Die Priester

25 04 2021

Nur eins ist ärmer noch als alle Götter,
es ist der Priester, der die Menschen narrt.
Dort stehen sie, in Angst und Schmerz erstarrt,
und hoffen unterm Himmel auf die Retter,

die Zorn verkünden laut in Sturm und Wetter,
dieweil ein Magier lächelt hinterm Bart,
wie er genau so auf die Sonne harrt
und seinesgleichen ist ein übler Spötter.

Sie spielen mit den Mengen, weil die Mächte
sie reizen, so verkleidet als Gerechte
die zu bestrafen, andere zu trösten.

Doch ist ihr Schicksal gleich. Dieselben Leiden
ereilen sie, sie werden nichts vermeiden
und wissen: keine Götter, die erlösten.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DLII): Aberglaube

19 02 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Rrt musste es von einem Schwippneffen aus der dritten Quersippe angenommen haben. Jedenfalls klemmte man sich nun nicht mehr die Reiser des Buntbeerenstrauches symbolisch hinters Ohr, um das Jagdglück auf die Säbelzahnziege zu locken, man malte rote Beschwörungsbilder auf die dem Sonnenaufgang nächstliegende Wand der Höhle, in der das Tier zerlegt werden sollte. So oder so, meist zerlegte das Tier eher den Jäger, doch wer stur mit Zweig am Horchlöffel auszog, wurde fortan schief angesehen. Oft hielt man die Leute für etwas naiv bis ziemlich doof, und da Be- wie Verschwörung auch theoretisch gut funktioniert, dichtete man den Spökenkiekern mit dem Grünzeug auch gern etwas anderes am Kopf an, das bestimmt Unglück für den Rest der Sippe bedeutete. So wuchs auf durchaus gut gedüngtem Boden, was der durchschnittliche Feuchtbeutel bis heute Aberglauben nennt.

Aberglaube, das Wort drückt den Widerspruch aus, in dem sich die offizielle Frömmigkeit zu ihren meist sorgsam vergrabenen Wurzeln befindet; der sich mit Totem und Talisman behängende Bürger weiß natürlich, dass Laufrichtung und Farbe einer Katze nichts mit Zu- und Unfällen zu tun haben, lehnt auch die mittelalterlichen Begleitexzesse am Rande der Hexenverbrennung ab, gruselt sich aber instinktiv und vertraut auf vierblättrigen Klee als praktischen Angstlöser. Die superstitio ist übrig geblieben aus versunkenen Kulturen eines vorwissenschaftlichen Zeitalters, allerdings nur in den Formen, die sich nicht für eine geschmeidige Umsemantisierung eigneten. Den Krähenruf als Boten des Todes lehnt der aufgeklärte Citoyen ab, den christlichen Blutritt als Schutzzauber für exakt einen Herrschaftsbereich erkennt er als überformten Mystizismus gegen germanische Geister noch an, die inzwischen säkularisierte Fahnenweihe, bei der das Mana eines energiegeladenen Objekts durch die Berührung auf ein anderes Objekt übergeht und so die militärische Unschlagbarkeit eines Bataillons sichert, steht als behördliche Kulthandlung sowieso jenseits jeder Kritik und wird nur von gottlosen Kulturzerstörern abgelehnt. Aberglaube ist die bucklige Schwester der staatstragenden Religion, an die man glaubt, um sein soziales Image gegen die Anfeindungen des Teufels zu imprägnieren.

Doch ist er so hartnäckig wie produktiv, nutzt die Mundpropaganda und die Nachahmung in jeder Phase der Sozialisierung, ist bis zum Amorphen verform- und verschwiemelbar und dabei schneller unterwegs als die im Ritus langsam verkrusteten Strukturen und Inhalte des Hochglaubens. Während der postmoderne Pater noch nach seinem Brevier kramt, um das passende Stoßgebet zu finden, hat Erika Mustermann schon auf Holz geklopft.

Die Produktivität dieser Wahnvorstellungen, die oft einfach der Angstregulation und der Erklärung komplexer Sachverhalte dienen, sorgen so auch für eine fröhliche Auferstehung aller Hirnrissigkeit, die in schwierigen Zeitläuften den Bekloppten aus der Rübe rattert: mit magischen Mätzchen will der Bekloppte sich ein radikal vereinfachtes Weltbild zurechtzurren, damit das Denken ja kein Kopfweh macht. Was sich messen, zählen, wiegen und wägen lässt, das lässt im Epizentrum der Behämmerten die Gewissheit wachsen, Herr seiner Welt zu sein. Wo die Situation sich verfinstert, weil Zusammenhänge nicht auf den ersten Blick als solche zu erkennen sind – oder in ihrer Unerbittlichkeit das gewohnte Bild einer beherrschbaren Umgebung in die Tonne treten – glaubt der Hominide buchstäblich alles und alles buchstäblich. Wo sich mit institutionalisierter Vernunftreligion nichts mehr wegzaubern lässt, da greift der Kurzstreckendenker zu den religiösen Hausmitteln aus dem gut eingetrockneten Lager der Altvorderen: Hasenpfote und Hühnergott, jeder Strohhalm hilft, denn in angespannter Lage versteht eins die Welt vor allem zeichenhaft, ohne jedoch einen Gedanken daran zu verschwenden, dass sich jeder aus Vogelflug und Gespenstern seine eigene Semiotik zusammenklöppelt. Allein dadurch, dass wir dem Tragen roter Mützen eine tiefe Bedeutung beimessen, die je nach Überlieferung für Reichtum sorgt oder die Wahrscheinlichkeit eines Brandes erhöht, schafft sich Illusion den Resonanzboden, den sie für ihre Selbstwahrnehmung als Realität nutzt. Man wird schon der organisierten Form von Hokuspokus nicht Herr, es wird gependelt und mit Heilstrahlen gewedelt, gesundgebetet und allerhand Murks für teuer Geld verkloppt. Was nun billig und schnell anwendbar ist, wenn man nur selbst daran glauben kann, setzt sich an die Spitze sämtlicher Desinformationskampagnen, die von Arschgeigen gegen Urteilskraft und Erkenntnis gefahren werden.

Wie putzig, dass sich in einer Gesellschaft der Leistungsträger die Verunsicherten auf esoterischen Firlefanz verlassen, der nur auf Selbstbetrug und Wunschdenken beruht und nichts als Täuschung hinterlässt – und Enttäuschung. Aber was erwartet man von einer Gesellschaft, die den Kapitalismus als Glaubenssystem wählt, das auf der irrationalen Vorstellung vom materiellen Fetisch als Retter vor der Bedeutungslosigkeit beruht. Wer’s glaubt, wird selig, wozu zeitnahes Ableben Voraussetzung wäre. Alles wird gut. Bei wem auch immer.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXLVII): Der Aluhut als Ersatzreligion

15 01 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Irgendwann werden sie angefangen haben, sich die Welt zu erklären: warum jeden Tag die Sonne aufging, die Jahreszeiten wechselten und das Gras wuchs, wenn man Körner auf den Acker streute, unter dem die Ahnen lagen. Die ersten ethischen Fragen schienen auf. Wächst das Gras schneller, wenn wir die Verwandtschaft frühzeitig unter die Scholle schieben? Haben die Jagdtiere eine Seele, die uns für den Verzehr bestraft? Hat der Hominide in der Natur eine Sonderstellung, weil er sich für intelligenter hält als andere Wesen, die ohne seine Existenz ein wunderbares Leben hatten und es auch weiter gehabt hätten, würde er nicht immerzu seine dämlichen Griffel in alles reinstecken und es für Fortschritt halten? Irgendwann muss der Mensch die Zusammenhänge in mythologische Formen geschwiemelt, mit rituellen Handlungen verknüpft und in ein systematisches Konzept gepresst haben, das er fortan für wahr hielt, wenngleich sich diese Wahrheit nicht empirisch begründen ließ – abgesehen vom Wahrheitsbegriff, den jede Religion für sich beansprucht, die durch Götzen, Geister und Götter geformt die Opfergabe von Tierblut als unerlässlich für die nächste Ernte ansah oder den Genuss von Backwaren und Alkoholika als bindend betrachtete für ein feinstoffliches Weiterleben nach der Rückkehr des Körpers zur Biomasse. Irgendwo zeigt sich dann der Bruch, die Wissenschaft dringt jäh ein in die Zaubererzählungen, es gilt keine Geschichte vom Weihnachtsmann mehr und kein Fantasyelaborat von Männern, die übers Wasser laufen und in den Himmel reiten. Dann aber muss schnellstens Ersatz her.

Spätestens durch den Einbruch protestantischer Tugendethik, die mühsam als Markt verkleidet die Gesellschaft mit ihrem Selbsthass terrorisiert, ist der Glaube eine säkularisierte Veranstaltung, die nur noch aus Gründen der Opportunität stattfindet. Ostern und Zuckerfest sind ökonomische Marker im Einzelhandelsjahr, Platzanweiser für korrekten Konsum und ansonsten private Events, die unter Beobachtung des sozialen Nahbereichs ablaufen. Die ordnende Kraft des Religiösen, die das Glauben an sich bestimmt, ist fundamentalmaterialistischen Anschauungen gewichen, unter denen sich auch moralische Ansprüche kommod verstauen lassen. Ob die Risse im Gebälk der Aufklärung auch die Unsicherheit zeigen, mit der sich die realistische Geisteshaltung der Postmoderne herumschlägt? Wir sind uns dessen zumindest nicht bewusst, neigen zu Übersprungshandlungen und Übertreibungen.

Eine der psychologisch wichtigen Aufgaben von Religion ist die Bewältigung existenzieller Krisen; der Verlust eines Länderspiels, lebensbedrohliche Erkrankungen oder die Aussicht auf das eigene Ableben sind Grenzerfahrungen, mit denen wir nur ungern konfrontiert werden. Geht uns nun der stabilisierende Rahmen des Grundvertrauens in eine metaphysische Ordnung verlustig, was zusätzlich eine geistige Krise provoziert durch den Einbruch des nicht mehr Fassbaren – ein Paradox, das sich bei Verfügbarkeit strafender Gottheiten gar nicht erst zeigt und bei gleichzeitig barmherzigen in ein lustiges Logikwölkchen löst – bedürfen wir rasch eines tauglichen Substitutionsgutes. Hier kommt die Verschwörungsideologie in ihrer praktischen Form des leicht Begreifbaren ins Spiel, beispielsweise in Gestalt des Aluhutes, Querbommels oder einer beliebigen Flagge, die man beliebig hochhält.

Die faktische Kraft des Irrationalen erlaubt uns, alle möglichen Sperenzchen zu einem Synkretismus aus geistigem Bauschaum und sozialverträglichen Wahnvorstellungen zu vermengen, der gleichzeitig die Schuldfrage klärt, wenn wir für unsere eigene Beklopptheit nicht bestraft werden wollen, und die Irritation unserer elementaren Überzeugungen durch Externalisierung auf böse Mächte schieben lässt. Sinn stiftet das nicht, aber darauf kommt es vorrangig nicht an; es erlaubt dünn angerührten Kaspern, sich an der selbst zusammengekloppten Krücke einigermaßen durch den Morast der eigenen Ängste zu schleppen, ohne übermäßig rational zu werden, da dies Rechenkapazität zieht und die hedonistisch geprägten Gewohnheiten durch lästige Fragen stört. Hat sich die Schwurbelgurke erst einmal mit der Problematik beschäftigt, welche Konsequenzen sein normiertes Spießerdasein mit sich bringt, für ihn und für andere, besteht immer die Gefahr, dass die Fragen nicht mehr aufhören. Beten und Büßen wären eine nette Übung, sich zu exkulpieren, leider ist die himmlische Instanz gerade im Nirwana verdampft.

So unternehmen die Rotte der Stumpfstullen wütende Wallfahrten, latschen pöbelnden Priestern hinterher und spenden eine Menge Kleingeld für eine Erlösung, die man nicht sehen kann und an die man besser nur glaubt, nachdem man sie als absurd anerkannt hat. Wir sind verloren, wenn wir nicht begreifen, dass diese Ansammlungen fanatischer Flusenlutscher der Untergang der freien Welt ist, wenn wir sie nicht in ihre Löcher zurück stopfen. Die Erleuchtung kam noch nie aus dem Dreck, und die Auffassung allein, dies als legitimen Glauben zu tolerieren, macht nichts besser. Nicht einmal da, wo das Pathos des Unbedingten wirkt.





Kleine theologische Besteckkunde

1 11 2020

für Christian Morgenstern

Man weiß genau, dass hunderttausend sitzen
an Engeln auf den vielen Nadelspitzen.

Des Teufels aber sind auch spitze Listen,
so warnte man beim Speisen schon die Christen,

dass sie die Gabel mit den dünnen Zinken
nicht oben hielten: sollte Unheil winken.

Denn alle, die da Leichtsinn walten ließen,
warnt man, sie würden Engel gar aufspießen.

Man äße allgemein die Mahlzeit besser
und frömmer obendrein mit einem Messer.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXXXVIII): Lifestyleesoterik

30 10 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Früher war Religion noch ein konsistentes Denkmuster. Uga hätte nur einmal die abendliche Bitte an die Sonne vergessen müssen, am nächsten Morgen wieder aufzugehen, und die Sippe hätte ihn ohne zu zögern gelyncht. Vielleicht hat er es nie vergessen, vielleicht wurde die Kontrolle derartiger Rituale auch nur sehr nachlässig betrieben. Oder sie wurden allmählich zum Weg der Freizeitgestaltung, den man aus sozialen Gründen mitging, während doch alle wussten, dass alle wussten, dass es nicht mehr um überlebensnotwendige Handlungen ging. Erst spätere Zivilisationen sollten endgültig die Verbindung kappen zwischen geheimkramender Methode und tatsächlichem Sinn, den es darin zu erkennen gab, gerne auch auf mehreren Ebenen. So entstand unabwendbar die Lifestyleesoterik.

Die typische Wohneinheit einer allein lebenden Grützbirne mittleren Alters in einem eher nicht so spannenden Beruf zeichnet sich eh schon durch ästhetische Verwirrungen aus, die an der Grenze zur Transzendenz nicht unbedingt umkehren. Hier und da gesellen sich buddhistische Dekoelemente zum indianischen Traumfänger, original gedruckte Ikonen aus taiwanesischen Klöstern stehen neben der obligaten Nofretetenbüste auf dem Schränkchen mit Kochbuch und Räucherwerk – um nach dem Meeting den Kopf wieder zu entlasten, rettet sich die Dumpfdüse in eine Runde Ziegenyoga, gerne am veganen Wochentag mit ayurvedischen Drinks direkt aus dem Kühlregal an der 24-Stunden-Tanke.

War die ethische Funktion der Religionen noch aus dem Gefühl entstanden, fortwährend beobachtet zu werden, ballert sich der mystische Schnösel im Zweifelsfall die Bude mit Feng Shui voll, labert am Feierabend die Topfpflanzen zu und hält sich allen Ernstes für spirituell erwacht. Ein psychedelisch wirksames Raumspray wäre hier eindeutig die schmerzfreiere Variante gewesen, aber reicht ein Bausparerabitur bis in diese gedanklichen Gefilde? Gläubigkeit ist immer das, was man daraus macht, insofern darf jeder nach seiner Façon selig werden.

Nebenbei sind ja traditionelle Rückbindungen an die eigentlichen Glaubensvermarkter nicht selten noch produktiv, auch wenn sie im Zuge moderner kapitalistischer Verwertbarkeitsmechanismen nur noch als Einkaufs-, Party- oder Urlaubsgelegenheit wahrgenommen werden. Der hippe Jetztzeitler ist stets imstande, seine synkretistischen Vorstellungen von Göttern und Geistern mit neuen Features zu optimieren, ein bisschen Reinkarnation hier, etwas Karma dort, Sitzmeditation, Kabbala, Klangschalen fürs positive Chi. Das haben die antiken Vorfahren schon gemacht und alles umsemantisiert, was nicht bei drei auf dem Maibaum hockte – viel hilft ja bekanntlich viel, zur Sicherheit in einem Aufwasch Mutter Maria, Isis und Kybele anzubeten kann so falsch nicht sein, wenn alle es machen. Daneben tut man sich aber aus reiner Gewohnheit freitags noch einen Rosenkranz an und lässt den Nachwuchs im Kreise der Familie sowie unter den Augen der buckligen Verwandtschaft taufen. Man weiß ja nie.

Dass sich Spiritualität als Gehhilfe für einen halbwegs stolperfreien Pfad der Erkenntnis eignet, wird keiner bestreiten, der damit sein Geld verdient. Nach dem Genuss mehrerer angesagter Workshops, in denen Reiki als Königsweg gelehrt wird, sich das Fett über den Chakren wegzukneten, fühlt sich die einsame Seele endlich wieder in der Gnadenzone angekommen und genießt den Sinn des Lebens. Die schnelle Lösung ist bekanntlich die beste, man schwiemelt sich ein Pfund Heiligkeit an die Wand und ist schon angekommen im Wir-Gefühl der Knalldeppen. Andere brauchen dafür viel Schnaps oder fünftausend Kilokalorien pro Tag, müssen auf Rollschuhen hinter einem Rennwagen kleben oder am Seil in die Tiefe hüpfen, bis sie inkontinent sind. Einfacher geht’s doch mit linksgerührtem Vollmondwasser, Powerpendeln über dem eigenen Nabel und allerlei glitschigem Engelgedöns. Die Wahrscheinlichkeit, diesen offenporigen Versuch einer Hirnausschaltung zu überleben, liegt immer noch oberhalb derer bei Anwendung von Schnaps.

Die Transzendenz hat ihre Funktion verloren, und wer sie einem gekonnt wiedergibt, sind meist nur dödelige Sektenfuzzis, die in die psychischen Notstandsgebiete gründlich gestresster Großstädter einfallen wie die Borg in einen Kindergarten. Nach sattsam bekannten neoliberalen Spielregeln wird das als Patentrezept verkauft, das wirken muss, weil man ja daran glauben kann – und keiner würde für ein allseits beliebtes Abführmittel aus Überzeugung eine Menge Geld ablaschen und sich dann als der eine outen, der sein Problem immer noch an der Backe hat. Dann nimmt man die Sinnsuche schon beherzt in die eigene Hand und weiß, dass es von jedem selbst abhängt, Erlösung zu finden. In einer freien Gesellschaft lassen sich alle zur Verfügung stehenden Mittel und Wege frei kombinieren, alle phänomenologischen Sperenzchen, alle dogmatisch verquasten Zerlebungsanzeichen einer Kasperade, die sich selbst für relevant hält. Es geht uns gut. Wir sind immer noch imstande, selbst zu unseren schamanischen Geistheilern zu humpeln. Macht die Nachbarin ja auch. Natürlich nicht, ohne sich einen Christophorus in die Karre zu pappen.





Gefahr der sittlichen Verrohung

12 11 2019

„… den Religionsunterricht nicht abschaffen, aber als Alternative das Schulfach ‚Werte und Normen‘ anbieten wolle. Das Kultusministerium werde ab 2025 in allen allgemeinbildenden und…“

„… vehement widerspreche. Weidel sehe die Gefahr, dass aus dem christlichen Abendland bald auf Geheiß der Kanzlerin offiziell das linksversiffte Muselland werde, in dem jeder national gesinnte Deutsche ins Arbeitslager oder gleich in die…“

„… der Ratsvorsitzende Bedford-Strohm das bisher ‚Ethik‘ genannte Ersatzfach nicht akzeptiere, da es vielfach keine schulrechtliche Grundlage für den Unterricht in der Primarstufe gebe. Die EKD schlage daher vor, bis auf Weiteres nur noch den herkömmlichen Religionsunterricht zu erteilen, bis es eine juristisch einheitliche…“

„… könne es auch nach Ansicht der CDU-Vorsitzenden keine andere Lösung als einen bis zum Schulabschluss verpflichtenden Unterricht in konfessionell gebundenem Unterricht geben. Sie habe dabei unter anderem Unterstützung von der soeben gegründeten Werte-und-Normen-Union sowie von den saarländischen…“

„… dass die Darstellung christlicher und abendländischer Bildungs- und Kulturwerte oder Traditionen nicht mehr privilegiert die Gestaltung der Lehrpläne bestimmen dürfe. Weidel sehe das Urteil des Bundesverfassungsgericht von 2015 als von der Islamisierung beeinflusst und könne bereits anhand der zeitlichen Koinzidenz feststellen, dass Merkel dies bestellt habe, um Deutschland durch drogensüchtige, mit Krätze und Husten infizierte Messermänner zu…“

„… schlage Lindner vor, die Lehrpläne mehr mit Wertvorstellungen einer wirtschaftsorientierten Leistungsgesellschaft zu stärken, statt religiöse Wahnvorstellungen wie die Klimakatastrophe oder den Glauben, jeder Migrant könne sich einfach so in der Bäckereischlange auf Englisch einen…“

„… seien die ethischen Systeme der meisten Weltreligionen ohnehin so gut wie deckungsgleich, weshalb Söder für eine Integration des Fachs in den traditionellen Religionsunterricht plädiere. Eine Ausnahme müsse nur der Freistaat Bayern sein, da hier die Ehrfurcht vor Gott als verfassungsmäßig geschütztes Ziel in der…“

„… dass im Saarland bis zum vollendeten 18. Lebensjahr die Teilnahme am Religionsunterricht verpflichtend sei, falls ein Schüler nicht vorher aus der Kirche austrete. Kramp-Karrenbauer werde dies als Bundeskanzlerin ändern, da ein Austritt unter 18 dann nicht mehr…“

„… sehe die Deutsche Bischofskonferenz in einem säkularen Unterrichtsfach die Gefahr der sittlichen Verrohung der Schüler, insbesondere durch die Frühsexualisierung einer wertfreien Erziehung. Hier könne nur ein Lehrkörper, der sich insbesondere mit der fachdidaktischen Ausbildung in katholischer Theologie sowie mit einer…“

„… die Schaffung von bekenntnisfreien Schulen auch heiße, dass dort keine deutschen Flaggen mehr aufgezogen werden dürften. Weidel werde dies in Karlsruhe schnellstmöglich…“

„… sich die SPD mit einem überkonfessionellen Religionsunterricht abfinden könne, wenn zugleich im Schulfach Ethik Waffenexporte in Kriegsgebiete als arbeitsmarktpolitische Notwendigkeit in der…“

„… sehe das Wissenschaftsministerium eine Benachteiligung der Schüler, die durch ‚Werte und Normen‘ erheblich anspruchsvolleren Unterricht als im Fach Religion ertragen müssten, das in der Mehrzahl der Inhalte nur auf einfach zu…“

„… eine Trennung von Staat und Kirche bereits durch die staatliche Bezahlung von kirchlichen Einrichtungen nicht mehr existiere. Die EKD sehe darin die Verpflichtung, durch Religionsunterricht alle Schüler bundesweit systemkonform in den…“

„… der Unterricht in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften im Geiste der Achtung und Toleranz gegenüber anderen Bekenntnissen und Weltanschauungen erteilt werde. Für Meuthen bedeute dies, dass der Werteunterricht den Islam genauso toleriere wie das Christentum, was mittelfristig zu einer Umvolkung durch die wachsenden…“

„… auch an der Bezeichnung Kritik habe. Der Kultusministerkonferenz sei die Nähe etwa zu Abgaswerten zu groß, weshalb sie auch eine Welle der Empörung gegen staatliche Mächte wegen des Verdachts, einen groß angelegten Betrug zu…“

„… den Kindern linksradikale Theorien wie Feindesliebe oder die Gleichheit von Menschen als erstrebenswerte Normen beigebracht würden. Die Union lehne wachstumsfeindliche Parolen ab und werde gegen diese Entscheidung mit allen…“

„… hieße es in letzter Konsequenz, ein von jedem Glauben entfremdetes ethisches Lehrgerüst zu entwerfen, das als Vorlage für das Schulfach dienen solle. Die Deutsche Bischofskonferenz lehne ein solches Ansinnen ab, da nicht religiöse Bürger bereits die Bevölkerungsmehrheit stellten und sich dadurch der Trend zum Atheismus noch mehr in…“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLX): Das Göttliche Über-Ich

19 04 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Das hätte sich Rrt fast denken können, er hat es aber dann doch nicht getan: die vielen Knochen mit der Jagdausrüstung seines Schwagers, der schon im letzten Sommer in die Steppe gezogen war, wo die Säbelzahnziege sich das zweibeinige Kroppzeug vom Hals hielt, dann das Wollmammut mit dem zufrieden gesättigten Gesichtsausdruck, als hätte das letzte Abendmahl noch mal die volle Punktzahl erreicht. Und dann die Geier, die erst viel, dann nur noch selten Gelegenheit hatten, den Ort des jähen Ablebens zu besuchen. Der Alte war irgendwo in den ewigen Wiesen, wo es nur noch Gras und freie Sicht auf harmlos mampfende Beute gab, keine mit Hörnern versehenen Feinde, keinen Aufsichtsrat, keine EU-Hasenerschreckverordnung. Einer musste ja die noch funktionsfähigen Geräte an sich nehmen und einer nährenden Nutzung zuführen, und wieso sollte es nicht der Hominide sein, der sie gefunden hatte. Erst dann, irgendwann später, sollte kommen, was man Moral nennen würde, ein theoretisches Konstrukt, das nicht viel half im Überlebenskampf gegen schlecht gelaunte Raubsäuger, aber einer Kaste von Metaphysikfachkräften den relativ hohen Lebensstandard sicherten, den sie bis heute haben, denn sie vertreten das göttliche Über-Ich.

Je komplexer eine Gesellschaft wird, je mehr sie an sozialen Rollen ausdifferenziert, desto mehr greifen auch deren Tätigkeiten ineinander: der eine sät das Korn, der andere erntet es, wieder andere dreschen und mahlen es, dann backt einer Brot und verkauft es, und eine bis hierhin komplett ohne Brot lebende Zusammenrottung findet plötzlich ihre Funktion darin, alles das solide mit Hokuspokus zu unterfüttern. Sie erklären dem sogenannten Volk in sachzwangreduzierter Ehrlichkeit, dass nur die mit guter Ernte rechnen dürfen, die den Elefantengott mit dem Ring im Rüssel preisen, wahlweise mit geweihten Palmblättern, die es zufällig nur im Hof des hastig aus Lehm hochgeschwiemelten Tempels zu erwerben gibt, oder gleich mit Opfersteuer als unterstützendem Faktor für den Gebetshauch. Als Priester sind sie innerhalb weniger Generationen so gut wie unverzichtbar für Gedeih und Verderb einer ganzen Zivilisation, zumindest für die kunstvollen Erklärungsmodelle, wie eins oder das andere zustande kommt. Es dauert nicht mehr lange bis zu einem komplexen Entwurf von Spezialisten für Vegetation, Jagdglück, Eindämmung von Seuchen oder reichen Kindersegen. Die Zuständigkeiten sind in allen Kulturen relativ ähnlich, nur ihre Form und Nomenklatur unterscheiden sich graduell. So wirr und erst im Nachgang systematisch organisiert der Wasserkopf spiritueller Zuständigkeiten erscheint, so gut passt er noch in eine Gesellschaft, die nicht zurück zur Natur muss.

In einem weiteren Schritt entstehen nun alle die moralischen Implikationen, die der Höhlenmensch in seiner Idealwelt aus kollektiv genutztem Besitz, Bärenfell und Bräute, schlicht nicht brauchte, denn Schuldverhältnisse wurden meist ad hoc und final ausdiskutiert. Je mehr Möglichkeiten der Sämann hatte, den Schnitter übers Ohr zu hauen, der den Müller, der den Bäcker, der wieder den Kunden, bis ein voll entfalteter Kosmos aus Kornzuchtanstalt, Bäckerinnung und Verbraucherschutzministerium seine Sternchen prangen lässt über der Stadt, desto dringender bedarf es freilich eines externalisierten Gewissens, das da sagt: Du sollst nicht töten, und wenn, kostet das so und so viel Stücke Blech zum Wert eines Tagesumsatzes. Der strafende Gott ward erfunden, damit zugleich die Doppelmoral, dass durch Lobpreis und Räucherstäbchen die fortan als Sünde deklarierte Instinkthandlung des Bekloppten wieder weggewaschen wird und post mortem nicht mehr ins Gewicht fällt – die Vorstellung der Waage mit dem Herzen in einer, einer Feder in der anderen Schale kam aus pharaonischer Zeit auf uns und ist bis heute produktiv – und endlich kam neurotisch wirkende Angst auf die, so spirituellen Schmodder für bare Münze nehmen und aus Furcht vor dem ewigen Verschwinden jedes noch so bräsige Gebot unreflektiert nachturnen.

Die Kontrolle sämtlicher sozialer Spielregeln hätte funktioniert, doch jene Clique professioneller Religioten wollte auch essen, ohne dafür arbeiten zu müssen. Und so erfanden die Trittbrettfahrer den Kult, mit dem nach eingeübtem Ritual aus Troglodytenzeit alle den Geistern opfern mussten unter Anleitung von Showzauberern, die das jenseitsgesteuerte Überwachen und Strafen als notwendige Kontrolle der oberen Instanz verkaufen, um neben dem üblichen Schöpfungsmythos auch die gesellschaftliche Hierarchie zu zementierten. Der Gedanke gewaltsamer Rache als Privileg der Herrschaft stammt nicht versehentlich aus diesem Goldgrund, die säkular wie religiös dasselbe Ziel verfolgte: Menschen gemütlich paranoid zu machen mit der Vorstellung, sie seien ab Werk moralisch minderwertig und müssten dafür nun bis in alle Ewigkeit büßen. Nicht fair, aber praktisch.

Hätten sich die Stammesgesellschaften auf eine ordentliche Strafgerichtsbarkeit geeinigt, die sich bis heute stringent durchzöge, uns wäre viel Leid erspart geblieben. Oder wir hätten eine zweite Priesterschicht mit konkurrierender Talarmode.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLVII): Der Rückzug ins Irrationale

29 03 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Aufklärung hat ganze Arbeit geleistet. Die breite Masse ließ den Glauben an Geister und Dämonen und begann, wenn auch in beschränktem Maße, da es sich nicht einfach einstellte, zu denken. Messen, Zählen und Wiegen bestimmten den Umgang mit den Dingen, der Hominide hörte auf, sich die Welt nach vorgefertigten Erklärungen zu deuten, und gewöhnte sich an die Vorstellung, dass das Wissen begrenzt, aber ausbaufähig ist, während das Glauben vornehmlich transzendente Welten zu bieten hat, die nicht zu verstehen sind und daher den Trost der Machtlosigkeit bieten. Kein Mensch muss sich um die Dinge sorgen, die er nicht ändern kann, lautet das besänftigende Credo vor der Wende, und ihrer sind viele. Dass die zunehmend komplexe und ins Unordentliche treibende Welt als Vorstellung trotzdem dem Willen sich entzieht und nicht wie der Baukasten eines sich selbst ermächtigenden Schöpfers planbare Strukturen offenbart, sorgt für die Reprise des Dämlichen; die Aufgabe, Freiheit auszuhalten, braucht ein solides Fundament auf den Gründen der Humanität, und wo sie nicht ist, wird auf Sand gebaut. Nichts ist so logisch in dessen Folge wie der galoppierende Rückzug ins Irrationale.

Nicht die Globalisierung ist das Feindbild der Ängstlichen, sondern die Vorstellung einer gänzlich liberalen Welt, in der jede Entscheidung nicht auch noch hinterlegt werden muss mit dem Goldgrund moralischer Werte; zwar bietet das Bröckeln der ethischen Unterfütterung in Staat und Wirtschaft auch eine gute Vorlage für die Frustration der Massen, doch das ließe sich durch Gegenwehr kompensieren. Allmählich wird es zum sich selbst organisierenden Prozess, dass die Bürger in einer zu sehr verwalteten Welt sich plötzlich besorgen und nach Ordnung schreien, aber nach einer alten, die sie bereits im Scheitern erlebt haben – sie bleiben unbelehrbar, aber wie im Drang, die vertrauten Fehler noch einmal zu perfektionieren, denn der Abgrund, auf den sie zusteuern, ist doch wenigstens bekannt. Und so füllen sie das Vakuum mit neuen Ängsten, die nach altem Muster funktionieren: die Übermacht des Ungewohnten bietet angenehme Machtlosigkeit, in der sich Unterwerfungsfantasien zusammenbasteln lassen, der Sekundenschlaf der Vernunft gebiert Ungeziefer, die subkutan ins Hirn kriechen und ein Weltbild vorfinden, in dem sich allerlei Unfug schwiemeln lässt: homöopathische Ersatzreligionen aus Rassen-, Verschwörungs- und unkritischer Theorie, Führerglaube und das Recht des Stärkeren, kurz: der konzertierte Rückfall in die offenporige Anschauung des Vormodernen, die ein unbeschränktes Dunkel lieferte, um Spielraum für wirre Deutungen zu schaffen. Die liberale Welt, die jedem Deppen die grundsätzliche Freiheit lässt, sich als intellektuelle Randerscheinung zu erfinden und zu benehmen, macht diese Sache nicht einfacher, sie scheint nur so, wenn man sie nicht hinterfragt, und wer, der sich freiwillig für die Rolle des Narren entscheiden würde, täte das schon.

Längst haben ideologische Erfüllungsgehilfen sich zu dem aufgeschwungen, was sie für Macht halten, damit sie anderen die befreiende Sklaverei anbieten können. Dass sie die Erscheinungsformen der neuen Bedrohung nicht nutzen, kommt nicht von ungefähr; natürlich könnten sie die drohende Klimakatastrophe zur Ersatzreligion aufpusten, doch wer würde schon eine Eschatologie der Ohnmacht entwerfen, die komplett ohne Hoffnung auskäme. Sie setzen auf alternative Verfahren und heilen durch Handauflegen, wobei sie trickreich den neoliberalen Turn ausnutzen, dass der nicht geheilt wird, der zu wenig an die Therapie glaubt. Zum Ausgleich ängstigen sie sich vor Chemtrails als Emanation eines infernalischen Machtapparats wie die Steinzeitler beim Anblick des Wetterleuchtens, denn ohne Teufels Beitrag ist die Ordnung einfach nicht zu deuten, wenn sie hinreichend komplex sein soll. Das Böse erfüllt seinen Zweck, wenn es nur genügend abstrakt sein kann, und was wäre besser geeignet als eine Idee, die allein zu diesem Zweck entworfen wird. Als das Fremde, als unbekannte Variable, beliebig einsetzbare Störgröße oder von den selbstverständlich bösen Machthabern verfügte Setzung ist sie der letzte Grund, auf dem sich noch bauen ließe: die Opferrolle lässt den Bekloppten wieder in beschaulicher Ruhe klagen, dass er die Dinge nicht ändern kann, die er gar nicht ändern will, weil er auch gar nicht wüsste, wozu. Aber er hat ein Motiv, sich zu beklagen, und allein das reicht aus, um es laut zu tun, hinter der Monstranz der eigenen Machtlosigkeit schreitend und den gewohnten Abgrund fest im Blick. Dass die Menschheit sich abschafft, ist ausgemacht, es steht nur zu fragen, wie lange sie dazu braucht. Wer daran schuld sein wird, ist eine müßige Überlegung, denn wer wäre hinterher noch da, um es wissen zu wollen. Aber vielleicht hocken wir dann ja alle gemütlich in der Hölle und wundern uns, dass wir nicht eher auf den Gedanken gekommen sind, in einem mies geplanten Gedankenexperiment zu existieren. Jemand muss Schnaps in das Fass gegossen haben, als unsere Gehirne schon darin lagen.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXXIII): Ontologische Unsicherheit

20 07 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Da wusste auch Rrt nicht weiter. Alles war seit Generationen so harmonisch gewesen. Die Kinder machte der dicke Vegetationsgott, wer sich mit der Säbelzahnziege einließ, war Biomüll, ab Mitte zwanzig knackten eh die Knochen, aber die Typen an der westlichen Felswand sahen nicht halb so mies aus wie die anderen Hominidenexperimente. Das sicherte ihnen spirituellen Beistand bei der Büffeljagd, ließ ihre Kinder besser gedeihen und hätte wenige IQ-Punkte später bereits zur Gründung einer neofaschistischen Partei gereicht. Damals wie heute wussten die Affen mit Haarausfall, dass es nur um die Kontinuität der Rasse ging, denn von einem gewissen Level der Beklopptheit abwärts wird sich keine dieser besorgten Mehlmützen je als Individuum angesprochen fühlen. Die Götter aber wandten sich ab, Missernten und der Einfall der Leute aus dem östlichen Tal waren der deutliche Beweis dafür. Die Seinsgewissheit, dass alles genau so ist, wie es scheint, hatte sich nach und nach aus den wachsenden Hirnen ausgeschlichen. Was blieb, war der Zweifel.

Spätere Generationen hatten noch ganz andere Erkenntnisse zu verdauen. Es gibt keine Götter, die Bäume wachsen nicht in den Himmel, Schiffe sind nicht unsinkbar, Kathedralen können krümeln. Die ontologische Unsicherheit entwurzelt nach und nach den Menschen, der sich eben noch gefeit sah in den Begleitumständen der conditio humana, und während die einen ihre skeptische Sicht auf die faulen Götzen durch noch mehr Glaube an andere höhere Wesen mit Hilfe hastig hingeschwiemelter Ersatzreligionen zu befriedigen versuchten, wuchs ein kleiner Teil an der plötzlichen Freiheit. Ein kleiner Teil, das heißt: so gut wie niemand. Der Rest suchte sich beliebige Strukturen, baute sie aus den Trümmern seiner bisherigen Ordnung auf und nannte sie nach Ungreifbarem wie Kapital oder Nation, denn was nicht greifbar ist, kann auch nicht versehentlich kaputtgehen. Endlich hatte er wieder ein Dasein, das sich nicht hinterfragen ließ.

Schließlich war da wenig, und es hatte deutliche Nachteile. Die Idee einer Gruppenzugehörigkeit, die die einigermaßen stabilen sozialen Beziehungen zur Umwelt ad hoc ersetzt, findet da ihre Grenzen, wo andere auch auf die Schnapsidee kommen, einer Gruppe anzugehören, freiwillig oder nicht, oder wo man sie gerne exkludierte, wenn es denn sinnvoll wäre. Plärrte ganze Europa, man wolle Vietnam auf keinen Fall als ebenbürtiges Mitglied seiner Staaten akzeptieren, müdes Grinsen begleitete das verbale Gerümpel der Aluhütchenspieler. Und doch lässt sich auch daraus noch eine trübe Brühe köcheln, die für Parteitage reicht, Wahlkämpfe im Bierzelt und Aufmärsche, bei denen sich eine Rotte fußkranker Knalldeppen als das Volk bezeichnet, als gäbe es gerade kein anderes. Die ontologische Unsicherheit macht, dass die dümmsten Arschlöcher zeigen, was sie tatsächlich sind: die dümmsten Arschlöcher.

Zunehmend wird deutlich, dass auch die neue Struktur nur aus Exklusion besteht. Die Gruppe ist stolz und froh, nicht mehr den alten Vegetationsgott anzubeten, keine krausen Haare zu haben, keine Nasale in der Nationalsprache, eine vom neuen Gott und der Gewerkschaft der Heiligen verordnete Fahne mit anderen Querstreifen als bei den anderen, kurz: sie sind anders, halten es aber im Gegensatz zur üblichen Denkart für zielführend und eine Gnade. Es erlaubt ihnen, aus dem Schmierkäse ihrer faden Existenz eine Struktur zu schnitzen, in denen sich mancher denkfreie Raum aufbauen kann. Dabei ignoriert das Völkchen tapfer, wie viele Wahrheiten neben seiner noch in den Dimensionen des Seins herumdümpeln, falls es nicht in Zeiten der plötzlichen Liberalität, wenn jene anderen mit ihrem Freiheitsdrang wieder in Erscheinung getreten sind, klüger wäre, Angst zu entwickeln, neue Unsicherheit als drohendes Schicksal, wenn nicht mit allen Mitteln die einmal gefundene Autonomie gegen eine wirkliche verteidigt würde. Jeder Strohhalm dient dann dazu, Feindbilder zu schaffen. Die Hölle, das sind die anderen, und so braucht man sie nicht mehr in sich selbst zu suchen, weil man sie ja bereits erfolgreich abgespalten hat. Dem Beknackten ist es letztlich egal, wie er seine Wohlfühlpsychose anfüttert. Alles da draußen wird wegdefiniert, und mit jeder Grenze, die sich auch schließen lässt, bleibt die innere Labilität ein wenig länger erhalten, auch wenn längst der Boden bröselt.

Nichts geht doch über die gute, alte Angst als Gestaltungsmittel innerer Freiheit. Mit Unsicherheit wird so jeder Zweifel dialektisch bekämpft, der Fundamentalismus bombt die Hinterlassenschaften der Aufklärung aus dem Gesichtsfeld, und eine neue Welt entsteht, in der es keinen Urknall gibt, keine anderen Einsichten als die eine, richtige, und keine Götter, es sei denn, der Bescheuerte hätte sie sich als Maßanfertigung ins Regal gehauen. Hier ist noch Wahrheit. Nie war sie absoluter.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXIV): Religion als Ventil

10 03 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Am Anfang mag der Schnaps gewesen sein, oder Rrt hatte einfach einen besonders schlechten Tag. Der Hund hörte nicht, die Hauptfrau kriegte schon wieder ein Kind, von wem auch immer, und langsam reichte es ihm, dass selbst in seinem Teich stetig fremde Köder herumdümpelten. Er brüllte den ganzen Abend lang in der Höhle herum, dann drohte er schließlich den versammelten Nachbarn: wer noch einmal an seine Fische ginge, würde gleich mit in der Brühe verschlammen. Dabei berief er den großen Donnergott, der eigentlich für Fragen der Vegetation gar nicht zuständig war, und gab dem erstbesten Verdächtigen kräftig eins in die für Gesichtsinhalte vorgesehen Fläche. Mit Hilfe des Medizinmanns stellte dieser nun klar, dass es sich um eine eklatante theologische Fehlleistung gehandelt hatte, mit dem Ergebnis, dass auch der Heiler eins auf die Nase bekam. Die nun folgenden Glaubenskriege waren evolutionär erfolgreich, da mindestens ein Drittel der Beteiligten sich nicht mehr an der weiteren Degeneration des Genpools beteiligten. Was doch Religion als Ventil ausmacht.

Zunächst ist Religion, die regelmäßig in der Theorie als friedensstiftendes Mittel postuliert, in der Praxis jedoch als fadenscheiniger Kriegsgrund gepriesen wird, nur Mittel zum Zweck; selten ist sie in der Lage, ihn überhaupt zu heiligen. Was sie aber dann mit dürrer Maskerade zu kaschieren versucht, die Gier nach Macht und Reichtum, Mordlust und Besessenheit nach territorialen Ansprüchen und Zerstörung, lässt sich nicht einfach verstecken. Wie bei allen anderen Spielarten des Terrorismus, so ist auch in der spirituellen Spielart von Menschenhass der Sakralgehalt der Schmucktapete nicht erheblich.

Als böte ein geschlossenes Wahnsystem nicht schon genug intellektuellen Bauschaum für auf höherem Level geistig gestörte Knalltüten, jede in sich fein säuberlich auf Widersprüchlichkeit gesägte Nullinformation hält für jede Lebenslage einen Ausweg parat, wo auch immer die Störung der Impulskontrolle Befriedigung sucht. Ob materielle oder geistige Armut, schlechtes Trinkwasser, Krieg oder eine beschissene Regierung, das weise Rauschen übertönt die Stimmen der Vernunft mit der Kraft der Flüstertüten. Und das wirkt: noch kein Paradies-Provider musste sein Angebot plötzlich wieder in die Tube drücken, weil man das mit den Jungfrauen, den gebratenen Tauben und Milch und Honig nicht mehr gut genug fände. Was sich noch verkaufen lässt, wird auch dann noch verkauft, wenn es keiner mehr braucht.

Weil Religion, ob systematisch betrieben oder nicht, die perfekte Brückentechnologie ist, um den Schmodder in der eigenen Schädelvollprothese gegen sich selbst zu rechtfertigen. Sie nagelt nicht nur aus beliebigem Restmüll moralische Gehhilfen zusammen, malt rote Linien mit durchlässigem Strich, auf den jeder Aberglaubensbruder geht, schwiemelt sich je nach Anlass mit Dokumenten, Grabsteinen und genealogischen Aufzählungen aus der verebbenden Bronzezeit ein gegen jede rationale Erklärung immunes Bild vom Universum und dem ganzen Rest, sie tackert auch vor die Eintrittsöffnung in den Denkapparat den ultimativen Filter für die Selbstwahrnehmung: wer den Quark glaubt, ist gut, alle anderen sind böse.

Was in der Glockendisko und den anderen Hirnwaschanlagen jahrhundertelang dem Volk in die Rübe gepfropft wurde, das spielt in einer Lustigkeitsliga mit Nagelpilz und Nasenbluten. Erst der nochmals völlig überzogene Remix an sich ideologisch abbaubarer Fehlleistungen, im guten Fachhandel meist als Fundamentalismus erhältlich, ist für Wutbrüder und Blutsbürger der neue heiße Scheiß, dem der Lemming nachzulaufen hat – im Zweifel hört er zwar den Knall, weiß aber nicht, dass er aus dem eigenen Schädel kommt, und rennt lachend ins Trommelfeuer, weil es für die höhere Idee ist. Je hirnrissiger der Ausweg scheint aus einer Welt ohne differenzierende Sachlichkeit, desto eher geben Glaubende Vollgas.

Den Religionen eigen ist, dass sie die bigotte Bizarrerie ihrer Einfälle gerne auf wunderlichen Details kochen, denen der Bescheuerte blind zu glauben hat – die sechsfingrige Prophetin hatte sechs Finger, gute Nacht. Legitim und historisch bewährt als Grund, seinem jeweiligen Bruder den Schädel zu spalten, ist noch immer der Disput, ob es sich um zwei Mittel- oder zwei Ringfinger gehandelt hat. Zwei Schulen gründen sich, die sich bis aufs Messer bekämpfen, nebenbei politische Organisationen samt Staaten und Volkswirtschaften gründen und dann endlich einander mit Bomben überziehen. Als Kriegsgrund dient jeweils die Anschuldigung, die andere Seite habe die Prophetin gelästert. So steigern sich Verschwörungstheorien, denn um nichts anderes handelt es sich bei den dazu verwendeten Religionen, in eine Zerstörungswut hinein, die man nur aus einem Grund erträgt: man zählt ja zu den Guten. Aber wer glaubt das schon.