Landlust

19 01 2010

„So ein Stoffel! Das lasse ich mir nicht bieten!“ Tanja Ludowig (ihr Namensschildchen steckte noch an der Brust) hätte mich fast über den Haufen gerannt und warf mir stattdessen einen hasserfüllten Blick zu. Ich war doch etwas irritiert, doch Siebels tröstete mich. „Machen Sie sich nichts daraus“, munterte mich der TV-Produzent auf, „sie war eine der schwierigsten Kandidatinnen. Schlechte Laune, ständig wusste sie alles besser, und der erhoffte Traumprinz war auch nicht dabei.“ „Was hat sie denn erwartet“, mokierte ich mich, „zehntausend Milchkühe und eine Million Hektar Getreide?“ Er rückte seine Brille zurecht. „Sie hatten das Exposé gelesen, ja?“ Wie peinlich – dabei hieß die Sendung doch Bäuerin sucht Mann.

„Wir haben ganz einfach zwei Schlüsselfaktoren grundlegend geändert“, erklärte Siebels, während wir über den knöcheltiefen Acker dem Wohnwagen entgegen staksten, „da wäre natürlich zuerst die Geschlechterverteilung. Frauen sind nun mal die Entscheidungsträger in Familienunternehmen, in der Landwirtschaft leisten sie gleichwertige Arbeit und sind sowieso diejenigen, die über Partnerschaft und Ehe zu befinden haben – es ist doch ein alter Hut, sogar im Tierreich wählt das Weibchen den Partner, die Männer bilden sich immer nur ein, dass sie eine Frau erobern.“ Ich folgte ihm, obwohl das Gelände nach dem Schneeregen der vergangenen Tage kaum zu betreten war. „Und die zweite Änderung?“ „Wir zeigen echte Bauern.“

Heidemarie Lübberstedt war gerade sichtlich vergrätzt. „Schicken Sie mir nie wieder so einen Dummerjan“, schimpfte die Landfrau. „250 Kühe, gut und schön, aber wenn ich mir das schon anhöre: so ein Verstoß gegen die Tierkennzeichnungspflicht ab und zu ist doch nicht so schlimm, kann ja mal vorkommen – hat der Mann noch nie etwas von Cross Compliance gehört? Soll ich jetzt für drei Jahre auf die Beihilfezahlungen verzichten, weil dieser Dösbaddel auf meinem Hof die Kontrolleure bescheißt? Der soll sich mal schön woanders ins gemachte Nest legen!“ Sie hatte sich richtig in Rage geredet. „Und der soll Rinderzüchter sein? kann einen Campylobacter nicht von einer Brucellose unterscheiden und will seine Tiere hier in meinen Bestand einbringen? Nee, das kann er sich mal abschminken, nicht mit mir!“ Siebels schmunzelte. Die blondstoppelige Moderatorin hatte ihre liebe Mühe, die Landwirtin zu beruhigen. „Schauen Sie“, sagte der alte Fernsehfuchs, „so leicht lässt sich ein lebensnahes Format mit hohem Unterhaltungswert produzieren. Gewusst, wie!“

Hatte sich Ben, der knapp volljährige Modeltyp mit dem zuhälterbraunen Solariumsteint, etwa im Acker geirrt und gehörte zu einer Superstar- oder Kleiderständer-Show? Siebels guckte kurz auf den Regiezettel, gab dann aber dem Stylisten grünes Licht. „Der gehört rein. Alles okay so.“ „Und Sie werden mir sicher sagen, was dies Modepüppchen hier zwischen Melkmaschine und Rübenvollernter zu suchen hat?“ Er feixte. „Warten Sie’s nur ab.“

Tatsächlich war Leonie, die älteste der drei Breithaupt-Töchter und im sechsten Semester Betriebswirtschaftslehre, nur kurz amüsiert, bevor sie den Beau abkanzelte. „Ja nee, is klar.“ Siebels stieß mir den Ellenbogen in die Seite und biss sich auf die Zähne, um nicht laut loszuprusten. „Das da ist unsere Antwort auf Narumol – das Schickimicki aus der Großstadt.“ Die Nachwuchsfarmerin hatte derweil schon den verbalen Dreschflegel kreisen lassen. „Mit goldverzierten Schühchen in den Schwadmäher, so siehst Du aus! Vielleicht bricht sich der Herr ja noch die Nägel ab, wenn der Düngerstreuer mal repariert werden müsste. Das ist ein älteres Pendelrohrmodell, und wenn man da nicht mit kann – ach, was rede ich da, der ist ja zu blöde, um die Rundballenpresse anzukuppeln!“ Ben kam gar nicht zu Wort. Aber das war auch schon egal, die Jungbäuerin war fertig mit ihm. „Jetzt sieh zu, dass Du die Ausfahrt zum Eiermalen mit Gülcan findest! Du störst! Hier wird nämlich gearbeitet!“

Befriedigt schob Siebels die Thermoskanne mit dem heißen Kaffee zu mir herüber. „Das läuft ja ganz großartig!“ „Und was soll das jetzt bitte? Sie zeigen echte Bauern, das ist ja ganz schön, aber welchen Erkenntnisgewinn haben wir davon?“ Er stutzte. „Das wissen Sie nicht?“ „Vermutlich, dass die Unterschichtensender alle gar nichts dafür können, wenn sie die Zuschauer hinters Licht führen?“ „Falsch. Nennen wir es Umkehrschub: nicht der Bauer, der als der letzte Trottel dargestellt wird, als ein Dummkopf, gerade gut genug, um im Kuhstall den Mist aufzufegen, sondern das Publikum ist blöd. Die Idioten, die plärren, wenn die Frischmilch im Discounter nicht regelmäßig billiger wird, bemerken auf einmal, dass sie zu den Landwirten nicht herabblicken dürfen. Weil sie begreifen, dass sie weder das technische Know-how für diesen körperlich anstrengenden Beruf besäßen noch die Resilienz.“ „Sie meinen, wer sich diese Kuppelschmiere anguckt, ist nicht widerstandsfähig genug?“ „Nein, nur geistig nicht flexibel genug – Bauer sucht Frau erfordert sowohl ein eindimensionales Weltbild, damit das Format seine Wirkung entfaltet, als auch die Unfähigkeit, seine eigene bornierte Perspektive zu bemerken.“

Aus dem Garderobenwagen stieg Marko, beruflich erfolgreich, aber bei Frauen nicht eben wohlgelitten. Der Modderboden suppte ihm sofort in den Hosenumschlag. „Jetzt krieg mal den Arsch hoch, Du Betriebsbremse!“ Sabine raunzte den Volljuristen kräftig an. „Bei drei bist Du im Schweinestall, kapiert?“ Siebels setzte sich behaglich zurecht. „Na, sehen Sie?“





Total Recall

24 02 2009

Ich traute meinen Augen nicht. Diese faltige Haut. Der jämmerliche Haarschnitt. Diese billigen Klamotten. Eine Körperhaltung wie ein Mehlsack im Halbschlaf. Das also war er? Siebels war stolz auf sich. „Wir haben den Pop-Titanen gleich für drei Staffeln verpflichtet.“

Und wirklich, er konnte stolz sein auf sich. Auf so eine Idee muss man erst mal kommen: zur besten Sendezeit versägte der Superstar-Terminator Investmentbanker im Minutentakt. Gebannt hörte ich ihm zu. „Das ist keine Ruhe, das ist Leichenstarre. Da gucke ich doch lieber Fußpilz beim Wachsen zu! Das ist wie ’ne Kläranlage. Außen Beton, innen Scheiße.“ Noch hielt sich der Geldhai über Wasser, doch Bohlen legte nach. „Das Ding heißt hier nicht: ‚Deutschland sucht Naturkatastrophen‘.“ Da soff der Finanzfisch ab.

Siebels gab rasch ein paar Zeichen, und schon betrat der nächste Rechenkünstler die Szene. Sofort knallte Bohlen ihm die Breitseiten entgegen. „Eher heiratet Dich der Papst, als dass Du ein Bankkaufmann wirst.“ Zack, das hatte gesessen. „Persönlichkeit wie ’ne Bockwurst. Du bist die personifizierte Talentfreiheit aus Deutschland!“ Schon bekam der Hinrichtungskandidat rote Ohren. Möglicherweise hatte er es für ein Lob gehalten. Und da zog sich schon die Schlinge zu. „Vielleicht hast Du ja bei Dir im Ort zwei Frauen flachgelegt und glaubst jetzt, Du bist der große Stecher.“

Ich setzte mich zu Siebels ans Regiepult. „Gut, ich denke auch, dass man das einmal oder zweimal laufen lassen könnte. Als DSDS-Spinoff gewissermaßen. Aber glauben Sie ernsthaft, dass man daraus drei komplette Staffeln stricken kann?“ Siebels gab sich zuversichtlich. „Sehen wir’s doch mal so: die Leute gucken diesen ganzen Schwachsinn doch nicht, um irgendwelche Gina-Lisas stöckeln zu sehen oder zu erdulden, wie sich die Küblböcks dieser Nation zum Affen machen. Sie wollen erleben, wie Bohlen dieses halbgare Kroppzeug von der Bühne wischt.“

„Und Sie fürchten keine Kompetenzproblematik bei diesem Sendekonzept?“ Siebels verstand nicht gleich. Ich erläuterte ihm, das Publikum von Wirtschaftssendungen könnte unter Umständen Bohlens Sachverstand in Finanzdingen in Frage stellen. Er beruhigte mich. „Solche Sendungen werden ja nicht unbedingt nur wegen Wirtschafts- oder Sozialkompetenz eingeschaltet. Sogar in der Börsenanalyse treten ja meist die auf, die die schönsten Sprechblasen absondern können.“ Er lächelte. „Außerdem müssen Sie wissen, Herr Bohlen ist studierter Betriebswirtschaftler. Diese ganzen Vollspaten haben ja meisten schon Probleme, die Grundrechenarten zu unterscheiden.“ Das allerdings war eine schlagende Argumentation, der ich mich nicht entziehen konnte. Welch ein kluger Kopf doch Siebels war. Wirklich bis ins letzte Detail hatte er alles durchdacht.

„Du hast einfach nichts drauf, außer vielleicht Zahnbelag“, röhrte der Musikproduzent, „weißt Du, was der Unterschied zwischen Dir und einem Eimer Scheiße ist? Der Eimer!“ Der kleine Anzugträger stand noch heldenhaft im Sturm der Injurien, da klatschte die nächste Woge auf ihn ein. „Der Nachteil bei Dir ist, dass Du keinen Vorteil hast. Ich kann Dir nur einen superguten Tipp geben: lass das für alle Zeiten. Verschon die Menschheit!“ Und auch er versank und wurde mit der Strömung fortgespült. Bohlen hatte sich immer noch nicht gefangen. Wie im Fieber drosch er auf dem Banker ein, der sich bereits auf dem Bühnenboden krümmte. „Leidest Du an Intelligenzallergie oder was hast Du an dreimal Nein nicht verstanden? Du siehst so aus, als hätte man irgendwo bei Euch in der Familie einen Seehund eingekreuzt.“ Ich lockerte ein wenig den Kragen und verließ das Studio.

Auf dem Gang wand sich die Schlange geschniegelter Investitionsfüchse. Ich zog mir einen Kaffee zum Mitnehmen, da stand auch Siebels wieder hinter mir. „Na, wie gefällt es Ihnen bisher? Finden Sie nicht auch, dass das ganz exzellent läuft?“ Ich meldete neue Bedenken an. „Verstehen Sie mich nicht falsch, aber kann man nicht wenigstens den Ton ein bisschen mäßigen? Das ist doch auch sozialethisch desorientierend, wie Sie hier Ihre Kandidaten verheizen. Insgesamt sieht es für mich eher wie eine Spaßveranstaltung aus – Sie produzieren hier doch nur jede Menge Witzfiguren, die sich nicht wehren können. Dient das nicht der massiven Konfliktverschärfung im öffentlichen Diskurs?“ „Nein, es dient der Psychohygiene. Alle diese Investmentbanker haben sich jahrelang durchs Leben geschnorrt, unschuldige Anleger um ihre Ersparnisse gebracht und waren sowieso immer unschuldig, wenn alles schief ging. Herr Bohlen projiziert nur den Zorn der Bevölkerung auf diese Versager. Sie verdienen es nicht anders. Er sorgt in den Augen der Zuschauer für Gerechtigkeit.“

Drinnen hatte die Popplaudertasche bereits die nächste Null in der Mangel. „Dich haben sie bei der Mülltrennung offenbar auf den falschen Haufen getan! Geh nach Haus und lass Dich löschen.“ Siebels war zufrieden. „Du stehst da wie ein Schwanz in der Hochzeitsnacht. Aber am Ende kommt auch bei Dir nichts raus.“ Ich lehnte mich zu ihm herüber. „Und was machen Sie nach der dritten Staffel?“ „Wir sind schon am Verhandeln. Wenn wir den Vertrag mit Herrn Bohlen verlängern können, lassen wir ihn auf Politiker los. Ich sage Ihnen, das wird der Bringer überhaupt!“