Schön saufen

16 04 2019

„Deshalb ist es ja auch etwas ganz anderes, wenn eine Frau Alkohol trinkt, als beispielsweise bei einem Mann oder was es da sonst noch so gibt. Die Wirkung und insbesondere die Herleitung der Begründung in Bezug auf eine mögliche Straftat ist nämlich ganz anders gelagert.

Machen Sie bitte nicht den Fehler, dass Sie wieder einen neuen Grund zur Erklärung von Vergewaltigungen gefunden haben wollen – wenn Sie jetzt davon ausgehen, dass auch Männer vor so einer Handlung durchaus mal einen trinken, dann ist das vielleicht eine mögliche Komponente im Bündel der möglichen Komponenten, und bevor wir uns diese Erklärung zu einfach machen, sollten wir mal sehen, ob es nicht noch andere Faktoren gibt, die eine Vergewaltigungshandlung zumindest begünstigen, und da sind wir dann bei Frauen, die vor einer Vergewaltigung Alkohol trinken. Sie kennen die physiologischen Wirkungen, Alkohol macht bekanntlich aggressiv, und das ist nun mal eine Verhaltensweise, die einen Mann zutiefst verunsichern kann. Da darf sich eine Frau auch nicht wundern, wenn Männer sehr irritiert sind und möglicherweise gegen eigene Interessen handeln.

Oder denken Sie beispielsweise an Frauen, die die eigene Straßenseite wechseln, wenn sie in der Dunkelheit einen Mann hinter sich hören. Das ist zunächst einmal ein recht eindeutiges Signal, weil es eben heißt, dass ein Mann die Straßenseite wechseln sollte in so einer Situation, aber wer würde denn als Mann daran denken? und dann auch noch, wenn er vorher etwas getrunken hat und ohnehin nicht so risikobewusst ist in Bezug auf die Frauen? Man muss doch die Fakten auch mal sehr viel differenzierter betrachten, als das diese ganzen Feministinnen sonst so tun. Ich meine, das wird man doch in analytischer Hinsicht auch einmal so äußern dürfen, ohne sich gleich für eine generell antifeministische Haltung rechtfertigen zu müssen.

Wir können ja auch nicht ausschließen, dass Frauen vorher gezielt Alkohol zu sich nehmen, damit eine potenzielle Vergewaltigung nicht ganz so schlimme Folgen hat. Das klingt jetzt erst mal sehr unplausibel, aber bedenken Sie, manche Frauen kriegen doch sonst gar keinen Mann ab, und dann greift man halt zu sehr ungewöhnlichen Mitteln. Sie sollten das jetzt nicht mit dem berühmten zu kurzen Rock verwechseln, das ist etwas ganz anderes. Wenn eine Frau einen zu kurzen Rock anzieht, dann will sie nicht die Entstehung einer Vergewaltigung möglichst angenehm gestalten oder deren Folgen im verträglichen Rahmen halten, dann möchte sie diese Handlung ja gezielt herbeiführen, weil sie mit der typischen Reaktion eines Mannes rechnen kann und diese für ihre Ziele einsetzt. Ich meine, das hat schon etwas Niederträchtiges, finden Sie nicht?

Wir verlangen ja von Männern immer wieder, dass sie keine Frauen vergewaltigen, und das ist meines Erachtens eine vollkommen überflüssige Diskussion, denn es geht hier schlicht darum, dass man eine Selbstverständlichkeit fordert: dass keine Straftaten begangen werden. Das ist natürlich ein ganz schlimmer Generalverdacht, mit dem wir uns nicht auseinandersetzen sollten, weil er ja in der Bevölkerung überhaupt keine Resonanz hat, oder sind die überwiegende Mehrheit der Männer etwa Vergewaltiger? Na also. Aber reden wir doch mal über die Forderung, dass sich Frauen nicht ständig vergewaltigen lassen sollen. Haben Sie eine Ahnung, was so eine Vergewaltigung mit einem Mann macht? Die Tatfolgen, die Strafverfolgung, Gerichtsverfahren, möglicherweise ein hartes Urteil und Freiheitsentzug, das kann ein ganzes Leben zerstören. Wir sollten sehr sensibel umgehen mit diesem Thema, weil das selbstverständlich auch in der Familie Kreise zieht, das wirkt auf die Gesellschaft – unsere Diskussion hier ist ja auch von einem Generalverdacht gegenüber Männern geprägt, und Sie wissen selbst, dass das für eine Gesellschaft auf Dauer wirklich toxisch sein kann.

Wir sind da sehr schnell bei einem Problem, das wir auch sozial differenziert diskutieren müssen. Wer hat denn bisher Frauen verantwortlich gemacht für ihren Alkoholkonsum, wenn ihnen einen Mann einen ausgegeben hat? Zu einem Fehler gehören ja immerhin zwei, einer, der ihn begeht, und einer, der ihn zulässt. Müssen wir uns da als Gesellschaft nicht alle auch in Regress nehmen und uns fragen, ob das Verhalten von Frauen nicht generell ein Stück weit eine aus mehr oder weniger egoistischen Gründen – Sie kennen die so gut wie ich, also kommen Sie mir nicht mit Frauenversteherscheiße – wie gesagt, eine aus mehr oder weniger egoistischen Gründen, was wollte ich sagen, also da ist immer auch ein Egoismus dabei, und wenn man den nicht sieht, dann ist das auch kein Grund, sich das schön zu saufen. Wir haben genug Probleme, und da brauchen wir nicht auch noch eine Masche von Frauen, Männer immer in eine Opferhaltung zu drängen, in der sie letztlich immer die Gesellschaft beschädigen.

Und überhaupt, ich meine, warum sollten Sie sich denn überhaupt mit diesem Thema befassen? Sie sind doch ein ganz normaler Mann, der in den besten, ach was, in den allerbesten Jahren des… – Alkoholprobleme? Sie!? Sie Ärmster, da kriegen Sie ja nie was ab!“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCLVI): Geschlechterstereotype

5 09 2014
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Was hatte die Evolution doch für putzige Einfälle. Die Amöbe, die in jedem Schmodder siedelt, Kontinent nach Kontinent erobert und bis in die Tiefen der belebten Sphäre Verbreitung findet, sie vermehrt sich nach Bedarf. Einer der Klumpen, der scheint’s genug für zwei zum Fraß findet, tailliert sich bis zum Anschlag und teilt sich, um als doppeltes Klöpschen weiter zu schwappen durch seine kleine, ungenügend gefeudelte Welt. So kennt sie weder Sterblichkeit noch Individualität, kein Amöbenmännchen wäscht am Samstag im Unterhemd seinen Kieselstein, kein Amöbenweibchen hat kurz vor der Zellteilung noch mal Retikulumschmerzen, und sollte irgendeine Familienfeier anstehen, kann das gemeine Plasma sich gepflegt in die Gegend verschwiemeln, weil eines wie die anderen ausschaut und seine Abwesenheit von niemandem bemerkt würde. Womit auch, die Dinger hören nichts und sind visuell eher im Nachtschatten der Intelligenz zu Hause. Wie gut, dass sie ihren Nachwuchs nicht in die Amöbentagesstätte bringen müssen. Da ginge der ganze Murks ja schon los.

Der Hominide hat’s nicht ganz so gut getroffen, er muss sich schon bei der Geburt für Rosa oder Blau entscheiden, genauer: Hellblau, noch genauer: Hellblau oder Pink. Liebevolle Apartheid umgibt den Säugling von der ersten Sekunde seines zum ästhetischen Scheitern verurteilten Daseins. Wer als Eltern Strampler in Gelb, Weiß oder Mint wählt, outet sich als anarchokommunistisch, mindestens aber sind solche Erziehungsberechtigten gefährliche Querulanten, die das unschuldige Balg vermutlich zum Massenmörder heranzüchten – Weiß, das ist im Kinderalter schnell mal braun, und wir wissen ja alle, wer auch gerne Braun getragen hat.

Die Schwachsinnsbulimie beginnt erst mit den Klamotten, wo sie sich bis zum Vorschulalter in den Flausch veritablen Hirnschimmels vorarbeitet, rosa Rüschenblüschen vs. krass karierte Cowboyklamotten, als würde Kollege Fasching ganzjährig durch die Kleiderständer jodeln. Die Typenentwürfe Prinzesschen und Macker, ansatzweise magersüchtig bzw. testosterongesteuert in der Kopfnote, sind der komplette Horizont der Gender-Marketing-Strategie, der nachwachsenden Generation mit Schmackes in die Rübe geblasen, damit keiner mehr – womit auch – denkt.

Sollte diese Großraumverstörung nicht reichen, sie setzt sich ja im lustigen Spielwaren-Quiz ‚Puppe oder Feuerwehrauto‘ fort. Natürlich spielen drei Jahre alte Buben, wie die Küchenpsychologie gerne voneinander abpinnt, nicht mehr gerne mit Puppen; bis dahin haben Kita und Konsum den Knaben auch schon derart versaut, dass er sich gar nicht mehr traut, den Fußball gegen sexistische Plastebömmel im 90-60-90-Design zu tauschen. Ist das Muster einmal internalisiert, kann man jeden kognitiv naturbelassenen Dreck nachschieben. Der Sortimenter um die Ecke liefert mit Vergnügen Jungs- und Mädelsbücher, in denen Astronauten und Elfen als Brechreizbeschleuniger an der Schraube drehen, die Film, Funk und Fernsehen in trauter Eintracht weiter ins Vergnügen bohren.

Sicher, Marktlücken wollen gefunden sein, doch warum ausgerechnet mit Mädchenbier und lila Chips, Schokoladeneiern mit chromosomalem Target, Haushaltspapier fürs saugende Muttchen – wann endlich quarrt die Werbung von der allein erziehenden Vorstandsvorsitzenden, die ihre beiden Töchter unbedingt in einem PS-starken SUV zum Rugby karrt? Wahrscheinlich tränkt auch sie heimlich ihre Putzis mit Beuteltee in Geschmacksrichtung Feenausdünstung, weil die Sorte mit den Monstern latent unterprivilegiert aussieht. Immerhin riecht das Zeug nicht nach getoasteten Veilchen.

Dass der Boden unter den zur Tradition verkalkenden Klassen noch glitschig ist, zeigt ein einziger Blick zum Beginn des letzten Jahrhunderts. Die industriell in den Frontallappen genagelte Rot-Blau-Schablone war durchaus schon vorhanden, funktionierte aber genau anders herum. Lichtes Blau galt als emotional ausgleichend, sanft und ruhig, mithin die beste Wahl für angehende Frauen, während Babymännchen Rosa kriegten, einen belebend, kräftigend wirkenden Ton, der zur aktiven Teilnahme an der Welt anreizt. Bestimmt hat die Verdübelung des westlichen Intellekts – Afrika hat sich nachweislich noch nicht dem Frotteediktat angeschlossen, aber vielleicht zoffen sich da auch nur Grün und Orange – hier genug zur Zerrüttung der Menschheit gelernt, wie sie von einer Katastrophe zur nächsten torkelt, vom Girls’ Day bis zur überwundenen Flachkräftemangel in den Werbemühlen dieser Republik. In ihren dumpfen Träumen mutieren sie alle zu Amöben, frei von jeglicher Verantwortung, die Realität mit allen Scheinfüßchen wegstoßend und immer auf der Suche nach Unsterblichkeit, falls es doch noch schiefgeht. Und jede Wette, sie tragen Braun.





In der Venusfalle

4 02 2013

Möglicherweise war die Sache von langer Hand geplant. Möglicherweise hatte sie sich aber auch erst in diesem Augenblick ergeben. Mit zitternden Fingern zog der alte Mann die Türkarte durch den Schlitz. Das Schloss sprang mit einem metallischen Knacksen auf. Die junge Journalistin trat in das Hotelzimmer ein und ließ die Strickjacke achtlos von den Schultern gleiten. Sie schritt direkt auf das Bad zu. „Momentchen noch“, gurrte sie, „ich will mich nur eben ein bisschen frisch machen.“

Sekunden später hatte er die Schuhe ausgezogen und die Hosen heruntergelassen. Er knotete mit schwitzigen Fingern die Krawatte auf, nestelte sich aus dem Hemd und schlug die Bettdecke zurück. Dann beugte er sich herunter, um die Socken abzustreifen, doch er hielt inne; er zog die Nachttischschublade auf und griff hastig nach dem Mundspray. In diesem Moment hörte er das Geräusch hinter sich. Instinktiv drehte er sich um, das Sprühfläschchen noch in der Hand.

Die Partei leugnete, er hätte die Bekanntschaft der Journalistin am Rande des Neujahrstreffens gemacht; sie sei ihm nicht auf sein Zimmer gefolgt, dort habe er sich lediglich mit ihr unterhalten, sei aber nicht fotografiert worden, und auf den Fotos wäre er nie unbekleidet zu sehen. Zu dieser Zeit jedoch hatte noch niemand ein Bild zu Gesicht bekommen, geschweige denn in Erfahrung bringen können, um wen es sich bei der Journalistin gehandelt hätte. Für eine feindliche Agentin gab es keinen Anhaltspunkt.

Die Schlagzeilen der Boulevardpresse nahmen sich der Sache schnell an. Der Nackte kann ohne und In der Venusfalle und Das füllt kein Dirndl aus titelten die Blätter. Meist waren die Bilder grob verpixelt, stark verwackelt und unscharf, zudem mit Balken über den Augen und anderen Körperstellen versehen. Die Partei schwieg, ihr hochrangiger Funktionär, ehemaliger Bundesminister und prominenter Talkshow-Gast jedoch nicht. Er sammelte um sich Unterstützer für die Gegenwehr. Ein wütender Anruf in der Chefredaktion des größten deutschen Unterschichtenblattes – in Abwesenheit des Chefredakteurs – sollte für klare Fronten sorgen. Das hätte er besser gelassen.

Nach einem Tag trügerischer Ruhe erschien das Blatt mit einer hochauflösenden Fotografie. Das Bild zeigte zunächst lediglich den Oberkörper des Ex-Ministers, wie dieser sich Pfefferminzaroma in den Rachen sprühte. Die Bildunterschrift argwöhnte bereits, ob es sich um eine neu entwickelte Art von Kreide handeln könnte – von Seiten der Partei hatte es keine Kritik an der Zeitung gegeben – oder um das sagenumwobene Nachfüllpack mit Heißluft, die der Fraktionsvorsitzende bei Parlamentsreden in großer Menge abzusondern gewohnt war. „Es ist“, folgerte eine nicht näher bekannte Person, hinter der sich wohl der Chefredakteur selbst befand, „der Alkohol, der ihm die charakteristische Fahne verschafft, ohne die er leicht verwechselt werden könnte.“ Ein Kommentar auf Seite drei befasste sich mit der Frage, ob er bewusst Sprühschnaps zu sich genommen hätte, um auf der Polizeiwache für unzurechnungsfähig erklärt zu werden, was ihm eine peinliche Untersuchung erspart hätte.

Erste Talkshows hatten den Stoff für sich entdeckt. Ein besonderes Augenmerk hatte der Moderator einer Sonntagabend-Sendung auf die Zusammenstellung der Diskussionsteilnehmer, die im Schnitt das Rentenalter aufwiesen. Thesen wie „Männer sind nun mal so“, „Wenn man sein Hotelzimmer betritt, zieht man sich eben aus“ oder „Die hat schuld, weil die ist eine Frau“ wurden eine gute Stunde lang gegeneinander abgewogen. Das brachte so gut wie keine Erkenntnisse, erforderte also eine sofortige Fortsetzung in zahlreichen anderen Gesprächsformaten.

Die Partei kochte vor Wut, konnte jedoch nichts unternehmen. Intern wurde berichtet, sie würde auf zukünftigen Parteitagen Journalistinnen der großen deutschen Boulevardzeitung nicht mehr zulassen. Diese konterte es am folgenden Tag mit einem ganzseitigen Farbfoto (volle Figur, frontal) und der Schlagzeile Da hängt sein Brüderle. Nicht weniger gut getroffen zeigte ein bekanntes Satiremagazin das ehemalige Regierungsmitglied. Wir zeigen ihn in Originalgröße erklärte das Titelblatt; als Gimmick lag der Ausgabe eine Lupe aus transparentem Plastik bei.

Erstmals meldeten sich Nachwuchskräfte der Partei zu Wort; sie verteidigten den Spitzenmann mit der ihnen geläufigen Art, die sie auch bei verurteilten Steuerhinterziehern zuwenden pflegten: die Tatsache, dass er sich der Journalistin unter Umständen habe unsittlich nähern wollen, ist noch nicht ehrenrührig, lediglich der Umstand, dass er sich habe erwischen lassen, spreche gegen ihn. Andere Meinungen ließ der Vorstand nicht gelten, nicht einmal außerhalb der Partei.

Die große deutsche Boulevardzeitung schien sich nicht daran zu kehren. In der Printausgabe vergoss der seit Jahren geübte Kolumnist, der über jedes Thema schreiben kann – wenn ihm das Thema ausgeht, schreibt er einfach weiter – heftige Tränen über die grassierende Unmoral, die vor allem auf Frauen zurückfalle, sie sich mit ihr nicht abzufinden bereit seien, während die Internetausgabe eine Klickstrecke halb nackter Prominenter zeigte, die ohne ihr Wissen abgelichtet worden waren.

Wenigstens zeigte sich die Partei einmal entschlussfreudig. Ab sofort wurde es ihren Vorstandsmitgliedern untersagt, Journalistinnen mit aufs Hotelzimmer zu nehmen. Stattdessen sollte das Führungspersonal mit zu den Journalistinnen gehen. Dann sei im Falle eines Übergriffs nicht der Politiker beschädigt, sondern die Journalistin. Die Partei stellte sich hinter ihren Spitzenkandidaten. Möglicherweise.