Gernulf Olzheimer kommentiert (CDIX): Die Unterschreitung der Individualdistanz

13 04 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es muss nicht zwingend im Pleistozän begonnen haben, aber damals gab es halt noch keine Tram. Die Hominiden lagerten um das nach diesem Zweck benannte Feuer, beschützten sich gegenseitig und reihum, betrieben einen Großteil der Körperpflege in gemeinsamem Verbund und nahmen Mahlzeiten aus obskurem Krimskrams so gut wie aufeinander hockend ein, kurz: ein bisschen wie Japaner, nur ohne diese abstoßend süßliche Popmusik. Manchmal brach einer aus, rannte für ein paar Tage in die Steppe, um nicht komplett durchzudrehen, aber auch das war schnell erledigt. Die typischen Beutetiere waren daran gewöhnt, von mehr als einer mangelhaft behaarten Grützbirne angegriffen zu werden, und so war auch die Jagd fest verlötet im Programm des Nacktaffen: nicht allein, es sei denn, man hatte nichts gegen frühes Ableben mit Überraschungseffekt. Noch war die Unterschreitung der Individualdistanz fremd, denn sie blieb phylogenetisch ähnlich sinnlos wie ein Stimmzettel für Nazis.

Die Evolution hat uns zu Herdentieren gemacht, genauer: zu Kleinherdentieren, denen große Massen an ähnlich verdeppten Zweibeinern zutiefst suspekt sind, falls nicht neurologisch degenerative Zustände – Ecstasy, Krieg, CSU-Parteitage – für jähen Druckabfall unter der Schädeldecke führen. Wo die Hirnlappen plötzlich frei schwingen, wird ja keiner auf den Gedanken kommen, seine DNA sei für die Arterhaltung notwendig. Doch der gemeine Bürger auf durchschnittlicher Lebensbahn verteidigt sein Revier auch da, wo er keins mehr hat, weil es eben keins mehr gibt. Großraumbüros, Radwege, auf denen der Besserverdiener auch mit dem SUV parken kann, die Schnellbahn zwischen halb sieben und halb neun, wir sind förmlich in eine Büchse gepfercht, die durch die Fährnisse des Alltags flutscht, und zwar ohne jede Chance, dass jemand sie plötzlich von außen aufzöge, uns freizulassen – was die eigenverantwortlichen Maßnahmen wie Zen oder Nationalismus angeht, Sekundenschlaf oder gezieltes Weglasern von kognitiven Zentren, es ist noch nichts so gut erforscht, als dass man es als wirksam bezeichnen könnte, und wenn, so bleibt es doch nur Trost, der eine subjektive Parallelwelt ohne die Dummdeppen da draußen beschreibt, reine Einbildung, und nichts davon könnte den Nebenmann im Vorortzug vergessen machen, der einem ständig die Ellenbogen in die Rippen drischt, um kostenlos einen neuen Gesichtsschädel zu ergattern.

Denn es handelt sich gerade hier um die am wenigsten sozial befriedete Zone, die auch mit akustischer Verblendung unerträglich wird, weil immer noch Geruch und Anblick beleidigend wirken durch ihre physische Präsenz, während sich der Normalnappel an die Vorstellung klammert, in drei Haltestellen spätestens wieder alleine zu sein. Man ist bisweilen von Idioten umgeben, ab und an von beängstigendem Volk, aber meistens verursacht einem die Umgebung einfach nur Widerwillen. Wie klug hat es die Natur eingerichtet, dass man von den Knalltüten hier und da eine Armlänge Abstand halten kann. Keiner muss sich Gründe häkeln, es ist ein Menschenrecht und gesetzlich geregelt, dass niemand uns zu nah auf die Pelle rückt.

Dennoch schwiemeln einem kulturspezifische Ausnahmen eben diese Verhältnisse entgegen. Es mag nicht besser sein, wenn man sich die Intimzone durch niedrigen Status oder Geburt in einer eher komplizierten Kultur verrammelt, um dann Abwehrmaßnahmen zu ergreifen – die Verspannung löst sich danach meist in einer unglücklichen Bewegung am Abzug, beim nächsten Kontakt mit dem Schlagring oder in der Wahlkabine, wo einem das Fremde noch einmal überdimensional auf die Zehen latscht. Warum wohl brauchen Vorgesetzte, die vor nichts Angst haben, einen monströsen Schreibtisch, patschen aber jedem Handwerker auf die Pranke auf die Schulter?

Am einfachsten, auch im Sinne der Hygiene, wäre es freilich, wir ließen einander alle los. Man kann noch einen fernen Punkt fixieren, den Dreck auf der Omnibusscheibe oder die die zweitunterste Kachelreihe in der Warteschlange vor dem Dreimeterbrett, was kein kontemplativer Ersatz ist für den Akt zwischen Flucht und Vertreibung, aber es wäre gesellschaftlich sicher besser aufgenommen als eine Massenschlägerei um die Entscheidung, wessen Fuß wann wo oben stand.

So wie man dem Bürger nicht einfach in die Bude einbricht, traumtisiert man ihn nicht wissentlich durch die moderne Zivilisation. Es sei denn, Die Folgeabschätzung kam zustande, wie sie immer entstanden ist bisher: man nahm an, es würde schon nicht so schlimm werden. Vermutlich wird die geschundene Menschheit ihre seelischen Bedürfnisse demnächst mit einer Demonstration einfordern. Massenhaft, Seit an Seit. Was verdammt eng werden könnte.

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Erinnerungslücken

5 04 2018

Natürlich hatte ich an meinen Ausweis gedacht. „Sie würden sonst nicht wieder aus der Station kommen“, bemerkte die Schwester am Empfang. „Jedenfalls nicht so einfach.“

Verwirrte saßen auf den Bänken im Innenhof. Verwirrte standen in den Umgängen, die auf den Hof hinausgingen. „Sie sind schon fast fertig“, erklärte die Leiterin. „Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen das gerne mal demonstrieren.“ Ich verneinte. „Üblicherweise arbeitet die Medizin in die andere Richtung.“ Sie zog eine Augenbraue in die Höhe. „Wir sind ja auch Psychologen. Und wir haben diesen Ansatz so gut wie perfektioniert. Schauen Sie sich mal diesen Mann an.“ Ich sah auf den Umgang gegenüber. „Er weiß ab und zu, wer er ist und was er hier macht. Noch eine Woche, und er wird sogar das gezielt verdrängen können.“

Es handelte sich dabei um einen jungen, aufstrebenden Berufspolitiker, der gerade als Landrat Karriere machen wollte. „Vor der Wahl hat er sieben neue Kindertagesstätten, den Bau eines neuen Krankenhauses und die Umgehungsstraße am Plunderbusch versprochen.“ „Natürlich vor Zeugen?“ Sie grinste etwas schief. „Wie lange beschäftigen Sie sich jetzt schon mit Politik? Es geht gar nicht um die Zeugen, es geht um das Versprechen an sich. Er konnte sich eine Woche nach der Wahl noch an jede Einzelheit erinnern.“ Das erschreckte mich. „An jede?“ Die Leiterin seufzte. „Jede. Ein schwerer Fall, wie Sie sehen. Außerordentlich schwer.“ „Das wird das Bild des Berufspolitikers in der Öffentlichkeit massiv beschädigen.“ „Quatsch“, schnaubte sie. „Haben Sie eine ungefähre Vorstellung, was das alles kosten wird?“ Die Partei hatte ihn zügig auf die Station gebracht und sofort der Obhut des psychologischen Personals unterstellt. „Wir bringen ihm grundlegendes Vergessensmanagement bei. Wissen ist bekanntlich Macht, wenn Sie nichts wissen – macht nichts.“

Langsam begriff ich, worum es hier ging. Je mehr wir wissen, desto mehr denken wir nach, je mehr wir über uns reflektieren, desto eher geraten wir in Zweifel – ich denke, also spinn ich. Das Glück der Menschen besteht nicht in der Erkenntnis ihrer selbst. Es lässt sich nur in ihrer vollkommenen Abwesenheit fassen, und selbst hier nicht mit der gewünschten Sicherheit. Wer sich nicht erinnert, dem kann die Erinnerung auch nicht getrübt, verfälscht, genommen werden. Und er stellt keine Gefahr dar für andere, denen diese Erinnerung im Falle eines Falles gefährlich werden könnte. Der erinnerungslose Mensch ist ein idealer Zeitgenosse, leicht zu verwenden, quasi abwaschbar, vollendet gutartig, da zu keiner Schlechtigkeit intellektuell in der Lage, und keiner würde es ihm als Fehler ankreiden. Die meisten hätten wohl ihre Gründe.

„Bei manchen haben wir eine Menge Arbeit“, erklärte sie. „Sie sind zu begriffsstutzig und wissen gar nicht, was sie vergessen sollen. Bei manchen haben wir einfach nur eine Menge Arbeit.“ Mir kam dieses Gesicht gleich so bekannt vor. „Ist das nicht…“ „Doch“, antwortete sie trocken. „Sonst sehen Sie den Mann aus den Abendnachrichten, er ist jetzt schließlich Bundesminister, aber sonst hat sich nicht viel geändert.“ Wie normal das aus ein paar Metern Entfernung aussah; geistig war er nicht mehr in der Lage, seine Schuhe vernünftig zuzubinden, aber er erzählte noch immer denselben Unsinn, den er seit Jahren erzählte. „Er macht meist das Amt für sein Versagen verantwortlich, dem er einige Jahre lang vorgestanden hatte.“ Die Leiterin schob gelangweilt ihre Brille zurecht. „Außerdem hat er vollkommen vergessen, was er in dieser Position von der Führung seines jetzigen Ministeriums verlangt hatte.“ Der Mann hatte leichte Gleichgewichtsstörungen und hielt sich an der Brüstung des Umlaufs fest; immerhin wusste er noch genau, dass er Bundesminister war, und so trat er nach den Pflegern, spuckte sie an und schrie, sie sollten gefälligst arbeiten gehen, statt sich im Krankenhaus auszuruhen.

„Wenn Sie wüssten, wen wir hier haben, Sie wären entzückt.“ Ich konnte mir schon vorstellen, wer sich in Behandlung begab, höhere Beamte, eine Menge Würdenträger aus allerhand Parteien und anderen Kirchen, wahrscheinlich auch Künstler mit verdrängungswürdigem Vorleben. „Und sie haben alle ein Bedürfnis nach Vergessen.“ „Wie man’s nimmt.“ Wieder schob sie sich die Brille zurecht. „Ein paar von ihnen leben sowieso schon längst im Wolkenkuckucksheim, denen kann man nicht mehr viel ausreden, die nehmen keine Art von Realität wahr. Da muss man höchstens daran arbeiten, die Mauern noch ein bisschen höher zu ziehen.“ Offenbar hielt sie nicht viel von den Patienten, auf die das zutraf. „Aber einige von ihnen haben doch das Bedürfnis nach Verdrängung, weil sie sonst nicht mehr leben könnten. Sie müssen ausschalten, was sie dazu bringen könnte, ihr ganzes bisheriges Leben noch einmal neu zu überdenken. Oder etwas anders zu machen. Oder überhaupt einmal zu handeln, statt immer nur zuzuschauen, wie etwas geschieht, das sie nicht begreifen.“ Die kleine Gruppe von Verwirrten kam wieder aus dem Hof zurück. Einer von ihnen blieb stehen und sah mich aus leeren Augen an. „Autoindustrie“, sagte sie. „Seit gestern weiß er nicht einmal mehr, was ein Dieselmotor ist.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXXXVII): Alles gut

22 09 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Vermutlich hat es einen namenlosen Deppen getroffen, der mit dem Brezelkorb über den Markt gestolpert kam und nichts Besseres zu tun hatte, als den Prinzen vollzukrümeln. Der Brezelknecht war ein welterfahrener Mann, gediegen grobschlächtig und kaum mit bloßer Hand zu bändigen, der Typ mit den manikürten Griffeln jedoch standestypisch als Weichei sozialisiert, nicht mit der Ausübung von Macht vertraut und dementsprechend neben der Spur. Herr und Diener scheint’s tauschen die Rollen auf der Kampfbahn, der Fürst klaubt sich Brosamen aus dem Hermelin, während seine Knie wie Lurchlaich wabbern, und mit Bibber in der Stimme wanzt er die Mehlmütze an: alles gut. Alles, alles gut. Nie war eine Deeskalation beknackter, so fehl am Platz wie hier, so wertlos, kontraproduktiv und für die Tonne.

Nichts ist gut. Denn keiner würde im Ernst behaupten, diese kindische Sprachausstanzung sei auch nur ansatzweise Sympathieträger und nicht der Marker der drohende Katastrophe, kurz bevor der Stillstand der Dinge sich wieder in Wohlgefallen löst. Alles klar, alles paletti, kann man machen, aber gut war noch nie etwas, schon gar nicht im engeren Sinn, und mit scheinbar beschwörendem Gestus, dabei doch inwendig voller Schreckgespenstern windet sich das Ding eine prästabile Harmonie aus dem Hinterausgang, wo und wie auch immer sich die Gelegenheit dazu ergibt nach dem Urknall.

Die hündische Ergebenheitsformel, die aus den therapieverschwiemelten Schimmelhirnen schwappt, spiegelt die neoliberal konditionierte Not in den Köpfe der Mehrheit. Wer auf der Sonnenseite hockt, kann die Regeln bestimmen und seine schlechte Laune zum Maßstab der Bewertung machen; wer dagegen zur Renditensicherung täglich buckelt, der hat die Kröten zu schlucken, und nichts wird diesen Konsens der Knallfrösche je in Frage stellen. Gutsherrenmentalität bestimmt die zur Dienstleistung degenerierte Masse. Wer da an Häubchen oder Uniform, kurz: an schnöder Erwerbstätigkeit zu mutmaßlich spätrömischem Salär erkennbar ist, hat keine Ansprüche zu stellen, auch wenn ihm der Gast aus Langeweile in die Suppe haart.

Früher, als es noch eine Gesellschaft gab, die diesen Namen auch verdiente, erkannte man den echten Herren daran, dass er aus Verantwortung die Diener mit Achtung behandelte, heute, da nur mehr feucht-völkischer Sott und intellektuelle Pausenclowns die Freiräume besiedeln, besudeln ihre degenerierten Sprösslinge die Lücken. Joviales Gepopel lässt der Adel linker Hand auf die anderen nieder: alles gut, der Domestike soll sich nicht so haben, er stört unser ff. Dasein. Wie glitschig auch immer das über die echte Menschheit hinweggeht, es ist eine Waffe, die die Schnöselschicht erst an den Bediensteten ausprobiert hat, um sie dann wieder für sich zu reklamieren.

Von beiden Seiten also wird in restringiertem Code die deppenkompatible Losung in die Runde gekleckert, wenigstens die Hoffnung nicht gleich aufzugeben, nicht ganz, nicht nachhaltig. Was auch immer sich an Konflikt aus dem Dunst kristallisiert, ist per se falsch, denn es kann ja nicht alles gut sein, was sich entwickelt – das Bessere, weiß der Dialektiker, muss ein Feind des Guten sein, das wie in einer fatalen Kettenreaktion die esoterischen Selbstheiler auf den Plan ruft, sich mit planlosen Deeskalationen einen Trampelpfad durchs Dunkel zu schlagen. Wir denken wie die Säuglinge, deren zeitlich-räumliche Perspektive erfreulich eng an der Innenseite der Kalotte haftet, handeln entsprechend infantil und wundern uns über die Verbindlichkeit der verbalen Nullstellen, als würde die Realität gar nicht mehr zählen. Funfact: sie tut’s auch nicht.

Hat der durchschnittliche Sprechblasebalg der postfaktischen Gesellschaft den Zusammenhang zwischen Handlung und Konsequenz erst einmal erfolgreich verdrängt, dann geht es eigentlich. Dann, nur dann ist alles gut. Vorher aber ist die Multifunktionsworthülse aus der Ja-hallo-erstmal-Tube nichts als ein Schuldeingeständnis, dass die ganze existenzielle Auseinandersetzung nicht viel mehr ist als die Bewegung heißer Luft im Kreis um einen zwanghaft gedachten Mittelpunkt. Nichts ist gut, was ist, und ist etwas, wie soll einer überhaupt beurteilen, ob es für den anderen gut sein könnte? Schon während der billigen Alltagssituation braut sich hinter einer Verschwörung schon die nächste zusammen, möglicherweise ist es auch keine gute Wahl gewesen, gerade jetzt zu lesen, aber zack! ist alles Schicksal, und wer will das beurteilen?

Nein, das ist nicht der Flow, mit dem die ganze Welt in Richtung Flussabwärts murmelt, und mit etwas Glück wird es auch nie Dialekt. Dann befleißigte sich jeder einer offenen Sprache in gewaltfreier Kommunikation, hörte mit vier bis acht Ohren auf die Intentionen, hielte seine Klappe, wenn er nichts zu sagen hätte. Alles wäre gut.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXXVIII): Die Unterwerfung

7 07 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Keiner erinnert sich an Pumpelbert Ohnekinn, die verkommene Letztgeburt Knødebrehts von Olpe-Bitterfeld, mit dessen spektakulärem Ableben das Geschlecht der Westerwälder endgültig seine lästige Existenz drangab. Der vormalige Herzog von Flundern hatte sich einen Namen gemacht als führender Blödkolben der von den Langobarden geduldeten Heckenpenner zwischen Burgund und westgotischer Tiefebene, sein historisches Unglück in der Suppenschüssel aber kümmert bis heute weder Fachwelt noch interessierte Laien, wiewohl der Tage später in braunsaurer Tunke dümpelnde Fürst bis heute als unförmig aufgedunsener Fleck das Wappen der Pumpeliden ziert, ein gestümmelter Geck mit ohne Gesicht. Dass eins seiner gedächte, passiert nur, wenn die vorherrschende Eigenschaft dieser Knalltüte zur Sprache kommt: die Diener auf Knien rutschend unter plärrenden Entschuldigungen das Frühstück servieren zu lassen, allzeit bereit, ihnen das Zepter über die Rübe zu ziehen, damit er sich über die Milchflecken auf der Auslegeware echauffieren könne. So war denn auch keiner sehr überrascht, dass sich der Monarch die Kehle mit dem Bratenmesser durchgesägt hatte, bevor er mit gefesselten Griffeln in die Brühe hüpfte. Personal ist nun mal Vertrauenssache.

Inzwischen sind es die Bäckereifachverkäuferin, der Taxifahrer und die Telefonterrorfachkraft an der Hotline, die sich mit Sehr gerne und ähnlichen Schleimabsonderungen für die Bestellung eines Schnittbrötchens, die notwendige Aufnahme der Kundennummer oder rechtzeitiges Bremsen in Ampelnähe bedanken, was gleichzeitig als passiver Widerstand gegen das verhasste Berufsbild und als aggressiver Akt zu sehen ist gegen die Nonchalance des Kunden, der einfach nur eine Schrippe oder am Hauptbahnhof aussteigen will. Kein Mietkutscher macht das übermäßig gerne, und der, der nachts im Nieselregen vor der Domplatte auf den letzten Zug aus Bad Salzdetfurth wartet, tut es nicht aus reiner Menschenfreundlichkeit, sondern im klebrigen Konkurrenzkampf gegen die anderen Chauffeure, die nur tagsüber und zuschlagfrei fahren. Hör zu, sagt die erzwungene Unterwürfigkeit, ich mache diesen Scheißjob, weil ich nicht anders kann, dabei rutsche ich auf dem Teppich herum, muss jederzeit damit rechnen, dass ich die Plempe in den Flokati pladdere, und die zahlenden Bumsköpfe machen die Angelegenheit auch nicht leichter. Das dusselig um sich wuchernde Gefloskel, bitte gern, bitte gleich, es hat aus dem herrschaftsfreien Diskurs der nach Krieg und Zerstörung erwachsenen Gesellschaft endlich wieder jene Zwangshandlung von Ichlingen im Konkurrenzdruck gemacht, wo jeder seinen Job hasst wie die Kunden und die Kunden wie seinen Job. Mit der komplett verschwiemelten Gefälligkeit erbricht sich auch ihr Gegenteil in Richtung Konsument, der nur spärlich kaschierte Hass.

Warum sollte der Normalarbeitnehmer plötzlich mit ausufernder Penetranz das Joch herrschender Verbraucherwünsche als Zeichen innerer Freiheit feiern? Brezelt der Semmelhändler dem Besteller aus Prinzip einen Sack Küsschen ins Kreuz? oder braucht er die Karmapunkte, um in der nächsten Runde als Etagenkellner die Liebedienerei als Kunstform zu perfektionieren? Mitnichten. Wie in psychotischer Angstlähmung buhlt der Ladner um ein mildes Lächeln, das ihn vor dem Fallbeil zu schützen scheint, wenn beim Jüngsten Gericht der Patron die Anstellung beendet oder verlängert. Nicht der Besteller, der sich freuen sollte, dass man ihm am Sonntag vor acht mit zwei Mohn, zwei Sesam plus halbwegs frischen Rosinenschnecken die Stoffwechselsituation verbessert, der Bäcker hat die Gnade des Herrn zu preisen, dass er seinen Job lieben darf, während König Kunde, der in den Zeitläuften rasch verdrängte Flusenlutscher, der kommt und auch wieder gehen wird, sein Regiment mit Dummheit und Willkür aufrecht erhält, dafür noch Beifall erwartet und die unverbindliche Larmoyanz der Ellenbogengesellschaft.

Professionelle Liebe ist ebendies und auf den ersten Blick erkennbar, jene unpersönlich und ad hoc angeknipste Lächelkonserve, mit der Fisch und Urne, Seife und Knarre über den Tresen wandern. Danke, säuselt das Mädchen im gestreiften Zwirn, dass Sie sich für Rotz & Söhne entschieden haben, schönen Tag noch, beehren Sie uns bald wieder, möge die Erde Ihnen leicht sein. Alles ist gut, sie hat alles getan, weil sie weiß, dass sie in dieser völlig verdübelten Arbeitswelt für jeden Fehler selbst verantwortlich ist und also verantwortlich gemacht werden wird, und hat sie keinen Fehler gemacht, dann wird ihr willenloses Gewimmer eben zum Fehlverhalten deklariert, um sie besser zu steuern, vulgo: sie leichter vor die Tür setzen zu können, wenn sie zu teuer wird, zu alt, whatever. So wird sie zur perfektionierten Overachieverin, ein grinsdebiles Bündel Angst auf der Rutschbahn zum Burnout, innerlich bereits kurz und klein gefaltet, wie in einer paradoxen Reaktion auf die eigene Zombieexistenz. Es gibt keinen Weg, dass sie dem Kunden gleich beim Betreten des Ladens aufs Maul hauen könnte, weil er mutmaßlich nicht passend zahlt. Abgesehen von Berlin.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXXIII): Subjektive Intelligenz

19 05 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es war einer dieser schwierigen Tage, an denen Uga nicht ganz mitkam. Die anderen hatten die junge Birke schon nach unten gebogen und die Kokosnuss justiert, er aber pfriemelte lustig an der Liane herum und ließ sich weder durch lauthals geäußerte Warnungen noch durch leises Knacken in der Knotenstruktur aus dem Konzept bringen. Die anderen sahen ihn binnen Sekundenbruchteilen durch die laue Frühlingsluft schwirren, dem Adler gleich, der sich sämtliche verfügbaren Knorpel an der westlichen Felswand zermarmelt. Man könnte es bedauern, aber eigentlich gibt es keinen Grund. Nichts ist so subjektiv wie die Intelligenz, ganz abgesehen von deren Wahrnehmung.

Mit der Dummheit ist es wie mit dem Tod: man selbst bekommt von der Sache nichts mehr mit. Für unbeteiligte Personen sieht das schon anders aus. Die Metakognition, jene Tätigkeit, bei der die eigene Intelligenz beurteilen soll, wie die eigene Intelligenz zu beurteilen sei, scheitert üblicherweise an der metakognitiven Erkenntnis, dass sie, die eigene Intelligenz, sich qua Transzendenz nie kognitiv wird erfassen können. Wie ein Mensch sein Gehirn nicht mit dem eigenen Gehirn und seine Sprache nicht in seiner Sprache wird beschreiben können, vermag er sich beim besten Willen nicht selbst auf den Scheitel blicken. Allein grottoid anmutende Versuche gehen mit einiger Verve als intellektuell gelungen durch, während sie in Wahrheit ihre Selbstgewissheit nur aus gründlich missverstandenen Einschätzungen und Gedanken zusammenschwiemeln. Jene von Dunning und Kruger ganz trefflich beschriebene kognitive Verzerrung zeigt, dass die Deppen nicht einfach dumm sind, sondern eben so dumm, dass sie zu dumm sind, um zu verstehen, dass sie Deppen sind.

Das Erkennen einer richtigen Lösung ist nicht schwierig: Stein trifft Scheibe, Faust macht blau – erst das Erkennen von Mängeln und ihrer möglichen Ursachen erfordert Rechenkapazität unter dem Pony. Wer weiß, dass er nicht weiß, ist immerhin schon einen gewaltigen Schritt weiter als der, der das nicht einmal erkennen würde, liefe es hupend über die Straße. Eben jene Metakognition ist der erste Schritt zur Besserung, stößt sie doch das Tor auf zur grundlegenden Erkenntnis, dass der Schaden innerhalb des eigenen Schädels lokalisiert ist.

Es liegt auf der Hand, ohne diese Erkenntnis geht es dem Blödkolben gut. Wer eben nicht weiß, wie dumm er ist, lebt entscheidend ruhiger, muss sich nicht mit seinen eigenen Defiziten plagen und schiebt deren Folgen nicht auf sich selbst. Von der eigenen Blödheit wie von einem Schleier sanft aus der Realität entfernt, die aus lauter Geisterfahrern besteht, so geborgen in der eigenen Inkompetenz braucht es nur einen Schritt bis zur Erkenntnis, dass an der Mangelhaftigkeit der Welt, insbesondere an den Folgen der eigenen Dämlichkeit, ausschließlich die anderen schuldig sein können. Der Stein trifft die Scheibe, also macht er sie kaputt. Das entlastet ungemein, denn wer derart Druck vom Kessel nimmt, schafft auch komplexe Prozesse – Atmen, aufrechter Gang, Grunzlaute, Mitgliedschaft in einer völkisch-nationalen Bewegung – mit dem zur Verfügung stehenden Weichteilrest schmerzfreier als unter normalen Bedingungen.

Der Schlaf der Vernunft gebiert manches Ungeziefer, Verstörungstheorien, die Überzeugung der eigenen Unverwundbarkeit oder schlicht die Annahme, unfehlbar zu sein. Ganze Spitzenämter werden aus diesem fadenziehenden Gemisch gehäkelt, manche lassen sich ohne einen soliden Hau an der Birne gar nicht erst führen. Die eigene Dummheit zu gefährden könnte also sogar einen enormen strategischen Nachteil bedeuten – kein Wunder, dass die meisten Bescheuerten mit dem Denken gar nicht erst anfangen wollen, denn wer holt sich freiwillig die Blaupause für schönes Scheitern ins eigene Hirn.

So bizarr alles auch klingen mag, die Lösung für das Auftreten dieser Diskrepanz ist ein Zeichen der kritischen Vernunft, wie sie letztlich nur von der Evolution ins Spiel gebracht werden kann. Mit sinkender Intelligenz steigt antiproportional die Blindheit des Bekloppten, der bereitwillig in die Vernichtung seiner arttypisch nicht notwendigen Basensequenzen einwilligt, um zu verhindern, dass jede Schädelvollprothese in den Genpool der Hominiden seicht. Bedauerlich genug, dass durch Zufall und Fremdverschulden ganz ordentliche Zweibeiner vor ihrer Zeit über die Wupper müssen. Da ist es ein Trost, dass wenigstens am unteren Rand die Natur noch eine Korrektur einflicht und nur die Hohlrüben entsorgt, die wirklich außer mit Schmackes abzuleben keinerlei sozialverträgliche Tat mehr hinkriegen könnten. Das Leben, es währt nicht ewig, und manchmal ist das für nicht direkt Beteiligte durchaus ein Trost, wenn die anderen das Ergebnis ansehen und sagen: dumm gelaufen.





Der Nase nach

9 05 2017

Es roch ein bisschen muffig, aber das fiel nicht so ins Gewicht. Ansonsten hatten die Handtücher kein eigenes Aroma, und da ich sie nicht sah, weckten sie in mir auch nicht den spontanen Reiz, sie aus der Pappschachtel zu zerren und anzufassen. „Die Konzentration ist also gering genug“, sagte Blasche befriedigt. „Sie nehmen etwas wahr, wissen aber gar nicht, worum es sich handelt. Das sind ja die besten Startbedingungen.“ Er hatte recht; jedenfalls dachte jeder so, der ein Kaufhaus besitzt.

„Unsere Beduftungsanlage funktioniert nach diesem Modell.“ Er faltete einen größeren Plan auseinander und legte das Blatt auf den Tisch des Konferenzzimmers. „Hier speisen wir Konzentrat in den Luftkreislauf ein, der sich hier in den Röhren, und zwar auf jeder Etage, und dann haben wir hier die Heizung, aber das sehen Sie selbst.“ Ich nickte befriedigt. „Ich nehme an, dass Sie die Duftmengen vorher genau bemessen haben?“ Sein arrogantes Lächeln bemühte sich um Überlegenheit. „Wir sind Wissenschaftler“, sagte er in herablassendem Ton, „wir machen keine Fehler.“

Die Kartuschen waren unmissverständlich in roten Lettern beschriftet. „Ursprünglich hatten wir eine Art Antidepressivum getestet“, informierte mich Blasche. „Eine Mixtur aus Hormonen und Salzwasser gegen Herzschmerzen, wobei wir die Mischung stark variieren ließen. Die Probanden haben sich auch erheitert gefühlt von reinem Salzwasser.“ Ich überlegte nur kurz. „Sie haben die Testpersonen vorher über Ihr Experiment aufgeklärt, daher hat es gewirkt.“ Er nickte, hörte aber sofort damit auf. „Dann wollen Sie jetzt die Kunden Ihrem Kaufhaus auch von Ihrer Manipulation in Kenntnis setzen?“ Empört drehte er sich um. „So weit kommt es noch“, keifte er, „dann können wir denen auch gleich erklären, dass wir sie…“

„Denn mach ick ma Textil, wa!“ Der Assistent mit dem buschigen Schnauzbart knipste das knapp fingerlange Röhrchen in das Magazin ein und legte den Hebel um. „Wolln ma sehen.“ Auf den Monitoren war zunächst nichts zu entdecken, aber die Belüftungsanlage rauschte ordnungsgemäß. „Wir hatten noch ein paar Reste im Kreislauf“, murmelte Blasche. „Vielleicht sind die Kunden mit denen eher zu…“ „Da!“ Der Assistent starrte gebannt auf den Bildschirm. Mehrere Kunden liefen wie ferngesteuert auf die Rolltreppe zu. „Sie werden vermutlich in die Damenabteilung fahren“, sagte Blasche befriedigt, „wo unser Textilduftstoff wirkt.“ „Nee“, antwortete der Assistent. „Die is ja Erdgeschoss.“ Die Kunden jedoch bahnten sich mit Ellenbogen und Gerangel den Weg nach oben. Der Assistent schaltete um. Dutzendweise liefen die Leute auf einen großen Tisch mit Frischhalteboxen zu. „Haushaltswaren?“ Blasche war sehr erstaunt. „Dabei sind die Dinger nicht mal im Angebot!“ Die ersten Hausfrauen hatten den Tisch erreicht, der trotz eines ausreichenden Warenbestandes für jäh einsetzende Kampfhandlungen sorgte. Eine ältere Dame drosch im erbitterten Streit um eine rote Zwei-Liter-Schale mit luftdichtem Deckel mittels eines Taschenschirms auf eine Kontrahentin ein, obgleich sich mehrere der besagten Boxen auf dem Tisch fanden. „Vermutlich haben wir die falsche Mixtur in den…“ „Nee, die is richtig“, verkündete der Assistent. „Könnense ma kucken.“ Die Röhrchen selbst waren nicht verwechselt worden – aber möglicherweise die Füllung? „Ich kann es mir wirklich nicht vorstellen“, bekannte ich, „Sie als Wissenschaftler machen doch keine Fehler.“

„Legen Sie das mit den Schuhen ein“, forderte Blasche hektisch. „Wenn wir das Haus damit beduften, haben wir wenigstens die Obergeschosse wieder frei.“ Der Assistent ließ die nächste Patrone ins Lüftungssystem strömen. Mehrere Minuten lang geschah so gut wie nichts – die Gefechtshandlungen flauten langsam ab, eine Dame hatte einen Einkaufswagen aus der Lebensmittelabteilung entwendet und zog Berge von Frischhaltedosen zur Kasse – dann aber lief die ganze Kundenschar zu den Süßwaren. „Das kann nicht sein“, ächzte Blasche, „das kann gar nicht sein – wir haben doch die Substanz genau dosiert, sogar die Raumtemperatur ist darauf abgestimmt!“ „Vielleicht stimmt etwas mit Ihren Kunden nicht?“ Grimmig blickte er mich an. „An Ihren Mixturen kann es doch wohl nicht liegen, oder?“ „Den Reisebüro-Duft“, schrie er, „schieben Sie sofort den Reisebüroduft nach!“ „Würd ick nich machen“, gab der Assistent zurück, „wenn die sich nämlich vermischen, denn…“ Blasche stampfte mit dem Fuß auf. „Reisebüro“, brüllte er, „ich will Reisebüro! Reisebüro!“ Was blieb dem Assistenten anderes übrig.

Man sah auf dem Monitor, wie Blasche die Verkaufsfläche durch eine Tür im Erdgeschoss betrat. „Gleich wirkt’s“, erklärte der Assistent. „Nur noch eine…“ Doch da hörte man auch schon ein gewaltiges Rumpeln. Die Wände wackelten bis ins Dachgeschoss herauf. Von allen Seiten rannten sie auf Blasche zu. Er wollte sich noch hinter einem Kleiderständer mit reduzierten Baumwollhosen in leichten Trendtönen – Apricot, Schilf und Flieder – in Deckung bringen, doch es war zu spät. Auch wenn es zusammen keine hundert Personen waren, sie stürmten alle auf Blasche zu und begruben ihn unter sich. „Großartig“, bekannte ich, „wirklich ganz fantastisch. Sie wissen wirklich, wie man mit Kunden umgeht.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXVII): Die gute alte Zeit

31 03 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es ist dieser leichte Phantomschmerz, der einen an eine Vollmöblierung unter der Kalotte denken lässt, wobei doch nur die Reflexe den Hirnschmerz auslösen. Was die halbwegs nüchternen Augen noch wahrnehmen, passt nicht mehr zu den Zerrbildern, die sich die Erinnerung zurechtgeschwiemelt halt. Damals, da kostete das Brötchen noch drei Pfennige und schmeckte, wie Brötchen heute nicht mehr schmecken. Da hatte Örckelschwick noch einen annehmbaren Ortskern – das Hitlerstandbild war gut auf dem Marktplatz zu entdecken, auch für die sehgeschädigte Generation aus Stalingrad – und nicht diese Glaspaläste mit Betonfuß, wie man sie in jeder besseren Kreisstadt in den Morast pfropft, sobald sich der Baukredit verabschiedet hat. Und natürlich war die Musik besser. Roy und die roten Rhythmikboys hatten gerade die Ukulele entdeckt, und wer würde das vergessen? die gute, alte Zeit?

Natürlich war da alles besser, denn es war gut. Das Gute, so viel hat sich verfestigt, ist ja immer der Feind des Besseren, manchmal hat es sich auch als umgekehrt herausgestellt, noch öfter hat diesen Zusammenhang schlicht niemanden interessiert. Wer aus dem fahrenden Bus herauskrähen konnte, hatte recht. Beim Betrachten der alten Bilder aus dem Familienalbum pilzt es sanft rosa vom Papier, die seligen Tanten rollen unter dem Schönheitsideal von 1960 durch, quasi körperlos, die reine Eitelkeit gibt sich auf für eine Illusion. Jeder gibt sich auf für einen großen Traum, immer vorausgesetzt, es leben in dieser verwalteten Welt Renaissancehelden ohne Geschäftsbereich.

Vor allem durfte man damals noch ohne denn allgemeinen Gleichbehandlungsgrundsatz jeden maximal pigmentierten Akademiker aus Nigeria als Scheißneger bezeichnen, der nur nach Deutschland gekommen ist, um einer Rotte kahlrasierter, geistig minderbemittelter Verlierer im DNA-Roulette den Förderschulabschluss mit Promotionsstipendium zu klauen, denn das wollen die Säufer: unbedingt am Elektronensynchrotron Teilchen zählen. Da war der Typ aus Afrika vollkommen falsch, und wir hatten das wieder auszubaden, dass wir größtenteils zu dämlich waren, um einen Schraubendreher in die richtige Richtung zu halten. Gut, dass diese Zeiten nie vorbeigingen.

Wahrscheinlich turnten bis zu diesem Augenblick noch Dinosaurier durchs Bild, wie sie bis ins hohe Mittelalter zur Rettung harmloser Jungfrauen etatmäßig vorgesehen waren. Jedenfalls hatte die Welt keine scharfen Kanten, keinerlei Konservierungsstoffe, die Eisenbahnen fuhren pünktlich und der Schaffner hatte immer einen robust ausgeführten Schnurrbart. Autos fuhren nur am Sonntag oder aus Versehen.

Wahrscheinlich war auch jeder zweite Nachbar arbeitslos, hatte Krätze oder Masern, beherrschte die Muttersprache dank teutonisch dominierten Genmaterials nur rudimentär und wusste nicht, wer Hegel war. Aber immerhin hatten wir den letzten Krieg gewonnen, vielleicht auch nur die letzte Schlacht, und schon rülpst der Furor sich zurück in ein ewiges Präsens mit Schimmelecken, wie sie die Koordinaten aus dem intellektuellen Untergeschoss an jeder rechtwinkligen Biegung erwartet hatte. So toll war die Zeit auch wieder nicht, alt ja, gut nein, aber dies schuf wenigstens Platz für persönliche Abneigungen: alles doof außer Mutti.

Die Neugestaltung des Alten malt nicht umsonst in unbunten Farben, verzerrt die Linien und kitscht munter drauflos, damit der gründlich verstörte Unsinn in die Matrix eines annehmbaren Schülers mit durchschnittlicher Denkschwäche passte – es wird ja nicht besser, nur weil der Abstand zwischen Einwohnern und mobilem Wissenspotenzial doch anwächst. Es muss freilich daneben auch die klar strukturierten Zeitgenossen geben, die sich um das luxuriöse Problem eines sozialen Status ernsthafte Gedanken machen konnten, aber kaum dazu kamen.

Wir hatten kein Internet, die Autos kippten noch ohne serienmäßigen Prallschutz vom Band, der Fernsprecher hatte eine Schnur, stand öfters in der gelben Zelle am Waldrand, Schlager verkündeten die Zukunft, wie sie die Tarifautonomie und die Sesamstraße nicht schöner hätten feiern können. Das waren die goldenen Zeiten, Blattgoldauflage, wahrscheinlich eher Bronze. Aber auch diese Bilder rufen noch immer Schnappatmung hervor, denn das Aussetzen der Blödklumpen vom Spielfeld fällt unter die fakultativen Gedächtnisleistungen. So ist die Vergangenheit immer porentief rein, wo sie doch objektiv betrachtet als eine Sammlung blauer bis brauner Flecken in die Geschichte eingegangen ist. Denn der Bekloppte ist ein großer Verdränger, er stapelt sich seine eigene Vergangenheit aus dem vorhandenen Material zurecht, und das nicht einmal ohne Geschick. Die eigenen Erinnerungslücken sind das Paradies, aus dem einen nicht einmal die Fakten vertreiben können. Auch wenn sie es wieder und wieder versuchen werden. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.