Gernulf Olzheimer kommentiert (DXXIV): Mobbing

24 07 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Man kann dem Sozialverhalten der Primaten vor der amtlichen Feststellung einer eigenen Art nicht viel vorwerfen, es sei denn, dass unsere Spezies die blinkenden, hupenden, pavianarschroten Zeichen nicht intellektuell verarbeitet hätte. Die Primaten, die auf anderen Kontinenten ein geruhsames Leben führen könnten, würden ihnen nicht Festlandaffen in Polyesteranzügen das Leben schwer machen, die sich mit allerlei Biomasse den Leib behängen, sind nicht so ruinös für die Umwelt, wie man für Gold und Silber Kinder bräuchte. Sie bollern nicht im SUV durch die Natur, wo es keine gibt. Und was die Konkurrenz der anderen Affen angeht, das wird gnadenlos ausgesessen. Wie gut, dass wir Mobbing nicht mehr als Rückfall in längst überwunden geglaubte Entwicklungsstufen ansehen.

Wobei es genau so ist: die Menge an (je nachdem) Federvieh oder Schuppentieren sieht den Fressfeind am Rande des Territoriums erscheinen und startet den großen Aufstand, sobald sich eine der böswilligen Kreaturen blicken lässt. Dass sich die konzertierte Aktion rentiert, wird durch mehrere Kleinigkeiten konterkariert. Am Ende bleibt das Bild des honkenden Geflügels, wie es sich kein Wahlkampfeinpeitscher schöner würde wünschen können.

Die menschliche Gesellschaft, wenn es denn eine solche überhaupt geben sollte, plant langfristig und überlegt, welche Erschütterungen sie dem System überhaupt zumuten kann. Selten sind es die Grundfesten der sozialen Verschwiemelung, die in Generationen und Generationen der Evolution zu einem Zement der Undurchdringlichkeit geraten sind. Ihr Bestehen ist die Wunschvorstellung, wie sie den privilegierten Klopsen vor dem Christfest durch die Birne geistert, aber das war’s dann auch schon. Beton ist ihre Religion. Aber es gibt nicht ohne Grund Erdbeben. Das Verhaltensmuster aus dem Tierreich zeigt zunächst, dass sich eine ganze Horde disparater Feuchtbeutler angegriffen fühlt, vollkommen unabhängig, warum. Wahrscheinlich hat ein einzelnes Individuum schräg geguckt, was in den Abendnachrichten für eine Schlägerreich ausreicht, und ab einer genügend großen Menge denken dann die Flattertiere an Umvolkung, weil ihnen das der Albatros aus den USA so erzählt hat.

Aber das Repertoire des Primaten ist nicht mit Frontzahnshow erschöpft. Sobald ein Schimpanse die stellvertretende Leitung der Buchhaltung in der Bananengroßhandlung innehat, sieht die Sache natürlich gleich ganz anders aus. Hier zählt nur die Kompetenz, die von den jüngsten gleich in Frage gestellt wird, sekundiert von den älteren, um die Fronten klar zu ziehen: wir und die. Es bedarf keiner anderen Marker.

Und schon heult die Sirene. Die alten Säcke (wahlweise: die Kinder, Hausfrauen, you name it) dürfen noch viel mehr und werden dafür auch noch bezahlt. Die ungleichen Machtverhältnisse geraten ins Tanzen, und das ist der Punkt. Denn sämtliche Mechanismen – der erledigt seine Arbeit nicht, der ist zu faul, die ist zu fleißig, die ist zu wenig krank – dienen nur der Analyse, wer für eine Treibjagd dient, um die Schwachstellen der Firma oder gleich der Gesellschaft an die lässig verputzte Wand zu werfen. Man kann nichts den anderen überlassen. Entscheidend ist nur, dass sich erst im Laufe der Entwicklung die wirkliche Trennlinie zwischen Tätern und Opfern zeigt, wie sie die miserable Organisation oder die schlechte Bildung der Teilnehmer zeigen. Natürlich sind regelmäßig auch die unbalancierten Regelverhältnisse schuld – es kommt vor, dass Frauen Männern sagen dürfen, was sie zu tun haben – wozu soll man die Opfer der sozialen Ungerechtigkeit mehr als genug betonen? Nachdem es in der Schule genügend brachiale Möglichkeiten gibt, Othering durch hirnlose Kommunikation durchzusetzen, bricht sich das Gemobbe auch in der Arbeitswelt Bahn, will sagen: vom Leben lernen wir, und zwar größtenteils, dass unsere Mitprimaten dümmliche Grützbirnen sind, mit denen sich keine vernünftige Diskussion lohnt. Die Konditionierung beginnt früher, alles fügt sich notfalls knirschend in die Bahnen einer kognitiven Stromlinie, die irgendwo endet, auch wenn wir in seltenen Fällen wirklich wissen, wo.

Konfliktlösungen werden von Therapeuten angemahnt, wo die psychologischen Handwerker sich in der Auslegeware verstecken. Das mag lustig klingen, ist es aber nicht, denn sonst ginge ihnen ein gehegtes Kulturgut durch die Lappen, die allerseits gepflegte Attitüde, den Nachwuchs für degeneriert zu halten, auch wenn man ihn selbst aufgezogen hat. Diskriminierung ist okay, an den Rest haben wir uns gewöhnt, aber wie finden wir jetzt den Weg, dass der böse Ausländer daran schuld ist?





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXXI): Der Hamsterkauf

3 07 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Ostern ist’s, Freudenfest für Christenheit und Einzelhandel, erkennbar an den Menschenmassen, die sich vom Parkplatz kommend in die Kaufhallen quetschen, einer uralten Tradition folgend, die da sagt: mehr als ein Tag ohne Nachschub bedeutet den sicheren Tod. So wird man mitgerissen von der schwankenden Woge, wer am Eingang Obst und Gemüse ohne Amputationsverletzungen überlebt, schrammt an den Backwaren vorbei und wird dann als unelastischer Stoß im Konservenrayon entsorgt. Die trainierte Menge aber, ausgerüstet mit allerlei Rüstungsgütern um den vernarbten Kadaver, hebelt palettenweise Magerquark in den Drahtkorb, einen Festmeter Zündhölzer und Feinwaschmittel für die Periode bis zur nächsten Eiszeit, dazu Alkoholika und Hygieneartikel, Schmier- und Olivenöl sowie Salzgebäck im Gegenwert des Rüstungsetats einer beliebigen afrikanischen Militärdiktatur. Ist es jene Vorstellung, möglichst viel nützliches Gut mit ins kühle Grab zu nehmen, wie Pharaonen, Wikinger und ihre Zeitgenossen es praktiziert haben? Wollen wir uns die verlängerte Zeit bis zum endgültigen Kollaps noch ein bisschen schönpreppen? Was ist der Sinn und warum tätigen wir Hamsterkäufe?

So nah liegt die Vorstellung, der Hominide als Jäger und Sammler habe jeden Fund zunächst wie ein Eichhörnchen versteckt und verborgen, dass sie nur falsch sein kann. Gerade der Wilde lebte von der Hand in den Mund, oft auch in Konkurrenz zur Umgebungsfauna, die in ihrem Artenreichtum toleranter war in Bezug auf Qualität und Frische. Ohne Konservierung, wenigstens Lagerhaltung, hatte der Häufungstrieb rein technisch keine Chance. Erst die Möglichkeit, an einem halbwegs voraussehbaren Tag die Ernte an Korn und Früchten einzufahren, auf dass sich der ansonsten denkunbegabte Nappel satt über den Winter bringe, machte ihm überhaupt die Notwendigkeit des Speicherns klar – und damit auch die Aussicht auf Besitz, wenn nicht gar auf Reichtum, noch bevor Geldwirtschaft den Tauschhandel besiegt hatte.

Dann aber kam der Krieg. Er muss sich tief ins Bewusstsein der Hohlrabis geschwiemelt haben, denn die Sorge vor dem jäh auftretenden Mangel an Kernseife und Mehrkornbrot vererbt sich von einer Generation zur nächsten. Ja die Enkel derer, die vor dem Führer in Deckung gingen, sie scheinen diese Furcht zu kennen: der Russe steht vor der Tür und wir haben kein Bohnerwachs im Haus. Dialektisch fein gesponnen, denn nach welchem Krieg genau das Volk Bärchenwurst und Dosenspargel in den Kofferraum stopfen musste, ist noch nicht geklärt. Die Angst und Unsicherheit, die andere weltliche Katastrophen nach sich ziehen, sie hingegen können wir nachvollziehen und wissen auch, dass wir den Einkauf dem Es überlassen, während das Über-Ich stöhnend den Kontostand zu ignorieren versucht.

Hätte Perfektionismus allein die krude Mixtur aus Toilettenpapier, Mehl und Hefe erzeugt, immer dessen eingedenk, dass so gut wie keins der Opfer in der Pandemiezeit vorher regelmäßig Brot buk und aufgerollter Zellstoff wenig geeignet scheint, vor der drohenden Seuche zu retten? Offenbar übt sich der gemeine Knalldepp lieber in kollektiven Übersprungshandlungen, da Angriff unmöglich und Flucht sinnlos ist – ein Verhalten, das auch Opfer einer Hirnrindenverödung auf Widerstandsdemos trieb, um gegen Viren anzuplärren und sich von den Naturgesetzen loszusagen. Intellektuelle Aufstocker gar rationalisieren ihre eigene Hilflosigkeit durch Verschwörungsideologien, um überhaupt etwas tun zu können. Wie der Frustkauf zur Aktivierung des limbischen Systems führt, halten sich die Zombies auf dem Synapsenfriedhof durch allerlei Leerlauf aus dem Repertoire der Normalität beweglich, was für den spätturbokapitalistischen Konsumkasper im Regelfall heißt: Shoppen, sonst kommt der Arzt.

Horten heißt, die Zeit aufhalten, wenn nicht gar zurückdrehen. Beschließt die EU, Glühlampen aus dem Verkehr zu ziehen oder Mentholzigaretten, so stopfen sich die Kalkschädel ganze Keller voll mit dem Zeug, ohne das eine Existenz möglich, aber nicht mehr menschenwürdig scheint. Irgendwann in ein paar Monaten und Jahren ist das ganze Zeug dann aufgequarzt, schmeckt nach Mumie oder tritt schlicht in molekular unerwünschte Zustände ein. Auch der Nebeneffekt, dass eines Hamsterkäufers Anblick Dutzende Hamsterkäufer erzeugt, wird von der Seppelmeute stoisch ignoriert, bis sie es dann bekämpfen; die selbsterfüllende Prophezeiung frisst ihre Kinder, solange sie noch welche findet. Aber immerhin hat der Bekloppte in Krisenzeiten dann einen Grund, seine Angst auf einem angemessenen Niveau zu halten, denn in einem Land, in dem ihm alle anderen die Nudeln streitig machen, kann er mit Fug und Recht die Märkte leer räumen, ohne in Vernunft zu verfallen.

Eine viel einfachere Erklärung existiert, um die wir aus Selbstschutz stets einen großen Bogen machen. Der sich zivilisiert gebende Mensch ist ein egoistischer Drecksack, der seinem Nächsten nicht das Schwarze unter den Fingernägeln gönnt und ihm darum aus reiner Gehässigkeit das letzte Glas Pflaumenkompott vor der Nase wegkauft. Auch dann, wenn er Pflaumen hasst. Weil er es kann.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXIII): Der Zeitzwang

8 05 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

In Rrts Höhle gab es ein rudimentäres Sortiment an Einordnungen, wann und wie etwas geschehen sollte: vor dem Essen oder danach, nach der Jagd oder davor, tags oder nachts, wobei gerade letzterer Gegensatz saisonaler Variabilität unterlag, was sich auf andere Verrichtungen des täglichen Daseins nicht minder auswirkte. Die Dinge waren geordnet, nicht aber in ein starres Gerüst gepresst, für deren Einheiten die präzise Messung noch nicht einmal gefunden war, geschweige denn der Sinn, warum es eine präzise Teilung der Zeit in Zeiten überhaupt je würde geben müssen. Rrt wusste das nicht; er hatte sich daran gewöhnt, im Einklang zu leben mit den windschiefen Rhythmen der Natur, vor allem daran, deren Erfordernisse und Gebote zu lesen und dann zu begreifen, wann der Tag gekommen war, die Buntbeeren zu pflücken. Er und seine Leute, sie kannten keinen Zeitzwang.

Tatsächlich war das Messen der Zeitabstände zunächst ein Akt der religiösen Organisation, mit dem die Karnevalspräsidenten ihr Untergetän auf die gottgefällig verordnete Zahl von Arbeitsstunden einnordeten. Mit der Vereinheitlichung, wie sie den Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang aus der vormals künstlich zurechtgeschwiemelten Ordnung wieder heraushieben, marschierte die Bevölkerung in ihre Werktätigkeit und nahm sich ins Gebet. Wie auch immer in irdische Verhältnisse geschwiemelte Abläufe regelten folglich nicht nur die äußere, auch die innere und damit moralische Führung – wer zu spät kommt, den bestraft noch heute das Leben als solches. Seit der Mechanisierung ist Allgemeinheit nur noch unter der Kontrolle der Zeiger möglich, seit der Ausbreitung des Digitalen nur noch unter der Kontrolle der gestoppten Sekunden. Die ganze Existenz ist ein arbeitsteiliger Prozess geworden, der unsere Fertigstellung zum Ziel hat.

Die fließende Produktion der immer gleichen Untertassen, Zahnbürsten und Sockenhalter rattert der Welt den Takt vor, in dem sie zu ticken hat: in sklavischer Gleichmäßigkeit, die kein Bedürfnis kennt und damit keinerlei Ende. Es herrscht das Objektprinzip, das ganz auf den Verrichtungsträger fixiert ist; ein Pech, handelt es sich noch um den Menschen selbst, aber es wird nicht besser, wenn er nur ausgelagertes Bedienelement der Maschine ist, das aus dem Gesichtspunkt des Kostenträgers nie gleichmäßig, schnell und erschütterungsfrei genug die stereotype Bewegung verrichten kann, weil sie gerade durch lästige Nebenbeschäftigungen wie Atmen abgelenkt wird. Die ganze Abhängigkeit des einzelnen Organismus von der Gruppe, von der Spezies und ihren Beschränkungen findet sich in der Abfolge des Zeitzwangs, die einen Handgriff in den anderen übergehen lässt, so dass die Person eigentlich nie exakt genug sein kann, weil sie die Summe ihrer Fehlermöglichkeiten darstellt.

Nichts weniger als physiologische Bedürfnisse werden mit der Vertaktung eingezwängt. Schicht um Schicht wird das körperliche Konstrukt dieser Realität neu geformt, bis es sich nicht mehr mit den geänderten Variablen verträgt; korrigiert wird dann nicht der Prozess, sondern der Mensch. Wie im Wahn, aus irrwitzigem Brauchtum einmal im Jahr alle Uhren ohne Nachteil für das Gemeinwesen je eine Stunde in die eine oder andere Richtung zu biegen, schmeißt die ansonsten normsüchtige Rotte offenporiger Oberhäuptlinge alle utilitaristischen Regeln über Bord und vertaut auf die magische Kraft des Wir-haben-es-immer-schon-so-gemacht. Aus Schaden werden Sie nicht klug, wenn sie ihn nicht wahrnehmen. Sie kommen wohl nicht dazu.

Was aber, wenn sich der Rahmen selbst verbiegt und die komplette Struktur ersatzlos wegfällt, weil die ganze Gesellschaft auf dem Rücken liegt wie ein Käfer im Bett? Für das einzelne Individuum mag Strukturlosigkeit immer noch gelingen, doch ist nur ein Teilhaber der gesellschaftlichen Gruppe von konkurrierenden Bedürfnissen der Außenwelt betroffen, terrorisiert sie das ganz Gefüge wie ein Sonntag, an dem ausnahmsweise nicht sämtliche Mitglieder im Morgengrauen aufstehen müssen. Die Routine wirkt auch dort weiter, wie ein aus Müdigkeit vernachlässigtes Gebet moralinsauer den Schlaf zerstört. Der Stress einer Work-Life-Balance tritt immer da auf, wo er überhaupt gefühlt werden kann, und das ist nicht in der Betäubungsphase der Zeitverrichtung.

Die Konfliktvermeidungspsychologie empfiehlt eine längere Auszeit, um sich neu zu ordnen; ganze Monate werden ohne äußere Zwänge gestaltet, um dann, endlich vom Unsinn eines bizarren Irrtums an Heuschreckenkapitalismus geheilt, ohne vorherige Wiedereingliederung in den gefräßigen Schredder der Zeitvernichtungsanlage zu springen, damit sich das Bruttosozialprodukt freut. Einziges Schlupfloch bleibt der Freizeitstress. Wer sich dem Heilsweg des Geltungskonsums verschreibt, verendet dereinst sozialverträglich an Verkalkung oder Fettleber, bricht beim Marathon zusammen oder verdämmert nach der Hirnembolie in einer Risikogruppe, die nur noch dazu taugt, dass sich die Heckenpenner für einen sinnlosen Singsang vor einer Rundfunkanstalt aufregen. Zeitzeichen soll man hören. Bevor sie zwanghaft werden.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DIX): Der Querulant

10 04 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Wir alle kennen einen von ihnen, auch wenn wir zu keinem von ihnen Kontakt haben oder diesen je freiwillig gesucht hätten, geschweige denn suchen würden. Milde Formen von Verschrobenheit sind in diesem Phänotyp zwar enthalten, doch nicht jeder, der als Fensterrentner kontinuierliche Stasifizierung seiner Nachbarschaft betreibt, bis er sich langsam in Richtung Müllstocherer bewegt und mit Stalking in soziale Isolation treibt, wo sein Spleen eigentlich erst richtig logisch erscheint, nicht jede dieser rein organisch betrachteten Parallelexistenzen hat das Zeug zum Ekelpaket, das der ganzen Gesellschaft den Krieg erklärt, um mit gezogenem Schwert in den Untergang zu reiten. Die meisten Knalltüten lassen sich wegignorieren. Nicht aber der echte und professionell agierende Querulant.

Sehr gut lässt sich das Benehmen dieser Spezies demonstrieren, wo ein Glascontainer im mittelbaren Wohnumfeld steht. Werktags fristet der Streithansel seine Zeit in irgendeinem Büro, am Samstag aber kauert er mit Chronometer und Pfeife ausgerüstet hinter dem Baum neben dem Wurftrog, von wo er dreißig Sekunden vor acht Uhr trillernd aus der Deckung prescht und jeden anpöbelt, der es wagt, alte Flaschen einzuschmeißen. Unflat und wirre Warnungen quellen aus seinem zitternden Schlund, dessen Schallpegel weit oberhalb des Zulässigen, also auch oberhalb des glaswurfbedingten Krachs die Morgenluft durchzetert. Nach getaner Arbeit ist er vorläufig befriedigt, bis er sich pünktlich zwölf Stunden später wieder auf die Lauer legt, um die peinliche Befolgung der Höchsteinwurfdauer mit Methoden zu kontrollieren, mit denen nicht einmal die Zuverdienstgrenzen beim Arbeitslosengeld II überwacht werden. In der Zwischenzeit widmet er sich übrigens dem Nachmessen der Abstände von Altglascontainervorderwand zu Grundstücksgrenze, die sich als millimetergetreu falsch erweisen, so dass er handrückendicke Konvolute aus Gutachten zu Altstoffentsorgung und Lärmschutz nebst einer auf babylonischem Verfassungsrecht basierenden Dienstaufsichtsbeschwerde gegen die Regierung abfasst und einliefert. Nicht selten dräut er der Behörde, in der er selbst tätig ist.

Manche dieser Verhaltensweisen lösen wohl in zutraulichen Zeitgenossen Regungen aus, die auch bei Anwendung alttestamentarischer Körperstrafen kaum einzudämmen wären, weit über das Übliche hinausgehen – an den Augenlidern aufhängen und zum Blinzeln zwingen oder Verarbeitung ganzer Personen zu feinem Brät vermittelst einer einzigen Stecknadel – und bei schweren Soziopathen, denen in der Hölle ein Sitzplatz am Kamin sicher ist, eine gewisse verschwiemelte Anerkennung hervorrufen.

Frühere Zeiten lebten davon, dass der Streithahn seine Abende im Theater verbrachte und damit eine ganze Branche nährte: Leserbriefredakteure, die in Erwartung zünftiger Hassausbrüche die Reaktionen auf die offizielle, aber nie intellektuell ausreichende Rezension des hauptberuflichen Mitarbeiters in Blei stampften, was nebenbei auch schroffe Verachtung für den ganzen Kulturschmonzes, Kunst, Kino samt Kokolores zum Ausdruck brachte. Hatte der Autor das Blatt einmal in der Hand, wetterte er gleich in einem Aufwasch noch gegen politische Leitartikel, Börsennachrichten und alles andere, wozu keine Journaille ihm befähigt erschien, inhaltlich oder nur verbal, und drohte damit, das Blatt künftig nicht mehr anzufassen – was Verlag und Redaktion kaum erwarten konnten, das aber selten in Erfüllung ging. Die heutigen Kommentarspalten mit ihrem grell polarisierenden Auftrieb rumpelnder Trollbirnen lässt noch einen matten Abglanz davon erahnen.

Der Querulant läuft fortwährend als Verteidiger seiner selbst durch eine Feindwelt, darin anderen Hohlpfosten wie Reichsbürgern oder Nazis ähnlich, da auch er weiß, dass er nur im Recht sein kann in einer Welt, die außer ihm ausschließlich aus Idioten besteht. Der Buchstabe des Gesetzes ist seine DNA, mit dessen Hilfe er gegen alles und jeden klagt, mosert, meckert, nörgelt, nicht nur auf die Gefahr hin, vor Gericht abzublitzen oder zu scheitern, auch unter der steten Bedrohung, selbst vor den Kadi geschleift und dort zusammengefaltet zu werden. Nicht die technische Schwankungsbreite normativer Gebindegrößen und rechtlich zulässige Werte ober- wie unterhalb des bunt aufgedruckten Mittelwerts 1000 Blatt sind seine Realität, er muss zur Kontrolle festmeterweise Zehnerpakete von ein- bis vierlagigem Papier erobern, wutverbissen in der zugehamsterten Wohnhöhle, deren Boden knirscht, dessen Decke den Teppich im Obergeschoss bereits merklich auszuwölben beginnt, ausrollen, um eine handrückendicke Kampfschrift an die Hersteller der Hygieneartikel zu senden, ihnen etwas anzudrohen, wogegen Hiroshima ein Kindergeburtstag war. Er wird sich vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte wiederfinden, mit etwas weniger Glück auch vor dem Internationalen Strafgericht. Für jemanden, der uns diese Misere eingebrockt hat und sich dabei noch im Recht fühlt, wird keiner Mitleid übrig haben. Warum auch, es besteht kein Anspruch darauf. Wer es anders sieht, dem steht der Klageweg selbstverständlich offen.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXCIII): Der freundlich grüßende Mann

6 12 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Unvorhergesehene Dinge haben einen großen Nachteil: sie geschehen unvorhergesehen, das heißt, keiner hatte zuvor ihre Dynamik auf dem Schirm oder wusste, woraus sie sich entwickeln würden. Sind Erdbeben, Supervulkane oder das Verglühen der Sonne zum Weißen Zwerg noch einigermaßen berechenbar, weil sie Gesetzmäßigkeiten folgen, die nur selten dem Charme eines plötzlichen Meinungs- oder Verhaltensumschwungs in sich tragen, so ist alles, was mit dem hochlabilen Faktor Mensch in Berührung kommt, von rein chaotischer Prägung. Es ist ja richtig, hier und da steigt inmitten eines Staus auf der Schnellstraße ein vertrauenswürdig in Breitcord und Polyester gekleideter Familienvater mit Flachdachscheitel und dezenter Sehhilfe aus dem steuerbegünstigten Kraftfahrzeug und zückt eine halbautomatische Schusswaffe, um ein halbes Dutzend Personen im Feierabendstoßverkehr über die Wupper zu ballern. Natürlich haben sie alle es kommen sehen, irgendeiner musste es ja mal tun, es war nur noch eine Frage der Zeit. Aber warum er, der letztes Jahr nach der Geburt des dritten Kindes mit einem Kredit die Renovierung einer kleinen Vorstadtimmobilie begonnen hatte, in die er trotz nicht zu leugnender Beziehungsprobleme dann doch einziehen wollte, auch wenn sich die Fahrzeit zur Arbeit sowohl für ihn als auch für seine Frau dadurch erheblich verlängerte. Keiner hatte eine befriedigende Antwort. Und er hatte auch immer so freundlich gegrüßt.

Profiler und Fernsehkommissare schleichen mit der Lupe im Anschlag durch diese Stadtviertel und schnüffeln nach passiv gehemmten Psychopathen, die auch bei optimalen Umweltbedingungen – laue Frühlingsluft, Brückentag in Sicht, letzten Samstag haben die Bayern aufs Maul gekriegt – ganztägig die Morgenmuffelfresse nicht abschrauben, an der roten Ampel ein Hupkonzert veranstalten, auf die Regierung schimpfen und die Klobrille gar nicht erst herunterklappen, weil sie sich sonst nicht ausreichend ärgern können. Nur diese Kombination verheißt Jagdglück, wenn man einen Terroristen, einen Serienkiller, wenigstens einen Bankräuber auf frischer Tat ertappen will. Alle die netten Menschen von nebenan, denen man nie zutrauen würde, dass sie in ihrer Freizeit heimlich Splitterbomben bauen, um das Vierte Reich mit einem kleinen, aber feinen Staatsstreich herbeizuschwiemeln, die sind es sicher nicht – würde so ein Attentäter nicht wenigstens einmal die Hakenkreuzflagge zum Lüften über die Balkonbrüstung hängen lassen?

Selbstverständlich haben die rundgelutschtenen Daueranpasser, die krampfhaft Frühstücksbrötchen über der Küchenspüle aufschneiden und Unterhosen bügeln, blutige Gewaltfantasien, die sich nur nicht im Alltag zeigen, sonst würden sie die Kotzbeule, die ihnen im Supermarkt schon zum dritten Mal den verdammten Wagen in die Hacken karrt, mit der Machete waidgerecht er- und zerlegen, faselnden Realitätsallergikern am Stammtisch das Gesicht rhythmisch in die Tischecke drücken oder dem Blödföhn im Finanzamt die Materialkaltverformung im Schädelbereich spendieren. Sie haben sich im Griff, eisern und nicht immer ganz schmerzfrei, und erweisen damit der zivilisierten Gesellschaft einen nicht zu unterschätzenden Dienst, denn sonst wären die täglichen Abendnachrichten ein fröhliches Blutbad. Doch es kommt der Tag, da will die Säge sägen, und dann gerät die Sache außer Kontrolle. Der eben gerade noch zwanghaft nette Mensch am Kassenschalter dreht plötzlich frei, wechselt einfach das Programm und schaltet in den Massakermodus.

Es sind nicht die durchschnittlichen Typen mit dem kleinen Hieb, die mit Bordmitteln eine ganze Wohnsiedlung in die Luft jagen, weil ihnen der Hund des Etagennachbarn mit seinem nächtlichen Gekläff auf die Plomben geht. Es ist auch nicht der bösartig bärtige Austauschstudent, der die Tür von beiden Seiten mit der Zahnbürste schrubbt und die Schuhe geometrisch präzise an die Vorderkante der rechtwinklig platzierten Fußmatte stellt. Natürlich gibt es Ausnahmen. Ab und zu ist ein Waffennarr, der von der Weltverschwörung der Reptiloiden murmelt und die Fäuste schüttelnd in heiserem Ton verkündet, man werde noch von ihm hören, nicht einfach nur ein Polizist, dem seine Psychopharmaka nicht bekommen. Hin und wieder sind Männer, die ihre Frau mehrmals krankenhausreif schlagen, nicht nur durch eine schlechte Kindheit so geworden. Doch selbst hier ist nicht auszuschließen, dass sie außerhalb ihres Wohnbereichs, beispielsweise beim Autowaschen, leutselig und im Unterhemd an der Straßenkante stehen, die Hartwachsdose in der Linken, und unbedacht, wie aus dem Unbewussten herausbrechend vergessen sie jede Vorsicht im Verkehr mit den anderen Menschen, sie lassen sich hinreißen und tun, was diesen unschuldig eben noch ans Gute Glaubenden das Blut schockartig in den Adern gefrieren lässt: sie grüßen. Freundlich. Ab hier helfen nur die Flucht, hermetisches Abriegeln ganzer Landstriche, militärische Mittel, zuletzt nur noch Beten. Denn wo man freundlich grüßt, da kann der Abgrund des Bösen nicht fern sein. Es soll uns zur Warnung gereichen. Wir werden es dann nämlich gleich gewusst haben.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXC): Selbstmanagement

15 11 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Vermutlich geschieht dies tausendfach in einer beliebigen Großstadt der westlich-kapitalistischen Welt, bevor Ersatzteile des mittleren Managements in ihre Polyesteranzüge schlüpfen und den ersten Angstschweiß des Tages aus dem angekrampften Gesicht wischen. Mancher murmelt sein Mantra, andere regulieren noch schnell ihre verbliebenen Emotionen auf ein Verträglichkeitslevel, das nicht mit der Vision des Arbeitgebers kollidiert. Ein paar Individualisten, geübt in praktischer Soziopathie, ballen die Faust vor dem Spiegel, bevor sie dem Feind eine reinzimmern. Die meisten setzen sich ein sinnvolles Ziel: den Tag überleben. Mit etwas Selbstmanagement könnte das realistisch sein.

Es beginnt ganz harmlos mit der To-Do-Liste, dem Einkaufszettel zwanghaft-ängstlicher Personen zur Bewältigung eines Alltags, der auf die stetige Vereinfachung setzt. So schwierig die Existenz sein mag, mit ein paar professionellen Tipps aus der Beraterkiste – immer absolut authentisch bleiben, immer den Plan umsetzen, immer das Erreichen der Ziele kontrollieren und dokumentieren – kriegt noch der unterbelichtete Honk es hin. Einfach ganz authentisch aus dem Haus gehen, ganz entschieden dokumentieren, ob man den Bus gekriegt hat, und dann erfolgsorientiert den Betrieb ausfeudeln, um die persönlichen Ziele zu fokussieren. Mega! Der Lerneffekt, damit sein Leben voll in den Griff zu bekommen, wird immens sein.

Immer vorausgesetzt, es kippt kein Mehlsack um und der Bus kam pünktlich. Was auf eisenharter Planung basiert, und was im Controlling täte dies nicht, wird dem Leben nicht gerecht. Kann es auch gar nicht, da dies auf einer Verkettung reichlich unabhängiger Zufallsgrößen besteht, die sich ohne Rücksicht chaotisch ineinander schwiemeln. Vorab strikt durchorganisiertes Werk, das den Ansprüchen einer Betriebsführung genügen soll, kennt keine Konflikte, schon gar nicht die Interaktion mit der Störgröße Mensch, die ganz überraschend immer auch außerhalb des eigenen Körpers auftritt. Die sture Ichwelt betoniert ihre Flexibilität zu Boden und gibt damit das entscheidende Signal: die Theorie kann sich nicht irren, alles andere ist falsch, nur Verlierer setzen sich nicht durch. So entsteht die Frustration, die immerwährend das Verhältnis des zwanghaft motivierten Kämpfers zu seinem Peiniger bestimmt: zu sich selbst.

Dieser doppelte Selbstvorwurf, der in der Trennung von Subjekt und Objekt, Aktiv und Passiv liegt, ist die Waffe gegen den Menschen. Subjekt und Objekt der Führung, so lautet der Tadel aus der projizierten Außenwahrnehmung, haben sich beide nicht im Griff. Die Verantwortung wird also stets auf dieselbe Person geworfen, einmal als die führende, die sich nicht gegen die niederen Instinkte des kontraproduktiven Unterworfenen durchzusetzen vermag, einmal als die geführte, die gegen die Notwendigkeit und ihre Einsicht darin rebelliert. Unter der Maßgabe, in der Tretmühle der vollständigen Entfremdung nicht funktionsgerecht die Aufgabe zu übernehmen, die mit der Division in zwei Willenskräfte einhergeht, ist die Revolte als Todsünde der gegen die gesellschaftliche Ordnung das letzte Verbrechen. Der Mensch hat doppelt seinen Sinn und sein Ziel verfehlt, eigentlich ist er längst Ballast für den willigen Rest.

Überhöhte Kategorien, zum Beispiel Schicksal, sind nur noch in banalen Alltagsentscheidungen des sozialen Umgangs zu finden, denn die unfehlbare Planung lässt unvorbereitete Abweichungen nicht zu. Der scheinliberale Perfektionswahn bedient sich der einfacheren Mittel, etwa der Aufladung mit Schuld, die stets individuell bleibt: wenn der Bus nicht kommt, der Mehlsack kippt, muss es an schuldhaftem Handeln liegen, wie es die kausale Maschinerie verlangt. Schuldverlagerung ist der Schlüssel zum Abbau der zivilisatorischen Rechte des Individuums, das nach einem vordefinierten Modell zu funktionieren hat – oder sein Recht auf Funktion verwirkt.

So entsteht irgendwann beim Schwinden der Kräfte der endgültige Selbstvorwurf, die falsche Haltung eingenommen zu haben; wer aktiv war, hat noch immer nicht den Posten als Generaldirektor, Chefarzt oder Bundeskanzler erreicht, wer passiv blieb, ist so lange vor seinen Schwächen geflohen, bis sie ihn unter sich begraben. Die Krise ist absehbar, und sie ist selbst verschuldet.

Man kann auf sie verzichten, und damit verzichtet man auch auf die feindliche Übernahme des eigenen Lebens. Den Bus fahren und den Mehlsack liegen lassen, die Erkenntnis, dass der tiefere Sinn sich nicht daraus ergibt, was man mit markigen Worten auf einen Zettel schmieren kann, der morgens am Spiegel klebt. Konsequent dem Versuch widerstehen, ein paar Arschgeigen in Polyesteranzügen ernst zu nehmen, die Philosophie von der Stange verkaufen und in Wahrheit nur kämpfen, einen Tag lang nichts auf die Fresse zu kriegen. Sie geben lediglich ihre Defizite weiter, den Kinderglauben an esoterische Sprüche, billige Patentrezepte, Angst als Ratgeber und ihren elenden Mangel an Selbstmanagement.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLXXXIX): Das Paradoxon des Glücks

8 11 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Man sagt, es gebe überhaupt nur eine ehrliche Form von Bewunderung: Neid. Er war stets und ist noch die große Triebfeder, die den Hominiden mit immerhin tatkräftiger Aggression ertüchtigt, ein besseres Dasein anzustreben, Güter zu mehren, nicht eher zu ruhen, als die Übererfüllung des Plans es zuließe, um wiederum den Nachbarn, dem er nie das Schwarze unter den Fingernägeln gegönnt hat, vor Eifersucht in die Nähe einer Hirnembolie zu befördern. Das vom jeweiligen Sozialgefüge auf die eigene Person projizierte Prestige kommt fallweise noch dazu, bisweilen auch die Einbildung, es gäbe dieses Sozialgefüge überhaupt, kurz: einen Großteil der negativen Energie kanalisiert der gemeine Depp mit der unablässigen Tätigkeit, seine Nächsten aus reiner Bosheit auszustechen und sich selbst in den Vordergrund zu drängen, vollkommen gleichgültig, warum. Doch ist dieser Wohlstandsdrang je einmal ins Gegenteil umgeschlagen? Und funktioniert er in allen Fällen produktiv, wie es die Theorie fordert? Die Antwort ergibt sich aus der Frage.

Nicht jeder Wohlstand, sei er rein materiell als Vermögen oder fahrendes Gut greifbar, als Macht und Titel, Geltung oder Einfluss, macht auch so glücklich, wie es den Anschein hat; ab einer gewissen Stufe nivelliert sich das Seelenheil, es lässt sich nicht linear steigern wie der Umsatz eines Geschäfts, ja nicht einmal willentlich überdosieren. Bis zu einer gewissen Steigerung ist man glücklich, danach unglücklich, dass man nicht glücklicher wird. Noch sind die irdischen Ziele nicht gänzlich ausgeschöpft, der Fünft-SUV vor dem Dritthaus könnte noch immer mehr PS haben, die zehnte Zweitfrau einen teureren Drittpelz tragen oder besser zum Viertpelz der Drittfrau passen, aber es vermag die Liebe nicht zu vermehren, schon gar nicht die Zuneigung zu sich selbst.

Statt die Integration in die nächsthöhere Schicht anzustreben, weil man noch immer an das Märchen von der uneingeschränkten sozialen Mobilität durch hinreichenden Fleiß glaubt, beginnt der Depp sich nun weiter nach unten abzugrenzen und alles, was seine bisherige Situation ausgemacht hatte, mit System schlecht zu reden. Jeglicher Wohlstand, das Zufriedenheitsgefühl des Arrivierten zählt nun nicht mehr, weil die leise Ahnung dräut, dass es oben auf dem Berg irgendwann eng werden könnte, wenn es dort noch mehr Menschen mit nicht zu steigerndem Wohlsein geben sollte. Vor allem beginnt hier das Paradoxon zu wirken, die anderen, die nicht unter ähnlichen Bedingungen und möglicherweise mit mehr Anstrengung dasselbe Glück erlangt hätten, seien nicht durch Gerechtigkeit in diesen Zustand gelangt, sondern eben – durch Glück. Wer in einer kapitalistischen Weltordnung lebt, sollte nicht ganz ausblenden, dass rastlose Arbeit durchaus großen Reichtum erzeugt, allerdings nicht bei dem, der arbeitet. Besitz entsteht durch wenige, kurze Akte der Akkumulation, nicht selten durch den Vorteil, zur richtigen Zeit versterbende Verwandte in der Familie vorzufinden.

Nichts erklärt trefflicher, warum sich die Klötenkönige trotz einer stabilen wirtschaftlichen Lage sich nicht nach einer gesellschaftlichen und politischen Festigung sehnen, sondern Bürgerkrieg und Rassismus als Formen des selbstzerstörerischen Hasses zu einem Abwehrmodell gegen die eigene Lebenswelt schwiemeln. Wer mindestens seinen Zweit-SUV vor dem teilfinanzierten Einzelhaus in den autark zusammengezimmerten Carport stellen kann, der regt sich nicht über die Fettkarre vor der Nachbarwohnung auf; er schmeißt Brandsätze, weil er seine Weihnachtsreifen in der entchristlichten Abendlandswelt als Winterreifen kaufen muss. Es geht ihnen viel zu gut. Wohlstandsverwahrloste Waschweiber jammerlappen sich das bisschen Gemächt wund, weil sie langsam begreifen, dass die hedonistische Tretmühle sie um jede Steigerung ins Unermessliche zuverlässig bescheißt: es gibt keinen Weihnachtsmann, nicht jeder gewinnt in der Lotterie, wir werden alle sterben. Während der spätkapitalistische Hohlpflock noch weinend vor Wut tritt und tritt, sieht er die Unbilligkeit des Daseins, wie sie ihm in den dünnen Bart spuckt: der Bürgerkriegsflüchtling ist angstfrei, Erwerbslose schlafen unter der Woche aus, ein Aussteiger steigt einfach aus und ist nicht einmal mehr auf den Erst-SUV irgendeiner Knalltüte in Führungsposition neidisch. Hass!

Mit der Stillung grundlegender Bedürfnisse, die in der jeweiligen Situation auch als solche erkannt werden, lässt sich Wonne nicht mehr vermehren. In dieser existenziellen Erschütterung beenden viele ihre bürgerliche Existenz, meist durch Marschieren in die falsche Richtung, indem sie die alles umgebende Gesellschaft zu Klump hauen. Gut, auch so lassen sich in der Nähe zum Nullpunkt wieder ausgeglichene Verhältnisse herstellen. Am konsequentesten wäre es, diesen arg zweifelhaften Rotationsellipsoiden noch vor dem Durchschlagen der Klimakatastrophe kerntechnisch zu verseuchen. Keiner erbt mehr, ohne etwas dafür getan zu haben. Und seien wir ehrlich, wem würden das peinliche Selbstmitleid dieser Unglückspilze fehlen?





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLXXXVIII): Gruppennarzissmus

1 11 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Sehen wir der Wirklichkeit ins trübe Auge: Rrt und seine Sippschaft waren elende Feiglinge. Dass die Evolution sie nicht umgehend in die Sackgasse hat laufen lassen, wo sie mit ihrem Aussterben dem Rest der Hominiden einen Gefallen erwiesen hätte, mag man im Nachgang für Ironie halten, wenn es nicht gar sadistische Züge hätte. Diese weinerliche, zu Haarausfall und Gesichtsvollgrätsche neigende Mischpoke lebte sozial isoliert – es gab auf der anderen Seite der großen Felswand durchaus höhere IQ-Werte mit praktischer Vernunft – und hätte nach Betrachtung der Wirklichkeit allen Grund gehabt, für den Rest ihrer erfreulich kurzen Existenz mit Vergnügen Trübsal zu blasen. Doch dem war nicht so. Sie wickelten sich in wirre Fellreste, hängten Tand und Plunder darum um marschierten durch die Steppe wie von der Sonne auserwählte Helden, wenn sie nicht gerade vor dem Schatten einer Säbelzahnziege auskniffen. Sie waren Könige und Herren der ganzen Gegend, auch wenn sie als einzige dieser festen Überzeugung blieben. Der Gruppennarzissmus hatte voll zugeschlagen.

So geht es gewöhnlich den ärmsten Würstchen, dass sie nicht einmal selbst etwas haben, mit dem sie vor dem Außenspiegel posieren können: Haar, Hintern, Hauer, Habe oder Potenz. Objektiv wird der Typ mit dem feistesten Bauch weniger Geld auf dem Konto haben als andere, während der Reichste vor allem an schwerkraftgeplagtem Bindegewebe leidet. Wie viel angenehmer ist doch das gemeine Gruppendenken, in dem sich abgesehen von den üblichen Idealen wie Auswahl der Götter, temporär vorherrschende Moralvorstellung oder politische Wertmaßstäbe auch jede andere scheinbar mit Doppelplus behaftete Zufälligkeit zum Abbild der Vollkommenheit hochstilisieren lässt. Ist in einer an und für sich nicht weiter auffälligen Kohorte eine bestimmte Haarfarbe vorherrschend, braucht es nur marginale Anlässe, um sie mit allerlei genetischem Märchenmaterial aufzupumpen, bis der blonde Held dem lila Nachbarn auch in aller anderen Beziehung definitionsgemäß überlegen sein muss, weil das so sein muss: das Selbstwertgefühl, das Blondiertheit ab Werk mit sicht bringt, ist von eherner Stabilität, da es nie in der Empirie auf Mängel untersucht werden musste.

Billig wird das preziöses Gepopel, wo es aus der zurechtgestrickten Ersatzteilphilosophie eine für alle Belange wasserfeste Erklärung liefert. Die eigene Gruppe ist immer überlegen, weil nur sie die einzigartige Kombination aus Religion, Hautfarbe und Sprache hat. Der einzigartige Kombinationen haben sämtliche sieben Zwerge hinter den sieben Bergen auch, meist müht sich der Bekloppte nur um eine Zutat wie Schicksal oder ähnlich gelagerten feucht-völkischen Unfug, damit die intellektuelle Ausschussware etwas hat, an dem entlang sie glauben kann, bis der Krieg kommt.

Der angenehmste Effekt aber ist immer noch, dass sich jeder als mitgemeint betrachten kann, und so wird auch der adipöse Meister des Mundgeruchs sich für einen Mustermenschen halten, den nur der Genpool seiner gesegneten Vorväter hinbekommen konnte. Eine Rotte geistig unter ε dümpelnder Darmleuchter quetscht sich vorsätzlich in eine Tradition großer Denker, weil sie alle innerhalb eines zufällig durch Flusslandschaften begrenzten Territoriums geboren wurden und – die einen mehr, die anderen gar nicht – dieselbe Sprache erlernt haben. Dass die Pausenclowns nie eine Zeile der Geistesgrößen gelesen haben geschweige denn sie verstünden, schlüge man sie ihnen in Kunstharz gegossen in die Frontzähne, tut hier nichts zur Sache. Die Ichlinge, hier im Wirlingsgewand, also auch noch ohne eigene Hose, sie sind das perfekte Beispiel für eine neidbehaftete Weltsicht, aus der sie nur durch konsequente Selbstüberhöhung entrinnen können, eine Steigerung, die sich durch die parallel verändernde Gruppe unabänderlich in eine Parallelwelt schwiemelt und die Türen hinter sich luftdicht verschließt. Wer sich als Krone der Menschheit sieht und der Anbetung durch den Rest bedarf, sollte nicht alle anderen abwerten, schon gar nicht dadurch, dass er sie für unfähig erklärt, seinem Vorbild überhaupt folgen zu können. Aber es war schon immer etwas ganz Besonderes, mit nationalbesoffenen oder fundamentalistischen Knalltüten, die auf dem winzigen Fleck Landmasse eingeklemmt die Weltherrschaft herausbrüllten, auf logische Art zu diskutieren. Man kann es lassen.

Letztlich ist es allenfalls putzig zu beobachten, wie sich der Selbsthass in seiner Vereinzelung auch innerhalb der Gruppen Bahn bricht und die einen gegen die anderen aufreibt, so dass zum Schluss wie in einem guten Verein die einen sich als neue Opposition abspalten, die anderen mit der Faust in der Tasche weiter mitmachen, weil sie selbst sich als Anführer sehen. Die Führer jedoch leben nicht besser, meist sind es besonders groteske Unfälle der allgemeinen Entwicklung, die man nach deren eigener Moral längst hätte abservieren müssen. Wir kommen vielfach zu spät. Man hätte sie einfach aussterben lassen können, aber wer weiß das denn vorher.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLXXXV): Die Heroisierung des Bösen

11 10 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Vermutlich war er ein armes Würstchen, lebte noch im jungen Mannesalter bei Mammi und nagte verzweifelt an den blutigen Fingernägeln: er war ein Waschweib, durchdrungen von der eigenen Größe, aber unfähig und nicht in der Lage, seinem verpfuschten Leben einen sozial kompatiblen Kurzschluss zu verpassen. Also wartete er einen Tag ab, historisch bedeutend und von leicht zu merkendem Datum, um sich durch ein Verbrechen ins öffentliche Interesse zu bringen, wie es nur dem widerlichen Auswuchs eines kranken Hohlschädels entspringen würde. Er wurde nach kurzer Fahndung gefasst, offenbarte seine Motivlage und bekam sauber aufs Maul. Keiner würde sich heute noch an seinen Namen erinnern, hätten nicht Cicero und Plutarch den weinerlichen Wurm Herostratos am Überleben gelassen. Die Tatsache, dass der Mensch an sich nicht lernfähig ist, zeigt sich allgemein und im besonderen Fall in jüngster Vergangenheit, wo Arschlöcher wie die faulen Zähne in einer Reihe sich den Keim weitergeben, transportiert durch abstoßende Verbrechen aus nicht einmal verlorener Ehre, in einer asozialen Sukzession die durch die Selbstheroisierung des Terrors fröhlich von einem zum anderen wandert.

Jeder Zeitschriftentitel hält sich sklavisch an die Ikonografie: der dreckige Schuft auf schwarzem Grund dräut aus dem Höllenabgrund, dezent durch die nachleuchtende Aura aufgehübscht. Denn alles strahlt durch den finsteren Hintergrund, und wo ein Heldenbild an der Mauer pappt, da ist auch der Nachahmer nicht weit. Das Schwarz, das den vermeintlichen Kämpfer einsaugt, ist immer Feind und damit nicht stark genug, der Willenskraft des Killers standzuhalten – kichernd kneift sich die Opferhaltung in die Ecke, weil sie weiß, dass sie wieder einmal alles gewonnen hat: seit frühester Geschichte ist die mediale Inszenierung des Täters eine zentrale rhetorische Strategie, das Opfer spielt keine Rolle. Es ist, wenn überhaupt Beifang der Erzählung, denn seit wann würden Tote faszinieren.

Es stellt sich eine Frage, die schnell entschieden sein muss: Einzeltäter oder ausführendes Organ? Nichts stellt schneller klar, werde die Gesinnung des Verbrechens verinnerlicht hat und aus eben diesen Gründen verbreitet. Der Einzeltäter ist der Prototyp eines von jeher unverstandenen und daher nichts wirklich verstehenden Individuums, das unter Umständen einem höchst bedauerlichen Missverständnis aufgesessen ist: es hat die Propagandalügen seiner geistigen Brandstifter blind geglaubt, klebt wie das Insekt an der Leimrute und zappelt sich einem sozialen Ableben entgegen, und das aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit heraus. Hätte er sich nicht aus larmoyantem Gefasel ein Weltinnenbild zurechtgeschwiemelt, er hätte vielleicht erkannt, dass wahre Helden ihren Mist nicht aus pimpeligem Geheul verzapfen, sondern stets im Auftrag einer höheren Macht – Volk, Nation, Gerechtigkeit, im Zweifelsfall eher Kohle. Aber was erwartet man von Hominiden unterhalb der Zivilisationsgrenze.

Im schlimmsten Fall wird der Bösewicht von seinen Gesinnungsgenossen zum einsamen Wolf gedisst: Arschkarte mit goldenem Knickrand. Die Pathologisierung eines Verbrechers als verwirrter Einzeltäter will nur entpolitisieren, verharmlosen, abschwächen. Die Heroisierung aber pumpt den Mörder zur Überlebensgröße auf, zwar auch als Entmenschlichung, doch eben mit der mythischen Qualität, aus der sich Gefolge gebiert. Denn sie ist keine Distanzierung, sondern reine Vereinnahmung. Heute läuft die Auseiandersetzung mit dem Täter schließlich in eine Gamifizierung hinein, die den Attentäter zu einem stylishen Avatar formt, den sich leicht infizierbare Knalltüten leicht über die Hohlrübe stülpen können, um nicht in ihrem pissigen Jugendzimmerverlies zu verrotten. Sie sind in der Kohlenstoffwelt Ersatzbankhocker, schnell vergessene Versager mit drolligen Gewaltfantasien, aber dahinter verbirgt sich die Frustration leerer Hüllen, die beim Platzen gewaltigen Druck von sich geben. Ihre Accessoires können sie nach Belieben aufsetzen, Mimikry als Masken, hinter denen das Terrorbaby die Maske verschanzt. Entsprechend simpel reagiert auch die etablierte Politik auf die Egoshooterwelt der Täter: sie versucht nur die ästhetischen Vorbilder zu kriminalisieren, statt die Ideologie der Mörder zu bekämpfen.

Aber auch ihr Gerede ändert nichts an der Tatsache, dass die mediale Sensationsgier sich ihr degeneriertes Publikum heranzüchtet und mit dem reproduzierten Blutgeruch anfixt: auch Du kannst hier vom Titel Angst und Schrecken speien, Du musst es nur wollen. Der geronnene Schrei und die mühsam nachgetanzte Jagd nach dem Delinquenten verlieren nie, es sei denn, man vergäße ihre Namen. Man vergäße alle ihre Namen und erinnerte sich nur dran, dass ein kleiner pädophiler Bettnässer mit kreisrundem Haarausfall und blutig gebissenen Nägeln Dutzende Menschen niedergestreckt hat, bevor man ihn zum Verrotten in den Knast gestopft hat. Keiner weiß mehr, wie er heißt. Wozu auch.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLXXVI): Der IKEA-Effekt

9 08 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es war Rrts Vater. Eventuell der Großvater. Länger lebte man seinerzeit ja nicht, um folgende Generationen noch selbst in Augenschein nehmen zu können. Jedenfalls war der Alte sehr zufrieden über den Jagderfolg des Juniors – Mammut vom Spieß, wie es sich gehörte, eigenhändig erlegt, gut abgehangen und vernünftig durchgebraten, kein TK-Billigfraß wie erfrorene Säbelzahnziege, die die Nachbarn aus den höher gelegenen Regionen der angrenzenden Hügellandschaft mitgebracht hatten. Dies aber merkte sich der Filius, dass jede Mühe Früchte tragen sollte und ein Ding mehr wert sei, wenn es mit der eigenen Hände Arbeit erschaffen respektive umgebracht wurde – und schon begann im Zuge der Evolution der Drang zu wirken, die Welt mit Artefakten zuzustellen. Noch gab es keine Bücherregale, die sich am krummen Fels der Einsippenhöhle entlang zogen, doch der IKEA-Effekt war seine ersten Schatten an die Wände.

So viel vermögen Menschen zu tun, wenn sie im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit aller Güter so wie alle Nachbarn sich eine preiswerte Stellage in die Bude kloppen, stapel- und abwasch- und verzichtbar wenigstens, was die ästhetischen Implikationen angeht. Für den Tischler hat keiner mehr die nötige Barschaft, und wer wüsste es schon zu schätzen, einen Biedermeier-Sekretär zu haben für die Blu-ray-Sammlung, wo doch Nussbaum so überhaupt nicht shabby genug aussieht. Während sich einfachere Gemüter den Kram aus Katalog und Sonderangeboten zusammenschwiemeln, zückt der unerschrockene Teilzeitheld den Innenkantsechser, bereit zu Splitter und Blase, und wuchtet zäh ein Mittelgebirge aus MDF plus Schraubenschrotttüte in den brökelnden SUV, rumpelt über Autobahn und Kopfsteinpflaster bis an die Butze, hievt den Schamott ins Dachgeschoss und beschließt nach der improvisierten Herz-Lungen-Wiederbelebung, noch am nämlichen Tage die Schrankwand hochzuziehen und die Vatikanische Bibliothek im obersten Bord einzulagern.

Alttestamentarische Flüche gellen durch den zuckenden Nachthimmel, während die manuell aus dem Althethitischen über Volapük und COBOL ins moderne Denglisch übersetzten Anleitungen dem Pionier der Holztechnik – bau auf, bau auf! – mit glasklarer Direktive ans Herz legen, die Schraube F33 in demm Löhlein zu bunzen, bis das Bunze nie der Ende von alles und tot. Doch auch das hat ein Ende, denn von siebzig versprochenen Schrauben F33 sind auch tatsächlich achtundsechzig in dieser Existenz manifest angekommen; flugs mutiert der Baumeister zum Statiker, der mit Glück und Gottvertrauen die beiden nicht als Sollbruchstelle qualifizierten Punkte des Pressspantrumms finden soll, um bei mangelhafter Armierung das Zeug in halbwegs lotrechter Verfassung in die Nähe des Rauhputzes zu bringen. Es gelingt, sieht natürlich auch bei unkritischer Betrachtung – wach, nüchtern und im juristischen Sinne zurechnungsfähig – derart scheiße aus, dass der beherzte Griff zur Axt die schmerzfreiere Variante darstellen würde, denn ist erst einmal ein Festmeter Taschenbücher in diesem Ding verkloppt, wird es kein Zurück mehr geben. Der letzte Nupsi ist auf die F33 gestöpselt, um den roh entgrateten Aluschrott wenigstens optisch an der Oberfläche zu kaschieren – es gab genau siebenundsechzig davon, aber das nur am Rande – und der Schöpfer betrachtet sein Werk, das ihn nur gut ein Dutzend Mal in die Nähe einer Hirnembolie gebracht hat. Es wackelt, was bei der windschiefen Aufstellung keiner geometrischen Erklärung bedarf, aber um nichts würde der Michaelangelo in der Mansarde sein epochales Schraub- und Dengelwerk wieder hergeben. Hier steht es nun, anders konnte er es nicht. Es ist, und es wird bleiben.

In gewisser Hinsicht läuft die Sache freilich aus dem Ruder. Nichts ist einzuwenden gegen die ab und zu auftretenden Versuche, die Backmischung durch Hinzugabe von etwas Milch und einem Ei in einen Eigenkuchen zu verwandeln, und wer seiner gebremsten Kreativität freien Lauf lassen will, wird mit Malen nach Zahlen sicher Erfüllung finden. Gefährlich aber wird der Hominide, wo er sich ohne Maß und Ziel ins Do-it-yourself-Abenteuer stürzt, jene Mutter der Materialschlachten im Krieg gegen Physik und Selbsteinschätzung. Nicht nur übersteigt die Mühe das sinnvolle Quantum, auch jeder Blick für das Ergebnis fordert und fördert kontinuierliche Wahnvorstellungen, wenn man das in die Gegend geklotzte Zeug am Ende auch noch als schön und wertvoll ansehen muss, obwohl ein bekiffter Primat mit Heißklebepistole und Sägeabfällen die Sache nicht signifikant schlechter hingekriegt hätte. Jene krude Selbstvergewisserung, mit der Kinder eine leicht am Tachismus orientierte Buntstiftetüde an der Kühlschranktür hängen sehen, führt unmittelbar zu der Erkenntnis, dass alles, was man schuf, mindestens göttlich inspiriert sein müsse. Vielleicht hätte man dem einen oder anderen Präsidenten in früher Jugend genug Schrauben in die Hand geben sollen. Oder ein Bolzenschussgerät. Die Welt, sie wäre ganz bestimmt eine der besten unter all den überhaupt möglichen.