Flaschenkinder

31 07 2019

„Nehmen Sie auch noch eine Tasse“, nötigte er mich. „Ich setze gleich neuen Tee auf.“ Breschke spülte die Kanne um und stellte den Flötenkessel auf den Gasherd. „Man soll bei dieser Temperatur lieber vorsichtig sein.“

Die Gartenarbeit hatten den Hausherrn ein wenig erschöpft, also hatte er sich ein frisches Hemd angezogen und sah auch ansonsten landfein aus. „Die Zeitungen bringe ich am Wochenende weg“, überlegte er, „und wenn Sie noch kurz in den Baumarkt wollen, ich fahre auf dem Rückweg sowieso über die Trelleborgstraße.“ Er faltete ein Anzeigenblättchen, füllte das Teeei und hängt es in die Kanne. „Kleinen Augenblick noch.“ Ich tupfte mir den Schweiß von der Stirn. Es war im Haus wirklich ungemütlich. Wie stickig musste es erst im Wagen werden. „Sie können ja die Ärmel auf der Fahrt hochkrempeln“, riet mir Herr Breschke. „Es sieht uns ja keiner.“

Damit hatte er allerdings recht. „Ich werde Ihnen mal etwas Linderung verschaffen“, beruhigte er mich. „Sie werden sehen, es wirkt sofort.“ Und er öffnete den Kühlschrank, um eine Flasche aus der Tür zu ziehen. Ich riss die Augen auf. „Bei dieser Hitze!?“ „Ach was“, lachte der pensionierte Finanzbeamte. „Kosten Sie nur.“ Er entkorkte die grüne Flasche, deren Etikett eindeutig auf einen ordentlichen Burgunder hindeutete, und goss mir ein. „Leitungswasser“, kostete ich, „nichts als Leitungswasser.“ Er nickte. „Den Tipp habe ich aus der Briefmarkenzeitschrift: nichts kühlt so gut wie Weinflaschen, und umweltfreundlich ist es auch noch, weil man kein Plastik braucht.“ In der Tat war das Wasser angenehm kühl. Horst Breschke füllte sich ebenfalls ein Glas, denn der Tee brauchte doch noch ein Weilchen. „Wir müssen langsam los“, drängte ich. „Gemach“, lächelte der Alte. „Ich werde uns für den Weg noch zwei von denen ins Auto mitnehmen. Sie werden sehen, es wird viel angenehmer.“

Trotz allem war die Fahrt nicht entspannt; der Feierabendverkehr hatte bereits eingesetzt, als wir in die Uhlandstraße einbogen, an ein schnelles Vorwärtskommen war nicht zu denken. „Wenn wir nur rechtzeitig sind“, knurrte Breschke und presste die Hände ins Lenkrad. „Ich will nicht morgen noch mal in die Stadt fahren, um den Sommeranzug abzuholen.“ „Das wird nicht nötig sein“, bemerkte ich. „Morgen ist die Reinigung nämlich gar nicht geöffnet.“ Er schnappte nach Luft. „Ich verliere langsam die Geduld!“ Und er griff neben den Sitz, wo eine der Flaschen sich befand. „Doch nicht während der Fahrt“, rügte ich, „ich jedenfalls habe keine Lust darauf, dass Sie mich unter Wasser setzen.“ „Ich verdurste“, murrte Breschke. „In Bezug auf die Verkehrssicherheit sollten Sie mir durchaus die Gelegenheit geben, mich zu… –“

Mit einem Ruck stand der Wagen, im letzten Augenblick hatte Herr Breschke die rote Ampel entdeckt und war aufs Bremspedal gestiegen. „Dann steht einer kleinen Erfrischung nichts mehr im Wege“, frohlockte er. „Ich würde es nicht tun“, sagte ich sehr ruhig, aber auf mich hörte er nicht, setzte die Flasche an und nahm einen tiefen Zug. „Wenn Sie bitte mal pusten?“ Der Alte zuckte zusammen. Mit grimmiger Miene blickte der Polizist durch das geöffnete Fenster. „Hören Sie“, versuchte ich ihn zu beschwichtigen, „es handelt sich um ein Missverständnis.“ „Natürlich“, gab der Schutzmann gelangweilt zurück. „Sie kommen viel zu spät zu Ihrer Weinprobe und wollen auf dem Weg schon mal das Versäumte nachholen.“ „Ich verbitte mir das“, zischte Breschke. „Sie wissen“, erklärte der Beamte zu mir gewandt, „dass vor allem die enthemmende und aggressionsfördernde Wirkung des Alkohols im Verkehr entsetzliche Folgen haben kann?“ „Probieren Sie wenigstens einmal“, riet ich ihm. Bevor er antworten konnte, hatte ich Breschke die Flasche entwunden und sie dem Polizisten unter die Nase gehalten. „Ich trinke nicht“, sagte er knapp. „Zumindest nicht im Dienst.“ Ich neigte den Hals ein bisschen, dass das Wasser auf seine Schuhe tropfte. Er lief rot an. „Das ist grober Unfug“, brüllte er, „ich werde Sie beide verhaften!“ „Festnehmen“, korrigierte ich, „oder habe ich da etwas an Ihrer Uniform übersehen?“

Verärgert stapfte der Polizist weg, wir nutzten den psychologischen Moment, denn es war gerade Grün. Breschke fuhr ums Eck, bog in die Kaiser-Wilhelm-Allee und kam zitternd vor der Reinigung zum Stehen. „Gerade noch rechtzeitig“, stellte ich fest. Doch ihm ging es gar nicht gut. Er hielt sich am Wagen fest, während ich meine Hemdsärmel herunterkrempelte. „Das ist alles zu viel für mich“, wimmerte er, „das ist heute alles zu viel!“ In der Mitte verkrümmt watschelte er auf die Reinigung zu, sichtbar um Haltung bemüht, während ich ihm die Türe aufhielt. Die junge Dame hinter dem Tresen begrüßte uns freundlich und erkundigte sich nach unseren Wünschen. Stöhnend hielt mir Horst Breschke den beigen Coupon hin, während er unverständliche Laute ausstieß. Die Verkäuferin begriff sofort. „Da hinten links“, erklärte sie, „die Tür ist offen.“ Noch immer gekrümmt stolperte der alte Herr in die hinteren Gemächer, während ich den frisch gereinigten Anzug entgegennahm.

Erleichtert erschien Breschke, schweißnass, aber mit der Miene milder Ergebenheit. „Sie sehen aber auch mitgenommen aus“, sagte die Dame, sichtlich erschrocken, und sie griff zu einem Becher, den sie unter den Wasserspender hielt. „Nehmen Sie erst mal einen kräftigen Schluck, das wird Ihnen gut tun – bei diesem Wetter.“





Augustsonntag

14 08 2016

für Kurt Tucholsky

Dieweil wir alle sitzen
auf Stühlen im Spalier
und ganz vorzüglich schwitzen,
tönt draußen ein Klavier.

Die Sonne wandert müde,
sie hat ja nichts mehr vor.
Es klingt eine Etüde
von ferne an mein Ohr.

So lasse ich die andern
und denk mich leise fort,
mein Herz will weiterwandern
an einen andern Ort.





Kartengrüße

16 08 2015

für Kurt Tuchosky

Hammelmeyer und Consorten,
ach, was hasst man die Durchtriebnen!
Doch sie denken aller Orten
stets an die daheim Gebliebnen,
schicken Karten, bunt mit Bildern,
Schweiz und Schweden, Malediven,
um den Urlaub Dir zu schildern,
den wir just zu Haus verschliefen,
dass man ihn wie sie genieße…
  Kartengrüße!
    Kartengrüße!

Schönstes Wetter, fernste Ferne,
der Patron sich laut erdreistet,
fett zu sein – das hat man gerne,
weil man es sich selbst nicht leistet.
Sonnenschein und laue Lüfte,
ach! sein Paradies quillt über,
Blumen, Papageien, Düfte,
nie war ihm das Leben lieber
als in jener Sommersüße –
  Kartengrüße!
    Kartengrüße!

Und in Wahrheit? Hans und Hilde
legen das Hotel in Trümmer,
zwei recht ungezogne Wilde,
nur der Hund allein ist dümmer.
Dazu greint Frau Hammelmeyer,
ohne Sekt wird ihr’s schnell fade,
dies zu billig, das zu teuer.
Ihm ist um die Ferien schade,
Hans tritt Scherben in die Füße.
  Kartengrüße,
    Kartengrüße.





In der Hitze der Nacht

20 06 2013

Bismarck lag regungslos auf dem Ohrensessel. Es war unerträglich heiß. Herr Breschke blickte besorgt auf den Dackel. „Das Tier hat die ganze Nacht nicht geschlafen. Ich allerdings auch nicht, einer musste ja nach ihm gucken.“ Damit sollte nun Schluss sein. Nur ein Maßnahmenpaket schien noch Hilfe zu bieten gegen die Wüstenluft, die seit Tagen ins Obergeschoss strömte.

„Hier hilft Verdunstungskälte“, dozierte der pensionierte Finanzbeamte. „Ich werde vermittelst der Wäscheleine das Zimmer in eine Kühlkammer umbauen, die das Haus nachts viel stärker als sonst kühlen wird. Schließlich fällt ja die kalte Luft nach unten, richtig?“ Ich nickte beflissen; dass sich das Schlafzimmer der Breschkes gleich nebenan und damit ebenso im oberen Teil befand, hätte die Sache sicher nur unnötig verkompliziert. „Wir werden also diese Kunststoffleine so aufspannen, dass wir genug Platz haben für eine ausreichende Menge an Kühlkörpern.“ „Sie meinen diese Bettlaken?“ Er blickte anerkennend. „Gut mitgedacht, Sie scheinen ja in Physik aufgepasst zu haben.“

Die Schnur maß insgesamt zwanzig Meter, das waren je zweimal hin und zurück. „Ich will Ihnen das technische Verständnis nicht absprechen“, wandte ich ein, „aber wie wollen Sie denn das Ding befestigen?“ „An der Wand natürlich“, antwortete er. Das hätte mir auch spontan eingeleuchtet, wäre da nicht die geblümte Tapete gewesen, vollkommen frei von Haken und Nägeln. Das irritierte offenbar nicht nur mich.

Breschke knotete das Seilende umständlich an den Kommodenschrankschlüssel, dann entwirrte er die Kunststoffleine mit ein, zwei ruckartigen Bewegungen, und dann bückte er sich fluchend, weil er mit seinem höchst eleganten Schwung den Schlüssel aus der Kommodentür befördert hatte. „Das hatte ich viel einfacher vorgestellt“, grantelte der Alte. „Aber ich kann doch deshalb nicht Löcher in die Wände bohren, oder?“ Inhaltlich trieb mir die Frage den kalten Schweiß auf die Stirn, vom logischen Standpunkt allerdings war die Sache nicht von der Hand zu weisen. „Ich werde das Seil einfach an den Griff knoten“, verkündete er, „der kann nicht abfallen.“ Das tat er auch nicht; die Tür öffnete sich lediglich, da das Schloss offensichtlich nur zur Zierde angebracht oder nicht mehr korrekt schließend war. „Dann knote ich es eben an beiden Türen fest!“ Und das tat er denn auch, verbissen und denkbar gründlich. Das Seil hielt. Wenigstens auf einer Seite.

Auf der anderen Seite bot sich der Fenstergriff an, wenngleich ein kleines Manko augenfällig wurde. „Sie sollten die Tücher gut festklammern“, riet ich ihm. „Der Fensterhebel ist in Augenhöhe, der Kommodengriff ungefähr an der Hüfte. Die Laken werden bestimmt ins Rutschen geraten.“ Doch Herr Breschke winkte ab. „Sie haben den entscheidenden physikalischen Faktor nicht berücksichtigt. Die Tücher sind ja nass, also werden sie von selbst an der Leine haften. Ich werde es Ihnen mal demonstrieren.“ Selbstsicher lief er ins Bad, wässerte ein Handtuch und legte es, tropfnass, über die Leine, wo es, kräftige Spuren auf dem Teppich nach sich ziehend, einer triefenden Seilbahn gleich auf den Schrank zu rutschte und schließlich an der Tür hängen blieb. „Das verstehe ich nicht.“ Breschke kratzte sich am Kopf. „Das muss doch halten – wie soll ich den da die Bettlaken festkriegen?“ „Hier schon mal gar nicht“, befand ich. „Oder wollen Sie die Dinger einen halben Meter über dem Boden aufhängen?“ „Das muss doch…“

Weiter kam er nicht. „Horst“, scholl es empört aus dem Türrahmen. Frau Breschke war unbemerkt die Treppe heraufgekommen. „Horst, was hat das denn nun wieder zu bedeuten? Und die Flecken auf dem Teppich?“ „Das ist nur Wasser“, beeilte er sich. „Und was sollen diese Betttücher da – Du willst doch wohl keine Wäsche hier aufhängen?“ Ich kam gar nicht zu Wort, andererseits war vielleicht gerade dies meine Rettung. „Das kommt mir sofort weg“, entschied sie. „Auf der Stelle!“ Schon war sie verschwunden.

Ich überlegte eine Weile. „Haben Sie nicht von der letzten Gartenparty noch diese Tabletts im Keller?“ „Wollen Sie jetzt unbedingt Bier trinken?“ „Das gerade nicht“, klärte ich Breschke auf, „aber mir kam just die Methode in den Sinn, wie die Wüstenbewohner in Nordafrika der Hitze Herr werden: sie stellen große, flache Tongefäße im Haus auf, aus denen viel Wasser verdunsten kann. Probieren wir es einmal mit den Servierbrettern.“

Gesagt, getan. Herr Breschke ging in den Keller. Unterdessen hatte sich Bismarck, der dümmste Dackel im weiten Umkreis, nicht von der Stelle gerührt. Er macht keine Anstalten, seinem Herrn zwischen den Beinen herumzulaufen. Die Lage war nicht unernst. Draußen hörte ich es auf der Treppe schlurfen. Ich öffnete die Tür, genau in dem Moment, als die Stimme von unten wieder ertönte. „Horst!“ Der jedoch verlor vor Schreck das Gleichgewicht, hielt sich mit Mühe am Geländer fest und ließ das Tablett, bis zum Rand voll mit Wasser, polternd und platschend die Stufen herunterkollern.

Eifrig jappte Bismarck das Tragebrettchen leer. „Sehen Sie“, beruhigte ich Breschke, „das war gar keine schlechte Idee. Eins lassen Sie hier unten stehen, die anderen verteilen Sie im Schlafzimmer – möglichst so, dass Sie nicht aus Versehen reintreten. Auf den Schränken und auf dem Nachttisch.“ „Aber wird das denn auch kühlen?“ „Aber ja“, versicherte ich. „Schließlich fällt ja die kalte Luft nach unten.“





Durchgebrannt

22 07 2010

05:03 – Ein neuer Tag beginnt. Die sanfte Nachtkühle weicht gemächlich der Sommerluft, die einen sonnendurchfluteten, schönen Julitag mit sich bringen wird. Es ist Ferienzeit, ganz Deutschland freut sich auf die Genüsse der heißen Jahreszeit: Strand, Eiscafés und sinnlose Aggressionen im stockenden Autoverkehr, wie die leichte Berührung des Kotflügels durch einen Radfahrer mitten auf der Berliner Kantstraße Slobodan Z. (48) dazu bringt, die Tür aufzureißen und den radelnden Rowdy zu Boden zu reißen, was dieser, ein Sportstudent und nebenberuflich Türsteher eines Techno-Clubs in Mitte, ebenso wenig duldet wie die Ankündigung des erbosten Autofahrers, sich seiner, des Radlers, Mutter sexuell zu nähern – das Ergebnis sind ein komplizierter Bruch des Nasenbeins und eine mehrdimensional diese Verletzung wiedergebende Motorhaube. Die Temperaturen steigen.

06:04 – Die Nachwirkungen der vergangenen Tage sind nicht zu verleugnen, dieser Morgen baut auf wackeliges Fundament: kaum, dass die Sechs-Uhr-Nachrichten und einige Verkehrsmeldungen über den Äther gegangen sind, moderiert Chris M. (31), der Publikumsliebling der mittleren Generation auf den Wellen von Radio Berolina, seine Magazinsendung an mit dem Versprechen auf „Greatest Hits“. Der versehentlich sofort ins Studio durchgestellte Hörer, der englischen Sprache eher weniger mächtig als der lautstarken deutschen, bringt das Ausgangssignal locker in den roten Bereich und macht für Momente die Metropole zusammenzucken vor Ohrenschmerz. Das in letzter Sekunde eingeschobene Last Christmas entspannt die Situation nicht wirklich.

06:39 – Die ersten Vorortzüge leiden unter der Hitze des Tages. Bei einer Routinekontrolle findet ein Kontrolleur den schlafenden Roman H. (19) auf dem Sitz eines Schnellbahnwaggons. Er ahnt nichts Gutes, und tatsächlich verläuft der Fall wie viele andere dieser Tage: mit vereinten Kräften müssen zwei Bahnmitarbeiter den Jugendlichen vom Sitz entfernen, dessen Kunststoffoberfläche mit der schweißdurchtränkten Hose des Volltrunkenen eine sekundenkleberartige Verbindung eingegangen war. Sie sind froh, dass sie nicht, wie es bei Rosalia T. (33) nötig war, mit der Gegenwehr des Opfers zu rechnen hatten, war doch jene stark übergewichtige Frau nur in einem luftigen, kurzen Rock und mit nackten Armen im Sitz geschmolzen.

08:05 – Die Berliner Liberalen errichten auf dem Kurfürstendamm einen Informationsstand, der überraschenderweise ganz in frischem Blau gehalten ist. Fähnchen, Plakate, Handouts und ein großer Sonnenschirm verkünden den Slogan, mit dem die Steuersenkungsversprecherpartei um Sympathie buhlt: Das kalte Grauen. Das Ergebnis ist für die FDP-Mannen, denen nach kurzer Zeit der Angstschweiß auf der Stirn steht, eine herbe Enttäuschung. Die Berliner nehmen Westerwelles Schnöselverein nichts mehr ab, und sei es auch ausnahmsweise einmal ehrlich.

09:13 – Auf der Redaktionskonferenz von BILD geht es heiß her. Während die Schlagzeilenredaktion „Super-Sonne: So heiß ist Deutschland!“ empfiehlt, versucht der Panikbeauftragte „Furchtbare Mörder-Glut: Wir werden alle sterben!“ durchzudrücken; sein vehementes Pochen auf die Tatsache, dass die enormen Temperaturen und der Druck von 200 Milliarden bar im Sonnenkern quasi sofort tödlich für einen normalen Bundesbürger wären, lassen die Stimmung langsam kippen. Kurz vor einer Kompromisslösung, die die Verantwortlichen in „Wahnsinn – die ganze Wahrheit über die Sonnengefahren aus dem Weltall!“ finden, lässt sich das Kanzleramt durchstellen. Die Direktive, mit „Sommer gewuppt! Super-Angie macht ganz tolle Vorschläge gegen die Klimaveränderung!“ zu titeln, wird wie üblich mit Kadavergehorsam umgesetzt.

10:28 – Nach der Schlappe des Nichtraucher-Plebiszits in Bayern setzt der Bundesverband der Tabakwarenhersteller ein Zeichen in Richtung Gesundheitsbewusstsein. Auf seiner Website empfiehlt er, möglichst viel Wasser zu trinken. Die sofort angestrengte Klage der Brauereiwirtschaft kommt überraschend.

11:02 – Bundesjugendministerin Schröder weiht in Marzahn einen Spielplatz ein. Die anwesenden Fotografen dürfen jedoch erst knipsen, als zwei Mitarbeiter die Kinder arbeitsloser Eltern von der Wippe und aus dem Sandkasten geschmissen haben. Sie teilt mit, das sei nicht gerecht gegenüber denen, die arbeiteten. Die Fotos werden schnell geschossen, man stellt dabei fest, dass Schröder obenherum schon recht braun ist.

11:24 – Passanten machen die Polizei darauf aufmerksam, dass Holger Apfel nun schon eine ganze Stunde lang am Potsdamer Platz seine Rede an die national gesinnten Landsleute hält. Der Sprachakrobat hat sich dazu auf die Transportkiste eines reichsdeutschen Bananenzüchters gestellt und tümelt völkisch in die Berliner Luft. Beobachter fürchten, die NPD-Figur habe sich bereits einen Hitzschlag zugezogen, denn Apfel stammelt mit hochrotem Kopf. Ein eilig hinzugezogener Notarzt kann jedoch Entwarnung geben; von einem Hirnschaden könne bei Holger Apfel nicht die Rede sein. Da sei nichts zu beschädigen.

11:55 – Auf die Minute pünktlich beginnt die Pressekonferenz der Deutschen Bahn AG, die um gute Publicity nach den hitzebedingten Ausfällen auf den ICE-Strecken bemüht ist. Leider häufen sich auch hier die Pannen. Weder sind die für die wartenden Journalisten gedachten Getränke angeliefert worden, noch hatte jemand bedacht, wie man 190 Pressevertreter in einem mit 32 Einheiten Sitzmobiliar, davon 10 für Bahn-Chef Grube und seine engsten Mitarbeiter, aufbewahren soll. Das PR-Event wird nun mit körperwarmem Apfelsaft knapp an der Grenze des natürlichen Gärprozesses im Foyer durchgezogen, da hier ausreichend Steh- und Außenplätze hinter der Frontscheibe vorhanden sind. Dummerweise wurde Rüdiger Grube nur sehr oberflächlich in die technischen Hintergründe des Projekts eingeführt, so liest er zwar flüssig von den ihm zugesteckten Kärtchen ab, stellt aber den erstaunten Zeitungsschreibern eine Aktion vor, bei der die Bahn pro Grad Celsius einen Euro teurer wird. Die Sache verläuft unbefriedigend.

12:18 – Die Wirtschaft muss sich den Gefahren einer neuen globalen Krise stellen, wie sie die Klimaveränderung darstellen dürfte. Arbeitgeber und Kapitaleigner, Industrie und Innere Sicherheit müssten nun an einem Strang ziehen, so Funktionär Dieter Hundt. Die volkswirtschaftlichen Kosten der durch die Erderwärmung hervorgerufenen Schäden seien noch gar nicht zu beziffern, man müsse also vom Schlimmsten ausgehen; auch die Folgekosten für den Krankenstand, der ausschließlich aus dem Verschulden erkrankter Arbeitnehmer resultiere, dürfe man jetzt nicht verschweigen. Das einzige Mittel, um das ungebremste Wachstum der Aktien an ausländischen Finanzplätzen zu beschleunigen, sei konsequenter Lohnverzicht – man könne vorerst mit einer Kürzung um 100%, befristet bis 2050, eine relative Planungssicherheit erreichen.

13:37 – Erste Anzeichen einer parlamentarischen Arbeit sind spürbar. Die Gerüchte, die Regierung wolle zur Haushaltssanierung eine Hitzesteuer einführen, werden vom Bundesfinanzministerium empört zurückgewiesen. Diese Meldung entbehre jeder vernünftigen Grundlage.

13:40 – Der zwischenzeitlich veröffentlichte Referentenentwurf des Bundeswirtschaftsministers sieht vor, die Steuer einzuführen, sie jedoch nur auf Sozialleistungen und kleine Renten aufzuschlagen. Man dürfe nicht zulassen, so Brüderle, dass die Leistungsträger in Deutschland über Gebühr mit Angelegenheiten des Staates behelligt würden.

13:46 – Das Hitzeerschwerungsbeschleunigungsgesetz werde selbstverständlich sofort in Kraft treten, betonte Innenhilfsminister Westerwelle; er selbst, so der Hilfsinnenminister, werde auch dafür Sorge tragen, dass nicht versehentlich eine Steuersenkung passiere.

14:21 – Eine Straßenumfrage führt zu dem Ergebnis, dass 87,3% der Personen die Frage, ob sie es heiß fänden, uneingeschränkt bejahen. Nur 1,2% stimmen dem generell zu, geben jedoch der Vorgängerregierung die Schuld an den momentanen Entwicklungen auf dem Temperatursektor.

15:03 – Auf Grund einer Störung im Kühlwasserkreislauf schaltet das Atomkraftwerk Brunsbüttel sich selbsttätig ab. Der Betreiber weist Zusammenhänge mit der Temperatur des Flusses weit von sich. Die vorsorgliche Abschaltung sei in der Folge einer Warnung vor Überlast geschehen, die durch die zahlreichen in Deutschland laufenden Ventilatoren verursacht wurde. Wer beim Anblick eines Windkraftwerks, so ein Vattenfall-Sprecher, nicht bemerke, dass die erneuerbaren Energien nur erfunden worden seien, um Deutschland in eine nukleare Katastrophe zu manövrieren, der fördere damit den globalen Terrorismus. Man werde, um diese Kränkung seelisch zu verkraften, sofort die Strompreise erhöhen.

15:32 – Die durchschnittliche Temperatur des Wassers steigt in ganz Deutschland an, was vor einer Erwärmung des Leitungswassers nicht Halt macht. In einem selbstlosen Akt der Solidarität mit den am Boden zerstörten Kernkraftwerkern kündigt der Verband der Wasserversorger an, die Preise für Warm- und Warmwasser – Kaltwasser könne man das nicht mehr nennen – zu vereinheitlichen. Auf dem Preisniveau von Warmwarmwasser.

15:46 – Die Temperaturen sind noch immer viel zu hoch. In einem heftigen Schlagabtausch geben sich Regierung und Opposition gegenseitig die Schuld; die Liberalen werfen der SPD auf der ganzen Linie Versagen bei Tiefdruckgebieten vor, während Abgeordnete der Bündnisgrünen höhnisch darauf verweisen, dass die Kanzlerin auf ihrem fliegenden Teppich in letzter Zeit über schlechte Thermik geklagt hatte. Ein Kompromiss kommt erst in Sicht, als die Klimaanlage des Plenarsaals schwächelt. Man beschließt, Verhandlungen aufzunehmen.

16:00 – Scharfe Proteste der Wasserverbraucher führen dazu, das Berechnungsmodell nochmals zu überdenken. Man werde, so die Wasserversorger, dann doch nur das erwärmte Kaltwasser preislich anpassen, eine Steigerung von einem Cent pro Grad und Liter sei als gerechtfertigt anzusehen. Wem dies nicht passe, könne sein Wasser ja aus den Mineralbrunnen beziehen.

16:48 – Auch im Konrad-Adenauer-Haus ist die stickige, verbrauchte Luft spürbar, und so verzichtet die CDU auf weitere Rücktritte auf Führungsebene. „Morgen“, verkündet der Fraktionsvorsitzende Volker Kauder, „ist ja auch noch ein Tag.“

17:05 – Die rasch zusammengetrommelten Ausschüsse haben zwei Modelle erarbeitet: während sich Union und FDP für eine Steigerung der Ausgaben bei gleichzeitiger Beibehaltung der Außentemperaturen in den besseren Bezirken aussprechen, verneinen SPD und Grüne diesen Vorschlag als nicht verfassungskonform, sozial unverträglich sowie äußerst demokratiefeindlich. SPD-Chef Gabriel schlägt eine Senkung der Temperatur in drei Schritten vor. Der Entwurf der CDU/CSU wird mit allen Stimmen von CDU/CSU, FDP, SPD und Grünen angenommen; die Linke enthält sich, wie zuvor angekündigt, einstimmig, da der Deutsche Bundestag nicht bereit ist, Israel die Schuld für die Sommertemperaturen zu geben.

18:02 – Ein auf dem Schiffbauerdamm torkelnder Passant wird von mitleidigen Bürgern in der Spree erfrischt. Die Umstehenden sind der Ansicht, der Mann habe dies bei Gleichgewichtsstörungen und Kopfweh sehr nötig gehabt, schließlich habe er gegen die Hitze zuvor schon zehn Glas Bier getrunken – ohne Erfolg.

18:57 – Die Klimaanstrengungen zeigen erste Erfolge. Zwar sind die Auswirkungen mit Luftfeuchtigkeit und Luftozongehalt noch immer unangenehm, doch sieht Kanzlerin Merkel hier einen enormen Fortschritt.

19:04 – In einer eigenen Pressemitteilung lässt Sigmar Gabriel die Presse wissen, dass die jetzige spürbare Entlastung der Temperatur eine Folge der an sich unmenschlichen, verfassungswidrigen und zutiefst amoralischen SPD-Wetteragenda sei, der man vorwerfe, sie wolle Deutschland auf Dauer in ein Niedrigluftdruckland verwandeln; die Erfolge der ad hoc vorgenommenen Senkung seien jedoch vollkommen gerechtfertigt, wenngleich die SPD auch nicht verhehlen wolle, dass die Deutschen in den vergangenen Sommermonaten über ihre Verhältnisse geschwitzt hätten – die Energiebranche und der Auslandstourismus seien eben auch für wichtige Arbeitsplätze verantwortlich in den Vorstandsetagen der Frühstücksdirektoren. Auf jeden Fall sei die Regierung zur Verantwortung zu ziehen.

19:52 – Kurz vor den Abendnachrichten lässt sich Außeninnenminister Westerwelle noch einmal für einen TV-Bericht interviewen. Er betont, dass sich die Liberalen aus Vernunft der Temperatursenkung nicht verschlossen haben, gleichwohl es eine klare Teilung geben müsse: die Aktionärselite müsse es schön warm haben, während dem Prekariat die Aufgabe zufalle, ihn nicht zu belästigen. Eine einfache, niedrige und gerechte Temperatur für die Besserverdienenden könne es jedoch dauerhaft nur mit dem Projekt 18 Grad Celsius geben. Wegen eines Wutanfalls beim Stichwort Transferleistungsempfänger wird Westerwelle erst fertig, als die Tagesschau schon komplett über die Bildschirme geflimmert ist.

20:29 – Kurz vor dem Bahnhof Zoologischer Garten bleibt ein Fernzug im Gleisbett stecken. Die Verantwortlichen würden gerne helfend eingreifen, wenn sie wüssten, ob sie dazu technisch in der Lage wären. Nach einer längeren Beratung, während der die Fahrgäste im hermetisch abgeriegelten Zug ausharren müssen, bescheidet man das Ansinnen mit einer abschlägigen Antwort. Die Bahn hat nicht genug Schotter.

23:04 – Die Abendkühle senkt sich hinab auf die Häuserschluchten der Hauptstadt, und kurz vor dem Schlafengehen zieht es Karl-Otto F. (53) doch noch einmal in die stillen Seitenstraßen Moabits, wo er, in Trainingshose, Feinrippunterhemd sowie blaue Badeschlappen gekleidet, noch ein bisschen frische Luft schnappen will, ein launiges Liedchen auf den Lippen, im Herzen eigenwillig, aber doch stets keck und froh, wie die Berliner nun mal sind. Bei der Einlieferung in die Charité wird festgestellt, dass sich die abnorme Stellung der Wirbelsäule und der Luftröhre durch eine mit kurzem, aber heftigem Druck in F.s Oberkörper eingeführte Vuvuzela erklären lässt. So endet ein Tag in Berlin, ein schöner und ereignisreicher Reigen der Stunden, in denen ein paar ganz normale Menschen einfach nur die Sommersonne genießen wollten.