Aktivierendes Pflichtbekenntnis

24 03 2022

„Das mit der Transsubstantiation haben Sie kapiert? Ich frage nur, manchen ökumenischen Teilnehmern ist ja die Unterscheidung sinnlich wahrnehmbarer Akzidentien von einer Substanz im aristotelischen Verständnis gar nicht klar, weshalb wir auch mit Kannibalismusvorwürfen konfrontiert werden. Wer bei uns steuerpflichtiges Mitglied wird, sollte diese intellektuellen Feinheiten schon kennen.

Früher haben sich die Menschen ja größtenteils mit Glaubensinhalten beschäftigt, wenn sie aus der Kirche austreten wollten. Deshalb haben wir ihnen auch unsere Bodentruppen auf den Hals gehetzt, damit wir sie wieder einfangen können. Aber wenn man eben in dieses System hineingeboren wurde, nie etwas hinterfragt hat und seine Zugehörigkeit nur am Lohnzettel merkt, geht das auch leicht. Seit wir jetzt so eine Art aktivierendes Pflichtbekenntnis mit Kompetenzprüfung haben – erinnert ein wenig an die linksreformatorische Täuferbewegung – ist die Sache natürlich schwieriger geworden. Früher mussten man nur mal auf der Straße fragen, was Pfingsten bedeutet, mit den Antworten hätte man ein Zirkusprogramm bestreiten können. Jetzt haben wir einen qualitätsgesicherten Prozess, der nur die aufgeklärten und religionsgeeigneten Personen in die Kirche reinlässt. Das ist schon ein Fortschritt.

Haben Sie das Faltblatt zur Dogmatik gelesen? Das wird abgefragt. Besonders das Dogma von der päpstlichen Unfehlbarkeit, das müssen Sie kennen. Das hat der Papst übrigens zuletzt beim Dogma der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel in Gebrauch genommen. Praktisch, oder? Das ist so ein echter Boss Move, Sie können sich als Papst einfach nicht irren, und wenn Ihnen eine tolle neue Idee für einen Feiertag einfällt, für den es keinen biblischen Beweis gibt, zack! Unfehlbarkeit. Also das müssen Sie neben der Eucharistie drauf haben, sonst können Sie sich so eine Messe schenken.

Natürlich ist da jede Menge Murks dahinter, der schlicht auswendig gelernt wird. Das betet man nach, das sind die Spielregeln bei Kulthandlungen, wann der Priester die Mütze aufsetzt und mit der Spardose die Kirche vollqualmt. Als Protestant ist die Vorbereitung auf die Kirchenzugehörigkeit eher Gedächtnistraining, da sagen Sie sämtliche Gebote und das Glaubensbekenntnis auswendig und die Erklärungen im Katechismus, die dann gleichzeitig als Ersatz für theologische Grundsatzdiskussionen gelten. Man muss ja nicht alles wissen, man muss nur wissen, wo es steht, und was es bedeutet, ist ja nicht ganz so wichtig. Wenn Sie Ihren Pastor mit ontologischen Fragestellungen nerven, halten Sie nur den Betrieb auf.

Bei den Katholiken ist das schon anders, da wird auf moralische Fragen besonders geachtet. Vor der Firmung beispielsweise werden Sie gefragt, ob Sie denn auch rein sind – also im kultischen Sinn, was natürlich ein gewisses Alter voraussetzt, aber ab sieben sollte man schon wissen, was falsch und was richtig ist, und ab dann kann man so einem Kind schon mit Schuldgefühlen die Restexistenz in die Tone treten. Hat der Firmling noch kein eigenes Sündenbewusstsein entwickelt – Glück gehabt, man weiß ja nie, wo der Pfarrer da seine Finger drin gehabt hat. Und fühlt sich das Kind sündig, dann ist es für die Idee einer psychischen Unterdrückung gewonnen. Professionelle Katholiken entledigen sich regelmäßig durch die Beichte vom Druck und sündigen dann fröhlich weiter, aber das wird ja so gut wie nie öffentlich empfohlen. Verboten hat es die Kirche aber bisher nicht, zumindest nicht bei ihrem hauptamtlichen Personal.

Ja, da sind Sie überrascht, aber das ist halt der übliche Weg. Erst werden Sie umfassend über die Inhalte aufgeklärt, dann können Sie entscheiden, ob Ihnen der Spaß die monatlichen Gebühren wert ist. Gemäß Bundesgesetz ist ein Kind schon ab dem vollendeten zehnten Lebensjahr zu hören, wenn in der religiösen Erziehung eine Veränderung eintritt. Was da vorher stattgefunden hat, wurde zum Glück für die Kirchen bisher gar nicht berücksichtigt. Da wurden Sie in die Konfession Ihrer Eltern geboren, ab dann gilt: mitgegangen, mitgefangen. Ausnahme war auch hier, wenn Sie wegen einer Behinderung als nicht vernünftig genug erschienen, um wider die Vernunft die Eucharistie zu empfangen. Sie sind ja erst beim Verstehen der Transsubstantiation in der Lage, diesen Ritus intellektuell zu erfassen. Aber das hat die Kirche schon vor Jahren abgeschafft, auch erst nach der Vorhölle, weil Sie durch den Tod vor der Taufe irgendwie doch sündig sind – in dem Fall war das Ableben vor der Firmung der Grund für die mangelnde Reinheit, sonst ist das andersrum oder hängt vom Sündenbewusstsein ab, aber so eine Fundamentaltheologie macht ja nur Spaß, wenn man sie machen kann, wie’s halt in den Kram passt.

In der Hinsicht ist Religion tatsächlich so etwas wie eine limitierte Gesellschaft. Natürlich nur für die, die das hauptberuflich betreiben. Sie müssen für die Aufnahme in den Club erst mal Prüfungen ablegen, hier und da werden Gebühren fällig, und wenn Sie erst mal drin sind, können Sie machen, was Sie wollen. Ob Sie jetzt Fußpfleger sind oder Priester, ganz egal. Falls Sie doch einmal Stress kriegen, hetzt der Verein die besten Anwälte auf das Rechtssystem außerhalb der eigenen Mauern, und ob das wirklich strafbar ist, wenn Sie vor einem Firmling die Hosen herunterlassen, das entscheiden dann im Zweifel Sie selbst.

Sie müssen sich nicht jetzt entscheiden, Sie haben Zeit, und wenn Sie gar nicht wollen, lassen Sie es einfach. Nur noch ein gut gemeinter Rat, weil hier ja noch andere Prospekte herumliegen: die andere Esoterik ist auch nicht kostenlos.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (DCI): Spiritualitätsmarketing

11 02 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Eigentlich war die Sache für Uga recht einfach, da die transzendenten Bedürfnisse der Sippe sich auf zwei Bereiche konzentrierten: die einen hofften auf Jagdglück, die anderen nahmen nicht mehr an der Nahrungsaufnahme teil und mussten zeitnah im Wald entsorgt werden. Dass für jede Seite des Stoffkreislaufs eine einzelne Kraft zuständig war, die alsbald einen eigenen Namen erhielt, eigene Riten zur Anbetung, eigene Aufgaben und eigenes Brauchtum, verwirrte nicht nur die Mitglieder der Gemeinschaft. Auch die für Schamanismus und Totenkult zuständigen Fachkräfte sahen sich schnell in fundamentaltheologische Diskurse verwickelt, zumal mit dem beginnenden Ackerbau auch die Geister der Fruchtbarkeit in der mythologischen Rangfolge aufstiegen und sich mit den in anderen Sippen verehrten Ahnen- und Feuerkulten zu einer durchaus logischen Vorstellung verbanden, die über den Augenblick hinaus Identität stiftete. Gerne nahmen Besucher der Trolodyten an der westlichen Felswand dickliche Statuetten mit, die hinfort als Mondgöttin, Große Mutter oder schlicht Schöpferin der Welt in der Zentralsteppe fungierten. Die Frage begann die Menschen zu interessieren, wo sie denn herkämen, und es gab mehr als genug Antworten.

Das heutige Sakralgulasch aus Jesus-Yoga und Mahayana-Kabbala ist das Ergebnis der üblichen Sinnsuche, die mit der eigenen Sterblichkeit startet, sich über bildhafte Mythen zu geistig vorstellbaren Gottwesen hangelt und schließlich aus dem Quark ein systematisches Gebäude schwiemelt, das in der organisierten Welt natürlich verwaltet, geführt und nicht zuletzt kostenpflichtig vertrieben wird, um den inneren Frieden der Schafherde zu sichern. Aus allerlei Erweckungs- und Feinstofftrallala strickt der jeweilige Teilzeitguru eine nach traditioneller Schulphysik absurde Weltvorstellung, die für jedes Problem eine Antwort aus dem Ärmel zieht, den meist in privater Mission zur Weisheit gekommenen Erleuchtungsträgern die Taschen füllt und dafür den Jüngern die einzig wahre Wahrheit verschafft, die es so noch nie gab. Zwar folgen den Meistern nur ein paar Auserwählte, die sich nicht unbedingt wundern, warum das Wesen, das ganz allein das Universum erschaffen hat, die Errettung der Erde unbedingt einem wegen Scheckbetrug und Fahren ohne Führerschein mit fünf Halben in der Rübe vorbestraften Schiffschaukelbremser aufgetragen hat, der bisher nicht über das Weichbild von Bad Gnirbtzschen hinausgekommen war, wenn man von den drei JVA-Sitzgelegenheiten absieht, aber sei’s drum – Buddha soll nicht einmal ein Auto gehabt haben. Und man muss ja auch dran glauben.

Schon die Einführung neuer Religionen ist nicht immer von Erfolg gekrönt, wie Amenophis IV. bei der Umgestaltung der ägyptischen Götterwelt zum Monotheismus Priester wie Laien vors Knie trat und auf wenig Verständnis stieß. Und das, obwohl die Sonnenverehrung von Kelten, Inuit und Inka, Assyrern und Phöniziern als Allroundglaube für die ganze Familie angeboten wurde und sich in Gestalt des Sol Invictus bis heute als Convenience-Produkt des bürgerlichen Christentums kommerziell gut ausschlachten lässt, auch wenn die meisten nicht ahnen, dass er der wahre Weihnachtsmann ist. Die brillante Idee eines gut konsumierbaren Glaubens, der sich problemlos in den Lifestyle der Leute integrieren und je nach Bedürfnis sanft oder radikal ausleben lässt, hängt also nicht allein vom Angebot ab, sondern vor allem von der Nachfrage, und die kann man bekanntlich steuern. Wozu es Marketing ja schließlich gibt.

In der Gegenwart ballert sich jeder Honk seinen individuellen Mix aus Zen und Zarathustra zurecht, kreiert zur Tao-Tantra-Taufe im Thortempel mit Hare-Maria-Rebirthing sein evangelikales Voodoo-Mantra, mit dem er jederzeit auch Heilhüpfen in konzentrischen Kreisen um das Feuer der Venus vollführen kann, ohne gegen gnostische Dogmen zu verstoßen – wie in jeder anständigen Esoterikblase glaubt jeder den eigenen Schmodder, singt bis zum Frühstück Psalmodien und schwenkt danach auf den Edlen Achtfachen Pfad um, verzichtet bis auf Schnaps auf alle Drogen und rezitiert zur Vorsicht sämtliche Sutren nur in Landessprache. Irgendwann hat er das Gefühl, er müsse zur Abwechslung mal wieder in die Kirche; meist kommt das zu Ostern, dessen Bedeutung ihm auch nur noch vage geläufig ist, oder beim zufälligen Blick auf den Lohnzettel, der immer noch eine steuerpflichtige Konfession aufführt. Ansonsten aber ist der moderne Mensch glücklich und zufrieden, wenn er sich von einem größenwahnsinnigen Dummklumpen vorschreiben lassen darf, wie er sich ernähren, die Fortpflanzung gestalten und kleiden soll, immer dessen eingedenk, dass er für die wesentlichen Grenzsituationen wie Geburt oder Tod nicht auf sozialkompatible Formen der geistigen Vereinigung hoffen darf, und dann geht’s schnell zurück zum Pastor. Das Verfahren ist von Alternativmedizinern und richtigen Ärzten aus dem durchschnittlichen Ernstfall bestens bekannt. Jäh fragt sich dann der Bekloppte, wohin denn er nun gehe, und siehe, es gibt auch da keine ansatzweise befriedigende Antwort. Man muss halt daran glauben. Wem kaufen wir das nur ab.





Die Priester

25 04 2021

Nur eins ist ärmer noch als alle Götter,
es ist der Priester, der die Menschen narrt.
Dort stehen sie, in Angst und Schmerz erstarrt,
und hoffen unterm Himmel auf die Retter,

die Zorn verkünden laut in Sturm und Wetter,
dieweil ein Magier lächelt hinterm Bart,
wie er genau so auf die Sonne harrt
und seinesgleichen ist ein übler Spötter.

Sie spielen mit den Mengen, weil die Mächte
sie reizen, so verkleidet als Gerechte
die zu bestrafen, andere zu trösten.

Doch ist ihr Schicksal gleich. Dieselben Leiden
ereilen sie, sie werden nichts vermeiden
und wissen: keine Götter, die erlösten.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DLII): Aberglaube

19 02 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Rrt musste es von einem Schwippneffen aus der dritten Quersippe angenommen haben. Jedenfalls klemmte man sich nun nicht mehr die Reiser des Buntbeerenstrauches symbolisch hinters Ohr, um das Jagdglück auf die Säbelzahnziege zu locken, man malte rote Beschwörungsbilder auf die dem Sonnenaufgang nächstliegende Wand der Höhle, in der das Tier zerlegt werden sollte. So oder so, meist zerlegte das Tier eher den Jäger, doch wer stur mit Zweig am Horchlöffel auszog, wurde fortan schief angesehen. Oft hielt man die Leute für etwas naiv bis ziemlich doof, und da Be- wie Verschwörung auch theoretisch gut funktioniert, dichtete man den Spökenkiekern mit dem Grünzeug auch gern etwas anderes am Kopf an, das bestimmt Unglück für den Rest der Sippe bedeutete. So wuchs auf durchaus gut gedüngtem Boden, was der durchschnittliche Feuchtbeutel bis heute Aberglauben nennt.

Aberglaube, das Wort drückt den Widerspruch aus, in dem sich die offizielle Frömmigkeit zu ihren meist sorgsam vergrabenen Wurzeln befindet; der sich mit Totem und Talisman behängende Bürger weiß natürlich, dass Laufrichtung und Farbe einer Katze nichts mit Zu- und Unfällen zu tun haben, lehnt auch die mittelalterlichen Begleitexzesse am Rande der Hexenverbrennung ab, gruselt sich aber instinktiv und vertraut auf vierblättrigen Klee als praktischen Angstlöser. Die superstitio ist übrig geblieben aus versunkenen Kulturen eines vorwissenschaftlichen Zeitalters, allerdings nur in den Formen, die sich nicht für eine geschmeidige Umsemantisierung eigneten. Den Krähenruf als Boten des Todes lehnt der aufgeklärte Citoyen ab, den christlichen Blutritt als Schutzzauber für exakt einen Herrschaftsbereich erkennt er als überformten Mystizismus gegen germanische Geister noch an, die inzwischen säkularisierte Fahnenweihe, bei der das Mana eines energiegeladenen Objekts durch die Berührung auf ein anderes Objekt übergeht und so die militärische Unschlagbarkeit eines Bataillons sichert, steht als behördliche Kulthandlung sowieso jenseits jeder Kritik und wird nur von gottlosen Kulturzerstörern abgelehnt. Aberglaube ist die bucklige Schwester der staatstragenden Religion, an die man glaubt, um sein soziales Image gegen die Anfeindungen des Teufels zu imprägnieren.

Doch ist er so hartnäckig wie produktiv, nutzt die Mundpropaganda und die Nachahmung in jeder Phase der Sozialisierung, ist bis zum Amorphen verform- und verschwiemelbar und dabei schneller unterwegs als die im Ritus langsam verkrusteten Strukturen und Inhalte des Hochglaubens. Während der postmoderne Pater noch nach seinem Brevier kramt, um das passende Stoßgebet zu finden, hat Erika Mustermann schon auf Holz geklopft.

Die Produktivität dieser Wahnvorstellungen, die oft einfach der Angstregulation und der Erklärung komplexer Sachverhalte dienen, sorgen so auch für eine fröhliche Auferstehung aller Hirnrissigkeit, die in schwierigen Zeitläuften den Bekloppten aus der Rübe rattert: mit magischen Mätzchen will der Bekloppte sich ein radikal vereinfachtes Weltbild zurechtzurren, damit das Denken ja kein Kopfweh macht. Was sich messen, zählen, wiegen und wägen lässt, das lässt im Epizentrum der Behämmerten die Gewissheit wachsen, Herr seiner Welt zu sein. Wo die Situation sich verfinstert, weil Zusammenhänge nicht auf den ersten Blick als solche zu erkennen sind – oder in ihrer Unerbittlichkeit das gewohnte Bild einer beherrschbaren Umgebung in die Tonne treten – glaubt der Hominide buchstäblich alles und alles buchstäblich. Wo sich mit institutionalisierter Vernunftreligion nichts mehr wegzaubern lässt, da greift der Kurzstreckendenker zu den religiösen Hausmitteln aus dem gut eingetrockneten Lager der Altvorderen: Hasenpfote und Hühnergott, jeder Strohhalm hilft, denn in angespannter Lage versteht eins die Welt vor allem zeichenhaft, ohne jedoch einen Gedanken daran zu verschwenden, dass sich jeder aus Vogelflug und Gespenstern seine eigene Semiotik zusammenklöppelt. Allein dadurch, dass wir dem Tragen roter Mützen eine tiefe Bedeutung beimessen, die je nach Überlieferung für Reichtum sorgt oder die Wahrscheinlichkeit eines Brandes erhöht, schafft sich Illusion den Resonanzboden, den sie für ihre Selbstwahrnehmung als Realität nutzt. Man wird schon der organisierten Form von Hokuspokus nicht Herr, es wird gependelt und mit Heilstrahlen gewedelt, gesundgebetet und allerhand Murks für teuer Geld verkloppt. Was nun billig und schnell anwendbar ist, wenn man nur selbst daran glauben kann, setzt sich an die Spitze sämtlicher Desinformationskampagnen, die von Arschgeigen gegen Urteilskraft und Erkenntnis gefahren werden.

Wie putzig, dass sich in einer Gesellschaft der Leistungsträger die Verunsicherten auf esoterischen Firlefanz verlassen, der nur auf Selbstbetrug und Wunschdenken beruht und nichts als Täuschung hinterlässt – und Enttäuschung. Aber was erwartet man von einer Gesellschaft, die den Kapitalismus als Glaubenssystem wählt, das auf der irrationalen Vorstellung vom materiellen Fetisch als Retter vor der Bedeutungslosigkeit beruht. Wer’s glaubt, wird selig, wozu zeitnahes Ableben Voraussetzung wäre. Alles wird gut. Bei wem auch immer.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXLVII): Der Aluhut als Ersatzreligion

15 01 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Irgendwann werden sie angefangen haben, sich die Welt zu erklären: warum jeden Tag die Sonne aufging, die Jahreszeiten wechselten und das Gras wuchs, wenn man Körner auf den Acker streute, unter dem die Ahnen lagen. Die ersten ethischen Fragen schienen auf. Wächst das Gras schneller, wenn wir die Verwandtschaft frühzeitig unter die Scholle schieben? Haben die Jagdtiere eine Seele, die uns für den Verzehr bestraft? Hat der Hominide in der Natur eine Sonderstellung, weil er sich für intelligenter hält als andere Wesen, die ohne seine Existenz ein wunderbares Leben hatten und es auch weiter gehabt hätten, würde er nicht immerzu seine dämlichen Griffel in alles reinstecken und es für Fortschritt halten? Irgendwann muss der Mensch die Zusammenhänge in mythologische Formen geschwiemelt, mit rituellen Handlungen verknüpft und in ein systematisches Konzept gepresst haben, das er fortan für wahr hielt, wenngleich sich diese Wahrheit nicht empirisch begründen ließ – abgesehen vom Wahrheitsbegriff, den jede Religion für sich beansprucht, die durch Götzen, Geister und Götter geformt die Opfergabe von Tierblut als unerlässlich für die nächste Ernte ansah oder den Genuss von Backwaren und Alkoholika als bindend betrachtete für ein feinstoffliches Weiterleben nach der Rückkehr des Körpers zur Biomasse. Irgendwo zeigt sich dann der Bruch, die Wissenschaft dringt jäh ein in die Zaubererzählungen, es gilt keine Geschichte vom Weihnachtsmann mehr und kein Fantasyelaborat von Männern, die übers Wasser laufen und in den Himmel reiten. Dann aber muss schnellstens Ersatz her.

Spätestens durch den Einbruch protestantischer Tugendethik, die mühsam als Markt verkleidet die Gesellschaft mit ihrem Selbsthass terrorisiert, ist der Glaube eine säkularisierte Veranstaltung, die nur noch aus Gründen der Opportunität stattfindet. Ostern und Zuckerfest sind ökonomische Marker im Einzelhandelsjahr, Platzanweiser für korrekten Konsum und ansonsten private Events, die unter Beobachtung des sozialen Nahbereichs ablaufen. Die ordnende Kraft des Religiösen, die das Glauben an sich bestimmt, ist fundamentalmaterialistischen Anschauungen gewichen, unter denen sich auch moralische Ansprüche kommod verstauen lassen. Ob die Risse im Gebälk der Aufklärung auch die Unsicherheit zeigen, mit der sich die realistische Geisteshaltung der Postmoderne herumschlägt? Wir sind uns dessen zumindest nicht bewusst, neigen zu Übersprungshandlungen und Übertreibungen.

Eine der psychologisch wichtigen Aufgaben von Religion ist die Bewältigung existenzieller Krisen; der Verlust eines Länderspiels, lebensbedrohliche Erkrankungen oder die Aussicht auf das eigene Ableben sind Grenzerfahrungen, mit denen wir nur ungern konfrontiert werden. Geht uns nun der stabilisierende Rahmen des Grundvertrauens in eine metaphysische Ordnung verlustig, was zusätzlich eine geistige Krise provoziert durch den Einbruch des nicht mehr Fassbaren – ein Paradox, das sich bei Verfügbarkeit strafender Gottheiten gar nicht erst zeigt und bei gleichzeitig barmherzigen in ein lustiges Logikwölkchen löst – bedürfen wir rasch eines tauglichen Substitutionsgutes. Hier kommt die Verschwörungsideologie in ihrer praktischen Form des leicht Begreifbaren ins Spiel, beispielsweise in Gestalt des Aluhutes, Querbommels oder einer beliebigen Flagge, die man beliebig hochhält.

Die faktische Kraft des Irrationalen erlaubt uns, alle möglichen Sperenzchen zu einem Synkretismus aus geistigem Bauschaum und sozialverträglichen Wahnvorstellungen zu vermengen, der gleichzeitig die Schuldfrage klärt, wenn wir für unsere eigene Beklopptheit nicht bestraft werden wollen, und die Irritation unserer elementaren Überzeugungen durch Externalisierung auf böse Mächte schieben lässt. Sinn stiftet das nicht, aber darauf kommt es vorrangig nicht an; es erlaubt dünn angerührten Kaspern, sich an der selbst zusammengekloppten Krücke einigermaßen durch den Morast der eigenen Ängste zu schleppen, ohne übermäßig rational zu werden, da dies Rechenkapazität zieht und die hedonistisch geprägten Gewohnheiten durch lästige Fragen stört. Hat sich die Schwurbelgurke erst einmal mit der Problematik beschäftigt, welche Konsequenzen sein normiertes Spießerdasein mit sich bringt, für ihn und für andere, besteht immer die Gefahr, dass die Fragen nicht mehr aufhören. Beten und Büßen wären eine nette Übung, sich zu exkulpieren, leider ist die himmlische Instanz gerade im Nirwana verdampft.

So unternehmen die Rotte der Stumpfstullen wütende Wallfahrten, latschen pöbelnden Priestern hinterher und spenden eine Menge Kleingeld für eine Erlösung, die man nicht sehen kann und an die man besser nur glaubt, nachdem man sie als absurd anerkannt hat. Wir sind verloren, wenn wir nicht begreifen, dass diese Ansammlungen fanatischer Flusenlutscher der Untergang der freien Welt ist, wenn wir sie nicht in ihre Löcher zurück stopfen. Die Erleuchtung kam noch nie aus dem Dreck, und die Auffassung allein, dies als legitimen Glauben zu tolerieren, macht nichts besser. Nicht einmal da, wo das Pathos des Unbedingten wirkt.





Kleine theologische Besteckkunde

1 11 2020

für Christian Morgenstern

Man weiß genau, dass hunderttausend sitzen
an Engeln auf den vielen Nadelspitzen.

Des Teufels aber sind auch spitze Listen,
so warnte man beim Speisen schon die Christen,

dass sie die Gabel mit den dünnen Zinken
nicht oben hielten: sollte Unheil winken.

Denn alle, die da Leichtsinn walten ließen,
warnt man, sie würden Engel gar aufspießen.

Man äße allgemein die Mahlzeit besser
und frömmer obendrein mit einem Messer.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXXXVIII): Lifestyleesoterik

30 10 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Früher war Religion noch ein konsistentes Denkmuster. Uga hätte nur einmal die abendliche Bitte an die Sonne vergessen müssen, am nächsten Morgen wieder aufzugehen, und die Sippe hätte ihn ohne zu zögern gelyncht. Vielleicht hat er es nie vergessen, vielleicht wurde die Kontrolle derartiger Rituale auch nur sehr nachlässig betrieben. Oder sie wurden allmählich zum Weg der Freizeitgestaltung, den man aus sozialen Gründen mitging, während doch alle wussten, dass alle wussten, dass es nicht mehr um überlebensnotwendige Handlungen ging. Erst spätere Zivilisationen sollten endgültig die Verbindung kappen zwischen geheimkramender Methode und tatsächlichem Sinn, den es darin zu erkennen gab, gerne auch auf mehreren Ebenen. So entstand unabwendbar die Lifestyleesoterik.

Die typische Wohneinheit einer allein lebenden Grützbirne mittleren Alters in einem eher nicht so spannenden Beruf zeichnet sich eh schon durch ästhetische Verwirrungen aus, die an der Grenze zur Transzendenz nicht unbedingt umkehren. Hier und da gesellen sich buddhistische Dekoelemente zum indianischen Traumfänger, original gedruckte Ikonen aus taiwanesischen Klöstern stehen neben der obligaten Nofretetenbüste auf dem Schränkchen mit Kochbuch und Räucherwerk – um nach dem Meeting den Kopf wieder zu entlasten, rettet sich die Dumpfdüse in eine Runde Ziegenyoga, gerne am veganen Wochentag mit ayurvedischen Drinks direkt aus dem Kühlregal an der 24-Stunden-Tanke.

War die ethische Funktion der Religionen noch aus dem Gefühl entstanden, fortwährend beobachtet zu werden, ballert sich der mystische Schnösel im Zweifelsfall die Bude mit Feng Shui voll, labert am Feierabend die Topfpflanzen zu und hält sich allen Ernstes für spirituell erwacht. Ein psychedelisch wirksames Raumspray wäre hier eindeutig die schmerzfreiere Variante gewesen, aber reicht ein Bausparerabitur bis in diese gedanklichen Gefilde? Gläubigkeit ist immer das, was man daraus macht, insofern darf jeder nach seiner Façon selig werden.

Nebenbei sind ja traditionelle Rückbindungen an die eigentlichen Glaubensvermarkter nicht selten noch produktiv, auch wenn sie im Zuge moderner kapitalistischer Verwertbarkeitsmechanismen nur noch als Einkaufs-, Party- oder Urlaubsgelegenheit wahrgenommen werden. Der hippe Jetztzeitler ist stets imstande, seine synkretistischen Vorstellungen von Göttern und Geistern mit neuen Features zu optimieren, ein bisschen Reinkarnation hier, etwas Karma dort, Sitzmeditation, Kabbala, Klangschalen fürs positive Chi. Das haben die antiken Vorfahren schon gemacht und alles umsemantisiert, was nicht bei drei auf dem Maibaum hockte – viel hilft ja bekanntlich viel, zur Sicherheit in einem Aufwasch Mutter Maria, Isis und Kybele anzubeten kann so falsch nicht sein, wenn alle es machen. Daneben tut man sich aber aus reiner Gewohnheit freitags noch einen Rosenkranz an und lässt den Nachwuchs im Kreise der Familie sowie unter den Augen der buckligen Verwandtschaft taufen. Man weiß ja nie.

Dass sich Spiritualität als Gehhilfe für einen halbwegs stolperfreien Pfad der Erkenntnis eignet, wird keiner bestreiten, der damit sein Geld verdient. Nach dem Genuss mehrerer angesagter Workshops, in denen Reiki als Königsweg gelehrt wird, sich das Fett über den Chakren wegzukneten, fühlt sich die einsame Seele endlich wieder in der Gnadenzone angekommen und genießt den Sinn des Lebens. Die schnelle Lösung ist bekanntlich die beste, man schwiemelt sich ein Pfund Heiligkeit an die Wand und ist schon angekommen im Wir-Gefühl der Knalldeppen. Andere brauchen dafür viel Schnaps oder fünftausend Kilokalorien pro Tag, müssen auf Rollschuhen hinter einem Rennwagen kleben oder am Seil in die Tiefe hüpfen, bis sie inkontinent sind. Einfacher geht’s doch mit linksgerührtem Vollmondwasser, Powerpendeln über dem eigenen Nabel und allerlei glitschigem Engelgedöns. Die Wahrscheinlichkeit, diesen offenporigen Versuch einer Hirnausschaltung zu überleben, liegt immer noch oberhalb derer bei Anwendung von Schnaps.

Die Transzendenz hat ihre Funktion verloren, und wer sie einem gekonnt wiedergibt, sind meist nur dödelige Sektenfuzzis, die in die psychischen Notstandsgebiete gründlich gestresster Großstädter einfallen wie die Borg in einen Kindergarten. Nach sattsam bekannten neoliberalen Spielregeln wird das als Patentrezept verkauft, das wirken muss, weil man ja daran glauben kann – und keiner würde für ein allseits beliebtes Abführmittel aus Überzeugung eine Menge Geld ablaschen und sich dann als der eine outen, der sein Problem immer noch an der Backe hat. Dann nimmt man die Sinnsuche schon beherzt in die eigene Hand und weiß, dass es von jedem selbst abhängt, Erlösung zu finden. In einer freien Gesellschaft lassen sich alle zur Verfügung stehenden Mittel und Wege frei kombinieren, alle phänomenologischen Sperenzchen, alle dogmatisch verquasten Zerlebungsanzeichen einer Kasperade, die sich selbst für relevant hält. Es geht uns gut. Wir sind immer noch imstande, selbst zu unseren schamanischen Geistheilern zu humpeln. Macht die Nachbarin ja auch. Natürlich nicht, ohne sich einen Christophorus in die Karre zu pappen.





Gefahr der sittlichen Verrohung

12 11 2019

„… den Religionsunterricht nicht abschaffen, aber als Alternative das Schulfach ‚Werte und Normen‘ anbieten wolle. Das Kultusministerium werde ab 2025 in allen allgemeinbildenden und…“

„… vehement widerspreche. Weidel sehe die Gefahr, dass aus dem christlichen Abendland bald auf Geheiß der Kanzlerin offiziell das linksversiffte Muselland werde, in dem jeder national gesinnte Deutsche ins Arbeitslager oder gleich in die…“

„… der Ratsvorsitzende Bedford-Strohm das bisher ‚Ethik‘ genannte Ersatzfach nicht akzeptiere, da es vielfach keine schulrechtliche Grundlage für den Unterricht in der Primarstufe gebe. Die EKD schlage daher vor, bis auf Weiteres nur noch den herkömmlichen Religionsunterricht zu erteilen, bis es eine juristisch einheitliche…“

„… könne es auch nach Ansicht der CDU-Vorsitzenden keine andere Lösung als einen bis zum Schulabschluss verpflichtenden Unterricht in konfessionell gebundenem Unterricht geben. Sie habe dabei unter anderem Unterstützung von der soeben gegründeten Werte-und-Normen-Union sowie von den saarländischen…“

„… dass die Darstellung christlicher und abendländischer Bildungs- und Kulturwerte oder Traditionen nicht mehr privilegiert die Gestaltung der Lehrpläne bestimmen dürfe. Weidel sehe das Urteil des Bundesverfassungsgericht von 2015 als von der Islamisierung beeinflusst und könne bereits anhand der zeitlichen Koinzidenz feststellen, dass Merkel dies bestellt habe, um Deutschland durch drogensüchtige, mit Krätze und Husten infizierte Messermänner zu…“

„… schlage Lindner vor, die Lehrpläne mehr mit Wertvorstellungen einer wirtschaftsorientierten Leistungsgesellschaft zu stärken, statt religiöse Wahnvorstellungen wie die Klimakatastrophe oder den Glauben, jeder Migrant könne sich einfach so in der Bäckereischlange auf Englisch einen…“

„… seien die ethischen Systeme der meisten Weltreligionen ohnehin so gut wie deckungsgleich, weshalb Söder für eine Integration des Fachs in den traditionellen Religionsunterricht plädiere. Eine Ausnahme müsse nur der Freistaat Bayern sein, da hier die Ehrfurcht vor Gott als verfassungsmäßig geschütztes Ziel in der…“

„… dass im Saarland bis zum vollendeten 18. Lebensjahr die Teilnahme am Religionsunterricht verpflichtend sei, falls ein Schüler nicht vorher aus der Kirche austrete. Kramp-Karrenbauer werde dies als Bundeskanzlerin ändern, da ein Austritt unter 18 dann nicht mehr…“

„… sehe die Deutsche Bischofskonferenz in einem säkularen Unterrichtsfach die Gefahr der sittlichen Verrohung der Schüler, insbesondere durch die Frühsexualisierung einer wertfreien Erziehung. Hier könne nur ein Lehrkörper, der sich insbesondere mit der fachdidaktischen Ausbildung in katholischer Theologie sowie mit einer…“

„… die Schaffung von bekenntnisfreien Schulen auch heiße, dass dort keine deutschen Flaggen mehr aufgezogen werden dürften. Weidel werde dies in Karlsruhe schnellstmöglich…“

„… sich die SPD mit einem überkonfessionellen Religionsunterricht abfinden könne, wenn zugleich im Schulfach Ethik Waffenexporte in Kriegsgebiete als arbeitsmarktpolitische Notwendigkeit in der…“

„… sehe das Wissenschaftsministerium eine Benachteiligung der Schüler, die durch ‚Werte und Normen‘ erheblich anspruchsvolleren Unterricht als im Fach Religion ertragen müssten, das in der Mehrzahl der Inhalte nur auf einfach zu…“

„… eine Trennung von Staat und Kirche bereits durch die staatliche Bezahlung von kirchlichen Einrichtungen nicht mehr existiere. Die EKD sehe darin die Verpflichtung, durch Religionsunterricht alle Schüler bundesweit systemkonform in den…“

„… der Unterricht in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften im Geiste der Achtung und Toleranz gegenüber anderen Bekenntnissen und Weltanschauungen erteilt werde. Für Meuthen bedeute dies, dass der Werteunterricht den Islam genauso toleriere wie das Christentum, was mittelfristig zu einer Umvolkung durch die wachsenden…“

„… auch an der Bezeichnung Kritik habe. Der Kultusministerkonferenz sei die Nähe etwa zu Abgaswerten zu groß, weshalb sie auch eine Welle der Empörung gegen staatliche Mächte wegen des Verdachts, einen groß angelegten Betrug zu…“

„… den Kindern linksradikale Theorien wie Feindesliebe oder die Gleichheit von Menschen als erstrebenswerte Normen beigebracht würden. Die Union lehne wachstumsfeindliche Parolen ab und werde gegen diese Entscheidung mit allen…“

„… hieße es in letzter Konsequenz, ein von jedem Glauben entfremdetes ethisches Lehrgerüst zu entwerfen, das als Vorlage für das Schulfach dienen solle. Die Deutsche Bischofskonferenz lehne ein solches Ansinnen ab, da nicht religiöse Bürger bereits die Bevölkerungsmehrheit stellten und sich dadurch der Trend zum Atheismus noch mehr in…“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLX): Das Göttliche Über-Ich

19 04 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Das hätte sich Rrt fast denken können, er hat es aber dann doch nicht getan: die vielen Knochen mit der Jagdausrüstung seines Schwagers, der schon im letzten Sommer in die Steppe gezogen war, wo die Säbelzahnziege sich das zweibeinige Kroppzeug vom Hals hielt, dann das Wollmammut mit dem zufrieden gesättigten Gesichtsausdruck, als hätte das letzte Abendmahl noch mal die volle Punktzahl erreicht. Und dann die Geier, die erst viel, dann nur noch selten Gelegenheit hatten, den Ort des jähen Ablebens zu besuchen. Der Alte war irgendwo in den ewigen Wiesen, wo es nur noch Gras und freie Sicht auf harmlos mampfende Beute gab, keine mit Hörnern versehenen Feinde, keinen Aufsichtsrat, keine EU-Hasenerschreckverordnung. Einer musste ja die noch funktionsfähigen Geräte an sich nehmen und einer nährenden Nutzung zuführen, und wieso sollte es nicht der Hominide sein, der sie gefunden hatte. Erst dann, irgendwann später, sollte kommen, was man Moral nennen würde, ein theoretisches Konstrukt, das nicht viel half im Überlebenskampf gegen schlecht gelaunte Raubsäuger, aber einer Kaste von Metaphysikfachkräften den relativ hohen Lebensstandard sicherten, den sie bis heute haben, denn sie vertreten das göttliche Über-Ich.

Je komplexer eine Gesellschaft wird, je mehr sie an sozialen Rollen ausdifferenziert, desto mehr greifen auch deren Tätigkeiten ineinander: der eine sät das Korn, der andere erntet es, wieder andere dreschen und mahlen es, dann backt einer Brot und verkauft es, und eine bis hierhin komplett ohne Brot lebende Zusammenrottung findet plötzlich ihre Funktion darin, alles das solide mit Hokuspokus zu unterfüttern. Sie erklären dem sogenannten Volk in sachzwangreduzierter Ehrlichkeit, dass nur die mit guter Ernte rechnen dürfen, die den Elefantengott mit dem Ring im Rüssel preisen, wahlweise mit geweihten Palmblättern, die es zufällig nur im Hof des hastig aus Lehm hochgeschwiemelten Tempels zu erwerben gibt, oder gleich mit Opfersteuer als unterstützendem Faktor für den Gebetshauch. Als Priester sind sie innerhalb weniger Generationen so gut wie unverzichtbar für Gedeih und Verderb einer ganzen Zivilisation, zumindest für die kunstvollen Erklärungsmodelle, wie eins oder das andere zustande kommt. Es dauert nicht mehr lange bis zu einem komplexen Entwurf von Spezialisten für Vegetation, Jagdglück, Eindämmung von Seuchen oder reichen Kindersegen. Die Zuständigkeiten sind in allen Kulturen relativ ähnlich, nur ihre Form und Nomenklatur unterscheiden sich graduell. So wirr und erst im Nachgang systematisch organisiert der Wasserkopf spiritueller Zuständigkeiten erscheint, so gut passt er noch in eine Gesellschaft, die nicht zurück zur Natur muss.

In einem weiteren Schritt entstehen nun alle die moralischen Implikationen, die der Höhlenmensch in seiner Idealwelt aus kollektiv genutztem Besitz, Bärenfell und Bräute, schlicht nicht brauchte, denn Schuldverhältnisse wurden meist ad hoc und final ausdiskutiert. Je mehr Möglichkeiten der Sämann hatte, den Schnitter übers Ohr zu hauen, der den Müller, der den Bäcker, der wieder den Kunden, bis ein voll entfalteter Kosmos aus Kornzuchtanstalt, Bäckerinnung und Verbraucherschutzministerium seine Sternchen prangen lässt über der Stadt, desto dringender bedarf es freilich eines externalisierten Gewissens, das da sagt: Du sollst nicht töten, und wenn, kostet das so und so viel Stücke Blech zum Wert eines Tagesumsatzes. Der strafende Gott ward erfunden, damit zugleich die Doppelmoral, dass durch Lobpreis und Räucherstäbchen die fortan als Sünde deklarierte Instinkthandlung des Bekloppten wieder weggewaschen wird und post mortem nicht mehr ins Gewicht fällt – die Vorstellung der Waage mit dem Herzen in einer, einer Feder in der anderen Schale kam aus pharaonischer Zeit auf uns und ist bis heute produktiv – und endlich kam neurotisch wirkende Angst auf die, so spirituellen Schmodder für bare Münze nehmen und aus Furcht vor dem ewigen Verschwinden jedes noch so bräsige Gebot unreflektiert nachturnen.

Die Kontrolle sämtlicher sozialer Spielregeln hätte funktioniert, doch jene Clique professioneller Religioten wollte auch essen, ohne dafür arbeiten zu müssen. Und so erfanden die Trittbrettfahrer den Kult, mit dem nach eingeübtem Ritual aus Troglodytenzeit alle den Geistern opfern mussten unter Anleitung von Showzauberern, die das jenseitsgesteuerte Überwachen und Strafen als notwendige Kontrolle der oberen Instanz verkaufen, um neben dem üblichen Schöpfungsmythos auch die gesellschaftliche Hierarchie zu zementierten. Der Gedanke gewaltsamer Rache als Privileg der Herrschaft stammt nicht versehentlich aus diesem Goldgrund, die säkular wie religiös dasselbe Ziel verfolgte: Menschen gemütlich paranoid zu machen mit der Vorstellung, sie seien ab Werk moralisch minderwertig und müssten dafür nun bis in alle Ewigkeit büßen. Nicht fair, aber praktisch.

Hätten sich die Stammesgesellschaften auf eine ordentliche Strafgerichtsbarkeit geeinigt, die sich bis heute stringent durchzöge, uns wäre viel Leid erspart geblieben. Oder wir hätten eine zweite Priesterschicht mit konkurrierender Talarmode.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLVII): Der Rückzug ins Irrationale

29 03 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Aufklärung hat ganze Arbeit geleistet. Die breite Masse ließ den Glauben an Geister und Dämonen und begann, wenn auch in beschränktem Maße, da es sich nicht einfach einstellte, zu denken. Messen, Zählen und Wiegen bestimmten den Umgang mit den Dingen, der Hominide hörte auf, sich die Welt nach vorgefertigten Erklärungen zu deuten, und gewöhnte sich an die Vorstellung, dass das Wissen begrenzt, aber ausbaufähig ist, während das Glauben vornehmlich transzendente Welten zu bieten hat, die nicht zu verstehen sind und daher den Trost der Machtlosigkeit bieten. Kein Mensch muss sich um die Dinge sorgen, die er nicht ändern kann, lautet das besänftigende Credo vor der Wende, und ihrer sind viele. Dass die zunehmend komplexe und ins Unordentliche treibende Welt als Vorstellung trotzdem dem Willen sich entzieht und nicht wie der Baukasten eines sich selbst ermächtigenden Schöpfers planbare Strukturen offenbart, sorgt für die Reprise des Dämlichen; die Aufgabe, Freiheit auszuhalten, braucht ein solides Fundament auf den Gründen der Humanität, und wo sie nicht ist, wird auf Sand gebaut. Nichts ist so logisch in dessen Folge wie der galoppierende Rückzug ins Irrationale.

Nicht die Globalisierung ist das Feindbild der Ängstlichen, sondern die Vorstellung einer gänzlich liberalen Welt, in der jede Entscheidung nicht auch noch hinterlegt werden muss mit dem Goldgrund moralischer Werte; zwar bietet das Bröckeln der ethischen Unterfütterung in Staat und Wirtschaft auch eine gute Vorlage für die Frustration der Massen, doch das ließe sich durch Gegenwehr kompensieren. Allmählich wird es zum sich selbst organisierenden Prozess, dass die Bürger in einer zu sehr verwalteten Welt sich plötzlich besorgen und nach Ordnung schreien, aber nach einer alten, die sie bereits im Scheitern erlebt haben – sie bleiben unbelehrbar, aber wie im Drang, die vertrauten Fehler noch einmal zu perfektionieren, denn der Abgrund, auf den sie zusteuern, ist doch wenigstens bekannt. Und so füllen sie das Vakuum mit neuen Ängsten, die nach altem Muster funktionieren: die Übermacht des Ungewohnten bietet angenehme Machtlosigkeit, in der sich Unterwerfungsfantasien zusammenbasteln lassen, der Sekundenschlaf der Vernunft gebiert Ungeziefer, die subkutan ins Hirn kriechen und ein Weltbild vorfinden, in dem sich allerlei Unfug schwiemeln lässt: homöopathische Ersatzreligionen aus Rassen-, Verschwörungs- und unkritischer Theorie, Führerglaube und das Recht des Stärkeren, kurz: der konzertierte Rückfall in die offenporige Anschauung des Vormodernen, die ein unbeschränktes Dunkel lieferte, um Spielraum für wirre Deutungen zu schaffen. Die liberale Welt, die jedem Deppen die grundsätzliche Freiheit lässt, sich als intellektuelle Randerscheinung zu erfinden und zu benehmen, macht diese Sache nicht einfacher, sie scheint nur so, wenn man sie nicht hinterfragt, und wer, der sich freiwillig für die Rolle des Narren entscheiden würde, täte das schon.

Längst haben ideologische Erfüllungsgehilfen sich zu dem aufgeschwungen, was sie für Macht halten, damit sie anderen die befreiende Sklaverei anbieten können. Dass sie die Erscheinungsformen der neuen Bedrohung nicht nutzen, kommt nicht von ungefähr; natürlich könnten sie die drohende Klimakatastrophe zur Ersatzreligion aufpusten, doch wer würde schon eine Eschatologie der Ohnmacht entwerfen, die komplett ohne Hoffnung auskäme. Sie setzen auf alternative Verfahren und heilen durch Handauflegen, wobei sie trickreich den neoliberalen Turn ausnutzen, dass der nicht geheilt wird, der zu wenig an die Therapie glaubt. Zum Ausgleich ängstigen sie sich vor Chemtrails als Emanation eines infernalischen Machtapparats wie die Steinzeitler beim Anblick des Wetterleuchtens, denn ohne Teufels Beitrag ist die Ordnung einfach nicht zu deuten, wenn sie hinreichend komplex sein soll. Das Böse erfüllt seinen Zweck, wenn es nur genügend abstrakt sein kann, und was wäre besser geeignet als eine Idee, die allein zu diesem Zweck entworfen wird. Als das Fremde, als unbekannte Variable, beliebig einsetzbare Störgröße oder von den selbstverständlich bösen Machthabern verfügte Setzung ist sie der letzte Grund, auf dem sich noch bauen ließe: die Opferrolle lässt den Bekloppten wieder in beschaulicher Ruhe klagen, dass er die Dinge nicht ändern kann, die er gar nicht ändern will, weil er auch gar nicht wüsste, wozu. Aber er hat ein Motiv, sich zu beklagen, und allein das reicht aus, um es laut zu tun, hinter der Monstranz der eigenen Machtlosigkeit schreitend und den gewohnten Abgrund fest im Blick. Dass die Menschheit sich abschafft, ist ausgemacht, es steht nur zu fragen, wie lange sie dazu braucht. Wer daran schuld sein wird, ist eine müßige Überlegung, denn wer wäre hinterher noch da, um es wissen zu wollen. Aber vielleicht hocken wir dann ja alle gemütlich in der Hölle und wundern uns, dass wir nicht eher auf den Gedanken gekommen sind, in einem mies geplanten Gedankenexperiment zu existieren. Jemand muss Schnaps in das Fass gegossen haben, als unsere Gehirne schon darin lagen.