Gernulf Olzheimer kommentiert (LXXX): Polittalkshows

29 10 2010
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Sonne sinkt. Zwei bis drei Kleingebinde Bier hat sich der Durchschnittsdussel schon in die Birne geziegelt, die Lider fallen in Schlafstellung, da kündigt der Glotzkasten jäh die Apokalypse an: der Untergang des Abendlandes steht unmittelbar bevor, die Menschheit schmilzt ab, die Polkappen kriegen kein Abitur auf die Reihe, die Migranten migrieren in die Migräne, das Gesundheitssystem hat zu wenig Stasi und der Sozialstaat ist auch nicht mehr das, was er nie war. Überfallartig rauscht der Schmadder auf die Hirnrinde, klöppelt Pflöcke in den weichen Wabber und versenkt Elektroden, wo die Schmerzreize von Florian Hinterseer und den Jacob Sisters Brandspuren hinterlassen haben. Dem Polittalk, der letzten zivilisatorischen Annäherung an alttestamentarische Körperstrafen, entkommt man nicht ohne Gefahren für Leib und Leben.

Blutleere Blitzbirnen, Illner, Plasberg und Will, werden aus flüssigem Stickstoff gepfriemelt, um die Sprechbewegungen ihrer Quasselstrippenzieher synchron nachzuturnen. Egal, wie das Thema auch lautet, ob Politik- oder Staatsverdrossenheit, ob Sozen auf die Wirtschaft schimpfen, die Wirtschaft über Sozen meckert oder beide über den maßlosen Bürger, der auch noch frech Lohn fordert, wo er doch schon so einen schönen Leiharbeitsplatz hat, es sind immer dieselben ausgekauten Schlauben, nichts Neues unter der Höhensonne. In der Not werden der Kadaver der Sujetunion ausgebuddelt, die Aufreger des ansonsten unbehelligt rotierenden Planeten zum trötenden Popanz aufgepumpt oder schlicht die Gesprächswünsche der Dauergäste zum Leitmotiv des Abends hochgestapelt.

Denn auch die Schar der Redeflüssigen ist von zyklischer Wiederkehr geprägt; immer dieselben Fressen aus Politik, Kommerz und Psychiatrie speicheln ihren argumentativen Dünnschleim in den intellektuellen Fußraum, lauter Apostelkohlrabi und Propheseierköpfe, wie sie PR-Brechkübelverleiher im magenerweiternden Sechserpack anbieten, stets denselben Parteien, Verbänden, Gewerkschaften, Lobby- und Selbsthilfegruppen entlaufen, die mit nie nachlassender Stumpfheit ihre Zementdenke in die Fauna kleckern, Platitüdenbingo nach Art des Hauses, um innerhalb von einer Stunde auch ja alle Vorurteile vom Stapel zu lassen, die der Stammtisch braucht: die Welt ist aus Neid gegen Deutschland, die Neger nehmen uns die Frauen weg, die Türken die Arbeitsplätze, deshalb sind die Arbeitslosen auch selbst schuld, und die Steuern müssen runter.

Längst schon kommt es nicht mehr darauf an, wer den Seich in die Kamera kippt – irgendein Neoliberallala, der alle drei Tage an anderer Stelle seine soziokulturelle Schwerstbehinderung unter Beweis stellen muss, unpopuläre Landesminister, die sich mit schräg gehäkelten Metaphern durch den nächsten Wahlkampf drücken, oder Richard David Precht, der mit der Nummer „Habe ich Argumente, und wenn nicht, wie viele“ von einem Sender in den nächsten tingelt und den Sozialphilosophen der Dieter-Bohlen-Klasse gibt – denn alles das ist nur als scheinheilig zurechtgeschwiemelte Pseudo-Diskussion gedacht, hastig austauschbare Phrasen und heißgeklebtes Gefasel zwischen Ballerformaten mit werksseitig blondierten Bumsköppen. Keine Frage wird hier gestellt, um Antwort zu finden, im Gegenteil: minutiös choreografiertes Geeier um den springenden Punkt gaukelt dem Bescheuerten im Fernsehsessel vor, es handle sich um ernsthafte Versuche, der Wahrheit einen Millimeter näher zu kommen, statt schreiend vor der Aufklärung wegzurennen. Die Lager wollen festgeschrieben sein, jede Sendung ein Kotau vor dem Denkverbot, jeglicher Einsatz der Vernunft gegen die Torheit wird durch die Seligsprechung der Lernresistenz abgebrezelt. Richtungsänderungen? Nicht mit uns, da sei unsere Leitplanke vor.

Als Widerlinge unter den Schweinheiligen geben sich soi-disant unabhängige Experten die Ehre, unabhängig vor allem von allseits bekannten Mitgliedschaften in Instituten, Organisationen und Seilschaften, allesamt so objektiv wie der Papst in einer Debatte über Schwangerschaftsabbruch. Das rülpst nicht aus reiner Erkenntnis seine Ideologeme in die Manege, das tönt nicht umsonst im Chor mit den Kollateralmaden der Parteizentralen, dass der Deutsche an sich überbezahlt sei, der Muselman ein Ballast der Republik und das korrupte Pack in den Bankvorständen ein Kränzchen duftender Jungfern. Es geht nicht um Erkenntnisgewinn, wo dieser Klüngel seine Fazialis- und sonstigen Lähmungen ins Licht hängen lässt, schon gar nicht geht es um schichtübergreifende Kommunikation, sondern um die Verewigung des bleibenden Kadavergestanks im nationalen Riechepithel: Politikverdrossenheit, Bildungsabbau, Obrigkeitshörigkeit und alle jene Formen von Dummheit, die Gemeinwesen und Gemeinsinn nivellieren, werden angefüttert und großgezogen, damit man sie als Geschwüre der jeweiligen Aktualität anprangern kann. Denn die Show muss weitergehen, Woche für Woche, zu Tode amüsiert von Markt-Schreiern, Quotengräbern und speichelleckeren Aasfressern, Blödmachern für die Blödzeitung, die Schrottpresse als Papiergestalt der Volksverdummer.