – und schien jetzt für jede lebensgefährliche Krankheit gerüstet. „Schlafen Sie nachts manchmal schlecht“, fragte sie. „Und ob“, hüstelte Breschke. „Ich lutsche vor dem Einschlafen noch mal ein Halsbonbon, aber…“ „Ich meine“, unterbrach sie ihn gereizt, „ob Sie generell schlecht schlafen?“ Unser Patient schien die Anamnese nicht so recht zu begreifen. „Da müssen Sie meine Frau fragen“, antwortete er, „sie kriegt davon mehr mit – ich schlafe ja meistens die ganze Nacht.“ Ich sah mich im Zimmer der Wunderheilerin um; auch hier war der vertraute Pillenschrank, und ich meinte, es hätte sich sogar um das von Klengel nachgelassene Möbel gehandelt. „Geben Sie ihm doch einfach etwas zur Linderung“, regte ich an, „dann sind Sie uns schnell wieder los. Und ich sorge auch dafür, dass er sie nie wieder aufsuchen wird.“ Sie rümpfte die Nase. „Wie stellen Sie sich das vor“, murrte sie. „Es gibt doch kein Patentrezept gegen Krankheit, ich muss zuerst seine spezifische Situation in Erfahrung bringen, ob es derzeit Faktoren gibt, also nicht seine Frau, die…“ „Wir haben einen Hund“, unterbrach Breschke schüchtern.

Trummschneider konsultierte vorerst ein dickes Nachschlagewerk, in dem mutmaßlich sämtliche grob nach einem grippalen Infekt aussehenden Erkrankungen aufgeführt waren. „Wir könnten eine Gemüsesaft-Therapie beginnen“, empfahl sie, doch der Kränkelnde blieb skeptisch. „Das kann sogar bei manchen Krebsarten positiv auf die…“ Schon hob er abwehrend die Hände. „Nein“, stammelte er, „das will ich nicht! Am Ende bekomme ich noch etwas viel Schlimmeres bei Ihrem Gemüsezeug!“ „Vielleicht haben Sie Ihre Gemüseextrakte ja als Tabletten“, empfahl ich. „Dann würde wenigstens die Dosierung stimmen.“ „Ich behandle in so einem Fall ausschließlich homöopathisch“, gab sie zurück, deutliche Herablassung in der Stimme. „Sie wissen wohl nicht, wie das funktioniert?“ „Wenn Sie eine niedrige Dosierung bevorzugen“, überlegte ich, „warum geben Sie ihm dann nicht einfach ein Gramm Sellerie?“ Verärgert schlug sie das Buch zu. Schon war sie beim Entscheidenden Teil angelangt. „Ich berechne für die zweiwöchige Behandlung mit Bio-Pflanzenanwendungen einen Betrag von…“ Erkältung hin oder her, der Pensionär sprang auf und griff nach seinem Hut. „Ich bin versichert“, schrie er aufgebracht, „und jetzt soll ich für Ihren Hokuspokus noch einmal zahlen? Das werde ich nicht! Kommen Sie, wir gehen!“ Ein gewaltiger Hustenanfall schüttelte ihn noch im Vorzimmer durch. „Ich werde Ihnen das Handwerk legen!“

Das kleine Mädchen mit dem deutlich geröteten Ohren sah Breschke aufmerksam an. Irgendwo im Hintergrund quengelte ein Säugling. „So“, sagte die resolute Ärztin, „ich habe Ihnen das Rezept dafür ausgedruckt. Sie kümmern sich um ihn, ja?“ Sie reichte mir ein gefaltetes Blatt und drückte meinem hüstelnden Schützling kräftig die Hand. „Wir kriegen Sie schon wieder auf die Beine. Und meine Hühnersuppe hat garantiert keine unerwünschten Nebenwirkungen.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCXLII): Heilmittelchen

30 05 2014
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Was hatte es der naturbelassene Hominide doch leicht. Bei einfachen Sprunggelenksbeschwerden legte er durchgekaute Kräuter auf die Haut – mit der anwachsenden Hirnmasse wurde ihm langsam klarer, dass bereits das Kauen half, Schmerz und Schwellung von innen zu bekämpfen. Mit der Zeit lernte er Wirkstoffe und Anwendungen, Dosierung und Kontraindikationen zu beherrschen, bekam ein Gefühl für Wechselwirkungen und Toleranzen, und es erschloss sich ihm eine vollkommen neue Welt, in der er jeglicher Krankheit Herr wurde. Leider überlebte so auch jeder Klötenkasper, den sonst die Evolution aus dem Genpool genascht hätte. Und dieses geistige Gewölle fing an zu studieren, möllerte sich die Birne an der Wand ein und erfand feinstoffliche Aromatherapie, orthomolekulare Psychiatrie und Heilquanten, kurz: die Pseudomedizin der vielen Heilmittelchen.

Alles wäre halbwegs gut gewesen, hätte sich der postdiluviale Bildungsbürger weiter an pflanzliche Substanzen gehalten und seine Wehwehchen damit kuriert. Allein die Aufklärung lockte filigrane Symptome der Beklopptheit aus der Tiefe der Seelen, Hexenwahn und Kapitalismus – der Verwandtschaftsgrad ist noch nicht raus, aber sie sind Angehörige derselben Sippe – und führte den Wahnsinn methodisch fort.

Eine ganze Industrie mit Tentakeln bis in die Werbewirtschaft lebt inzwischen von der Blödheit der Prä- bis Postgeronten, die nach der Lektüre der Apothekenfachperiodika jedes noch so beknackte Zeugs hinters Zäpfchen zwängen. Sie verkaufen den Heilungssuchenden Fischöl und Pollenpillen, Schlangenöl und Wässerchen jenseits von Gut und Böse. Geschickte Pharmazeuten drücken dem zahlenden Opfer gar Kürbis gegen nächtliche Pinkelattacken und Lavendeldrops für zügigen Schlaf in die Hand, wohl wissend, wäre Letzteres wirksam, könnte man sich Ersteres sparen. Die Koksgnome im weißen Kittel schachern fröhlich mit den Abfallprodukten der Forschung, anders ist ihr Umgang mit derlei Placebo und Zückerchen nicht zu deuten. Früher fuhren sie mit Planwagen über Land und priesen Brackwasser als Allheil-Tonikum gegen eingewachsene Fußnägel, Herz- und ähnliche Infarkte, schlechte Börsennachrichten und chronischen Hirnzellenauswurf. Heute schieben die Drecksäcke Schubladen auf und zu, um im Sekundenschlaf der Vernunft einer hilflosen Schar grundverdeppter Allesglauber Zink anzudrehen, das Nonplusultra der alternativen Medizin.

Weil Zink, sagt zumindest die Pseudomedizin, gegen eigentlich alles hilft, Allergie und Asthma, schwiemelnden Schweißfuß und Morbus Aua. So verkauft der durchschnittliche Pillendreher pro Tag den Gegenwert eines Kleinwagens an Zinkpastillen, obwohl er sein Examen nicht bestanden hätte, würde er den Schmadder, den er den Kunden hier auftischt, einem Pharmakologen ins Gesicht sagen. Vermutlich werden sie irgendwann die grassierende Zinkallergie der Bevölkerung entdecken und mit homöopathischen Nanozinkpartikeln kontern, damit sie wieder Salben, Tinkturen und Gelkapseln unters jammernde Volk jubeln können.

Man kann es den approbierten Mehlmützen nicht einmal anrechnen, dass sie größtenteils Unfug in Tüten ausgeben, der ungefähr so wirksam ist wie der Versuch, seinen Harndrang zur Schlafenszeit in eine Klangschale unterm Bett zu lenken. Da sie den offensichtlich kernhysterischen Patienten mehr oder weniger wirkungs- bis sinnlosen Schrott an die Backe packen, Pflästerchen und Sprühschaum, Creme und Murks-in-Wasser-Emulsionen, geleiten sie die Zweifelnden von einem Beschiss zum nächsten, währenddessen sich wenigstens die subjektive Befindlichkeit, größtenteils jedoch auch der objektive Status verschlechtert. Nach dem zwölften Zink-Magnesium-Kombipräparat mit Apfel-Qualle-Geschmack fegt der Apotheker dann die röchelnden Reste des reflexzonenresistenten Moribundus aus dem Laden und karrt ihn in die Notaufnahme. Vielleicht haben die ja einen besseren Blasentee.

Unterdessen schlägt die Fraktion professionell arbeitender Hypochonder gnadenlos zurück und zeigt den Pharmakolügnern, was eine Harke ist. Auf ihr Geheiß ballern sich Drogeriemärkte und Discounter die Regale voll mit Abführdragées und Pinkelpastillen für Untenrum, für die Omme gibt’s Gingkoglobuli, und wenn Kollege Alzheimer nach Retardkapseln quengelt, ist wohl auch etwas da. Warum in die Ferne schweifen? Wo der normale Konsument sich ohne Leidensdrückerkolonnen den Stoff holt, ist noch genug Platz für andere. Sollte dem Apotheker angesichts des Ansehens- und Einkommensverlustes der Kamm schwellen, empfiehlt sich frischer Ingwer, gerieben und mit Öl vermengt, wahlweise zur innerlichen Anwendung oder großflächig auf dem Kopf verschmiert. Und ansonsten hat er bestimmt noch ein Schächtelchen Zink im Haus.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CLXXVIII): Waldorfschulen

4 01 2013
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Von einigen Ausnahmen abgesehen kommt der Hominide geistig einigermaßen gebrauchsfertig auf diese Welt, lernt die Ein- und Austrittsöffnungen des Verdauungstrakts zu kontrollieren, überwindet seinen Ödipus und kommt manuell klar mit den Objekten des täglichen Gebrauchs. Latent lauert die Gefahr im Dickicht der Dumpfdüsen; kahlrasierte Blödbirnen, Suffköppe und Schweinepriester sind ihm auf den Fersen, doch mit etwas Schneid und der richtigen Bildung kriegt er das Zeug aus dem Pelz, eignet sich die Gebrauchsanweisung der Hirnrinde an und verbringt eine sinnvolle Existenz im Sinne des Erfinders. Das Risiko zu minimieren ist nicht zuletzt Sache der vernünftigen Erziehung. Dumm nur, sollte eine Waldorfschule sie ersetzen.

Kündete ein bekiffter Guru, kurz vor dem Urknall hätte das große Lalulā die Schwerkraft in Borneo und Hessen abgeschafft, um weibliche Personen vor dem Verschimmeln zu bewahren, man schickte ihn luftdicht verpackt an den Absender. Käme eine sozialpädagogisch vorgewaschene Trulla auf den Gedanken, nur durch Mitklatschen ließe sich genug Bewusstsein für Bruchrechnung erzeugen, sie wäre schnell wieder auf der Flucht. Kommt jedoch ein mehrmals mit der Birne gegen den Okkultismus gekloppter Heckenpenner auf die Idee, zwei parallel gelebt habende Jesusse hätten ihm die Offenbarung fürs hernach abgesoffene Atlantis ins Bügelfaltengesicht gefaselt, dann wird der Sperrmüll vermittelst Kultusbehörde in den Rang einer offiziell geduldeten Lehrmeinung befördert, der man unversehrten Nachwuchs in den Rachen schwiemeln darf. Hat man sich bei staatlich approbiertem Unfug, vulgo Religion, schon daran gewöhnt, den Wahnideen eines Frühverkalkten mit hysterischer Realitätsverweigerung folgt man nur mit Mühe und sieht nicht ein, warum sie mit der Brechstange in den Kanon der Regelverdeppung gedrückt werden soll. Trauriger ist, dass noch weniger Bekloppte einsehen, was an dem Schmu so falsch sein soll. Es geht den Kurzen ja gut.

Denn Waldorfschüler werden repressionsfrei herangezüchtet. Sie lernen nichts, dürfen sich beim nach Geschlechtern getrennten Namentanzen (Rudolf Maria mit zweimal Ärmchen hoch, hühüpf ruff-dadda-duff) ihre Angstneurose aufpusten und brauchen ansonsten keine Sorge zu haben vor dem da draußen, das aus Zensuren und Vernunft besteht.

Das Niveau der als Geschichtsunterricht getarnten Frontallappenkirmes ist im unteren Bereich dehnbar. Bis Anno 3573 noch wird der germanische Kulturkreis die aktuelle Evolution fortführen – ethnische Stereotypen olé, so ähnlich muss Kreationismus für Braunbrunzer aussehen – und da bleiben ja noch gut anderthalb Jahrtausende, um sich gegen die störenden Einflüsse von Slawen und Juden durchzusetzen, degenerierten Abarten, die noch nicht von der zentralen Bedeutung des Deutschtums für diese Spiralgalaxie überzeugt sind. Wenn es denn die Kinder glauben, ist ja alles gut.

Bis zum vollendeten siebten Lebensjahr gilt das Balg als physische Verfügungsmasse, es reicht ihm statt zu reflektieren sieben Jahre lang Nachahmung. Kaum wächst dem Kinde ein Ätherleib, darf es Nachfolge und Autorität verinnerlichen, denn was wäre der Teutone ohne diese als erste Bürgerpflicht. Entsprechend ist das für Waldorfpimpfe und Steinerjugend vorgesehene Programm, das die Stammesgeschichte des Menschen gemäß wirrer Orakelschriften deutet: erst sind die Affen, dann die Indianer, dann die Arier aus dem Stamm der Atlantier gekommen, nur der Neger darf als genetisch verhunzte Spielart der Lemuren noch ein bisschen Universalhistorie mitspielen, bis er nach Osten geht, sich zu viel dem Weltenall angliedert und schließlich ausstirbt. Wer diesen Wurzelrassenwahn in unbeschmutzte Kinderschädel pfropft, tut es nicht absichtslos. Wahnsinn und Methode entsprechen einander, sie dienen einem Ziel: der Nachzucht stramm sabbernder Nachfasler. Der Waldorfschüler ist die Avantgarde der Hominisation. Er ist vom Schicksal auserwählt. Wer die schizoide Psychose findet, darf sie behalten.

Einen Webfehler hat diese Masche. Gab es durchaus signifikante Schnittmengen zwischen den Waldorftrotteln und den Schranzen des braunauer Bettnässers, der NS-Staat wollte sie damals wie heute nicht, und heute wie damals aus demselben Grund. Schon damals erkannte man das mystische Maulheldentum der Magieflaschen als komplett unverträglich mit dem Wehrsportgruppenzwang der Kanonenfuttermittelproduzenten. Und so kamen die Anhänger zweier arbeitsscheuer Soziopathen nie auf einen rechten Nenner. Geschenkt, dass die Anthroposophen ihr vergebliches Werben um die Gunst der Völkermörder zum antifaschistischen Widerstand umschminken.

Und so kann man in diesem Lande mit Singen und Klatschen, Farbenlehre und Antisemitismus eine täuschend echte Kopie von Allgemeinbildung erhalten. Man sollte dafür Sorge tragen, dass sich bis zur amerikanischen Epoche (ab 5733) die intellektuellen Rückwärtsjodler ihr Astralleibchen nur gegenseitig zur Verfügung stellen. Was durch Inzucht entartet, wird aus dem Genpool entfernt. Der Nazi glaubt daran, der Anthroposoph auch. Endlich mal ein Untergang, der allen Spaß macht. Wie Atlantis.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CXXXIII): Heilpraktiker

6 01 2012

Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer


Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es zeichnet den Hominiden zweierlei aus. Zum einen begreift er die Endlichkeit des Seins und weiß sie in logische Zusammenhänge zu bringen – Vollkontakt mit dem frustrierten Mammut, Verzehr giftiger Pflanzen, intermittierendes Eindellen des Frontschädels, alles setzt der aktuellen Inkarnation ein mehr oder weniger rasches Ende. Der stets wache Erfindergeist ist das andere, die Neigung, gegen das Ableben allerhand Mittel und Wege zu sehen und von einer Generation zur nächsten zu kommunizieren. Der Mensch akzeptiert nicht die Geworfenheit, er lehnt sich kreativ dagegen auf, ihm mangelt es nicht an Ehrgeiz, im Experiment die Welt in ihre Schranken zu weisen. Als höchste, als letzte Instanz entwickelt er sich zum Arzt, der dem Tod die Stirn bietet. Immense Hürden auf dem Weg zum Mediziner nimmt, wer neben einer fundierten naturwissenschaftlichen Begabung eine umfassende Allgemeinbildung sein Eigen nennen darf. Der Rest wird dann eben Klempner. Oder Heilpraktiker.

Die Heizdeckenverkäufer des Medizinbetriebs – ein idealer Beruf für alles, was bereits als Spülhilfe oder Anwalt versagt und dreimal den Taxischein nicht gerissen hat. Denn jedes Schimmelhirn darf sich in diese parasitären Dehnungsfuge zwischen Bademeister und Abdecker klemmen, da lediglich zwei Griffe zur Ausübung nötig sind: Handauflegen und Handaufhalten. Um die gröbsten Schäden am Material abzuwehren, stellt die Prüfung sicher, dass der angehende Quacksalber deutlich weniger an Kenntnissen besitzt als eine durchschnittliche Sprechstundenhilfe, um dem zurechnungsfähigen Teil der Population im letzten Augenblick die Flucht zu ermöglichen. Immerhin, zu seiner eigenen Sicherheit popelt er am Patienten unter der Auflage, die gravierenden Fälle zu erkennen – mit der Konsequenz, dass der Kurpfuscher nach gründlich versaubeutelter Kur alles leicht von der Backe kriegt, damit der richtige Arzt die gröbsten Schäden auf dem Weg zum Exitus ausputzen darf.

Oft und gerne genommen bei gut und gläubigen Deppen ist die sanfte Medizin, derart sanft, dass jeder Nachweis schreiend vor der Messbarkeit wegrennt. Offenbar besteht die wissenschaftliche Medizin ausschließlich aus Amputation, Exzision, Vivisektion und wird auch bei Schnupfen oder Schlafstörungen angewandt. Ein komplementärer Therapieansatz – Komplementärmedizin ist im reinen Wortsinn zu verstehen als das Gegenteil aller Vorstellungen von Zivilisationsteilnehmern, die noch alle Tassen im Schrank haben – wie etwa Pendeln, Irisdiagnostik, Kinesiologie, Homöopathie jedoch, ähnlich effektiv wie der Versuch, ein aus verleimtem Würfelzucker gebasteltes Modell des Petersdoms mit Hilfe böhmischer Ukulelenmusik in Rotation zu versetzen, hat die gewünschte Nebenwirkungslosigkeit. Und schadet er nicht der Krankheit, dann ist alles gut. Stoßen traditionelle Methoden auch oft an ihre Grenzen – es mag sich seit der Steinzeit bewährt haben, bei Migräne in Säbelzahntigerauswurf zu baden, authentisch ist die Angelegenheit jedoch nicht mehr zu lösen – so ist doch die Sanftheit der Heilmethode ein noch viel schöneres Placebo.

Es ist tatsächlich nicht viel mehr als der uralte Wunderglaube, dass der Schamane mit seinem Gesundgebete, der mittelalterliche Medicus in der verschwiemelten Irrationalität ein Mana festschraubt, das jenes höhere Wesen, das wir verehren, zwischenzeitlich leicht gelockert hatte, weil der Bekloppte sich im Raum-Zeit-Kontinuum verdödelt. Oder weil in der Apothekerzeitung die richtige Symptomatik abgedruckt war, die dem durchschnittlichen Masochisten für ein Selbstbau-Syndrom ausreicht. Der Beknackte geht im Schutz der eigenen finanziellen Möglichkeiten zur Hexe in den Hinterhof, denn wer nur lautstark behauptet, dass er heilt, wird schon Recht haben. Dass die Sache grotesk teuer ist, scheint den Deppen nicht zu stören, schließlich ist skrupellose Preisgestaltung im Medizinbetrieb als Qualitätsnachweis längst etabliert genug, dass sich auch Kurpfuscher an den Zug hängen dürfen.

Kraniosakrales Eigenuringurgeln, ayurvedisches Farbträumen, Geistheilung durch Therapiehamster, keine noch so beknackte Methode, die sich nicht als Elixier gegen Gebrechen jeglicher Art verscherbeln ließe. Das öffnet Raum für immer neue Geschäfte, in denen jeder seine Nische findet, wahlweise als transzendental-ganzheitliches Mysterium, exotisch angehauchter Ethnokitsch für Freizeitrassisten oder pseudowissenschaftliche Weichstapler, deren Aura-Kristall-Analyse-Spektral-Ohrkerzen-Gymnastik schon seit 5000 Jahren in Afrika praktiziert und demnächst durch atomare Frequenzspektrometrie bewiesen wird. Notfalls hält eine alternde TV-Matrone ihre Gesichtslederhaut in die Linse und bekennt sich dazu, mit Halbedelstein-Drainage und Voodoo-Transfusion das Bindegewebe rund um den Schließmuskel wieder in Form gebracht zu haben. Auch hier ist alles sanft, zauberisch, kurz: die Alternativmedizin ist nie mit Wundbrand und vereiterten Backenzähnen konfrontiert und jagt jede Krankheit en passant vom Hof. Der Bescheuerte fragt sich nicht, wozu es Heerscharen an Fachärzten gibt, festmeterweise Fachliteratur zur urologischen Diagnostik oder den Nobelpreis, er ist konditioniert, dem absurdesten Versprechen zu glauben.

Längst haben sich die Scharlatane die seelische Gesundheit der Bekloppten vorgenommen und jubeln ihnen Urschrei und Rebirthing als Pflaster gegen paranoide Schizophrenie unter. Ein Heer selbst ernannter Spezialisten bosselt wirr mit Zwölfzollnägeln und Gottvertrauen an den Dachschäden wehrloser Nachtjacken herum, ohne auch nur eine Stunde medizinisches Fachwissen in die trübe Birne geträufelt bekommen zu haben. Die Hälfte jener Geistheiler könnte selbst einen gebrauchen, die andere Hälfte wäre in den Fingern des Staatsanwaltes deutlich besser aufgehoben. Es bleibt nur zu hoffen, dass die Mischpoke, so sie sich nicht vorher an energetisiertem Wasser die Ruhr einfängt, der eigenen Branche in die Hände gerät, wo sie Bioresonanz-Haaranalyse, Darmpilz-Channeling oder Feng-Shui-Koniotomie gepflegt in die Biomasse überführen. Alle Zellen schwingen. Die kosmische Harmonie hat sie wieder. Deckel zu.





Globulisierungskritik

21 09 2011

„G-g-g-guten T-t-t-t-tag!“ Der Laborant griff nach meiner Hand, offenbar, um sie zu schütteln – dabei schüttelte er sich gerade selbst durch. Eine große Glasflasche trug er in der Linken, die er rüttelte und wild durch die Luft schwenkte. „D-d-d-da k-k-k-kommt d-d-d-der…“ Professor Semmelrink winkte vom anderen Ende des Saales herüber. Hier also nahm sich die Behörde für Alternativmedizin ihrer Überreste an.

Wir schritten durch eine weite Halle, angefüllt mit Glaskolben und Wasserbecken, Bunsenbrennern und Retorten. Es plätscherte und klirrte, rasselte und prasselte. Laboranten in blütenweißen Kitteln eilten umher. „Das alles hier ist eine schwierige Angelegenheit“, teilte Professor Semmelrink mit. „Die abgelaufenen Medikamente müssen zunächst eingesammelt und klassifiziert werden, und das verursacht ja bei normalen Tabletten schon einen enormen Aufwand. Haben Sie eine Ahnung, wie viele unterschiedliche Kopfwehpillen es gibt? Und wenn Sie an andere Staaten denken, dort werden sie mit Ohrensalbe und Zahnpasta vermischt und kommen später wieder als Hustensaft – was haben Sie denn, Knittke?“ „Trocken“, strahlte der Gehilfe und wies auf eine lange Reihe gläserner Kolben. Semmelrink tätschelte ihm begütigend die Schulter. „Gut gemacht“, lobte er, „dann können Sie sie gleich wieder mit Wasser füllen.“ Knittke nickte und griff zu dem Plastikeimer; mit einem gezielten Schwung kippte er den Tisch voll.

„Unser Personal muss gewisse geistige Voraussetzungen mitbringen. Der eine jagt in seiner Freizeit Ufos in seinem Vorgarten, der andere hält sich für ein Auto…“ „Rotes Auto“, johlte der Mann. „… und der hier war bei der FDP.“ Schmerzhaft verzog ich das Gesicht. „Wie Sie hier sehen, haben wir es größtenteils mit Spezialisten zu tun, denn wir beschäftigen uns mit homöopathischen Präparaten.“ „Und was ist daran anders?“ Semmelrink lächelte überlegen. „Was würden Sie mit einem normalen Medikament machen, das Sie entsorgen wollen?“ Ich überlegte nicht lange. „Auseinandernehmen, verdünnen und wegkippen.“ Er nickte. „Sehen Sie, und genau das hätte bei unseren Medizinen eine verheerende Wirkung. Stellen Sie sich einmal vor, wir würden eine hoch potenzierte Lösung einfach verdünnen.“ Ich wusste nicht, worauf er hinaus wollte. „Je mehr man es verdünnte, desto stärker würde die Wirkung – es könnten teuflische Gifte entstehen!“ „Und was unternehmen Sie dagegen?“ Er fasste mich am Ärmel. „Kommen Sie mal mit.“

Wie die Hühner auf der Stange, so saßen die Laborassistenten und schüttelten sich – vielmehr schüttelten sie Reagenzgläser mit Wasser. „Wir sind hier in der Verwirrungsabteilung. Bevor das Wasser mit den homöopathischen Wirkstoffen entsorgt werden kann, müssen wir es durcheinanderbringen. Dazu schütteln wir es.“ „Sie meinen, Sie stellen eine möglichst homogene Mischung her?“ Er runzelte die Stirn. „Aber nicht doch – was verstehen Sie eigentlich von Homöopathie?“ „Es reicht aus, um mich darüber lustig zu machen“, gab ich trocken zurück. „Das Wasser hat ein Gedächtnis, es erinnert sich an die Stoffe, die wir eingebracht haben, also müssen wir dieses Gedächtnis effektiv durcheinanderbringen.“ „Durch Schütteln?“ Er nickte. „Wenn man oft genug schüttelt, wird so ein Wassermolekül bestimmt genau so oft nach links geschleudert, wie es beim Potenzieren nach rechts gewirbelt wurde. Wir heben das Gedächtnis auf.“

Unterdessen hatte Knittke sich an eine Reihe von Klosettbecken begeben. „Sie spülen das Zeug ja doch einfach runter“, befand ich. „Aber nein“, widersprach Knittke. „Es landet nach dem Spülen wieder im Wassertank. Wir verwirbeln es nur, denn wie Sie wissen, strudelt es wegen der Corioliskraft immer in eine Richtung. Und damit irritieren wir das Wasser nachhaltig.“ Er krempelte sich den Ärml seines Kittels hoch, betätigte die Spülung und griff in den gurgelnden Wasserschwall. „Sie sehen“, rief er, „das Wasser ist vollkommen verwirrt!“

An einem anderen Tisch rührten und schüttelten die Laboranten Wasser in flachen Wannen. „Es wird behutsam wieder in den Stoffkreislauf eingebracht“, erläuterte Semmelrink. Ich runzelte die Stirn. „Wäre es nicht einfacher, das Zeug aufzukochen und einfach verdampfen zu lassen?“ „Um Himmels Willen!“ Er schlug die Hände zusammen. „Dabei würden doch die aufgelösten Wirkstoffe ebenfalls verdunsten und sich in der Luft anreichern – wollen Sie etwa riskieren, dass die ganze Stadt mit einer Überdosis an…“ „Wäre das denn schlimm?“ Semmelrink blickte mich fassungslos an. „Wenn Sie die Stoffe bewusst anreichern, heben Sie doch deren Wirksamkeit auf?“ „Sie sind ein Skeptiker“, knurrte Semmelrink. „Nicht doch“, antwortete ich. „Nur ein Globulisierungskritiker.“

Im Untergeschoss verlief ein langer Gang, der in einem gekachelten Laborraum endete. „Hier sehen Sie einen unserer spektakulärsten Erfolge – das Herzstück unserer Forschungen, der große Durchbruch.“ Er wies auf den gewaltigen Ball, wie man ihn zum Fuße eines Schneemanns verwenden würde, ein rundes und weißes Gebilde, zusammengerollt aus leichter Hand. „Aber nein“, lachte Semmelrink, „sehen Sie genauer hin. Das ist kein Schnee, nicht einmal nachgemachter!“ Ich beugte mich über das seltsame Objekt und roch. „Zucker“, sagte ich aufs Geratewohl, „Milchzucker möglicherweise – sind das etwa…?“ „Globuli“, bestätigte er. „Wir haben in langer Arbeit alle bei uns abgelieferten Globuli aneinander geklebt – Stück für Stück. Dieser Globulone hat eine derart hohe Wirkstoffdosis, dass er als homöopathisches Mittel nicht mehr zu gebrauchen ist. Wir können ihn dann – hoppla!“ Versehentlich war er im Reden gegen den Klops gestoßen, der, einmal aus dem Gleichgewicht, durch den Raum rollte und gegen einen Schrank prallte. Kügelchen sprangen durch die Gegend, der Globus zerbrach und zerbröselte. „Was habe ich nur getan“, jammerte er. „Was habe ich bloß da nur angerichtet – was soll ich denn jetzt bloß tun!“ „So schlimm?“ „Das war eine große Dosis Schwefelblüte mit Austernschalenkalk gegen Kopfschmerzen, Akne und Halsentzündung. Wenn nun bloß nicht passiert!“ „Seien Sie unbesorgt“, tröstete ich ihn, „Sie sagten doch selbst, in dieser Dosis sei das Ding homöopathisch wertlos?“ Er nickte. „Dann kann man es ja wie ein ganz normales Medikament behandeln und ins Abwasser spülen. Kommen Sie, fassen Sie mit an.“

Innerhalb einer Viertelstunde hatten wir die erklecklichen Überreste des Milchzuckerknödels aufgefegt und durch den Ausguss gestopft. Noch immer war Semmelrink skeptisch. „Und wenn doch die ganze Stadt morgen Migräne hat?“ Ich griff in meine Jackentasche und drückte ihm eine Kopfschmerztablette in die Hand. „Dann spülen Sie die hinterher. Die Verdünnung dürfte so groß sein, dass sie dagegen hilft – homöopathisch.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CVI): Wirtschaftswissenschaftler

27 05 2011
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Wenig Tröstlicheres gibt es als die Tatsache, dass alles einen Sinn hat, der sich uns nur nicht unbedingt sofort erschließen muss. Die Evolution bringt unaufhaltsam bizarres Getier hervor, die Seefledermaus schlurcht in vielerlei Art platt und ungestalt über den Meeresboden, während der Hornissen-Glasflügler, obzwar nur ein Papillon, sich mit Aussehen und Verhalten einer Faltenwespe die gefiederten Freunde vom Leib hält. Sogar die Tatsache, dass fünf Milliarden mal mehr Photonen als Materie den interstellaren Raum anfüllen – es gibt anscheinend zu viel Licht, dem unleugbar eine Menge Zeitgenossen ihren gewaltigen Schatten verdanken – kann man mit Gelassenheit begegnen. Alles, was ist, lässt sich in seinem Sein hinreichend vernünftig begründen. Vorausgesetzt, dass man von Wirtschaftswissenschaftlern absieht.

Wirtschaftswissenschaftler – mit dem Intellekt von Fischfutter gesegnete Dauerschwafler, die das Schnittbrot und die Erdkrümmung erfunden haben, mit ad hoc hervorgekotzten Theorien alles erklären, was sie nicht verstehen, und ihren Ideologien nach Belieben huldigen, sie bei plötzlichem Wechsel der Windrichtung austauschen und ansonsten nie an der Misere Schuld sind, die sie angerichtet haben. Man erkennt sie am nie versiegenden Quell unhaltbarer Ausflüchte, wenn sie ihr rudimentäres Halbwissen in die Gegend quaken, Mietmäuler, die je nach Straßenseite, Sonnenstand oder Kassenlage für und gegen Konjunkturprogramme, pro und contra Hype-Zyklus, mit oder ohne Klassenmodell jeden noch so unsinnigen Warmluftstau nachlallen, den man ihnen für bunte Scheinchen in die leere Rübe gerülpst hat. Dass es Berufsirre sind, ist bekannt und nicht das Problem; das Problem ist, dass man ihnen trotzdem und überhaupt Beachtung schenkt.

Wer den modernen Nachfahren der Wegelagerer mit der Glaskugel im Anschlag lauscht, begibt sich in die Überversorgung mit Verbalschmalz. Es geht, und das ist der Sinn der Wirtschaft, für die meisten handelnden Subjekte um die Wurst, allein davon fehlt den gescheiterten Esoterikern auch der geringste Überblick. Wie ein Forstwissenschaftler, der punktförmige Bäume im Vakuum fällt, um den Grenzwert für ideale Tische zu berechnen, so popelt der Ökonomops aus Markt- und Börsengeschrei seine Vorstellung, wie kostenlose Arbeitskräfte in elf Werktagen zu je dreißig Stunden in einer Woche das produzieren, was von denen nicht gekauft wird, die das Zeug herstellen lassen, so dass der Staat keine Einnahmen hat und zum Dank die Steuern senken kann. Wie weiland sich die Fürsten Sterndeuter hielten, um nicht der Wahrheit ins Auge zu blicken, wie sie sich Alchimisten an die Höfe lockten, die mit fantastischen Geheimlehren den Stein der Weisen zu erfinden versprachen und auf dem Weg zu immensem Reichtum die größten Vermögen der Bescheuerten teils sich selbst unter den Nagel rissen, teils in Rauch aufgehen ließen, so halten sich die modernen Entscheider, Banken und Großkonzerne, ähnlich wunderliche Fauna und dekorieren das flachste Geblök mit dem Nobelpreis.

Besonders angenehm scheint der Typus des profunden Kenners der Materie, wie er etwa als Journalist den Massen das Geschehen zu deuten versucht, wenn er nicht gleich in entsprechende Schlüsselressorts der Politik abwandert – ein Haufe lächerlicher Pausenclowns, bar jeder Sachkenntnis, wie es sich verrät in ihrer infantilen Deutung der funktionalen Zusammenhänge und der Tragweite ihres Zusammenspiels. Wenn gar nichts mehr fruchtet, schließen sich die geistig nicht gesegneten Günstlinge der Mehrheit ihrer Schäfchen an und blöken nach statt vor. Meist haben die Laienpäpste nicht einmal bemerkt, wie aus dem Finanzmarkt, einst noch Laufbursche der Realwirtschaft, ein Tummelplatz für zwielichtiges Gesindel wurde, das man mit der Flinte aus jedem anständigen Kasino prügeln würde, und war es zu spät, so klebten sie selbst schon auf der Gehaltsliste der parasitären Parvenüs. Seither reden sie uns die Konzentration großer Mischkonzerne ein, deren Synergien enorm Kosten sparen, treiben uns zu Outsourcing und Kleinstfirmengruppen, um Kosten zu sparen, und bekneten uns, bis wir die Splitterunternehmen zur Kostenersparnis zu globalen Superkompanien zusammenführen – spätestens bei der letzten Fusion rauscht ein Großteil der Betriebe in den Orkus, aber immerhin haben ein paar Kollateralmaden dabei ihren Schnitt gemacht.

Was Wissenschaft nämlich daran ausmacht, die Ordnung und Deutung des Wirklichen auf der Basis empirisch erworbener Erkenntnis, findet sich in der Ökonomie längst nicht mehr; jeder Wurstverkäufer gründet seine Teilkirche, pustet Glaubenssätze in die Welt und erklärt seine Rechenfehler für allein selig machend, während er die Flugversuche aller anderen für zum Scheitern verurteilt erklärt. Im Zweifel leiert der Schnösel das kleine Einmaleins im feierlichen Singsang spiritueller Erleuchtung herunter und behauptet, just die Weltformel zur Beglückung des Kapitals gefunden zu haben – sollte das Milchmädchen sich verhauen haben, lag halt die Wirtschaft daneben. Aber wer würde Physikern glauben, die noch Sekunden vor der Kernschmelze fröhlich in die Gegend posaunten, das sei erstens technisch unmöglich und zweitens nicht vorgesehen in einem Weltmodell, das statt der starken Wechselwirkung nur kleine Männerchen mit Hadronen in der Hosentasche kennen würde?

Wirtschaftswissenschaft ist die säkulare Antwort auf religiösen Fundamentalismus – bei näherem Hinsehen merkt man, dass man es mit geistig minderbemitteltem Personal zu tun hat, und kann diejenigen aus dem Freundeskreis entfernen, die den Sums unreflektiert nachsabbern. Besser, man gibt sich stattdessen gleich mit Esoterikern ab; da weiß man zwar auch, dass es Knalltüten sind, aber die meisten entpuppen sich als harmlose Trottel. Was ja heutzutage schon Lobes genug ist.





Gernulf Olzheimer kommentiert (LXVI): Homöopathie

16 07 2010
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Geschichte des Menschengeschlechts ist eine Geschichte der körperlichen Gebrechen. Hätte der erste Hominide, dem die Wohnhöhle auf seine inzwischen doch recht stabile Kalotte klömperte, schon die Wahlfreiheit der Krankenkasse gehabt, wie mochte er sich wohl entschieden haben? In der gesetzlichen Cro-Magnon-Versicherung hätte er sechs Wochen stramm gelegen, dafür erstklassige Verpflegung mit Mammut vom Grill und schnieke Schwestern aus dem Neandertal; die Orang-Utan-Gesellschaft hätte ihn mit Trepanation gequält, die Prähominiden-Ersatzkasse mit Gürteltierspucke in Flusswasser abgefertigt, und gerade dies Modell hat sich durchgesetzt – keiner kapierte, was da genau passierte, der Arzt hatte nicht viel zu tun, und der Heilungserfolg glich einer kurzweiligen Lotterie.

Geändert hat sich seither, dass die Bekloppten mangels Gelegenheit Mammut essen und öfter an kardiologischen Notfällen abschrammen als an Flugsaurierkollisionen. Dafür bleibt die Hirnschale so leer wie in der ersten Modellreihe, während das Nachtmützengeschwader fleißig Zuckerkügelchen müffelt und es für wirksame Medizin hält, weil das Zeug außer Nachgeschmack nichts als Zahnbelag hinterlässt. Die Idee ist es, Symptome erzeugendes Zeugs in möglichst geringer Dosis zuzuführen – gegen blaue Fußnägel einen Hammer in kleinste Partikelgröße gefeilt – und zwar alles, was sich an Substanz oberhalb der Erdkruste zusammenfegen lässt. Zu sehen wäre, was derlei Scharlatanerie zu kurieren sucht, womit und wie.

Die von der Wissenschaft nicht zu Unrecht vors Tor beförderten Schmutzwassergurgler schmeißen fröhlich alles durcheinander, Fieber und Syphilis, Husten und Ertrinkung, Noxe, Krankheit und Symptom. Pickel, Pneumonie und Pilzbefall schert der Pillendreher über einen Kamm, denn: stimmen die äußerlichen Anzeichen, dann ist die Droge in Ordnung. Die von der Werbung heraufsalbaderten 37 Arten von Kopfschmerz sind demnach piepe, der Quacksalber kann den Schnaps gesoffen oder mit der Flasche kollidiert sein, die Kur bleibt gleich. Und selbst da, wo der studierte Mediziner die Symptome verschwinden lässt, etwa das Fieber durch Penicillin, kaspern die Hahnemännchen herum und meinen, nur ihr ausschließlicher Kampf gegen die Symptome behebe auch die Krankheit. Wie krank auch immer das sein mag.

Doch nicht immer ist es so einfach, weil die verhaltensoriginelle Verfassung der Windbeutel sich im Aufschmieren übler Argumentationsmarmelade sorgfältig präpariert. Um noch die letzte Hohlwurst in die Praxis zu locken, werden auch komplizierte Vaterbindung oder Arbeitslosigkeit als Krankheiten anerkannt, als wären sie wie Schweißfüße heilbar. Kein Wunder, dass in Deutschlands großer Zeit, als wirres Denken Pflicht war, die Faschingsprinzen, voran der schlampig gescheitelte Schlappschwanz mit dem Nasenhaarbärtchen, der Homöopathologie frönten. Gegen Arbeitslosigkeit wäre beispielsweise getrocknete Hundekacke gedacht, die als geistiges Miasma die Schadwirkung auf die Lebenskraft zu neutralisieren versucht. Allerlei Firlefanz, Opium und Brechnuss und, Abbild des Kosmos, jedes verfügbare Element. Wobei der Kosmos sich ein paar neue Bestandteile reingepfiffen haben muss, weil seit der Erfindung des Kurpfuscherwesens noch ein paar neue Sachen entdeckt wurden.

Und haben die Homöopatzer auch mittlerweile ein Grundgesetz ihrer als Heilkunst aufgerüschten Pseudoreligion verletzt, nämlich das Gebot, nur unvermischten Müll zu verabreichen, so panschen sie allerlei zusammen, immer wieder zehn- und hundertfach in Wässerchen verdünnt und wieder verdünnt, so dass zum Schluss auf Dilutionen kommt von einem Molekül auf den Rest des Universums – statistisch ist in der Plempe sowieso keine Substanz mehr vorhanden, auch wenn die Heilkunstgewerbler sich als Überdosis zu Mixturen hinreißen lassen von einer Schmerztablette auf den kompletten Atlantischen Ozean. Um das wackelige Luftschiff auf Stelzen zu stabilisieren, schwiemelt man gleich noch das Märchen vom Gedächtnis des Wassers rein – die Suppe kann sich also an ein Salzmolekül erinnern, auch wenn es gar nicht mehr darin herumschwimmt. Nach derlei Theorie dürfte man mit einer einzigen Tollkirsche eine ganze Großstadt in den Sekundentod treiben, da die ausreichende Verdünnung gegeben ist, und über die Abwässer erinnern sich vermutlich Milliarden jeden Tag an das Siechtum ihrer Vorfahren. Dass nach dieser Theorie jedoch jedes Wasser im Weltall für weitere Medikamentenherstellung unbrauchbar würde, darf man ebenso wenig fragen, wie man überlegen könnte, warum bei den Globuli eigentlich immer nur die minimalen Wirkstoffe tätig werden und nicht die unvermeidlichen Verunreinigen in ähnlicher Konzentration.

Man darf das aber nicht kritisieren. Man sollte tolerant sein, als handele es sich bei diesen ins Hirn gepflockten Synapsenschäden um Rundtanz zu schamanischem Nasenflötenpusten, Heilsteinboccia oder ähnliche Karnevalsveranstaltungen, die die kranken Kassen natürlich auch brav zahlen sollen, weil wir ja sonst nichts vom Leben haben – nicht nur den billigen Placeboeffekt tragen wir mit, auch die vielen Fälle, in denen sich Homöopathieopfer nach erfolglosem Herumdoktern im Spätstadium einer Krankheit zu einem ordentlichen Mediziner schleppen, der die Grütze einer systematischen Verdummung ausbaden muss, die sich Wissenschaft nennt und allen Ernstes verspricht, mit Taubendreck und Mörtelstaub Krebs und Aids heilen zu können. Toleranz? Sicher, wir lallen im Chor der Blöden mit, die die böse Schulmedizin mit ihren teuren Apparaten verdammt und kleistern uns beim nächsten Knochenbruch lieber lauwarmen Spinat auf die Gräten, denn das spart Kosten. Aber wer will das eigentlich außer der Klientel dieses Schweinepriestervereins, Körnerkauer, Alternative und alte Naive, Sozialpädagogen und ähnliche Abraumverfüllungen in den geistigen Zahnlücken des postdiluvialen Portfolios, kurz: hoch potenzierte Dummheit, bei der auch der Hominide mit Dachschaden die Verwandtschaft strikt leugnete. Aus Gründen.