Camera obscura

7 11 2009

Wer im Licht steht, wird geblendet.
Die im Dunkel sehen zu.
Alles, was im Finstren endet,
lässt der lieben Seele Ruh.
Unrat ekelt den Betrachter,
besser hält er und bedachter,
wenn man hielte Dreck und Ratten
    tief im Schatten.

Doch da bleibt’s nicht. Das Gelichter
zieht in alle Sphären auf.
Schert sich daran auch kein Richter,
lässt dem Ding er seinen Lauf.
Dieb bleibt Dieb. Auch diese Sorte
lügt und trügt sich Ehrenworte
und vernebelt die Debatten
    aus dem Schatten.

Kassen, Konten, feiste Beute
scheffelte so mancher Lump.
Einen ganzen Haushalt heute
schwindelt dieses Pack auf Pump.
Tritt sich fest in seinem Amte,
zeigen doch, woher es stammte –
haben, was sie immer hatten:
    einen Schatten.





Zimmer frei

28 10 2009

„Du, Angela?“ „Ja, Horst?“ „Sag mal, hast Du den Stecker vom Kühlschrank rausgezogen?“ „Ich habe ihn gar nicht erst reingesteckt.“ „Aber warum denn, Angela?“ „Der Guido hat noch keinen Strom legen lassen, und ich dachte, wir könnten vielleicht die ersten paar Tage mal ohne…“ „Ja Himmisakrament, wo soll ich denn jetzt hin mit meinem Weißbier und dem Leberkäs? Seid’s denn narrisch geworden?“ „Jetzt reg Dich doch nicht so auf, Horst. Der Guido brauchte halt das Geld für die Betten.“ „Welche Betten? Ich dachte, wir haben gar kein Geld dazu?“ „Der Guido wollte aber neue Betten, da habe ich’s ihm erlaubt. Er hat mir keine Ruhe gelassen.“

„Shalim-Shalom-Shalömchen, ich bin’s, Euer Guido! Na, was geht ab?“ „Ich geb Dir gleich was-geht-ab, Du Bazi! Den Strom hast nicht bezahlt! Das geht doch nicht!“ „Mensch Horst, jetzt bleib mal locker – Deine Wurst kannst Du auch frisch kaufen und das Bier stellst Du einfach auf den Balkon!“ „Du Guido, wir haben keinen Balkon.“ „Wie, keinen Balkon?“ „Wenn ich’s Dir doch sage, wir haben keinen.“ „Aber ich will einen!“ „Du hast schon neue Betten gewollt, was war das wieder für ein Schmarrn?“ „Da sind sie doch, Horst. Gestern angeliefert.“ „Was? Wo?“ „Die kommen um halb elf zurück.“ „Wieso zurück?“ „Horst, der Guido hat halt die aus dem Kanzleramt genommen.“ „Aber dann haben wir doch im Kanzleramt keine mehr?“ „Eben. Aber wir werden eine Lösung anstreben für diese Problematik.“ „Sag einmal, Angie, bist jetzt auch deppert? Wir haben keine Betten hier!“ „Weil der Guido nicht die von Frank-Walter wollte. Da hat er ganz fest versprochen, dass es neue gibt.“ „Ja aber es gibt keine neuen und auch keine alten!“ „Jetzt macht hier mal keine Welle, Freunde! Wir haben neue Betten. Die stehen bloß im Kanzleramt. Die alten Feldbetten aus dem Keller. Die müssen wir bloß jeden Abend hier herüber…“

„Horst, jetzt lass doch! Der Guido meint es doch nur gut.“ „Der hat die Betten neu gekauft, die uns sowieso schon gehören und…“ „Ist ja gar nicht wahr!“ „Du hast da Geld zum Fenster rausgeworfen und wir haben immer noch keine Betten!“ „Ist ja nicht wahr, ist ja gar nicht wahr!“ „Und wo soll ich jetzt schlafen?“ „Du, Horst, das kriegen wir schon in den Griff. Wir können doch auch mal auf den Matratzen schlafen.“ „Äh, nein.“ „Wieso, Guido?“ „Das ist, ääh… ich habe die neuen Matratzen erst mal ins Leihhaus gebracht.“ „Wofür denn?“ „Damit ich die Bettgestelle kaufen kann.“ „Die uns sowieso schon gehören? Kruzitürken, und wo sind die alten Matratzen?“ „Die sind… also wir müssen da als Liberale auch eine eigene Note setzen und uns…“ „Jetzt sag’s halt endlich!“ „Horst, jetzt bleib doch mal ruhig! Es hat doch keinen Zweck, wenn Du Dich aufregst, es ist ja nicht mehr zu ändern jetzt. Der Guido hat sie auf den Sperrmüll gebracht.“ „Aber wir haben doch noch die Bettgestelle.“ „Im Kanzleramt.“ „Dann erhält das eben ab sofort die Aufgabe, uns ein attraktives Angebot zur freiwilligen Zusammenarbeit zu unterbreiten.“

„Und die Mietkaution? Habt Ihr die hinterlegt?“ „Ich dachte, das machst Du, Angela?“ „Warum denn ich?“ „Du bist doch die Hauptmieterin.“ „Ach Guido, das hatten wir doch schon besprochen. Ich mach das wie immer: ich halt mich aus allem raus.“ „So geht’s aber nicht, Angela! Du hast den Vertrag unterschrieben, also musst Du auch die Miete…“ „Miete? Ich dachte, das Haus gehört uns?“ „Horst, erklär ihr das doch noch mal, was ein Mietvertrag ist.“ „Zwecklos, Guido. Sie kapiert’s ja doch nicht.“ „Guido, das ist gemein von Dir! Ich finde, wir sollten Geschlossenheit zeigen und…“ „Angela, woher soll denn überhaupt die Miete kommen?“ „Sag Du’s mir.“ „Hast Du Dir da überhaupt keine Gedanken gemacht?“ „Also ich plane, ob eine Planfindungskommission…“ „Angela, das hilft uns nicht weiter.“ „Wir müssen uns etwas überlegen.“ „Das fällt Dir ja früh ein!“ „Wie können wir denn die Mietkosten wieder reinkriegen.“ „Arbeit?“ „Prima Idee, Guido! Damit erhöhen wir für uns den Anreiz, uns eine voll sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zu suchen und anzunehmen. Das kann auch dazu beitragen, die Sozialkassen zu entlasten!“ „Kann, kann, kann – so ein Gelump, so ein damisches! ‚Kann die Hirndurchblutung fördern‘ – das hatte ich doch schon mal irgendwo gelesen?“ „Das sind die Pillen auf ihrem Nachttisch, Horst.“ „Ich hab’s! Wisst Ihr, wie viel so eine Poolreinigung kostet? Wir lassen einfach den Pool nicht mehr…“ „Angela, das Haus hat gar keinen Pool.“ „Hm. Das ist doof, Guido.“ „Warum?“ „Ich hatte das nämlich schon so mit dem Haushaltsgeld verrechnet.“ „Wie das denn?“ „Weil ich sonst die kapitalgedeckte Altersvorsorge für uns nicht bezahlen kann.“ „Welche Altersvorsorge?“ „Da war dieser nette Herr von der Versicherung, und ich wollte…“ „Was hast Du Dir da wieder für einen Blödsinn aufschwatzen lassen?“ „Also ich finde das voll okay, Horst. Da hat Angie mal richtig mitgedacht. Dann können wir nämlich im Alter die Miete davon…“ „Sakradi, und wovon bezahlen wir sie jetzt?“ „Horst, jetzt rede doch nicht alles klein. Ich hatte so schöne Zielvorstellungen, dass sich der Wettbewerb der Ideen im ständigen Bemühen um eine Erbringung des Mietzinses entfalten kann, wenn wir…“ „Ah bah, ein Schmarrn ist das!“ „Horst, jetzt sei kein Spielverderber! Et is noch immer jot jejange, wie wir Rheinländer…“ „Ein Schmarrn, sag ich! Wir sind hier schneller wieder draußen, als wir einziehen können!“ „Das glaube ich nicht. Wir haben uns nämlich ein tolles Gesetz ausgedacht. Damit dauert eine Räumungsklage jetzt mindestens vier Jahre!“





Abgewickelt

27 10 2009

„Hallo, Zentrale? Stellen Sie mich doch jetzt mal in die Chefetage durch, das dauert ja wieder ewig! Arbeitet denn in dem Laden überhaupt noch einer? Hallo! Hallo! Na endlich, Menschenskind, das ist aber auch… Was soll ich denn da sagen, ich telefoniere Ihnen doch schon seit gestern hinterher, nie kriegt man mal einen ans Rohr. Ist doch wahr!

Also das muss ich Ihnen ja mal sagen, also wie Sie da gewirtschaftet haben – sagenhaft, die Karre an die Wand gefahren und dann schmeißen Sie das Geld mit beiden Händen zum Fenster… Jetzt unterbrechen Sie mich nicht, das kann ich gar nicht leiden! Jawohl, zum Fenster raus! Und Sie wundern sich, wenn Sie jetzt rechtliche Schwierigkeiten am Hals haben? Na Prost Mahlzeit, da werde ich doch gleich… Konzept erstellen, neue Impulse, ach hören Sie doch auf mit diesem ganzen Gewäsch. Das glaubt Ihnen doch keine Sau mehr. Sie haben die Leute von vorne bis hinten belogen, so sieht’s doch mal aus! Anstatt, dass Sie an Arbeitsplätze denken, nein, da muss die Dame natürlich auf dem internationalen Parkett… Ihre Aufgabe? Ich will Ihnen mal sagen, was Ihre Aufgabe ist. Ihre Aufgabe ist es, den Laden zusammenzuhalten und eine ordentliche Bilanz zu machen, so! Aber statt mal die Bücher unter die Lupe zu nehmen, warten Sie ja lieber, bis die Hütte brennt, und dann…

Jetzt mal ganz langsam – Sie haben das Geld einfach beiseite geschafft. An der Bilanz vorbei. Jawohl, an der Bilanz vorbei! Und dann immer mal hier und mal da noch in Schnickschnack investiert, aber keine Substanz mehr in der Kiste. Was soll man denn da noch groß sanieren? Da ist doch nichts mehr! Da ist doch einfach nichts mehr!

Stabile Entwicklung, ich bitte Sie, was ist denn heute noch stabil? Das stabilste ist doch Ihr ganzes Krisengejammer, so kriegt man doch keinen Aufschwung hin! Investitionsfreundliches Klima, das ist doch Kokolores, was glauben Sie eigentlich, was der kleine Mann auf der Straße von Ihnen denkt? Sie sind doch längst bankrott, und das wissen Sie genau so gut wie ich. Was reden Sie denn um den heißen Brei herum, das hätte man doch alles schon vor der… Kredit? Sie haben wohl einen Triller unterm Pony! In der Situation auch noch die Schulden vergrößern, wer macht denn so einen Unfug? Für die Wirtschaft? Wie bitte? Was glauben Sie denn, was die Wirtschaft von Ihnen erwartet? Die erwartet, dass Sie sich still und leise zum Sterben in die Ecke legen und uns nicht weiter mit Ihrer Inkompetenz belästigen!

Weil das eben alles von Vorgestern ist! Meine Güte, das ist doch so was von out, was Sie da machen. Haben Sie sich eigentlich schon jemals ernsthaft mit dem Thema Internet befasst? Ach Gott, das ist ja rührend, dass Sie sogar wissen, was ein Browser ist… Also jetzt alles nachmachen, was die anderen schon lange vor Ihnen gemacht haben, das bringt doch auch nichts. Das ist doch bloß Kosmetik. Sie haben eben den Zug der Zeit nicht mitbekommen, die Geschichte ist über Sie hinweg, da kommt auch nichts mehr. Da kommt nichts!

Das verstehen Sie unter sozialer Gerechtigkeit, wenn Sie ein Drittel ersatzlos streichen? Sind Sie denn vom Wahnsinn umzingelt? Damit können Sie sich doch nicht mehr vor Ihre eigene Mannschaft stellen, die werden Sie glatt… Ach, die Leute sind Ihnen egal? Was? Die haben zu kuschen? Das nenne ich mal Verantwortungsbewusstsein – in der Krise mit Geld um sich schmeißen, das dann später fehlt, große Versprechungen machen, dass jeder weiß, Sie können sowieso nichts einhalten, und wenn das Ding platzt, dann dürfen es die kleinen Leute ausbaden, weil Sie gerade keine Lust haben, sich damit zu befassen. Nein, ist es nicht! Ich nenne das Feigheit, damit Sie’s nur wissen! Feigheit, Charakterlosigkeit und Opportunismus! Ihnen kommt es doch gar nicht auf eine Lösung an, Sie wollen doch bloß in die Medien, um ein bisschen über die Probleme zu schwafeln und eine möglichst hübsche Figur zu machen. Was ist denn daran bitte Verantwortung? Das wollen Sie mir doch nicht ernsthaft weismachen!

Vorfinanzierung, das ist doch lächerlich, haben Sie denn eine Glaskugel? Drucken Sie Ihr Geld selbst? Was soll denn eine Vorfinanzierung? Sie können doch aus dem Budget nicht mehr rausholen, als drin ist. Wo nehmen Sie denn das Geld her? Also an das Märchen mit der Portokasse glaube ich ja schon lange nicht mehr, das können Sie Ihrer Großmutter erzählen. Und wenn Ihr Management sowieso der Meinung ist, dass diese ganze Blase platzt, was tricksen Sie denn jetzt noch damit herum? Um die letzte Glaubwürdigkeit auch noch zu verspielen? Wollen Sie das wirklich?

Gehen Sie mir doch ab! Strategische Neuausrichtung, das hat doch noch nie geklappt! Was wollen Sie denn da auch groß ausrichten, der ganze Laden ist doch leer! Da ist doch nichts mehr zu holen! Ja, Öffentlichkeitsarbeit, Bürgernähe – ich will es mal so sagen: der Bürger ist doch inzwischen froh, wenn er mal einen Tag lang nichts von Ihnen mitbekommt. Die Leute können es doch nicht mehr hören, die schalten doch den Fernseher ab, wenn sie nur… Hallo? Hallo? Sind Sie noch dran? Hallo? Sie haben gar keinen Grund, hier die beleidigte Leberwurst zu… Das Spiel ist aus, Karstadt und Quelle sind pleite, Sie können jetzt nur noch den Insolvenzverwalter… was, nicht Arcandor? Mit wem rede ich denn da die ganze Zeit? Was? Hallo? Frau Merkel? Hallo! Hallo! – Falsch verbunden. Oder doch nicht?“