Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXXXIX): Das Kind als Erweiterung des Ich

9 11 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Wie bunt und einfallsreich hat doch Mutter Evolution die Aufzucht und Hege der Brut gestaltet. Im Beutel und im Mäulchen, im Nest und im Kadaver diverser Beutetiere ziehen die Arten ihren Nachwuchs groß, teils unter erheblichem Stress, teils schicksalsergeben vor dem Hintergrunde, dass es genetisch in ihnen angelegt ist, sie also einem Code folgen, der jedoch in all seiner Verpeiltheit die Vernunft für sich beanspruchen darf, sinnvoll zu sein, sonst hätte er sich nicht von Generation zu Generation in die DNA geschwiemelt. Nur eine Spezies hat es schwerer, braucht doch die Frucht ihres Leibes Jahre, um die Grundausstattung einigermaßen zum Laufen zu bringen, und noch zweimal dieselbe Zeit, bis der Klumpatsch die Reproduktion für sich entdeckt. Er ist ein Nestflüchter, der Hominide, aber nur auf Raten und nur dann, wenn man in einem taktisch günstigen Moment nach dem Rausschmiss Türen und Fenster hermetisch hinter ihm verschließt. Die Kinder sind weg, das Erziehungsziel ist erreicht.

In gewissen sozialen Milieus spielt diese Perspektive, wenn überhaupt, nur eine marginale Rolle. Das Kind, vor allem das gerade abgenabelte – die Geburt ist höchstens sieben bis maximal zehn Jahre her – wird von heftig helikopternden Knalltüten überwacht, auf dass es unter keinen Umständen über physiologisch relevante Prozesse wie Atmung, Stoffwechsel und Lallen hinauswächst. Die Vorstellung, dass die Brut eines Tages mit Doktor und Sportwagen das Kinderzimmer verlässt, triebe das Muttertier in eine autoaggressive Depression, in deren Verlauf Landstriche vom Angesicht dieses zweifelhaften Planeten verschwänden. Kein Risiko!

Die stabile Mutter-Kind-Beziehung, bösartig durch die Trennung von Säugling und Nachgeburt vollzogen, sie reißt klaffende Wunden auf in der Übermutter Teresa, die ihren eiligen Schein aus Bling-Bling für Blag und Ego mit Bordmitteln aufpustet. Mutter werden ist nicht schwer, doch wer warnt die Ich-AG entbindungsnah vor dem Verlust der Strahlkraft, die auf das schrumpelige Ding mit Geräuschentwicklung übergeht. Übergangsriten sind, der Name sagt’s, der Ablösung verschrieben, aber was macht Mutti, das gravitätische Rund im dunkelschwarzen Loch, wenn die Schwerkraft sich jetzt woanders einen abkräht? Schöne Scheiße. Da hilft, wenn überhaupt, nur noch Psychologie.

Dummerweise greift die Humanoidglucke zu gröberen Mitteln und schnürt den Ex-Fötus in die eigenen Weichzonen, gerne mit Bio-Indigen-Faktor als Tragetuch, weil ja die westlichen Industrieländer mangels Kleinkindaufzucht eine Sterblichkeit von knapp tausend Promille aufweisen, schwör! Und es ist im alternativen Dunstkreis ja sowieso besser, den Zellhaufen immer millimetergenau an die Mamma gequetscht zu transportieren, Ringbahn oder Rockerkneipe, Hauptsache Stallgeruch aus Kernseife und Dinkelkrüstchen, denn nur die Mutter weiß wirklich, was dem Sprössling fehlt.

Noch lässt sich keine industrielle Ware finden, in die sich beide einknöpfen können, am besten im Hinten-vorne-Verschub, um wenigstens zeitweise den Eindruck von Schwangerschaft wieder zu erzeugen, während sich tagsüber die Frau mit Nebensächlichkeiten wie Einkauf, Erwerbsarbeit oder Weltrettung abgibt. Nachts allerdings ist das Problem zur Zufriedenheit gelöst, in kofötaler Haltung statt mit dem Schuldgefühl, das Kind im Gitterbett inhaftiert den Alpträumen auszusetzen, während die Egoistin in Bauchlage durchschläft. Noch ist keine Kinderdemo bekannt, auf der die Verdammten dieser Erde mit Transparenten wie Dein Bauch gehört mir ein Ende der Aussperrung fordern. Stattdessen schreit das Kind, genauer: die Mutter unterbindet jede nicht programmgemäß vorgesehene Äußerung. Nicht aus Selbstschutz, der liefe dem sadomasochistischen Tenor des quasireligiösen Konzepts zuwider, nur aus Trainingsgründen, wenngleich nicht für den Junior. Die Mutter ist’s, die nicht emotional verhärten soll, fraulich und weich muss sie bleiben, im Einklang mit Welt und Klischee, wenn sich schon der Geburtskanal gänzlich überraschend als Einbahnstraße herausstellt.

Ihr späteres Leben verbringt die Gebärerin mit Prothesen, karrt Knaben zum Fußball und in die Universität, festgeklemmt im SUV, eine Hand im Terminplaner, die andere an der Schusswaffe, um sich gegen andere Mütter in Stellung zu bringen, die ihre Brut im SUV vom Ballett zur Bundeswehr bringen. Gewiss, sie konsumieren, aber lässt sich damit der Weltfrieden finden? Den Nobelpreis verdient nur die saubere Lösung, den Zellklumpen postnatal wieder in die Mutter zu implantieren, damit die liebe Seele Ruh hat. Ist vor der Trennung das Kind nicht ohne Mutter lebensfähig und kehrt sich’s danach ins Gegenteil, hilft nur Endgültiges, zum Beispiel die totale Mutterschaft als innerer Wert. Niemand wird mehr nörgeln, weil ihm der Kita-Platz fehlt. Baby to go! Schöne, neue Welt, in der die Androiden träumen. Wer weiß, wovon. Und womit.

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Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXX): Das Überangebot

29 06 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Wenn die warme Jahreszeit Einzug hielt am Felshang dicht bei dem kleinen Tümpel, wuchs manche Beere im grünen Dickicht. Manche waren rot und süß, manche blau, gelb oder lila, manche süß und dann sauer, einige sauer, dann süß, manche mehlig bis weich, einige überraschend süß, dann aber widerwärtig bitter, eine sorgte für ein taubes Gefühl in der Zunge, eine entwässerte den Körper dank tagelangen Brechreizes gründlich, eine hatte nach des herben Buketts von Rotblüte und Seegras eine duftige Kopfnote von Braunbaumrinde mit Akzenten von Sommerregen und Humus, bevor der stahlige Abgang die säurebetonte Stumpfpilznote noch einmal aufnahm. Er führte kurz nach der Einnahme zu einer Lähmung des Atemzentrums, was die Hinterbliebenen vor die Wahl stellte: rote oder blaue Süßbeeren? Das war keine Frage des Stils, das beugte sich dem Überangebot.

Die postmoderne Bestückung des Einzelhandels hat die Fronten etwas bereinigt; kein Waschmittel explodiert beim Öffnen, keine Konserve vergiftet vorsätzlich den Käufer, wer sich genug Schnaps für die letale Dosis in die Birne bembelt, handelt stets aus eigener Verantwortung. Doch der Verbraucher wird aus Dumm- und Bosheit mit Marmeladen beschmissen, mit drumunddrölfzig Sorten in aller Herren Länder Glasdesign, verschraubt, vermufft, verdengelt und verschweißt, rund, eckig, fast alle in dreidimensionaler Ausführung, und die Botschaft auf der Außenseite heißt: Marmelade. Kauf mich. Es gibt fünfunddreißig Sorten Kirsche im Regal des hysteriebetonten Fachmarktes für Frustkäufe, unter ihnen elf Items mit ohne Zusatz, darunter wieder die finalen drei Sorten Schwarzkirsche, Schwarz mit Weichsel und Schwarzkirsche-Knupper. Das in der Luft wabernde Getöse der Megamärkte speist sich vom dumpfen Aufschlag der Kunden auf dem abwaschbaren Boden der Tatsachen, wenn die Schwerkraft ihre Schädelfrontseite erdet. Was aber kaufen, wo doch alles sinnlos ist?

Die Entscheidung zwischen drei Sorten Plörre mit fünf Achteln Zucker ist genug, das limbische System kapituliert kreischend vor der Entscheidung und schwiemelt dem Bekloppten die Daten zurück in den Eingangsspeicher. Es geht ja gar nicht um die Menge der nicht verwertbaren Sorten, die nach reiner Vernunft kritischen Dinge sind entscheidend. Können drei Sorten Kirsche den durchschnittlichen Konsumkasper schon so demontieren, dass er die Contenance verliert? oder muss ein Kübel Pfirsich-Schlumpf mit getoasteter Qualle die Entscheidung auslösen? Die Menge der in Betracht kommenden Geschmäcker ist nicht relevant, es ist die Masse der nicht in Betracht kommenden, die zwar theoretisch wählbar sind, praktisch jedoch keine Rolle spielen, nur als Fehlermöglichkeiten, dass der Beknackte die falsche Entscheidung getroffen hat. Je mehr ungenießbares Zeug das Angebot bläht, desto mehr Angst erzeugt es beim Kaufinteressenten und damit umso weniger Kaufinteresse.

Wer wählt, verpasst zwingend den Großteil der Alternativen. Der sich auftürmende Kanaltsunami, der das ehedem überschaubare Fernsehen flutet, hat den Fußballgucker im Auge. Das Wesen des Kapitalismus gebietet, dass das Angebot erweitert und differenziert wird, geschärft, verbreitert. Bald sind es zwölf Kanäle, die Hälfte davon nicht mehr mit dem ubiquitären Gekicke satter Millionäre, wie es auch andere Medien hochspülen, sondern die sich immer weiter aufdröselnden Regionalligen, die unter der Woche Bälle treten, die schönsten Elfer aus der Regionalliga in Dauerschleife, der Pokal von anno dazumal in der neunten Wiederholung wegen Fallrückziehers in der Verlängerung. Bald sind es neun quasi per Parthenogenese geschlüpfte Klone, die um die Quadrataugen des unschuldigen Opfers buhlen, der sich für jeweils eine Todesart entscheiden muss: einen einschalten heißt alle anderen verpassen, und nicht einmal der Trost hilft, dass man sich den ganzen anderen Schmodder schließlich aufzeichnen und wegtuppern könnte für den Ruhestand, was sich bei Marmelade schon schwieriger gestalten würde. Es passt immer nur ein Brot in die Backe.

Der Hominide ist kein Entscheidungträger, er bedarf der Führung, und was ihm als Freiheit gezeigt wird, bedrückt ihn. Einfach strukturierte Personen kommen viel besser zurecht mit einfach strukturierten Möglichkeiten: rund oder eckig, heiß oder kalt, Sekt oder Selters. Die Schnapsidee, jede Hochschule mit Studiengängen jenseits der Verarbeitungskapazität der Amygdala auszurüsten, führt zu einer Schwemme von Juristen und Lehrern, weil sich interkulturelles Food-Management und gendergerechtes Klöppeln schon anhören, als bekäme man statt eines Abschlussexamens gleich den Therapieplatz für die posttraumatische Störung. So gibt es viele unzufriedene Juristen, die ihre aufkeimenden Phobien im Staatsdienst gut in den Griff kriegen. Hätten sie dagegen Marmelade auf Lehramt studiert, wer weiß, was dann passiert wäre.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXIX): Framing

22 06 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Säbelzahnziege. Säbelzahnziege. Säbelzahnziege. Säbelzahnziege. Säbelzahnziege. Säbelzahnziege. Säbelzahnziege. Säbelzahnziege. Säbelzahnziege. Säbelzahnziege! Säbelzahnziege! Säbelzahnziege! Säbelzahnziege! Säbelzahnziege! Säbelzahnziege! Warum denkt denn keiner an die Kinder, die schweigende Mehrheit der drei Sippen am Fuße der westlichen Felswand werden von den minderwertigen Zehntausend vom anderen Ufer ausgelöscht, und übrigens: Säbelzahnziege!

Dass das Gehirn des Hominiden knirscht, ist kein Zufall, sondern bauartbedingt; keiner hatte bei dem Schnellschuss noch großartig Zeit und Lust, die Qualitätskontrolle abzunehmen. Dinosaurier schleppten immerhin noch zwei Esslöffel Glibber im Steißfortsatz mit sich herum, und die konnten damit Insekten verjagen. Sich auf einen Sachverhalt zu konzentrieren war folglich Ziel der Evolution, und wer weiß es besser als der Mensch: dicht daneben ist auch vorbei. Keilschrift, Fuþark, Buchstabentanz, nach anderthalb Medien weiß die verklumpte Birne nicht mehr, was Phase ist. Wir konzentrieren uns auf die einfachen Aussagen. Neger stinken. Frauen wollen richtig aufs Maul. Deutschland den Deutschen, undeutsche Personen werden einer nicht näher definierten Vernichtung zugeführt, auf die wir stolz sind, weil es sie gar nicht gegeben hat. Säbelzahnziege!

Je öfter der sich aufgeklärt glaubende Mensch – Säbelzahnziege! – den Nagel im Hirn ahnt, und das ist weniger, als der tatsächlich stattfände, desto mehr wird er inne, dass er sich verschaukeln lässt. Dass es keiner mitkriegt, spricht nun nicht gerade für die terrestrische Besiedelung, aber was wissen wir schon. Der Bekloppte schwiemelt sich Anker ins Hirn – Säbelzahnziege! – und popelt jeden noch so absurden Sachverhalt an diesem dürftigen Dingsi fest, bis die Realität, ein schon immer von der den Feindmächten der Schlimmerhaftigkeit gesteuertes Medium der Verdummung von Erleuchteten und Erhabenen, alle über die Brüstung pladdern lässt. Das Viech, der Sippenälteste wird sie ins Gespräch gebracht haben, der Medizinmann, einer hatte schlecht geträumt, egal. Sie war auf einmal da. Und damit begann die Mutter aller Probleme.

Wir verbinden die Informationen des täglichen Lebens mit dem Grunde des umgebenden Wissens – gleichgültig, ob wir das Wissen nun durch reine Anschauung erfahren oder durch den flüchtigen Blick auf die Dinge – und wir tauchen sie in diesen Brei, der jede Sinnhaftigkeit und jeden Erwerb von noch so zweifelhaften Informationen verkleistert. Die Gefahr durch die Säbelzahnziege ist ubiquitär, der Dämon hat sich seine Aussagen zurechtgelegt.

Einfache Aussagen, dass etwa der Bestand an essbaren Gräsern abgenommen hat, kriegt das Management noch geregelt. Das Wetter, jene launische Größe, hält schon weniger den von jenen Vegetationswesen, die wir verehren, geprägten Großangriff für eine Möglichkeit, die klimatischen Beharrlichkeiten zu lösen. Aber Vorsicht! aus Lummerland kommen im Monat drei Maler und ein Elektriker, manchmal auch eine Säbelzahnziege, und man mag die vielen Touristen nicht schrecken. So beschränkt sich die Auseinandersetzung mit dem, was wir für Wirklichkeit halten, immer nur auf das, was am Boden des Informationstrichters herabtropft. Es ist nicht mehr als eine Tütensuppe, gekocht auf dem Extrakt aus Stolz und Vorurteil.

Der Unterscheid zum Schubladendenken ist nicht nur die Größe der Schubladen, es ist auch der erklärte Wille, das Denken zu beenden. Denn ist der Rahmen einmal vorgegeben, kann das Bild beliebig gewechselt werden. Wichtig ist nur, dass es die Komponente Angst behält, immer und überall, weil nur Angst vor dem Objekt sich ins Unterbewusste fräst, und so ist es den Asozialingenieuren in ihrem kommunikativen Stunt auch schon fast egal, mit welcher Waffe sie auf ihr Publikum zielen. Die Hauptsache ist, sie ist geladen, jederzeit verfügbar und als Bedrohung erkennbar. Hätte eines schönen Tages eine Herde Wolleinhörner sich ihren Weg durch die Gärten der Frühmenschen gebahnt, die Säbelzahnziege hätte sich ins Fäustchen gelacht und wäre fein raus.

Im Schlepptau der Aufmerksamkeit schleift die Masse des thematischen Gerölls sich ab und wird zu Treibsand – die Grenze des Scheinbaren verschwimmt allmählich im Hintergrundgetöse, man erkennt nur noch als Figur, was man als Form gelernt hat, und schon sieht die ganze Welt aus wie eine Säbelzahnziege. Und da diese Gesellschaft lieber Täter als Opfer ist, wählt sie ihre Art zu kommunizieren dementsprechend: prätentiös und präzise aus der Sicht der Unterlegenen, da nur so Angst möglich ist, ein Sich-vorweg-Sein in der immerwährenden Sorge, aus der sich menschliche Existenz ergibt. Wir würden sonst aus dem Rahmen fallen, aus der Schublade, aus der Zeit. Gut, dass es die Säbelzahnziege gibt.





Gut besorgte Bürger

20 06 2018

Es war ein bisschen unspektakulär, ja geradezu enttäuschend. Wo man eine Geisterbahn erwartet hatte, wenigstens ein abgedunkeltes Gruselkabinett, war ein Betontreppenhaus, der Vorraum strahlte die nervenzerfetzende Spannung einer Steuerkanzlei aus, das Büro von Doktor Lührßen schließlich war eine von zwei Schrankwänden – Kiefer und viel Glas – eingefasste Sitzgruppe nebst einem recht normalen Schreibtisch. Ich hatte so gar keine Angst.

„Es ist auch ein recht prosaisches Geschäft“, sagte der Erfinder, goss Tee in die bereitgestellten Tassen und schob eine Schale mit Gebäck über den Couchtisch. „Meine Güte, wenn ich an vergangene Jahrhunderte denke, die gelbe Gefahr, die Türken, die Pest, Donnerwetter! Das würde uns heute kein Mensch mehr abkaufen.“ Mir fiel die Sorglosigkeit auf, mit der sich einfach ein Plätzchen knabberte, aber es war wohl nicht vergiftet. Doktor Lührßen lächelte. „Das ist ja der Grund, warum wir für so viele Kunden in Medien und Politik arbeiten: die naheliegenden Gefahren nehmen wir meistens gar nicht wahr, aber wir brauchen Ängste. Gerade hier in Deutschland, wo es fast als unanständig gilt, ohne jede Furcht durchs Leben zu gehen und sich auch noch daran zu erfreuen.“ Er nippte an seinem Tee. „Ich habe da mal ein kleines Exposé für Sie vorbereitet, wenn Sie einmal schauen möchten?“

Es war beeindruckend, und ich ertappte mich dabei, zu überlegen, ob es nicht schon beängstigend sein müsste. „Das waren Sie?“ Er nickte sichtlich geschmeichelt. „Damals hatte ich die Firma gerade von meinem Onkel übernommen, und der brave Bürger freute sich zumal im Sommer an einem kräftigen Windchen, das durch seine vier Wände pfiff. Für einen renommierten Fensterhersteller haben wir dann die lebensgefährliche Zugluft erfunden, die die schlimmsten Folgen für Leib und Leben haben kann.“ Ein ehrlicher Stolz lag auf seinem Gesicht. „Jeder klagt heute, wenn es nur ein bisschen kalt durch die Wohnung weht. Wir haben, ich darf das in aller Bescheidenheit sagen, einen nationalen Mythos geschaffen.“ „Wir können Sie das beweisen?“ Er stellte die Tasse ab. „Haben Sie je einen Schweizer über Durchzug klagen hören?“

Ein kleines Sortiment für Neukunden hatte die Firma sofort lieferbar. „Angst vor Elefanten, wird nicht häufig genommen, ist aber sehr plausibel.“ Der Anleitung entnahm ich, dass ein Dickhäuter einen Menschen mühelos an einem Baum zu zerquetschen in der Lage sei. „Vor Hunden fürchtet man sich mehr, da ist dies doch ein exklusiver.“ Das Angebot war umfangreich, wenngleich auch etwas einseitig. „Angst vor Spritzen, vor Hochwasser und einstürzenden Kirchtürmen, das bekommen die Menschen nicht mehr selbst hin?“ „Sie können natürlich Ihr Brot selbst backen“, entgegnete er, „trotzdem braucht es Bäcker.“

Die komplexeren Produkte standen in einem Regal hinter dem Schreibtisch. „Kombinationen sind momentan recht hoch im Kurs“, weihte Lührßen mich ein. „Cholesterin, Passivrauchen, Konservierungsstoffe, Sie können alles miteinander frei kombinieren. Wir machen Ihnen Angst.“ Die Preise waren moderat, das Einsteigerpaket aus Erdnüssen und Atomkrieg konnte sich auch ein Angestellter leisten. „Ein Upgrade ist jederzeit möglich“, erklärte der Doktor. „Wenn Sie etwa eine Komponente auf Terroranschlag erweitern, kostet das nur ein wenig mehr.“ „Aber Terroranschläge werden doch im Augenblick am meisten geordert?“ Er wiegte bedächtig den Kopf. „Deshalb mussten wir die Preise etwas anheben, sonst hätten wir eine Übersättigung des Marktes riskiert. Wir wollen den gut besorgten Bürger, keine Massenpanik.“

Slowseller wie das gute alte Grausen vor dem Weltuntergang hatte die Firma in dumpfes Grau verpackt, frische Bammelware prangte ich grellem Rot. „Wie gesagt, Sie können alles kombinieren, es ist genug da.“ „Warum“, dachte ich laut, „sollte jemand gleichzeitig Angst vor der Umvolkung der deutschen Rasse haben und die Machtergreifung der AfD fürchten?“ Lührßen nickte. „Angst“, gab er zu verstehen, „Angst ist nie logisch. Irgendwann brauchen Sie auch keine Flüchtlinge mehr, da reicht die AfD.“ Immerhin hatte eine erkleckliche Anzahl die schlimmsten Krankheiten in Betracht gezogen. „Meinten Sie nicht, die Pest würde Ihnen heute kein Mensch mehr abnehmen?“ „Kaum“, entgegnete er. „Die Pest kannte jeder, diese Furcht war eine Reaktion auf das Nichtwissen der Menschen, die vergiftet Brunnen und schwefligen Dunst für die Infektionsquelle hielten, aber nicht das Bakterium. Wenn Sie Ebola nur aus einer Zeitung für geistig minderbemitteltes Publikum kennen, entwickeln Sie Angst.“ Er rührte in seiner Tasse herum. „Die größte Wirkung entfaltet Angst nun mal, wenn man das Objekt seiner Abscheu gar nicht kennt.“ „Und wie rechtfertigen Sie dann die Vermarktung von Impfangst, Aluhüten und Chemtrails?“ Sein Gesicht verfinsterte sich schlagartig. „Mit Scharlatanen wie diesen Leuten haben wir nichts am Hut“, knurrte Doktor Lührßen. „Sie sind eine Schande für unser Gewerbe, so etwas würden wir nie verkaufen. Eine Schande!“

Alles war geklärt, der Tee getrunken, uns würde sicher nichts Geschäftliches mehr verbinden. Da drückte mir Doktor Lührßen einen Umschlag in die Hand. „Für Ihre freundlichen Bemühungen. Keine Sorge!“ Steuerkanzleivorraum, Betontreppenhaus. Ich tastete in meine Manteltasche. Ob ich…





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDIX): Die Unterschreitung der Individualdistanz

13 04 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es muss nicht zwingend im Pleistozän begonnen haben, aber damals gab es halt noch keine Tram. Die Hominiden lagerten um das nach diesem Zweck benannte Feuer, beschützten sich gegenseitig und reihum, betrieben einen Großteil der Körperpflege in gemeinsamem Verbund und nahmen Mahlzeiten aus obskurem Krimskrams so gut wie aufeinander hockend ein, kurz: ein bisschen wie Japaner, nur ohne diese abstoßend süßliche Popmusik. Manchmal brach einer aus, rannte für ein paar Tage in die Steppe, um nicht komplett durchzudrehen, aber auch das war schnell erledigt. Die typischen Beutetiere waren daran gewöhnt, von mehr als einer mangelhaft behaarten Grützbirne angegriffen zu werden, und so war auch die Jagd fest verlötet im Programm des Nacktaffen: nicht allein, es sei denn, man hatte nichts gegen frühes Ableben mit Überraschungseffekt. Noch war die Unterschreitung der Individualdistanz fremd, denn sie blieb phylogenetisch ähnlich sinnlos wie ein Stimmzettel für Nazis.

Die Evolution hat uns zu Herdentieren gemacht, genauer: zu Kleinherdentieren, denen große Massen an ähnlich verdeppten Zweibeinern zutiefst suspekt sind, falls nicht neurologisch degenerative Zustände – Ecstasy, Krieg, CSU-Parteitage – für jähen Druckabfall unter der Schädeldecke führen. Wo die Hirnlappen plötzlich frei schwingen, wird ja keiner auf den Gedanken kommen, seine DNA sei für die Arterhaltung notwendig. Doch der gemeine Bürger auf durchschnittlicher Lebensbahn verteidigt sein Revier auch da, wo er keins mehr hat, weil es eben keins mehr gibt. Großraumbüros, Radwege, auf denen der Besserverdiener auch mit dem SUV parken kann, die Schnellbahn zwischen halb sieben und halb neun, wir sind förmlich in eine Büchse gepfercht, die durch die Fährnisse des Alltags flutscht, und zwar ohne jede Chance, dass jemand sie plötzlich von außen aufzöge, uns freizulassen – was die eigenverantwortlichen Maßnahmen wie Zen oder Nationalismus angeht, Sekundenschlaf oder gezieltes Weglasern von kognitiven Zentren, es ist noch nichts so gut erforscht, als dass man es als wirksam bezeichnen könnte, und wenn, so bleibt es doch nur Trost, der eine subjektive Parallelwelt ohne die Dummdeppen da draußen beschreibt, reine Einbildung, und nichts davon könnte den Nebenmann im Vorortzug vergessen machen, der einem ständig die Ellenbogen in die Rippen drischt, um kostenlos einen neuen Gesichtsschädel zu ergattern.

Denn es handelt sich gerade hier um die am wenigsten sozial befriedete Zone, die auch mit akustischer Verblendung unerträglich wird, weil immer noch Geruch und Anblick beleidigend wirken durch ihre physische Präsenz, während sich der Normalnappel an die Vorstellung klammert, in drei Haltestellen spätestens wieder alleine zu sein. Man ist bisweilen von Idioten umgeben, ab und an von beängstigendem Volk, aber meistens verursacht einem die Umgebung einfach nur Widerwillen. Wie klug hat es die Natur eingerichtet, dass man von den Knalltüten hier und da eine Armlänge Abstand halten kann. Keiner muss sich Gründe häkeln, es ist ein Menschenrecht und gesetzlich geregelt, dass niemand uns zu nah auf die Pelle rückt.

Dennoch schwiemeln einem kulturspezifische Ausnahmen eben diese Verhältnisse entgegen. Es mag nicht besser sein, wenn man sich die Intimzone durch niedrigen Status oder Geburt in einer eher komplizierten Kultur verrammelt, um dann Abwehrmaßnahmen zu ergreifen – die Verspannung löst sich danach meist in einer unglücklichen Bewegung am Abzug, beim nächsten Kontakt mit dem Schlagring oder in der Wahlkabine, wo einem das Fremde noch einmal überdimensional auf die Zehen latscht. Warum wohl brauchen Vorgesetzte, die vor nichts Angst haben, einen monströsen Schreibtisch, patschen aber jedem Handwerker auf die Pranke auf die Schulter?

Am einfachsten, auch im Sinne der Hygiene, wäre es freilich, wir ließen einander alle los. Man kann noch einen fernen Punkt fixieren, den Dreck auf der Omnibusscheibe oder die die zweitunterste Kachelreihe in der Warteschlange vor dem Dreimeterbrett, was kein kontemplativer Ersatz ist für den Akt zwischen Flucht und Vertreibung, aber es wäre gesellschaftlich sicher besser aufgenommen als eine Massenschlägerei um die Entscheidung, wessen Fuß wann wo oben stand.

So wie man dem Bürger nicht einfach in die Bude einbricht, traumtisiert man ihn nicht wissentlich durch die moderne Zivilisation. Es sei denn, Die Folgeabschätzung kam zustande, wie sie immer entstanden ist bisher: man nahm an, es würde schon nicht so schlimm werden. Vermutlich wird die geschundene Menschheit ihre seelischen Bedürfnisse demnächst mit einer Demonstration einfordern. Massenhaft, Seit an Seit. Was verdammt eng werden könnte.





Erinnerungslücken

5 04 2018

Natürlich hatte ich an meinen Ausweis gedacht. „Sie würden sonst nicht wieder aus der Station kommen“, bemerkte die Schwester am Empfang. „Jedenfalls nicht so einfach.“

Verwirrte saßen auf den Bänken im Innenhof. Verwirrte standen in den Umgängen, die auf den Hof hinausgingen. „Sie sind schon fast fertig“, erklärte die Leiterin. „Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen das gerne mal demonstrieren.“ Ich verneinte. „Üblicherweise arbeitet die Medizin in die andere Richtung.“ Sie zog eine Augenbraue in die Höhe. „Wir sind ja auch Psychologen. Und wir haben diesen Ansatz so gut wie perfektioniert. Schauen Sie sich mal diesen Mann an.“ Ich sah auf den Umgang gegenüber. „Er weiß ab und zu, wer er ist und was er hier macht. Noch eine Woche, und er wird sogar das gezielt verdrängen können.“

Es handelte sich dabei um einen jungen, aufstrebenden Berufspolitiker, der gerade als Landrat Karriere machen wollte. „Vor der Wahl hat er sieben neue Kindertagesstätten, den Bau eines neuen Krankenhauses und die Umgehungsstraße am Plunderbusch versprochen.“ „Natürlich vor Zeugen?“ Sie grinste etwas schief. „Wie lange beschäftigen Sie sich jetzt schon mit Politik? Es geht gar nicht um die Zeugen, es geht um das Versprechen an sich. Er konnte sich eine Woche nach der Wahl noch an jede Einzelheit erinnern.“ Das erschreckte mich. „An jede?“ Die Leiterin seufzte. „Jede. Ein schwerer Fall, wie Sie sehen. Außerordentlich schwer.“ „Das wird das Bild des Berufspolitikers in der Öffentlichkeit massiv beschädigen.“ „Quatsch“, schnaubte sie. „Haben Sie eine ungefähre Vorstellung, was das alles kosten wird?“ Die Partei hatte ihn zügig auf die Station gebracht und sofort der Obhut des psychologischen Personals unterstellt. „Wir bringen ihm grundlegendes Vergessensmanagement bei. Wissen ist bekanntlich Macht, wenn Sie nichts wissen – macht nichts.“

Langsam begriff ich, worum es hier ging. Je mehr wir wissen, desto mehr denken wir nach, je mehr wir über uns reflektieren, desto eher geraten wir in Zweifel – ich denke, also spinn ich. Das Glück der Menschen besteht nicht in der Erkenntnis ihrer selbst. Es lässt sich nur in ihrer vollkommenen Abwesenheit fassen, und selbst hier nicht mit der gewünschten Sicherheit. Wer sich nicht erinnert, dem kann die Erinnerung auch nicht getrübt, verfälscht, genommen werden. Und er stellt keine Gefahr dar für andere, denen diese Erinnerung im Falle eines Falles gefährlich werden könnte. Der erinnerungslose Mensch ist ein idealer Zeitgenosse, leicht zu verwenden, quasi abwaschbar, vollendet gutartig, da zu keiner Schlechtigkeit intellektuell in der Lage, und keiner würde es ihm als Fehler ankreiden. Die meisten hätten wohl ihre Gründe.

„Bei manchen haben wir eine Menge Arbeit“, erklärte sie. „Sie sind zu begriffsstutzig und wissen gar nicht, was sie vergessen sollen. Bei manchen haben wir einfach nur eine Menge Arbeit.“ Mir kam dieses Gesicht gleich so bekannt vor. „Ist das nicht…“ „Doch“, antwortete sie trocken. „Sonst sehen Sie den Mann aus den Abendnachrichten, er ist jetzt schließlich Bundesminister, aber sonst hat sich nicht viel geändert.“ Wie normal das aus ein paar Metern Entfernung aussah; geistig war er nicht mehr in der Lage, seine Schuhe vernünftig zuzubinden, aber er erzählte noch immer denselben Unsinn, den er seit Jahren erzählte. „Er macht meist das Amt für sein Versagen verantwortlich, dem er einige Jahre lang vorgestanden hatte.“ Die Leiterin schob gelangweilt ihre Brille zurecht. „Außerdem hat er vollkommen vergessen, was er in dieser Position von der Führung seines jetzigen Ministeriums verlangt hatte.“ Der Mann hatte leichte Gleichgewichtsstörungen und hielt sich an der Brüstung des Umlaufs fest; immerhin wusste er noch genau, dass er Bundesminister war, und so trat er nach den Pflegern, spuckte sie an und schrie, sie sollten gefälligst arbeiten gehen, statt sich im Krankenhaus auszuruhen.

„Wenn Sie wüssten, wen wir hier haben, Sie wären entzückt.“ Ich konnte mir schon vorstellen, wer sich in Behandlung begab, höhere Beamte, eine Menge Würdenträger aus allerhand Parteien und anderen Kirchen, wahrscheinlich auch Künstler mit verdrängungswürdigem Vorleben. „Und sie haben alle ein Bedürfnis nach Vergessen.“ „Wie man’s nimmt.“ Wieder schob sie sich die Brille zurecht. „Ein paar von ihnen leben sowieso schon längst im Wolkenkuckucksheim, denen kann man nicht mehr viel ausreden, die nehmen keine Art von Realität wahr. Da muss man höchstens daran arbeiten, die Mauern noch ein bisschen höher zu ziehen.“ Offenbar hielt sie nicht viel von den Patienten, auf die das zutraf. „Aber einige von ihnen haben doch das Bedürfnis nach Verdrängung, weil sie sonst nicht mehr leben könnten. Sie müssen ausschalten, was sie dazu bringen könnte, ihr ganzes bisheriges Leben noch einmal neu zu überdenken. Oder etwas anders zu machen. Oder überhaupt einmal zu handeln, statt immer nur zuzuschauen, wie etwas geschieht, das sie nicht begreifen.“ Die kleine Gruppe von Verwirrten kam wieder aus dem Hof zurück. Einer von ihnen blieb stehen und sah mich aus leeren Augen an. „Autoindustrie“, sagte sie. „Seit gestern weiß er nicht einmal mehr, was ein Dieselmotor ist.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXXXVII): Alles gut

22 09 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Vermutlich hat es einen namenlosen Deppen getroffen, der mit dem Brezelkorb über den Markt gestolpert kam und nichts Besseres zu tun hatte, als den Prinzen vollzukrümeln. Der Brezelknecht war ein welterfahrener Mann, gediegen grobschlächtig und kaum mit bloßer Hand zu bändigen, der Typ mit den manikürten Griffeln jedoch standestypisch als Weichei sozialisiert, nicht mit der Ausübung von Macht vertraut und dementsprechend neben der Spur. Herr und Diener scheint’s tauschen die Rollen auf der Kampfbahn, der Fürst klaubt sich Brosamen aus dem Hermelin, während seine Knie wie Lurchlaich wabbern, und mit Bibber in der Stimme wanzt er die Mehlmütze an: alles gut. Alles, alles gut. Nie war eine Deeskalation beknackter, so fehl am Platz wie hier, so wertlos, kontraproduktiv und für die Tonne.

Nichts ist gut. Denn keiner würde im Ernst behaupten, diese kindische Sprachausstanzung sei auch nur ansatzweise Sympathieträger und nicht der Marker der drohende Katastrophe, kurz bevor der Stillstand der Dinge sich wieder in Wohlgefallen löst. Alles klar, alles paletti, kann man machen, aber gut war noch nie etwas, schon gar nicht im engeren Sinn, und mit scheinbar beschwörendem Gestus, dabei doch inwendig voller Schreckgespenstern windet sich das Ding eine prästabile Harmonie aus dem Hinterausgang, wo und wie auch immer sich die Gelegenheit dazu ergibt nach dem Urknall.

Die hündische Ergebenheitsformel, die aus den therapieverschwiemelten Schimmelhirnen schwappt, spiegelt die neoliberal konditionierte Not in den Köpfe der Mehrheit. Wer auf der Sonnenseite hockt, kann die Regeln bestimmen und seine schlechte Laune zum Maßstab der Bewertung machen; wer dagegen zur Renditensicherung täglich buckelt, der hat die Kröten zu schlucken, und nichts wird diesen Konsens der Knallfrösche je in Frage stellen. Gutsherrenmentalität bestimmt die zur Dienstleistung degenerierte Masse. Wer da an Häubchen oder Uniform, kurz: an schnöder Erwerbstätigkeit zu mutmaßlich spätrömischem Salär erkennbar ist, hat keine Ansprüche zu stellen, auch wenn ihm der Gast aus Langeweile in die Suppe haart.

Früher, als es noch eine Gesellschaft gab, die diesen Namen auch verdiente, erkannte man den echten Herren daran, dass er aus Verantwortung die Diener mit Achtung behandelte, heute, da nur mehr feucht-völkischer Sott und intellektuelle Pausenclowns die Freiräume besiedeln, besudeln ihre degenerierten Sprösslinge die Lücken. Joviales Gepopel lässt der Adel linker Hand auf die anderen nieder: alles gut, der Domestike soll sich nicht so haben, er stört unser ff. Dasein. Wie glitschig auch immer das über die echte Menschheit hinweggeht, es ist eine Waffe, die die Schnöselschicht erst an den Bediensteten ausprobiert hat, um sie dann wieder für sich zu reklamieren.

Von beiden Seiten also wird in restringiertem Code die deppenkompatible Losung in die Runde gekleckert, wenigstens die Hoffnung nicht gleich aufzugeben, nicht ganz, nicht nachhaltig. Was auch immer sich an Konflikt aus dem Dunst kristallisiert, ist per se falsch, denn es kann ja nicht alles gut sein, was sich entwickelt – das Bessere, weiß der Dialektiker, muss ein Feind des Guten sein, das wie in einer fatalen Kettenreaktion die esoterischen Selbstheiler auf den Plan ruft, sich mit planlosen Deeskalationen einen Trampelpfad durchs Dunkel zu schlagen. Wir denken wie die Säuglinge, deren zeitlich-räumliche Perspektive erfreulich eng an der Innenseite der Kalotte haftet, handeln entsprechend infantil und wundern uns über die Verbindlichkeit der verbalen Nullstellen, als würde die Realität gar nicht mehr zählen. Funfact: sie tut’s auch nicht.

Hat der durchschnittliche Sprechblasebalg der postfaktischen Gesellschaft den Zusammenhang zwischen Handlung und Konsequenz erst einmal erfolgreich verdrängt, dann geht es eigentlich. Dann, nur dann ist alles gut. Vorher aber ist die Multifunktionsworthülse aus der Ja-hallo-erstmal-Tube nichts als ein Schuldeingeständnis, dass die ganze existenzielle Auseinandersetzung nicht viel mehr ist als die Bewegung heißer Luft im Kreis um einen zwanghaft gedachten Mittelpunkt. Nichts ist gut, was ist, und ist etwas, wie soll einer überhaupt beurteilen, ob es für den anderen gut sein könnte? Schon während der billigen Alltagssituation braut sich hinter einer Verschwörung schon die nächste zusammen, möglicherweise ist es auch keine gute Wahl gewesen, gerade jetzt zu lesen, aber zack! ist alles Schicksal, und wer will das beurteilen?

Nein, das ist nicht der Flow, mit dem die ganze Welt in Richtung Flussabwärts murmelt, und mit etwas Glück wird es auch nie Dialekt. Dann befleißigte sich jeder einer offenen Sprache in gewaltfreier Kommunikation, hörte mit vier bis acht Ohren auf die Intentionen, hielte seine Klappe, wenn er nichts zu sagen hätte. Alles wäre gut.