Schicht im Schacht

10 08 2009

Berlin war nicht zu beneiden. Der Augusthimmel drückte seine übergroße Staublast hinab in die Straßenschluchten. Träg dümpelte die Spree zwischen Ost und West. Das versprochene Tief drehte unentschlossen über der See, Gewitter waren seit Tagen angekündigt und wollten einfach nicht losbrechen. Es war unerträglich heiß und drückend. Einen klaren Gedanken konnte schon lange keiner mehr fassen.

Der Kandidat war der erste Patient, der leichte Symptome eines Sonnenstichs zeigte. Knapp drei Dutzend Unentwegte hatten sich durch die Schwüle gekämpft, waren nach Charlottenburg gekommen, um Frank-Walter Steinmeier bei einem seiner frühen Wahlkampfauftritte zu sehen und harrten nun in der Hitze. Der Außenminister ging gefasst auf die Bühne, trat vor das bereits offene Mikrofon und starrte abwesend in die recht überschaubare Menschenmenge. „Wer bin ich“, murmelte er, „und was mache ich hier eigentlich?“

Während die rasch hinzugezogenen Neurologen Entwarnung gaben und eine milde Stressreaktion diagnostizierten, hatte Angela Merkel einen viel schlimmeren Hieb abbekommen. Sie musste einen Filmriss erlitten haben. Als das Expertengremium sie mit letzten Erkenntnissen aus der Schachtanlage Asse konfrontierte, setzte ihr Erinnerungsvermögen vollständig aus. Sie besann sich gerade noch darauf, dass sie die Kanzlerin war und eine Vergangenheit als FDJ-Propagandistin hinter sich hatte.

Natürlich kümmerte man sich zunächst um die wichtigsten Fragen; der Wahlkampf um die bruchlose Kontinuität der Parteilinie hatte höhere Priorität als Regierungs- und Parlamentsarbeit. Unermüdlich beobachteten die Ärzte die Kanzlerin, um in ihre geistige Verdunkelung vorzudringen. Hatte sie angesichts der Lage – mehr als das Doppelte der bisher dokumentierten Menge an Plutonium war im Forschungsbergwerk bei Wolfenbüttel gelagert worden – den Überblick verloren? Die öffentliche Stellungnahme zum Atommüllskandal stand auf Messers Schneide. Würde man Merkel auf die Presse loslassen können, ohne dass jemand Verdacht schöpfte? Der Chefarzt empfahl kalte Kompressen und Eisbeutel.

Nachdem man der CDU-Anführerin eine grobe Zusammenfassung der wichtigsten Fakten gegeben hatte – inzwischen hatte sie begriffen, dass Niedersachsen zu den deutschen Bundesländern gehört – geleitete man sie vor die Reporter. Es sollte eine schwere Prüfung werden, denn gleich zu Beginn wurde Merkel mit einem Schreiben des Bundesamtes für Strahlenschutz konfrontiert, aus dem eindeutig hervorging, dass der Salzschacht im Absaufen begriffen sei. „Dafür bin ich gar nicht zuständig“, plapperte der Sprechblasenautomat, „das ist Sache des Bundesumweltministeriums.“ Der Brief sagte eindeutig aus, dass die gemessene Strahlenbelastung erheblich über den zulässigen Grenzwerten liege. „Das muss der Umweltminister wissen!“ Der Zufluss an Salzlauge auf 10 Kubikmeter pro Tag gefährdete die Sicherheit erheblich, eine Katastrophe war zu erwarten. Käme das radioaktiv verseuchte Wasser an die Oberfläche, so würde der Dosisgrenzwert um ein Hundertfaches überschritten. Eine tickende Zeitbombe. „Ich bin aber nicht die Umweltministerin!“

Es hatte alles keinen Sinn. Man führte Merkel in einen abgedunkelten Raum und bettete sie auf eine Liege. Der Chefarzt maß Puls und Blutdruck, beäugte die Pupillen der Christdemokratin und nahm ihr ein bisschen Blut ab. Dann versuchte man es mit einer Schocktherapie. Der Psychiater hielt ihr Bilder vor: Helmut Kohl, der Mauerfall, Aufnahmen des Bundesumweltministeriums von 1996. Keine Reaktion. Nichts. Alles weg, ordnungsgemäß entsorgt, den Langzeitspeicher sauber geschreddert, alle Hirnzellen geleert und nass durchgewischt. Schicht im Schacht.

In der Zwischenzeit hatte der Ministerdarsteller im Wirtschaftsressort alle Hände voll zu tun, um die hitzebedingten Aussetzer von Guido Westerwelle in den Griff zu bekommen – und umgekehrt. Während der eine neoliberale Anzugträger vollmundig Steuersenkungen in nie geahnter Höhe ankündigte, betonte der andere, diese seien ausdrücklich nur für Spitzenverdiener vorgesehen. Ab und zu vertauschten sie ihre Rollen. Ein kaltes Sitzbad half, die beiden wieder unter Kontrolle zu kriegen.

War die Kanzlerin nachts noch von Fieber geschüttelt worden, so erholte sie sich am frühen Vormittag des kommenden Tages binnen Stunden. Der Genuss von viel ungesüßtem Tee und die aktuellen Wahlprognosen der SPD brachten sie nach und nach wieder auf die Beine. Die Mediziner waren sichtlich zufrieden mit ihr. „Machen Sie einfach weiter wie bisher“, riet der Chefarzt, „lassen Sie sich nichts anmerken. Bis jetzt weiß keiner, dass Sie einen Blackout hatten. Wenn wir alle dichthalten, wird es nie jemand erfahren.“ Und so schritt Angela Merkel im Kanzleramt vor die wartenden Greenpeace-Delegation. Sie klopfte kurz ans Mikrofon und gab ihre Regierungserklärung zu dem seit 1967 als undicht bekannten Salzschacht ab. „Liebe Bundesbürgerinnen und Bundesbürger. Der Aufschwung ist da. Wir können im nächsten Jahr die Vollbeschäftigung schaffen.“