Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXII): Hoffnung auf die Apokalypse

30 04 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Seitdem seine Sippe nicht mehr auf, sondern nur noch in der Nähe von Bäumen hauste, hatte Rrt die Angewohnheit, mit milder Skepsis in die Zukunft der Hominiden zu blicken. Gewiss, es gab ständig neue Erfindungen – Schwager Uga hatte kürzlich einen Faustkeil mitgebracht, einer seiner Söhne war mit dem Flechten von Birkenbast beschäftigt, und das lederne Gluttäschchen war aus dem modernen Mehrsippenhaushalt auch nicht mehr wegzudenken. Aber hatte dieses Dasein nicht längst seinen Zenit überschritten? War nicht alles nur Ablenkung, dass die Evolution sich offenbar auf dem absteigenden Ast befand und das Ende der Menschen, so wie sie sich selbst begriff, nur noch eine Frage der Zeit sein sollte? So dachte der Alte und so denken nicht eben wenige noch heute, oder: heute wieder und erst recht, denn sie haben scheint’s Anlass dazu. Am liebsten wäre es ihnen, der ganze Karneval wäre endlich vorüber. Dann gäbe es Hoffnung auf die Apokalypse.

In was für einer beschissenen Welt wir gerade leben, muss man doch ernsthaft keinem erklären – der Planet erwärmt sich, während die Politiker mit letzter Verzweiflung ihre Taschen füllen, ganze Generationskohorten auslöschen, nichts dagegen unternehmen, dass das Bier immer teurer wird und die Damenmode zu einer Art Brechmitteleinsatz für zu schwache Nerven. Es soll Supermärkte geben, in denen man samstags nach achtzehn Uhr keinen frischen Spargel mehr bekommt. Der soziale Druck wird immer größer, sich ständig neue Telefone und Straßenpanzer anzuschaffen. Man kann sich zwar zwei Wochen Malle leisten, aber es gibt keinen einklagbaren Platz am Pool. Dazu leben wir in einer Diktatur, die derart diktatorisch ist, dass man vor laufender Kamera sagen kann, man lebe in einer Diktatur. Es wird Zeit, dass der Planet verdampft.

Was auch immer sich die Grützbirnen im Suff aus dem Stammhirn schwiemeln, sie verwechseln zwei Dinge: man kann das Schlechte in der Welt sehen, man kann sich damit abfinden oder nicht, aber man kann es auch aus der eigenen Lust am Untergang zulassen, fördern, herbeireden. Je mehr der Doofe die schrecklichen Begleiterscheinungen seiner im historischen Vergleich dufte verlaufenden Durchschnittsexistenz als Fetisch umtanzt, um nur ja nichts daran ändern zu müssen, desto mehr hat er auch einen Grund, irgendwann zuzusehen, wie sich der Rest der bigotten Bizarrerie in Dünnluft auflöst. Es ist damit die angenehme Rechthaberei gesichert, nichts unternehmen zu müssen, da ja alles sowieso in die Grütze geht. Wie schön für Menschen, denen außer Selbstmitleid nichts mehr einfällt.

Wenn immer mehr Politiker sich als glitschige Gnome herausstellen: wählt sie ab und lasst sie in der Versenkung verschwinden. Beleidigt die Niveauuntertunnelung von Talkshowlaberern den Intellekt des gemeinen Sofahockers: schaltet die Glotze ab. Nervt das Gesülze grenzdebiler Schnackbratzen auf der Jagd nach Aufmerksamkeit: schenkt ihnen eine Tüte Vollignoranz. Statt über die ekligen Schröcklichkeiten einer von Knalldeppen erzeugten Mistwelt zu greinen, die man eigentlich nur zu Klump kloppen kann, wie wäre es mit der einfachen Lösung, blutdrucktreibende Nervzwerge durch unverbindliche, aber stumpfe Gewalt aus der Reichweite zu katapultieren, damit sie niemandem mehr auf den Zwirn gehen können? Ist nicht dieses Dasein gleich viel schöner, wenn man einem der unzähligen Flusenlutscher die Tür von außen zeigt?

Nicht positives Denken als Allheilmethode hilft gegen die zwanghafte Zernichtung, die sich als neurotischer Nährboden von Weltschmerz, Gram und allerlei Leiden erweist, sondern konstruktives. Gegen den Spießer, der aus Tran Trauerflor am Schlafanzug trägt, helfen keine Durchhalteparolen; er würde sie selbst nicht durchhalten. Gegen diese Spezies, die nur dann behaglich in den Regen guckt, wenn sich alles gegen ihn verschworen hat, um ihm das Leben schwer zu machen, brauchen wir Lösungen. Wobei der schwermütige Schwachmat für jede sofort ein Problem basteln wird.

Fast hat er gewonnen, der Fadfinder, der die vielen Schwierigkeiten einer komplexer werdenden Welt in ihrer klebrigen Zusammenballung für eine Aufforderung zur Kapitulation hält. Sicher sieht er auch die Unausweichlichkeiten, Einkommensteuer, Brotpreis und Tod, als persönliche Beleidigung. Es bleibt ihm nur der platte Populismus, dass früher alles besser war, wofür es logischerweise einen Sündenbock geben muss, und schon weimert der Beknackte, dass er von populistischen Hackfressen umgeben ist, die große Probleme auf unsinnige Lösungen herunterbrechen. Die Apokalypse ist da, und der Nieselpriem freut sich heimlich, dass es gar nichts zu freuen gibt. So tiefe Befriedigung ließe sich nur mit Optimismus gar nicht erzeugen.

Es gibt Tage, an denen leben diese Menschen vom Prinzip Hoffnung. Manchmal entwickeln sie eine Art Zuversicht, die sich auf die großen und bahnbrechenden Entdeckungen der Zivilisation berufen: der menschliche Geist ist größer als alle Furcht. Es gibt so vieles, das uns weitergehen lässt. Die Hoffnung stirbt zuletzt, sagt der Apokalyptiker. Aber sie stirbt. Alles wird gut.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DLVI): Motivationssprüche

19 03 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Alles blieb an Uga hängen. Der Alte verfügte über ein reiches Theoriewissen, das auf Kriegszug und Jagd durchaus nützlich sein kann, wenn es denn die Einsicht mehrt. So gaben alle dem neuen Tag die Chance, der schönste des ganzen Lebens zu werden, und manche überlebten diesen Tag sogar. Denn Uga gelang, was sonst nur Drogenhändler und neoliberale Wirtschaftspolitiker, die man in der Nahrungskette ja auch nicht so weit entfernt sieht, mit Bravour hinkriegen: den anderen ihre Scheiße bunt zu reden und am Ende des Verkaufsgesprächs noch als Quell der Weisheit durchzugehen. Bis zur Erfindung der Philosophie sollte es noch ein wenig dauern, da Fragen wie „Was ist der Mensch?“ stets im Schatten von „Wann gibt es wieder Essen?“ standen. Doch nicht nur Vernunft prägt uns heute, wir Hominiden benutzen noch viel aus der ersten Phase unserer Stammesgeschichte. Zum Beispiel Motivationssprüche.

An der Esse, am Etagendrucker oder an der Tiefkühltheke, das intellektuelle Gespräch im Kreis interessierter Kollegen mit Inhalten wie „Besser wird’s nicht mehr“ oder „Was soll’s“ steuert immer auf einen Punkt zu, an dem das gemeine Sprichwort nicht mehr zieht, die Kalenderweisheit sinnlos wird und Poesiealbenschmodder die Situation stagnieren lässt. Nur der aktivierende Verbalbauschaum kann noch etwas bewirken, der schnell etwas bewegt und ohne erkennbare Veränderung der Ausgangslage oder Hoffnung auf irgendeine Art von Lösung das angenehme Gefühl kommuniziert, dass jeder die ganze Sache letztlich in der eigenen Hand hat und für die Beseitigung sämtlicher Schwierigkeiten zu sorgen hat. Wie verwunderlich, dass ausgerechnet Führungskräfte oder solche, die sich dafür halten, bei jeder sich bietenden Gelegenheit mit derlei Hirnschrott um die Ecke kommen. Leben Sie. Lieben Sie. Und gehen Sie irgendjemandem damit unsäglich auf die Plomben.

Wir glauben an alles, was nicht ist, damit es werden kann – jeder gute Horrorfilm wäre hier zu Ende, aber eine fiebrige Erkältung kriegt man aus den Zutaten hin. Eine Insolvenz. Notfalls auch eine komplette Regierungskrise. Der Motivationsspruch, jene wie Süßstoff zum Lutschen völlig ungeeignete Sprachtablette, ist das Convenienceprodukt aus dem Philosophiezubehörhandel, im Zehnerpack für die breite Masse, die sich keine Sentenzen leisten kann und doch den Mitmenschen eins mitgeben will. Eine ganze Industrie aus Glückskekstextern im Burnout und Teilzeit-Besserwissern kratzt diese gehässigen Scheinaphorismen in grafisch meist Brechreiz erregenden Romantizismus, packt ihn auf social-media-taugliche Kacheln und jubelt ihn unter das süchtige Volk, das nichtsahnend neoliberalen Koks ins Hirn gekippt kriegt: „Um wirklich Erfolg zu haben, muss man nicht gegen andere antreten, sondern gegen sich selbst.“ – „Dein stärkster Muskel ist Dein Wille.“ – „Es gibt immer einen Grund, dankbar zu sein, also finde ihn.“ Jede dieser glitschigen Egoleptikerbotschaften schwiemelt uns in die Hirnrinde, dass jeder Erfolg haben kann, dass deshalb jeder auch Erfolg haben muss und dass der, der nicht erfolgreicher ist als andere, nicht mehr zu diesem Heile-Welt-Tümpel gehört. Schmerzfrei schieben sich gefühlige Girls „Setz Dir jeden Tag ein Ziel, wofür Du am nächsten Tag aufstehen kannst“ hin und her und bräuchten nur mal einen kurzen Depressionsschub, um sich diese soziale Ausschussware aus den Frontallappen zu scheuern. Es gibt Menschen, die sich nicht freiwillig aus der spätkapitalistischen Verwertungsgesellschaft und ihrer Selbstzerstörungsmentalität zurückziehen, es gibt auch solche, die sich ihr nicht erst unterwerfen.

Die ultimative Erleuchtung über den Sinn des Lebens schmiert sich die Generation Heckenpenner als Wandtattoo an die Privatmauern, um auch ja von früh bis spät den Großen Bruder im Nacken zu spüren, wie er einem sein Mantra eintrommelt. Wir machen nur das, was technisch gar nicht möglich ist, weil das der Erfolg ist, den wir als erste erkannt haben werden. Wahrscheinlich haben Buddha und Einstein irgendetwas dergleichen nie gesagt, aber dann müsste man jedes zweite Kaugummibildchen einstampfen, das mit Floskel bedruckt die Welt ein bisschen unerträglicher zu machen, als sie bisher schon war. Noch Scheidung und Schleimhautkrebs kriegen diese lyrischen Furunkel verpasst, denn, haha! es hätte ja viel schlimmer kommen können.

Wenn wirklich einmal alles schief geht, es die Gesellschaft aber nicht die Bohne interessiert, weil Eigenverantwortung nun mal bedeutet, andere nicht mit seiner verpfuschten Existenz zu nerven, die man durch beständiges Festhalten an nicht genug durchdachten, unfinanzierbaren Schnapsideen mit Schmackes an die Wand gesetzt hat, nachdem gute Freunde einen noch bestärkt haben, dann kann man immer noch die Axt aus der Schublade holen und alles fein säuberlich in Trümmer zerlegen, bis die kräftigen Jungs in den weißen Kitteln kommen. Ja, wir träumen nicht unser Leben. Wir leben unseren Traum.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DLII): Aberglaube

19 02 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Rrt musste es von einem Schwippneffen aus der dritten Quersippe angenommen haben. Jedenfalls klemmte man sich nun nicht mehr die Reiser des Buntbeerenstrauches symbolisch hinters Ohr, um das Jagdglück auf die Säbelzahnziege zu locken, man malte rote Beschwörungsbilder auf die dem Sonnenaufgang nächstliegende Wand der Höhle, in der das Tier zerlegt werden sollte. So oder so, meist zerlegte das Tier eher den Jäger, doch wer stur mit Zweig am Horchlöffel auszog, wurde fortan schief angesehen. Oft hielt man die Leute für etwas naiv bis ziemlich doof, und da Be- wie Verschwörung auch theoretisch gut funktioniert, dichtete man den Spökenkiekern mit dem Grünzeug auch gern etwas anderes am Kopf an, das bestimmt Unglück für den Rest der Sippe bedeutete. So wuchs auf durchaus gut gedüngtem Boden, was der durchschnittliche Feuchtbeutel bis heute Aberglauben nennt.

Aberglaube, das Wort drückt den Widerspruch aus, in dem sich die offizielle Frömmigkeit zu ihren meist sorgsam vergrabenen Wurzeln befindet; der sich mit Totem und Talisman behängende Bürger weiß natürlich, dass Laufrichtung und Farbe einer Katze nichts mit Zu- und Unfällen zu tun haben, lehnt auch die mittelalterlichen Begleitexzesse am Rande der Hexenverbrennung ab, gruselt sich aber instinktiv und vertraut auf vierblättrigen Klee als praktischen Angstlöser. Die superstitio ist übrig geblieben aus versunkenen Kulturen eines vorwissenschaftlichen Zeitalters, allerdings nur in den Formen, die sich nicht für eine geschmeidige Umsemantisierung eigneten. Den Krähenruf als Boten des Todes lehnt der aufgeklärte Citoyen ab, den christlichen Blutritt als Schutzzauber für exakt einen Herrschaftsbereich erkennt er als überformten Mystizismus gegen germanische Geister noch an, die inzwischen säkularisierte Fahnenweihe, bei der das Mana eines energiegeladenen Objekts durch die Berührung auf ein anderes Objekt übergeht und so die militärische Unschlagbarkeit eines Bataillons sichert, steht als behördliche Kulthandlung sowieso jenseits jeder Kritik und wird nur von gottlosen Kulturzerstörern abgelehnt. Aberglaube ist die bucklige Schwester der staatstragenden Religion, an die man glaubt, um sein soziales Image gegen die Anfeindungen des Teufels zu imprägnieren.

Doch ist er so hartnäckig wie produktiv, nutzt die Mundpropaganda und die Nachahmung in jeder Phase der Sozialisierung, ist bis zum Amorphen verform- und verschwiemelbar und dabei schneller unterwegs als die im Ritus langsam verkrusteten Strukturen und Inhalte des Hochglaubens. Während der postmoderne Pater noch nach seinem Brevier kramt, um das passende Stoßgebet zu finden, hat Erika Mustermann schon auf Holz geklopft.

Die Produktivität dieser Wahnvorstellungen, die oft einfach der Angstregulation und der Erklärung komplexer Sachverhalte dienen, sorgen so auch für eine fröhliche Auferstehung aller Hirnrissigkeit, die in schwierigen Zeitläuften den Bekloppten aus der Rübe rattert: mit magischen Mätzchen will der Bekloppte sich ein radikal vereinfachtes Weltbild zurechtzurren, damit das Denken ja kein Kopfweh macht. Was sich messen, zählen, wiegen und wägen lässt, das lässt im Epizentrum der Behämmerten die Gewissheit wachsen, Herr seiner Welt zu sein. Wo die Situation sich verfinstert, weil Zusammenhänge nicht auf den ersten Blick als solche zu erkennen sind – oder in ihrer Unerbittlichkeit das gewohnte Bild einer beherrschbaren Umgebung in die Tonne treten – glaubt der Hominide buchstäblich alles und alles buchstäblich. Wo sich mit institutionalisierter Vernunftreligion nichts mehr wegzaubern lässt, da greift der Kurzstreckendenker zu den religiösen Hausmitteln aus dem gut eingetrockneten Lager der Altvorderen: Hasenpfote und Hühnergott, jeder Strohhalm hilft, denn in angespannter Lage versteht eins die Welt vor allem zeichenhaft, ohne jedoch einen Gedanken daran zu verschwenden, dass sich jeder aus Vogelflug und Gespenstern seine eigene Semiotik zusammenklöppelt. Allein dadurch, dass wir dem Tragen roter Mützen eine tiefe Bedeutung beimessen, die je nach Überlieferung für Reichtum sorgt oder die Wahrscheinlichkeit eines Brandes erhöht, schafft sich Illusion den Resonanzboden, den sie für ihre Selbstwahrnehmung als Realität nutzt. Man wird schon der organisierten Form von Hokuspokus nicht Herr, es wird gependelt und mit Heilstrahlen gewedelt, gesundgebetet und allerhand Murks für teuer Geld verkloppt. Was nun billig und schnell anwendbar ist, wenn man nur selbst daran glauben kann, setzt sich an die Spitze sämtlicher Desinformationskampagnen, die von Arschgeigen gegen Urteilskraft und Erkenntnis gefahren werden.

Wie putzig, dass sich in einer Gesellschaft der Leistungsträger die Verunsicherten auf esoterischen Firlefanz verlassen, der nur auf Selbstbetrug und Wunschdenken beruht und nichts als Täuschung hinterlässt – und Enttäuschung. Aber was erwartet man von einer Gesellschaft, die den Kapitalismus als Glaubenssystem wählt, das auf der irrationalen Vorstellung vom materiellen Fetisch als Retter vor der Bedeutungslosigkeit beruht. Wer’s glaubt, wird selig, wozu zeitnahes Ableben Voraussetzung wäre. Alles wird gut. Bei wem auch immer.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXLIX): Die Internetmetamorphose

29 01 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Lernen durch Nachahmung stand bei der Sippe an der westlichen Felswand hoch im Kurs. Wie Rrt Geschick bewies beim Abstreifen der Buntbeeren vom Strauch, so machten es auch andere nach, um die Beikost zur Säbelzahnziege zu sichern. Mit zunehmendem Schädelvolumen stieg auch das zum Überleben notwendige Wissen; nach und nach beschäftigten sich die Hominiden mit Ackerbau, Viehzucht, Drogen und schließlich der Vernichtung des Planeten durch bunte Blechkisten, die immer größer sein mussten als die Blechkisten vor der Hütte des Nachbarn. Berufe entstanden, Bäcker und Arzt, Investmentbanker und Totengräber, und die Kenntnisse spezialisierten sich zwangsläufig – irgendwann war es nicht mehr egal, ob man gerade Menschen unter den Acker pflügte oder eine ganze Volkswirtschaft. Allmählich setzte das Vertrauen ein, dass die Pausenclowns an den Schnittstellen der Kompetenz etwas abverlangte: die leise Ahnung dessen, was sie schafften. Ansonsten holten Meister und Richter schnell den Hammer hervor und taten das Ihrige. Gut, dass wir heute das Internet haben.

Die schlecht gefeudelte Echokammer auf den digitalen Endgeräten ist noch immer voller Dackel, die sich als Bundestrainer ausgeben. Früher, als wir alle noch am Stammtisch saßen, war es schwieriger, sich als Fachkraft für Expertenwissen auszugeben, falls man nicht heimlich Handbücher im Rucksack mitgeschleppt hatte: ‚Raketenwissenschaft für Dummies‘, ‚Wie werde ich Bundeskanzler‘ oder ‚Alles über Jurististik (mit 666 Angeberfragen)‘. Bestand der vordergründige Vorteil auch darin, die anderen Klötenkönige vorübergehend an die Wand labern zu können, irgendwann hat es sich immer gerächt. Jeder Bauer, der zufällig die Wirkung von nichtkompetitiven Antagonisten erklären konnte, galt nur bis zum dritten Schnaps als die Kanone der Pharmazie westlich der Unterweser, abgesehen von anderen Erklärversuchen der Scherungsdynamik von Festkörpern oder des Verstrickungsbruchs. Das aber lässt sich schon durch eine Verschiebung des Kommunikationskanals bewerkstelligen.

Wie wunderbar einfach schwiemelt sich der durchschnittliche Dumpfschlumpf ein Profil aus dem bisschen Person, das er mit sich schleppt, und wie distinguiert schmückt er sich noch mit allerlei Gefieder, das Google gefällig hervorwürgt aus dem Gewölle des Datenmülls. Eben noch ein normaler Versicherungsangestellter, vom Rechnen mit einer Unbekannten körperlich überfordert, jetzt schon Fachmann für Sachen, Prozesse und Gedöns. Muss manch anderer aufwendige Artefakte beibringen, damit man ihm das Medizinstudium abkauft, mutiert der Realitätsallergiker flugs zum Chefarzt, hat schon Dutzende von Blinddärmen durch die Nase entfernt, den Nobelpreis von Dingenskirchen gewonnen und seinen eigenen DSM-Code. Allein dies ließe sich auch mit einem weißen Kittel und dem Stethoskop aus dem Onkel-Doktor-Koffer bewerkstelligen. Profis durchlaufen blitzartig und anfallsweise eine Metamorphose, und zack! sind sie Autoritäten auf dem Gebiet der abstrakten Algebra – je abstrakter, desto besser.

Nach dem Grundsatz diverser Parallelexistenzen aus Coaching und Lebenshilfe, dass Wollen gleich Können ist, glauben wir alles. Was erwartet man schon von Grützbirnen mit Bausparerabitur, die nach trockenem Husten eine Krebsdiagnose aus dem Netz popeln, am Rande des Wahnsinns ein Geländer aus Stahlseilen aufzustellen oder den Rasen mit Nitroglycerin zu sprengen. Da Angebot und Nachfrage oft knirschend kollidieren, decken die Koryphäen spielend und oft gleichzeitig Börse, Atomenergie, Terrorismus und profunde Kenntnis der Weltgeschichte ab, je nachdem, was Wikipedia gerade im Angebot hat. Wer auch immer zuerst die Idee hatte, als Profi für Pinselschimmel die Foren des Heimwerkerparalleluniversums zu entern, hier lauerte ewiger Ruhm. Oder eine Chance auf den Titel als dümmster Flusenlutscher aus Kohlenstoff.

Wahre Helden erkennt man vermutlich daran, dass sie nach ihrem Gestaltwechsel auch genau begründen können, warum sie keinen blassen Schimmer hatten. Manche von ihnen, die Talent und Neigung zum Psychopathen vorweisen, wären gar in der Politik gut aufgehoben, weil sie auf ihr dümmliches Geseier von eben gerade keinen Wert mehr legen. Vielleicht rettet sich einer mit absolut null Ahnung in die Wirtschaftsnachrichten, um das Evidente mit viel Getöse zu verschwurbeln, um bei Gelegenheit in einen astrologischen Spartenkanal zu wechseln, wo es dann auch schon reißpiepenegal ist, wer was warum unter sich lässt. Hinderlich könnte hier nur sein, dass der Halbgott auf Entzug nicht sieht, welches Chaos er mit seinem porösen Verbalgranulat hinterlässt, denn darauf kommt es ihm wohl an: dass es manche gibt, die sich von Realität und Schmerzen nicht beeindrucken lassen, wenn sie der Stimme der Beklopptheit folgen.

Irgendwann, wenn das Internet verfilmt wird, ersetzt man sie durch billige Special Effects, weil so viel Dummheit nicht mehr in drei Dimensionen passt. Aber wie kriegt man das am billigsten hin, ohne das Raum-Zeit-Kontinuum zu verdeppern? Ich frage für einen Freund.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXXXIX): Vom Übergeneralisieren

6 11 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Natürlich sind alle Kreter Lügner. Das weiß man doch. Schließlich schaffte es dieses putzige Paradoxon dank Paulus – der ja selbst irgendwann seine Fake-News-Phase überwunden hatte – bis in die Bibel, genauer: in den von einem rassistischen Fundamentalisten verfassten Titusbrief, der bereits in der frühen Entwicklung dieser Sekte ein klares Licht auf den Charakter des korrupten Drecksacks warf, der unter dem Verdacht religiöser Wandlung stehende Nachbarn von der Straße fangen, zu Tode foltern und ihre bewegliche Habe in seine privaten Besitztümer zu überführen pflegte, um sich bei jenem höheren Wesen, das er verehrte, lieb Kind zu machen. Objektiv und nach starker Lesart heißt dies für uns, dass nie und nirgends auch nur ein Kreter vertrauenswürdig sein könnte, da sie niemals den Grad der Schwindelfreiheit erreichen, wobei diese Objektivität nur von außen zu erreichen ist, denn was wäre eine Aussage über Kreter, wenn die selbst in die Suppe spucken?

So ist es mit allen Vorurteilen, wenn sie nicht durch das Paradox der galoppierenden Dummheit verunreinigt werden. Man muss sie zwingend von außen einer Stichprobe der Gesamtpopulation überstülpen, sonst wird man sie auf die Eigenschaft, die sich negativ auswirken soll, nie reduzieren. Dass Bayern mit einem Alkoholproblem geboren werden, Radfahrer asoziale Verkehrsrowdys sind und Bestatter allesamt von Betrug leben, lässt sich nur aus einer einzigen Perspektive glaubhaft zeigen. Man darf keinem dieser Segmente angehören.

Engstirnigkeit ist ein weites Feld, und man darf niemals seine Borniertheit auf Dinge gründen, die sich zu geschmeidig in die Materie einpassen. Wäre ein Befangenheitsgrund, dass man Griechen als faul und bestechlich wahrgenommen hat, ohne aber je den Fuß auf Kreta gesetzt zu haben, taugte das Urteil nicht einen Buchstaben. Es ließe sich allemal ein deppentaugliches Stereotyp für allerlei Gewitzel und Gehetz daraus matschen, aber auch das ist nicht abendfüllend. Würde man trotz alledem behaupten, die Kreter seien verlogen, weil sie Griechen seien, hätte man sich bereits den hermeneutischen Zirkel ins Auge gestochen; Kreter zu sein impliziert die Zugehörigkeit, ein Urteil darauf aufzubauen wäre ungefähr so sinnvoll, wie veganen Kettenrauchern eine vorbildliche Lebensführung zu unterstellen, weil sie keine Fleischmasthormone anlagern.

Folglich sortieren wir aus Schutzgründen und nach sorgfältig zusammengeschwiemelten Regeln die Umgebungshominiden nach grobem Raster als Entweder-oder-Kandidaten: notorische Autofahrer oder unverbesserliche Radler, Kinderhasser oder Mutterglucken, kranke Bewegungssoziopathen oder asoziale Sofafettecken. Am Oberflächenlack zu kratzen wäre nicht dienlich, es könnte die Untiefen einer Differenzierung mit sich bringen, und wer will diese intellektuelle Herausforderung erdulden? Es gibt tatsächlich Mieter (dieses Gesindel, das den Mietzins jahrlang nicht zahlt, Handwaschbecken durch geschlossene Fenster kloppt und die Etage dann fluchtartig als Messie-Trainingscamp verlässt) und Vermieter (Kapitalistenschweine, die für eine Besenkammer eine Niere als Sicherheit und tausend Euro pro Quadratzentimetern fordern, die Heizung im Winter ausbauen lassen und beim Rohrbruch das austretende Wasser zum doppelten Preis zuzüglich Vergnügungssteuer abrechnen), und es gibt diese schreckliche Wirklichkeit, in der jemand beides sein kann. Der nicht unwahrscheinliche Mensch ist durch den Genuss einer größeren Hinterlassenschaft in Besitz eines Gebäudes geraten, in dem diese und jene Hausstände ihr Obdach haben; er ist folglich Vermieter. Zugleich hat er einen Betrieb, den er mit wirtschaftlicher Verantwortung führt, vor seiner Nase sitzt allerdings auch ein Vermieter, der auf die monatliche Entrichtung achtet und sich nicht auf Freundlichkeiten verlässt. Wären nun alle Mieter oder Vermieter gewissenloses Gerümpel im Wald der sozialen Verantwortung, wie könnte solch eine Konstellation auch nur einen Tag überleben?

Und so sortieren wir in Gut und Böse weg, was uns nicht schnell genug vor der Flinte flieht. Alle Taxifahrer sind schwatzhafte Schweine, die sich mit Umwegen den Lohn aufpolstern. Ärzte haben nur Medizin studiert, um sich beim Segeln und auf dem Golfplatz über die Patienten zu mokieren. Wer als Informatiker sein Leben in dunklen Kellern fristet, ist niedermolekular in einem wirr karierten Hemd festgewachsen, zeichnet sich durch Bartwuchs und unangenehmen Körpergeruch aus und ernährt sich von Fertigpizza. Klempner haben, wenn man von ihren Rechnungen ausgeht, einen 90-Stunden-Tag. Fünf US-Amerikaner reichen, um einen Pudel mit Hirnmasse auszustatten. Nicht grob falsch, aber im Einzelfall zu widerlegen. Wann immer die Aussage über alle anhebt, die da alle sind, ist sie mindestens doppelzüngig, denn wer weiß schon, was auf der anderen Seite als verbergenswertes Manko gilt. Sind die Jäger, die den Klavierspielern mangelnde Reinlichkeit im Sanitärbereich vorwerfen, wirklich unverbesserliche Warmwasserverschwender? Es ist ein, hähä, Kreuz. Psalm 116 hilft. Alle Menschen sind Lügner. Schöne Scheiße. Aber immerhin hätten wir das mal geklärt.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXXIV): Mobbing

24 07 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Man kann dem Sozialverhalten der Primaten vor der amtlichen Feststellung einer eigenen Art nicht viel vorwerfen, es sei denn, dass unsere Spezies die blinkenden, hupenden, pavianarschroten Zeichen nicht intellektuell verarbeitet hätte. Die Primaten, die auf anderen Kontinenten ein geruhsames Leben führen könnten, würden ihnen nicht Festlandaffen in Polyesteranzügen das Leben schwer machen, die sich mit allerlei Biomasse den Leib behängen, sind nicht so ruinös für die Umwelt, wie man für Gold und Silber Kinder bräuchte. Sie bollern nicht im SUV durch die Natur, wo es keine gibt. Und was die Konkurrenz der anderen Affen angeht, das wird gnadenlos ausgesessen. Wie gut, dass wir Mobbing nicht mehr als Rückfall in längst überwunden geglaubte Entwicklungsstufen ansehen.

Wobei es genau so ist: die Menge an (je nachdem) Federvieh oder Schuppentieren sieht den Fressfeind am Rande des Territoriums erscheinen und startet den großen Aufstand, sobald sich eine der böswilligen Kreaturen blicken lässt. Dass sich die konzertierte Aktion rentiert, wird durch mehrere Kleinigkeiten konterkariert. Am Ende bleibt das Bild des honkenden Geflügels, wie es sich kein Wahlkampfeinpeitscher schöner würde wünschen können.

Die menschliche Gesellschaft, wenn es denn eine solche überhaupt geben sollte, plant langfristig und überlegt, welche Erschütterungen sie dem System überhaupt zumuten kann. Selten sind es die Grundfesten der sozialen Verschwiemelung, die in Generationen und Generationen der Evolution zu einem Zement der Undurchdringlichkeit geraten sind. Ihr Bestehen ist die Wunschvorstellung, wie sie den privilegierten Klopsen vor dem Christfest durch die Birne geistert, aber das war’s dann auch schon. Beton ist ihre Religion. Aber es gibt nicht ohne Grund Erdbeben. Das Verhaltensmuster aus dem Tierreich zeigt zunächst, dass sich eine ganze Horde disparater Feuchtbeutler angegriffen fühlt, vollkommen unabhängig, warum. Wahrscheinlich hat ein einzelnes Individuum schräg geguckt, was in den Abendnachrichten für eine Schlägerreich ausreicht, und ab einer genügend großen Menge denken dann die Flattertiere an Umvolkung, weil ihnen das der Albatros aus den USA so erzählt hat.

Aber das Repertoire des Primaten ist nicht mit Frontzahnshow erschöpft. Sobald ein Schimpanse die stellvertretende Leitung der Buchhaltung in der Bananengroßhandlung innehat, sieht die Sache natürlich gleich ganz anders aus. Hier zählt nur die Kompetenz, die von den jüngsten gleich in Frage gestellt wird, sekundiert von den älteren, um die Fronten klar zu ziehen: wir und die. Es bedarf keiner anderen Marker.

Und schon heult die Sirene. Die alten Säcke (wahlweise: die Kinder, Hausfrauen, you name it) dürfen noch viel mehr und werden dafür auch noch bezahlt. Die ungleichen Machtverhältnisse geraten ins Tanzen, und das ist der Punkt. Denn sämtliche Mechanismen – der erledigt seine Arbeit nicht, der ist zu faul, die ist zu fleißig, die ist zu wenig krank – dienen nur der Analyse, wer für eine Treibjagd dient, um die Schwachstellen der Firma oder gleich der Gesellschaft an die lässig verputzte Wand zu werfen. Man kann nichts den anderen überlassen. Entscheidend ist nur, dass sich erst im Laufe der Entwicklung die wirkliche Trennlinie zwischen Tätern und Opfern zeigt, wie sie die miserable Organisation oder die schlechte Bildung der Teilnehmer zeigen. Natürlich sind regelmäßig auch die unbalancierten Regelverhältnisse schuld – es kommt vor, dass Frauen Männern sagen dürfen, was sie zu tun haben – wozu soll man die Opfer der sozialen Ungerechtigkeit mehr als genug betonen? Nachdem es in der Schule genügend brachiale Möglichkeiten gibt, Othering durch hirnlose Kommunikation durchzusetzen, bricht sich das Gemobbe auch in der Arbeitswelt Bahn, will sagen: vom Leben lernen wir, und zwar größtenteils, dass unsere Mitprimaten dümmliche Grützbirnen sind, mit denen sich keine vernünftige Diskussion lohnt. Die Konditionierung beginnt früher, alles fügt sich notfalls knirschend in die Bahnen einer kognitiven Stromlinie, die irgendwo endet, auch wenn wir in seltenen Fällen wirklich wissen, wo.

Konfliktlösungen werden von Therapeuten angemahnt, wo die psychologischen Handwerker sich in der Auslegeware verstecken. Das mag lustig klingen, ist es aber nicht, denn sonst ginge ihnen ein gehegtes Kulturgut durch die Lappen, die allerseits gepflegte Attitüde, den Nachwuchs für degeneriert zu halten, auch wenn man ihn selbst aufgezogen hat. Diskriminierung ist okay, an den Rest haben wir uns gewöhnt, aber wie finden wir jetzt den Weg, dass der böse Ausländer daran schuld ist?





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXXI): Der Hamsterkauf

3 07 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Ostern ist’s, Freudenfest für Christenheit und Einzelhandel, erkennbar an den Menschenmassen, die sich vom Parkplatz kommend in die Kaufhallen quetschen, einer uralten Tradition folgend, die da sagt: mehr als ein Tag ohne Nachschub bedeutet den sicheren Tod. So wird man mitgerissen von der schwankenden Woge, wer am Eingang Obst und Gemüse ohne Amputationsverletzungen überlebt, schrammt an den Backwaren vorbei und wird dann als unelastischer Stoß im Konservenrayon entsorgt. Die trainierte Menge aber, ausgerüstet mit allerlei Rüstungsgütern um den vernarbten Kadaver, hebelt palettenweise Magerquark in den Drahtkorb, einen Festmeter Zündhölzer und Feinwaschmittel für die Periode bis zur nächsten Eiszeit, dazu Alkoholika und Hygieneartikel, Schmier- und Olivenöl sowie Salzgebäck im Gegenwert des Rüstungsetats einer beliebigen afrikanischen Militärdiktatur. Ist es jene Vorstellung, möglichst viel nützliches Gut mit ins kühle Grab zu nehmen, wie Pharaonen, Wikinger und ihre Zeitgenossen es praktiziert haben? Wollen wir uns die verlängerte Zeit bis zum endgültigen Kollaps noch ein bisschen schönpreppen? Was ist der Sinn und warum tätigen wir Hamsterkäufe?

So nah liegt die Vorstellung, der Hominide als Jäger und Sammler habe jeden Fund zunächst wie ein Eichhörnchen versteckt und verborgen, dass sie nur falsch sein kann. Gerade der Wilde lebte von der Hand in den Mund, oft auch in Konkurrenz zur Umgebungsfauna, die in ihrem Artenreichtum toleranter war in Bezug auf Qualität und Frische. Ohne Konservierung, wenigstens Lagerhaltung, hatte der Häufungstrieb rein technisch keine Chance. Erst die Möglichkeit, an einem halbwegs voraussehbaren Tag die Ernte an Korn und Früchten einzufahren, auf dass sich der ansonsten denkunbegabte Nappel satt über den Winter bringe, machte ihm überhaupt die Notwendigkeit des Speicherns klar – und damit auch die Aussicht auf Besitz, wenn nicht gar auf Reichtum, noch bevor Geldwirtschaft den Tauschhandel besiegt hatte.

Dann aber kam der Krieg. Er muss sich tief ins Bewusstsein der Hohlrabis geschwiemelt haben, denn die Sorge vor dem jäh auftretenden Mangel an Kernseife und Mehrkornbrot vererbt sich von einer Generation zur nächsten. Ja die Enkel derer, die vor dem Führer in Deckung gingen, sie scheinen diese Furcht zu kennen: der Russe steht vor der Tür und wir haben kein Bohnerwachs im Haus. Dialektisch fein gesponnen, denn nach welchem Krieg genau das Volk Bärchenwurst und Dosenspargel in den Kofferraum stopfen musste, ist noch nicht geklärt. Die Angst und Unsicherheit, die andere weltliche Katastrophen nach sich ziehen, sie hingegen können wir nachvollziehen und wissen auch, dass wir den Einkauf dem Es überlassen, während das Über-Ich stöhnend den Kontostand zu ignorieren versucht.

Hätte Perfektionismus allein die krude Mixtur aus Toilettenpapier, Mehl und Hefe erzeugt, immer dessen eingedenk, dass so gut wie keins der Opfer in der Pandemiezeit vorher regelmäßig Brot buk und aufgerollter Zellstoff wenig geeignet scheint, vor der drohenden Seuche zu retten? Offenbar übt sich der gemeine Knalldepp lieber in kollektiven Übersprungshandlungen, da Angriff unmöglich und Flucht sinnlos ist – ein Verhalten, das auch Opfer einer Hirnrindenverödung auf Widerstandsdemos trieb, um gegen Viren anzuplärren und sich von den Naturgesetzen loszusagen. Intellektuelle Aufstocker gar rationalisieren ihre eigene Hilflosigkeit durch Verschwörungsideologien, um überhaupt etwas tun zu können. Wie der Frustkauf zur Aktivierung des limbischen Systems führt, halten sich die Zombies auf dem Synapsenfriedhof durch allerlei Leerlauf aus dem Repertoire der Normalität beweglich, was für den spätturbokapitalistischen Konsumkasper im Regelfall heißt: Shoppen, sonst kommt der Arzt.

Horten heißt, die Zeit aufhalten, wenn nicht gar zurückdrehen. Beschließt die EU, Glühlampen aus dem Verkehr zu ziehen oder Mentholzigaretten, so stopfen sich die Kalkschädel ganze Keller voll mit dem Zeug, ohne das eine Existenz möglich, aber nicht mehr menschenwürdig scheint. Irgendwann in ein paar Monaten und Jahren ist das ganze Zeug dann aufgequarzt, schmeckt nach Mumie oder tritt schlicht in molekular unerwünschte Zustände ein. Auch der Nebeneffekt, dass eines Hamsterkäufers Anblick Dutzende Hamsterkäufer erzeugt, wird von der Seppelmeute stoisch ignoriert, bis sie es dann bekämpfen; die selbsterfüllende Prophezeiung frisst ihre Kinder, solange sie noch welche findet. Aber immerhin hat der Bekloppte in Krisenzeiten dann einen Grund, seine Angst auf einem angemessenen Niveau zu halten, denn in einem Land, in dem ihm alle anderen die Nudeln streitig machen, kann er mit Fug und Recht die Märkte leer räumen, ohne in Vernunft zu verfallen.

Eine viel einfachere Erklärung existiert, um die wir aus Selbstschutz stets einen großen Bogen machen. Der sich zivilisiert gebende Mensch ist ein egoistischer Drecksack, der seinem Nächsten nicht das Schwarze unter den Fingernägeln gönnt und ihm darum aus reiner Gehässigkeit das letzte Glas Pflaumenkompott vor der Nase wegkauft. Auch dann, wenn er Pflaumen hasst. Weil er es kann.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXIII): Der Zeitzwang

8 05 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

In Rrts Höhle gab es ein rudimentäres Sortiment an Einordnungen, wann und wie etwas geschehen sollte: vor dem Essen oder danach, nach der Jagd oder davor, tags oder nachts, wobei gerade letzterer Gegensatz saisonaler Variabilität unterlag, was sich auf andere Verrichtungen des täglichen Daseins nicht minder auswirkte. Die Dinge waren geordnet, nicht aber in ein starres Gerüst gepresst, für deren Einheiten die präzise Messung noch nicht einmal gefunden war, geschweige denn der Sinn, warum es eine präzise Teilung der Zeit in Zeiten überhaupt je würde geben müssen. Rrt wusste das nicht; er hatte sich daran gewöhnt, im Einklang zu leben mit den windschiefen Rhythmen der Natur, vor allem daran, deren Erfordernisse und Gebote zu lesen und dann zu begreifen, wann der Tag gekommen war, die Buntbeeren zu pflücken. Er und seine Leute, sie kannten keinen Zeitzwang.

Tatsächlich war das Messen der Zeitabstände zunächst ein Akt der religiösen Organisation, mit dem die Karnevalspräsidenten ihr Untergetän auf die gottgefällig verordnete Zahl von Arbeitsstunden einnordeten. Mit der Vereinheitlichung, wie sie den Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang aus der vormals künstlich zurechtgeschwiemelten Ordnung wieder heraushieben, marschierte die Bevölkerung in ihre Werktätigkeit und nahm sich ins Gebet. Wie auch immer in irdische Verhältnisse geschwiemelte Abläufe regelten folglich nicht nur die äußere, auch die innere und damit moralische Führung – wer zu spät kommt, den bestraft noch heute das Leben als solches. Seit der Mechanisierung ist Allgemeinheit nur noch unter der Kontrolle der Zeiger möglich, seit der Ausbreitung des Digitalen nur noch unter der Kontrolle der gestoppten Sekunden. Die ganze Existenz ist ein arbeitsteiliger Prozess geworden, der unsere Fertigstellung zum Ziel hat.

Die fließende Produktion der immer gleichen Untertassen, Zahnbürsten und Sockenhalter rattert der Welt den Takt vor, in dem sie zu ticken hat: in sklavischer Gleichmäßigkeit, die kein Bedürfnis kennt und damit keinerlei Ende. Es herrscht das Objektprinzip, das ganz auf den Verrichtungsträger fixiert ist; ein Pech, handelt es sich noch um den Menschen selbst, aber es wird nicht besser, wenn er nur ausgelagertes Bedienelement der Maschine ist, das aus dem Gesichtspunkt des Kostenträgers nie gleichmäßig, schnell und erschütterungsfrei genug die stereotype Bewegung verrichten kann, weil sie gerade durch lästige Nebenbeschäftigungen wie Atmen abgelenkt wird. Die ganze Abhängigkeit des einzelnen Organismus von der Gruppe, von der Spezies und ihren Beschränkungen findet sich in der Abfolge des Zeitzwangs, die einen Handgriff in den anderen übergehen lässt, so dass die Person eigentlich nie exakt genug sein kann, weil sie die Summe ihrer Fehlermöglichkeiten darstellt.

Nichts weniger als physiologische Bedürfnisse werden mit der Vertaktung eingezwängt. Schicht um Schicht wird das körperliche Konstrukt dieser Realität neu geformt, bis es sich nicht mehr mit den geänderten Variablen verträgt; korrigiert wird dann nicht der Prozess, sondern der Mensch. Wie im Wahn, aus irrwitzigem Brauchtum einmal im Jahr alle Uhren ohne Nachteil für das Gemeinwesen je eine Stunde in die eine oder andere Richtung zu biegen, schmeißt die ansonsten normsüchtige Rotte offenporiger Oberhäuptlinge alle utilitaristischen Regeln über Bord und vertaut auf die magische Kraft des Wir-haben-es-immer-schon-so-gemacht. Aus Schaden werden Sie nicht klug, wenn sie ihn nicht wahrnehmen. Sie kommen wohl nicht dazu.

Was aber, wenn sich der Rahmen selbst verbiegt und die komplette Struktur ersatzlos wegfällt, weil die ganze Gesellschaft auf dem Rücken liegt wie ein Käfer im Bett? Für das einzelne Individuum mag Strukturlosigkeit immer noch gelingen, doch ist nur ein Teilhaber der gesellschaftlichen Gruppe von konkurrierenden Bedürfnissen der Außenwelt betroffen, terrorisiert sie das ganz Gefüge wie ein Sonntag, an dem ausnahmsweise nicht sämtliche Mitglieder im Morgengrauen aufstehen müssen. Die Routine wirkt auch dort weiter, wie ein aus Müdigkeit vernachlässigtes Gebet moralinsauer den Schlaf zerstört. Der Stress einer Work-Life-Balance tritt immer da auf, wo er überhaupt gefühlt werden kann, und das ist nicht in der Betäubungsphase der Zeitverrichtung.

Die Konfliktvermeidungspsychologie empfiehlt eine längere Auszeit, um sich neu zu ordnen; ganze Monate werden ohne äußere Zwänge gestaltet, um dann, endlich vom Unsinn eines bizarren Irrtums an Heuschreckenkapitalismus geheilt, ohne vorherige Wiedereingliederung in den gefräßigen Schredder der Zeitvernichtungsanlage zu springen, damit sich das Bruttosozialprodukt freut. Einziges Schlupfloch bleibt der Freizeitstress. Wer sich dem Heilsweg des Geltungskonsums verschreibt, verendet dereinst sozialverträglich an Verkalkung oder Fettleber, bricht beim Marathon zusammen oder verdämmert nach der Hirnembolie in einer Risikogruppe, die nur noch dazu taugt, dass sich die Heckenpenner für einen sinnlosen Singsang vor einer Rundfunkanstalt aufregen. Zeitzeichen soll man hören. Bevor sie zwanghaft werden.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DIX): Der Querulant

10 04 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Wir alle kennen einen von ihnen, auch wenn wir zu keinem von ihnen Kontakt haben oder diesen je freiwillig gesucht hätten, geschweige denn suchen würden. Milde Formen von Verschrobenheit sind in diesem Phänotyp zwar enthalten, doch nicht jeder, der als Fensterrentner kontinuierliche Stasifizierung seiner Nachbarschaft betreibt, bis er sich langsam in Richtung Müllstocherer bewegt und mit Stalking in soziale Isolation treibt, wo sein Spleen eigentlich erst richtig logisch erscheint, nicht jede dieser rein organisch betrachteten Parallelexistenzen hat das Zeug zum Ekelpaket, das der ganzen Gesellschaft den Krieg erklärt, um mit gezogenem Schwert in den Untergang zu reiten. Die meisten Knalltüten lassen sich wegignorieren. Nicht aber der echte und professionell agierende Querulant.

Sehr gut lässt sich das Benehmen dieser Spezies demonstrieren, wo ein Glascontainer im mittelbaren Wohnumfeld steht. Werktags fristet der Streithansel seine Zeit in irgendeinem Büro, am Samstag aber kauert er mit Chronometer und Pfeife ausgerüstet hinter dem Baum neben dem Wurftrog, von wo er dreißig Sekunden vor acht Uhr trillernd aus der Deckung prescht und jeden anpöbelt, der es wagt, alte Flaschen einzuschmeißen. Unflat und wirre Warnungen quellen aus seinem zitternden Schlund, dessen Schallpegel weit oberhalb des Zulässigen, also auch oberhalb des glaswurfbedingten Krachs die Morgenluft durchzetert. Nach getaner Arbeit ist er vorläufig befriedigt, bis er sich pünktlich zwölf Stunden später wieder auf die Lauer legt, um die peinliche Befolgung der Höchsteinwurfdauer mit Methoden zu kontrollieren, mit denen nicht einmal die Zuverdienstgrenzen beim Arbeitslosengeld II überwacht werden. In der Zwischenzeit widmet er sich übrigens dem Nachmessen der Abstände von Altglascontainervorderwand zu Grundstücksgrenze, die sich als millimetergetreu falsch erweisen, so dass er handrückendicke Konvolute aus Gutachten zu Altstoffentsorgung und Lärmschutz nebst einer auf babylonischem Verfassungsrecht basierenden Dienstaufsichtsbeschwerde gegen die Regierung abfasst und einliefert. Nicht selten dräut er der Behörde, in der er selbst tätig ist.

Manche dieser Verhaltensweisen lösen wohl in zutraulichen Zeitgenossen Regungen aus, die auch bei Anwendung alttestamentarischer Körperstrafen kaum einzudämmen wären, weit über das Übliche hinausgehen – an den Augenlidern aufhängen und zum Blinzeln zwingen oder Verarbeitung ganzer Personen zu feinem Brät vermittelst einer einzigen Stecknadel – und bei schweren Soziopathen, denen in der Hölle ein Sitzplatz am Kamin sicher ist, eine gewisse verschwiemelte Anerkennung hervorrufen.

Frühere Zeiten lebten davon, dass der Streithahn seine Abende im Theater verbrachte und damit eine ganze Branche nährte: Leserbriefredakteure, die in Erwartung zünftiger Hassausbrüche die Reaktionen auf die offizielle, aber nie intellektuell ausreichende Rezension des hauptberuflichen Mitarbeiters in Blei stampften, was nebenbei auch schroffe Verachtung für den ganzen Kulturschmonzes, Kunst, Kino samt Kokolores zum Ausdruck brachte. Hatte der Autor das Blatt einmal in der Hand, wetterte er gleich in einem Aufwasch noch gegen politische Leitartikel, Börsennachrichten und alles andere, wozu keine Journaille ihm befähigt erschien, inhaltlich oder nur verbal, und drohte damit, das Blatt künftig nicht mehr anzufassen – was Verlag und Redaktion kaum erwarten konnten, das aber selten in Erfüllung ging. Die heutigen Kommentarspalten mit ihrem grell polarisierenden Auftrieb rumpelnder Trollbirnen lässt noch einen matten Abglanz davon erahnen.

Der Querulant läuft fortwährend als Verteidiger seiner selbst durch eine Feindwelt, darin anderen Hohlpfosten wie Reichsbürgern oder Nazis ähnlich, da auch er weiß, dass er nur im Recht sein kann in einer Welt, die außer ihm ausschließlich aus Idioten besteht. Der Buchstabe des Gesetzes ist seine DNA, mit dessen Hilfe er gegen alles und jeden klagt, mosert, meckert, nörgelt, nicht nur auf die Gefahr hin, vor Gericht abzublitzen oder zu scheitern, auch unter der steten Bedrohung, selbst vor den Kadi geschleift und dort zusammengefaltet zu werden. Nicht die technische Schwankungsbreite normativer Gebindegrößen und rechtlich zulässige Werte ober- wie unterhalb des bunt aufgedruckten Mittelwerts 1000 Blatt sind seine Realität, er muss zur Kontrolle festmeterweise Zehnerpakete von ein- bis vierlagigem Papier erobern, wutverbissen in der zugehamsterten Wohnhöhle, deren Boden knirscht, dessen Decke den Teppich im Obergeschoss bereits merklich auszuwölben beginnt, ausrollen, um eine handrückendicke Kampfschrift an die Hersteller der Hygieneartikel zu senden, ihnen etwas anzudrohen, wogegen Hiroshima ein Kindergeburtstag war. Er wird sich vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte wiederfinden, mit etwas weniger Glück auch vor dem Internationalen Strafgericht. Für jemanden, der uns diese Misere eingebrockt hat und sich dabei noch im Recht fühlt, wird keiner Mitleid übrig haben. Warum auch, es besteht kein Anspruch darauf. Wer es anders sieht, dem steht der Klageweg selbstverständlich offen.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXCIII): Der freundlich grüßende Mann

6 12 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Unvorhergesehene Dinge haben einen großen Nachteil: sie geschehen unvorhergesehen, das heißt, keiner hatte zuvor ihre Dynamik auf dem Schirm oder wusste, woraus sie sich entwickeln würden. Sind Erdbeben, Supervulkane oder das Verglühen der Sonne zum Weißen Zwerg noch einigermaßen berechenbar, weil sie Gesetzmäßigkeiten folgen, die nur selten dem Charme eines plötzlichen Meinungs- oder Verhaltensumschwungs in sich tragen, so ist alles, was mit dem hochlabilen Faktor Mensch in Berührung kommt, von rein chaotischer Prägung. Es ist ja richtig, hier und da steigt inmitten eines Staus auf der Schnellstraße ein vertrauenswürdig in Breitcord und Polyester gekleideter Familienvater mit Flachdachscheitel und dezenter Sehhilfe aus dem steuerbegünstigten Kraftfahrzeug und zückt eine halbautomatische Schusswaffe, um ein halbes Dutzend Personen im Feierabendstoßverkehr über die Wupper zu ballern. Natürlich haben sie alle es kommen sehen, irgendeiner musste es ja mal tun, es war nur noch eine Frage der Zeit. Aber warum er, der letztes Jahr nach der Geburt des dritten Kindes mit einem Kredit die Renovierung einer kleinen Vorstadtimmobilie begonnen hatte, in die er trotz nicht zu leugnender Beziehungsprobleme dann doch einziehen wollte, auch wenn sich die Fahrzeit zur Arbeit sowohl für ihn als auch für seine Frau dadurch erheblich verlängerte. Keiner hatte eine befriedigende Antwort. Und er hatte auch immer so freundlich gegrüßt.

Profiler und Fernsehkommissare schleichen mit der Lupe im Anschlag durch diese Stadtviertel und schnüffeln nach passiv gehemmten Psychopathen, die auch bei optimalen Umweltbedingungen – laue Frühlingsluft, Brückentag in Sicht, letzten Samstag haben die Bayern aufs Maul gekriegt – ganztägig die Morgenmuffelfresse nicht abschrauben, an der roten Ampel ein Hupkonzert veranstalten, auf die Regierung schimpfen und die Klobrille gar nicht erst herunterklappen, weil sie sich sonst nicht ausreichend ärgern können. Nur diese Kombination verheißt Jagdglück, wenn man einen Terroristen, einen Serienkiller, wenigstens einen Bankräuber auf frischer Tat ertappen will. Alle die netten Menschen von nebenan, denen man nie zutrauen würde, dass sie in ihrer Freizeit heimlich Splitterbomben bauen, um das Vierte Reich mit einem kleinen, aber feinen Staatsstreich herbeizuschwiemeln, die sind es sicher nicht – würde so ein Attentäter nicht wenigstens einmal die Hakenkreuzflagge zum Lüften über die Balkonbrüstung hängen lassen?

Selbstverständlich haben die rundgelutschtenen Daueranpasser, die krampfhaft Frühstücksbrötchen über der Küchenspüle aufschneiden und Unterhosen bügeln, blutige Gewaltfantasien, die sich nur nicht im Alltag zeigen, sonst würden sie die Kotzbeule, die ihnen im Supermarkt schon zum dritten Mal den verdammten Wagen in die Hacken karrt, mit der Machete waidgerecht er- und zerlegen, faselnden Realitätsallergikern am Stammtisch das Gesicht rhythmisch in die Tischecke drücken oder dem Blödföhn im Finanzamt die Materialkaltverformung im Schädelbereich spendieren. Sie haben sich im Griff, eisern und nicht immer ganz schmerzfrei, und erweisen damit der zivilisierten Gesellschaft einen nicht zu unterschätzenden Dienst, denn sonst wären die täglichen Abendnachrichten ein fröhliches Blutbad. Doch es kommt der Tag, da will die Säge sägen, und dann gerät die Sache außer Kontrolle. Der eben gerade noch zwanghaft nette Mensch am Kassenschalter dreht plötzlich frei, wechselt einfach das Programm und schaltet in den Massakermodus.

Es sind nicht die durchschnittlichen Typen mit dem kleinen Hieb, die mit Bordmitteln eine ganze Wohnsiedlung in die Luft jagen, weil ihnen der Hund des Etagennachbarn mit seinem nächtlichen Gekläff auf die Plomben geht. Es ist auch nicht der bösartig bärtige Austauschstudent, der die Tür von beiden Seiten mit der Zahnbürste schrubbt und die Schuhe geometrisch präzise an die Vorderkante der rechtwinklig platzierten Fußmatte stellt. Natürlich gibt es Ausnahmen. Ab und zu ist ein Waffennarr, der von der Weltverschwörung der Reptiloiden murmelt und die Fäuste schüttelnd in heiserem Ton verkündet, man werde noch von ihm hören, nicht einfach nur ein Polizist, dem seine Psychopharmaka nicht bekommen. Hin und wieder sind Männer, die ihre Frau mehrmals krankenhausreif schlagen, nicht nur durch eine schlechte Kindheit so geworden. Doch selbst hier ist nicht auszuschließen, dass sie außerhalb ihres Wohnbereichs, beispielsweise beim Autowaschen, leutselig und im Unterhemd an der Straßenkante stehen, die Hartwachsdose in der Linken, und unbedacht, wie aus dem Unbewussten herausbrechend vergessen sie jede Vorsicht im Verkehr mit den anderen Menschen, sie lassen sich hinreißen und tun, was diesen unschuldig eben noch ans Gute Glaubenden das Blut schockartig in den Adern gefrieren lässt: sie grüßen. Freundlich. Ab hier helfen nur die Flucht, hermetisches Abriegeln ganzer Landstriche, militärische Mittel, zuletzt nur noch Beten. Denn wo man freundlich grüßt, da kann der Abgrund des Bösen nicht fern sein. Es soll uns zur Warnung gereichen. Wir werden es dann nämlich gleich gewusst haben.