Zappenduster

24 08 2011

„Willkommen in der Hauptstadt!“ Schnöseke leierte mir die Hand aus. „Willkommen in Berlin, wir sind sehr gespannt, wie Sie uns beraten werden.“ „Ich hätte es wissen sollen“, gab ich lakonisch zurück, „Sie haben keine Ahnung, was Sie erwartet.“ „Wie auch“, sagte der Kriminalbeamte und zuckte mit den Schultern. Für den Leiter einer Landesbehörde für Hellseherei war das in der Tat etwas mager.

„Kalifornien ist das schon recht weit voran“, informierte mich die Abteilungsleiterin. „Wenn Sie sich die Statistik anschauen, werden Sie feststellen, dass die Verbrechen mit einer enormen Genauigkeit vorhergesagt werden können. Aber das reicht natürlich nicht.“ Die Aufzeichnungen zeigten, dass Randgruppen erheblich eher verdächtig erschienen. „Das wird hier noch verfeinert. Sollten wir ein paar genauere Informationen in die Finger bekommen, werden wir auch über personenbezogene Daten verfügen.“ Ich runzelte die Stirn; die Leiterin fuhr ungehindert fort. „Beispielsweise Wohnorte von Verurteilten, denn wir wissen ja, dass einmal straffällig gewordene Menschen sich nicht wieder in die Gesellschaft einfügen können.“ „Sie meinen nicht, dass es an der offensiven Beobachtung hängt?“ Sie ignorierte meine Bemerkung. „Wir könnten damit auch Personen beobachten, gegen die sowieso Ermittlungen laufen.“ Schnöseke beeilte sich, ihr zu widersprechen. „Natürlich haben wir Abstand genommen, die lokalen Statistiken in die Ermittlungen einzubeziehen. Wir wollen gar nicht wissen, ob Sie eventuell arbeitslos sind.“ Die Abteilungsleiterin nickte. „Vollkommen irrelevant. Das erfahren wir aus Ihrem Einkommen und Ihrer Anschrift.“

Schnöseke klatschte eine Akte auf den Tisch. „Der Grund, warum diese Abteilung gegründet wurde.“ Der Stuttgarter Gymnasiallehrer Herbert Gscheiterle hatte demnach einen Anschlag auf die Gemeindeverwaltung geplant; tonnenweise solle er Kies in seiner Garage gehortet, sogar seinen Benz verkauft haben, um sich ein Fahrrad zuzulegen. Der Mann schien höchst verdächtig und wurde mit dem gewünschten Ergebnis überwacht. Telefonate und Briefpost waren eindeutig, das Landeskriminalamt wies auf ein Dutzend Dossiers hin und verfügte die Stürmung seines Anwesens und setzte halb Gaisburg in Marsch. Ich war beeindruckt. „Die Sache hatte nur einen Schönheitsfehler“, unterbrach mich Schnöseke trocken. „Gscheiterle ist seit 1966 ohne Nachkommen verstorben.“

Das Zimmerchen war mit schwarzem Stoff ausgeschlagen, alle Fenster komplett vernagelt – zappenduster. „Man müsste Ihre Hellseher hier eigentlich leuchten sehen“, kalauerte ich. Drei Mann saßen um den Tisch herum, im Kerzenschein bedienten sie das übliche Instrumentarium, Holzbrettchen und Glaskugeln. „Leise“, flüsterte Schnöseke, „vielleicht fangen sie gerade einen Schwerverbrecher.“ „Und welche Qualifikationen bringen Ihre Leute nun mit?“ „Der hier“, wisperte er, „war früher einmal bei der FDP, die sind ja Hirngespinste gewohnt – dieser war Geisterseher beim Geheimdienst, und der da hat in der Abteilung Hellseherei gearbeitet.“ „Eine Hellseherabteilung?“ Schnöseke beruhigte mich. „Natürlich nicht hier, er war als Investmentbanker an der Börse beschäftigt, bis die Kursentwicklung für ihn zu gespenstisch wurde.“ Gemurmel zog durch den Raum; schaurig flackerten die Kerzen, denn ordentlich gedämmte Fenster konnte sich die Behöre nicht leisten.

„Wedding“, stammelte der Hellseher in tiefster Versenkung, „Friedrich-Krause-Ufer!“ „Schnell“, keuchte Schnöseke, „das könnte eine Straftat sein! Wir müssen sofort eine Hundertschaft dorthin schicken!“ Ich hielt ihn zurück. „Sie wissen doch noch nicht einmal, wer dort was macht?“ „Müssen wir auch nicht“, wandte er ein. „Die Hauptsache ist, wir haben etwas, was wie ein Tatort aussieht. Den Verbrecher brauchen wir nicht, das ist auch in der normalen Polizeiarbeit so – wir finden ihn später.“

Schon lief die Ermittlungsmaschinerie an; Befehle wurden in Telefone gebrüllt, Horden von Polizisten waren plötzlich unterwegs, ohne genau zu wissen, was sie eigentlich suchten. „Immerhin erstaunlich, dass Sie sich auf eine Methode wie die Hellseherei verlassen.“ Schnöseke blickte mich verständnislos an. „Was stört Sie daran? Als Arbeitsloser können Sie sich auf Kosten des Steuerzahlers zum Astrologen weiterbilden lassen, Krankenkassen zahlen homöopathischen Hokuspokus, ein Sektenführer darf wie ein demokratisch gewähltes Staatsoberhaupt vor dem Parlament sprechen – warum sollten wir dann nicht auch Kabbala und Kartenlegen praktizieren, um uns vor Brandanschlägen zu schützen? Der Zweck heiligt die Mittel.“

Die Tür schloss sich hinter uns. Schnöseke drückte den Knopf; langsam sirrte der Fahrstuhl herab. „Sagen Sie“, begann ich, „da Sie nun so gar kein Beweismaterial für eine Straftat haben, wie verurteilen Sie denn nun die mutmaßlichen Täter?“ Er lächelte überlegen. „Man merkt, dass Sie kein Jurist sind, oder aber einer von denen, die nicht viel mit der üblichen Praxis zu tun haben. Der Vorsatz, möglicherweise sogar für ein ehrenhaftes Motiv, ist immer schon strafbar – auch dann, wenn ein Täter gar nicht unbedingt ein Unrecht zu begehen glaubt, ist er schon für die Tat zu bestrafen. Versuchen Sie gar nicht erst, mich vom Gegenteil zu überzeugen. Es wird Ihnen doch nicht glücken.“

Abgekämpft ließ sich Schnöseke an meinem Tisch nieder. „Sie hatten Recht“, sagte er kleinlaut. „Es ging schief. Unsere Vorhersager haben vorhergesagt, dass in unserem Amt etwas passieren müsste. Ich konnte nichts machen.“ „Sehr gut“, lobte ich, „Ihre Methode hat mich überzeugt. Jetzt bräuchten Sie nur noch ein paar Hellseher, die Ihre Hellseher überwachen. Und ein paar Hellseher für die, die – na, Sie wissen schon.“





Im Glashaus

26 05 2009

„Sie wissen, warum Sie hier sind?“ Die Stimme des Vernehmungsbeamten klang nicht so, als stellte er eine Frage. Düster starrte er auf mich. Die Schreibtischlampe blendete. Wie in einem dieser ganz billigen Kriminalfilme, deren Ende absehbar ist, wenn man den Anfang verpasst hat.

Er blätterte in den Akten. „Dann will ich Ihrem Gedächtnis mal auf die Sprünge helfen. Wo waren Sie am 1. Mai kurz nach Mitternacht?“ Ich sagte der Wahrheit entsprechend, auf der Maifeier von Husenkirchens gewesen zu sein. „Zeugen? Können Sie übrigens vergessen, die Frage war rhetorisch.“ Ich war irritiert. Schließlich konnte ich für den besagten Zeitraum gut drei Dutzend bringen. Bei Staatsanwalt Husenkirchen ist immer etwas los. Die Weine sind trinkbar, der Käse alt, doch die Gäste kommen gerne wieder. Beizmenne hatte ich nach dem Genuss von zu viel Waldmeisterbowle dezent ins Gästeklo bugsiert, wo schon Moeding über der Schüssel hing und Flaschenbier in die Kanalisation lachte. Ein illustrer Kreis. „Und das soll ich Ihnen glauben? Sie waren bis gestern in Kairo. Leugnen Sie doch nicht, das macht Ihre Lage nicht besser.“ Ob ich mich getäuscht hatte? Immerhin saß ich seit drei Tagen in dieser kleinen Zelle, aber wenn er sagte, dass ich in Kairo gewesen sei, dann muss ich wohl in Kairo gewesen sein.

„Wobei ich mal wissen möchte, wie Sie sich das leisten.“ Wie ich mir was leiste? „Zwei, drei… fünf Flüge nach Kairo und zurück. Nein, vier Flüge. Einer ging über Köln nach New York. Ganz schön kostspielig für jemanden, der offiziell von Hartz IV lebt. Na, das kriegen wir noch raus.“ Ich begehrte auf. Hatte er nicht eine Einkommenssteuererklärung in den Akten? Es kümmerte ihn nicht weiter. Er bellte mich unvermittelt an. „Los, raus mit der Sprache! Wer finanziert Ihnen die Flüge? So viel bringt es doch nicht, wenn man einen sieben Jahre alten Kleinwagen mit Unfallschaden an der Frontschürze verkauft!“ Wovon sprach der Mann da eigentlich? Ich hatte nie im Leben einen Kleinwagen besessen. „Unfallschaden nach einem nicht verschuldeten Auffahrunfall in Oberursel. Waren Sie da nicht alkoholisiert?“ Ich protestierte heftig. In meinem ganzen Leben war ich nicht im Hochtaunuskreis gewesen, die einzige Oberursel, die ich kannte, verursachte mir gerade Brechreiz.

„Also hat sich Ihr Gesundheitszustand seitdem nicht verbessert. Hätte man sich ja denken können.“ Jetzt wurde es mir zu bunt. „Was reden Sie hier für einen Unfug? Sind Sie eigentlich noch ganz dicht?“ Er verlor nicht die Beherrschung – das überraschte mich dann doch. Er sah mir nur scharf ins Auge und tippte mit dem Finger auf ein Aktenblatt. „Zwei Entziehungskuren. Eine mit 21, eine mit 23, mitten im Studium. Gerade noch so den Absprung geschafft. Seitdem hat Ihre Bauchspeicheldrüse ein wenig gelitten, stimmt’s? Tja, und dann kaufen Sie im Internet belgische Schokolade. Als Diabetiker. Dann werden Sie wohl damit rechnen müssen, dass Ihre Tochter nicht zum Abitur zugelassen wird. Wozu braucht sie auch die Hochschulreife, wenn wir sie als Schmarotzerin des Gesundheitssystems gleich in der Gosse endablagern können.“

Was wurde hier eigentlich gespielt? Meine Wut brach aus mir hervor. Ich hieb mit den Fäusten auf den Tisch und schrie den Vernehmungsbeamten an. „Nehmen Sie gefälligst zur Kenntnis, dass ich noch nie im Leben in Kairo gewesen bin. Dass ich noch nie in New York war. Auch nicht in Oberursel. Ich habe nie einen Kleinwagen besessen. Ich bin kein Diabetiker und habe seit Jahren keine belgische Schokolade gegessen. Ich will meine Anwältin sprechen, und zwar sofort!“ Er blickte immer noch unbeteiligt. „Na! So, so, so.“ Nicht einmal einen beschwichtigenden Ton nahm seine Stimme an. „Wir wollen uns doch hier nicht echauffieren. Wo doch Ihre Betriebskrankenkasse festgestellt hat, dass bei Ihrem Zahnstatus absolut kein Bypass mehr drin sein wird.“

Ganz davon abgesehen, dass ich bei keiner Betriebskrankenkasse versichert war, was ging diese Schnüffler mein Gebiss an? Wer denkt sich das aus? Hatte Kafka vom falschen Baum geraucht?

„Übrigens“, fuhr er unvermittelt fort, „Sie sind nicht der einzige in Ihrer Familie. Ihren Bruder hat’s auch ganz schön erwischt. Krebs. Schlimm. Tut mir Leid für Sie. Das wünscht man ja echt niemandem.“ Was sollte das? Die Mitleidsnummer? Ganz davon abgesehen hatte ich nie einen Bruder, wie sollte der an Krebs erkranken? „Noch nicht. Wird er aber. Mit 60. Oder 65. Garantiert. Blase. Niere. Oder Bauchspeicheldrüse, Sie sind ja selbst Risikopatient. Dann haben Sie auch Verständnis dafür, dass ihn die Böhlmann KG fristlos freigesetzt hat. Unsere Volkswirtschaft ist halt keine soziale Hängematte. Verrecken kann man auch ohne Arbeitsplatz, nicht wahr, Frau…“

Er war irritiert. Glotzte in die Akte. Blickte mir ins Gesicht. Wusste für einen Moment nicht, was wirklich geschehen war. Klatschend berührte mein Identitätsausweis die Schreibtischplatte. Hin und her guckte, musterte, prüfte er. Ungläubig zuerst, dann immer hektischer, als begriffe er erst jetzt. „Ich… das… Herr Doktor, ich… ich bitte um Verzeihung, das ist so ein… ein Kollateralschaden gewissermaßen. Wollen Sie mir freundlicherweise die Sache nicht übel nehmen!“ Abrupt erhob ich mich. Drehte mich um, schritt zur Tür der Vernehmungszelle, klopfte dreimal und wartete, bis sie aufgeschlossen wurde.

Der Beamte hatte längst die nächste Akte auf dem Tisch. „Nichts für ungut“, rief er mir nach. „Schönen Tag noch!“