Gernulf Olzheimer kommentiert (DCXX): Der ignorierte Wandel

24 06 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Für Rrt war die Sache eigentlich klar: dort, wo Steppenhase und Wollrind des kühnen Waidmanns harrten, erwischte ihn auch die Säbelzahnziege. Der Ort war derselbe, die Erwartungen ließen sich nicht voneinander trennen, denn sie beruhten auf genau derselben Voraussetzung. Nur manchmal, wenn er mit den Kollegen vor der westlichen Felswand den rituellen Tanz vollführte, der das Glück bezwingen sollte, wuchs in ihm die Gewissheit, dass man einen Teil ganz einfach aus der Gleichung kürzen könne. Vielleicht ist das am Ende der Nahrungskette ja einfacher als weiter unten, doch es liegt definitiv nicht daran, dass die Natur ein Einsehen hätte. Die durchschnittliche Lebenszeit des Hominiden ist zu kurz, seine Erkenntnisfähigkeit erheblich zu dünn angerührt, um auch nur die wesentlichen Dinge zu begreifen. Das Bröseln der Berge bemerkt er so wenig wie die Kontinentaldrift, weil beides für ihn nicht geradewegs erfahrbar ist. Was aber, wenn der intellektuelle Heckenpenner längst das Zeitalter der Aufklärung durchlebt und die Wissenschaft zur Verfügung hat, die ihm die Zusammensetzung der Erdatmosphäre und deren schlagartige Erwärmung in leicht fasslichen Häppchen vorlegen, damit er nur noch kapieren muss, was zu tun ist? Er lässt es sein, ignoriert den Wandel und zieht sich auf das zurück, was er am besten beherrscht: die Opferrolle, verursacht durch die kognitive Dissonanz.

Von der offiziellen Verlautbarung bis hinab zur Primatenpostille feiert die Meinungsproduktion den brüllenden Frühsommer, während sie simultan von Waldbränden und Ernteausfällen berichtet, und es fällt niemandem auf. Die Hitze, die die Flüsse so weit austrocknen lässt, dass der künstlich verbilligte Sprit gar nicht erst an die Tanke kommt, kann ja nicht das schnuckelige Gartengrillwetter sein, bei dem man trotz Biermangel das viszerale Fett in die Landschaft hält, so wie das schöne Wasser, auf dem man mit dem Floß in die nächste Ortschaft stakt, nicht für die Flutkatastrophe im eigenen Dorf verantwortlich sein darf. Wälzt sich der Nappel zur Nachtzeit in schwitzigen Laken, weil die laue Luft ihn durchgaren lässt, so fällt ihm nicht auf, dass für seine älteren Verwandten das Normalwetter zur Lebensgefahr wird, nicht obwohl, sondern weil es den Normalzustand darstellt, allerdings nach dem Umschlag in die Katastrophe, die en bloc in unsere Existenz brettert, unübersehbar und präsent.

Die Rechenkapazität unter der Kalotte reicht schon für schwierigere Dinge nicht aus, wie sollte der gemeine Dumpfschlumpf dann für einfache Zusammenhänge empfänglich sein? Eine bequeme Variante des Versteckspiels besteht darin, sich die Augen ganz fest zuzuhalten, damit man selbst gar nichts tun muss und trotzdem diese ganze blöde Realität weg ist. So funktioniert die bis in politische Höhen praktizierte selektive Wahrnehmung, die Ursache und Wirkung, Problem und Lösung nicht sauber trennt, bisweilen verwechselt, aber selten in die richtige Reihenfolge bringt. Derzeit diskutiert man wieder ernsthaft über Kohleverstromung, als helfe gegen eine Alkoholvergiftung therapeutisches Saufen – die Anzeichen häufen sich, dass selbst Entscheidungsträger mit Formalbildung das Prinzip von Ursache und Wirkung aus ihrem Denken verbannt und gegen kopflosen Aktionismus ohne Rücksicht auf Verluste ersetzt haben. Es sind die Zusammenhänge; der gemeine Knalldepp ist zur Konstruktion jeglicher Art von Hirnschrott aus Halbbildung und magischem Denken bereit, wenn es ihm nur erklärt, was er eh glauben will. Logik stört da nur, komplexe Systeme wie die Natur mit multikausalen Triggern, Ping-Pong-Effekten und Kipppunkten findet er hinterhältig und schwiemelt sich vorsorglich ein Konglomerat aus Feindbildern zusammen, die sich das ausgedacht haben müssen. Der Radius dieser intellektuellen Einsichtsfähigkeit indes ist Null, und die meisten nennen es ihnen Standpunkt; mithin ein Begriff, der ihre komplette Bewegungslosigkeit umfasst.

Was wir in guten Augenblicken Zivilisation nennen, also den Versuch, einander nicht kollektiv auszurotten, wirkt inzwischen wie die Teilnahme am Darwin Award, aber auf Zeit: wer es schafft, möglichst viele zuverlässig über die Wupper zu bringen, bleibt im Gedächtnis der Menschheit, immer vorausgesetzt, diese Menschheit gibt es lange genug, um sich an irgendetwas zu erinnern. Wir haben ja bereits Schwierigkeiten, das ständig Gehörte als Teil einer Kette von Konsequenzen einzuordnen, die wir bei jeder Gelegenheit wieder verdrängen, weil es zu schwierig ist, sich der Wahrheit zu stellen. Den Preis zahlt in Gestalt einer prätraumatischen Belastungsstörung die folgende Generation, die nicht mehr leugnen kann, weil sie bereits mit der Katastrophe als Normalzustand die Bildfläche betreten hat und keinen Wandel mehr wahrnimmt. Erst wenn es den Leistungsträgern der sogenannten besseren Gesellschaft nicht mehr möglich ist, aus ihren mit röhrenden Klimaanlagen umstellten Erdlöchern zu entkommen, weil an der Außenluft ihr Blut aufkocht, werden sie ein leises Bedauern äußern. Es gilt ihnen selbst, denn wenn sie das gewusst hätten, sie wären noch barbarischer gegen die anderen vorgegangen. Aus Prinzip.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DCXVIII): Lärm

10 06 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Hin und wieder, wenn der geneigte Bürger so gar nichts Besseres zu tun hat, überlegt er kurz, ob sich der Auftritt mit einer Mistgabel in seinem Alter noch schickt, um dann mit erhobenem Krückstock plärrend am Zaun vor dem Kindergarten zu stehen, bebend in den morschen Knochen, kurz vor dem finalen Bersten des Überdruckventils, wie er seine Gehhilfe schüttelt und mit Klage droht, Klage vor einem ordentlichen Gericht. Die Zöglinge aber, die nur tun, was sie eben tun, wenn man sie nicht daran hindert, haben nur gespielt, und das mit der ihnen eigenen Geräuschentfaltung. Für Anwohner, die aus der Großstadt kommen, an der Hauptverkehrsader gelebt haben, ist diese Vorortszenerie Kriegsgrund und Rechtfertigung in einem. Wo auch immer in den überschaubaren Besiedelungen der Menschen die Knalltüten auftauchen, die die Korrelation von Randlage und Hühnerzucht intellektuell abrauchen lässt, jene unterkomplex veranlagten Klötenkönige, die neben einer dreihundert Jahre alten Kirche ihre Behausung bauen, um dann juristisch gegen das Glockengeläut vorzugehen, geht es vorherrschend um Kenntnisnahme anderer Existenzen außerhalb des eigenen Schädels, vulgo: um Lärm.

Schranzt der Nachbar mit dem Motormäher über seinen Rasen, entwickelt der durchschnittliche Dummschlumpf ad hoc Toleranzen jenseits der bisherigen Vorstellungskraft. Es hätte ja auch sein eigenes Gras sein können, er selbst der Schnitter und die Uhrzeit ähnlich ungünstig zur Mittagsruhe gelegen. Grenzfälle wie die Tischkreissäge beim Bau, gleichförmiges Tackern, Krampe um Krampe, das ist Ausdruck fleißiger Tätigkeit, wie sie nun mal zur bürgerlichen Gesellschaft gehört. Dreht jedoch der Anrainer Chopin bei geöffnetem Balkonfenster ein klein bisschen lauter, schwillt dem Popelprinzen der Kamm. Spielt er dann die Polonaise As-Dur op. 53 gar selbst, was am Konzertflügel den Einsatz des Kopfhörers unmöglich macht, wirft der Hansel seinerseits die Stalinorgel an, um dem schier völkerrechtswidrigen Treiben ein fulminantes Ende zu bereiten. Das knarzende Kreischen einer nur unzulänglich geölten Kinderschaukel hat sich längst einen Namen in der Kriminalstatistik gemacht, es steht knapp hinter dem Radau, den zwei bis drei kleine Kinder bei der Benutzung eines aufblasbaren Schwimmbeckens erzeugen. Nach Ansicht der von Recht und Gesetz getriebenen Bevölkerungsgruppe ist dieser Doppelstandard durchaus legitim, gilt er doch auch für das Heimtier: der eigene Hund ist keine lästige Schallquelle, er bellt ja bloß.

Die einfachste psychoakustische Deutung ist die, dass die meisten Bescheuerten rhythmisches Gedonner aus der Maschine oder das monotone Rauschen jenseits des Autobahnzauns als das ausblenden, was es ist: Hintergrundrauschen. Auch das schwiemelt noch genug Kortikosteroide in die Blutbahn, lähmt die Konzentration und erschwert den Schlaf. Die schädigende Wirkung von Knall und Krawall sind bekannt, sie führen über Bande nicht selten bei den Betroffenen zur Entfaltung von Geschrei und Gewummer, weil man ja sein eigenes Wort in der ohrenbetäubenden Umgebung nicht mehr versteht. Ein sich selbst organisierender, ins Destruktive hochschaukelnder Prozess führt dann dazu, dass ein vom motorisierten Brüllmüll in den Wahnsinn getriebener Hohlrabi das Kind am Zaun anpöbelt, weil es ihm zu laut atmet.

Wir verfolgen die Lärmemission nur da, wo der vermeintliche Todfeind mit Bordmitteln zur Strecke gebracht werden kann, statt gegen den Stresspegel in der Einflugschneise zivilen Ungehorsam zu üben, einer Gebietskörperschaft ein Rudel Anwälte auf den Hals zu hetzen, Scharen von Gutachtern durch die Landschaft zu schicken und damit der Ordnung mit Schmackes eins in die Kniekehle zu kloppen. Hat der gemeine Dämlack erst einmal eine ihm nicht überlegen scheinende Stelle im System entdeckt, auf die er sich mit seiner Aggressivität stürzen kann, so wird er sich in guter alter Manier aus der Opferrolle gegen alles wenden, was ihm nicht schadet, solange er es nur verbieten kann. Ist der sich Beschwerende dann seiner Meinung nach auch noch im Recht, weil die anderen bei offenem Fenster böser Musik aus Stromgitarren lauschen, kommt jene hässliche Verhaltenskomponente dazu, bei der jeder Zweck jedes Mittel heiligt. Auch hier bleibt die Kriminalstatistik nicht selten stumm.

Und so ruft vieles Streit hervor, was als lästig empfunden wird, obwohl es zwingend notwendig ist, etwa der Mensch, der früh am Morgen Schnee von den Wegen schippt, den Rechen über feuchtes und rutschiges Laub kratzt, die Tonnen an den Rand der Zufahrt rollt. Wären Schnee, Blattwerk und Kehrricht nicht entfernt, der Bescheuerte hätte erst recht einen Grund gefunden, sich aufzuplustern, damit seine Wehklage angemessen Resonanz findet im gellenden Gezänk. Und da sind wir wieder bei dem geifernden Gevatter, der vor der Kita steht und nachdrücklich seine Ruhe haben will. Ein erster Schritt in die richtige Richtung wäre es, dem Alten seinen Stock wieder in die Austrittsöffnung zu pfropfen, weil sein Geschrei den Anwohnern auf die Plomben geht. Eine sozial durchaus verträgliche Maßnahme, bei der alle aufatmen. Hörbar.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DCXIII): Die Fassadentheorie

6 05 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Šamši und Salmānu-ašarēd waren wie Brüder, mehr noch: sie waren Brüder, und damit begann das Problem. Als Vormund für den Jüngeren musste der Erstgeborene sein Geschwister gegen die damals übliche Praxis des Verwandtenmordes beschützen, die unangenehme familiäre Konstellationen schnell und unbürokratisch für die konzentrierte Machtfülle klärte. Aus politischen Gründen hatte er für die Vermählung mit der scharfen Yâba zu sorgen, die kaum über eine geistige Grundausstattung verfügte, aber ordentlich Asche und ansehnliche Kurven mit in die Ehe brachte – für den Prinzregenten eine Qual sondergleichen, da er schon der schielenden Schwester versprochen war, die Land und Sklaven hatte, Macht und Ansehen, aber nur den Charme einer Spaltaxt. Als nun Salmānu-ašarēd in Qarqar als General den Speer schwingen sollte, platzte seinem Bruder die Halsschlagader; er stellte ihn in die erste Schlachtreihe, sah seiner Zerfleischung bei einem temperierten Trunk zu und krönte sich nach drei Tagen Staatstrauer zum Alleinherrscher. So weit die Überlieferung, was der dünne Firnis der Zivilisation – so man in diesem Stadium davon sprechen darf – von unserer Triebsteuerung bremst.

Der Mensch ist, so die einschlägige Theorie, nur seine Fassade, eine hübsch verklinkerte Maskerade vor dem Hormonfeuerwerk, das auch nicht vor der Selbstzerstörung Halt macht, wenn man irgendeine Störgröße damit wegschmirgeln kann. Was uns mit kodifiziertem Recht und einer moralisch fundierten Erziehung zu mündigen Bürgern Tag für Tag davon abhält, die gesamte Menschheit über die Wupper zu schicken, ist ein fragiles Konglomerat aus Vernunft, Impulskontrolle und dem, was wir Gewissen nennen – die Angst, dass bei einem Ausbruch des Es das Ich die Zeche zahlen wird. Wie hinlänglich im Leviathan beschrieben ist er, der angebliche Herrscher der Schöpfung, sich selbst ein Wolf, wobei sich der Canide nicht ansatzweise so beschissen benimmt wie der Versager, der sich allen Ernstes für das Ebenbild jenes höheren Wesens hält, das wir verehren.

Doch nicht die Extremsituationen, in denen der Kampf um das nackte Überleben nette Nachbarn, die im Treppenhaus immer gegrüßt haben, zur reißenden Bestie macht, nicht der Weltuntergang oder die schwere narzisstische Kränkung lassen uns zu Arschgeigen mutieren, es ist der Egoismus an sich, die treibende Kraft der kräftigen Triebe, von denen jeder einzeln destruktiv genug ist, um eine ganze Gesellschaft zu zerstören. Schon die Tragik der Allmende zeigt, dass wenige Ichlinge reichen, um eine ganze Gemeinschaft zu destabilisieren. Was auch immer ein ethisches Gerüst gegen die tobende Verheerung der Selbstsucht ausrichten kann, es muss fortwährend neu ausgehandelt, neu verteidigt werden gegen die Zerstörung aus dem Inneren. Das Problem ist nicht, dass es Eigennutz gibt; das Problem ist, dass er zum moralischen Wert erhoben wurde.

Nicht erst durch die Einwirkung totalitärer und menschenverachtender Mächte schwiemeln sich die heimlich Bösen Entschuldigungen zurecht, mit denen sie als Mitläufer, Befehlsempfänger oder im großen Chor der Drecksäcke ihre Nächsten quälen wie sich selbst. Schon durch das Marktprinzip, das als Modell auf soziale Beziehungen übertragen und zur Richtschnur erfolgreichen Handelns gemacht wird, unterscheiden wir andere nach Nützlichkeit. Wir helfen, erwarten aber eine Gegenleistung. Bleibt die aus, lassen wir das aufgeschraubte Lächeln in der Westentasche verschwinden und räumen mit dem anderen auf. Noch den Trost für die Beschädigungen des Mitmenschen spendet der Egoist erst, wenn er sich im Licht seiner eigenen Großherzigkeit sonnen kann, weil das sein Ansehen entscheidend stärkt. Er wahrt sein Gesicht, auch wenn er gar keins mehr hat.

Bei Primatenforschern stieß die Fassadentheorie jüngst auf Kritik, da sich Empathie als evolutionär vorteilhaft für die Anpassung an gruppenspezifische Entwicklungen herausgestellt hat. Leider verfügen Bonobos im Gegensatz zu moralisch geschulten Arbeitnehmern, Wählern und Autofahrern nicht über den Intellekt, der es ihnen erlauben würde, zur Steigerung eines Börsenkurses den Lebensraum einer ganzen Ethnie platt zu machen, weil sie da eh nicht hinfahren würden, solange man die Rohstoffe mit dem Containerschiff nach Europa holen kann. Schimpansen sind auch nicht dafür bekannt, zur Durchsetzung ihrer politischen Ideale Arbeitslager zu errichten. Einige geistig hochstehende Arten verfügen neben der Anlage zum Humor auch über die Fähigkeit, einander anzulügen. Dass sie sich selbst belügen, und das aus strategischen Gründen, wurde bisher nicht entdeckt. Sollten sich Affen und Delfine verabreden, diesen ganzen Planeten in die Tonne zu treten, sie hätten unser Verständnis, falls sie damit den Menschen als permanenten Störer loswerden wollen. Vielleicht schaffen sie es als Meister der Kooperation ja auch, uns als einzig überflüssige Spezies abzuschaffen. Die Welt ohne Menschen wäre ein besserer Ort, nicht unbedingt ein friedlicher, aber eine perfekte Balance, in der es keine Masken bräuchte. Und keine Masken gäbe.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DCVII): Das Märchen vom sozialen Faulenzen

25 03 2022
Gernulf Olzheimer

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Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Der Frühling kam ins Land. Schon schossen im Wäldchen am Rande der westlichen Felswand die Kräuter aus dem Boden, die Ngrr und seine Leute so nötig hatten, um sich gegen die Erscheinungen des vitaminarmen Winters zu wappnen. Die Jungen bekamen ihre Körbchen, um fleißig Grünzeug zu sammeln, Snackhörnchen und Vorspeisenvögel in günstigen Momenten zu erbeuten und die Vorräte in der Sippenhöhle aufzufüllen. Doch nicht immer gab es genug. Alle waren beschäftigt, fröhlich zog die Riege von Hang zu Hang, aber mancher Korb blieb leer. Schon hatte der Älteste die Lösung und pfiff die scheinbar Müßigen an: ohne abendliches Eiweiß ab unters Bärenfell. Strafe musste sein. Viel eher war er damit dem Märchen vom sozialen Faulenzen aufgesessen.

Den angeblichen Motivationsverlust bei einer gemeinsamen Aufgabe hatte der Ringelmann-Effekt noch mit dem Tauziehen experimentell zu erklären versucht: je mehr Probanden am Seil ziehen, desto weniger Kraft wirkt tatsächlich. Schließlich wissen wir, dass Team die Abkürzung ist für ‚Toll, ein anderer macht’s‘. Aber die Sache ist, rein physikalisch betrachtet, ein sauberer Fehlschluss, in dem die Psychologie der Motivation nur am Rande eine Rolle spielt. Nicht nur ist die Zugkraft stark vom Impuls abhängig – zieht mal der eine, mal der andere, mal ein paar vorne und hinten, so lässt sich eine Kraftübertragung kaum sauber definieren – sie ist auch vom Vektor abhängig, so dass links und rechts gleichzeitig zerrende Muskelmannen sich in ihrer Stärke buchstäblich auslöschen. Ob nun einer, ein halbes oder ein ganzes Dutzend Honks an der Leine zerren, ist dabei vernachlässigbar, da sich ein linearer Leistungsabfall auf die Art nicht errechnen lässt. Die psychologische Erklärung ist also mit viel Selbstvertrauen zusammengeschwiemelt, zielt auf die Außenwirkung einer pseudowissenschaftlichen Schwindelei und ergibt eine billige Ausrede, die sich im Management nach Belieben verbraten lässt.

Denkbar ist immerhin, dass auch bei nicht rein körperlichen Anstrengungen der Hominide ohne ein klares Leistungsquantum im Gruppenprozess auf Schonbetrieb schaltet, wenn sein eigener Anteil am Ergebnis nicht identifizierbar ist – wo alle Rüben gleich auf dem großen Haufen landen, lassen sich Fleiß und Ausdauer nicht mehr vom Hintergrund der Gruppe lösen. Wir sind hier also bereits in der Selbstmotivation, die aus der positiven Bewertung der eigenen Leistung rührt, wenn nicht aus der Anerkennung durch Dritte, etwa durch kollektives und individuelles Lob, Wertschätzung und einen angemessenen Lohn für die Anstrengung, die über ein erwartbares Maß hinaus der Sache diente. Wer die Notwendigkeit für etliche Arbeitsbereiche in der aktuellen Gesellschaftssituation erkennt, darf gerne danach handeln. Theorie macht nichts besser.

Wo rohe Kräfte sinnlos walten, muss aber nicht immer der Einzelne schuld sein. Vielmehr hat die Organisation der Arbeit entscheidenden Anteil am Gelingen, da Rollen im Gruppenprozess definiert und ihre Bedeutung für das Gesamtergebnis erklärt werden müssen, weil ein Großteil der Effektivität in der Koordination liegt. Schon die empfundene Unwichtigkeit der Arbeit würgt zuverlässig jede Art von Anreiz ab, ein konstantes Niveau zu halten oder es zu steigern, und dies gilt nicht nur für sinnfreies Sandschaufeln oder Bullshit-Jobs, die auch ein gut dressierter Papagei für genügend Nüsse erledigen würde. Berufsfelder, die im öffentlichen Diskurs als höchst relevant abgefeiert und dann systematisch zum Schmuddelkindergarten tituliert werden, sind ebenso betroffen, und die Folgen lassen sich nicht auf die Arbeitnehmer abwälzen, wenngleich gerade dies reflexhaft geschieht, weil sonst die simplen Rechtfertigungsmuster nicht mehr funktionieren.

Außerhalb wirtschaftlicher Verwertbarkeit zu denken fällt Realitätsallergikern gewohnheitsmäßig schwer. Schon bei der Eigenverantwortung in der Pandemie holt sie ihre Scheuklappenroutine ein, mit der sie großspurig Ziele definieren, die für alle gemeinsam gelten sollen, die sie aber lieber der intrinsischen Motivation der Betroffenen überlassen wollen, weil eine Erklärung zu viel Arbeit machen würde. Wüsste jeder, dass die bunten Schilder am Straßenrand nicht zur ästhetischen Aufwertung der Landschaft dienen, hätten wir kein Verkehrsunfälle durch unangepasste Fahrgeschwindigkeit. Nicht nur die heilige Produktivität, auch das Überleben und die damit verbundenen Qualitätskriterien werden von der Tendenz zur Verantwortungsabgabe stark beeinflusst. So treiben wir nun auch die Gutwilligen in die soziale Nahtoderfahrung, weil wir ihre immer wieder gezeigte Kooperationsbereitschaft in die Tonne treten, da wir sie für einen nachwachsenden Rohstoff halten.

Die gegensätzlichen Annahmen der XY-Theorie, der Mensch sei entweder grundsätzlich faul oder grundsätzlich fleißig, sind nur eine selbsterfüllende Prophezeiung, die eine auf Menschen projizierte Haltung verstärkt. Sie erklären wenig und beweisen nichts, aber Hauptsache, wir haben eine einfache Steuerung für die humanoide Verfügungsmasse. Ein Knopf reicht. Wir wollen ja dem Führungspersonal nicht zu viel Umstände machen.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DCVI): Der Korrumpierungseffekt

18 03 2022
Gernulf Olzheimer

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Das musste man Uga lassen: er war ein fleißiger Pflücker von Buntbeeren, der schon in aller Frühe die Einsippenhöhle verließ und stets mit dem Korb voller Früchte zurückkehrte, während man seinen arbeitsabstinenten Schwager nur unter Androhung körperlicher Gewalt dazu bekam, seinen eigenen Müll wegzuräumen. Das temporäre Anwachsen der Population, sicher auch durch bessere Versorgung mit Vitaminen und Antioxidantien begünstigt, ließ auch den Bedarf an Pflanzenkost steigen, was aber den Faulpelz nicht dazu bewog, den tatkräftigen Verwandten zu unterstützen. Erst der Älteste sorgte für einen organisatorischen Ausgleich, indem er die Fleischportionen des phlegmatischen Dödels um ein paar Bissen aufstockte – und aus Gründen der Gerechtigkeit Ugas Anteil gleichfalls. Es kam, wie es kommen musste. Während der träge Troglodyt für etwas Eiweiß jeden Tag in die Büsche ging, lag nun Uga auf der faulen Haut, weil er einfach keinen Bock mehr hatte. Er war nicht unsozial geworden, der Korrumpierungseffekt hatte zugeschlagen.

In der Erwerbsarbeit läuft es nicht anders. Wer für die Tätigkeit, die er aus intrinsischer Motivation begann, nun mit ausreichend hohem materiellen Anreiz belohnt wird, wird diese Beschäftigung zwar beibehalten, aber eben als Job und nicht aus Berufung, so dass die Qualität seiner Arbeit nach und nach auf ein akzeptables Mindestmaß sinkt, während sie bei einem anderen Arbeitnehmer, der die gleiche Verrichtung rein des Geldes wegen auf sich nimmt, mit stumpfer Routine abläuft, die nicht einmal das limbische System aus dem Schlaf holt. Wird nun der äußere Anreiz, kurz: das Gehalt, an das sich beide gewöhnt haben, gekappt oder steigt es nicht proportional zur Belastung an, so ist der rein extrinsisch Motivierte im Vorteil, denn nur der ursprünglich aus eigenem Antrieb Tätige spürt den Verlust von Selbstwahrnehmung und -wirksamkeit, die er für ein bisschen Kohle eingetauscht hat. Es handelt sich schlicht um einen Gewöhnungseffekt, da Lohn meist als Kompensation begriffen wird – der Begriff hat es bis ins Fachdenglisch geschafft – und in Komplexstrukturen aus leistungsbezogenen Boni, Incentives und Krimskrams enden, aus denen sich der Bekloppte seinen Gehaltszettel schwiemeln kann, immer in der Hoffnung, dass der Kollege vor Neid auf Firmenkarre und Kantinenfraßzuschuss detoniert. Doch dem ist nicht so.

Ab einer gewissen Höhe setzt die natürliche Trägheit der Denkmasse ein, und sie wird bei dieser wirtschaftspsychologischen Bastelstunde mit dem Holzhammer auch die Unternehmer erwischt haben. Haben sich die flexibilitätsbekifften Erfinder von Cafeteriamodell und Zuschusshölle blenden lassen von pseudokonfuzianischen Kalendersprüchen, dass der, der sich einen Beruf sucht, den er liebt, für den Rest seines Lebens nicht mehr arbeiten müsse, so haben sie eins der so zahllos wie überflüssigen Anreizsysteme erschaffen, die ausschließlich mit Geld funktionieren und deshalb eben gar nicht. Wer sein Hobby zum Beruf macht, der ist danach sein Hobby los. Aber wer verlangt von Knalltüten mit Triller unterm Toupet, dass sie denken. Und wozu.

Die bereits ins Gehalt kalkulierte Belohnung in Form von Boni oder Gratifikationen sind nur mehr ein etwas anders lackierter Lohnteil, sie befriedigt das Bedürfnis nach Autonomie oder Anerkennung ungefähr so wie ein Lehrer, der den Klassenprimus lobt, weil er der Beste ist, und der Klasse erklärt, dass er das von ihm auch erwarte. Leider sind die Kompetenzen unter Führungskräften nur selten so ausgeprägt, dass sie sie auch anderen zugestehen, geschweige denn sie dafür anerkennen würden. Sie erwarten Wachstum von irgendwas, das dann aber kompensiert werden muss, weil sonst ihre einfache Rechnung nicht mehr aufgeht. Und so trampeln sie mit der Waffe der Bewertungsangst in einem von Konkurrenzdruck geprägten Umfeld lustig auf dem Antriebsverhalten ihrer Mitarbeiter herum.

Schließlich muss dieser logische Fehlschluss auch für einen psychologischen Kardinalfehler des Kapitalismus herhalten: die belohnungsgesteuerte Leistung ist für die Organisatoren der Ökonomie die einzig denkbare Grundlage. Nie käme ihnen in den Sinn, ein bedingungsloses Grundeinkommen wäre die Lösung, eine dauerhaft selbstwirksame intrinsische Motivation zu erhalten, die nicht mehr korrumpierbar ist durch Stimuli, die kontinuierlich erhöht werden müssen, weil das heilige Wachstum es so verlangt. Eine anreizgesteuerte Arbeitswelt wäre letztlich die fortwährende Freisetzung von Kräften, die zudem noch die Selbstermächtigung fördert, eine zusätzliche extrinsische Motivation so auszuhandeln und anzunehmen, dass sie anderen Ansporn nicht mehr zerstört. Der gemeine Mann wäre zufriedener, die Qualität seiner Arbeit nicht geringer als heute, aber er wäre nicht mehr durch ein paar Standardmechanismen zu kontrollieren. Das bereitet freigiebigen, gutherzigen Managern so richtig Kopfweh, auch wenn nur Phantomschmerz dabei auftritt. Im fahlen Glanz einer Dienstreise mit der auch privat genutzten Firmenlimousine müssen sie Lösungen finden, und sie finden Lösungen. Sie erhöhen ihre Boni, damit sie irgendwann Lösungen finden. Korrumpierbar ist schließlich jeder.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DCV): Das Thomas-Theorem

11 03 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Nicht immer können Menschen zwischen Wahn und Wirklichkeit unterscheiden, zumal nicht dann, wenn diverse Ingredienzien das Urteil erschweren: Drogen, Bewusstseinsstörungen, die Mitgliedschaft in sogenannten Glaubensgemeinschaften. Wer nun hin und wieder Stimmen in seinem Schädel hört, die sich nicht auf den Fernseher im Nebenraum, die Einflüsterungen von Aliens oder Strahlung aus dem Paralleluniversum zurückführen lassen, wird mit den dadurch verursachten Denkstörungen alleine fertig werden müssen, gegebenenfalls schlecht und kurz schlafen, sofern er aber nicht seine Wohnung verlässt, wenig in der Außenwelt ändern, es sei denn, er befindet sich im Besitz einer Schusswaffe, mit der sich derartig gelagerte Konstellationen nicht unblutig, aber rasch und grundlegend ändern lassen. Es liegt daran, dass unser betrachtetes Subjekt die Situation als wirklich definiert hat, folglich wird der Einsatz des Personenlochapparats auch immer auf die Wirklichkeit wirken – der Nachbar, dessen zu lauter TV-Konsum die Sache getriggert hatte, wird nicht im Kopf des Täters versterben, sondern im Treppenhaus. Wir haben es mit einer Konsequenz der Situationslogik zu tun.

Nicht nur die rationale Entscheidung, nach der sich ein zielgerichtetes Tun wie etwa der Kauf von Brot und Seife als notwendig empfundenes Handeln verstehen lässt, auch die nicht vernünftige Aktion wird stets aus dem Selbst begriffen: wem der Kopf friert, der wird sich eine Mütze aufsetzen, und sei es gerade Hochsommer. Man hat Homo rationalis als zurechnungsfähige Größe aus den Resten seiner Triebsteuerung zusammengeschwiemelt, immer im Zweifel, ob er nicht über Willensfreiheit verfügt; man setze ihn im Supermarkt nervtötender Musik aus und halte ihm Alkoholika vor die Nase, schon hat sich das dialektische Verhältnis dessen, was der Neoneandertaler aus freien Stücken an Unvernunft tut, wieder einigermaßen gerade gerückt.

Der Denkansatz der amerikanischen Soziologen Dorothy Swaine und William Isaac Thomas zielt zwar zunächst auf das Verhalten, also nicht nur auf die Entscheidungsfähigkeit handelsübliche Deppen unserer Verbrauchergesellschaft, und auch hier rein auf den mental eher eingedellten Anteil, aber was macht das schon. Schauen wir in der postfaktischen Epoche auf die Leistungsfähigkeit der White-Trash-Protagonisten, die aus Gründen ihr Schuhwerk nur mit Klettverschlüssen verwendungsfähig kriegen, so wundert uns nichts mehr. Wahn und Wirklichkeit verschwimmen bei den im Hohlraum einer flachen Erde Aufgewachsenen in einen Braunbrei, der auch durch regelmäßige Medikamentenausgabe nicht mehr zu korrigieren ist. Wie viel hier genetisch mit Bordmitteln versaubeutelt wurde, entzieht sich unserer Kenntnis, aber so wenig kann es nicht sein.

Wie sieht es aus, wenn man Wahn mit Ideologie erklärt und die Folgen, die die sich weit außerhalb eines sozial erwünschten Korridors der Meinungen befinden, real werden lässt? Es beginnt zunächst mit Framing, in dem die Situation umgedeutet wird, so dass Opfer Schuld haben an Diskriminierung, an Vertreibung und Hetze, an Brandsätzen, Lagerhaft oder Abschiebungen, weil ein politisches Konzept ja keinen anderen Ausweg lässt, als beispielsweise Kriegsflüchtlingen mit Gewalt zu begegnen, wenn sie von ihren Grundrechten Gebrauch machen. Die Folgen für die Gesellschaft sind real, weil die von ihnen ausgehende Gefahr – Islamisierung, Tod der als einheitlich begriffenen Volksidentität, Faulheit auf Kosten der Steuerzahler bei gleichzeitiger Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt – als wahr- statt wahnhaft gesehen wird. Auch dies ist natürlich ein rational nutzenmaximierendes Handeln, es nützt nur nicht der Gesellschaft, sondern rechtskonservativen Politikern.

Und also wird auch der normale Mitläufer, der sich von ideologisch verbrämtem Fimmel vor den Karren der Parallelweltdenker spannen lässt, zum willigen Gehilfen, der neue Fakten schafft. Gerade an dem Punkt zeigt sich die Schwäche der Theorie der rationalen Entscheidung, dass nämlich soziales Handeln immer zur unterkomplexen Beurteilung der realen Probleme neigt und sie auf kollektivem Niedrighirnniveau löst. Bekannt sind die Bilder der Menschenmassen, die Parolen plärren, für die man sie nach objektiven Maßstäben für unmündig halten und in die Obhut kräftiger junger Männer in weißen Kitteln geben sollte. Die Frage liegt hier also nicht darin, was Menschen für wirklich halten, sondern schon darin, ob sie zwischen wahr und wirklich noch unterscheiden können – oder wollen. Worauf sich die Sache durch einen Selbstbezug als rationale Entscheidung auch praktisch erledigt haben dürfte.

Und so lutschen wir uns unsere Geschichte und die gesellschaftlichen Tatbestände zurecht und sind überrascht, wenn sie nicht so funktionieren, wie wir es uns in der vermeintlichen Objektivität gedacht hatten. Schon Epiktet wusste aus stoischer Sicht der moralischen Autonomie, dass nicht Handlungen uns verstören und erschrecken, sondern Meinungen und Vermutungen über Handlungen. Wie wir ja auch meist nicht denken, sondern nur denken, dass wir dächten. Wir sollten nicht alles glauben, was wir denken. Es könnte wirklich sein.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DCII): Fredkins Paradoxon

18 02 2022
Gernulf Olzheimer

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Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die kulinarischen Möglichkeiten des Pleistozän waren überschaubar. Buntbeeren mit Mammut, Mammut an Buntbeeren, Buntbeeren-Mammut oder ähnliche Speisen waren vorherrschend, falls nicht mindestens eine Komponente ausfiel. Der Ersatz durch Säbelzahnziege oder Wollmaulwurf machte kaum einen Unterschied. Und doch waren manche Hominiden keine verfressenen Rohlinge, die das Mahl achtlos verschlangen. Nggr beispielsweise saß oft sinnend vor dem Schüsselchen und frug sich, ob er erst das gebratene Stückchen Fleisch oder die gestoßenen Beeren verzehren sollte. Hätte eine der Frauen in der Sippenhöhle zur Frühjahrsdiät wieder angeröstete Grassamen oder Froschlaichkompott aufgetischt, die Wahl wäre eindeutiger gewesen, aber jetzt, wo es kaum einen Unterschied machte, erschwerte es die Wahl beträchtlich. Willkommen in der Welt des paradoxen Handels.

Unvoreingenommen betrachtet sollte man wohl meinen, eine Wahl zwischen zwei annähernd gleichen Möglichkeiten – Apfel oder Birne, das rote oder das blaue Hemd, warme Milch oder lauwarme – stelle eine Augenblicksentscheidung dar, da sie den restlichen Verlauf der Dinge nur unwesentlich verändert, den Entschlussfreudigen in seiner ganzen Kraft geradezu herausfordere und sich sogar zum Impulsgeber für die restliche Existenz umdeuten lässt. Immerhin haben Marketingnervensägen mehr als einmal herausgefunden, dass eine übergroße Auswahl an Produkten den Verbraucher zielsicher zur Verzweiflung treiben, so dass er am Ende ohne einen Kauf wieder den Laden verlässt und sich statt an einer der dreihundert Konfitüren mit Margarine zufrieden gibt. Hätte der Händler das Sortiment auf ein vernünftiges Maß beschränkt, je sieben Sorten in drei Preislagen, der Käufer hätte nach kurzer Abwägung und nicht ohne impulsive Komponente zu Him- oder Erdbeere gegriffen.

Man mag meinen, die augenblicklich getroffene Entscheidung, wenn zwei Sorten Konfitüre auf dem Tisch stehen für nur eine Scheibe Brot, ließe sich befriedigend mit Münzwurf, Abzählreim oder Pendeln erledigen, doch wir haben nicht mit der Tücke des menschlichen Geistes gerechnet. Je weniger Alternativen existieren und je ähnlicher sie sich sind, desto mehr treiben sie den Bekloppten in die ausweglose Enge. Die falsche Frucht kann den nächsten Weltkrieg auslösen, katastrophales Karma erzeugen oder die Entropie unrettbar zerstören. Wie soll man in solchen Augenblicken ruhig bleiben?

Unterscheiden sich die Möglichkeiten allerdings signifikant – Kombi oder Sportwagen, Tee oder Schnaps, drei Wochen Karibik oder drei Tage Knast – tritt der durchschnittliche Honk in den Prozess der argumentativen Abwägung ein. Möglicherweise sind drei Tage ohne Ehegespons so attraktiv, dass er die Karibik sausen lässt, dafür kommt ihm werktags Schnaps gerade recht, um den Rest aller Fragen zu verdrängen. Ob nun Vernunft oder Unvernunft die Oberhand hat, Kopf und Bauch eine beängstigend dumme Lösung zusammenschwiemeln oder das rationale Handeln vorgetäuscht wird, damit man später etwas zu bereuen hat, irgendwann werden die Würfel gefallen sein, und dies in annehmbarer Zeit. Erst bei zwei Sorten Schnaps, einem roten Kombi oder demselben Modell in blau beginnt das Problem der Entscheidung, die ohne einen höheren Informationswert zwischen A und B herumirrt, statt endlich zu handeln.

Ganz unbemerkt gerät auch die Zeit zum Parameter der Optimierung: je länger das Zögern, desto stärker das Missverhältnis der Unwichtigkeit. Gleichzeitig wird das Verhalten selbstbezüglich, da die Kosten des Zögerns selbst den Informationswert negativ beeinflussen. Mit dem Aufstand, mit dem manchen Menschen sich zwischen Erdbeere und Pflaumenmus entscheiden, stoßen Manager ganze Unternehmen ab und gründen neue Konzerne.

So wenig, wie der Überfluss an Auswahl die Freiheit begünstigt, seien es hundert TV-Sender oder zwanzig Supermarktketten, die ihre Me-Too-Produkte unter linguistisch schwächlichen Namen zum Einheitspreis in die Regale schaufeln, wie es uns der Kapitalismus unablässig als Notwendigkeit in die Ohren heult, so wenig erleichtert die minimal gehaltene Möglichkeit unter Ausschluss der Risiken den Weg zum Seelenheil. Nicht einmal die Spieltheorie rettet uns, wenn nicht in jedem siebten Glas der Zonk wartet und für jede Sorte noch eine Konfitüre gratis verspricht. Der Mensch ist frei, und das im Rahmen seiner Möglichkeiten. Es ist gut, wenn wir dies nur im Einzelhandel merken.

Wahrscheinlich wäre ein partiell eingeführter Sozialismus nicht unbedingt die schlechteste Sache für die Handlungstheorie. In einem idealen Staat, der zumindest die Grundbedürfnisse der Menschen befriedigt und ausreichend Brotaufstrich für alle zur Verfügung stellt, ohne dass ein Wirtschaftsplan Früchte und Gläser durch Fehlallokation aneinander vorbeiproduzieren lässt, könnte mit einer Sorte die ausreichende Sättigung der werktätigen Personen sichern, wenn auch das Frühstück so erheblich eintöniger wäre. Aber der Einkauf ginge schneller. Und wir hätten wieder mehr Zeit für die wirklich wichtigen Dinge.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DC): Lösungsaversion

4 02 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Hornhyäne hatte so gut wie gewonnen. Rrt wusste genau, dass es sein Fehler war, mangelhaft abgenagte Knochen direkt vor den Eingang der Einsippenhöhle zu werfen, da dies den Aasfresser anlockte. Uneinsichtig, wie er nun einmal war, bog er sich die Fakten zurecht und erfand allerlei wirre Geschichten, in denen der laute Gesang der Kinder für das Erscheinen des Landräubers verantwortlich war, das Feuer am Höhleneingang und der Regen, den die Fauna floh. Regelmäßig kam nun das eine oder andere Tier, um Fleischreste wegzuknabbern, und Rrt musste griesgrämig zusehen, wie sich die Jugend an der wehrhaften Kreatur die eine oder andere schwere Verletzung zuzog. Der Plan, eine weit entfernte Müllgrube auszuheben, wie es der Entsorgungsbeauftragte, der Dreiviertelbruder der Drittfrau, vorgeschlagen hatte, sagte ihm nicht zu, auch die Nachtwache vor dem Höhleneingang stieß auf Desinteresse. Nur der Einfall, die Hyäne mit allerlei Lärminstrumenten nachhaltig zu vergraulen, machte ihm so viel Freude, dass er es direkt selbst in die Hand nahm. Die Sache ging gründlich schief, allein dies minderte nicht seinen Einsatz. Rrt hatte nichts gegen das Problem, wenn er nur die Lösung nicht als unangenehm empfinden musste: die klassische Lösungsaversion.

Das Phänomen ist nicht eben selten, und es tritt in vielerlei Gestalt auf. Nachhaltig sichtbar wird es vor allem da, wo bereits das Anerkennen eines Problems ein Problem darstellt: fast alle sehen das Rauchen als gesundheitsschädlich an, fast alle haben sich mit dem Ausstoß klimaschädlicher Gase so weit beschäftigt, dass sie die anthropogene Erderwärmung als Fakt akzeptieren – nicht alle. Aber auch in der Mehrheit sind hartnäckige Fälle, die jede Mitarbeit verweigern, nicht von der Fluppe lassen können und stattdessen auf Medikamente setzen, die das Krebsrisiko scheinbar verringern. Nicht wenige stricken sich aus Bordmitteln wirre Eigentheorien zurecht, nach denen der Entzug die Gefahr schwerster Erkrankungen fördert, durch den dauerhaften Einbau von Nikotin in den Hirnstoffwechsel zu frühem Siechtum führt und auch sonst den Organismus in den sicheren Tod geleitet. Es klingt sinnvoll wie eine Feuerwehr, die gar nicht erst den Brand löscht, weil sie keine Lust hat, einen Wasserschaden zu riskieren.

Die Gemengelage sieht bei gemeingefährlichen Dingen wie der Erderwärmung noch einmal eine Ecke ekliger aus, da die Bewältigung der Sache um einiges mehr Mühe braucht. Sprechen die Experten von meterhohem Meeresspiegelanstieg, gibt es mit Sicherheit sofort Einflüsterer, die eine gigantische Mauer im Ozean als Patentlösung anpreisen – nicht machbar, aber auf dem Weg dahin kann man sich halt jede Menge Kohle in die Taschen stopfen mit hastig zusammengeschwiemelten Konzepten, die in Wichtige-Männer-Clubs wohlwollend abgenickt werden, während der Verzicht auf Straßenpanzer für den Wochenendeinkauf oder das Ende der sinnlosen Kreuzfahrten auf schwimmenden Stadtteilen als Angriff auf die Menschenwürde beschossen wird. Die Renaturierung alter Moore zum Speichern von CO2 gilt als linksextremer Wahn, die Verpressung von Gas im Sandboden, hundert Mal so teuer, nicht halb so effektiv und nach ein paar Jahren im Eimer, als großer technischer Fortschritt.

Was sich hinter der Abneigung verbirgt, ist nicht selten reine Ideologie, die Windräder als Ausgeburt der Hölle wertet, Veganismus als antichristlichen Versuch, die hart arbeitenden Menschen draußen im Land um ihr verfassungsmäßig garantiertes Schnitzel zu betrügen, kurz: ein fadenscheiniges Privileg, das verlustig zu gehen droht, wenn man sich erst einmal mit Teufelszeug wie Vernunft und Argumenten infiziert. Ähnlich funktioniert die Weichbirne der gemeinen Stumpfstulle, die aus anekdotischer Evidenz milliardenfach Menschen kennt, die bereits beim Anblick einer Spritze tot mit herzinfarktbedingter Embolie umgefallen sind, und deshalb vorsichtshalber gleich die ganze Pandemie leugnet. Das rundum verdübelte Hirn muss sich ja nicht mehr mit Lösungen herumschlagen, wenn es die Schwierigkeit nicht gibt. Die Feuerwehr steht nun gleich gelangweilt vor dem Inferno und sieht kein Feuer, da sie sich an den schweren Schläuchen am Ende einen Bruch heben könnte.

So fahren wir weiterhin auf Sicht, weil die Augen immer schlechter werden und die Rückgabe des Lizenzlappens den Verlust wichtiger Freiheiten bedeuten würde. Gerade um die geht es nämlich sogenannten Bürgerlichen, die selbstredend auch hier ein Opfernarrativ vorgreinen müssen, um auf die beiden essentiellen Bestandteile ihres Lebens zu verweisen: Privilegien und Ideologie, beides in eine undefinierbare Masse verquast, unantastbar in Aussehen, Tradition und Geruch. Immerhin haben sie die Freude, dass wir sie nolens volens dabei unterstützen, denn was sonst sollen sie denken, wenn wir gegen unseren Willen die Entwicklung der Gesellschaft drangeben als Geiseln asozialer Dummheit. Natürlich gäbe es eine Lösung für dies Problem. Ob sich das mit den Menschenrechten vertrüge, liegt immer im Auge des Betrachters.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXCIX): Ordnungsfanatiker

28 01 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Bei Uga war es noch verhältnismäßig einfach. Die Sommerbekleidung lag auf einem Stapel, wenn gerade Winterfell getragen wurden, und umgekehrt. Daneben lehnten Jagd- und Verteidigungswaffen an der Wand der Einsippenhöhle, griffbereit und grob nach Größe geordnet. Das Feuer in der Mitte des Raums war leicht zu erkennen, wer versehentlich hineintrat, verbrannte sich die Füße oder bekam die Faust des Sippenältesten in die Schädelvorderseite. Auch das ästhetische Empfinden des Hominiden hatte schon Einzug gehalten in den Alltag, der von allerlei Talismanen geprägt wurde, Felsmalerei und direkt ins Massiv gekratzten Werken. Doch war die Habe des Jägers und Sammlers gering, da ganz auf den Augenblick bezogen, so war auch seine Anlage beschränkt, den Krempel säuberlich an einem Platz zu lagern, an dem auch Zufallsgäste mühelos zu Speer und Stein greifen konnten, da ihre Behausung einer offiziellen Norm entsprach. Jene Zeit mag wohl einen rustikalen Charme gehabt haben, den der postmoderne Minimalismus nicht annähernd zu versprühen weiß, doch hatten die Troglodyten im Bärenoutfit es nicht nur schlechter. Sie hatten keine Last mit Ordnungsfanatikern.

Mit Mühe schlägt man heute eine Zeitschrift auf, aus der nicht sofort der kategorische Imperativ der Räumfahrt plärrt: style Deine Zwei-Zimmer-Kochnische-Nasszelle-Bude gefälligst so durch, dass jederzeit ein kamerabewehrtes Kommando die Tür eintreten und bis in die Kloschüssel filmen kann, dass hier ein willfähriges Opfer des rechten Winkels vegetiert, das mit der Wumme im Nacken auf Zuruf sofort ein Kleidungsstück aus der Box zerren kann, die tagsüber unters Sofa geschwiemelt göttliche Leere im Salon vorgaukelt. Dazu sucht der Coach, ohne den es nicht geht, sich zwei bis zehn Teile raus, rollt sie gewaltsam zusammen, pfercht sie in einen schuhkartonösen Behälter und schmeißt den Rest weg, weil er nicht genug Liebe, Frieden und Adrenalin verbreitet. Das rosa Lieblingshemd – ab in den Container, ein voller Kleiderschrank wäre vulgär. Wie man früher Berge von Klamotten in die absonderlichsten Kisten nudelte, da sie so billig auf dem Grabbeltisch aussahen, das ist nun Geschichte.

Schon ballert die Domina der Inneneinrichtung mit dem Laubbläser den Schreibtisch frei, endlich kein Papier mehr, keine Rechnung, keine Notiz, stets mit der Plattitüde im Anschlag, dass ein dem Chaos verfallenes Möbel den geistigen Zustand des Besitzers widerspiegele. Was nun ein leerer Tisch zu bedeuten hat, kommt nicht zur Sprache, ist aber auch besser so, sonst würde die Verdeppung nicht annähernd perfekt funktionieren.

Wie der Schlank-Schön-Fit-Trieb entspringt der Wegräumstuss genau dem Optimierungswahn, der den Menschen zum willfährigen Bestandteil eines ökonomisch ausnutzbaren Räderwerks macht und ihm in der sklavischen Bejahung eines Trends zur inneren Bedürfnislosigkeit vorgaukelt, alles sei gut, wenn er nur genügend normgerecht an die Spitze der Zwangserkrankten vorstieße. Die Clean-Desk-Policy, die der Unterhaltsreinigungskraft erleichtern soll, Kunststoffflächen zu säubern, ohne über ihr zu eng gestricktes Zeitmanagement zu stolpern, bringt in der häuslichen Umgebung gerade mal gar nichts, gibt aber das gute Gefühl, nicht gegen eine goldene Regel verstoßen zu haben. Wie Nikotin das ZNS mit der Brechstange entert, um durch etwas weniger Suchtdruck anflutende Freiheit vorzugaukeln, fühlt sich der durchschnittliche Dummklumpen spontan wie unter Tranquilizern, dass er dem Gruppendruck mit artiger Hysterie nachgegeben hat.

Keiner redet von den Menschen, die aus dem Festmeter Fernsehzeitschriften KW 21/72 zuppeln könnten, wären sie spontan unsicher, in welcher Scherzreihenfolge die Witzseite auf Seite 13 liefe. Wer aber kein Freudengeheul beim Sockensortieren empfindet, keine Angstzustände bei einer Batterie von Essigflaschen auf der Küchenanrichte, die nicht dem State-of-the-art-Foto eines elitären Magazins für Penthäuser entsprechen, in denen nicht einmal Wasser anbrennt, wird die in der Dünkelkammer zu Hochglanz gekasperten Scheinentwürfe des guten Lebens nicht verstehen, mit denen uns die, ähäm, Oberschicht ermuntert, so zu leben wie sie selbst. Man entledigt sich des Nötigsten und nennt den Minimalismus Gewinn, um ihn nach knapp und kurzfristig eingenommener Kohle wieder durch Konsum zu ersetzen. Häuser und Automobile, Gold und Schmuck hat man der Mittelschicht schon mit fadenscheinigem Getrickse abgeluchst, damit sich die Umverteilung nach oben freiwillig anfühlt, das Surrogat eines dünn fabulierten Vernunftlebens ist die letzte Stufe der Instinkt-Dressur-Verschränkung, mit der die leistungslose Klasse ihre Ernährer zu täuschen versucht. Die Pathologisierung des ganz normalen Verhaltens, wo es nur dem Einzelnen nützt und nicht dem Produktionsprozess, ist uns aus dem Mutterland des Turbokapitalismus längst vertraut. Vielleicht sollen wir die Leistungsträger verfolgen, wenn sie ihre Luxusuhren nicht jeden Abend wieder bündig in die Schublade legen. So ein Aufenthalt in der Psychiatrie zwecks korrektem Verhalten hat doch noch jeden auf den Pfad der Tugend geführt. Notfalls mit Gewalt.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXCI): Verantwortungsdiffusion

19 11 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Im achten Jahrhundert war’s, die englische Landschaft besaß noch ihren anfänglichen Charme – man durfte schon damals nicht viel erwarten – und die Gastronomie war nur wenig schlechter als der Rest der Umgebung. Pippin der Mittlere hatte seinen beiden Außendienstmitarbeitern Suitbert und Willibrord die Adresse eines passablen Gasthofs in Camulodunum mit auf den Weg gegeben, wo diese nun auf in schwimmendem Fett gebratene Rüben warteten, wie es dort Sitte ist. Irgendein Scherge hatte die Bestellung aufgenommen, Bier mäßiger Qualität wurde vom Mundschenk gereicht, doch das Mahl ließ und ließ auf sich warten. Irgendwann wurde es einer der Missionsfachkräfte zu bunt, er sprach den Burschen an, der sich so prompt wie knapp aus der Affäre zog: dies, sagte der Aufwärter, sei nicht sein Tisch. Die beiden verpassten ihm unter Zuhilfenahme des Schlagrings eine fröhliche Auferstehung, wie in besseren Editionen der Gesta Romanorum noch heute zu lesen ist, als Beispiel für die frühe, schon seinerzeit unsinnige Anwendung der Verantwortungsdiffusion und wohin sie führt.

Auch ohne verwaltete Welt ist das Phänomen schnell erklärt: um eine vernünftige Handlung auf Grundlage unstrittiger Gesetze auszuführen, bedarf es einiger Personen, die dieses entschlossen und im Rahmen ihrer Befugnis tun, Ermessensspielräume eingerechnet, Sachzwänge ebenso, aber eben nicht im Vordergrund. Was aber die Zuständigkeit einer verbeamteten Kaste angeht, die sich jede Haftung mit der Übernahme des Postens verbittet, so haben wir uns längst in einen schallschluckenden Korridor begeben, in dem auch schriftliche Anweisungen das Halbdunkel der Befehlskette nicht mehr verlassen. Es liegt eine Notwendigkeit vor, die ad hoc aus der uns bekannten Welt geschafft werden muss, Flut oder Vulkanausbruch, und es bedarf offensichtlich eines Erdbebens, bis einer der Entscheidungsträger aufwacht, um seinen verschissenen Job zu machen.

Geradezu spieltheoretisch lässt sich auch die Aufgabenverteilung in der Organisation kleiner Gruppen erklären, in der vier bis sieben Grützköpfe gemächlich zuschauen, wie das Wasser bis kurz unter die Zimmerdecke steigt, bis sich einer findet, der den Stöpsel zieht – nicht der, der gut taucht, aber er hat nicht die größte Lust, mit den anderen abzusaufen. Die anderen paddeln derweil umher, stets einen klugen Kommentar auf den Lippen, dass sie es schneller und besser gekonnt hätten, eher sowieso, wenn man sie nur nicht durch kollektive Passivität an ihrer kollektiven Passivität gehindert hätte. Nicht umsonst ist das Wort Team längst in Verruf, nur Akronym zu sein für: Toll, ein anderer macht’s. Mit dieser gezielt kontrasozialen Haltung ließen sich ganze Staaten, ja Menschheiten in die Grütze reiten, wenn irgendwo zufällig eine Pandemie um die Ecke linst oder das Klima sich entschlossen hat, ohne diese degenerierten Primaten weiterzumachen.

Natürlich geht im großen Maßstab gewählter Kippfiguren der auf milchmädcheneske Strukturen zurechtgeschwiemelte Plan noch viel besser auf; bevor Passierschein A38 abgestempelt wird, muss der Widerstand der gesamten Materie überwunden werden, der sich gegen die eigenen Vorschriften sträubt. Sonst können auch die Mächtigsten gar nichts tun. Läuft es richtig gut, verstecken sie sich dafür hinter ihrer Verantwortung, die sie gar nicht erst übernehmen, und es geschieht genau nichts. Das muss dann politisch erklärt oder entschuldigt werden, notfalls haben die anderen es verhindert, aber hier sind wir auf Nebenkriegschauplätzen. Die gefühlte Schuld wird durch die große Zahl an Teilnehmenden dividiert immer geringer und damit unfühlbar. Da wir ohnehin nicht mehr in der Lage sind, eigenes Fehlverhalten einzugestehen, erst recht nicht in Machtpositionen, driften Verleugnen und Verdrängen in eine realitätsallergische Form von Selbstrechtfertigung, die mittlerweile als fester Bestandteil der Politikerpsyche vorausgesetzt wird.

Irgendwann nehmen wir diesen Unfall, den das gesellschaftliche Leben darstellt, nur noch wahr wie einen zufälligen Zusammenstoß, um den man sich auf der Straße schart, ein paar Leute gaffen, manche haben aus Prinzip die Hände in den Hosentaschen, und alle wissen: das wird böse enden. Jeder würde etwas tun, sobald ein anderer vor ihm anfängt. Es ist der einzige Moment, in dem die sonst abhanden gekommene Impulskontrolle einwandfrei klappt, weil sich die Zuschauer beim Zuschauen zuschauen und gar nicht genug bekommen von ihrer Ignoranz. Natürlich lehnen wir diese Einfaltspinselei ab, sind aber von der eigenen Unschuld überzeugt, da auch die anderen sich nicht bewegen. Das ganze System gleicht einem Verantwortungsmikado, das weder Fehler noch Schwächen, nicht einmal ein normales Verantwortungsbewusstsein duldet, schon gar nicht, wenn die Rollen der Verantwortungsträger längst mit intellektabstinenten Quotenwürstchen besetzt sind, die man ab Werk unzurechnungsfähig gekauft hat und von denen man eine Reflexion ihres Tuns nie erwartet hat. Die Welt wird komplexer, die wir uns selbst geschaffen haben, und es genügt, wenn jemand daran schuld ist. Er muss ja nichts damit zu tun haben. Hauptsache, alles bleibt, wie es ist.