Soziale Teilhabe

25 01 2022

„… keine besondere Gefahr in den Schulen bestehe, da sich die meisten Kinder in den Familien mit dem Virus infizieren würden. Eine Einschränkung des Präsenzunterrichts könne es deshalb auf keinen…“

„… verspreche die Kultusministerkonferenz, für den Fall von nicht vorhersehbaren Ereignissen einen Notfallordner vorzubereiten, der von jedem Bundesland angefordert werden könne, um die…“

„… Streiks angekündigt hätten. Dazu sei zu bemerken, dass auch bei Unterrichtsausfall keine Berechtigung der Schüler bestehe, Kundgebungen durchzuführen, die im Gegensatz zum Schulbesuch ein erhöhtes Infektionsrisiko und einen…“

„… sei es korrekt, dass die in den Familien erworbenen Infektionen in die Schulen getragen würden, was aber nicht zur weiteren Ausbreitung des Virus beitrage, da das Infektionsgeschehen nach Ansicht der Kultusminister sich ja ausschließlich in den Familien und der…“

„… dass die Präsenzpflicht auch dann nicht abgeschafft werde, wenn sich der ganze Lehrkörper einer Schule in Quarantäne befinde. Da die Lehrer sich zu Hause aufhielten, bestehe offensichtlich kein Risiko mehr, das durch eine zu vorsichtige…“

„… auch die Ministerpräsidenten überzeugt seien, dass alle Kinder gerne zur Schule gehen würden. Schon aus Gründen des Kindeswohls müsse die Politik Schulen um jeden Preis offen halten, um die Langzeitfolgen für die…“

„… zunächst die Infektionsquote des Landes in Abstimmung mit den anderen Kultusministerien festzulegen. Danach erst werde die Erstellung des Notfallordners in Erwägung gezogen, worauf in einer Berechnung der Hospitalisierungsrate im Vergleich zu mehreren zufällig ausgewählten Kommunen anderer Bundesländer mit Ausnahme von Sachsen und Bayern der Versand einer Kopie noch in diesem Jahr…“

„… auch das Bundesbildungsministerium in der Durchsetzung des Distanzunterrichts eine schwere Gefährdung des Kindeswohls sehe. Stark-Watzinger fürchte, dass zahlreiche Kinder und Jugendliche vor Computern verbringen müssten, was angesichts der mangelhaften Digitalisierung traumatisierende Folgen für die …“

„… werde man ja bereits in zwei Wochen sehen, wie viele Kinder heute bereits infiziert seien, daher könnten die Kultusministerien auch erst in zwei Wochen beurteilen, auf welcher Grundlage sich die Fehler in den Berechnungen der…“

„… die Proteste der Schüler nicht berücksichtigt werden dürften, da diese als Minderjährige kein Mitspracherecht besäßen. Der Präsenzunterricht sei auch bei ihrer Ablehnung unabdingbar und werde zur Not gegen ihren Willen durchgesetzt, um das Kindeswohl nicht zu…“

„… den Kindern, die noch nicht mit dem Virus infiziert worden seien, eine Erkrankung nicht vorenthalten dürfe, da sie dann mit Schulkameraden nicht mehr mitreden könnten. Die Infektion sei auch ein Teil der sozialen Teilhabe, die die Politik den Heranwachsenden ermöglichen müsse, um sie zu mündigen Staatsbürgern zu…“

„… möglichst viele der Ansteckungen in den Schulen geschehen sollten, damit sie als Unfälle gemeldet werden könnten. Die KMK betrachte dies ausdrücklich als Sicherungsmaßnahme, um die Quote der im elterlichen Haushalt verunfallten Kindern möglichst…“

„… Aktivitäten in den Sportvereinen nicht zu dulden, da hier große Hallen mit vielen Kindern und Jugendlichen genutzt würden, die sich durch eine Anlagerung von Aerosolen zum gefährlichen Infektionsherd entwickeln könnten. Stattdessen sei die Durchführung des Schulsports weiterhin zu empfehlen, da hier viele Kinder und Jugendliche in großen Hallen, die als wirksamer Schutz vor der Anlagerung von Aerosolen in einer…“

„… ein Modell für den Distanzunterricht plane, bei dem die Schüler ins Schulgebäude kommen, aber aus jeweils anderen Räumen per Video von ihren Pädagogen angeleitet würden. Die Eltern seien gut beraten, dieses Kompromissangebot nicht vorschnell als hirnrissige…“

„… werde Chorsingen nicht zu unrecht als Superspreading-Risiko angesehen. Schulchöre seien davon ausgenommen, da die Aerosole bereits in Kirchen und Konzerträumen ausgeatmet worden seien und den Weg in die Schulen gar nicht…“

„… die Schulen auch als Schutzraum sehen würden, wo keine überflüssigen Tests durchgeführt werden könnten. Dadurch werde auch verhindert, dass durch viele positive Ergebnisse der Aufenthalt der Kinder in den…“

„… das Atemverhalten die Bildung infektiöser Aerosolen nicht begünstige. Dass in den Schulen vorwiegend von Lehrern gesprochen werde, verringere die Risiken, dass die aus den Haushalten eingeschleppten Viren sich unter den Kindern in…“

„… das Vorgehen der Arbeitsquarantäne auch auf die Schulen übertragen wolle. Zur Vorsicht sei die Aufstallung aller Kinder bis zum Ende des Schuljahrs eine Möglichkeit, die Erwerbsfähigkeit der Eltern auch im Falle einer…“

„… habe Stark-Watzinger es abgelehnt, sich vor Ort ein Bild von den Zuständen in den Schulen zu machen. Angesichts der immensen Gefahr einer Infektion mit dem Corona-Virus werde sie auf gar keinen Fall in die Nähe von…“





Konsistente Therapieangebote

24 01 2022

„Die 417 hat aufgehört zu schreien? Das ist okay, Hauptsache, sie hört nicht auf zu atmen. Dann wäre die Behandlung beendet, und wir könnten ihr keine therapeutischen Maßnahmen mehr in Rechnung stellen. Bereiten Sie schon mal den Aderlass vor.

Natürlich sind wir hier alle approbierte Ärzte, wir haben hoch qualifiziertes Pflegepersonal und einen exzellenten Ruf, was intensivmedizinische Versorgung angeht. Drüben haben wir die normale Station, da werden Sie auch nach allen Regeln der Kunst behandelt. Das mag für Fälle wie Herzinfarkt oder Schlaganfall selbstverständlich klingen, ich würde Ihnen das auch empfehlen, aber wir leben in einem freien Land, es gilt Eigenverantwortung, den Rest können Sie sich ja denken.

Ein Teil der medizinischen Versorgung wird ja bereits erfolgreich an die Bevölkerung delegiert. Sie tragen Sehhilfe, also sind Sie bereits betroffen. Und da wir Versorgung nicht mehr ohne unsere eigene betriebswirtschaftliche Kalkulation betreiben, muss man ja im Sinne der Dienstleistungsgesellschaft, die uns laut Hartz-Reformen zu einem erfolgreichen Staat gemacht hat, durchaus die Kernfrage stellen: wie viel Kohle können wir Menschen, die sich in Lebensgefahr befinden, aus den Rippen leiern?

Hat der 429 die perorale Gabe von Chlorbleiche schon geholfen? Dann räumen Sie das Zimmer frei, wir haben gleich den nächsten Patienten. In dem Fall können Sie auf der Todesbescheinigung gerne vermerken, dass er nicht an, sondern mit Corona verstorben ist. Sie sind jetzt vielleicht ein bisschen überrascht, aber wir nehmen Patientenwünsche sehr ernst. Wir stehen alternativen Therapieformen auch aufgeschlossen gegenüber, und wenn jemand auf die Art auf unserer Station versterben will, dann machen wir das gerne. Dazu ist die Medizin nach Ansicht dieser skeptischen Minderheit ja da.

Schröpfköpfe sind immer gut, das ist für das Gesundheitssystem geradezu sprichwörtlich. Wir weisen in den Behandlungsverträgen natürlich auf die wissenschaftlich nicht bewiesen Wirksamkeit der Methode hin, geben aber zu bedenken, dass die unangenehmen Empfindungen durchaus eine Art Placebo-Effekt hervorrufen. Das ist wie mit dem Rauchen, man fühlt sich ja auch nur entspannt, weil bei Nikotinzufuhr die Entzugserscheinungen kurz nachlassen. Für Skeptiker, beispielsweise Menschen mit abgeschlossener Berufsausbildung oder einem anderweitig funktionierendem Verstand, gibt es den Hinweis, dass die mesopotamische, die ägyptische und die chinesische Medizin diese Therapie auch schon als Standard bei allerlei Gebrechen wie Diabetes, Rheuma, Kurzsichtigkeit oder Schnupfen empfohlen haben. Wir befinden uns durchaus in einer Tradition, die schon viele überlebt haben.

Die 428 hatte einen kurzfristigen Herzstillstand, deshalb haben wir ihr nach dem Wissensstand des Behandlungsvertrags Tabakrauch in den Enddarm geblasen. Zur Wiederbelebung. Wie zu erwarten haben wir jetzt einen langfristigen Herzstillstand.

In einer Gesellschaft, in der man den Patienten die Grundregeln der Humanmedizin vortanzen kann und meist zurückbekommt, dass sie alles besser wissen, müssen Sie irgendwann ein konsistentes Therapieangebot machen. Wir haben uns für die allgemein bekannten Verfahren des Mittelalters entschieden, und das war nicht ganz leicht. Ich als Fachmann weiß zum Beispiel, dass die arabische Welt pharmakologisch erheblich weiter war als der Westen, aber erzählen Sie mal einem besorgten Bürger. Die erste endotracheale Intubation wurde 1543 angewandt, das lassen wir natürlich weg, da es sonst als Lügenmedizin gebrandmarkt würde. Die Kunden finden es authentischer, dass wir ihnen bei Irrsinn den Schädel aufmeißeln.

Der Hausmeister ist schon wieder zu früh dran, wie oft soll ich das noch sagen? Wenn der Kerl wieder den ganzen Flur ausräuchert, kann er sich auf ein Donnerwetter gefasst machen! Ich will auf der Station keine verkohlten Ginsterzweige mehr gegen unruhige Säfte, und er soll seine Pestmaske aufsetzen! Wenn er sich diesmal nicht an die Regeln hält, wird er ab morgen zur Vokalatmung versetzt oder zur Klangschalentherapie!

441 ist ja schon länger hirntot, da half auch kein Detox. Der war eigentlich schon bei Einlieferung vegetativ auf Null, weil er uns gesagt hat, dass die Erkrankung, wegen derer er dann gestorben ist, gar nicht existieren kann, da sein Sternzeichen das nicht zulässt. Interessant. Wir könnten ihn jetzt in die Kühlung verlagern, aber er ist Privatpatient, und da nutzen wir jede Möglichkeit, wenn Sie verstehen, was ich meine.

Wir wenden gerne experimentelle Verfahren an, wenn wir vorher rausgefunden haben, was wir an Wirkung erwarten können. Reinkarnation ist okay, mit Reiki haben wir im Internet gute Erfahrungen gemacht, und Heilsteine dürfen wir nur nach der üblichen Desinfektion anwenden. Das ist immer noch besser als Geistheilung, weil man da nicht genau weiß, wessen Geist eigentlich geheilt werden sollte. Immerhin haben wir eine Zusammenfassung der Eigenurintherapie mit klassischer Harnschau geschafft: erst guckt sich das die Pflegekraft an, dann können die Patienten mit dem Zeug machen, was sie wollen. Falls das irgendwie biodynamisch wirkt, sagen Sie Bescheid, wir integrieren das in die üblichen Behandlungsmethoden.

Heilhüpfen können Sie haben, gerne auch in konzentrischen Kreisen, mit oder ohne Ohrkerzen, und wir machen dazu anthroposophisches Kratzen auf der naturbelassenen Schiefertafel. Alles kein Problem. Globuli? Entschuldigung, hatten Sie das nicht kapiert? Wir sind Ärzte!“





In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (DLXXVII)

22 01 2022

Maurycy begoss in Molditten
im Winter die Stufen. Dort glitten
nun aus auf dem Eise
mehr lautstark als leise
die Leute, die sonst mit ihm stritten.

Im Frühling schmückt Carlo in Eyrs
den Christbaum. „Mir gleich, denn ich feier’s
wie andere Länder
nicht streng nach Kalender
und achte auch nicht des Geseiers.“

Zum Skatspiel braucht Bohdan in Narthen
bekanntlich ein ganzes Blatt Karten.
Da er seins verloren,
kam ihm jüngst zu Ohren,
es wächst, wenn man’s pflanzt, auch im Garten.

Man fand Pfarrer Fulvio in Jaufental
so ganz überraschend beim Taufen kahl.
Dies stört ihn zu Bette,
doch nach einer Wette
passierte ihm dies jüngst beim Saufen mal.

Es ärgert sich Max in Mareese.
„Wie ich’s Telefonbuch auch lese,
es ist nicht recht schlüssig.
Ich bin überdrüssig,
es hat nicht einmal eine These.“

Domenicos Katzen in Gfrill,
sie schreien meist nachts ziemlich schrill.
Eins fürchtet er mehr noch,
das ängstigt ihn sehr doch:
am Tag ist es unheimlich still.

Der Koch Mikołaj spricht in Natelfitz:
„Da ich statt des Löffels den Spatel spitz,
kann ich besser rühren,
denn Löffel zu führen
hilft nicht beim Gelingen von Tafelspitz.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXCVIII): Das Geknipse

21 01 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Anzeichen ästhetischer Selbstverwirklichung gab es früh. Schon der Cro-Magnon-Hominide beschränkte sich bei der Ausstattung seiner Höhlen nicht auf kultische Großformate, wie sie etwa in der Sixtinischen Kapelle bis heute Touristen aus aller Welt anziehen, er folgte ganz der Inspiration des Augenblicks. Jetzt ein Stück Protein, dachte der Kreative des späten Pleistozän, und flugs hatte er mit farbigen Fingern die so formschön wie auch schmackhafte Säbelzahnziege an die Wand gemalt. Von hier bis zum durchschnittlichen Honk, der sein Schnitzel fotografieren muss, weil man ihm sonst dessen Existenz nicht abnimmt, ist nur ein kleiner Schritt, der vordergründig mit dem Kunstwerk im Zeitalter der technischen Reproduktionsfähigkeit zu tun hat. Wenn es denn um Kunst ginge bei diesem ganzen Geknipse.

Seit Erfindung der Box als frei verkäuflichem Billigapparat, dem noch lange der Ruf vorauseilte, albernes Spielzeug zu sein, stolpern Pausenclowns mit Kleinkameras durch ansonsten schmucke Städte und Museen, Tier- und Biergärten sowie alles, was sich schwimmend, fliegend oder vom Boden aus erreichen lässt. Sie drückend lachend ihren Finger in den Auslöser rein, schwiemeln sich ein Dutzend Abbildungen zurecht von Tauben im Rinnstein, dem gelben Sonnenschirm über dem Eiscafé in Bad Gnirbtzschen oder dem kleinen Flüsschen nahe der Pension in der Badgasse, wo der Großonkel schon vor fünfzig Jahren einmal übernachtet haben muss. Unvergessliche Momente wie die Hochzeit von Dings und dieser einen da, wie hieß sie noch, aber das Kind war schon da, und die Taufe ist auch auf dem Film, werden erst auf Celluloseacetat gebannt, in handliches Format für ein Einklebealbum oder die Geldbörse auf allmählich gilbendes Papier mit leicht abknickbaren Ecken transformiert und landen schließlich in der zweituntersten Staubschicht, die während der Verschmelzung mehrerer Seiten auf niedermolekularer Ebene zu einem Festkörper wird, der jeder mechanischen Verformung abhold nicht mehr zu benutzen ist und im Container endet. Es heißt, Heisenbergs Unschärferelation sei Produkt eines Familienfotobuchs, das damals noch nicht im Internet bestellt und originalverschweißt dem Müll zugeführt wurde, sondern durch Photoneneinfall in Verwendung gebracht werden sollte, was direkt zur physikalischen Katastrophe führte.

Das Problem ist weniger die qualitative Beurteilung des Outputs, der bei vernünftiger Beherrschung der handwerklichen Mittel sowie beherztem Wegschmeißen sämtlicher Fehlversuche nicht einmal den Vergleich mit der professionellen Bilderzeugung scheuen muss, immer vorausgesetzt, es handelt sich um Waffengleichheit: der Irrglaube, man erlange durch Erwerb und Mitführen einer Ausrüstung im Wert eines fabrikneuen Spähpanzers die höheren Weihen eines qualifizierten Fotografen, ist ungefähr so weltfremd wie der Plan, durch die Anschaffung eines Konzertflügels die Ausbildung zum Pianisten zu sparen. So produziert auch der Berufslichtbildner allerlei experimentellen Schrott bar jeglicher Brillanz, ödes Zeug und fehlbelichtete Spreu, die aber dank digitaler Möglichkeiten nicht mehr in die mühselige Korrektur gehen, sondern gleich in den Orkus. Die Lernkurve ist steil, es gibt allerhand wohlmeinende Ratgeber, und spätestens bei ‚Sonne lacht – Blende 8‘ merkt dann auch der obenherum eng gedübelte Hutträger, dass es sich beim Bildermachen selten um Hexenwerk handelt, sondern vielmehr oft um pure Technik.

Es ist einerseits die Wahl des Motivs. Neben der üblichen Alltagsdokumentation, die angesichts der Anzahl von Bildern belegter Brötchen klar Abstand nehmen lässt von der These, dieses Material werde aus historisch-forensischen Beweggründen in die Linse gedrückt, sind es Freizeitaufnahmen aus dem Sockelbereich des Banalen: Kevin mit Eiffelturm, Kevin am Hotelpool, Kevin mit belegtem Brötchen. Auch paartherapeutischen Ansätzen könnte man zustimmen, wären die Abbildungen signifikanter Anderer nicht tiefenschärfenmäßig ungefähr in der Kategorie der Brötchenbilder. Wahrscheinlich wird sich der Schöpfer irgendwann nicht mehr an die Reise mit dem Ding da erinnern, aber Hauptsache, er hat dann noch ein Foto davon. Und so sieht es ja auch aus.

Es ist andererseits das Zwanghafte der Belästigung, mit der die gesamte Mitwelt das ewige Geknipse sieht und hört und auf die eigenen Geräte geschickt bekommt, als könnte keiner nur einen Tag ohne Hohlhupe am Hotelpool mitsamt belegter Brötchen überleben. Die Einheit von Subjekt und Objekt perfektioniert den Prozess, für das längst zum Goldstandard der Fotografie gereifte Selfie ist nicht einmal mehr ein nennenswerter Hintergrund notwendig. Mit der Sättigung der Kameradichte ist das Fotografieren zum quasi reflexartigen Vorgang geworden, der jeglichen Anspruch künstlerischer Daseinsäußerung preisgibt. Denn wer würde sich, auch ohne erkleckliche Kenntnisse, mehrmals am Tag in sein kleines Zimmerchen zurückziehen und ein Streichquartett komponieren, auf die Gefahr hin, dass er niemanden findet, dem er damit auf die Plomben gehen kann?





Volksseele

20 01 2022

„Länd of the Frühaufstehers, verstehen Sie? Das war in Deutschland immer schon so, deshalb kann man das auch nicht mehr ändern. Wenn man das nämlich ändern würde, hätten wir sofort wieder eine Revolution, und wir sind mit der letzten noch nicht fertig geworden.

Es gibt so nationale Eigenheiten, die haben Sie überall. Der Holländer fährt ständig Fahrrad, der Franzose wird quasi mit Stangenweißbrot unterm Arm geboren, wir Deutschen müssen immer faxen. Das ist hier nicht so einfach wie in anderen Ländern zu modernisieren, Sie müssen erst die Volksseele auf Ihre Seite bringen. Ich meine, woanders kann man die täglichen Infektionszahlen gerne per Mail an die Zentralverwaltung schicken. Klappt sicher ausgesprochen gut, fehlerfrei und führt zu einem extrem zuverlässigen Pandemiemanagement. Aber was machen Sie, wenn Ihr Internet mal nicht mehr funktioniert? Dann stehen Sie da und denken sich: ach, hätten wir doch mal die Faxgeräte aufgehoben!

Wir setzen auf Tradition, da muss man nicht so viel erklären, und die Leute machen es einfach. Zum Beispiel Mülltrennung – haben Sie schon mal einen Deutschen erlebt, der sich nicht über den ganzen Aufwand beschwert und das alles total überflüssig findet? Stimmt ja auch. Mit dem ganzen Kraftstoff, den die Mülllaster in die Umwelt blasen, können Sie sämtliche positiven Effekte der Wiederverwertung mehrfach ausradieren. Aber die Deutschen sind eben disziplinierte Menschen, die sich nicht einfach gegen etwas entscheiden, was von den anderen auch so gemacht wird, egal, ob es nun sinnvoll ist oder nicht. Das ist nämlich eins der Geheimnisse, warum unser Land so reibungslos funktioniert: wenn etwas zum System dazugehört, dann machen es die Leute auch.

Sie sind zum ersten Mal hier, richtig? Gut, dann haben Sie bestimmt hohe Erwartungen an unser Land. Sie kommen doch, weil Sie Deutschland als mustergültiges Vorbild für andere Staaten sehen, oder? Jetzt seien Sie nicht ungerecht, wir legen auf solche Lobhudelei überhaupt keinen Wert, aber ein bisschen ist doch dran. Als Industrienation sind wir ein sehr gutes Beispiel, wie man auch angesichts der ständigen Veränderungen und bei den vielfach steigenden Anforderungen seine Traditionen pflegt.

Ja, das hat schon etwas zu tun mit Bier und Lederhosen, aber ich meinte jetzt eher Atomkraft. In anderen Ländern ist diese Liebe ausgeprägter, bei uns ist es aber so, dass wir auch bei scheinbar nicht damit zu vereinbarenden Entwicklungen immer wieder zu ihr zurückkehren. Da ist der Deutsche halt eigen. Er hat das Automobil erfunden und die Kernspaltung, deshalb will er sich auch nicht sagen lassen, dass das unmodern ist. Wobei es um modern oder unmodern gar nicht geht, aber das ist dem Deutschen letztlich auch egal. Es soll ja auch alles so bleiben, wie es immer schon war, das ist uns modern genug. Wenn Sie das auf Plakate schreiben, so sinngemäß, eventuell irgendwas mit Fortschritt, dann haben Sie die Leute.

Dass wir von Digitalisierung nichts verstehen, das ist aber ein Vorurteil. Fast jeder hier hat ein Smartphone. Manche können sogar damit umgehen. Wir haben nur kein ordentliches Netz, aber das hat ja mit Digitalisierung nichts zu tun. Manche sagen, dass wir durch die mangelhafte Digitalisierung ein Problem mit den Lieferketten haben, aber da sind wir Deutsche halt erfinderisch und bestellen unsere Sachen ab sofort nur noch im Internet. Mit dieser Haltung der absoluten Flexibilität haben wir noch jede Schwierigkeit gemeistert. Schauen Sie sich mal die Schulen in Deutschland an, die sind nach Meinung der Experten auch noch nicht ausreichend digitalisiert, aber sind die deshalb geschlossen? Wir machen das auf traditionelle Art, deshalb hat bei uns das Handwerk auch so einen hohen Stellenwert im Vergleich zur Wissenschaft.

Natürlich können wir Wissenschaft. Sie müssen uns jetzt nicht erklären, wie Wissenschaft geht, aber repariert Wissenschaft Ihr Auto? Sie machen sich ein vollkommen falsches Bild von Deutschland, wenn Sie denken, dass wir nicht offen sind für neue Entwicklungen. Wir haben zum Beispiel ganz neue Braunkohlekraftwerke geplant, als schon feststand, dass wir die gar nicht mehr brauchen werden. Aber zeitgleich haben wir auch die Solarindustrie in die Tonne getreten, das heißt, wir müssen dann eben doch irgendeine Brückentechnologie haben, mit der wir Ausfälle in der Energieerzeugung ausgleichen können. Und wir hatten natürlich auch schnell neue Impulse auf dem Arbeitsmarkt, weil viel mehr für einen neuen Job offen waren. Deutschland sieht nicht in jeder Chance eine Krise, wir machen das ab jetzt umgekehrt. Darum sind wir ein Land, das in der internationalen Entwicklung auch immer die Nase ein Stück weit vorne haben wird.

Denken Sie doch nur mal an die Autobahnen. Wir haben so viele Probleme in der Verkehrspolitik gehabt in den vergangenen Jahren, die Konkurrenz von Bussen und Bahnen, ständig wurden wir mit Forderungen nach einem Tempolimit überzogen, dann kommen auch noch die Radfahrer, aber haben wir da nachgegeben? Die Autoindustrie, gut und schön, aber irgendwo müssen die ganzen Wagen ja auch fahren. Und da sind wir nämlich wirklich bei deutschem Kulturgut, das müssen Sie doch jetzt zugeben – warum kommen denn so viele Menschen nach Deutschland? Weil sie hier mal mit 60 über die Schnellstraße fahren wollen?

Nein, wir machen das schon richtig, und deshalb haben wir auch eine Zukunft. Vorausgesetzt, dass wir das mit dem Impfen auch hinkriegen. Irgendwann.“





Schuldknechtschaft

19 01 2022

„… in vielen Ländern bis heute körperlich und seelisch ausgebeutet würden. Die Bundesregierung werde dazu noch strenger auf die UN-Konvention hinweisen, damit Kinderarbeit nicht länger zum…“

„… zahlreiche Auswirkungen auch auf die deutschen Märkte hätte. So könnten sich gerade die Ärmsten der Armen, die vom Bürgergeld leben müssten, alltägliche Produkte wie Schokolade und Kaffee nicht mehr leisten, wenn die EU durch eine überzogene Verbotspolitik die soziale Schere aus moralischen Gründen ansetze. Merz fordere ein…“

„… würden Gegenpositionen in der öffentlichen Diskussion oftmals vorsätzlich unterschlagen. Weidel sehe in der frühen Berufstätigkeit auch eine praktisch orientierte Bildungschance, da man bei minderwertigen Rassen mit Schule nur überflüssige Potenziale zur Auswanderung nach…“

„… touristische Angebote sehr stark von einem ausreichenden Vorrat an Kinderarbeitskräften abhängig seien. Gerade durch negative Faktoren wie Corona oder den Klimawandel müsse man die Reiseindustrie wieder stärken, indem man durch eine flexiblere Kooperation mit den Betrieben vor Ort eine beiderseitige…“

„… nach Lindners Ansicht mit dem sofortigen Stopp keinem gedient sei. Vielmehr müssten auch die positiven Effekte gesehen werden, die in den Herkunftsregionen viel deutlicher zutage träten als in Europa. Eine langfristige Verbesserung aller an den Lieferketten beteiligten Volkswirtschaften sei nur mit einem langsamen Ausstieg aus der…“

„… werde auch die Textilindustrie nachhaltig geschwächt, wenn andere soziale Randgruppen wie Frauen die Hauptlast der Fabrikarbeit zu tragen hätten. Merz wolle durch eine bessere Verteilung der Arbeit auf die Gesellschaft ein nachhaltiges…“

„… dass in Deutschland und vielen anderen europäischen Staaten noch bis weit ins vergangene Jahrhundert Kinder ganz selbstverständlich in den elterlichen Betrieben beschäftigt und teilweise dafür nicht einmal entlohnt worden seien. Die FDP warne vor einer Neiddebatte, dass die vergleichsweise gute Lohnsituation in den heutigen Ländern der Dritten Welt im Vergleich zu den damals…“

„… habe auch die AfD kein Interesse an einer kompletten Ächtung der Kinderarbeit. Würde man den Familien die Anreize zur eigenverantwortlichen Haushaltsführung nehmen, so Meuthen, so öffne man die Schleusen einer Massenmigration, die vor allem unbegleitete Jugendliche aus sämtlichen…“

„… könne sich Kubicki auch einen direkten Transfer ausländischer Wirtschaftsmodelle auf die deutschen Verbraucher vorstellen. So sei die legale Verschreibung in Schuldknechtschaft für viele sich in Privatinsolvenz befindliche Erwerbslose eine durchaus attraktive Möglichkeit, die letztlich auch die Interessen der Finanzdienstleister sehr gut…“

„… sich der Fachkräftemangel inzwischen auch in Ostasien zeige. Für den Bundesverband der Deutschen Industrie sei klar, dass viele Firmen im Schichtbetriebe ohne den Einsatz von Kindern nicht mehr wirtschaftlich arbeiten könnten, weshalb das Verbot nach internationalen Richtlinien langfristig zu schweren Schäden an der Weltwirtschaft und damit an den börsennotierten…“

„… sich Merz im Falle der Textilhersteller für den möglichst frühen Einstieg in die Erwerbsarbeit ausgesprochen habe. Durch das Ansammeln vieler Berufsjahre steige seiner Erfahrung nach auch die individuelle Rente, was zu mehr Wohlstand und…“

„… habe Deutschland nach Ansicht von Weidel kein Recht, anderen Ländern ihren Umgang mit den eigenen Kindern vorzuschreiben, solange hier noch geduldet werde, dass linksextremistische Demos während der Schulzeit die Zerstörung staatlicher Erziehungsziele einläuten würden, bis sich die…“

„… werde das Aufstiegsversprechen des freien Marktes sich gerade in den aufstrebenden Nationen beispielhaft bewahrheiten. So könne ein Kind, das mit fünf Jahren als Näher seine Karriere starte, mit 35 bereits Eigentümer eines Textilkonzerns mit mehr als einer Million Arbeitskräften sein, die mit ihrem eigenen Konsumverhalten für eine große…“

„… müssten Veränderungen im politischen und gesellschaftlichen System der Länder berücksichtigt werden. Lindner warne vor einer Ausbreitung der Kindergewerkschaften, die noch mehr Sozialismus und Verarmung in den betreffenden…“

„… lehne die AfD die Zuwanderung von mehreren Millionen Kinderarbeitern pro Jahr strikt ab, da es nicht genug Beschäftigungsmöglichkeiten für diese gebe. Außerdem bestehe die Gefahr, dass Arbeitsmigranten deutschen Kindern die Ferienjobs wegnähmen, was zu einer katastrophalen…“

„… weite Teile der Union die Ausweitung eines allgemeinen Kinderarbeitsverbots auf die deutsche Gesellschaft kritisch sähen. Man habe bereits durch das Verbot der körperlichen Züchtigung durch die Eltern das christliche Menschenbild leichtfertig preisgegeben und müsse nun durch besondere Berücksichtigung des Kindeswohls eine…“

„… sehe sich die Kultusministerkonferenz aber nicht in der Lage, ein einheitliches Urteil über Lockerungen des Jugendarbeitsschutzgesetzes zu kommunizieren. Man gebe jedoch zu bedenken, dass die Kinder in Deutschland durch die in den Schulen vorangetriebene Durchseuchung mit dem Corona-Virus derzeit nicht geeignet seien, die in der Wirtschaft erwarteten Personallücken einer neuen Infektionswelle zeitnah zu…“





Hitler-TV

18 01 2022

„Blitzkrieg machen Sie mal in je zwei Folgen von Donnerstag bis Samstag. Als Event-Dreiteiler. Den Einmarsch der Alliierten senden wir aber am Stück, und verkaufen Sie bloß keine Werbung. Da schaltet unsere Zielgruppe eh ab.

Man muss ja sein Publikum im Auge behalten, sonst kriegt man das nie finanziert. Stalingrad ist gerade noch so an der Grenze, wenn Sie da zu früh sagen, dass die Planung schon scheiße war, dann sind Sie die Zuschauer sofort los. Kann man nicht machen. Das hat nichts mit historischer Bildung zu tun, Gott bewahre – denen können Sie erzählen, dass der Führer bei der Erledigung der Tschechei mit kleinen grünen Männchen gekämpft hat, das interessiert keine Sau – sondern ausschließlich mit dem Zeug, das die anderen Sender rausgehauen haben. Jahrzehntelang. Das prägt sich ein. Wenn Sie das nutzen wollen, viel Spaß in der Kurve.

Das sind schöne Aufnahmen, haben Sie davon auch längere Sequenzen? Natürlich kann man das immer wieder neu zusammenschneiden, aber davon wird eben die Geschichte nicht besser. Blondi ist nun mal ein schönes Motiv, da schaut man gern hin, aber immer diese Schnipsel – lassen Sie sich da mal etwas einfallen, und dann machen wir eine eigene Sendung, okay?

Deshalb ja Hitler-TV, da weiß man sofort, was einen erwartet. Markenkern und so. Und man kann das politisch verstehen, muss es aber nicht. Da sind wir in jeder Hinsicht offen. Man muss ja auch mal in die Zukunft denken, da keiner weiß, wie sich die Parteienkonstellationen hier in Deutschland verschieben werden. Am Ende kommt die große Erinnerungswende, dann muss man den Führer gar nicht mehr als das Böse betrachten, und wir können dann mit einem sehr differenzierten und nach allen Seiten hin relativistisch abgepufferten Programm unsere Jobs behalten. Oder überleben.

Natürlich kann man eine differenzierte Sicht auf die Dinge bieten, wieso? Schauen Sie mal, wir sind uns der gesellschaftlichen Verantwortung durchaus bewusst. Wir zeigen eine kritische Einordnung der Schulmedizin, auf der anderen Seite aber auch die Impfaktionen der SS. Daraus kann sich dann jeder Interessierte sei eigenes Weltbild zusammenbauen, mit dem er gut lebt. Vor Eigenverantwortung kann man sich nicht schützen, und das gilt nicht nur im historischen Kontext. Dafür leben wir ja derzeit in einer pluralistischen, toleranten Gesellschaft.

Übrigens ist dieses Konzept sehr entlastend für die internationalen Beziehungen. Das hören wir von den ausländischen Partnern immer wieder. Wenn Sie die Nachgeburten, ich meine: Nachgeborene fragen, die haben bei der Schuldfrage eine klare Linie. Das war alles Hitler. Und zum Schluss, so ab 1939, war das alles so kompliziert, da hat auch der Führer nicht mehr den Durchblick gehabt, darum musste man ihn auch mit wesentlichen Nachrichten von der Front verschonen. Wenn man der größte Feldherr aller Zeiten ist, kann das schon mal sehr kritisch werden, aber auf der anderen Seite weiß man dann auch, dass Hitler vom Krieg gar nichts mitbekommen hat. Er musste ja ständig Pläne von der architektonischen Umgestaltung der neuen Welthauptstadt Germania entwerfen. Wie kann man bei dem Arbeitspensum einen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion führen? Genau. Und mit dem Argument sind wir sehr erfolgreich, wenn wir den Russen erklären wollen, dass Hitler gar nicht so schlimm war. Er hat ja quasi nur die Befehle der Industrie ausgeführt, und das machen so gut wie alle kriegführenden Nationen. Hitler war eigentlich ein klassisches Opfer. Da trifft es sich auch klasse, wenn man ihn heute in dieser Opferrolle kennen lernt oder auch interpretiert.

Ja, wir nehmen das über die Reichsflugscheibe ins Feiertagsprogramm, aber nur sehr spät abends. Das ist ja nüchtern gar nicht zu ertragen, und wenn Sie das auf den Nachmittag schieben, kriegen wir wieder Beschwerden von Wissenschaftlern. Aber Sie recherchieren das bitte ordentlich durch, ich habe keine Lust, dass wir wieder irgendwelche Bilder aus Norwegen zeigen und dann behaupten, das sei Neuschwabenland, verstanden?

Dass wir hin und wieder auch abseitige Themen integrieren, heißt noch nicht, dass wir beliebigen Verschwörungserzählungen Raum geben. Wenn wir die Untersuchung von Hitlers Schädel in Moskau in einem liebevoll gestalteten Mehrteiler zeigen, dann heißt das nicht, dass wir auch behaupten würden, er sei nach Argentinien geflohen. Wobei der Film schon ein paar Jahre alt ist, deshalb könnte man den durchaus auch im Nachtprogramm bringen.

Lesen Sie das mal auf den großen Stapel, ich sehe mir das nachher an. Wir kriegen ja eine Menge Fremdproduktionen rein, nicht nur diese älteren Filme, zum Teil ganz interessante Sachen. Das ist eine gewisse Erleichterung für unsere Arbeit, dass wir nicht immer nur dieselben Beiträge in Dauerschleife zeigen müssen, aber wir müssen da genau unterscheiden, was unseren Ansprüchen an Qualität und Zuverlässigkeit genügt. Antisemitische Hetze können wir selbstverständlich nicht dulden, das würde die finanziellen Mittel unseres Senders übersteigen. So eine Rechtsabteilung kostet auch. Aber man kann ja auch mal kontroverse Fragen aufgreifen, ob zum Beispiel Mikrowellenangriffe auf deutsches Erbgut real existieren oder ob ein Chemtrail-Angriff durch eine Geheimregierung rein technisch möglich wäre. Wir lassen das aber immer vorher juristisch absegnen, sonst wirft man uns am Ende noch vor, wir gehören zur Lügenpresse. Und seien wir mal ehrlich, könnte sich Springer das angesichts seiner aktuellen Auflagen leisten?“





Spontane Zusammenrottung

17 01 2022

„… mehr Rechtssicherheit biete, wenn die Polizei die Kritiker der staatlichen Pandemiemaßnahmen bereits im Vorfeld berate. Die Beteiligung an einem sogenannten Spaziergang könne dadurch für die Bürger zu einem viel besseren…“

„… ersetze eine Teilnahme an der freiwilligen Spaziergangsberatung nicht die Anmeldung einer Demonstration, da es sich bei Kundgebungen, die nicht offiziell als Kundgebungen im Sinne des Versammlungsgesetzes handele, nur um besagte Spaziergänge, aber nicht um…“

„… dass das Mitführen von Spazierstöcken, Schirmen und Stichwaffen bei einer Demonstration als Ordnungswidrigkeit, möglicherweise sogar als Verstoß gegen das Waffengesetz gewertet werden könne. Diese Auflagen seien jedoch nicht relevant, wenn sich die besorgten Bürger bei der Form ihres Aufmarsches zur Bildung eines…“

„… bei einem Spaziergang keine Anmelder der Versammlung angegeben werden müssten, da die Polizei von einer spontanen Zusammenrottung ausgehen könne, wenn diese nicht von einer Person angemeldet worden sei. Dies sei auch für die Ordnungskräfte einfacher, da hier keine Kontrolle der anwesenden Personen durchgeführt werden müsse, was mit weniger Personal und…“

„… dass bei angemeldeten Versammlungen auf gar keinen Fall die voraussichtliche Anzahl der Teilnehmer überschritten werden dürfe. Die Polizei könne ihren Einsatz nur anhand der Größe des Demonstrationszuges planen. Werde diese am Tag der Kundgebung überschritten, so müssten sich die Demonstranten unter Umständen ganz ohne die üblichen polizeilichen Ordnungsmaßnahmen…“

„… bedürfe es keiner gerichtlichen Klärung, ob das Mitführen von Transparenten und Plakaten für einen Spaziergang üblich sei. Da nach Erfahrung der Polizei zahlreiche Teilnehmer täglich an den Versammlungen in mehreren Bundesländern tätig seien, dürfe man diese Gegenstände bereits als normales Handgepäck ansehen, die nicht durch polizeiliche Auflagen wie Schals, Brillen oder…“

„… mit Haftbefehl gesuchte Rechtsextremisten gefahrlos an einer Laufkundgebung teilnehmen dürften, da die Kontrollen auf ein allgemein verträgliches Maß reduziert würden, um die Lage nicht eskalieren zu lassen. Lediglich Dunkelhäutige und Personen mit auffälliger Nasenform seien von der Regelung ausgenommen, da der Staat die Meinung der Demonstrierenden respektiere, auch wenn dies im Konflikt mit der Verfassung und…“

„… seien die Innenminister fest entschlossen, durch Strafverschärfungen für mehr Sicherheit im öffentlichen Raum zu sorgen. Bereits im nächsten Jahr werde der Strafrahmen für Beleidigung auf…“

„… setze die Polizei bei Personalengpässen auch auf Bürgerwehren, die an ihrer Stelle die sicherheitsrelevanten Bereiche betreue, Straftaten aus dem Demonstrationszug heraus ahnde und gegen extremistische Demokraten vorgehe, die als Anwohner oder Gegendemonstranten gegen die Kundgebung des Volkswillens vorsätzlich auf der falschen Seite des…“

„… dass es nicht Aufgabe der Polizei sei, das Verhalten gesellschaftskritischer Bürger bei einer verfassungsrechtlich generell tolerierbaren Aktion zu bewerten. Sprechchöre hätten zwar keine lange Tradition bei Spaziergängen, würden aber auch in anderen Situationen wie beispielsweise nach einem Fußballspiel auftreten und seien dann nur geeignet, als Lärmbelästigung der…“

„… auch Polizeibeamte an nicht angemeldeten Kundgebungen teilnehmen würden, um für die Akzeptanz der Spaziergänge zu werben. Das gemeinsame Begehen von Ordnungswidrigkeiten sei als Zeichen von Bürgernähe zu verstehen, die zum entspannten Umgang mit den gesetzlichen…“

„… rechtzeitig zur Karnevalssaison die Regeln für selbst organisierte Umzüge noch einmal leicht überarbeiten werde. Da es bisher keine gesetzlichen Grundlagen für die Gestaltung von Kostümen gebe, werde die Innenministerkonferenz, in deren Bereich auch Kultur und Brauchtum fallen würden, nicht auf ein Vermummungsverbot warten und damit in Kauf nehmen, dass eine Demonstration ohne den gebotenen Infektionsschutz damit legal oder…“

„… gehe von den Spaziergängern in der Regel kein hohes Gewaltpotenzial aus. Bisher sei es nicht zu brennenden Personenkraftwagen gekommen, auch sei die Ankündigung, die Bundesregierung in einer unterirdischen Gaskammer zu ermorden, nicht in die Tat umgesetzt worden, da es nach Angaben des Bundesamtes für Verfassungsschutz derartige Räumlichkeiten auf deutschem Boden gar nicht…“

„… im Zuge der Schutzmaßnahmen für die kritische Infrastruktur auch weniger eingesetzt werde. Wer sich als Feind der Spaziergänge für Frieden, Freiheit und keine Gewalt verstehe, dürfe selbstverständlich bei etwaigen Straftaten die Polizei rufen, müsse sich aber bei einer nicht validen Zeugenaussage wegen Missbrauchs von Notrufen und Beeinträchtigung von Unfallverhütungs- und Nothilfemitteln…“

„… sich bei einer Anmeldung nicht an den Zweck der Kundgebung halten müsse. Die Berater würden ausdrücklich ermutigen, nicht nur gegen eine sogenannte Corona-Diktatur zu protestieren, sondern bereits jetzt die Abschaffung von freien Wahlen zu fordern oder den Klimawandel als Fake News einer von Reptiloiden gesteuerten Regierung auf dem Mars zu bezeichnen, wie dies nach dem Ende der Pandemie jetzt schon in einigen Chats von Abgeordneten der Alternative für…“





In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (DLXXVI)

15 01 2022

Es handelt Jacques in Sarrewerden
seit Jahren erfolgreich mit Pferden
Was manchen verwundert,
er findet zweihundert
in farblich gut sortierten Herden.

Man sagt, Clinton hat in Rawene
im Alter noch mutige Pläne.
Doch das muss noch warten,
im Haus und im Garten
sucht er vorher meist seine Zähne.

Fabien hat in Rouvres-sur-Aube
zehn Jacken, fünf feine, fünf grobe.
Man hört ihn oft fluchen
beim Stapeln und Suchen.
Nun spart er auf eine Garderobe.

Buk Andrus sich Brot in Hirmuste,
gab’s eines, das er sehr gut wusste:
man knetet beständig
den Teig eigenhändig.
Das gibt eine sehr gute Kruste.

Didier spielt gern in Saargemünd
Klavier. Dies stört selten sein Kind,
das auch bei den Tönen,
den lauten und schönen,
entschlummert und einschläft geschwind.

Erbost schimpfte Liz in Kaikohe,
dass sie ihren Schülern nur drohe,
wenn diese sich schwierig
erwiesen und gierig,
weil sonst ja die Jugend verrohe.

Gaston stieg recht gerne in Foug
umsonst in den nächstbesten Zug.
Im Schaffnersgewande
fuhr er durch die Lande.
Kaum einer bemerkt den Betrug.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXCVII): Wertschätzungszwang

14 01 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Ein Gespenst tapert herum durch die öffentliche Welt. Es stolpert ständig jedem um den Hals und herzt dahergelaufene Deppen, schlägt Knalltüten vor Freude auf die Schulter und bejubelt jeden Feuchtbeutel, der mit seiner Atmung intellektuell voll ausgelastet erscheint. Dieser Geist ist voller Respekt, ach was: geradezu liebestrunken geht er in die Knie bei allen hirnverdübelten Schnackbratzen, denen eine Runde Vollkontakt mit der Faust große Dienste erweisen würde. Es ist die dämlichste Idee der Menschheit, ausnahmslos alle Hominiden für ihre sozial kaum verträglichen Sondermeinungen zu achten, ihnen für jede hirnrissige Absonderung in aufrichtiger Ehrerbietung zu nahmen und sie auch sonst zu behandeln, als hätten diese Mehlmützen noch ansatzweise alle Rillen auf der Erbse. Dieser dämliche Wertschätzungszwang, der uns vor allem im professionellen Umgang miteinander täglich bis knapp hinter die Grenze des Erbrechens treibt, er ist schlicht und ergreifend überflüssig. Und schädlich.

Selbstredend akzeptieren wir die Neigungen des Anderen zu flamboyantem Schuhwerk, Weingenuss bei Körpertemperatur und religiösem Aberglauben, solange er uns nicht nötigt, desgleichen zu tun. Wo aber nicht der Hang zur Individualität entscheidend ist, sondern die Dummheit ihr debiles Grinsen aus dem Gesichtsübungsfeld quetscht, da wird jegliche Duldsamkeit hinfällig. Torheit lähmt die Interaktion und lässt jeden halbwegs zur Vernunft fähigen Luftverbraucher in brüllendem Schmerz zurück, dass diese versaubeutelten Fehlversuche sich mit uns auf einer Erdkrümmung aufhalten dürfen. Wir aber haben laut Anstandsvereinbarung zu allem gute Miene zu machen? Nix da.

Um des lieben Friedens willen hocken wir auf der Geburtstagsfeier treu gegenüber dem ständig angetrunkenen Urgroßonkel mit dem angespannten Verhältnis zu Wasser und Seife, hören uns seine wirren Geschichten zu Kolonialismus, Krieg und Rassentheorie an und lassen ihm alles durchgehen, auch wenn er ankündigt, mit der abgesägten Flinte auf die Nachbarskinder zu zielen, weil polnische Nachnamen ein untrügliches Zeichen für genetisch veranlagten Kommunismus seien. Wir schieben ihm Schnaps über den Tisch, ignorieren sein Geopfer und ärgern uns die Magenschleimhaut wund, weil er auch bei der nächsten Beerdigung wieder verbale Faulgase absondern und die Gesellschaft in den blanken Ekel treiben wird. Wir aber sind selbst an der Misere schuld, weil sich das dümmliche Gefasel leicht von der Klippe kippen ließe, nicht ganz ohne Gewalt, aber nachhaltig und in angenehmer Stille verebbend. Man muss es nur wollen.

Gleichfalls wird jedes Team, ob es nun kegelt oder Panzerwagen aus Kartoffelbrei schwiemelt, zu Harmonie und Eintracht verurteilt, damit keine Zeit verlustig geht durch überflüssige Konfliktlösungen oder einen klärenden Axthieb. Wir alle haben uns furchtbar lieb und gehen damit den anderen auf den Zwirn, koste es, was es wolle. Selbstverständlich ist es gut, vertrauensvoll miteinander umzugehen und nicht nur den Materialwert einer Personalressource zu betrachten, aber die ständige Rücksichtnahme auf sozial nicht anpassungsfähige Bumsrüben ist in jeder Konstellation ein schwerer Ausnahmefehler, der alsbald zum Knirschen des Systems führt.

Die Ähnlichkeit mit dem Toleranzparadoxon ist kein Zufall. Auch hier sind die sozial kompetenten Klugen solange dumm zu den sozial inkompetenten Dummen, bis die Dummen den Rest des Systems in die kollektive Beklopptheit geführt haben, weil man ihre indolente Brägenversuppung immer und immer wieder für lässliche Verfehlung, nicht aber für eine virulente Gefahr hielt, an der sich die Population mit Hohlbratzigkeit infiziert, die ohne Prügel nicht mehr weggeht, mit Prügel höchstens zur Hälfte. Wir gehen mit dem intellektuellen Schmodder um, als handele es sich um geistige Einzelgänger, die man mit dem einen oder anderen freundlichen Hinweis leicht wieder auf den Pfad der Tugend brächte, würden die manischen Stumpfstullen einem bloß einmal richtig zuhören. Die Nichtdenker, die ihre eigene Ignoranz für mindestens so viel wert halten wie das Wissen der anderen, sie fordern für sich den gleichen Respekt ein, den sie dabei anderen nicht zugestehen, weshalb sie den sozialen Kontrakt dann schlicht aufkündigen, um ebendies den Gegnern vorzuwerfen, wie man es aus Opferrollenmentalität nun einmal zu tun pflegt.

Hören wir endlich damit auf, den Nervensägen ständig mit Dankbarkeit zu begegnen, weil sie uns einfach noch nicht zusammengeschlagen haben. Sie verwechseln Freiheit grundsätzlich mit der Freiheit gegen andere, nicht zuletzt deshalb, weil alles am Ende mit Konsenssauce zugekleistert wird, wenn nur alle damit einverstanden sind, dass sich alle – die anderen nämlich – zusammenreißen, damit der Kahn nicht kippt. Sonst sind wir bald bei der Zucht von Helden ohne Geschäftsbereich, wie sie von ganzheitlich verstrahlten Eltern durch permanenten Jubel bei der geringsten Äußerung des Enddarms zu Soziopathen erzeugt werden. Wo das endet, wird bei mancherlei liberalen Lacksäufern klar, die uns Rücksichtslosigkeit als einklagbares Privileg verkaufen wollen. Respekt, wer das weghaut.