Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLXXIX): Private Schusswaffen

30 08 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Einmal die Zeitung aufschlagen und schon ist die Welt wieder in Ordnung: im Land der nicht begrenzbaren Unmöglichkeit hat ein Genomzonk ein Dutzend Menschen per Wumme in die ewigen Jagdgründe überführt. Gedanken, Gebete, Sela. Da fühlt sich doch der europide Spießbürger seltsam erhoben überm Morast eines Steinzeitlandes, in dem Ethik die Freiheit meint, sich selbst zum Maß aller Dinge zu machen; ein Steinzeitland, das den antiken Gedanken der Demokratie so weit zu Ende gedacht hat, dass es ihn abschaffen konnte, und den Gedanken der Freiheit gleich in einem Arbeitsgang. Wir sind ja nicht immun gegen Gewalt, hegen mit Sorgfalt und Liebe unsere Vernichtungsfantasien ein und schieben es auf das krude Konstrukt einer Gesellschaft aus Knalltüten, die ihre Verfassung so gründlich falsch verstehen, wie sie auch andere religiöse Schriften stets wörtlich nachturnen. Es ist, tönt der gute alte Europäer, nicht die private Waffe, es ist der Mensch dahinter.

Die legale Knarre im Privathaushalt ist ein Relikt des Feudalismus, als sich eine materiell besser und moralisch oft schlechter gestellte Kaste gegen alles meinte verteidigen zu müssen, was ihr die selbst verliehenen Rechte einzuschränken drohte. Wie die Jagd das Privileg der Herren war und Wilderei stets aus der Not heraus begangen, so blieb die Büchse Statussymbol und Drohung, die Herrschaft über Leben und Tod über alles auszuüben, was nach göttlicher Ordnung zum Abschuss frei war. Nicht wenige ignorieren dabei den soziokulturellen Aspekt des privaten Kriegs auf eigener Scholle gegen Fuchs und Hase als Pertinenz im Untertanenstatus. Mit der Christianisierung, die überall noch als Friedensreligion vermarktet wurde, durfte der neue Adel zwar das Wild daherschießen, gleich wie es ihm gefiel, doch machte er erst exklusiv Gebrauch davon, als zur Pertinenz noch Leibeigene kamen. Zugleich war die Feuerwaffe Hoheitszeichen und selbst in den Anfängen schon technologischer Fortschritt, der einer vermögenden Gesellschaft zur Verfügung stand und keinerlei Legitimation bedurfte. Gott hat mitgeschossen.

Nicht von Ungefähr hat die Oberschicht auch das Recht zur Reproduktion gleichermaßen strikt auf Eigennutz interpretiert. Weltliche und geistliche Fürsten lebten ihren Triebstau aus, wo immer sie konnten, denn es bedeutete, die Herrschaft legal zu entgrenzen; die privatrechtliche Fehde war längst kriminalisiert, doch Personalunion von Kläger und Richter schafft manch lästiges Gesinde vom Hals, ehe es zu Gegengewalt greifen kann.

Sinn und Zweck aufgeklärter Gesetzgebung ist nicht, die Menschheit mit der Knute zu verbessern, diese ist nur Ultima Ratio, wenn sich die Dummheit als überlebensfähig auszeichnet gegen jede Form von Therapie. Und so bleibt die Schusswaffe im privaten Besitz auch unverbrüchliches Relikt einer außerhalb jeder Vernunft handelnden Person, die sich nicht dem Gewaltmonopol aussetzen will, weil sie es – der alte Mann mit dem langen Bart hatte es selbst in diesem dicken Buch geschrieben – nur wörtlich versteht. Naiv zusammengeschwiemeltes Kinderwissen stellt sich aus eigenem Antrieb auf eine Kiste und kräht im Vollbesitz intellektueller Schmierreste von einer Selbstermächtigung, die sich nur gegen das Fremde richten kann. Jetzt aber dient die Flinte nur mehr dem persönlichen Genuss, weil man im eigenen Machtbereich alles wegballern kann, was sich bloß auf eine Verfassung beruft und nicht auf die Gewaltverhältnisse des Naturrechts.

Und so beruft der gemeine Depp, der den Staat nur braucht, um ihm Vorhaltungen zu machen, sich nach alter Treu auf sein Notwehrrecht, wenn Kinder sein Grundstück betreten: cuius regio, eius religio. Aus Blut und Boden wächst der Aberglaube, dass der Freie allein dadurch frei bleibe, wenn er seine Freiheit faustrechtlich verteidigt. Als gäbe es keinen Staat, ballern die Kleinkriegshelden durch ihren Vorgarten, nur um doch wieder dem Irrtum zu erliegen, eine in der Öffentlichkeit getragene Waffe sei der beste Schutz vor den Soziopathen, die schon durch eine in der Öffentlichkeit getragene Waffe ihre krankhafte Aggression zur Schau stellen. Das Vorrecht der Regenten aus dem Ancien Régime übernimmt nun pflichtbewusst der weiße Mann, der sich mit der legalen Schusswaffe schützen muss vor den illegalen Schusswaffen der anderen, die sich vor den legalen Schusswaffen schützen müssen. Sie alle erliegen demselben Irrtum, es ist der Irrtum des Staates, dass sich ein gesetzloser Zustand allein durch die Kräfte des Marktes regeln ließe, und sei es durch ein Gleichgewicht des Schreckens. Die Impulsivität des Individuums als seine Freiheit zu verkaufen ist eine Marketingidee mit Muffgeruch, doch die Geschichte kennt das Muster, dass keiner so sinnlose Gewalt erdenken könnte wie Sklaven, die plötzlich Herren werden. Vernunft allein ist noch kein Garant für den Frieden, bisher sind noch alle Versuche den Erfolg schuldig geblieben. Der Leviathan hat noch viel zu tun.





Einstweilige Erschießung

25 11 2014

„… sei der Zwölfjährige auf dem Spielplatz erschossen worden, weil er eine Waffe…“

„… nicht passiert, wenn nach internationalem Standard Waffe und Munition in getrennten…“

„… mit der Hautfarbe des Jugendlichen nicht in Verbindung zu bringen sei. Man schieße sofort, ohne sich um die ethnische Herkunft eines…“

„… eine Diskussion über den Besitz von Schusswaffen in privater Hand schon deshalb völlig fehl am Platz sei, da es sich um Spielzeug…“

„… sofort nach dem Einsatz beurlaubt worden. Den beiden Beamten sei es nach diesem Erlebnis nicht mehr zuzumuten, sich ohne Begleitung…“

„… in den Medien verbreitet werde, dass es sich bei bewaffneten Jugendlichen vornehmlich um Kindersoldaten im Dienst der…“

„… nicht zur Rechenschaft gezogen werden könnten, da sie nicht gewusste hätten, dass es sich bei dem Kind um einen zwölf Jahre alten…“

„… durch RFID-Chips identifizierbar gemacht werden müssten. Eine Waffe ohne eigene IP-Adresse sei nach diesem Modell legal und könne auch ohne permanente Kontrollen des Staates…“

„… nicht die Schuld der Polizeibeamten. Bei schwarzen Kindern und Jugendlichen könne man oft das genaue Alter nicht erkennen, so dass zur Vorsicht…“

„… ein Gesetz geben müsse, das beim Führen einer Spielzeugwaffe zugleich das Tragend einer kugelsicheren…“

„… den farbigen Heranwachsenden nicht mit Hilfe einer Elektroschockpistole außer Gefecht gesetzt habe. Man habe befürchtet, dass es bei dem Angreifer zu Gesundheitsschädigungen oder…“

„… die Bürger der anderen Bundesstaaten beruhigt habe. Die Polizei von Ohio sei nicht kinderfeindlich, auch ein Erwachsener könne jederzeit durch eine Polizeikugel…“

„… sehr schlecht für das Weihnachtsgeschäft. Üblicherweise seien in den Monaten auf der Zielgeraden des Einzelhandels Schusswaffen in Pink, Grün und…“

„… nicht für ihr Kind gehaftet hätten. In Bezug auf die mangelnde Rechtsgrundlage sei es jedoch schwierig, die Mutter für eine einstweilige Erschießung…“

„… man der Unterstellung eines latenten Rassismus ganz entschieden entgegentreten müsse. In den afrikanischen Staaten sehe man immer wieder viele Jugendliche mit echten Schusswaffen, und sei ihre Hautfarbe eindeutig als…“

„… bereits darauf hingewiesen, dass es sich bei der Waffe um keine echte handeln müsse. Die Polizei habe dies vor Ort jedoch auf Grund der Hautfarbe des Delinquenten für eine Abwägung der nationalen…“

„… ein Warnschuss viel zu gefährlich gewesen sei. Ein in die Luft abgegebenes Projektil könnte durch seine Fallgeschwindigkeit Unschuldige…“

„… habe keine Identifizierung der Waffe stattgefunden. Der tödliche Schuss sei notwendig gewesen, um eine Gefahr, die sich im Nachhinein nicht als…“

„… nicht auf die Waffe ankomme. Da es sich um einen Farbigen handele, sei auch eine möglicherweise auftretende Korrelation zu chronischem Drogenmissbrauch sehr…“

„… um Arbeitsplätze in der US-amerikanischen Spielwarenindustrie. Die lebensecht gestalteten Schusswaffen seien von ihren schussfähigen Repliken oder den tatsächlichen Originalen nicht zu unterscheiden, dadurch werde pro Jahr ein Umsatz von mehr als…“

„… den Verkauf von Küchenmessern durch ein polizeiliches Führungszeugnis zu…“

„… US-amerikanische Jugendliche besser überwachen müsse, um den Polizeibeamten derart traumatisierende Erlebnisse zu…“

„… für eine Liberalisierung der Waffengesetze eintreten werde. Solange jeder farbige Unterschichtenjunge mit einer echt aussehenden Pistole herumlaufen dürfe, sei es das Recht der weißen Oberschicht, sich mit richtigen…“

„… auch farbige Aufkleber zur Identifikation von Spielzeugwaffen verboten werden müssten. Die Gefahr, dass bewaffnete Bankräuber ihre Pistolen mit gefälschten Kennzeichnungen versehen könnten, sei viel größer als das Risiko, vereinzelte Unterschichtkinder auf Spielplätzen…“

„… nicht so schlimm wie in anderen Kulturen. So seien islamische Kulturen bereits in der Lage ohne Berücksichtigung von Nationalität, Herkunft und politischer Überzeugung nur wegen der religiösen Zugehörigkeit ihre Opfer…“

„… das Führen sogenannter Anscheinswaffen verboten sei. Man müsse daher jede Straftat, und sei sie auch nur nach menschlichem Ermessen im Bereich des Möglichen, als eine reale Gefährdung des…“

„… als reine Hysterie bezeichnet habe. Wenn die Nachbildungen realer Schusswaffen einen derart hohen Anteil besäßen, dass man mit einem Verbot die Spielwarenindustrie in Bedrängnis bringen könne, existiere überhaupt keine überhöhte Zahl an Schusswaffen in den US-amerikanischen…“

„… die Polizei von Cleveland seit mehreren Monaten unter Beobachtung stehe. Man wolle jedoch noch zwei bis maximal drei Tötungsdelikte abwarten, bevor eine gerichtliche…“

„… Softairpistolen generell aus demVerkehr gezogen werden müssten, da sie, wie das jüngste Beispiel aus Cleveland zeige, durch tragische Missverständnisse unbescholtene Polizeibeamten zu Straftätern machen könne. Nicht berührt davon jedoch seien echte Schusswaffen, wie sie jeder aufrechte Bürger der Vereinigten Staaten von…“





Amok

10 06 2009

Die Sicherheitskontrolle am Studioeingang dauerte fast eine Viertelstunde. Immer wieder telefonierte der Beamte mit seinem Knopf im Ohr, wobei er sich unfassbar wichtig vorkam und eine dementsprechend affige Figur machte. Zwei private Securitywarte wiederholten das Spiel, bevor ein weiterer Staatsdiener die Prozedur nochmals vollzog. Ich wischte die transparente Tinte von den Fingern, die man mir zum Abnehmen der Abdrücke aufgerollt hatte, fischte mir eine Wattefaser aus den Zähnen, die beim Speichelprobenabstrich hängen geblieben sein musste, und betrat den Vorraum. Der Personenschützer winkte mich durch, sobald ich ihm den Plastikausweis unter die Nase gehalten hatte. Ich war drinnen. Nur von Siebels weit und breit keine Spur. Wo steckte er nur?

Der Fernsehproduzent rannte hektisch durch den Flur, schob die Bodyguards unwillig zur Seite und wäre fast über einen Stapel Klappstühle gestolpert, hätte ihn ein Staatssekretär nicht geistesgegenwärtig am Arm gehalten. Die Politprominenz war bereits vollzählig erschienen. Sie tranken stilles Wasser, ließen sich das Gesicht abpudern und duldeten, wie der Kameraassistent mit dem Belichtungsmesser vor ihnen herumfuchtelte. Da hatte er mich entdeckt und eilte herüber. „Gut, dass Sie da sind“, keuchte Siebels, „wir haben noch eine Minute. Gehen Sie schon mal in den Regieraum. Wir müssen sofort anfangen. Lörchmann wartet auf Sie.“

Lörchmann wartete, allerdings eher auf das Licht, das den Beginn der Produktion ankündigen sollte. Die Darsteller – Bundesminister, Lobbyisten in höheren Staatsämtern sowie ein Wissenschaftler – standen hinter der Tischattrappe und guckten an die Studiodecke. Unvermittelt setzte die Diskussion ein. „Wir haben doch heute wieder gesehen, dass die Medien, und das muss man in aller Deutlichkeit auch mal so sagen dürfen…“ „Eine Katastrophe, die uns alle hier betroffen macht, ist aber…“ „… und nicht zuletzt, weil Killerspiele als Auslöser von Taten wie…“ „Das kann man jetzt aber nicht so eindimensional sagen, weil nämlich die sozialen Aspekte…“ „Trotz allem sind die virtuellen Morde ja immer auch…“ „… dass wir ein EU-weites Verbot von Computerspielen, von Paintball und…“

„Amok? Was reden die denn da?“ Lörchmann reagierte kaum, so zückte ich mein Mobiltelefon. „Lassen Sie’s“, hielt er mich zurück, „hier dürften Sie das Ding eigentlich gar nicht benutzen. Ist als kritischer Gegenstand eingestuft worden. Hat man das bei Ihnen nicht gefunden?“ Ich verneinte. „Nützt Ihnen auch nichts. Hier ist kein Empfang.“ Ich stürzte zum Computer. Kein aktueller Amokfall zu finden. Nicht einmal eine Drohung. Was wurde hier eigentlich gespielt?

Die Debatte hatte rapide an Fahrt gewonnen. „Das sind doch alles unbewiesene Tatsachen!“ „… kann man doch so gar nicht sagen – wie viele Bundesbürgerinnen und Bundesbürger führen allein im Polizeidienst jeden Tag eine Dienstwaffe, meine Damen und Herren, und haben noch nie eine Schule betreten, um…“ „Darum geht es doch hier gar nicht. Es geht um die Verteidigung, die wir als Zivilgesellschaft…“ „… eben das Problem, dass wir uns nur als Zivilgesellschaft verstehen. Wenn wir…“ „Es ist doch paradox, dass ausgerechnet Sie Bürgerrechte fordern und verbieten wollen, dass man die mit der Waffe…“ „… können wir doch gleich die Bundeswehr abschaffen, wenn wir hier die Waffen verteufeln wollen.“ „… hatten wir alleine in Niedersachsen im Jahr 1967 85% der Fälle, und das hat sich seitdem noch einmal verdreifacht, so dass wir heute, eine Zahl von, äh, und das sind in Sachsen…“ „… mit der Waffe, sage ich!“ „Wenn es Warnzeichen auf psychiatrische Störungen gibt, brauchen wir eine flächendeckende Überwachung von Schülern, die…“

Die Tür öffnete sich und Siebels schaute herein. „Alles klar bei Ihnen?“ Ich fragte ihn, wo denn der Amoklauf stattgefunden habe. Doch er antwortete gar nicht. Schon war er wieder im Studio. „Also wenn Sie mich fragen“, kaute Lörchmann hinter seinem Streichholz hervor, „das ist hier bloß für die Dose.“ „Eine Diskussionskonserve? Eine Instant-Debatte? Polemische Tütensuppe, die man beim nächsten Massenmord aufkocht?“ Er blickte mich nicht einmal an. „Bingo. Dies Geschwafel lässt sich doch schließlich bei jeder Gelegenheit verwerten. Und der nächste Amoklauf kommt bestimmt.“

„… kann doch die Rüstungsindustrie jetzt nicht wegen Ihrer ideologischen Phrasen…“ „… rufen doch Sie hier zur Hasswoche auf! Wie viele Bundesbürgerinnen und Bundesbürger verzichten auf Computerspiele und betreten trotzdem fast täglich eine Schule, um…“ „Das ist natürlich noch viel komplexer. Schauen Sie sich mal Micky Maus an, die Panzerknacker sind doch ein Paradebeispiel für fehlgeschlagene Resozialisierung! Da müsste man, ich habe jetzt keine genauen Zahlen, aber da sollte auf jeden Fall…“ „… aber im Gegenteil, denn Krieg ist Frieden, und das ist als sozialer Aspekt…“

Da hielt ich es nicht mehr aus und ging einfach ins Studio. Siebels saß entspannt auf seinem Stuhl und verfolgte das Gekeife. „Jetzt mal raus mit der Sprache: das wird aufgezeichnet? Und es hat gar kein Amoklauf stattgefunden?“ Er lächelte sanft. „Offiziell wird es aufgezeichnet. Aber durch ein kleines technisches Versehen wird diese Debatte gerade live ausgestrahlt. Der alte Trick mit der Weihnachtsansprache.“ Ungläubig sah ich ihn an. „Keine Opfer?“ „Und ob“, antwortete Siebels mit einem diabolischen Grinsen, „der Amoklauf findet just in diesem Moment statt. Hier. Und morgen kann die Regierung geschlossen zurücktreten.“