Butterpreisbremse

8 11 2017

„Das können die uns doch nicht antun!“ „Sehen Sie doch.“ „Aber die Partei…“ „Die hat halt immer recht, das ist ja das Problem.“ „In der Opposition auch?“ „Gefühlte Opposition zählt dazu?“ „Keine Ahnung, ist das bei der SPD ein Unterschied?“

„Wenn Scholz den Mindestlohn heraufsetzen will, was bleibt dann noch für Schulz?“ „Der kann vielleicht erklären, dass das nur für hart arbeitende Menschen gilt.“ „Und die Wirtschaft macht da mit?“ „Sie wollen damit andeuten, dass sich die Sozialdemokraten in eine Wirtschaftspartei verwandeln?“ „In eine wirtschaftsfreundliche vielleicht.“ „Das wäre ja noch zu verschmerzen.“ „Warten Sie mal ab, bis Sie die Definition von Wirtschaftsfreudlichkeit merken!“

„Aber an den Kündigungsschutz ist noch keiner gegangen?“ „Reine Vorsichtsmaßnahme.“ „Wozu das denn?“ „Die Linken würden denen sofort wieder ein Koalitionsangebot machen.“ „Ah, verstehe. Deshalb haben sie auch bei der Einschränkung der Leiharbeit nur so lala reagiert.“ „Doch, das sehe ich hier.“ „Scholz?“ „Schulz.“ „Ach so.“ „Außerdem eine Wahlkampfrede.“ „Das ist freilich etwas ganz anderes.“ „Nicht wahr?“ „Aber Equal Pay hatte er doch irgendwo genannt?“ „Wahrscheinlich auch so ein Versehen.“ „Das würde uns das Genick brechen.“ „Ich stelle mir das schon vor, Schulz und Wagenknecht auf dem…“ „Aufhören! Die Bilder kriege ich doch nie wieder aus dem Kopf!“

„Mietpreisbremse?“ „Schlagen Sie mich, aber ich habe da einen Verdacht. Die wurde nur so schlampig gestrickt, damit man sie wieder in der Versenkung verschwinden lassen kann.“ „Also wie die Ausländermaut?“ „Inwieweit die SPD hier ein ausländerfeindliches Interesse hatte, entzieht sich meiner Kenntnis, aber: ja.“ „Das würde dann aber doch für eine gewisse Regierungsfähigkeit der Partei sprechen.“ „Staatsrechtlich oder nur in politischer Hinsicht?“

„Wir müssen das mal systematisch betrachten, vielleicht kommen wir dahinter, was die alles vorhaben.“ „Sie meinen, was die alles vorhaben könnten?“ „Oder so.“ „Butterpreisbremse?“ „Das wäre gar nicht mal so verkehrt, schließlich leiden unter den steigenden Lebensmittelpreisen vor allem die… ach so!?“ „Eben.“ „Wenn jetzt die Butter billiger werden soll, stattdessen aber durch zahlreiche Ausnahmen am Markt und nicht vorhersehbare Gesetzeslücken teurer wird, dann ist das doch für die Wirtschaft ein stabilisierender Faktor, oder?“ „Au weia, denken Sie mal an Brot!“ „Denken Sie mal an den Sprit.“ „Mensch, das merke ich jetzt erst!“ „Strompreise, verstehen Sie?“ „Das hieße , dass der Strom für die Industrie…“ „Also im Gegensatz zur Butter macht sich die Wirtschaft ihre Strompreise immer noch selbst.“

„Das müssen Sie sich aber ansehen.“ „Was denn?“ „Sie wollen gegen die Automatisierung angehen.“ „Eine Art moderner Maschinensturm?“ „Jedenfalls ist das eine Kampfansage gegen die globale… nein, doch nicht.“ „Kein Kampf?“ „Schon, aber sie wollen im Zuge der Exporte natürlich vorerst nur gegen die Automatisierung in Deutschland sein.“ „Das macht dann auch richtig viel Sinn.“ „Eben, und dann wäre auch die Frage nach einem bedingungslosen Grundeinkommen wieder offen.“ „Sie meinen, es wird gezahlt, weil wir gegen den Abbau von Arbeitsplätzen nichts tun können?“ „Ich meine, es wird nicht gezahlt, weil im Zuge der globalen Billigarbeit soziale Standards keine Gültigkeit mehr haben.“ „Doch, aber wenn man in Bangladesch für dreißig Cent am Tag überleben kann, müssen wir das dem DGB schonend beibringen.“ „Immerhin ist dieser Kelch an uns vorübergegangen.“ „Der DGB?“ „Das Grundeinkommen.“

„Gucken Sie noch mal genau in der Post nach.“ „Wir haben nur E-Mails ausgedruckt, die Zentrale wollte das so.“ „Sonst nichts?“ „Nee.“ „Keiner hat eine solidarische Altersrente…“ „Doch, Mütter sollen auch etwas bekommen, theoretisch ist der Seehofer auch dafür.“ „Aber das Solidarische!“ „Arisch, das ist momentan ganz schwer, solange Seehofer und die AfD ihre…“ „Ich will das gar nicht hören!“ „Mann, das ist doch eine verdammte und…“ „Ich bitte Sie!“ „Auf jeden Fall zugenäht, das muss man doch mal sagen: wenn jetzt sogar die Taxifahrer angefressen sind, weil sie wegen ihrer mangelnden Fachkenntnisse aussortiert werden, was bleibt denn dann noch übrig?“ „Meinen Sie das jetzt generell auf die Arbeiterschaft bezogen oder haben Sie doch eher die SPD im Blickwinkel?“

„Hier kommen gerade noch Faxe rein.“ „Neue Parteilinie?“ „Kann ich nicht beurteilen, ich suche noch nach den Einzelteilen.“ „Das liest sich gar nicht gut.“ „Was ist das mit der Mindestrente?“ „Sagen Sie, dass das nicht wahr ist!“ „Die wollen über eine Börsenumsatzsteuer diskutieren!“ „Und hier, höhere Spitzensteuersätze!“ „Vermögenssteuer!“ „Das muss eine Fälschung sein!“ „Nein, sehen Sie den Absender?“ „Was zum…“ „Ich verstehe das nicht, ich verstehe das einfach nicht!“ „Da!“ „Was?“ „Das ist die echte SPD! Halleluja!“ „Was, wo? Was?“ „Hartz IV bleibt! Alles beim Alten!“ „Dann sind die Spenden aus der Wirtschaft gesichert!“ „Was für eine Zitterpartei!“ „Partei, meinen Sie?“ „Ja, egal. Hauptsache, die tun nur so.“

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Wiederaufbau West

31 10 2017

„Nicht der Sturm, das ist doch in ein paar Tagen vorbei, dann zieht die Feuerwehr ab, man kann sich jahrelang mit den Versicherungen herumschlagen, weil die plötzlich merken, dass sie Kunden haben, aber da geht’s doch wenigstens mal voran! Also beim Sturm. Aber in der SPD?

Ja, hier ist auch alles kaputt. Die meisten hatten sich den Klimawandel ganz anders vorgestellt – den gesellschaftlichen, aber das ist dasselbe. Es wird eben nicht leichter, wenn man jederzeit damit rechnen muss, dass da eine Flut über uns schwappt, die alles mit sich reißt. Ein richtiger Kanzler hätte ja Gummistiefel getragen, aber Schulz zieht sich höchstens die Jacke aus. Überhaupt frage ich Sie, was wollen wir denn mit so einem Vorsitzenden anfangen, der einem vorher erzählt, warum man die Wahl auf alle Fälle gewinnt, und der hinterher genau weiß, warum wir sie verloren haben?

Kommunikationspolitik. Die SPD braucht jetzt mehr Kommunikationspolitik, das heißt doch: noch einen Festredner, der Lila vom Himmel verspricht, oder nicht!? Man kann doch nicht immer die anderen dafür verantwortlich machen, wenn man auf die Schnauze fliegt – stellen Sie sich mal vor, das wäre als Grundsatz der Hartz-Gesetze durchgekommen, dann hätten wir heute aber ein Grundeinkommen, dass dem Schröder die Augen tränen! Überhaupt Kommunikation, das kann doch nicht das Ende der Sozialdemokratie sein, dass sie jetzt erst bemerken, dass sie mit ihren Wählern seit zwanzig Jahren nicht mehr geredet haben? Ach so, das Ende war schon. Dann habe ich nichts gesagt.

Die machen da oben so weiter wie bisher, da wird ein konservativer Ausleger aus dem Wirtschaftsflügel durch einen konservativen Ausleger des Wirtschaftsflügels ersetzt – es gibt ja manchmal Überraschungen, zum Beispiel, dass die sich das überhaupt trauen – und dann hat sich auf einmal alles geändert. Hat es sich auch, weil ja von der Weiter-so-Strategie seit dem Wahlabend nie die Rede gewesen war. Dass diese Partei wie kaum eine andere für inhaltliche Konsistenz steht, das wird ja gemeinhin stark unterschätzt, und dann auch noch von den Falschen. Schade eigentlich.

Haben Sie sich eigentlich mal gefragt, warum die SPD gerade flächendeckend in die Knie geht? Die reden über die Veränderung, die das Land so dringend braucht, und werden trotzdem nicht Kanzler? Eben, die reden darüber, aber das wär’s dann auch gewesen. Die versprechen einen tief greifenden Prozess der Erneuerung, aber alles, was sich erneuern wird, greift tief in die… nee, lassen wir das mal.

Wir können doch nicht auf den Wiederaufbau West warten, bis die SPD mal wieder in einer Regierung vertreten sind, und zwar so, dass es den Namen auch verdient? Schauen Sie, das hier sind ja offiziell noch keine richtigen Orkane, das sind ein paar kräftig ausfallende Herbstwinde – der eine knickt ein, den anderen muss man umsägen, weil er es alleine nicht schafft, die Schäden sind alles andere als angenehm, aber zum Glück recht schnell beziffert – aber dann überlegt man sich doch auch mal, woher das alles kommt und was man beim nächsten Mal dagegen tun wird? Das mit den Gummistiefeln hatten wir schon, lassen Sie mich mit dem Kram gefälligst in Ruhe!

Kapitalismuskritik! das haben Sie doch auch gehört? Kapitalismuskritik, da hätte es mir fast die Schuhe ausgezogen! Kapitalismuskritik, das hört sich aus dem Munde eines Sozialdemokraten an, als ob der Metzger die Fleischwurst unter Naturschutz stellen will! Kapitalismuskritik! Haben Sie dem erzählt, dass das Geld nachwächst, wenn man es nur gründlich genug abschafft? Sie hätten es ihm vor zwei Jahren erzählen sollen, mit etwas Glück hätte er es nach einem Jahr verstanden. Erklären Sie dem Mann bloß nicht die soziale Marktwirtschaft, der ist imstande und will sie mit Neuwahlen durchsetzen!

Das ist eben das Problem mit der Gründung einer neuen Existenz – Sie finden ein einigermaßen preiswertes Grundstückchen, das liegt vielleicht am Fluss, vielleicht auch direkt am Wasser, das ist deshalb so preiswert, weil es diverse Nachteile hat, die verkauft man Ihnen aber gleich als Vorteile, mit Ausnahme der Versicherung, die müssen Sie abschließen, die Prämien sind hoch, und dann wird Ihnen irgendwann klar: im Vertrag steht drin, dass die nie auch nur einen Cent werden zahlen müssen, weil sie sich dagegen abgeschottet haben. Und dann warten Sie, ob als erstes der Fluss über die Ufer tritt oder der Sturm kommt. Erdrutsch geht auch, aber das interessiert wieder die Versicherung nicht. Die wollen nur wissen, ob die Ihnen wegen eines nicht verschuldeten Schadens die Beiträge verdoppeln können. Und dann sitzen Sie da und denken sich: was hätte man anders machen können? Hätten wir vielleicht der Versicherung gegenüber klarer kommunizieren können, dass wir den Vertrag nicht aus Spaß geschlossen haben? oder dass wir uns auf das geltende Recht beziehen?

So, und jetzt machen Sie hier bitte man in den Ecken sauber. Der Fraktionsvorsitzende hat sich neulich schon beschwert, man kann hier ja gar nicht die Hosen herunterlassen. Arbeiterpartei hin oder her – solange wir hier Ihr Gehalt zahlen, kann man vom Fußboden essen, war das klar?“





Eintopfsonntag

5 10 2017

„Weswegen ich mein Parteibuch zurückgebe? weil die Genossen seit zehn Jahren wissen, dass sie an der Scheiße schuld sind und sich genau diese Scheiße auch noch bunt reden. Da mache ich nicht mehr mit. Punkt!

Erinnern Sie sich noch an diesen Hinterbänkler, wie hieß denn der noch? Gabriel, sonst nie in Erscheinung getreten, aber da konnte er das Mantra der Partei runtersingen. Es gibt kein Freibier, man muss schon arbeiten oder in der Partei sein, dann gibt’s was umsonst, also nicht als Arbeiter, aber wenn man keinen Job hat: hinten anstellen. Da hat sich der Mann schlagartig so beliebt gemacht, ich glaube, aus dem ist doch noch irgendwas geworden, aber genau weiß ich es jetzt nicht. Die laden mich ja seit längerer Zeit nicht mehr ein, der Ortsverein soll links geworden sein, aber ich glaube es nicht.

Das war übrigens derselbe Gabriel, der dann im Wahlkampf plötzlich entdeckt hat, dass Schäuble mit seinem Sparzwang gar nicht an den kaputten Schulen schuld sein konnte, weil die gar nicht aus Bundesmitteln finanziert werden. Hätte man im Wahlkampf ungestraft sagten können, aber da war er ehrlich – dass die Bankenrettung nicht aus den Geldern der Arbeitslosenversicherung gespeist wird, hat er keinem verraten. Oder die Bankenrettung wird tatsächlich aus den Geldern der Arbeitslosenversicherung gespeist. Damit hätte er die besten Einschaltquoten aller Zeiten gekriegt, zumindest für die SPD.

Wir haben da eine Bundeszentrale für politische Bildung, die Adresse sollte man gelegentlich dem Maas mal schicken, aber der Rest der Partei scheint ganz froh, wenn sich keiner mehr dafür interessiert. Es gibt Bund, Länder und Gemeinden – damit wären Sie bei Jauch schon mal ganz weit vorne, wenn Sie den Unterschied erkennen würden – und die haben ihre jeweiligen Rechtskompetenzen in der Finanzierung. Die einen machen Bankenrettung, die anderen retten Flüchtlinge, wenn die EU sie nicht gerade auf Kosten des gemeinsamen Budgets im Mittelmeer hat absaufen lassen, und für die Arbeitslosen ist das von den Mitteln übrig, was die Bundesagentur nicht versehentlich für die eigenen Angestellten zur Jobrettung abzwackt. Das hätte man ganz klar kommunizieren können, aber das war der SPD vermutlich viel zu kompliziert, weil der Kern der Sache zu einfach zu begreifen war. Wie wollen Sie Politik machen, am Ende noch Bundespolitik und dann auch noch im Wahlkampf, wenn die Problematik ein normaler Mensch ohne geistige Einschränkung sofort verstehen kann?

Sie haben diesen ganzen Scheiß immerzu in einem Topf geschmissen, es war bei der SPD wie bei den anderen permanent Eintopfsonntag. Und jetzt erklären Sie mir mal, wie man in einem Ortsverein mit mehrheitlich bewegungsunfähigen Altsozen überhaupt Realpolitik machen soll, wenn die Belegschaft aus Sympathie mit der Konkurrenz schon anfängt, jede Meinung als Lügenpresse zu bezeichnen?

Dieses Wir-Gefühl, Nahles’ hochgerülpste Currywurst und Steinbrücks Fahrradkette, das war der springende Punkt. Wir haben das geschafft, weil der Wähler den Unterschied zwischen Volks- und Betriebswirtschaft nicht kennt, und die Propaganda hat das ausgenutzt. Wir werden nicht mehr gewählt, weil man den Unterschied immer noch nicht in die Menge getragen hat. Wir haben jetzt kein Geld mehr für Kinder von Erwerbslosen, der Flüchtling lebt ja so komfortabel in der Sammelunterkunft und frisst uns die Butter vom Brot. Merken Sie was?

Mir geht’s ja gut, aber wenn ich sehe, dass mir der Ortsverein den sozialen Abstieg einredet, der in dieser globalisierten Arbeitswelt so gut wie jeden treffen könnte, dann müssen wir gar nicht lange verhandeln. An der Lage ist die SPD selbst schuld, und wer war noch mal die Partei, die andere für das Elend der eigenen Wählerschaft verantwortlich macht? Wenn man den Leuten jetzt schon erzählt, unsere Kinder werden nach über fünfundvierzig Berufsjahren auch eine Armutsrente bekommen, weil es uns so gut geht wie nie zuvor nach dem Ende des letzten offiziellen Krieges mit deutscher Beteiligung, dann dürfen Sie sich nicht wundern, wenn sie die wählen, die das erfunden haben.

Es gab mal den Glauben, dass man sich mit Leistung emporarbeiten konnte. Das sagen heute nur noch diese unrasierten Versager von der FDP, und die müssen sich dabei das Lachen verkneifen. Warum sollte man das den eigenen Leuten glauben, wenn sie seit zwanzig Jahren gegen die eigenen Wähler schießen? Wir haben die Mittel in der Hand und die politische Macht, das abzustellen, wenn wir nicht weiter wie bisher gegen die Mittelschicht arbeiten und alles, was darunter ist. Warum sollten wir das glauben, warum sollten wir das tun? Und wenn wir schon kapiert haben, dass wir seit ein paar Jahren gründlich angeschissen werden von einer Herde Bürokraten, denen es nur um die eigene Versorgung geht, warum wählen wir nicht gleich die, denen die Lüge ins Gesicht geschrieben steht? Weil wir dann mit unlauteren Mitteln gegen die antreten müssten, die mit unlauteren Mitteln gegen uns gekämpft haben, als wir sie noch mit unseren Mitgliedsbeiträgen durchgefüttert haben?

Weswegen ich mein Parteibuch zurückgebe? Die ganz Rechten rücken schon weiter nach rechts, die anderen werden früher oder später nachrücken. Vielleicht ist dann ja irgendwann wieder Platz für eine vernünftige sozialdemokratische Partei. Mal sehen, wie wir die dann nennen.“





Zukunftskandidaten

26 09 2017

„… neue Aufgabe und ein neues Selbstverständnis gewinnen wolle. Der Schulzzug sei auch nach der Wahl ein bedeutendes Element des…“

„… sich in der Opposition erneuern müsse. Die Sozialdemokratie sei als politisches Modell nicht obsolet, nur weil es als Idee der Union viel besser von Merkel vertreten werde, die Sozialdemokratie sei jetzt nur eine…“

„… auf Kräfte zurückgreifen könne, die sich seit langen Jahren um die SPD verdient gemacht hätten. Eine Verjüngung könne mit Scholz, Oppermann und Nahles erhebliche…“

„… das Profil der Sozialdemokraten schärfen wolle. Zuvor müsse allerdings ein Arbeitskreis ein Profil, falls es überhaupt in der Partei…“

„… relevante Stärken der SPD auch ganz klar herausarbeiten wolle. So sei die Agenda 2010, die der CDU zu ihren stabilen Mehrheiten in Bund und Ländern verholfen habe, nie ohne eine SPD-geführte…“

„… möglicherweise vorher nicht realisiert habe, dass sie an der Regierung beteiligt gewesen sei, im Augenblick setze sich die Partei aber sehr intensiv auseinander mit dem Gedanken, dass sie in der Opposition als eine…“

„… mehr Gewicht geben wolle. Zwar habe neben Nahles keine Quotenfrau sich für nötige Führungsaufgaben gemeldet, man sei aber aus der Debatte im Wahlkampf sensibilisiert, dass man unbeliebte Führungsaufgaben in der Imagepflege vor allem durch Vervielfachen des Gehalts im…“

„… nach der absoluten Mehrheit im Jahr 2021 die Hartz-Gesetze nicht weiter verschärfen wolle, zumindest nicht gegenüber der in der aktuellen Regierung von Grünen und…“

„… noch nicht geklärt worden sei, ob eine Legislatur ausreiche, um ein persönliches Profil für Schulz ausreiche oder eine Profilierung der ganzen Partei notwendig sei. Roland Berger habe in einem Gutachten für die weitere Entwicklung des politischen Arbeitsmarktes die…“

„… als großes Vorbild gefeiert habe. Die Partei wolle Steinmeier, eben weil er als Bundespräsident nicht in die parteipolitischen Debatten eingreife, auch in der Öffentlichkeitsarbeit sehr stark in den Fokus rücken, da dies die Haltung der SPD zu jeder im Volk verwurzelten Haltung zu Politik und…“

„… den Fraktionsvorsitz basisdemokratisch in einer Urwahl ermitteln wolle. Damit sei ein enorm bedeutsames Moment der Erneuerung im…“

„… angemahnt habe, eine sozialdemokratische Politik zu betreiben, die den Namen auch verdiene. Es sei Verantwortung der SPD, jetzt eine Vision für eine Epoche zu finden, zu der andere Kräfte, die mit der Regierung strategisch und intellektuell noch überfordert seien, nicht fähig seien. Lindner wäre keinesfalls als…“

„… Maas inzwischen bemerkt habe, dass er nicht mehr Bundesminister sei. Damit sei die Riege der Zukunftskandidaten für eine absolute Mehrheit im Bundestag jetzt…“

„… zeitnah durchgeführt werden könne. Dennoch wolle die Partei vorab sicherheitshalber erklären, dass sie sich an das Ergebnis der Urwahl nicht…“

„… Frauen an die Macht zu lassen, um die Trümmer der bisherigen politischen Arbeit zu beseitigen. Mit dieser Strategie sei die Sozialdemokratie auch 1918 und 1945 schon…“

„… erst noch geklärt werden müsse, ob es einen formalen Koalitionsauftrag der Wähler gegeben habe. Schröder wolle durch seinen Rechtsanwalt prüfen lassen, ob es eine…“

„… Dreyer und Hendricks darüber einig seien, dass Schwesig nicht geeignet sei, den Vorsitz alleine im…“

„… die Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes I um bis zu drei Monate zu verlängern. Als Ausgleich wolle Nahles eine höhere Sanktionsquote in den…“

„… sich nicht die Kopfhaut habe färben lassen. Schulz werde mit allen rechtlichen Mitteln die…“

„… ein Antikorruptionsregister schaffen werde, wie es die jetzige Regierung nie zulassen könne. Ausnahmen lasse die SPD nur in den parteinahen und sonstigen wirtschaftlich oder durch Spenden verbundenen…“

„… mehr sichere Jobs in Deutschland schaffen werde, da durch eine weitere Verschärfung der Sanktionen niemand leichtfertig die Kündigung seines…“

„… den größten Niedriglohnsektor der EU mit dem neuen Mindestlohn von bis zu zehn Euro zu einem sozial verträglichen und vor allem betriebswirtschaftlich erfolgreichen…“

„… nahtlos an die Wahrung der Bürgerrechte in Deutschland anknüpfen werde. Auch in einer neuen linke Mehrheit ohne die Linke werde Maas eine glaubwürdig auf die…“

„… müsse der durchschnittliche Arbeitnehmer vielleicht vorübergehend eine schlechter qualifizierte Arbeit, nicht jedoch linear sinkende Entlohnung hinnehmen. Die SPD wolle während ihrer Opposition mit gutem Vorbild in diesem…“





Der Trümmerfrau

31 05 2017

„Das könnten wir möglicherweise noch in dieser Legislaturperiode schaffen, haben Sie gerade mal die Daten da? Ja, das schaffen wir nicht mehr, wie versprochen. Das ist aber nicht unsere Schuld, das liegt an der Bundesregierung.

Nein, wir sind nicht die Bundesregierung. Die SPD ist nur daran beteiligt. Das ist wie Beihilfe, nur straffrei. Wenn wir jetzt beispielsweise die Ehe für alle verschleppen, dann ist das eindeutig ein Versagen der Bundesregierung, an der natürlich die Bundesfamilienministerin, ich meine, die ist zwar inhaltlich unbeteiligt, aber der Justizminister, also wie war die Frage noch? Warum sich die Union in der Frage, obwohl seit so vielen Jahren schon eine dringende Notwendigkeit besteht, und das haben Sie auch schon gemerkt? Da müssen Sie sich nur mal das Handeln unserer Kabinettskollegen vor Augen führen, die ziehen wenigstens an einem Strang. Wo hat man das denn heute noch, selbst in der Bundesregierung?

Aber in der nächsten Regierung wird das dann alles besser, da macht Martin Schulz ja alles alleine. Klar macht der das alles, haben Sie schon mal gesehen, was das momentan für ein Vollzugsdefizit auf ministerieller Ebene gibt? Seien Sie ehrlich, bis auf das Wirtschaftsministerium hat sich doch keiner im Dieselskandal bewegt, oder habe ich da etwas übersehen? Die haben sich bewegt. Seitwärts. Ganz langsam. Und dann waren die standhaft, wie nur ein sozialdemokratischer Minister standhaft sein kann, ich sage Ihnen – da hätten Sie auf einen Kniefall aber lange warten können. Ein Sozialdemokrat macht das nicht. Schon gar nicht, wenn er hinterher fast hätte Kanzlerkandidat hätte werden können wollen dürfen müssen.

Wir werden uns dann ja auch ganz entschieden gegen die rechtspopulistischen Tendenzen in dieser demokratischen Kultur abgrenzen, das ist nämlich vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklung und der Tendenzen der Situation, in der wir uns befinden, eine absolut notwendige Erforderlichkeit, derer wir uns nicht verschließen, weil wir die Sorgen der Bürgerinnen und Bürger, die schließlich auch vorhanden sind – die Sorgen, also die Bürger auch, aber hier geht es vorrangig um die Sorgen, nicht nur im Wahlkampf, da auch, aber man kann nicht das eine vom anderen trennen, doch, kann man wohl, da haben Sie recht, aber das machen dann die Rechtspopulisten, und das werden wir mit der entschiedensten Entschiedenheit bekämpfen, die wir dem Pack, jawohl: Pack, das ist der richtige Ausdruck dafür, und das werden wir auch so in Zukunft umsetzen. Man muss auch Mut zu den unangenehmen Wahrheiten haben, das darf man in der SPD sagen. Den Sarrazin haben wir bis heute ja auch nicht einfach rausgeschmissen, weil wir nämlich eine Volkspartei sind, verstehen Sie?

Das macht aber der Martin Schulz als Kanzler alles viel besser. Der wird das als der, wie sagt man: Trümmerfrau, der äääh… Trümmerfrau der SPD wird er das wieder hinkriegen, vor allem mit den Schulen, da werden wir jetzt die Bildungssituation in der ganzen Bundesrepublik… –

Wir müssen nur noch gucken, dass wir das mit der Solidarrente, das ist ja auch ein Kernthema der Sozialdemokraten, die inzwischen nämlich in der Union sitzen, und daher haben wir in dieser Bundesregierung erfolgreich sozialdemokratische Themen bis ganz nach oben gebracht, teilweise bis ganz knapp vor die Entscheidung, dann haben wir in der nächsten Legislaturperiode ganz bestimmt eine Gelegenheit, die Altersarmut mit neuen Ideen gegen die Verwerfungen auf dem Arbeitsmarkt, die wir ja gerne mit bekämpft hätten, aber wenn man schon mal einen Vizekanzler hat, der gleichzeitig Wirtschaftsminister ist, muss man natürlich auch an andere Bestandteile des deutschen Volkes denken. So funktioniert halt Demokratie, und wir werden ja nicht nur von der sozialen Hängematte gewählt.

Deshalb ist es ja so wichtig, dass wir die Integrität des Sozialstaats mit den Hartz-Gesetzen jetzt reformieren, wir sind ja seit über zehn Jahren nicht mehr dazu gekommen. Das waren damals die Grünen, die hatten eine Koalition mit so einem Typen, ich weiß gar nicht mehr, wie der hieß, aber das konnten wir seitdem nicht mehr korrigieren, und dann war auch noch die FDP an der Macht, zum Glück hat die nichts getan, aber glauben Sie, die hätten Solidarität gefordert? Gerechtigkeit? Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern. Mindestlohn? Oder eine Mietpreisbremse? Da war die Union auch dagegen, weil die nichts gebracht hat, aber das ist doch schon mal besser als die Autobahnmaut. Die bringt nichts, kostet aber den Steuerzahler bares Geld. Da sind wir doch sehr viel sozialer.

Das mit den Schulklos würden wir gerne in den Bundestagswahlkampf einbringen, aber Martin Schulz war dagegen. Immerhin ist das Landessache, dann müssen Sie sehen, dass wir bis vor Kurzem noch die Mehrheit der Länder mitregiert haben, und in den Kommunen sind wir auch sehr stark mit den Bürgermeistern vertreten und den Landräten, und deshalb macht Martin Schulz das viel klüger als die Unionskandidaten und will sich komplett raushalten aus der Sache. Jedenfalls bis zur Bundestagswahl. Vielleicht kriegen wir das ja hinterher irgendwie noch hin, ich habe da keine Ahnung. Man könnte natürlich das mit der Rückkehr aus der Teilzeit noch jetzt auf den Weg bringen, aber wenn ich mir die Union so ansehe, ich würde sagen: nein.

So eine Vereinfachung des Steuersystems, das hat auch noch keiner vorgeschlagen, oder?“





Bla Bla Land

23 03 2017

„Super, das ist ja richtig supidupi, hundert Prozent sind ja voll total oberkrass! Dufte! Ich bin so was von absolut total begeistert, Martin! Damit werden wir übers Wasser gehen!

Er macht gerade Siegerpose? Dann ist ja gut. Sie haben Ihren Stift im Anschlag? Notieren Sie mal: soziale Gerechtigkeit. Wie man’s spricht. Bei der SPD wird das schwierig, die sprechen nur über Gerechtigkeit, wobei da meist Selbstgerechtigkeit gemeint ist. Soziales eher selten. Prägen Sie sich den Begriff gut ein, Sie werden größere Probleme haben, bis Schulz kapiert, was gemeint ist. Er ist halt in der SPD, da findet dieser Diskurs nur noch statt, wenn man einem die Karriere versauen will.

Wenn die SPD soziale Gerechtigkeit fordert, ist das ungefähr so, als würde der Papst dazu aufrufen, allen Kardinälen aufs Maul zu geben, die sich gegen die Gleichbehandlung von Atheismus im Religionsunterricht an katholischen Internaten aussprechen. Theoretisch finden sie die Idee nicht schlecht und würden auch nicht die Inquisition von der Leine lassen, aber praktisch freuen sie sich, wenn Ihnen jemand dafür Brandsätze durch die Schlafzimmerfenster schmeißt. Das geht sehr tief in den Markenkern hinein.

Martin, Du bist der Größte – wissen wir doch! Aber jetzt entspann Dich mal. Du musst doch jetzt die Bundestagswahl gewinnen, da brauchen wir jedes einzelne Etappenziel mit hundert Prozent, und zwar Minimum. Das schaffst Du!

Sie wissen ja, die SPD ist eine alte Partei. Die verlässt sich auf ihre alzheimernde Wählerschaft. Und aus lauter Identifikation mit denen alzheimert sie ihre sozialen Wurzeln weg. Ganz abgesehen davon hat sie natürlich bis heute nicht gemerkt, dass sie von den letzten neunzehn Jahren fünfzehn an der Regierung war. Sie wollen noch mehr Bundesverantwortung, merken aber nicht, dass sie damit die Verfassung aushebeln müssten. Was man als Regierung halt tut, wenn man seinen Job nicht kapiert hat. Wobei, notieren Sie sich das: Schulz genießt Welpenschutz. Etatmäßigen Schwachsinn zum Grundgesetz hat bis jetzt Gabriel abgesondert, von Schulz kam nur die Erkenntnis, dass eine Tüte Streusalz mehr von Europarecht versteht als er.

Ja, richtig so! Wir müssen unbedingt die hart arbeitenden Menschen, also die müssen wir in den Mittelpunkt unserer Überlegungen stellen!

Klar dürfen Sie ihn als bemerkenswert dummes Arschloch bezeichnen. Jeder von uns macht das, seitdem er aus Brüssel gekommen ist. Die meisten empfinden die Wortwahl inzwischen aber als nicht mehr angemessen. Ihre Meinung hat sich erheblich verschlechtert. Sie können Hartz IV korrigieren, das ist eine gute Idee. Sie sollten nur den Arbeitslosen nicht unbedingt sagen, dass die verfassungswidrige Streichung des Existenzminimums bis zur staatlich verordneten Obdachlosigkeit medial aufgebauscht wird, um von den hart arbeitenden Menschen in Deutschland abzulenken. Sie können das sagen, aber dann sind Sie halt ein asoziales Stück Dreck. Schulz sagt das. Seine Entscheidung.

Nein Martin, jetzt komm mal wieder runter. Wir können nicht immer über Wachstum durch mehr soziale Gerechtigkeit reden oder über die soziale Gerechtigkeit, die aus mehr Wachstum entsteht. Die beiden Sachen haben nichts miteinander zu tun, und diesen Wachstumsfetisch kannst Du Dir gepflegt in die… – Wie auch immer. Wir haben da ein paar Skripte gemacht, die solltest Du bis zur Wahl mal ganz genau lesen. Es hat was mit Politik zu tun. Wenn Du keine Ahnung hast, frag einfach. Wir erklären es Dir schon.

Tanzen Sie ihm gegebenenfalls die föderale Struktur der Bundesrepublik vor und erklären Sie ihm, dass die SPD auch auf Landesebene existiert. Er kapiert es sonst nicht. Ja, das hatten wir uns auch gedacht, aber damit ist es nicht getan. Man braucht halt eine gewisse Zuverlässigkeit, dass er nicht aus der Rolle fällt. Wir haben eher die Gewissheit, dass er es tut. Mehr Bildung mit dem Wunderkanzler, das ist das Happy End im Bla Bla Land. Hauen Sie ihn ein paar Mal mit den Gesichtsresten gegen die Tischkante, dann kriegt er schon mit, dass Bildung immer noch Ländersache ist. Aber beschädigen Sie ihn nicht zu sehr. Er sollte irgendwann schon noch zur Kenntnis nehmen, dass die SPD in dreizehn Landesparlamenten am Ruder ist und Jahrzehnte Zeit hatte, Deutschland zur Bildungsrepublik zu machen. Aber wer weiß, vielleicht hängt ja auch demnächst ein Bild von ihm in jedem deutschen Klassenzimmer, und jede Lehrkraft sagt: wenn Ihr weiterhin faul und aufsässig seid und in Eurem Leben nichts gebacken kriegt, dann endet Ihr wie dieser Klassenclown.

Haben Sie das alles? Sehr gut. Hauptsache, Sie machen ihm keine Hoffnungen. Wir sollten alle nicht so tun, als hätte dieser Mann, der ohnehin als Kanzler so gut geeignet ist wie eine Planierraupe für eine Ballettaufführung, auch nur den Hauch einer Chance auf den Einzug ins Kanzleramt. Damit wir uns nicht falsch verstehen: wir wollen schon gestalten. Und wir wollen auch deutliche Akzente setzen mit einer richtigen Politik. Dazu würden wir natürlich noch erheblich mehr fordern. Aber damit warten wir am besten, bis wir wieder in der Opposition sind.“





Der Messias

14 02 2017

06:00 – Aus dem Innenhof erklingt weihevoll Ludwig van Beethovens Ode an die Freude, intoniert von den Berliner Philharmonikern sowie dem Wiener Singverein unter der Leitung von Sir Simon Rattle. Der designierte SPD-Vorsitzende hebt die Gardine mit der Linken beiseite, während er mit der anderen Hand dem Ensemble huldvoll winkt. Martin Schulz ist wach und kann nun sein Tagwerk beginnen.

06:05 – Die ersten Berichterstatter sind auf der Straße zu sehen. Abhängig von der Krawattenfarbe des ehemaligen Parlamentspräsidenten sollen bis spätestens halb elf die internationalen Börsenkurse feststehen. Da keine Informationen nach außen dringen, einigt sich der Aktienmarkt auf einen sehr stabilen Tag, der vor allem die deutsche Wirtschaft sehr positiv für die SPD einnimmt.

06:21 – Schulz bricht das Brot, dankt und gießt sich noch einen zweiten Kaffee ein. Nebenbei kürzt er seine Nasenhaare, liest sieben Tageszeitungen parallel und hört einen Radiokommentar zur weltpolitischen Lage. „Wer weise ist“, spricht er zu seinem Weib, „der hört zu und bessert sich; wer verständig ist, der lässt sich raten.“ Das auf dem gegenüberliegenden Balkon installierte Richtmikrofon der Christdemokraten fängt die Worte des großen Vorsitzenden auf und befördert sie sogleich in die Wahlkampfzentrale, wo ein Team aus erstrangigen Krypto-, Sozio- und Politologen sie mit Quantencomputern analysiert.

06:54 – Schulz verlässt das Haus. Er winkt ein Taxi heran, dessen Fahrer vor zwanzig Jahren aus dem Irak nach Deutschland eingewandert war, um dereinst den Kanzlerkandidaten ins Büro zu fahren. Vor lauter Rührung bekennt der Chauffeur seine Sünden, konvertiert spontan zum Protestantismus und kauft auf Schulz’ Geheiß in einem kleinen Tabakladen auf dem Weg ein Rubbellos. Mit dem Gewinn von 50.000 Euro unterstützt er den Bau von Brunnen und Mädchenschulen, die wegen der Einstufung Afghanistans als sicheres Herkunftsland jetzt vermehrt von den Taliban bombardiert werden.

07:22 – Der Ortstermin auf Schloss Bellevue, das Schulz für den kommenden Bundespräsidenten Steinmeier sozialdemokratisch einsegnen soll, muss verschoben werden: die Lutherbrücke ist wegen eines Fahrbahnschadens beidseitig gesperrt. Der kommende Kanzler zahlt den Taxilenker an der Anne-Frank-Schule aus, schreitet ans Ufer und geht über die Spree.

07:49 – Der Hausmeister des Präsidentenschlosses öffnet die Pforten. Schulz erkennt sofort, dass dies ein Mann ist, der hart arbeitet. Er verspricht ihm, dass sich in seinem Leben nichts ändern wird. Der ehemalige Handwerker schleicht weinend in den Geräteschuppen, um sich an seinen Hosenträgern zu erhängen.

08:10 – Rasch hat Schulz ein paar SPD-Broschüren ausgelegt, den Mindestlohn beschworen und mehr Gerechtigkeit gefordert. Durch Handauflegen erweckt er eine vertrocknete Topfpflanze wieder zum Leben. Aus dem Hintergrund ist leise ein zehntausendstimmiger Engelschor zu hören.

08:55 – Kurz vor dem Kanzleramt erblickt Schulz unter einer Brücke einen Hohlraum, in welchem lagen viele Kranke, Blinde, Lahme, Verdorrte, die warteten, wann sich das Wasser bewegte. Der neue Prophet der Mitte aber packt einen am Kragen. „Steh auf und wandle“, raunzt er ihn an, „und such Dir einen Job, in dem Du hart arbeiten kannst, weil wir sonst kein Geld haben für einen Wehretat, der den Aktionären hilft, ihr Geld hart für sich arbeiten zu lassen!“ Zehn bis zwölf Jünger winden sich in Ekstase auf dem Kiesweg und verkünden neue Spitzenwerte für die SPD.

09:12 – Die Rentnergruppe aus Würselen will sich unbedingt von Schulz segnen lassen. In Streit um den Platz in der ersten Reihe beginnen erst verbale Auseinandersetzungen, bis Handgreiflichkeiten einsetzen. Der Heilsbringer aus Brüssel betrachtet die Situation aufmerksam.

09:26 – Erste Senioren sind zu Boden gegangen, es wird langsam kritisch. Schulz erläutert der Menge, dass es auf jede gesellschaftliche Gruppe ankommt, die für die gerechte Verteilung der Mittel ihre Stimme erhebt und gegen die Ungerechtigkeit der bisherigen Regierung vorgeht. Ein seit zehn Jahren erwerbsloser Zwangsrentner wirft einen Schuh, der den Retter des Sozialismus nur um Haaresbreite verfehlt. Von oben ertönt die Stimme Helmut Schmidts, der verkündet, dies sei sein lieber Sohn, an dem er Wohlgefallen habe.

09:57 – Schulz setzt seinen Weg mit der U-Bahn fort. Beim Betreten des Bahnsteigs wird er von einem Nichtsesshaften gefragt, ob er mal eine Mark habe. Der designierte Friedensnobelpreisträger macht den Bürger ohne Mandat darauf aufmerksam, dass es inzwischen eine friedensstiftende Währung für hart arbeitenden Europäerinnen und Europäer gibt, die auch weiterhin den Frieden sichere und die Aussicht, dafür hart zu arbeiten.

10:23 – Kaum am Ziel angekommen, da schart sich um den Visionär aus dem Rheinland schon die Menge der Gläubigen. Schulz habe verwahrloste Schulen angeprangert, nun sei er in der Pflicht, den Zustand zu ändern. Per Geistheilung materialisiert der Rasputin des Sozialstaats Landesmittel, die eine Sanierung des Leni-Riefenstahl-Gymnasiums in Bad Senkelteich ermöglichen. Verzückte Schüler streuen Palmwedel auf seinen Weg.

11:04 – Die letzten Wahlumfragen bestätigen, dass die Union keine Chance mehr hat, als Juniorpartner in einer erneuten Koalition mit der Schulz-SPD die Bundesregierung zu stellen. Der Kandidat bleibt jedoch vorerst bescheiden. In einem telefonischen Interview mit der New York Times gibt er zu verstehen, dass er vorerst nur die Führung über die freie Welt anstrebt.

11:33 – Das Büro meldet eine weitere Einladung zu einer Talkshow an. Schulz darf einen Teil der Fragen selbst formulieren. Um die hart arbeitende Mitte zu erreichen, dreht sich das Gespräch nun um Fußball, Alkohol, Verwaltungsrecht und die hart arbeitende Mitte.

11:35 – Gerade noch rechtzeitig ist Schulz im Willy-Brandt-Haus eingetroffen. Ein Maskenbildner, eine Stylistin, ein Psychologe und ein Therapeut machen den Überflieger der neuen Hoffnung in Deutschland fit für eine Aufzeichnung, die in den nationalen Boulevardmagazinen gezeigt werden soll: Martin Schmidt sitzt in der Mitte und arbeitet hart. Die Herausforderung ist immens, ja übermenschlich, doch das Team leistet einen Schwur, hart daran zu arbeiten.

11:36 – Drei Sekunden Videomaterial halten für die Nachwelt fest: Martin Schmidt arbeitet hart, für wen auch immer.

11:37 – Eine empörte Besucherin der Parteizentrale will den Kanzlerkandidaten sprechen, der ihr trotz des Aufstiegsversprechens, eines mit Auszeichnung absolvierten Studiums, einer Promotion summa cum laude, mehrerer Fortbildungen und eines Bildungsgutscheins zur Förderung mangelhaft qualifizierter Arbeitskräfte, die älter als dreißig sind und ihre Erwerbsbiografie durch Schwangerschaft sowie den mutmaßlich vorsätzlichen Unfalltod des Ehegatten sozialschädlich beeinflusst haben, wegen einer nicht zugestellten Vorladung des Jobcenters die vollständige Kürzung der Kosten der Unterkunft sowie der Regelsätze für die Bedarfsgemeinschaft streichen will. „Der Herr aber sprach zu dem Satan“, deklamiert Schulz, „wo kommst du her? der Satan antwortete dem Herrn und sprach: ich habe das Land umher durchzogen.“ Sofort ist die Bürgerin exorziert; sie schmeißt ihm ihr Parteibuch vor die Füße und verschwindet.

12:02 – Bei einem Arbeitsfrühstück im Borchardt, zu dem Milchkalbentrecôte an Auberginenkaviar gereicht wird, serviert die Fachkraft körperwarmen Riesling. Der Messias von Mitte verwandelt den Inhalt der Karaffe durch andächtiges Handauflegen wieder in Wasser.

12:19 – Zwischen Salat und Ananaskaltschale staucht Schulz die israelische Staatsführung am Telefon derart zusammen, dass Premier Netanjahu verspricht, bis Sonnenuntergang die Gründung eines autonomen Palästinenserstaates von der UNO zu erbitten.

12:21 – Steve Bannon meldet sich via Twitter. Er weiß nicht, wie er nach diesen außenpolitischen Schlägen mit Trump verfahren soll. „Setze Gottlose über ihn“, gibt Schulz zurück, „und der Satan müsse stehen zu seiner Rechten.“

13:07 – Der wartenden Menge vor dem Restaurant verkündet Schulz, man hätte den Mindestlohn mit der Einführung der Agenda 2010 verbinden sollen. Die Segensrufe der offensichtlich hart arbeitenden Mitte nehmen kein Ende, da sie nicht hart arbeiten und daher viel Zeit für öffentliche Kundgebungen haben. Außerdem sind sie Angestellte des SPD-Landesverbandes.

13:28 – Im improvisierten Interview mit dem Feministischen Radiokollektiv Berlin fordert der Heiland der irgendwie Roten, unsere Frauen in Ruhe zu lassen. Auf die Nachfrage, in welchem Besitzverhältnis sich welche Frauen befänden, gibt Schulz zu wissen, weder Nationalität noch Glaube, geschweige denn Religion oder das Bestehen eines harten Arbeitsverhältnisses sei für ausschlaggebend, es gehe ihm nur um unsere Frauen. Die zufällig anwesende Justiziarin der SPD stellt klar, dass Vergewaltigungsdelikte durch Asylanten nicht viel häufiger begangen würden. Der Kandidat wird in der Zwischenzeit schon von seinen Frauen mit Blumen beworfen.

13:59 – Die hart arbeitende Mitte hat in einer Mitteilung mitgeteilt, dass sie die Bankenrettung nicht toleriert und Steuerflucht ins Ausland für eine juristisch unbedingt zu erfolgende Straftat erachtet. Der Befreier der hart arbeitenden Mitte nimmt die Botschaft zur Kenntnis. Mehr kann man von ihm nicht erwarten, er muss ja den ganzen Tag lang hart für die Mitte arbeiten, damit ihn die hart arbeitende Mitte auch als hart für die Mitte Arbeitenden Arbeiter wahrnimmt, der hart für die Mitte arbeitet.

14:04 – Um die transatlantische Wertegemeinschaft zu stützen, verkündet der hart für die Mitte arbeitende Kandidat die sofort nach der Wahl zu erarbeitende Gesetzesvorlage, nach der die Gleichheit von Mann und Frau auch gesetzlich als Gesetz gesetzlich Gesetzeskraft haben soll. Alle Zuwiderhandlungen werde Schulz mit mehr Zeit für noch mehr Gerechtigkeit bekämpfe, wenn nicht begegnen.

14:05 – Nach Auskunft identitärer Kreise hat sich Höcke eine Kugel durch den Kopf gejagt, nachdem er den Hoffnungsträger Schulz als das Licht der sozialistisch-nationalen Erneuerung bezeichnet hat.

14:34 – Die Kaffeerunde im SPD-Hauptquartier ist so fidel wie selten. Schulz und Oppermann, Gabriel und Steinmeier liegen sich in prustendem Gelächter in den Armen. Das Volk redet wieder einmal Scheiße. Zum Glück braucht vorerst keiner auf das Geseier zu hören. Gut, dass außer dem künftigen Bundespräsidenten keiner politisch für die Agenda verantwortlich gemacht werden kann.

15:19 – Der Besuch beim Reiterverein Wublitz geht gründlich in die Hose. Erneut versucht der Erlöser, über die Wogen zu schreiten, doch der aufgestaute Seitenarm der Havel teilt sich, als Schulz die Wasser betritt. Nie war es ihm peinlicher, noch nicht Parteichef zu sein anstelle des Parteichefs.

15:56 – Auf der Wahlpressekonferenz gibt Schulz zu Protokoll, dass sicher viele Wählerinnen geneigt seien, nicht mehr SPD zu wählen. „Von den Jungfrauen aber habe ich kein Gebot des Herrn“, erklärt der Sozialistenführer, „ich sage aber meine Meinung, als der ich Barmherzigkeit erlangt habe von dem Herrn, treu zu sein.“ Die Kampagne wird sich demnach eher auf die hart arbeitende Mitte konzentrieren.

16:02 – Das Statistikteam hat ein deutliches Loch in der hart arbeitenden Mitte entdeckt, und zwar die hart arbeitende Mitte, die weiblich ist, aber gar nicht erst hart arbeiten kann, da sie weiblich ist und trotzdem sozialpolitisch vom Parteiprogramm der SPD überzeugt zu werden wünscht. Schulz knallt die Tür hinter sich zu.

16:51 – Die Deutsche Bischofskonferenz ist daran interessiert, den Gedenktag für Sankt Martin zwar parteipolitisch nicht einseitig auszurichten, ihn aber mit humanitärem Gedankengut zu befüllen, wenn dies nicht zu auffällig repräsentiert wird. Den jetzigen SPD-Kanidaten könne man gut mit dieser Rolle betrauen, so der Vorstand; eine deutliche sozialere Ausrichtung werde sich wohl im Laufe der Jahrzehnte entwickeln.

18:09 – Schulz ballert sich im Sturz die dritte Flasche Bourbon in die Rübe. Da die Mikrofone abgestellt und die Reporter ferngehalten werden, gelangen weder seine Forderungen nach sofortiger Rückabwicklung der Agenda 2010, von CETA und TTIP oder die SPD-gestützten Sicherheitsgesetze an die Öffentlichkeit. Auch unschöne Interna über die Waffenverkäufe der amtierenden Bundesregierung bleiben verborgen. Keiner interessiert sich für das Privatleben diverser Minister. Die Sicherheitsleute ziehen Schulz routinemäßig die Schuhe aus, lagern ihn auf die Matratze, ziehen die Vorhänge vor die Fenster, legen eine Krawatte über die Stuhllehne und verlassen den Raum. Morgen ist auch noch ein Tag.