Konsistente Therapieangebote

24 01 2022

„Die 417 hat aufgehört zu schreien? Das ist okay, Hauptsache, sie hört nicht auf zu atmen. Dann wäre die Behandlung beendet, und wir könnten ihr keine therapeutischen Maßnahmen mehr in Rechnung stellen. Bereiten Sie schon mal den Aderlass vor.

Natürlich sind wir hier alle approbierte Ärzte, wir haben hoch qualifiziertes Pflegepersonal und einen exzellenten Ruf, was intensivmedizinische Versorgung angeht. Drüben haben wir die normale Station, da werden Sie auch nach allen Regeln der Kunst behandelt. Das mag für Fälle wie Herzinfarkt oder Schlaganfall selbstverständlich klingen, ich würde Ihnen das auch empfehlen, aber wir leben in einem freien Land, es gilt Eigenverantwortung, den Rest können Sie sich ja denken.

Ein Teil der medizinischen Versorgung wird ja bereits erfolgreich an die Bevölkerung delegiert. Sie tragen Sehhilfe, also sind Sie bereits betroffen. Und da wir Versorgung nicht mehr ohne unsere eigene betriebswirtschaftliche Kalkulation betreiben, muss man ja im Sinne der Dienstleistungsgesellschaft, die uns laut Hartz-Reformen zu einem erfolgreichen Staat gemacht hat, durchaus die Kernfrage stellen: wie viel Kohle können wir Menschen, die sich in Lebensgefahr befinden, aus den Rippen leiern?

Hat der 429 die perorale Gabe von Chlorbleiche schon geholfen? Dann räumen Sie das Zimmer frei, wir haben gleich den nächsten Patienten. In dem Fall können Sie auf der Todesbescheinigung gerne vermerken, dass er nicht an, sondern mit Corona verstorben ist. Sie sind jetzt vielleicht ein bisschen überrascht, aber wir nehmen Patientenwünsche sehr ernst. Wir stehen alternativen Therapieformen auch aufgeschlossen gegenüber, und wenn jemand auf die Art auf unserer Station versterben will, dann machen wir das gerne. Dazu ist die Medizin nach Ansicht dieser skeptischen Minderheit ja da.

Schröpfköpfe sind immer gut, das ist für das Gesundheitssystem geradezu sprichwörtlich. Wir weisen in den Behandlungsverträgen natürlich auf die wissenschaftlich nicht bewiesen Wirksamkeit der Methode hin, geben aber zu bedenken, dass die unangenehmen Empfindungen durchaus eine Art Placebo-Effekt hervorrufen. Das ist wie mit dem Rauchen, man fühlt sich ja auch nur entspannt, weil bei Nikotinzufuhr die Entzugserscheinungen kurz nachlassen. Für Skeptiker, beispielsweise Menschen mit abgeschlossener Berufsausbildung oder einem anderweitig funktionierendem Verstand, gibt es den Hinweis, dass die mesopotamische, die ägyptische und die chinesische Medizin diese Therapie auch schon als Standard bei allerlei Gebrechen wie Diabetes, Rheuma, Kurzsichtigkeit oder Schnupfen empfohlen haben. Wir befinden uns durchaus in einer Tradition, die schon viele überlebt haben.

Die 428 hatte einen kurzfristigen Herzstillstand, deshalb haben wir ihr nach dem Wissensstand des Behandlungsvertrags Tabakrauch in den Enddarm geblasen. Zur Wiederbelebung. Wie zu erwarten haben wir jetzt einen langfristigen Herzstillstand.

In einer Gesellschaft, in der man den Patienten die Grundregeln der Humanmedizin vortanzen kann und meist zurückbekommt, dass sie alles besser wissen, müssen Sie irgendwann ein konsistentes Therapieangebot machen. Wir haben uns für die allgemein bekannten Verfahren des Mittelalters entschieden, und das war nicht ganz leicht. Ich als Fachmann weiß zum Beispiel, dass die arabische Welt pharmakologisch erheblich weiter war als der Westen, aber erzählen Sie mal einem besorgten Bürger. Die erste endotracheale Intubation wurde 1543 angewandt, das lassen wir natürlich weg, da es sonst als Lügenmedizin gebrandmarkt würde. Die Kunden finden es authentischer, dass wir ihnen bei Irrsinn den Schädel aufmeißeln.

Der Hausmeister ist schon wieder zu früh dran, wie oft soll ich das noch sagen? Wenn der Kerl wieder den ganzen Flur ausräuchert, kann er sich auf ein Donnerwetter gefasst machen! Ich will auf der Station keine verkohlten Ginsterzweige mehr gegen unruhige Säfte, und er soll seine Pestmaske aufsetzen! Wenn er sich diesmal nicht an die Regeln hält, wird er ab morgen zur Vokalatmung versetzt oder zur Klangschalentherapie!

441 ist ja schon länger hirntot, da half auch kein Detox. Der war eigentlich schon bei Einlieferung vegetativ auf Null, weil er uns gesagt hat, dass die Erkrankung, wegen derer er dann gestorben ist, gar nicht existieren kann, da sein Sternzeichen das nicht zulässt. Interessant. Wir könnten ihn jetzt in die Kühlung verlagern, aber er ist Privatpatient, und da nutzen wir jede Möglichkeit, wenn Sie verstehen, was ich meine.

Wir wenden gerne experimentelle Verfahren an, wenn wir vorher rausgefunden haben, was wir an Wirkung erwarten können. Reinkarnation ist okay, mit Reiki haben wir im Internet gute Erfahrungen gemacht, und Heilsteine dürfen wir nur nach der üblichen Desinfektion anwenden. Das ist immer noch besser als Geistheilung, weil man da nicht genau weiß, wessen Geist eigentlich geheilt werden sollte. Immerhin haben wir eine Zusammenfassung der Eigenurintherapie mit klassischer Harnschau geschafft: erst guckt sich das die Pflegekraft an, dann können die Patienten mit dem Zeug machen, was sie wollen. Falls das irgendwie biodynamisch wirkt, sagen Sie Bescheid, wir integrieren das in die üblichen Behandlungsmethoden.

Heilhüpfen können Sie haben, gerne auch in konzentrischen Kreisen, mit oder ohne Ohrkerzen, und wir machen dazu anthroposophisches Kratzen auf der naturbelassenen Schiefertafel. Alles kein Problem. Globuli? Entschuldigung, hatten Sie das nicht kapiert? Wir sind Ärzte!“





Volksseele

20 01 2022

„Länd of the Frühaufstehers, verstehen Sie? Das war in Deutschland immer schon so, deshalb kann man das auch nicht mehr ändern. Wenn man das nämlich ändern würde, hätten wir sofort wieder eine Revolution, und wir sind mit der letzten noch nicht fertig geworden.

Es gibt so nationale Eigenheiten, die haben Sie überall. Der Holländer fährt ständig Fahrrad, der Franzose wird quasi mit Stangenweißbrot unterm Arm geboren, wir Deutschen müssen immer faxen. Das ist hier nicht so einfach wie in anderen Ländern zu modernisieren, Sie müssen erst die Volksseele auf Ihre Seite bringen. Ich meine, woanders kann man die täglichen Infektionszahlen gerne per Mail an die Zentralverwaltung schicken. Klappt sicher ausgesprochen gut, fehlerfrei und führt zu einem extrem zuverlässigen Pandemiemanagement. Aber was machen Sie, wenn Ihr Internet mal nicht mehr funktioniert? Dann stehen Sie da und denken sich: ach, hätten wir doch mal die Faxgeräte aufgehoben!

Wir setzen auf Tradition, da muss man nicht so viel erklären, und die Leute machen es einfach. Zum Beispiel Mülltrennung – haben Sie schon mal einen Deutschen erlebt, der sich nicht über den ganzen Aufwand beschwert und das alles total überflüssig findet? Stimmt ja auch. Mit dem ganzen Kraftstoff, den die Mülllaster in die Umwelt blasen, können Sie sämtliche positiven Effekte der Wiederverwertung mehrfach ausradieren. Aber die Deutschen sind eben disziplinierte Menschen, die sich nicht einfach gegen etwas entscheiden, was von den anderen auch so gemacht wird, egal, ob es nun sinnvoll ist oder nicht. Das ist nämlich eins der Geheimnisse, warum unser Land so reibungslos funktioniert: wenn etwas zum System dazugehört, dann machen es die Leute auch.

Sie sind zum ersten Mal hier, richtig? Gut, dann haben Sie bestimmt hohe Erwartungen an unser Land. Sie kommen doch, weil Sie Deutschland als mustergültiges Vorbild für andere Staaten sehen, oder? Jetzt seien Sie nicht ungerecht, wir legen auf solche Lobhudelei überhaupt keinen Wert, aber ein bisschen ist doch dran. Als Industrienation sind wir ein sehr gutes Beispiel, wie man auch angesichts der ständigen Veränderungen und bei den vielfach steigenden Anforderungen seine Traditionen pflegt.

Ja, das hat schon etwas zu tun mit Bier und Lederhosen, aber ich meinte jetzt eher Atomkraft. In anderen Ländern ist diese Liebe ausgeprägter, bei uns ist es aber so, dass wir auch bei scheinbar nicht damit zu vereinbarenden Entwicklungen immer wieder zu ihr zurückkehren. Da ist der Deutsche halt eigen. Er hat das Automobil erfunden und die Kernspaltung, deshalb will er sich auch nicht sagen lassen, dass das unmodern ist. Wobei es um modern oder unmodern gar nicht geht, aber das ist dem Deutschen letztlich auch egal. Es soll ja auch alles so bleiben, wie es immer schon war, das ist uns modern genug. Wenn Sie das auf Plakate schreiben, so sinngemäß, eventuell irgendwas mit Fortschritt, dann haben Sie die Leute.

Dass wir von Digitalisierung nichts verstehen, das ist aber ein Vorurteil. Fast jeder hier hat ein Smartphone. Manche können sogar damit umgehen. Wir haben nur kein ordentliches Netz, aber das hat ja mit Digitalisierung nichts zu tun. Manche sagen, dass wir durch die mangelhafte Digitalisierung ein Problem mit den Lieferketten haben, aber da sind wir Deutsche halt erfinderisch und bestellen unsere Sachen ab sofort nur noch im Internet. Mit dieser Haltung der absoluten Flexibilität haben wir noch jede Schwierigkeit gemeistert. Schauen Sie sich mal die Schulen in Deutschland an, die sind nach Meinung der Experten auch noch nicht ausreichend digitalisiert, aber sind die deshalb geschlossen? Wir machen das auf traditionelle Art, deshalb hat bei uns das Handwerk auch so einen hohen Stellenwert im Vergleich zur Wissenschaft.

Natürlich können wir Wissenschaft. Sie müssen uns jetzt nicht erklären, wie Wissenschaft geht, aber repariert Wissenschaft Ihr Auto? Sie machen sich ein vollkommen falsches Bild von Deutschland, wenn Sie denken, dass wir nicht offen sind für neue Entwicklungen. Wir haben zum Beispiel ganz neue Braunkohlekraftwerke geplant, als schon feststand, dass wir die gar nicht mehr brauchen werden. Aber zeitgleich haben wir auch die Solarindustrie in die Tonne getreten, das heißt, wir müssen dann eben doch irgendeine Brückentechnologie haben, mit der wir Ausfälle in der Energieerzeugung ausgleichen können. Und wir hatten natürlich auch schnell neue Impulse auf dem Arbeitsmarkt, weil viel mehr für einen neuen Job offen waren. Deutschland sieht nicht in jeder Chance eine Krise, wir machen das ab jetzt umgekehrt. Darum sind wir ein Land, das in der internationalen Entwicklung auch immer die Nase ein Stück weit vorne haben wird.

Denken Sie doch nur mal an die Autobahnen. Wir haben so viele Probleme in der Verkehrspolitik gehabt in den vergangenen Jahren, die Konkurrenz von Bussen und Bahnen, ständig wurden wir mit Forderungen nach einem Tempolimit überzogen, dann kommen auch noch die Radfahrer, aber haben wir da nachgegeben? Die Autoindustrie, gut und schön, aber irgendwo müssen die ganzen Wagen ja auch fahren. Und da sind wir nämlich wirklich bei deutschem Kulturgut, das müssen Sie doch jetzt zugeben – warum kommen denn so viele Menschen nach Deutschland? Weil sie hier mal mit 60 über die Schnellstraße fahren wollen?

Nein, wir machen das schon richtig, und deshalb haben wir auch eine Zukunft. Vorausgesetzt, dass wir das mit dem Impfen auch hinkriegen. Irgendwann.“





Schuldknechtschaft

19 01 2022

„… in vielen Ländern bis heute körperlich und seelisch ausgebeutet würden. Die Bundesregierung werde dazu noch strenger auf die UN-Konvention hinweisen, damit Kinderarbeit nicht länger zum…“

„… zahlreiche Auswirkungen auch auf die deutschen Märkte hätte. So könnten sich gerade die Ärmsten der Armen, die vom Bürgergeld leben müssten, alltägliche Produkte wie Schokolade und Kaffee nicht mehr leisten, wenn die EU durch eine überzogene Verbotspolitik die soziale Schere aus moralischen Gründen ansetze. Merz fordere ein…“

„… würden Gegenpositionen in der öffentlichen Diskussion oftmals vorsätzlich unterschlagen. Weidel sehe in der frühen Berufstätigkeit auch eine praktisch orientierte Bildungschance, da man bei minderwertigen Rassen mit Schule nur überflüssige Potenziale zur Auswanderung nach…“

„… touristische Angebote sehr stark von einem ausreichenden Vorrat an Kinderarbeitskräften abhängig seien. Gerade durch negative Faktoren wie Corona oder den Klimawandel müsse man die Reiseindustrie wieder stärken, indem man durch eine flexiblere Kooperation mit den Betrieben vor Ort eine beiderseitige…“

„… nach Lindners Ansicht mit dem sofortigen Stopp keinem gedient sei. Vielmehr müssten auch die positiven Effekte gesehen werden, die in den Herkunftsregionen viel deutlicher zutage träten als in Europa. Eine langfristige Verbesserung aller an den Lieferketten beteiligten Volkswirtschaften sei nur mit einem langsamen Ausstieg aus der…“

„… werde auch die Textilindustrie nachhaltig geschwächt, wenn andere soziale Randgruppen wie Frauen die Hauptlast der Fabrikarbeit zu tragen hätten. Merz wolle durch eine bessere Verteilung der Arbeit auf die Gesellschaft ein nachhaltiges…“

„… dass in Deutschland und vielen anderen europäischen Staaten noch bis weit ins vergangene Jahrhundert Kinder ganz selbstverständlich in den elterlichen Betrieben beschäftigt und teilweise dafür nicht einmal entlohnt worden seien. Die FDP warne vor einer Neiddebatte, dass die vergleichsweise gute Lohnsituation in den heutigen Ländern der Dritten Welt im Vergleich zu den damals…“

„… habe auch die AfD kein Interesse an einer kompletten Ächtung der Kinderarbeit. Würde man den Familien die Anreize zur eigenverantwortlichen Haushaltsführung nehmen, so Meuthen, so öffne man die Schleusen einer Massenmigration, die vor allem unbegleitete Jugendliche aus sämtlichen…“

„… könne sich Kubicki auch einen direkten Transfer ausländischer Wirtschaftsmodelle auf die deutschen Verbraucher vorstellen. So sei die legale Verschreibung in Schuldknechtschaft für viele sich in Privatinsolvenz befindliche Erwerbslose eine durchaus attraktive Möglichkeit, die letztlich auch die Interessen der Finanzdienstleister sehr gut…“

„… sich der Fachkräftemangel inzwischen auch in Ostasien zeige. Für den Bundesverband der Deutschen Industrie sei klar, dass viele Firmen im Schichtbetriebe ohne den Einsatz von Kindern nicht mehr wirtschaftlich arbeiten könnten, weshalb das Verbot nach internationalen Richtlinien langfristig zu schweren Schäden an der Weltwirtschaft und damit an den börsennotierten…“

„… sich Merz im Falle der Textilhersteller für den möglichst frühen Einstieg in die Erwerbsarbeit ausgesprochen habe. Durch das Ansammeln vieler Berufsjahre steige seiner Erfahrung nach auch die individuelle Rente, was zu mehr Wohlstand und…“

„… habe Deutschland nach Ansicht von Weidel kein Recht, anderen Ländern ihren Umgang mit den eigenen Kindern vorzuschreiben, solange hier noch geduldet werde, dass linksextremistische Demos während der Schulzeit die Zerstörung staatlicher Erziehungsziele einläuten würden, bis sich die…“

„… werde das Aufstiegsversprechen des freien Marktes sich gerade in den aufstrebenden Nationen beispielhaft bewahrheiten. So könne ein Kind, das mit fünf Jahren als Näher seine Karriere starte, mit 35 bereits Eigentümer eines Textilkonzerns mit mehr als einer Million Arbeitskräften sein, die mit ihrem eigenen Konsumverhalten für eine große…“

„… müssten Veränderungen im politischen und gesellschaftlichen System der Länder berücksichtigt werden. Lindner warne vor einer Ausbreitung der Kindergewerkschaften, die noch mehr Sozialismus und Verarmung in den betreffenden…“

„… lehne die AfD die Zuwanderung von mehreren Millionen Kinderarbeitern pro Jahr strikt ab, da es nicht genug Beschäftigungsmöglichkeiten für diese gebe. Außerdem bestehe die Gefahr, dass Arbeitsmigranten deutschen Kindern die Ferienjobs wegnähmen, was zu einer katastrophalen…“

„… weite Teile der Union die Ausweitung eines allgemeinen Kinderarbeitsverbots auf die deutsche Gesellschaft kritisch sähen. Man habe bereits durch das Verbot der körperlichen Züchtigung durch die Eltern das christliche Menschenbild leichtfertig preisgegeben und müsse nun durch besondere Berücksichtigung des Kindeswohls eine…“

„… sehe sich die Kultusministerkonferenz aber nicht in der Lage, ein einheitliches Urteil über Lockerungen des Jugendarbeitsschutzgesetzes zu kommunizieren. Man gebe jedoch zu bedenken, dass die Kinder in Deutschland durch die in den Schulen vorangetriebene Durchseuchung mit dem Corona-Virus derzeit nicht geeignet seien, die in der Wirtschaft erwarteten Personallücken einer neuen Infektionswelle zeitnah zu…“





Hitler-TV

18 01 2022

„Blitzkrieg machen Sie mal in je zwei Folgen von Donnerstag bis Samstag. Als Event-Dreiteiler. Den Einmarsch der Alliierten senden wir aber am Stück, und verkaufen Sie bloß keine Werbung. Da schaltet unsere Zielgruppe eh ab.

Man muss ja sein Publikum im Auge behalten, sonst kriegt man das nie finanziert. Stalingrad ist gerade noch so an der Grenze, wenn Sie da zu früh sagen, dass die Planung schon scheiße war, dann sind Sie die Zuschauer sofort los. Kann man nicht machen. Das hat nichts mit historischer Bildung zu tun, Gott bewahre – denen können Sie erzählen, dass der Führer bei der Erledigung der Tschechei mit kleinen grünen Männchen gekämpft hat, das interessiert keine Sau – sondern ausschließlich mit dem Zeug, das die anderen Sender rausgehauen haben. Jahrzehntelang. Das prägt sich ein. Wenn Sie das nutzen wollen, viel Spaß in der Kurve.

Das sind schöne Aufnahmen, haben Sie davon auch längere Sequenzen? Natürlich kann man das immer wieder neu zusammenschneiden, aber davon wird eben die Geschichte nicht besser. Blondi ist nun mal ein schönes Motiv, da schaut man gern hin, aber immer diese Schnipsel – lassen Sie sich da mal etwas einfallen, und dann machen wir eine eigene Sendung, okay?

Deshalb ja Hitler-TV, da weiß man sofort, was einen erwartet. Markenkern und so. Und man kann das politisch verstehen, muss es aber nicht. Da sind wir in jeder Hinsicht offen. Man muss ja auch mal in die Zukunft denken, da keiner weiß, wie sich die Parteienkonstellationen hier in Deutschland verschieben werden. Am Ende kommt die große Erinnerungswende, dann muss man den Führer gar nicht mehr als das Böse betrachten, und wir können dann mit einem sehr differenzierten und nach allen Seiten hin relativistisch abgepufferten Programm unsere Jobs behalten. Oder überleben.

Natürlich kann man eine differenzierte Sicht auf die Dinge bieten, wieso? Schauen Sie mal, wir sind uns der gesellschaftlichen Verantwortung durchaus bewusst. Wir zeigen eine kritische Einordnung der Schulmedizin, auf der anderen Seite aber auch die Impfaktionen der SS. Daraus kann sich dann jeder Interessierte sei eigenes Weltbild zusammenbauen, mit dem er gut lebt. Vor Eigenverantwortung kann man sich nicht schützen, und das gilt nicht nur im historischen Kontext. Dafür leben wir ja derzeit in einer pluralistischen, toleranten Gesellschaft.

Übrigens ist dieses Konzept sehr entlastend für die internationalen Beziehungen. Das hören wir von den ausländischen Partnern immer wieder. Wenn Sie die Nachgeburten, ich meine: Nachgeborene fragen, die haben bei der Schuldfrage eine klare Linie. Das war alles Hitler. Und zum Schluss, so ab 1939, war das alles so kompliziert, da hat auch der Führer nicht mehr den Durchblick gehabt, darum musste man ihn auch mit wesentlichen Nachrichten von der Front verschonen. Wenn man der größte Feldherr aller Zeiten ist, kann das schon mal sehr kritisch werden, aber auf der anderen Seite weiß man dann auch, dass Hitler vom Krieg gar nichts mitbekommen hat. Er musste ja ständig Pläne von der architektonischen Umgestaltung der neuen Welthauptstadt Germania entwerfen. Wie kann man bei dem Arbeitspensum einen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion führen? Genau. Und mit dem Argument sind wir sehr erfolgreich, wenn wir den Russen erklären wollen, dass Hitler gar nicht so schlimm war. Er hat ja quasi nur die Befehle der Industrie ausgeführt, und das machen so gut wie alle kriegführenden Nationen. Hitler war eigentlich ein klassisches Opfer. Da trifft es sich auch klasse, wenn man ihn heute in dieser Opferrolle kennen lernt oder auch interpretiert.

Ja, wir nehmen das über die Reichsflugscheibe ins Feiertagsprogramm, aber nur sehr spät abends. Das ist ja nüchtern gar nicht zu ertragen, und wenn Sie das auf den Nachmittag schieben, kriegen wir wieder Beschwerden von Wissenschaftlern. Aber Sie recherchieren das bitte ordentlich durch, ich habe keine Lust, dass wir wieder irgendwelche Bilder aus Norwegen zeigen und dann behaupten, das sei Neuschwabenland, verstanden?

Dass wir hin und wieder auch abseitige Themen integrieren, heißt noch nicht, dass wir beliebigen Verschwörungserzählungen Raum geben. Wenn wir die Untersuchung von Hitlers Schädel in Moskau in einem liebevoll gestalteten Mehrteiler zeigen, dann heißt das nicht, dass wir auch behaupten würden, er sei nach Argentinien geflohen. Wobei der Film schon ein paar Jahre alt ist, deshalb könnte man den durchaus auch im Nachtprogramm bringen.

Lesen Sie das mal auf den großen Stapel, ich sehe mir das nachher an. Wir kriegen ja eine Menge Fremdproduktionen rein, nicht nur diese älteren Filme, zum Teil ganz interessante Sachen. Das ist eine gewisse Erleichterung für unsere Arbeit, dass wir nicht immer nur dieselben Beiträge in Dauerschleife zeigen müssen, aber wir müssen da genau unterscheiden, was unseren Ansprüchen an Qualität und Zuverlässigkeit genügt. Antisemitische Hetze können wir selbstverständlich nicht dulden, das würde die finanziellen Mittel unseres Senders übersteigen. So eine Rechtsabteilung kostet auch. Aber man kann ja auch mal kontroverse Fragen aufgreifen, ob zum Beispiel Mikrowellenangriffe auf deutsches Erbgut real existieren oder ob ein Chemtrail-Angriff durch eine Geheimregierung rein technisch möglich wäre. Wir lassen das aber immer vorher juristisch absegnen, sonst wirft man uns am Ende noch vor, wir gehören zur Lügenpresse. Und seien wir mal ehrlich, könnte sich Springer das angesichts seiner aktuellen Auflagen leisten?“





Spontane Zusammenrottung

17 01 2022

„… mehr Rechtssicherheit biete, wenn die Polizei die Kritiker der staatlichen Pandemiemaßnahmen bereits im Vorfeld berate. Die Beteiligung an einem sogenannten Spaziergang könne dadurch für die Bürger zu einem viel besseren…“

„… ersetze eine Teilnahme an der freiwilligen Spaziergangsberatung nicht die Anmeldung einer Demonstration, da es sich bei Kundgebungen, die nicht offiziell als Kundgebungen im Sinne des Versammlungsgesetzes handele, nur um besagte Spaziergänge, aber nicht um…“

„… dass das Mitführen von Spazierstöcken, Schirmen und Stichwaffen bei einer Demonstration als Ordnungswidrigkeit, möglicherweise sogar als Verstoß gegen das Waffengesetz gewertet werden könne. Diese Auflagen seien jedoch nicht relevant, wenn sich die besorgten Bürger bei der Form ihres Aufmarsches zur Bildung eines…“

„… bei einem Spaziergang keine Anmelder der Versammlung angegeben werden müssten, da die Polizei von einer spontanen Zusammenrottung ausgehen könne, wenn diese nicht von einer Person angemeldet worden sei. Dies sei auch für die Ordnungskräfte einfacher, da hier keine Kontrolle der anwesenden Personen durchgeführt werden müsse, was mit weniger Personal und…“

„… dass bei angemeldeten Versammlungen auf gar keinen Fall die voraussichtliche Anzahl der Teilnehmer überschritten werden dürfe. Die Polizei könne ihren Einsatz nur anhand der Größe des Demonstrationszuges planen. Werde diese am Tag der Kundgebung überschritten, so müssten sich die Demonstranten unter Umständen ganz ohne die üblichen polizeilichen Ordnungsmaßnahmen…“

„… bedürfe es keiner gerichtlichen Klärung, ob das Mitführen von Transparenten und Plakaten für einen Spaziergang üblich sei. Da nach Erfahrung der Polizei zahlreiche Teilnehmer täglich an den Versammlungen in mehreren Bundesländern tätig seien, dürfe man diese Gegenstände bereits als normales Handgepäck ansehen, die nicht durch polizeiliche Auflagen wie Schals, Brillen oder…“

„… mit Haftbefehl gesuchte Rechtsextremisten gefahrlos an einer Laufkundgebung teilnehmen dürften, da die Kontrollen auf ein allgemein verträgliches Maß reduziert würden, um die Lage nicht eskalieren zu lassen. Lediglich Dunkelhäutige und Personen mit auffälliger Nasenform seien von der Regelung ausgenommen, da der Staat die Meinung der Demonstrierenden respektiere, auch wenn dies im Konflikt mit der Verfassung und…“

„… seien die Innenminister fest entschlossen, durch Strafverschärfungen für mehr Sicherheit im öffentlichen Raum zu sorgen. Bereits im nächsten Jahr werde der Strafrahmen für Beleidigung auf…“

„… setze die Polizei bei Personalengpässen auch auf Bürgerwehren, die an ihrer Stelle die sicherheitsrelevanten Bereiche betreue, Straftaten aus dem Demonstrationszug heraus ahnde und gegen extremistische Demokraten vorgehe, die als Anwohner oder Gegendemonstranten gegen die Kundgebung des Volkswillens vorsätzlich auf der falschen Seite des…“

„… dass es nicht Aufgabe der Polizei sei, das Verhalten gesellschaftskritischer Bürger bei einer verfassungsrechtlich generell tolerierbaren Aktion zu bewerten. Sprechchöre hätten zwar keine lange Tradition bei Spaziergängen, würden aber auch in anderen Situationen wie beispielsweise nach einem Fußballspiel auftreten und seien dann nur geeignet, als Lärmbelästigung der…“

„… auch Polizeibeamte an nicht angemeldeten Kundgebungen teilnehmen würden, um für die Akzeptanz der Spaziergänge zu werben. Das gemeinsame Begehen von Ordnungswidrigkeiten sei als Zeichen von Bürgernähe zu verstehen, die zum entspannten Umgang mit den gesetzlichen…“

„… rechtzeitig zur Karnevalssaison die Regeln für selbst organisierte Umzüge noch einmal leicht überarbeiten werde. Da es bisher keine gesetzlichen Grundlagen für die Gestaltung von Kostümen gebe, werde die Innenministerkonferenz, in deren Bereich auch Kultur und Brauchtum fallen würden, nicht auf ein Vermummungsverbot warten und damit in Kauf nehmen, dass eine Demonstration ohne den gebotenen Infektionsschutz damit legal oder…“

„… gehe von den Spaziergängern in der Regel kein hohes Gewaltpotenzial aus. Bisher sei es nicht zu brennenden Personenkraftwagen gekommen, auch sei die Ankündigung, die Bundesregierung in einer unterirdischen Gaskammer zu ermorden, nicht in die Tat umgesetzt worden, da es nach Angaben des Bundesamtes für Verfassungsschutz derartige Räumlichkeiten auf deutschem Boden gar nicht…“

„… im Zuge der Schutzmaßnahmen für die kritische Infrastruktur auch weniger eingesetzt werde. Wer sich als Feind der Spaziergänge für Frieden, Freiheit und keine Gewalt verstehe, dürfe selbstverständlich bei etwaigen Straftaten die Polizei rufen, müsse sich aber bei einer nicht validen Zeugenaussage wegen Missbrauchs von Notrufen und Beeinträchtigung von Unfallverhütungs- und Nothilfemitteln…“

„… sich bei einer Anmeldung nicht an den Zweck der Kundgebung halten müsse. Die Berater würden ausdrücklich ermutigen, nicht nur gegen eine sogenannte Corona-Diktatur zu protestieren, sondern bereits jetzt die Abschaffung von freien Wahlen zu fordern oder den Klimawandel als Fake News einer von Reptiloiden gesteuerten Regierung auf dem Mars zu bezeichnen, wie dies nach dem Ende der Pandemie jetzt schon in einigen Chats von Abgeordneten der Alternative für…“





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXCVII): Wertschätzungszwang

14 01 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Ein Gespenst tapert herum durch die öffentliche Welt. Es stolpert ständig jedem um den Hals und herzt dahergelaufene Deppen, schlägt Knalltüten vor Freude auf die Schulter und bejubelt jeden Feuchtbeutel, der mit seiner Atmung intellektuell voll ausgelastet erscheint. Dieser Geist ist voller Respekt, ach was: geradezu liebestrunken geht er in die Knie bei allen hirnverdübelten Schnackbratzen, denen eine Runde Vollkontakt mit der Faust große Dienste erweisen würde. Es ist die dämlichste Idee der Menschheit, ausnahmslos alle Hominiden für ihre sozial kaum verträglichen Sondermeinungen zu achten, ihnen für jede hirnrissige Absonderung in aufrichtiger Ehrerbietung zu nahmen und sie auch sonst zu behandeln, als hätten diese Mehlmützen noch ansatzweise alle Rillen auf der Erbse. Dieser dämliche Wertschätzungszwang, der uns vor allem im professionellen Umgang miteinander täglich bis knapp hinter die Grenze des Erbrechens treibt, er ist schlicht und ergreifend überflüssig. Und schädlich.

Selbstredend akzeptieren wir die Neigungen des Anderen zu flamboyantem Schuhwerk, Weingenuss bei Körpertemperatur und religiösem Aberglauben, solange er uns nicht nötigt, desgleichen zu tun. Wo aber nicht der Hang zur Individualität entscheidend ist, sondern die Dummheit ihr debiles Grinsen aus dem Gesichtsübungsfeld quetscht, da wird jegliche Duldsamkeit hinfällig. Torheit lähmt die Interaktion und lässt jeden halbwegs zur Vernunft fähigen Luftverbraucher in brüllendem Schmerz zurück, dass diese versaubeutelten Fehlversuche sich mit uns auf einer Erdkrümmung aufhalten dürfen. Wir aber haben laut Anstandsvereinbarung zu allem gute Miene zu machen? Nix da.

Um des lieben Friedens willen hocken wir auf der Geburtstagsfeier treu gegenüber dem ständig angetrunkenen Urgroßonkel mit dem angespannten Verhältnis zu Wasser und Seife, hören uns seine wirren Geschichten zu Kolonialismus, Krieg und Rassentheorie an und lassen ihm alles durchgehen, auch wenn er ankündigt, mit der abgesägten Flinte auf die Nachbarskinder zu zielen, weil polnische Nachnamen ein untrügliches Zeichen für genetisch veranlagten Kommunismus seien. Wir schieben ihm Schnaps über den Tisch, ignorieren sein Geopfer und ärgern uns die Magenschleimhaut wund, weil er auch bei der nächsten Beerdigung wieder verbale Faulgase absondern und die Gesellschaft in den blanken Ekel treiben wird. Wir aber sind selbst an der Misere schuld, weil sich das dümmliche Gefasel leicht von der Klippe kippen ließe, nicht ganz ohne Gewalt, aber nachhaltig und in angenehmer Stille verebbend. Man muss es nur wollen.

Gleichfalls wird jedes Team, ob es nun kegelt oder Panzerwagen aus Kartoffelbrei schwiemelt, zu Harmonie und Eintracht verurteilt, damit keine Zeit verlustig geht durch überflüssige Konfliktlösungen oder einen klärenden Axthieb. Wir alle haben uns furchtbar lieb und gehen damit den anderen auf den Zwirn, koste es, was es wolle. Selbstverständlich ist es gut, vertrauensvoll miteinander umzugehen und nicht nur den Materialwert einer Personalressource zu betrachten, aber die ständige Rücksichtnahme auf sozial nicht anpassungsfähige Bumsrüben ist in jeder Konstellation ein schwerer Ausnahmefehler, der alsbald zum Knirschen des Systems führt.

Die Ähnlichkeit mit dem Toleranzparadoxon ist kein Zufall. Auch hier sind die sozial kompetenten Klugen solange dumm zu den sozial inkompetenten Dummen, bis die Dummen den Rest des Systems in die kollektive Beklopptheit geführt haben, weil man ihre indolente Brägenversuppung immer und immer wieder für lässliche Verfehlung, nicht aber für eine virulente Gefahr hielt, an der sich die Population mit Hohlbratzigkeit infiziert, die ohne Prügel nicht mehr weggeht, mit Prügel höchstens zur Hälfte. Wir gehen mit dem intellektuellen Schmodder um, als handele es sich um geistige Einzelgänger, die man mit dem einen oder anderen freundlichen Hinweis leicht wieder auf den Pfad der Tugend brächte, würden die manischen Stumpfstullen einem bloß einmal richtig zuhören. Die Nichtdenker, die ihre eigene Ignoranz für mindestens so viel wert halten wie das Wissen der anderen, sie fordern für sich den gleichen Respekt ein, den sie dabei anderen nicht zugestehen, weshalb sie den sozialen Kontrakt dann schlicht aufkündigen, um ebendies den Gegnern vorzuwerfen, wie man es aus Opferrollenmentalität nun einmal zu tun pflegt.

Hören wir endlich damit auf, den Nervensägen ständig mit Dankbarkeit zu begegnen, weil sie uns einfach noch nicht zusammengeschlagen haben. Sie verwechseln Freiheit grundsätzlich mit der Freiheit gegen andere, nicht zuletzt deshalb, weil alles am Ende mit Konsenssauce zugekleistert wird, wenn nur alle damit einverstanden sind, dass sich alle – die anderen nämlich – zusammenreißen, damit der Kahn nicht kippt. Sonst sind wir bald bei der Zucht von Helden ohne Geschäftsbereich, wie sie von ganzheitlich verstrahlten Eltern durch permanenten Jubel bei der geringsten Äußerung des Enddarms zu Soziopathen erzeugt werden. Wo das endet, wird bei mancherlei liberalen Lacksäufern klar, die uns Rücksichtslosigkeit als einklagbares Privileg verkaufen wollen. Respekt, wer das weghaut.





Captain Future

13 01 2022

„Also die Mehrheit ist dagegen, aber das heißt hier in Bayern ja nichts. Wenn zum Beispiel die meisten Ministerpräsidenten dafür sind, dann wird das auch so gemacht, weil der Ministerpräsident im Freistaat ja die Bevölkerung vertritt. Stellen Sie sich schon einmal auf eine Sommerwiesn ein.

Ach, jetzt bleiben Sie mal ganz ruhig. Natürlich wissen wir noch nicht, was da auf uns zukommt, weil wir ja nicht einmal genau wissen, was auf uns zukommen könnte. Wir wollen hier Bier verkaufen und Brauchtum und Brathendl, mit Viren haben wir nicht zu tun. Aber ob wir die jetzt ignorieren oder eventuell später, oder ob wir feststellen, dass wir die später nicht mehr ignorieren können, weil die uns jetzt das Geschäft lahmlegen, das ist nicht ganz gewiss. Wir brauchen da sehr viel Gottvertrauen und einen Ministerpräsidenten, der noch viel mehr Selbstvertrauen hat – das ist bei ihm ja dasselbe, das geht quasi ineinander über. Er weiß ja immer, wo es langgeht, auch wenn sich das mehrmals am Tag ändern sollte. Also bei ihm.

Wir sollten die bayerischen Feste viel mehr im Sommer konzentrieren, da ist hier viel mehr los, weil die Menschen alle Urlaub haben, und die Stadt München kommt damit viel besser zurecht, so in Bezug auf den Verkehr, den Dobrindt und Scheuer und die ganzen anderen Knalltüten ihr gelassen haben, weil alle ja auch verreisen. Das widerspricht sich zwar, aber das macht gar nichts, weil der Ministerpräsident sich ja auch ständig widerspricht, und da fällt es gar nicht mehr auf. Außerdem ist so ein Sommerfest sowieso viel schöner, bis auf die ausländischen Touristen, die kommen gar nicht erst, und das ist ja wieder gut für den Verkehr, und der Ministerpräsident ist dann vielleicht gerade wieder ökologisch und findet das toll, und dann umarmt er einen Baum, fordert Preissenkungen beim Diesel und Impfpflicht für Touristen, und dann ist auch schon wieder Weihnachten.

Ein Problem wird ja das Personal, weil wir die Kellnerinnen dieses Jahr alle früher brauchen oder gar nicht. So genau weiß man das noch nicht, aber wir machen es auch mal wie der Ministerpräsident: wir warten ab, was passiert, und dann machen wir das Gegenteil, oder auch nichts, oder wieder etwas ganz anderes. Irgendwie sieht es bei ihm ja auch immer aus, als ob alles klappen würde, auch dann, wenn es mal nicht geklappt hat. Beispielweise das mit der Kanzlerkandidatur. Auch wieder hier zu früh und da zu spät, nicht passt zusammen, dann macht’s Laschet und macht es auch prompt falsch, und am Ende stellt er sich hin und sagt, was er immer schon gesagt hat. Dass er es nämlich immer schon gesagt hat. Also müssen wir dann jetzt erst rauskriegen, ob das Oktoberfest stattfindet, wann es stattfindet, und dann erledigen sich die wichtigen Problem wahrscheinlich von selbst, und wenn nicht, dann kann man daran vielleicht gar nichts machen. Vermutlich höhere Gewalt, aber ich bin mir noch nicht mal sicher, ob das für den Ministerpräsidenten tatsächlich ein Hinderungsgrund wäre. Die höchste Gewalt ist ja immer noch er selbst.

Auf der anderen Seite ist das organisatorisch und verwaltungstechnisch ein Schnapsidee, weil die Bewerbungsfristen für die Fahrgeschäfte längst abgelaufen sind. Für den Sommer wird es also nichts mehr mit der Wiesn, und da wir im Oktober dann wieder Corona haben – das wissen wir jetzt schon, wir wissen nur noch nicht, ob wir das im Herbst auch schon wissen, dass wir das gewusst haben oder vielleicht schon gewusst haben werden – können wir es eigentlich gleich lassen. Da wird einem ja gleich ganz schwindelig, das muss von der plötzlichen Nüchternheit kommen, so ganz ohne Wiesn, oder der Ministerpräsident jongliert mal wieder mit unsicheren Zukunftsformen herum. Er geht ja zum nächsten Karneval als Captain Future, falls der nicht wegen Impfpflicht ausfällt, oder war das andersherum? Egal, so eine Wiesn kriegen wir auch ohne Achterbahn hin, Bier ist genug da, und den Unterhaltungspart macht der Ministerpräsident einfach selbst.

Es sei denn, wir kriegen jetzt auch noch ein Problem mit der kritischen Infrastruktur. Also mit der Brauereiwirtschaft, das ist ja der entscheidende Punkt an der Wiesn. Das stelle ich mir jetzt doch ein bisschen komplex vor, wie man sich da als Ministerpräsident positionieren soll. Erstmal muss er ja die Brauereien loben und sehr viel Zuversicht verströmen, dass die das alles schaffen, weil das im Freistaat ja gar nicht anders geht – spätestens eine Woche, realistisch gesehen eher zwei bis drei Tage vorher wird er dann der Öffentlichkeit erklären, dass die Wiesn nicht stattfindet. Es können schon Wetten angenommen werden, ob es nicht genug Fässer für das Bier gibt oder zu viel Bier für die Flaschen, auf jeden Fall ist die Planwirtschaft schuld und der Sozialismus sowieso, nämlich die Kommunisten aus Berlin, und dann weiht er sicher ganz schnell im Kini-Kostüm eine Schnellstraße im Wahlkreis vom Stoiber ein, damit er auch in den Schlagzeilen ist, aber mit ganz anderen Sachen.

Wahrscheinlich stoppt er das selbst, weil er keinen Ärger mit der Polizei haben will. Die haben ja für den Sommer auch schon Urlaub eingereicht, und wenn da alle Einsätze neu geplant werden müssen, haben wir am Ende noch eine Terrorlage, weil ein paar durchgeknallte Islamisten die Stadt in die Luft jagen wollen. Oder Querdenker, so gut sind die ja auch nicht zu unterscheiden. Aber so machen wir das hier eben in Bayern: irgendwas passiert, keiner weiß, wozu es gut ist, verantwortlich sind die anderen, aber reinreden soll uns auch keiner. Da kann die Mehrheit dann denken, was sie will.“





Zeitlupe

12 01 2022

„… die Bundesregierung sich zeitnah mit den Voraussetzungen für eine allgemeine Impfpflicht gegen das Corona-Virus befassen werde. Nach dem Einspruch von Bundestagspräsidentin Bas solle das parlamentarische Verfahren jedoch gründlich im Parlament beraten werden, um kein verfrühtes…“

„… von den Liberalen sehr begrüßt werde, falls sich die Beratung ergebnisoffen gestalte und zum Verzicht auf die Impfpflicht führe. Lindner sei von der Stabilität der Koalition überzeugt und werde daher sofort ein Misstrauensvotum gegen die…“

„… habe sich die Union immer strikt gegen die Impfpflicht ausgesprochen und halte sie in mehr als einem Punkt als verfassungsrechtlichen Trick der linkslinken Verbotsparteien, eine Terrordiktatur in Deutschland einzuführen. Brinkhaus sei überzeugt, dass die SPD die längst überfällige Zwangsimpfung nicht organisieren könne, da die Ampel mit der Haschlegalisierung und Gendern auf Befehl beschäftigt sei und Deutschland zu einem…“

„… komme eine gesetzliche Regelung im März immer noch rechtzeitig, damit die Umsetzung der amtlichen Kontrollen bis zum Herbst vorbereitet und unter Umständen noch in diesem…“

„… nach Erfahrung der Liberalen ein Gesetz nur dann nicht vom Bundesverfassungsgericht kassiert werde, wenn es von externen Beratern erarbeitet worden sei. Sollte es sich dabei nicht um ein Verkehrsprojekt handeln, dessen Finanzierung zudem mit dem Freistaat Bayern abgestimmt werde, seien die Chancen hoch, dass es im…“

„… der Bundestag ein Gesetz zur Impfpflicht gar nicht beschließen könne, solange die Anzahl der zu erwartenden Impfungen nicht bekannt sei. Für Kubicki sei eine gesetzliche Regelung nur dann mit dem Grundgesetz zu vereinbaren, wenn sie auf freiwilliger Basis oder als…“

„… zeige sich auch die Bundesregierung von der Notwendigkeit eines nationalen Impfregisters überzeugt. Die stetig fortschreitende Digitalisierung ermögliche es vielleicht schon bis 2030, mit den jetzt erhobenen Datensätzen ein einheitliches…“

„… plane die Regierung, bei der Abstimmung über das Impfgesetz den Fraktionszwang aufheben zu lassen. Unklar sei bislang, ob Abgeordnete der FDP, die auf der Gehaltsliste der pharmazeutischen Industrie stünden, durch zusätzliche…“

„… sich für Gespräche offen zeige. Merz sei von der Notwendigkeit überzeugt, eine allgemeine Impfpflicht per Gesetz zu beschließen, wolle dies aber nur bei einem zügigen Regierungswechsel und der Aufnahme der Kanzlerschaft ohne die nötige…“

„… nicht den Eindruck entstehen lassen wolle, dass Scholz ein Gesetz durchdrücken wolle, das in vielerlei Hinsicht zu komplex sei. Die Liberalen seien daher bereit, geschlossen gegen den Entwurf zu stimmen, um dem Prozess durch einfache…“

„… es Kreise innerhalb der Union gebe, die einen eigenen Gesetzentwurf vorlegen wollten. Für die Rechtskonservativen sei ein Impfzwang sehr begrüßenswert, wenn man bei Verweigerung durch Wirtschaftsasylanten und andere Nichtdeutsche die sofortige Abschiebung in die jeweiligen…“

„… noch mehrere Jahre warten müssten, um die Langzeitfolgen zu beobachten, damit Millionen von Deutschen vor Impfschäden geschützt werden könnten. Wagenknecht verlange von der…“

„… nicht zur Spaltung der Gesellschaft führen dürfe. Wie es in vielen anderen Bereichen schon heute üblich sei, beispielsweise bei Steuern oder im Verkehrsstrafrecht, halte Kubicki eine gesetzliche Regelung für sinnvoll, in der Sanktionen gar nicht erst verhängt oder bei Leistungsträgern nur in sehr geringem Umfang…“

„… erst eine gesicherte Wetterprognose für den Sommer haben müsste, bevor die Modellierung der Fallzahlen sinnvoll erscheine. Ein Impfgesetz, das im Herbst erneut beraten werde, komme dann möglicherweise genau richtig, um durch erneute Verschiebung im kommenden Jahr, wenn sich im Sommer die Fallzahlen nach einer gesicherten…“

„… Digitalisierungspläne der Bundesregierung nicht allein auf das Impfregister beschränkt bleiben dürften. Die in den nächsten Jahren gewonnenen Erkenntnisse könne man bis 2060 aufarbeiten, um zu einer beschleunigten Zeitlupe klimapolitischer Projekte innerhalb globaler Absprachen der…“

„… nicht von einem Gesetz abhängig mache, das von einer Regierung in Berlin beschlossen werde, die sich um einen großen Teil der in dieser Republik lebenden Menschen überhaupt nicht zu kümmern gedenke. Söder werde seine eigenen Pläne für das diesjährige Oktoberfest im…“

„… befinde sich Scholz zwar nach wie vor im Anpackmodus, wolle aber vorerst noch nicht entscheiden, ob er damit Beratungen, einen neuen Arbeitskreis, die Vorbereitung zu parlamentarischen Vorgesprächen in den Ausschüssen oder das…“

„… gingen die Äußerungen von Bas über die Kompetenzen einer Bundestagspräsidentin weit hinaus und seien für eine Amtsträgerin nicht mehr statthaft. Kubicki habe dies seinerzeit nur deshalb gedurft, weil er als Parlamentspräsident von so großer Erfahrung und fachlicher…“

„… müsse man den bereits geimpften Bürgern, die sich durch Lockdown und Verzicht auf Freizeit oder soziale Kontakte bereits große Verdienste in der Bekämpfung der Pandemie erworben hätten, in dieser Phase zu erkennen geben, dass sie weiterhin solidarisch für die, die auf nicht genehmigten Demos und vielen Intensivstationen mit dem Virus in Kontakt kommen würden, sich den großen Respekt der Sozialdemokraten, die auch weiterhin für große Anerkennung mit ihnen…“





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXCVI): Das Hausfrauenmodell

7 01 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Wenigstens das Problem hatte Rrt nicht, dass er weibliche Sippenmitglieder bei der Leitung seiner familiären Wohngemeinschaft berücksichtigen musste. Er sorgte für Bison und Buntbeeren, sein Weib, diverse andere Frauen sowie die Töchter, Nichten oder Schwippschwägerinnen verarbeiteten den Fang zu Braten, Suppe, Kleidung, Schmuck oder Kultobjekten. Das Paläolithikum war durchaus arbeitsintensiv im Abgang, auch wenn sich die Frau eher im Behausungsbereich beschäftigte – nicht, weil sie nicht im Zweifel Säbelzahnbiber in die Flucht schlagen zu vermochten, es machte nur ihre Verfügbarkeit für haushaltsnahe Dienstleistungen viel größer. Das Erfolgsmodell, das noch heute als Home Office praktiziert wird, es wurde in weiteren Entwicklungsstufen mit neuen Kulturtechniken bis zur Stütze der Gesellschaft etabliert, auch da noch, wo es vollkommen sinnlos wurde. Und wie die moderne Welt nun einmal ist, wenn etwas absurd ist und eigentlich in die Rundablage gehört, wird er bis zum Komplettkollaps verteidigt. So auch das Hausfrauenmodell.

Die in vergangenen Jahrzehnten bis 40 Stunden gesunkene Erwerbsarbeitszeit ist obsolet wie eine Postkutsche – sonntags in putzigen Filmen guckt man sich derlei musealen Murks gerne an, aber es wird in der Zukunft von heute schon keine Rolle mehr spielen, erst recht nicht im kommenden Mangel an Arbeit, die aus Digitalisierung und Automatisierung folgt, wenn wir sie irgendwann erreichen werden. Das traditionelle Strickmuster von Vater-Mutter-Kind-Kind-Familien als Norm der bürgerlichen Existenz zwickt wie eine zu enge Hose und hat nichts mehr zu tun mit einer Gesellschaft, der die Entkoppelung von Lohn und Arbeit längst als Lichtlein aufgegangen sein dürfte, auch und gerade durch die Pandemie. Jedes bessere Start-up, jede realistische Work-Life-Balance ist nicht mehr denkbar ohne eine partnerschaftliche Organisation von Arbeits-, Frei- und Pflege- oder Erziehungszeit, die in den meisten Fällen als Selbstverständlichkeit zwischen Tür und Angel erwartet wird, neben den anderen Selbstverständlichen wie Staubsaugen und Schlaf irgendwie aus den Rippen geschwiemelt und natürlich kostenlos, denn der Staat braucht ja auch Kinder und Ehrenamt, am besten aus den niederen Einkommensschichten, damit Leistungsträger sich zwischen Vorstand und Golf nicht so stressen.

Kinder, Küche, Kranke darf die Frau – natürlich die Frau, denn welcher echte Mann würde schon in Teilzeit gehen, ein paar Wochen nach der Geburt für den Nachwuchs zu Hause bleiben oder freiwillig als Putzhilfe die Karriere seiner berufstätigen Gattin im Hintergrund unterstützen – gänzlich gleichgestellt managen, da sie sich vom Hausfrauenmodell des 40-Stunden-Alleinverdieners die Ressourcen dazu freihalten lässt, um vielleicht ein bisschen nebenbei zu verdienen. Höchstwahrscheinlich landet sie in der Teilzeitfalle, kommt auch nach Jahren nicht mehr in den Job, hat im Falle der Scheidung oder als allein Erziehende entweder zu wenig Geld oder zu wenig Zeit, im Regelfall beides, und büßt so für den betonierten kapitalistischen Zwangs.

Wird jetzt alles anders, wo eine neue Regierung jubelnd egalitäre Teilhabe an der Lohnarbeit fordert und an der Fürsorge? Am Gesäß aber, Kameraden, denn die Lohnlücken ergeben sich nicht nur durch Minijobs, die früher oder später in die Altersarmut der weiblichen Bevölkerungshälfte führen, sie sind jetzt schon real durch schlechtere Bezahlung, durch faktische Nötigung eines Verdieners zum Acht-Stunden-Tag, durch ein unausgewogenes Modell des Elterngeldes, durch Ehegattensplitting, das den Anreiz zum Lohnunterschied so lange in die Köpfe drischt, bis Grundsicherung durchs Fenster grinst.

Wo es uns mittlerweile so gut geht, dass die Wirtschaft sich wieder auf zehn bis elf Stunden pro Arbeitstag kapriziert, darf der ansteigende Anteil an Singlehaushalten in der typischen Tretmühle gerne mitmachen, aber das ist nicht das Problem. Sie sind mit ihrer Erwerbstätigkeit annähernd ausgelastet, können aber im Falle der Familiengründung nicht einfach ein Viertel davon abgeben, beispielsweise für neue Stellen, die Anforderung und Bedürfnisse wieder in Einklang bringen. Alles, was Zeitmangel und Überarbeitung, die Hand in Hand gehen, an allfälligen Stressoren erzeugen, geht auch wieder zulasten der Gesundheit, die sich wiederum auf die Anwesenheit am Arbeitsplatz auswirkt. Der Kapitalismus und seine negativen Effekte bergen dem Überraschungen, der sich mit Scheuklappen durchs Dunkel tastet. Bei Tageslicht besehen hätte man diese Festspiele des Versagens weitaus früher wahrnehmen können.

Vielleicht lösen wir das gesamtgesellschaftlich. Die jüngst geborene Generation darf sich frei entscheiden und bekommt nicht mehr mit der Erziehung eingetrichtert, wie sie sich konform zu verhalten hat. Oder wir sorgen einfach nur dafür, dass sie so erzogen wird, dass sie ihren Kindern, die sie dereinst sicher auch haben werden, diese Art der Erziehung angedeihen lassen werden. Oder die ihren Kindern. Oder die ihren. Oder immer so weiter. Unter Umständen hat ja irgendwann jemand Zeit dafür, nach Spätschicht und Abwasch.





Warten auf den Sozialismus

5 01 2022

„Erlauben Sie mal, ich verbitte mir diesen Tonfall, Sie dummes Arschloch! Überhaupt, ich werde Sie verklagen, wenn Sie nicht auf der Stelle zahlen, das wollen wir doch mal… – Schetelig! Wird’s bald!

Sie haben mir doch schon wieder die Rechnung von der Mistbude nicht auf den Tisch gelegt, dabei habe ich Ihnen hunderttausend Mal gesagt, jawohl, da mache ich keinen Spaß, ach: da ist sie ja. In einem ordentlichen Kontor kommt eben nichts weg, das schreiben Sie sich mal hinter die Ohren. Das ist die Aufstellung vom ganzen vierten Quartal? Ich werde hier noch verrückt, Schetelig – man macht doch keine Aufstellung vom Quartal, wir laufen den Zinsen hinterher! Monatliche Rechnungsstellung, sonst kann ich hier bald zusperren, oder wollen Sie etwa Ihr Gehalt auch an Sankt Nimmerlein? noch nicht angekommen? Ja, da hat Puschke wieder die Listen verlegt, das kennt man ja schon.

Gehen Sie mir mit langjährigen geschäftlichen Verbindungen, davon kann ich mir nichts kaufen. Die Firma ist marode, Hagen & Co. sind ja damals nur von meinem Großvater, und das waren noch ganz andere Zeiten, die hatten Geld wie Heu, wir haben den Kredit bekommen, und seitdem sind wir quasi ein Herz und eine Seele. Aber dass die nicht zahlen, ist ein Skandal! Als erstes setzen Sie sich mal mit dem alten Hagen ins Benehmen, wenn die nicht zahlen können, dann lassen wir eben ab sofort nur noch von Rott & Plauer liefern. Gute Adresse, die haben zweimal die Insolvenz abgewendet, ich kenne die noch von der Zwangsversteigerung, als die alte Gießerei von meinem Onkel pleite ging.

Ich will jetzt nicht gestört werden, wer ist denn da am Apparat? Nein, ich will jetzt nicht reden. Sie können ja gerne mit dem reden, ich habe jetzt keine Zeit. Ist das überhaupt korrekt aufgestellt? Nicht, dass wir hier eine Rechnung verschicken, und dann sind die Zahlen nicht… – Schetelig, Sie haben doch Prokura, da muss man sich um alles kümmern! Ich habe das damals noch so gelernt: wer ein Geschäft ordentlich führen will, muss immer und überall für Kundschaft erreichbar sein. Es gibt keine kleinen Kunden, es gibt nur kleine Geschäfte, merken Sie sich das! So, und jetzt geben Sie das mal Puschke, der soll sich um den Kinderkram kümmern. Es ist ja nicht zum Aushalten hier!

Übrigens großartig, dass wir demnächst wieder eine richtige Regierung haben. Die vier Jahre, die sind schnell vorbei, Hauptsache: wir kriegen keine Inflation. Dann steigen die Löhne, und die Leute geben ihr Geld für alles mögliche aus, aber nicht mehr für unsere Rechnungen. Sie brauchen mir das nicht zu erklären, Schetelig, ich habe das gelernt. In meinem Alter macht mir niemand mehr so leicht etwas vor. Sonst wäre ich nicht hier.

Gut, gehen Sie ans Telefon, dann mache ich das selbst. Zweihundert, vierhundert, sechzehnhundert und die Umsatzsteuer, das sind ja schon wieder jede Menge Unkosten, das wird der Alte sich nicht mehr leisten können, wahrscheinlich ist er auch kurz vor dem Konkurs. Aber ich kann doch deshalb meine Preise nicht senken, und überhaupt, er hat doch den Lieferschein unterschrieben, soll ich jetzt in den Schornstein gucken!? Schetelig, wo Sie schon mal dabei sind, prüfen Sie gleich die Voraussetzungen für eine Zwangsvollstreckung. Die Brüder sind mit etwas Glück schon klamm, dann so eine Rechnung, und wir springen als nächste über die Klinge. Aber nicht mit mir! Das wäre ja unglaublich, warten auf den Sozialismus, und dann lassen sie die Gläubiger im Regen stehen! Schweinerei, so etwas!

Was ist das hier überhaupt für eine komische Rechnungsnummer, wie kommt man dazu? drei auf einmal? Nicht bezahlt im Oktober und November, und jetzt alles auf einmal? Schetelig, Sie sind der Nagel zu meinem Sarg! Wir sind doch nicht die öffentliche Kreditanstalt, das kann man doch nicht machen! Wenn das jeder versuchen würde, wir wären umgehend bankrott! Mit solchen Schulden kann ich mich bald als Finanzminister bewerben, ach was: Sie sollten das machen! Die Leute fressen mir die letzten Haare vom Kopf, und ich schaue seelenruhig zu, wie man mir das Haus wegpfändet! Manchmal glaube ich, ich bin überhaupt nur von Idioten umgeben! Von Idioten, Schetelig!

Sehr gut übrigens, dass die Steuern jetzt doch gesenkt werden. Wissen Sie, wenn die Leute wieder mehr Geld haben, steigt nicht nur der Konsum, es ist auch gut für die Zahlungsmoral. Wir müssen mal an den Juniorchef von Robofix ran, der hat letztens eine nette Summe in die Gießerei gesteckt – kein großer Erfolg, aber investieren muss man immer. Mit etwas mehr Kapital könnten wir auch Kunden wie diese hier halten, die nie pünktlich sind. Da schaut man eben mal durch die Finger, großzügig muss man sein, dann hat man solche Malessen nicht und auch keine Scherereien mit der Bank. Sie gehen da nächste Woche mal vorbei, ich kann mich bei denen nicht mehr blicken lassen.

Jetzt gehen Sie halt dran, Puschke! Das ewige Geklingel macht einen ja ganz nervös, wir haben unsere Zeit ja nicht gestohlen. Die Leute auch nicht, da haben Sie ganz recht. Zehnmal? seit halb elf? Ich habe gesagt, jetzt übertrieben Sie nicht immer so. Zehnmal? Die haben nichts Besseres zu tun? Läuft wohl nicht, der Laden. Hähähä! Ja, geben Sie her, das ist die letzte Aufstellung? Wem? Oktober und November nicht drin? weil ich selbst unterschreiben wollte? Ich unterschreibe natürlich selbst, ist doch mein Geschäft! Wie, Hagen & Co. – das heißt, nicht die schulden uns sechzehnhundert, Gebühren für die Mahnung kommen noch drauf? Kinder, wir wären längst abgesoffen, wenn ich mich hier nicht um alles selbst kümmern würde!“