Tod? Sicher!

8 02 2012

„Sockenpflicht in Sandalen?“ „Poppt gar nicht.“ „Anschnallgurt in der Wahlkabine?“ „Dann doch lieber Helmpflicht beim Wählen.“ „Blödsinn, die meisten lassen doch eh ihren Kopf zu Hause.“ „Ja Leute, jetzt mal etwas voran – der Innenminister will morgen vor die Presse, da müssen wieder ein paar Vorschläge auf den Tisch, sonst kommt er nicht in die Schlagzeilen!“

„Man müsste ein Gesetz gegen Streuzucker…“ „Bei den klimatischen Bedingungen derzeit doch wohl eher eines für Streusalz.“ „… und für mehr Süßstofftabletten…“ „Aber das ist doch auch nicht gesund. Außerdem weint die Aigner wieder, wegen ihrer Zuckerrübenzüchter.“ „… im Kaffee.“ „Der ist doch eh gesundheitsschädlich, den sollte man auf der Stelle ganz verbieten.“ „Das macht aber der Gesundheitsminister.“ „Der macht doch nie etwas.“ „Ja, aber wenn er machen können würde, dann täte eben er, was er sollen müsste.“ „Jetzt lassen Sie den Kollegen halt mal ausreden!“ „Wenn man die Milch erst eingießt, und dann keinen Zucker, dann braucht man keinen Löffel und sticht sich auch nicht die Augen aus.“ „Entschuldigung, das würde Friedrich nie öffentlich sagen.“ „Zu beknackt?“ „Nein, aber keiner traut ihm derart komplexe Gedanken zu.“

„Keine scharfen Papierkanten mehr.“ „Müssen wir jetzt das Schreibpapier rund feilen?“ „Wie wäre es mit Klarsichthüllen?“ „Das schafft Arbeitsplätze, und es sieht auch so schön ordentlich aus.“ „Aber an den Klarsichthüllen kann man sich doch auch wieder schneiden, oder?“ „Heftklammern werden nur noch in gebogenem Zustand verkauft.“ „Und wenn man damit etwas heften will?“ „Sie wollen hier wohl zu terroristischem Fehlverhalten aufrufen, was?“ „Ist das schon Fehlverhalten, nur weil ich terroristisch unwirksame…“ „Sie wissen genau, was ich meine!“ „Büroklammern nur noch im aufgebogenem Zustand.“ „Aber dann kann man sich doch erst recht daran stechen.“ „Dann nur noch in zugebogenem Zustand.“ „Oder alles verlötet.“ „Dann kann man damit aber nichts mehr…“ „Dann nehmen Sie eben Reißzwecken, verdammt!“ „Sie wollen uns wohl alle umbringen?“

„Hier, Tapeten!“ „Kann man die denn mit Büroklammern anbringen?“ „Mit Reißzwecken vielleicht.“ „Die müssen doch irgendwie an der Wand halten.“ „Haben Sie mal von Tapetenkleister gehört?“ „Ist der nicht giftig?“ „Warum?“ „Dann ist er nicht kindersicher.“ „Wer würde denn auch seine Kinder tapezieren lassen?“ „Wahrscheinlich lecken bei ihm immer die Kinder die Tapeten ab.“ „Oder er klebt seine aus Versehen an die Wand.“ „Man muss doch die Tapeten – also falls man an denen leckt – meine Güte, denkt denn keiner an die Kinder!?“ „Sie lecken also an Ihren Tapeten und wollen, dass wir dabei an die Kinder denken?“ „Nein, das, äääh…“ „Warum kommen Sie uns dann mit so einem Unfug?“ „Falls Kinder an der Tapete lecken, dann muss man doch etwas tun!“ „Falls, ja. Aber warum denn vorher?“

„Sockenpflicht in Sandalen?“ „Das hatten wir schon.“ „Aber mit den Vorschlägen kann man einen Innenminister wenigstens eine ganze Woche lang beschäftigen.“ „Welchen Unterschied macht das?“ „Dann geht er einem sieben Tage lang nicht mit irgendwelchem Sums auf den Geist.“ „Gut, also Straßenverkehr?“ „Immer her damit.“ „Gurtpflicht beim Autowaschen?“ „Oder beim Staubsaugen im Wageninnern.“ „Wieso?“ „Weil’s der Innenminister sagt.“ „Oder Helmpflicht für Dreiradfahrer?“ „Wie wär’s mit Mindestlesedauer für Verkehrsschilder?“ „Oder: höchstens drei Verkehrsschilder pro Minute lesen.“ „Wie wird das bestraft?“ „Was bestraft?“ „Die Zuwiderhandlung.“ „Muss man die nicht erst einmal feststellen können.“ „Nö. Hauptsache, man kann alles unter Strafe stellen.“ „Blinkpflicht vor dem Stoppschild?“ „Blinken statt Stoppschild?“

„À propos Internet, hätte man da nicht auch eine Menge…“ „Man könnte beispielsweise Betrug im Internet verbieten.“ „Oder Verleumdung.“ „Das ist doch sinnlos, die sind doch außerhalb auch schon verboten.“ „Aber noch mal ist doppelt gut.“ „Und doppelt hält besser.“ „Und Friedrich wird den Unterschied merken?“

„Können wir nicht einfach alles, was verboten ist, verbieten?“ „Und das ist dann sicher?“ „Hat keiner behauptet.“ „Gibt es eigentlich ein Gesetz gegen Terrorismus?“ „Müsste man mal schauen.“ „Auch im Internet?“ „Anschnallgurte im Internet!“ „Lieber Schutzhelm.“ „Oder doch keine scharfen Papierkanten.“ „Wieso?“ „Lassen Sie sich ihr Internet nicht ausdrucken?“ „Diese Tapeten auf den Browserseiten, sind die selbstklebend?“ „Sie meinen die Bildschirmhintergründe?“ „Die lädt man doch auch runter.“ „Aber die sind nicht…“ „Immerhin lecken da keine Kinder dran.“ „Wissen Sie das auch sicher?“ „Kann man dieses Internet eigentlich auch in Klarsichthüllen verpacken?“

„Und die Terroristen?“ „Kann man denen das Papier wegnehmen?“ „Lieber die Klarsichthüllen.“ „Nein, die Reißzwecken sind gefährlich.“ „Wir brauchen sofort ein Gesetz, dass man Reißzwecken nur noch mit Schutzhelm und Sicherheitsgurt anfassen darf.“ „Und kindersichere Tapeten sind nur in Begleitung angeschnallter Büroklammern zulässig.“ „Großartig. Und die Terroristen?“ „Tragen die Sandalen?“ „Die werden uns bei einem so unfähigen Sicherheitsminister irgendwann alle in die Luft jagen.“ „Sicher?“ „Bombensicher.“ „Gut, das nenne ich eine echte Perspektive.“ „Wie verkaufen wir das dem Innenminister?“ „Irgendwas mit Tod. Und sicher.“





Kopfgeburten

1 11 2011

„… da sich keine hinreichenden Gründe zeigten, um die Helmpflicht für Radfahrer gesetzlich zu verankern. Ramsauer ließ jedoch offen, ob sein Ministerium nicht für andere Zwecke die…“

„… andererseits einen allgemeinen Mindestlohn und die Vorratsdatenspeicherung einzuführen, so dass die allgemeine Helmpflicht den Ausschuss glatt passierte. Eine Ausweitung, so die CSU-Landesgruppe, sei noch in diesem Jahr zu…“

„… auch für Fußgänger nicht ausgeschlossen, da abgesehen von herabstürzenden Satellitenteilen auch fallende Börsenkurse, die eine Reihe von Suiziden im Frankfurter Bankenviertel…“

„… sich die Passanten nicht der Helmpflicht beugen wollten, was zu Komplikationen in der Ahndung von Ordnungswidrigkeiten führte. Im Stillstand, der sofort bei der Ermahnung eines Fußgängers eintrete, bestehe die Helmpflicht für den fußläufigen Bewegungsfließverkehr nicht, sobald aber die beanstandeten Personen sich als Passenten wieder auf den Weg machten, seien sie als fußläufig bewegter Verkehr nicht mehr dem ruhenden Verkehr zuzurechnen, der allein kontrolliert werden dürfe. Nach seinem Nervenzusammenbruch beschloss BKA-Chef Ziercke, die Gesetzesvorlage sofort zu…“

„… dass Kraftfahrer ebenfalls einer Helmpflicht unterliegen müssten. Schon durch Sicherheitsgurte sei eine Gefahr gegeben, schwerste Verletzungen zu erzeugen – da nicht ausgeschlossen werden könne, dass Airbags das Verwundungsrisiko am Kopf noch erhöhen könnten, müsse schleunigst gehandelt…“

„… die Liberalen nicht für eine (Wortlaut Rösler) pseudopaternalistische Farce herzugeben gedächten. Die FDP lehnte auch weiterhin jeglichen Zwang zur Helmpflicht ab, da die persönliche Freiheit des Bürgers einem Kopfschutz nicht…“

„… fordert Axel E. Fischer, die Helmpflicht auch zum Schutz bei Computerabstürzen…“

„… die Helmpflicht nicht als Zwangsmaßnahme zu betrachten, da sie dem Freiheitswillen des deutschen Volkes diene. Friedrich unterstrich, dass das Tragen des Kopfschutzes nur als Abwehr gegen vom Himmel herabstürzende Terroristen gedacht sei und deshalb zur Sicherung der Nation nur ein absoluter Zwang als angemessenes Mittel der…“

„… stimmte allein Wolfgang Bosbach gegen die Helmpflicht, während die FDP geschlossen den Antrag passieren ließ und sich hernach…“

„… stimmte die SPD dem Antrag ohne vorherige Diskussion zu. Der Abgeordnete Steinbrück kommentierte, er halte das Gesetz für so überflüssig und kontraproduktiv, dass er es im Falle seiner Kanzlerschaft selbst auch ohne Rücksicht auf etwaige Koalitionspartner…“

„… erfolgte die Zustimmung der Grünen nur aus Gründen der Koalitionsdisziplin. Die Partei betonte dabei allerdings, dass sie ihr eigenes Verhalten für zutiefst demokratiefeindlich hielte und der Regierung zumindest eine Mitschuld an der aktuellen Entwicklung…“

„… erste erfreuliche Nachrichten aus dem Einzelhandel. Da der Besitz des Fußgängerhelms FH-33 gesetzlich vorgeschrieben sei, bestehe auch kein Anlass zur Kritik. Das von der O. Schily GmbH gefertigte Modell zum Preis von 1.260,57 Euro diene auch dazu, Leistungsträgern ihre Renditen zu…“

„… Anfrage des Abgeordneten Gysi, warum der Kollege Kauder noch nie mit Schutzhelm gesichtet worden sei. Die Fraktion erteilte die Auskunft, bei dem Unionsmitglied sei mangels Masse kein größerer Hirnschaden…“

„… den Bundespräsidenten ohne Schutzhelm beim Staatsbesuch zu sehen. Die peinliche Situation wurde durch Benedikt XVI. noch verschärft, als das Oberhaupt der Katholiken Wulff offensichtlich ohne Kenntnis der geltenden Gesetzeslage des staatsfeindlichen Gottvertrauens bezichtigte und so ein Amtsenthebungsverfahren gemäß…“

„… das Spaßbad innerhalb von dreißig Minuten räumten, die Besucher inhaftierten und von der Schusswaffe Gebrauch machten. Der Einsatz von Pfefferspray hatte nicht ausgereicht, um die Gefahr, die von den unbehelmten Wasserrutschenbenutzern ausging, für die einschreitenden Beamten zu…“

„… dass ein vom Bundesverfassungsgericht monierter Helmzwang dennoch eine Schutzlücke aufweise; so betonte Uhl immer wieder, dass es in Bayern und Deutschland Säuglinge gebe, die ohne Helm geboren…“

„… äußerte Gewerkschaftschef Wendt Skepsis, dass das Helmtragegebot bei Bewegtpersonen durchzusetzen sei. Teilweise sei für die Beamten der Bewegungszustand der Helmträger nicht genau festzustellen, etwa in Schlaf fördernden Sitzstellungen wie Theateraufführungen, so dass die erkennungsdienstliche Behandlung in dunklen Räumen zu einer…“

„… sich gewisse Personen weigerten, bei Kollektivhandlungen unter Beteiligung zahlreicher Gesinnungsgenossen den vorgeschriebenen Helm zu tragen. Hermann forderte die Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern auf, zu gottesdienstähnlichen Zusammenrottungen die in der arisch-christlichen Leitkultur akzeptierte Schutzkippa für anständige Staatsbürger zu tragen, da sonst für eine weiteren Sicherung keine…“

„… erlag er seinen schweren Verletzungen. Der CSU-Minister war von den Terroristen im Bett überrascht worden, mehrere Bauchschüsse waren trotz des ordnungsgemäß getragenen Schutzhelms tödlich. Das Bundeskabinett beschloss noch am Nachmittag, jedem Bürger eine Schussweste…“





Deutsche Interessen

28 06 2011

„Ja Grüß Gott, Frau Dimpflgföllner, ist der werte Herr Gemahl wohl im Hause? Nicht? Ich weiß ja nicht, ob ich Ihnen auch politische Fragen stellen darf, wenn er nicht – Sie sind Demokraten? Das tut mir Leid, aber ich würde natürlich… also lassen Sie mich das mal … Ja, der Herr Bundesinnenminister würde das schon auch gerne gewusst haben, aber wir wollen da natürlich nicht vorgreifen. Es könnte ja rein theoretisch sein, dass Ihr Herr Gemahl mit einer Befragung seiner Frau… Sie sind ledig? Dann müssen meine Unterlagen nicht stimmen.

Also was ich sagen wollte, Frau Dimpflgföllner: als sozusagen doch gleichartiges, also als ein quasi gleichrangiges Mitglied der, ich sage mal: als eine Frau, die die gleichen Rechte genießt, als wenn sie mit einem Mann schon richtig verheiratet wäre, Frau Dimpflgföllner, da werden Sie uns doch ein paar staatstragende Fragen – Legitimation? Ich rufe aus dem Bundesministerium an, ist das denn noch nicht offiziell genug? Müssen wir denn schon wieder für jede Auskunft wieder einen Trupp vom Verfassungsschutz bei Ihnen vorbeischicken? Jetzt seien Sie doch mal ein bissel kooperativ, nachher haben wir auch ein besseres Gewissen, wenn in den ganzen gespeicherten Vorratsdaten gar nichts… Hallo, Frau Dimpflgföllner? Sind Sie noch da? Ich dachte schon! Na, da hätten wir einen Intim… kruzi! Kontaktbereichsbeamter natürlich, Kontakt! Kontakt! Frau Dimpflgföllner, alles nur halb so schlimm, wir hätten dann später noch mal bei Ihnen angerufen, und dann hätten Sie schon aufgemacht, glauben Sie’s mir. Ich kenne uns da.

Weil wir nämlich jetzt gerne mal nachgefragt hätten, ob Sie eventuell zu den undeutschen… also den nicht, den nicht zu dem richtigen, die wo, ich weiß nicht, also nicht ordentlich – also ob Sie eine Fremdländerin sind, im Sinne des bundesdeutschen Geblütsrechts nämlich. Ja, das muss man wissen! Es gibt ja immer wieder so Fälle, da denkt man, es sind anständige Menschen, und dann merkt man: der ist ja nicht einmal getauft! Ich sag’s Ihnen, die Kommunisten, die waren schon schwierig genug damals, hatten ja nicht alle lange Haare, diese Schweine, aber dann die, die wo so anders sind! Das ist doch das Kreuz – der Minister weiß ja selbst nicht, was das für welche sind!

Das kann ja ein jeder sein, wenn Sie das mal so recht bedenken – da hat einer einen ganz normalen deutschen Vornamen, Wrdlicka oder Krczcynski, und drei Töchter, eine sogar verheiratet, Abitur und alles, und dann sind das Protestanten! Das muss man doch wissen! Herrschaftszeiten, ist denn heute niemandem nichts mehr heilig?

Aus Mainfranken eingewandert? Schweinfurt? Und Sie fühlen sich aber auch als eine – sicher, ist mir klar, dass der Regierungsbezirk Unterfranken auch verwaltungstechnisch zum Freistaat Bayern… jetzt lassen Sie mich doch mal… der Freistaat Bayern ist doch aber eine… – Ich will doch nur sagen, dass es keinen Beleg gibt, dass solche Gebiete auch historisch zu Bayern… Ah, das ist freilich ganz etwas anderes! Wenn Ihr Herr Urgroßvater als Justizstaatssekretär geruhten, nach Unterfranken zu gehen, ist das eine Ehre für die –

Es sind ja teilweise ganz nette Leute darunter. Der Chinese an sich ist ja auch nicht direkt schlecht, unter geschichtlichen Aspekten vielleicht schon ein bissel zurückgeblieben, weil er 1848 noch keinen parlamentarischen Polizeistaat hatte, aber dass diese Bande heute sogar eigene Restaurants hier aufbaut – alle Achtung! Na, das sind doch auch teilweise richtig zivilisierte Menschen, wenn sie auch zu dämlich sind, mit Messer und Gabel zu essen. Die waschen sich ja, sagt man, und dann beten sie zum Sankt Buddha, wo sie auf die Tresen stellen, und dann weiß man, die sind halt noch etwas zurückgeblieben, aber dem Herrn Bundesinnenminister wird’s schon jemand erklären.

Ob Sie dann eventuell islamisch sind. Oder mit dem Muslimismus etwas zu tun haben. Also diese Leute, die sich selbst in die Luft sprengen, wenn sie politische Ziele verfolgen, die sie nicht – Sie, jetzt werden Sie aber mal nicht unverschämt! Ich habe Sie ganz normal gefragt, ob Sie eventuell eine Terroristin sind und Anschläge vorhaben, mit denen Sie den Fortbestand der deutschen Ordnung des –

Wir regen uns jetzt aber mal nicht so künstlich auf, Frau Dimpflgföllner, sonst müsste Ihnen die deutsche Polizei mit illegalen Sachen drohen, die –

Wenn Sie jetzt nicht nachgewiesenermaßen keine Konvertitin sind und eventuell keine richtige Deutsche sind, Frau Dimpflgföllner, dann müssten wir schon mal darüber nachdenken, ob wir Sie nicht als potenzielle Schwerverbrecherin… rein präventiv selbstverständlich, das soll ja gar nichts heißen!

Schauen sie mal, es ist doch kompliziert: die vielen Deutschen, die sind schon schwierig genug. Und wir wissen nicht einmal, wie viele es sind – achtzig Millionen, zweiundachtzig Millionen, dazu haben wir ja nun diese neue Volkszählung. Da ist also nun jeder Einwohner eine mutmaßliche Straftat gegen den Fortbestand der – also rein prinzipiell betrachtet, das muss man doch so sehen, wenn man sich in der Position diesen Innenministers befindet – Sie sollten das also nicht auf die leichte Schulter nehmen! Und wenn Sie jetzt noch berücksichtigen, dass ja die deutschblütigen Einwohnerinnen und Einwohner einer diskriminierenden Behandlung ausgesetzt worden sind, als dass man sie nicht hinreichend als die terroristische Gefahr in unserer Mitte… ja, da schauen Sie? Das hätte Ihnen viel früher klar sein müssen. Der Fremdländer, der nimmt uns ja alles weg: die Arbeitsplätze, die Frauen, Frau Dimpflgföllner, die Sozialhilfe, dann die Renten, und die Wohnungen, die Mercedesse, und dann auch noch bei den Terroristen… Frau Dimpflgföllner, da muss man doch mal – aber –

Wir haben Sie jetzt aber gewarnt! Wenn jetzt einer demnächst in Ihrem Vorgarten ein Minarett baut, dann werden Sie mir nicht komisch! Ich habe Sie gewarnt, und wenn wir Sie nicht als Teil der Lösung gewinnen können, sind Sie halt Teil unseres Problems! Pfüat Eahna!“





Innerste Sicherheit

16 05 2011

„Aber das ist doch Irrsinn! Wir können doch nicht die Polizei abschaffen.“ „Wir schaffen ja auch nicht die Polizei ab.“ „Aber die Polizisten.“ „Wird denn ein einziger Polizist arbeitslos?“ „Natürlich nicht, aber…“ „Na also. Dann verstehe ich Ihr Gejammer nicht. Bürgerwehren sind doch eine gute Sache für die Aufrechterhaltung der inneren Sicherheit.“

„Es geht nicht um weniger Polizisten, es geht darum, dass es nicht mehr sind.“ „Warum sollten es denn mehr werden? Wir haben doch gar kein Geld dafür.“ „Natürlich nicht, es wird ja längst alles in lückenlose Überwachung mit…“ „Wenn wir alles lückenlos überwachen, können wir Straftaten viel besser aufklären, das wissen Sie genau.“ „Ich weiß genau, dass Sie genau wissen, dass das falsch ist. Eine Komplettüberwachung hilft nicht, weil es immer technische Wege gibt, sie umgehen.“ „Dann werden wir sie verstärken.“ „Sinnlos, denn es wird keine Senkung der Kriminalität geben.“ „Das ist noch gar nicht bewiesen.“ „Warum helfen dann Videokameras nicht, Raubüberfälle zu verhindern?“ „Wir können eben nicht überall Videokameras hinbauen. Dazu fehlt uns das Geld.“ „Es sollen auch nicht überall Videokameras hin, weil die nicht helfen. Wer soll denn das ganze Material überhaupt überwachen?“ „Bald werden die Kameras das alles automatisch können, sie werden potenzielle Straftäter vor potenziellen Straftaten erkennen und dann…“ „Potenziell verhaften?“ „Das muss doch gar nicht sein, schließlich haben wir doch die Täter dingfest gemacht.“ „Aber die haben doch noch gar keine Straftat begangen!“ „Weil wir sie durch die Videoüberwachung verhindert haben. Die moderne Technik hilft, die Kriminalität zu senken.“

„Wäre es nicht viel einfacher, einen Teil der ganzen Technik wieder abzubauen und Polizisten einzustellen?“ „Das geht schon deshalb nicht, weil es so viele Polizisten, wie wir für den vollwertigen Ersatz der Überwachungstechnik bräuchten, gar nicht anstellen könnten. So viele gibt es nicht!“ „Das hat auch keiner verlangt – die ganze Technik ist sowieso überflüssig, also warum sollte man Sie ersetzen?“ „Wir brauchen aber auch eine lückenlose Aufklärung von Straftaten, ganz abgesehen von erheblich schärferen Strafen für…“ „Das Eine hat mit dem Anderen nichts zu tun. Es ist gar nicht Aufgabe der Polizei, über Strafen zu entscheiden.“ „Aber machen Sie das doch mal dem Mann auf der Straße klar – die Polizei fängt einen Straftäter, aber man weiß gar nicht, wie der bestraft wird. Haben Sie eine Ahnung, was die Zeitungen schreiben?“

„Warum kann man nicht einfach mit mehr Polizeipräsenz gegen Straftäter vorgehen?“ „Weil es so viele Polizisten gar nicht gibt.“ „Dann muss man sie eben ausbilden.“ „Aber das kann doch keiner bezahlen!“ „Innere Sicherheit kostet nun mal Geld – Videokameras und Vorratsdatenspeicherung sind auch nicht kostenlos.“ „Wenn wir jetzt plötzlich die Mindestspeicherdauerdatenpflicht abschaffen, dann haben wir auch nicht auf einmal doppelt so viele Polizisten.“ „Das hat auch keiner verlangt, wir werden die Polizisten ausbilden und beschäftigen und…“ „Und deshalb lehne ich es auch ab, die Mindestdatendauerspeicherung abzuschaffen.“ „Es gibt doch noch gar keine Vorratsdatenspeicherung.“ „Das ist doch das Problem: gäbe es sie, könnte man nachweisen, dass sie auch nicht unwirksamer ist als die Polizisten, die keine Straftaten verhindern, weil sie nicht eingestellt werden.“

„Aber wozu brauchen wir Bürgerwehren?“ „Man kann doch den Kriminellen nicht die Straße überlassen – es geht doch ums Prinzip!“ „Ich dachte, es ginge um innere Sicherheit?“ „Natürlich, es muss doch innerste Sicherheit herrschen.“ „Innerste? Ich dachte, wir wollten äußerste?“ „Die ist zugleich gut gegen die innere Unsicherheit.“ „Also die innerste Unsicherheit?“ „Auf jeden Fall geht es ums Prinzip. Wir haben so viele Fälle von Betrug, es werden Frauen unterdrückt, die Kinder gehen nicht ordentlich zur Schule und werden arbeitslos, da müssen wir als Staat einschreiten und können nicht einfach zusehen.“ „Und wie schreitet man als Fußstreife gegen Betrug und häusliche Gewalt ein?“ „Durch Polizeipräsenz. Wir als Staat haben eben das Gewaltmonopol, deshalb wird es diese Straftaten in Zukunft auch nicht mehr geben, wo wir unsere hoheitlichen Aufgaben wieder mehr wahrnehmen.“ „Und Sie glauben, dass sich das mit privatisierten Schutztruppen erledigen lässt?“ „Aber ja, diese Menschen haben doch viel Erfahrung. Sie könnten durch verstärkte Präsenz in den Vierteln, in denen sie wohnen, für verstärkte Präsenz sorgen. Natürlich freiwillig.“ „Also die Bürgerpolizisten sind freiwillig da präsent, wo sie ohnehin präsent sind – was bringt das für die Sicherheit?“ „Es kann zumindest nicht schlimmer werden.“

„Warum wollen Sie eigentlich unbedingt eine private Truppe losschicken?“ „Weil wir einfach nur die Interessen der…“ „Diese Bürgerwehr hat doch für den Ernstfall überhaupt keine Befugnisse.“ „Das ist doch nicht das Problem. Wir können uns doch nicht den Kriminellen unterwerfen, die teilweise ganze Stadtviertel kontrollieren, in denen die Kinder nicht mehr zur Schule gehen.“ „Nur vertritt so eine Truppe überhaupt nicht das Gewaltmonopol des Staates.“ „Das ist doch gar nicht wichtig, die Hauptsache ist: wir sind präsent.“ „Wenn ich nur ein bisschen Aufmerksamkeit erregen will, wozu stelle ich dann Hilfspolizisten ein, die bei einer Straftat weder einschreiten noch ermitteln, weil sie keine hoheitlichen Aufgaben wahrnehmen dürfen.“ „Und?“ „Sie könnten stattdessen auch irgendeine Kamera in die Gegend stellen, die ist auch präsent und verhindert keine Straftaten.“ „Haben Sie das Prinzip jetzt begriffen?“ „Es kann doch nicht sein, dass es keine innere Sicherheit gibt, nur weil der Staat sich weigert, das erforderliche Personal zu finanzieren.“ „Wir tun ja etwas dagegen. Aber Sie weigern sich ja beharrlich, die Bundeswehr im Innern zuzulassen.“ „Was hat denn jetzt die Bundeswehr damit zu tun? Die soll doch auch abgeschafft werden?“ „Man könnte sie ja im Zuge der Neustrukturierung auch privatisieren, oder noch besser: durch unsere Präsenzkräfte aus den Problembezirken verstärken und schließlich ganz durch sie ersetzen.“ „Mit welchem Ziel soll das denn passieren?“ „Dann hätten wir nicht mehr das Problem, dass es sich um hoheitliche Aufgaben handelt.“ „Sie wollen eine Bürgerbundeswehr?“ „Sagen wir lieber, eine Bundesbürgerwehr. Das käme den Aufgaben unserer Kräfte viel näher.“ „Wozu soll diese Truppe denn nun da sein?“ „Wir gehen gegen den Feind im Innern vor. Dazu bedarf es ja schließlich einer gut ausgebildeten Armee.“ „Der Feind im Innern? Was hat man sich darunter denn nun wieder vorzustellen?“ „Wir haben hier sozusagen den Open-Air-Vollzug. Bisher kamen wir kaum in die Problembezirke rein, mit unserem Konzept kommt der Feind gar nicht erst mehr raus.“ „Das klingt nach Straflager.“ „Es ist ja auch für die entsprechenden Zielgruppen gedacht. Hartz-IV-Gruppierungen, Nichtdeutsche und ähnliche Straftäter. Das sind die Keimzellen der Zersetzung, gegen die wir Präsenz zeigen müssen.“ „Und wozu eine Bürgerwehr?“ „Sollen wir die Bezirke denn einzäunen?“ „Wäre eine Möglichkeit – wozu eine Bürgerwehr?“ „Sie wissen ja, eine Feuerwehr hilft gegen Feuer und die Gefahr, die von ihm ausgehen könnte, wenn man es nicht rechtzeitig bekämpft und auslöscht. Und eine Bürgerwehr…“





Wer’s glaubt, wird selig

1 02 2010

„Und Sie haben sich das ernsthaft überlegt? Keine Zweifel?“ „Nein, wir sind uns vollkommen sicher. Zumal wir auch unseren Anhängern damit eine gute Perspektive geben.“ „Eine Perspektive?“ „Ja, eine Perspektive. Das Bedürfnis nach Spiritualität, nach kultischer Durchdringung des ganzen Lebens und nach einer höheren Macht, nach einem Fundament, das wohnt doch dem Menschen inne. Es mag wohl die geben, die nicht an Geister oder Götter glauben, die keine höheren Wesen anbeten, aber selbst die wollen doch einen Sinn in ihrem Dasein sehen.“

„Nehmen Sie es mir nicht übel – Sie ahnen ja nicht, wie die Amtskirchen und ihre politischen Unterorganisationen sich gegen die Konkurrenz abzuschotten versuchen, ich könnte Ihnen da so manche Sache erzählen – aber ich muss doch noch mal genauer nachfragen: Sie wollen also wirklich Terrorismus als Religionsgemeinschaft eintragen lassen?“ „Ja, das haben Sie richtig verstanden. Wir glauben an den Terrorismus.“ „Sie beanspruchen, ein vollkommen konsistentes weltanschauliches Lehrgebäude zu besitzen?“ „Keinesfalls. Soweit ich weiß, kann das keine der bekannten Weltreligionen. Warum sollten ausgerechnet wir das besitzen?“ „Aber eine Religion muss doch eine bestimmte Logik verkörpern.“ „Wozu? Haben nicht bereits die Vorsokratiker die Mythologie in ihrer gefährlichen Lückenlosigkeit als Menschenwerk entzaubert?“ „Wie dem auch sei – jedenfalls muss das Hand und Fuß haben, was Sie den Leuten verkaufen!“ „Warum denn verkaufen? Wir sind keine billige Sekte wie Scientology oder der Laden von dieser Barbiepuppe mit dem Dachschaden, wie heißt sie doch gleich – wir sind eine Glaubensgemeinschaft, die ihren Anhängern Trost und Halt gibt.“

„Welchen Gott beten Sie an?“ „Keinen. Auch keine Geister, Engel oder sonstige Jenseitswesen.“ „Und Sie wollen eine Religion sein? Ich bitte Sie!“ „Und der Totemismus? der Buddhismus? Zen? Daoismus?“ „Jaja, ist ja gut. Ich habe es kapiert. Was lehren denn Ihre Priester, wenn Sie…“ „Es gibt keine.“ „Jetzt erzählen Sie mir nicht, es gäbe keine Priester – was für einen Hokuspokus veranstalten Sie da? Das ist doch keine Religion!“ „Verzeihung, sehen Sie auch das Judentum nicht als Religion?“ „Was hat das damit zu tun?“ „Wie Sie wissen dürften, ist ein Rabbiner ein Kenner und Interpret der Tora, aber kein Priester.“ „Wen haben Sie denn dann? Heilige?“ „Verehrungswürdige Personen.“ „Und wer ist das?“ „Beispielsweise Polizisten.“

„Es muss doch aber einen Gott geben in Ihrer Vorstellung. Oder etwas Göttliches.“ „Also jenes höhere Wesen, das wir verehren, nicht wahr?“ „Genau. Das muss doch irgendwo sein.“ „Warum denn? Für Stoßgebete?“ „Beispielsweise.“ „Also eine Funktionalität, wenn menschliche Erkenntnis an ihre Grenzen stößt? wenn der Mensch versagt und in seiner an sich logisch durchdachten Welt nicht mehr zurechtkommt?“ „Sie sagen das so despektierlich.“ „Durchaus nicht. Ich beschreibe nur den deus ex machina, den jedes dieser Systeme aus dem Hut zaubert.“

„Aber mal im Ernst: Sie müssen doch mit Ihrer Religion einen Zweck verfolgen. Das ist sonst Kokolores.“ „Wir haben einen ethischen Kodex. Gebote, Verbote.“ „Sie meinen, wie man sich bei einer Sicherheitskontrolle verhält?“ „Exakt. Der Zwang ist für uns ein verbindendes Element, er gibt dem Leben Struktur. Daraus entsteht dann ein Symbolsystem.“ „Lohn und Strafe?“ „Richtig. Wir sehen unser Leben als kontinuierliche Motivation, wir sind geistig durchdrungen vom Terrorismus und können daraus eine ganz neue Ordnung unseres Daseins schöpfen.“ „Das Leben als permanenter Sicherheitscheck? Sie haben doch nicht mehr alle Tassen im Schrank!“ „Diese Beleidigung gilt auch dem Innenminister, wenn ich Sie darauf aufmerksam machen darf. Außerdem ist das der entscheidende Punkt, der eine Religion von einfacher Ideologie trennt; ein Glaubensgebäude integriert auch völlig unsinnige Ansichten oder Direktiven, wenn man sie nur als transzendente Notwendigkeit ansieht.“ „Das müssen Sie mir erklären.“ „Warum sollen Frauen bis zur Eheschließung unberührt bleiben, warum darf man keine Langusten essen?“ „Es ist nicht anständig, wenn Frauen…“ „Sehen Sie? Sie haben die symbolischen Vorschriften Ihrer Religion schon komplett als Ihre eigenen verinnerlicht.“ „Und wozu dann diese Sinngebung im Unsinn?“ „Um aus dem Zwang eine Struktur zu erzeugen. Dass der Verzehr von Langusten irgendeine negative Folge zeitigen könnte, ist irrelevant; es zählt der Glaube, dass es Gott oder wem auch immer nicht gefällt. Es geht um die Dogmen: Du darfst nicht – Du musst – das ist so. Die Ansichten sind streng auf den Glauben bezogen, so dass Faktizität entsteht und alles als wirklich gilt. Wer’s glaubt, wird selig.“

„Was steht denn im Mittelpunkt Ihrer religiösen Vorstellungen?“ „Wir sind eschatologisch. Uns ist der Terroranschlag verheißen, er komme, sein Wille geschehe. Wann, wie und wo, wissen wir nicht. Wir wissen nichts. Nicht einmal, ob er überhaupt stattfinden kann, aber das ist unwichtig. Wichtig ist, dass wir trotzdem an seine Ankunft glauben.“ „Das ist doch vollkommen widersinnig!“ „Richtig. Aber wir glauben eben daran.“ „Und bis dahin…“ „… leben wir in panischer Angst, lassen uns demütigen und erniedrigen, damit er nie passiert, und beten darum, dass er passiert und uns aus dieser Angst und Erniedrigung erlöst.“ „Und dann?“ „Sind alle vernichtet, die dagegen sind. Oder anders. Oder nicht daran geglaubt haben.“ „Und Sie selbst?“ „Wir auch. Es ist ja schließlich der Weltuntergang, nicht wahr?“ „Stimmt, ich vergaß. Welche Perspektiven haben Sie?“ „Mal sehen. Als zukünftige Staatsreligion der westlichen Welt könnte da einiges möglich sein.“





Totale Sicherheit

25 01 2010

„Und warum sollen wir uns umgewöhnen?“ „Weil es sonst nicht mehr sinnvoll ist.“ „Was heißt denn: sinnvoll?“ „Dass Sie nicht mehr verstehen, was um Sie herum geschieht. Dass Sie einfach komplett aus dem Rahmen fallen und zum Risiko werden.“ „Zum… verdammt, ich kann es nicht sagen!“ „Sagen Sie’s. Los, sagen Sie’s!“ „Sicherheitsrisiko, meinen Sie?“ „Richtig. Sicherheitsrisiko.“

„Ich verstehe es aber nicht. Können Sie es mir nicht noch einmal erklären?“ „Da gibt es nichts zu erklären.“ „Warum nicht?“ „Die Bundesregierung, der Sie Ihr ganzes Vertrauen schenken, hat es so beschlossen.“ „Warum?“ „Weil Sie ihr vertrauen.“ „Das habe ich nicht behauptet, es ist auch gar nicht…“ „Vertrauen Sie der Bundesregierung. Wir wissen besser als Sie, was für Sie richtig ist.“ „Warum?“ „Weil wir entschieden haben, auf uns zu vertrauen.“ „Warum?“ „Weil das sicher ist.“ „Absolut sicher?“ „Absolut sicher.“ „Aber Sie haben doch gesagt, dass Sicherheit eine neue…“ „Sie sind nicht befugt, darüber nachzudenken.“

„Also bitte! Sie geben hier Handzettel aus, in denen diese Botschaft ganz klar beschrieben ist. ‚Sicherheit und Krieg sind dasselbe‘, das steht da.“ „Das heißt aber nicht, dass jetzt Krieg und Sicherheit…“ „Warum steht dann auf der Rückseite: ‚Krieg und Sicherheit sind dasselbe‘?“ „Die Bundesregierung macht keine inkonsistenten Aussagen.“ „Aber Sie haben doch eben gerade der Aussage der Bundesregierung widersprochen? Wie können Sie…“ „Sie sind nicht befugt, diese Frage zu formulieren.“

„Warum müssen denn dann unsere Grundrechte ständig weiter abgebaut werden?“ „Die Sicherheit erfordert es.“ „Gibt es denn Sicherheit?“ „Wir können Sie beruhigen, die Sicherheit der Insassen der… ich meine: der Bundesbürger…“ „Wenn Sie Sicherheit und Krieg gleichsetzen, bereiten Sie denn dann nicht einen Angriffskrieg gegen die Insassen der Bundesrepublik vor?“ „Ihre Frage basiert auf einer ungerechtfertigten Gleichsetzung.“

„Das hieße doch aber, wenn es keine innere Sicherheit gäbe, dass es dann besser wäre für die Freiheit der Bürger – wäre dann nicht im Umkehrschluss auch die innere Sicherheit oder auch nur die Bestrebung, sie herzustellen, eine Bedrohung der Bürger und damit eine Bedrohung der Freiheit?“ „Sie denken zu viel.“ „Warum?“ „Das macht unsicher.“ „Das ist doch gut., wenn wir damit die Sicherheit gefährden, die uns bedroht?“ „Damit würden wir aber andere bedrohen.“ „Wenn unsere Sicherheitsbestrebungen dazu führen, dass die Bedrohungslage von uns selbst ausgeht, dann wäre es doch auch viel besser, wenn wir nicht mehr die Sicherheit anstreben würden?“ „Das beruht auf einem logischen Denkfehler.“ „Auf welchem?“ „Weiß ich nicht.“

„Und jetzt müssen die Sicherheitsmaßnahmen verstärkt werden?“ „Das ist der einzige Weg, um der drohenden Bedrohung sicher zu begegnen.“ „Und wodurch?“ „Wir brauchen noch mehr Sicherheitstechnik.“ „Und Versicherungen?“ „Wenn wir uns versichern, dass wir im Sicherheitsfall mehr Sicherheit haben, dann haben wir jetzt, also vor dem sicheren Eintritt des Sicherheitsfalls, auch wieder Sicherheit.“ „Sie sagten doch aber, dass es keine Sicherheit geben könne?“ „Das ist etwas ganz anderes. Sie verwechseln das mit Absicht.“

„Und das Sicherheitspersonal?“ „Wir haben auch die Verpflichtung, dass wir wirtschaftlich…“ „Arbeiten Sie mit den entsprechenden Verbänden zusammen?“ „Wir als Politik haben den Auftrag, die Sicherheitswirtschaft in diesem unserem Lande zu stärken. Die Sicherheitsbranche ist ein wesentlicher Faktor für unsere uneingeschränkte Solidarität mit befreundeten Sicherheitsmächten.“ „Welche Sicherheitsstandards müssen eingehalten werden für die innere Sicherheit?“ „Wir überlassen es der Sicherheitsbranche, diese Fragen in einem sicherheitsrelevanten, lassen Sie es mich ruhig so sagen: im einzigen sicherheitsrelevanten Kontext zu betrachten, und das ist der wirtschaftliche Kontext. Deutschland soll wieder sicher sein, Deutschland muss wieder sicher werden!“

„Wie wird sich die deutsche Außenpolitik vor diesem Hintergrund positionieren?“ „Wir sind Teil internationaler Sicherheitsabkommen. Das verpflichtet uns zu Sicherheitsleistungen, die uns Sicherheit zusichern.“ „Welche anderen Sicherheiten können die Deutschen denn erwarten von der Bundesregierung?“ „Datensicherheit, Rechtssicherheit, und wir versichern Ihnen, dass wir in den kommenden Jahren der christlich-liberalen Bürgerlichkeitsmitte vor allem ein Ziel haben: die Sicherheit aller Bundesbürger. Jeder soll an dieser Sicherheit ganz direkt beteiligt sein.“

„Es bleiben noch einige soziale Fragen…“ „Da wäre natürlich einmal die Rentensicherheit – wir werden sie nicht in Frage stellen, genauso, wie wir auch die Arbeitsmarktreformen so gestalten werden, dass die Erwerbslosen mit mehr Sicherheit rechnen können.“ „Und die Versicherungsbranche?“ „Die ist auf jeden Fall ein ganz starker Partner. Für einzelne Teile der Regierungskoalition natürlich nur.“

„Und das Grundgesetz? Was werden Sie für das Grundgesetz tun?“ „Wir haben immer gesagt, dass wir die Rechtssicherheit auch auf die Verfassung ausdehnen werden, deshalb werden wir auch und gerade dem Grundgesetz mit immer neuen Sicherheitsbestrebungen begegnen, bis wir irgendwann sagen können: unsere Verfassung ist vollkommen abgesichert.“ „Warum?“ „Damit Deutschland ein Synonym ist – ein Synonym für die totale Sicherheit.“





Die Fesselung

14 01 2010

Bevor der Wachmann die Gittertür aufschloss, war schon das Schlurfen der Plastiksandalen auf dem Betonboden des Hochsicherheitstraktes zu hören gewesen. Abdallah hatte eine frische Platzwunde am Jochbein. Er lächelte scheu. Ich schob ihm die Zigarettenschachtel über den Tisch. Es war früh am Nachmittag, doch die Luft war verbraucht. Das Atmen fiel mir schwer, hier in diesem Gefängnis.

„Sie haben das gehört? Das mit dem Sprengstoff in der Unterhose?“ „Allerdings“, bestätigte er und deutete auf sein Gesicht. „Man lässt es uns schon spüren, dass das Leben draußen weitergeht. Ein guter Seismograph, verstehen Sie? Weitaus besser, als ließen sie uns unzensierte Zeitungen lesen.“ „Sie werden geschlagen?“ Er zog ein wenig die Brauen in die Höhe. „Nicht doch. Das Personal gibt uns nur hin und wieder zu verstehen, dass Menschenrechte Luxus sind – und dass man in Deutschland mit Kostbarkeiten sparsam umzugehen weiß.“

„Man wirft Ihnen vor, Hassprediger zu sein?“ Er nickte. „Ich habe mich einmal dazu hinreißen lassen, Sympathie zu zeigen für mein eigenes Volk. Das verzeihen sie einem nie. Da zählen auch die Verbrechen nicht, die sie an uns begangen haben. Noch begehen. Und nicht damit aufhören.“ Er nahm eine weitere Zigarette aus der Schachtel. Die Kette zwischen seinen Handschellen verhakte sich an der Tischkante, doch ich konnte ihm nicht helfen; sie hatten mich vorsichtshalber an den Füßen gefesselt. „Man hat Ihnen sicher erklärt, dass das nötig ist, weil ich so gefährlich bin, nicht wahr?“ Ich nickte. „Die Fesselung geschähe nur zu meinem Schutz, sagte man mir.“ Er sah mich lange an. Seine Augen ruhten durchdringend auf meiner Stirn, als zielte er mit seinem Blick auf meinen Kopf. Ich fror.

Abdallah lehnte sich zurück. „Sie haben es nicht begriffen, nicht wahr? Nichts davon?“ „Was soll ich nicht begriffen haben?“ „Sie sind gefesselt. Sie sind das Opfer. Der Gefangene. Sie! Nicht ich.“ Ich verstand nicht, was er mir sagen wollte. „Sie haben nicht eine Schlacht verloren, sondern den Krieg, den Sie begonnen haben. Geben Sie es auf. Sie haben verloren.“ „Aber was reden Sie denn da“, begehrte ich auf, „ich habe nie gegen Sie Krieg geführt, nicht ich!“ „Nein, Sie nicht. Sie doch nicht, nicht Sie, nicht?“ Abdallah lächelte wieder. „Sie sind es nicht. Es sind – die. Diese anderen, ja? Zu denen Sie nicht gehören wollen?“ Er schwieg einen Augenblick. Atmete tief ein. Und begann sehr leise zu sprechen.

„Sie haben nicht in Somalia unsere Fischgründe zerstört. Sie haben nicht die Machthaber in Saudi-Arabien geschmiert, die Menschen aufhängen und verstümmeln. Sie haben nicht der machtgierigen Clique in Dubai Aktien abgekauft, damit sie mit Menschenblut überflüssige Wolkenkratzer aus dem Wüstensand stampft. Sie haben nicht die Waffen unserer Feinde geliefert, sie haben diese Waffen nicht unseren Vätern geschenkt, um sie als Rebellen in Ihren Militärcamps auszubilden und sie danach gefangen zu nehmen, weil sie Terroristen seien. Sie nicht. Es waren immer die andere, die Öl wollten, Rendite, Grundbesitz. Es ist nie der Mensch. Es ist nicht der Baumwollpflücker Josiah Kutungu, dessen Vater als Salzwassersklave auf die Baumwollfelder von Virginia entführt wurde, es ist der Scheißnigger, dem der Plantagenbesitzer die Fresse einhaut, weil er der Dritte von links ist. Es ist nicht der Pferdehändler Moische Goldziher aus Memel, es ist der dreckige Jud, dem der SS-Offizier im Ghetto aus Langeweile eine Kugel in den Kopf jagt. Es sind nicht die irakischen Kinder, die die korrupten Söldner von Xe massakrieren, nur der Lärm stört sie, und sie lauschten so gerne dem Knattern ihrer Schnellfeuergewehre. Es ist nie der Mensch, es ist die Masse.“

Ich fühlte, wie die Kette langsam das Blut in meinen Fußgelenken abschnürte. Meine Beine wurden taub. Es beeindruckte ihn nicht. „Der Gierige verzeiht sich nicht den Selbsthass, den er empfindet, wenn ein Armer ihn erniedrigt, der ihn um ein Stück Brot anbettelt.“

Die Kette gab nicht nach. Was ich auch versuchte, ich konnte mich nicht bewegen. Die Knie begannen zu schmerzen. „Aber ich kann es doch nicht ändern“, schrie ich, „was soll ich denn tun?“ „Was Sie tun sollen?“ Ein feiner Spott hatte sich in seine Stimme gemischt. „Nichts sollen Sie tun. Sie können nichts mehr tun. Sehen Sie ein, dass Sie verloren haben! Sie sind am Ende!“ Rasend vor Wut versuchte ich, die Ketten abzustreifen, doch es war umsonst. Der Stuhl, auf den man mich gesetzt hatte, war fest am Boden verschraubt.

„Ich habe durchaus Mitleid mit Ihnen“, sagte Abdallah, „aber ich sehe auch, dass Sie sich selbst diese Lage gebracht haben. Sie dürfen von mir nicht erwarten, dass ich Sie befreie.“ „Was reden Sie denn da“, keuchte ich, „das ist doch Wahnsinn! Was reden Sie denn da!“ „Pardon“, antwortete er, „aber wir haben gewonnen. Sie sind ein Gefangener, genauer: Sie sind ein Sklave im eigenen Land, in Ihrer eigenen Gesellschaft, in Ihrem Staat. Sie werden belauscht, ausgespäht, behindert, verdummt und verdächtigt. Nicht ich. Sie werden von Geburt an wie Kriminelle behandelt, die man bloß noch nicht bei einer Straftat erwischt hat, denen man aber jedes Verbrechen zutraut – weil die Überwacher so von Grund auf verkommen sind, trauen sie auch Ihnen zu, so verroht und entmenscht zu handeln, wie es in ihrer Vorstellung aussieht. Man misstraut Ihnen. Es gibt nichts, das dieses Misstrauen zerstreuen könnte. Man nimmt Ihnen jede Würde, jede Privatheit, jeden Ansatz, wieder der Mensch zu sein, das Individuum, das Ebenbild Gottes, wie es Sie gelehrt wird – nackt sollen Sie sein, nackt wie das Stück Vieh auf dem Sklavenmarkt, dem man in die Zähne schaut und zwischen die Beine, und selbst diese Debatte ist doch nur der verlogene Schein, dass man viel gewichtigere Eingriffe in die Grundrechte, in die Menschenrechte hinter dieser Fassade abzieht, ELENA, INDECT, alles das, was Sie zu Nummern degradiert, zu Molekülen in einem Menschenbrei, in einer formlosen Masse ohne Antlitz.“ „Aufhören“, wimmerte ich, „hören Sie auf! Ich kann das nicht mehr hören!“ Doch er fuhr fort, ungerührt von meinem Schmerz. „Vor zwanzig Jahren hätte eine alte Dame ihr Wäschepaket noch an einer Bushaltestelle liegen lassen können, es hätte keinen gekümmert. Heute evakuiert man ein ganzes Viertel für einen herrenlosen Pappkarton, man treibt die Menschen zusammen wie die Schafe, alle werden verrückt, alle sind in Angst. Weil sie es so wollen. Sie wollen, dass Sie Angst haben, und warum? Man hat Knechte nach Dubai gelockt, für einen Hungerlohn die Prunkbauten der Emire zu errichten. Man hat sie nicht bezahlt, man hat sie nach Überstunden ohne Brot, ohne Wasser in die Wüste gefahren, in Ställe, in denen sie auf dem nackten Boden liegen mussten. Kein Tier hätte man so behandelt. Einige Arbeiter haben rebelliert. Sie wollten etwas zu essen. Die Aufseher haben andere genommen, andere! Sie haben die Unschuldigen einfach in die Tiefe geschmissen, fünfhundert Meter, damit die Hungernden sähen, was mit ihnen geschieht, wenn sie sich nicht willenlos für die Gierigen die Hände blutig schuften. Man nimmt einige von ihnen und schmeißt sie einfach weg. Und genau das machen sie mit Ihnen, weil Sie gierig sind – Sie sind der Abfall. Sie sind keine Menschen mehr. Sie, die Sie uns als Terroristen bezeichnen, weil wir im Land unserer Väter unser tägliches Brot verdienen und unsere Sprache sprechen wollen, Sie haben diesen Krieg angezettelt und verloren.“ Ich sank zusammen. Abdallah schlug hart mit den Handschellen auf den stählernen Tisch, das Zeichen, dass die Wächter die Tür aufschließen und ihn in seine Zelle zurückführen sollten. Die Ketten rasselten, als sie ihn losmachten. Ein letztes Mal drehte er sich um, als sie ihn in den Korridor stießen. „Friede sei mit Dir!“