Der Messias

14 02 2017

06:00 – Aus dem Innenhof erklingt weihevoll Ludwig van Beethovens Ode an die Freude, intoniert von den Berliner Philharmonikern sowie dem Wiener Singverein unter der Leitung von Sir Simon Rattle. Der designierte SPD-Vorsitzende hebt die Gardine mit der Linken beiseite, während er mit der anderen Hand dem Ensemble huldvoll winkt. Martin Schulz ist wach und kann nun sein Tagwerk beginnen.

06:05 – Die ersten Berichterstatter sind auf der Straße zu sehen. Abhängig von der Krawattenfarbe des ehemaligen Parlamentspräsidenten sollen bis spätestens halb elf die internationalen Börsenkurse feststehen. Da keine Informationen nach außen dringen, einigt sich der Aktienmarkt auf einen sehr stabilen Tag, der vor allem die deutsche Wirtschaft sehr positiv für die SPD einnimmt.

06:21 – Schulz bricht das Brot, dankt und gießt sich noch einen zweiten Kaffee ein. Nebenbei kürzt er seine Nasenhaare, liest sieben Tageszeitungen parallel und hört einen Radiokommentar zur weltpolitischen Lage. „Wer weise ist“, spricht er zu seinem Weib, „der hört zu und bessert sich; wer verständig ist, der lässt sich raten.“ Das auf dem gegenüberliegenden Balkon installierte Richtmikrofon der Christdemokraten fängt die Worte des großen Vorsitzenden auf und befördert sie sogleich in die Wahlkampfzentrale, wo ein Team aus erstrangigen Krypto-, Sozio- und Politologen sie mit Quantencomputern analysiert.

06:54 – Schulz verlässt das Haus. Er winkt ein Taxi heran, dessen Fahrer vor zwanzig Jahren aus dem Irak nach Deutschland eingewandert war, um dereinst den Kanzlerkandidaten ins Büro zu fahren. Vor lauter Rührung bekennt der Chauffeur seine Sünden, konvertiert spontan zum Protestantismus und kauft auf Schulz’ Geheiß in einem kleinen Tabakladen auf dem Weg ein Rubbellos. Mit dem Gewinn von 50.000 Euro unterstützt er den Bau von Brunnen und Mädchenschulen, die wegen der Einstufung Afghanistans als sicheres Herkunftsland jetzt vermehrt von den Taliban bombardiert werden.

07:22 – Der Ortstermin auf Schloss Bellevue, das Schulz für den kommenden Bundespräsidenten Steinmeier sozialdemokratisch einsegnen soll, muss verschoben werden: die Lutherbrücke ist wegen eines Fahrbahnschadens beidseitig gesperrt. Der kommende Kanzler zahlt den Taxilenker an der Anne-Frank-Schule aus, schreitet ans Ufer und geht über die Spree.

07:49 – Der Hausmeister des Präsidentenschlosses öffnet die Pforten. Schulz erkennt sofort, dass dies ein Mann ist, der hart arbeitet. Er verspricht ihm, dass sich in seinem Leben nichts ändern wird. Der ehemalige Handwerker schleicht weinend in den Geräteschuppen, um sich an seinen Hosenträgern zu erhängen.

08:10 – Rasch hat Schulz ein paar SPD-Broschüren ausgelegt, den Mindestlohn beschworen und mehr Gerechtigkeit gefordert. Durch Handauflegen erweckt er eine vertrocknete Topfpflanze wieder zum Leben. Aus dem Hintergrund ist leise ein zehntausendstimmiger Engelschor zu hören.

08:55 – Kurz vor dem Kanzleramt erblickt Schulz unter einer Brücke einen Hohlraum, in welchem lagen viele Kranke, Blinde, Lahme, Verdorrte, die warteten, wann sich das Wasser bewegte. Der neue Prophet der Mitte aber packt einen am Kragen. „Steh auf und wandle“, raunzt er ihn an, „und such Dir einen Job, in dem Du hart arbeiten kannst, weil wir sonst kein Geld haben für einen Wehretat, der den Aktionären hilft, ihr Geld hart für sich arbeiten zu lassen!“ Zehn bis zwölf Jünger winden sich in Ekstase auf dem Kiesweg und verkünden neue Spitzenwerte für die SPD.

09:12 – Die Rentnergruppe aus Würselen will sich unbedingt von Schulz segnen lassen. In Streit um den Platz in der ersten Reihe beginnen erst verbale Auseinandersetzungen, bis Handgreiflichkeiten einsetzen. Der Heilsbringer aus Brüssel betrachtet die Situation aufmerksam.

09:26 – Erste Senioren sind zu Boden gegangen, es wird langsam kritisch. Schulz erläutert der Menge, dass es auf jede gesellschaftliche Gruppe ankommt, die für die gerechte Verteilung der Mittel ihre Stimme erhebt und gegen die Ungerechtigkeit der bisherigen Regierung vorgeht. Ein seit zehn Jahren erwerbsloser Zwangsrentner wirft einen Schuh, der den Retter des Sozialismus nur um Haaresbreite verfehlt. Von oben ertönt die Stimme Helmut Schmidts, der verkündet, dies sei sein lieber Sohn, an dem er Wohlgefallen habe.

09:57 – Schulz setzt seinen Weg mit der U-Bahn fort. Beim Betreten des Bahnsteigs wird er von einem Nichtsesshaften gefragt, ob er mal eine Mark habe. Der designierte Friedensnobelpreisträger macht den Bürger ohne Mandat darauf aufmerksam, dass es inzwischen eine friedensstiftende Währung für hart arbeitenden Europäerinnen und Europäer gibt, die auch weiterhin den Frieden sichere und die Aussicht, dafür hart zu arbeiten.

10:23 – Kaum am Ziel angekommen, da schart sich um den Visionär aus dem Rheinland schon die Menge der Gläubigen. Schulz habe verwahrloste Schulen angeprangert, nun sei er in der Pflicht, den Zustand zu ändern. Per Geistheilung materialisiert der Rasputin des Sozialstaats Landesmittel, die eine Sanierung des Leni-Riefenstahl-Gymnasiums in Bad Senkelteich ermöglichen. Verzückte Schüler streuen Palmwedel auf seinen Weg.

11:04 – Die letzten Wahlumfragen bestätigen, dass die Union keine Chance mehr hat, als Juniorpartner in einer erneuten Koalition mit der Schulz-SPD die Bundesregierung zu stellen. Der Kandidat bleibt jedoch vorerst bescheiden. In einem telefonischen Interview mit der New York Times gibt er zu verstehen, dass er vorerst nur die Führung über die freie Welt anstrebt.

11:33 – Das Büro meldet eine weitere Einladung zu einer Talkshow an. Schulz darf einen Teil der Fragen selbst formulieren. Um die hart arbeitende Mitte zu erreichen, dreht sich das Gespräch nun um Fußball, Alkohol, Verwaltungsrecht und die hart arbeitende Mitte.

11:35 – Gerade noch rechtzeitig ist Schulz im Willy-Brandt-Haus eingetroffen. Ein Maskenbildner, eine Stylistin, ein Psychologe und ein Therapeut machen den Überflieger der neuen Hoffnung in Deutschland fit für eine Aufzeichnung, die in den nationalen Boulevardmagazinen gezeigt werden soll: Martin Schmidt sitzt in der Mitte und arbeitet hart. Die Herausforderung ist immens, ja übermenschlich, doch das Team leistet einen Schwur, hart daran zu arbeiten.

11:36 – Drei Sekunden Videomaterial halten für die Nachwelt fest: Martin Schmidt arbeitet hart, für wen auch immer.

11:37 – Eine empörte Besucherin der Parteizentrale will den Kanzlerkandidaten sprechen, der ihr trotz des Aufstiegsversprechens, eines mit Auszeichnung absolvierten Studiums, einer Promotion summa cum laude, mehrerer Fortbildungen und eines Bildungsgutscheins zur Förderung mangelhaft qualifizierter Arbeitskräfte, die älter als dreißig sind und ihre Erwerbsbiografie durch Schwangerschaft sowie den mutmaßlich vorsätzlichen Unfalltod des Ehegatten sozialschädlich beeinflusst haben, wegen einer nicht zugestellten Vorladung des Jobcenters die vollständige Kürzung der Kosten der Unterkunft sowie der Regelsätze für die Bedarfsgemeinschaft streichen will. „Der Herr aber sprach zu dem Satan“, deklamiert Schulz, „wo kommst du her? der Satan antwortete dem Herrn und sprach: ich habe das Land umher durchzogen.“ Sofort ist die Bürgerin exorziert; sie schmeißt ihm ihr Parteibuch vor die Füße und verschwindet.

12:02 – Bei einem Arbeitsfrühstück im Borchardt, zu dem Milchkalbentrecôte an Auberginenkaviar gereicht wird, serviert die Fachkraft körperwarmen Riesling. Der Messias von Mitte verwandelt den Inhalt der Karaffe durch andächtiges Handauflegen wieder in Wasser.

12:19 – Zwischen Salat und Ananaskaltschale staucht Schulz die israelische Staatsführung am Telefon derart zusammen, dass Premier Netanjahu verspricht, bis Sonnenuntergang die Gründung eines autonomen Palästinenserstaates von der UNO zu erbitten.

12:21 – Steve Bannon meldet sich via Twitter. Er weiß nicht, wie er nach diesen außenpolitischen Schlägen mit Trump verfahren soll. „Setze Gottlose über ihn“, gibt Schulz zurück, „und der Satan müsse stehen zu seiner Rechten.“

13:07 – Der wartenden Menge vor dem Restaurant verkündet Schulz, man hätte den Mindestlohn mit der Einführung der Agenda 2010 verbinden sollen. Die Segensrufe der offensichtlich hart arbeitenden Mitte nehmen kein Ende, da sie nicht hart arbeiten und daher viel Zeit für öffentliche Kundgebungen haben. Außerdem sind sie Angestellte des SPD-Landesverbandes.

13:28 – Im improvisierten Interview mit dem Feministischen Radiokollektiv Berlin fordert der Heiland der irgendwie Roten, unsere Frauen in Ruhe zu lassen. Auf die Nachfrage, in welchem Besitzverhältnis sich welche Frauen befänden, gibt Schulz zu wissen, weder Nationalität noch Glaube, geschweige denn Religion oder das Bestehen eines harten Arbeitsverhältnisses sei für ausschlaggebend, es gehe ihm nur um unsere Frauen. Die zufällig anwesende Justiziarin der SPD stellt klar, dass Vergewaltigungsdelikte durch Asylanten nicht viel häufiger begangen würden. Der Kandidat wird in der Zwischenzeit schon von seinen Frauen mit Blumen beworfen.

13:59 – Die hart arbeitende Mitte hat in einer Mitteilung mitgeteilt, dass sie die Bankenrettung nicht toleriert und Steuerflucht ins Ausland für eine juristisch unbedingt zu erfolgende Straftat erachtet. Der Befreier der hart arbeitenden Mitte nimmt die Botschaft zur Kenntnis. Mehr kann man von ihm nicht erwarten, er muss ja den ganzen Tag lang hart für die Mitte arbeiten, damit ihn die hart arbeitende Mitte auch als hart für die Mitte Arbeitenden Arbeiter wahrnimmt, der hart für die Mitte arbeitet.

14:04 – Um die transatlantische Wertegemeinschaft zu stützen, verkündet der hart für die Mitte arbeitende Kandidat die sofort nach der Wahl zu erarbeitende Gesetzesvorlage, nach der die Gleichheit von Mann und Frau auch gesetzlich als Gesetz gesetzlich Gesetzeskraft haben soll. Alle Zuwiderhandlungen werde Schulz mit mehr Zeit für noch mehr Gerechtigkeit bekämpfe, wenn nicht begegnen.

14:05 – Nach Auskunft identitärer Kreise hat sich Höcke eine Kugel durch den Kopf gejagt, nachdem er den Hoffnungsträger Schulz als das Licht der sozialistisch-nationalen Erneuerung bezeichnet hat.

14:34 – Die Kaffeerunde im SPD-Hauptquartier ist so fidel wie selten. Schulz und Oppermann, Gabriel und Steinmeier liegen sich in prustendem Gelächter in den Armen. Das Volk redet wieder einmal Scheiße. Zum Glück braucht vorerst keiner auf das Geseier zu hören. Gut, dass außer dem künftigen Bundespräsidenten keiner politisch für die Agenda verantwortlich gemacht werden kann.

15:19 – Der Besuch beim Reiterverein Wublitz geht gründlich in die Hose. Erneut versucht der Erlöser, über die Wogen zu schreiten, doch der aufgestaute Seitenarm der Havel teilt sich, als Schulz die Wasser betritt. Nie war es ihm peinlicher, noch nicht Parteichef zu sein anstelle des Parteichefs.

15:56 – Auf der Wahlpressekonferenz gibt Schulz zu Protokoll, dass sicher viele Wählerinnen geneigt seien, nicht mehr SPD zu wählen. „Von den Jungfrauen aber habe ich kein Gebot des Herrn“, erklärt der Sozialistenführer, „ich sage aber meine Meinung, als der ich Barmherzigkeit erlangt habe von dem Herrn, treu zu sein.“ Die Kampagne wird sich demnach eher auf die hart arbeitende Mitte konzentrieren.

16:02 – Das Statistikteam hat ein deutliches Loch in der hart arbeitenden Mitte entdeckt, und zwar die hart arbeitende Mitte, die weiblich ist, aber gar nicht erst hart arbeiten kann, da sie weiblich ist und trotzdem sozialpolitisch vom Parteiprogramm der SPD überzeugt zu werden wünscht. Schulz knallt die Tür hinter sich zu.

16:51 – Die Deutsche Bischofskonferenz ist daran interessiert, den Gedenktag für Sankt Martin zwar parteipolitisch nicht einseitig auszurichten, ihn aber mit humanitärem Gedankengut zu befüllen, wenn dies nicht zu auffällig repräsentiert wird. Den jetzigen SPD-Kanidaten könne man gut mit dieser Rolle betrauen, so der Vorstand; eine deutliche sozialere Ausrichtung werde sich wohl im Laufe der Jahrzehnte entwickeln.

18:09 – Schulz ballert sich im Sturz die dritte Flasche Bourbon in die Rübe. Da die Mikrofone abgestellt und die Reporter ferngehalten werden, gelangen weder seine Forderungen nach sofortiger Rückabwicklung der Agenda 2010, von CETA und TTIP oder die SPD-gestützten Sicherheitsgesetze an die Öffentlichkeit. Auch unschöne Interna über die Waffenverkäufe der amtierenden Bundesregierung bleiben verborgen. Keiner interessiert sich für das Privatleben diverser Minister. Die Sicherheitsleute ziehen Schulz routinemäßig die Schuhe aus, lagern ihn auf die Matratze, ziehen die Vorhänge vor die Fenster, legen eine Krawatte über die Stuhllehne und verlassen den Raum. Morgen ist auch noch ein Tag.





Das letzte Gefecht

26 01 2017

„… sich bereits zuvor parteiintern gegen eine Kanzlerkandidatur entschieden haben solle. Die SPD habe von seinem Verzicht auf den Vorsitz allerdings auch erst aus den Medien…“

„… der bundesweite Absatz von Champagner stark angezogen habe. In unmittelbarer Nähe zum Willy-Brandt-Haus melde Aldi einen Ausverkauf an sämtlichen…“

„… sei die Mehrheit der Sozialdemokraten für Schulz als Spitzenkandidaten gewesen. Dieser Modus rufe in der Partei noch Befremden hervor, da bisher alle Entscheidungen ohne jede…“

„… man einen besonders schweren Fall von Führungsversagen sehe. Petry dagegen sei die…“

„… nicht vorauszusehen gewesen sei. Kraft habe deshalb schwere Vorwürfe gegen den…“

„… scharf zurückgewiesen, dass die SPD mit sehr guten Imageberatern und Wahlkampfmanagern zusammenarbeite. Die Idee zum Rücktritt sei zuerst von Gabriel selbst im…“

„… warte die Partei nun auf eine kritische Würdigung der Entwicklungen aus dem linken Lager. Bei Ablehnung der Linken auf Bundesebene dürfte sich die Befürchtung, der Rücktritt sei vollkommen umsonst gewesen, mit einer neuen…“

„… als schwarzen Tag für die Sozialdemokratie bezeichnet habe. Lindner sei sehr erfreut, dass er das noch…“

„… es sich auch um eine undeutlich formulierte Pressemittelung gehandelt haben könne. Möglich sei, dass Gabriel vorerst nur den Verzicht auf das Amt des Vizekanzlers…“

„… inzwischen erklärt habe, was ein Internet sei. Zypries wolle vorerst keine neuen…“

„… nicht bestätigt worden sei, dass Gabriel erst nach mehreren Rhetorik-Seminaren und Teilnahme an einer Gewichtsreduktionssendung seine Kanzlerkandidatur für 2021…“

„… von Merkel nicht weiter kommentiert worden sei. Sie wolle für den Rest der laufenden Legislatur in einem gewohnten Verhältnis zur SPD weiterhin sämtliche…“

„… auch eine Veränderung des Politikstils sich nicht vermeiden lasse. Die EU-Erfahrungen von Schulz würden es nahelegen, dass die Partei auch auf Bundesebene Inhalten überwinden und sich für eine stabile Machtposition im gesamten…“

„… müsse die Partei dabei auch an den Kandidaten glauben, wenn nicht, so müsse sie auch dran glauben, aber ohne einen…“

„… habe sich die CDU sehr verärgert über die eigenmächtige Entscheidung gezeigt. Die Union müsse nach dem Rücktritt des konservativen SPD-Anführers jetzt allein mit der sozialdemokratischen Parteichefin fertig werden, die sich als nächste…“

„… als eine sehr gute schlechte Lösung bezeichnet habe. Die Grünen seien damit einer Annäherung an die Union wieder um ein ganzes…“

„… die Zukunft der Partei momentan auf der Kippe stehe. Internen Berichten zufolge habe sich Peter Hartz geweigert, aktivierende Maßnahmen für eine selbstverantwortliche…“

„… sei Gabriel mit seiner Dreifachbelastung als Minister, Parteivorsitzender und Bahnfahrer überbelastet gewesen. Da Reisen des Auswärtigen Amtes größtenteils im Flugzeug bestritten würden, sei in Zukunft mit sehr viel mehr…“

„… es unklar sei, ob Gabriel Nahles und Oppermann ebenfalls in ihren Ämtern ersetze und welche Forderungen er dafür…“

„… erwarte die SPD zwar intern innerhalb der ersten Woche, dass der Vizekanzler noch zwei- bis fünfmal umfalle, bevor er sich zwar umentscheide, dann aber nicht, weil er, obwohl sich trotzdem…“

„… werde Gabriel als Außenminister eine stabilisierende Position einnehmen. Er habe sich vorgenommen, vielen internationalen Partnern zu erklären, warum ausschließlich deutsche Waffen langfristig für Entspannung auf dem…“

„… erste Kritik am Vorsitzenden geäußert habe, da er sein Exklusivinterview als Sternstunde des politischen Journalismus in…“

„… für Unruhe in der Parteizentrale gesorgt habe. Wegen lauter Störgeräusche habe man nicht verstanden, ob Gabriel Schulz oder Scholz zum neuen…“

„… für hohe Staatsaufgaben bestens geeignet sei, da er seinen Amtsverzicht nicht über die BILD, sondern eine richtige…“

„… zur offizielle Übergabe in der Parteizentrale auf die Internationale verzichtet werden solle, da es sich keinesfalls um das letzte Gefecht der…“

„… die Knistergeräusche in der Telefonleitung derzeit sehr hoch seien, so dass auch Schwesig unter Umständen in die engere Wahl zur…“

„… man die letzten Reste der Personaldecke mit voller Absicht als unerfahrene Führungsgruppe in den Wahlkampf werfe, um auf die Überraschung der rechtspopulistischen…“

„… dass Altersarmut, Arbeitslosigkeit und Diskriminierung sozial abgehängter Bürger zu den dringendsten Problemen gehörten. Dazu sei jeder SPD-Kandidat gleichermaßen geeignet, da hier die Kernkompetenz für sozialen Abstieg, prekäre Beschäftigungen und…“

„… könne Schulz als völliger Neuling in der Bundespolitik immer noch Kanzlerkandidat der Herzen werden und sich einen Listenplatz für…“

„… aus Sicherheitsgründen aufgezeichnet worden sei. Leider sei der eigentliche Wunsch Gabriels, Helmut Schmidt als Kandidaten zu…“





Rent-a-Sozialdemokrat

28 11 2016

„Ich weiß nicht, ob die Nahles steppen kann, singen kann sie schon mal nicht, das wissen wir, und Steppen kann ich mir ehrlich gesagt auch kaum vorstellen. Tanzen vielleicht, aber lassen Sie die unter keinen Umständen auf den Tisch. Das gibt eine Katastrophe. Also für den Tisch.

Gut, dass wir im Landesverband Hessen noch eine Nichtjuristin ausfindig machen konnten, die ist nämlich gelernte Veranstaltungskauffrau, und das können wir jetzt gut brauchen, weil die Anfragen inzwischen fast alle Viertelstunde reinkommen. Da muss man den Überblick behalten, sonst wird der eine dreimal gleichzeitig gebucht und beim anderen stimmt der Preis nicht.

Rent-a-Sozialdemokrat, Sie wünschen? Kraft? Klar, die wünschen wir uns alle, besonders fürs nächste… – Ach so, die. Die Kraft. Weihnachtsfeier im Schützenverein? Sollte klappen, die Hannelore ist ja eher rustikal unterwegs. Sie haben Erfahrung? Nein, da müssen Sie sich keine Sorgen machen. Die Witze vom Rüttgers erzählt sie bestimmt nicht. Wenn Sie Currywurst haben, sollte der Abend recht unterhaltsam werden. Paar Anekdoten aus dem Pott, Straßenbahn, so was halt. Aber lassen Sie bitte die Rechnung nicht offen herumliegen, sonst wird die hinterher für verfassungswidrig erklärt!

Sehen Sie, so schnell geht das. Wieder ein paar Tausender. Wobei die Kunden ja teilweise auch sehr stressig werden können. Der eine will unbedingt Helmut Schmidt haben, der andere einen SPDler, der gegen Rüstungsexporte ist – hallo!? wo soll ich den jetzt hernehmen, und vor allem, was ist denn an Rüstungsexporten auszusetzen? Na, da muss man eben ganz entspannt bleiben, das regelt der Markt, und wenn der das nicht regelt, dann muss man die Preise erhöhen, sonst… –

Rent-a-Sozialdemokrat, Sie wünschen? Nein, nicht asozial, das haben Sie falsch… nein, wir sind die… – Sie waren nicht zufrieden? Ja Gottchen, wer ist das noch. Wir sind schließlich die SPD, da weiß man, was man hat. Er ist gar nicht gekommen? Da haben Sie aber noch mal Glück gehabt, was meinen Sie, andere zahlen sogar noch drauf, damit Schulz sich gar nicht erst… – Jetzt schreien Sie doch nicht so, das kriegen wir doch alles wieder in den Griff. Das Honorar wird natürlich sofort zurückgebucht, und dann könnten wir Ihnen für die Versammlung im nächsten Quartal Nahles anbieten, Oppermann oder den… umsonst? Klar ist die umsonst, oder haben Sie schon mal erlebt, dass die irgendwas nicht total… –

Mann, der hatte vielleicht eine Laune! Stellen Sie sich mal vor, wir sind im Wahlkampf, dann geht hier aber erst recht die Post ab! Und dann muss man auch noch den ganzen Sicherheitsapparat im Kopf haben, stellen Sie sich mal vor, die AfD bucht den Stegner, das gibt ein Blutbad, der fällt uns am Ende für drei Tage aus, das kann doch keiner wollen! Sie sehen, es ist ein verantwortungsvoller Posten hier, und da muss man natürlich auch immer auf alles gefasst sein. Gestern ruft hier einer aus Berlin an, ich melde mich, wie immer, sagt er: die Kanzlerin. Ich will die Merkel, Preis ist egal, man wird nur einmal im Leben siebzig, und dann soll die hier mit auf die Kegelbahn. Ich sage zu ihm, Sie sind hier aber falsch, wir sind doch Rent-a-Sozialdemokrat, sagt er: logisch, die Merkel ist ja auch die einzige Sozialdemokratin in dieser Scheißtruppe. Ich frage Sie, was machen Sie mit solchen Kunden? Kann man da guten Gewissens den Steinmeier schicken, oder erklärt der ihnen erstmal, dass die Geschenke ihnen von der Grundsicherung abgezogen werden?

Rent-a-Sozialdemokrat, Sie wünschen? Aha, eine Fachtagung. Und Sie sind sich trotzdem ganz sicher, dass Sie den Maas wollen? Ich will da ganz offen sein, die Redebeiträge sind, sagen wir mal: gewöhnungsbedürftig. Der redet am Schluss das Gegenteil dessen, was er am Anfang gesagt hat. Sie kennen das? Ach so, Sie sind auch schon zwanzig Jahre in der SPD. Wir könnten Ihnen Müntefering anbieten. Der ändert seine Meinung immer erst nach der Wahl.

Das Problem ist ja, wie gesagt, unser Portfolio. Die Leute wollen etwas haben, das sie in uns sehen, und dann liefern wir nicht. Gut, das kennt man von der SPD, aber das macht die Sache ja nicht besser.

Uns geht es in erster Linie um den Markenkern, der darf nicht verwässert werden, und wenn wir da immer nur die paar Volleulen losschicken, die man eh aus den Nachrichten kennt, aber nicht mal einen, der auch wirklich Politik macht, also meinetwegen die Staatssekretäre, den Mittelbau in Ministerien und Bundesämtern, die Leute, die etwas von Politik verstehen – da entsteht ein ganz falscher Eindruck von der Partei, und ich wüsste jetzt gern einmal, ob das bei den Leuten nicht sogar erwünscht ist, ob die nur einen Sprechblasebalg haben wollen, der ihnen auf der Weihnachtsfeier ordentlich Schaum auf den Bauch pinselt und mit viel Tamtam erzählt, uns geht es prima, alles dufte, weiter so, wir sind auf einem guten Weg, und Steuersenkung hier, zum Ausgleich Lohnkürzung da, und dann stoßen die noch mal an mit ihrem Champagner, und schon ist Wahl, und dann besinnt man sich auf die wahren Werte in der Politik, und plötzlich… –

Rent-a-Sozialdemokrat, Sie wünschen? Aha, Sie sind insolvent? Naja, das kann man schon feiern, manche Leute feiern ja auch ihre Scheidung. Eine Unternehmensbeerdigung, wenn ich das richtig verstehe? Da empfehle ich Ihnen den Gabriel, der zeigt Ihnen, wie man eine ganze Partei um die Ecke bringt.“





Und tschüss

12 10 2016

„Du… was meinst Du, sollten wir es noch einmal versuchen?“ „Hä?“ „Ob wir es noch mal versuchen sollten.“ „Wir?“ „Ja.“ „Was denn?“ „Ja also, ob wir uns scheiden lassen.“

„Wieso willst Du Dich scheiden lassen!?“ „Es liegt nicht an Dir.“ „Was ist das für eine total beschissene Antwort! Wie bescheuert muss man eigentlich sein, um sich…“ „Siehst Du?“ „Was?“ „Eben.“ „Was denn, verdammt?“ „Du hast Dich selbst im Auge.“ „Dazu bin ich ja schließlich ich.“ „Okay.“ „Und damit wir uns hier richtig verstehen, wenn Du dann angekrochen kommst und wieder zurück willst, dann…“ „Das ist mein Haus.“ „Ach, plötzlich ist das Dein Haus! Und die ganze Arbeit, wer macht die?“ „Ich.“ „Jaja, immer Antworten, die mit irgendwelchen Definitionen von Arbeit spielen, ich kann den Scheiß nicht mehr hören!“ „Wer hat damit angefangen?“ „Meine Güte, einer muss es doch tun!“ „Wer verdient das Geld?“ „Lenk jetzt nicht ab!“ „Die Arbeit wird von mir erledigt, Du bist für die Peinlichkeiten zuständig. Wer verdient hier das Geld?“ „Das lässt sich so gar nicht…“ „Wer schmeißt es zum Fenster raus?“ „Moment mal, das sind alles betriebsbedingte Kosten!“ „Erzähl das dem Scheidungsanwalt.“ „Aha, wir sind also schon auf alles vorbereitet!“ „Was man von Dir noch nie hat behaupten können.“

„Wir haben uns doch mal so gut verstanden.“ „Das ist richtig. Wir haben.“ „Eben.“ „Das ist eine Vergangenheitsform. Heute bin ich ja schon froh, wenn zwischen uns Funkstille herrscht.“ „Wieso das denn?“ „Ich muss mir Dein dummes Geschwätz nicht mehr anhören.“ „Ohne mich wüsstest Du doch gar nicht mehr, wie es in der Welt aussieht!“ „Darf ich das freundlicherweise zurückgeben?“ „Also bitte, das ist doch eine…“ „Es ist mittlerweile echt peinlich, sich mit Dir in der Öffentlichkeit blicken zu lassen.“ „Aber…“ „Die Leute denken, ich sei nicht mehr ganz dicht.“ „Das ist doch auch richtig so! man muss nach alles Seiten offen sein!“ „Nach allen Seiten, aha.“ „Ja, im Prinzip sollte man sich nicht verschließen.“ „Interessant.“ „Das heißt nicht, dass ich unsere Beziehung gering schätze, aber man muss ja auch mal schauen, wie anderswo…“ „Du nimmst also, was Du kriegst. So hatte ich das in Erinnerung.“

„Jetzt hör doch mal zu!“ „Ich weiß, was jetzt kommt.“ „Nein, wirklich – wir sollten mal ein ernsthaftes Gespräch miteinander führen.“ „Das ist ein Aprilscherz, richtig?“ „Warum?“ „Ich weiß gar nicht mehr, wie oft ich versucht habe, mit Dir ernsthafte Gespräche zu führen.“ „Das habe ich ja auch immer sehr…“ „Das hast Du bis auf einige wenige Mal nicht einmal bemerkt.“ „Siehst Du, es gab auch positive Augenblicke!“ „Und wenn Du es bemerkt hast, endete die Sache in Gebrüll, Getöse, unterirdischen Beleidigungen und der Drohung, die Koffer zu packen und auszuziehen.“ „Jetzt will ich Dir mal was sagen!“ „Ich bin gespannt.“ „Man kann sich, Partnerschaft hin oder her, man kann sich da nämlich auch nicht alles bieten lassen!“ „Ach.“ „Das scheint Dein Spatzenhirn zu überfordern, wie!?“ „Nur weiter so.“ „Wenn Du jetzt auch noch komisch werden willst, dann…“ „Ja?“ „Dann werde ich…“ „Ach was, tatsächlich!“ „Du wirst schon sehen, was Du davon hast!“

„Gut, dann noch mal ohne diesen emotional aufgeheizten Krempel.“ „Bitte.“ „Du nimmst Dir mit, was Du willst, und haust ab.“ „Wie ungemein großzügig! mir kommen ja gleich die Tränen!“ „Heb Dir Deine Schmierenkomödie für den Richter auf.“ „Und ich werde mir auch nehmen, was ich will, klar!?“ „Sicher. Du warst immer so, komplett irrational und gierig, und Du wirst Dich nicht so schnell ändern.“ „Irgendwann fandest Du mich mal attraktiv deswegen.“ „Irgendwann muss ich Dich mal für halbwegs vernünftig gehalten haben, und dann hast Du Dich in das Arschloch verwandelt, das Du heute bist.“ „Wir könnten so ein schönes Leben haben!“ „Du könntest so ein schönes Leben haben, wenn mein Haus Dir gehören würde.“ „Aber das ist…“ „Ich werde ein schönes Leben haben, sobald Du weg bist, weil dann dieses Haus immer noch mir gehört.“ „Wir waren ein super Team!“ „Ich habe gekocht, Du hast gefressen.“

„Dir ist schon klar, dass Dir das erhebliche Nachteile einbringen wird?“ „Erzähl das dem Richter.“ „Ich bin berühmt.“ „Du willst sicher nicht wissen, wofür.“ „Ohne mich wirst Du es schwer haben.“ „Das Leben ist nun mal so. Ich werde das durchstehen.“ „Du wirst ab sofort eine eigene Steuererklärung machen müssen.“ „Stimmt, Deine muss ich nicht mehr erledigen.“ „Du wirst das bereuen.“ „Können wir uns darauf einigen, dass Du Dir Deine Drohungen in eine Körperöffnung nach Wahl stopfst?“ „Ich…“ „Jede Einschüchterung, die man nicht durchsetzen kann, schwächt die eigene Position.“ „Uh, in welchem Rhetorikseminar haben wir das denn aufgeschnappt?“ „Schnauze jetzt!“

„Okay, Du hörst dann von meinem Anwalt.“ „Das sieht Dir ähnlich.“ „Wieso?“ „Nichts gemacht, aber Opferrolle.“ „Moment mal, ich…“ „Und ohne jegliche Sachkenntnis, wie Verwaltungsprozesse ablaufen. Hauptsache, wir haben genug Heißluft produziert.“ „Sag mal…“ „Was?“ „Ich weiß ja nicht, was Du denkst.“ „Das wusste ich schon vor dem Aufwachen.“ „Meinst Du nicht, wir sollten es noch einmal…“ „Träum weiter.“ „Aber was soll aus der Zukunft werden?“ „Dein Problem.“ „Wir waren doch fast immer an der Regierung!“ „Du vielleicht. Du bist der SPD-Parteivorstand, wir sind die Basis. Und jetzt raus hier!“





Durchzug

26 09 2016

„Nee, das hat keinen Sinn mehr. Wir können nicht ein bröckelndes Provisorium mit dem nächsten vor dem Untergang bewahren, das macht die Basis auch nicht mehr mit. Einmal so richtig ausmisten, fertig. Gabriel muss weg. Ende der Diskussion.

Da hilft kein Wahlkampf mit Eierlikör, den kann keiner mehr sehen. Den Eierlikör sowieso nicht. Wenn die SPD noch mal richtig regieren will, dann nur mit kompletter Kehrtwende: ab sofort sind alle in der Partei sozialdemokratisch. Klingt jetzt auch für uns ziemlich ungewöhnlich, seit fast zwanzig Jahren hat sich keiner mehr getraut, das zu fordern, aber es geht nicht mehr anders. Das Problem ist ja nicht, dass es keine Sozialdemokraten mehr gibt in der Partei, das Problem ist, dass sie nur noch an der Basis vorhanden sind. Zu neunundneunzig Prozent. Das eine Prozent regiert und hat keine Ahnung. Was den Zustand von Gabriel auch hinreichend genau beschreiben dürfte.

Haben Sie noch im Ohr, was der Dicke damals auf dem Parteitag der Putzfrau erzählt hat? Das ist das ganze Problem der Partei: dass sie sich nur noch mit den Gewinnern abgeben will und deshalb zur großen Verliererin wird. Gucken Sie sich an, wie sich die SPD verändert hat. Globalisierung, Neoliberalismus, Prekarisierung, Sozialabbau – das Parteiprogramm ist noch etwas ausführlicher, aber viel mehr steht da auch nicht drin – das führt alles dazu, dass eine Menge Menschen zu Verlierern wird. Wer sich auf die einlässt, wird letztlich zum Gewinner. Die tragen nicht zum gesellschaftlichen Wohlstand bei, er tritt nur bei ihnen auf. Das ist so, als würde eine Krankenkasse jeden rausschmeißen, der einmal im Leben krank wäre. Wer nicht zahlt, der zählt nicht. Nein, so geht das nicht mehr weiter.

Wir brauchen frischen Wind, am besten einen ordentlichen Durchzug, um dieses elende Gemüffel wegzukriegen. Die Wähler wollen lieber Rot-Rot-Grün als noch mal vier Jahre eine Koalition, die auf dem Standstreifen ins Koma fällt. Aber dazu müsste eben Gabriel weg. Wenn der Mann jetzt nach CETA und den ganzen anderen blödsinnigen Ideen quer in der Tür steckt, dann kann man höchstens noch mit der Leiter über ihn wegsteigen. Mal ganz davon ab, wie das aussieht, ich frage Sie: glauben Sie, den wählt einer, wenn er langsam aber sicher debil wird und sich nicht mehr erinnern kann, in welcher Partei er gerade ist?

Lassen Sie das wie einen Umfall aussehen. Umfall. Nicht Unfall. Das kennen sie in der SPD noch nicht, das macht dann nur misstrauisch. Am besten, wenn er sich mal wieder selbst widerspricht – keine Bodenhaftung, so eine Art Schleudertrauma könnte da passieren, und dann müssten wir ihn leider sofort aus dem Verkehr ziehen. Ganz kleine Pressekonferenz, alle wünschen ihm nur das Beste, und zwar dahin, wo der Pfeffer wächst, und dann fragen wir mal vorsichtig bei den Linken nach, wie linke Politik funktioniert. Hier ist ja nicht mehr viel übrig davon.

Gut, das könnte gefährlich werden. Wir haben ja knapp zwanzig Jahre lang alles wieder in die Basis zurückgedrückt, was im Ansatz nach einer sozial verantwortungsvollen Gesinnung aussah. Das muss man dann auch schon mal als gewisses Risiko in Kauf nehmen, wenn man revoltieren will. Wobei, die Revolution ist ja mit dieser Partei gar nicht zu machen, war sie letztlich nie, aber jetzt haben sie es sogar in die Hausordnung reingeschrieben, dass die Fenster nicht mehr geöffnet werden dürfen, weil sonst zu viele Einflüsse von draußen die Partei empfindlich stören würden. Deshalb kann die SPD auch nicht viel mehr als betreutes Regieren. Grün-Rot wäre da eine Option, und wenn die aktuelle Entwicklung weiter so voranschreitet, könnte das auch durchaus klappen.

Mit etwas Vorlauf steigen auch die Prozente wieder an, und dann sollten wir spätestens zum Jahreswechsel eine Vorstellung kommunizieren, was wir unter einem sozialen Politikwechsel auf der Bundesebene verstehen. Wenn wir schon mal dabei sind, lassen Sie uns diese ganze Idiotenherde im Kabinett gleich mit absägen, bessere Werbung für die Konkurrenz ist doch für Geld nicht zu kriegen. Und die dritte Fliege schlagen wir mit derselben Klappe. Die einzige Parallele der Arbeiter mit der jetzigen SPD ist, dass sie fixiert ist auf Autoritäten und die mühsame Verteidigung des wirtschaftlichen Status, den sie nur aus Wachstum um jeden Preis generieren wollen. Wenn man den Arbeitern erst einmal diese selbstgefälligen Pappnasen wegnimmt und ihnen erklärt, dass sie überhaupt keine Autorität als Vorbild brauchen, jedenfalls nicht diese eitlen Fatzkes, dann fangen sie möglicherweise auch mal zu denken an. Die Nationalisten dürften dann ein ernsthaftes Problem haben, weil sie keine Ängste mehr schüren können, wo sich eine Gesellschaft nicht entsolidarisieren lässt.

Sie regeln das? Ich verlasse mich auf Sie, dass das hinhaut. Irgendein Aufsichtsratsposten wird sich für den Mann doch sicher finden lassen. Dann machen wir noch schnell einen Bundesparteitag, da sammeln wir für ein neues Grundsatzprogramm, und dann kann die Wahl kommen. Bitte, wer? Nein, das haben Sie falsch verstanden. Ganz sicher nicht, nein. Auf keinen Fall. Die Partei übernehmen wird dann selbstverständlich Merkel. Die ist doch die beste sozialdemokratische Kanzlerin, die die SPD nie hatte.“





Endablagerung

29 08 2016

„Nee, voll der Flop. Ging gar nicht. Aber war auch irgendwie klar, Peer Steinbrück hat sich mit dem Stinkefinger die Kanzlerkandidatur versaut, da ist der Wähler jetzt auch total abgestumpft. Gabriel hat regelrecht Sympathien dafür eingefahren.

Das war jetzt irgendwie auch voll ätzend, wie der abgeblockt hat. Aber von der Gesamtsituation und so her, das war irgendwie total glaubwürdig, wie der auf die Nazis reagiert hat. Die Orga hat ja vorher gesagt, Sigmar, hatten wir gesagt, da muss man sich auch irgendwie emotional einbringen, aber es ist vor allem wichtig, seine Betroffenheit zu artikulieren. Da hat wieder keiner auf dem Schirm gehabt, dass der Vater von Sigmar eine Braunalge war. Der hat da echt total authentisch reagiert und so, da muss man sich mal reinziehen. Wenn das als Fortsetzung zu dieser Pack-Diskussion geplant war – der Wähler wusste da ja gar nicht, was das mit ihm macht – dann hat sich das voll zum Abtörner entwickelt, ehrlich. Voll total ätzend.

Diese Diskussion über Hartz, das war jetzt auch nicht so authentisch. Also dass die Nahles da kein Gefühl entwickelt, dass die Ängste abbauen kann, das ist vielleicht irgendwie auch so ein Zeichen von Verletzlichkeit, weil die kann halt nichts. Das ist so eine systematische Sache, die muss irgendwie damit umgehen, dass sie ihre Inkompetenz auch ein Stück weit annehmen kann. Sie ist ja mit der Problematik immer konfrontiert, und da herrscht in der Partei inzwischen auch eine Solidarität, dass sie in ihrem Scheitern keiner mehr auffangen wird. Wir sind als Sozialdemokraten eher spontan, aber so bekloppt sind wir nun auch wieder nicht.

Wir hatten ja schon überlegt, ob wir Sigmar eine Familienaufstellung spendieren sollen, aber er hat da absolut zugemacht. Ich meine, das ist auch total verständlich, weil er ist da ja auch irgendwie traumatisiert und so, aber so für die Perspektive und das Problembewusstsein, und das ist jetzt auch voll wichtig für die SPD und so, da müsste er sich mal differenzieren, so inhaltsmäßig eben.

Aber der Ausstieg, das war unsere Perspektive – wir wollten das in Hinblick auf die Weiterungen auch eher so gesamtgesellschaftlich angehen, und da hatten wir dann die Fantasie, das war auch eher so eine Vorstellung von Traum, dass wir hier eine Authentizität entwickeln, die sich mit der Erfahrung der SPD irgendwie auch in Beziehung setzen lassen kann. Unser Scheitern war immer auch authentisch, und die Erfahrung von Wirtschaft, so wie das die Partei immer aus ihrer subjektiven Sicht und so interpretiert hat, das ging ja irgendwie auch total harmonisch zusammen. Das ist jetzt fast so, als hätten wir hier ein verschüttetes Ich der SPD als solidarisches Kollektiv wieder freigelegt, also fast Kindheitserinnerungen und so. Das berührt einen ja auch irgendwie echt emotional und so.

Dass wir jetzt alle unheimlich gut drauf sind, das ist das Ergebnis unserer gruppendynamischen Prozesse, die wir jetzt voll basisorientiert gestartet haben. Wir sind total gegen CETA und haben das als Basis auch so artikuliert, nachdem wir da jede Menge Selbsterfahrungswerte reininvestiert haben. Das ist jetzt so im Fluss, da hat sich ja eine Menge aufgestaut vorher, auch inhaltsmäßig und so, und da wollen wir als Basis auch mal ein Angebot machen, dass wir so eine gewisse Zärtlichkeit halt haben für den Gedanken, dass man nicht an die Macht will in einer männerdominierten Gesellschaft, die mit dem Kapitalismus und der Globalisierung nicht ganz so sensibilisiert ist für Themen wie Schwellenländer und Teilhabe und so, oder irgendwie auch nur sich mal zu öffnen für eine gerechte Welt. Das ist jetzt auch irgendwie ein Stück weit ein krasser Gedanke, aber den müssen wir in der Gemeinsamkeit auch mal wagen wollen, und damit verbindet sich für uns auch eine ganz tolle Chance, die die Verkrustung der Gesellschaft verändern kann. Wir könnten dieser hirnamputierten Bonzendrecksau endlich mal die verlogene Lobbyistenscheißfresse polieren.

Das hat jetzt natürlich irre den Drive, dass wir uns da auch so total anders in unserer Spontaneität begreifen, aber das muss man sich auch mal als eine Möglichkeit vergegenwärtigen. Beziehungsmäßig ist das ja eher spontan erfahrbar, aber wir können da auch die Problematiken aufarbeiten, die uns die Lösungen durch mangelhafte Auseinandersetzung auch intransparent gemacht haben. Die SPD als SPD ist ja auch ein Stück weit aus dieser Wut und Trauer entstanden, die wir heute in uns selbst finden und die wir nicht gehen lassen können. Wenn wir Gabriel irgendwie kommunizieren können, dass wir wissen, dass diese unheimliche Aggression sich nicht nur in ihm aufstaut, sondern dass er die auch von der Basis so kommuniziert bekommen kann, wenn er das zulässt, dann können wir uns auch auf eine gemeinsame Lösung einigen. Da muss er dann seine Ängste auch mal eingestehen, und dann kriegt er das auch hin, dass er seine Inkompetenz ganz fest in den Fokus nimmt. Dann muss er nicht mehr als Kanzlerkandidat die Perspektive der SPD mit seiner Projektion von Eigenego belasten, und dann können wir als Partei auch mal wieder differenziert auf die kreativen Lösungen zugehen.

Weil, sehen Sie sich den Mann doch mal an. Wenn Sie diese Befindlichkeiten und dieses ganze Theater mitgemacht haben – glauben Sie ernsthaft, Gabriel ist für die SPD so etwas wie erneuerbare Energie?“





Stresstest

8 08 2016

„Wir müssten jetzt erstmal sehen, ob wir die Posten alle besetzt haben.“ „Wieso denn die…“ „Also Nahles: check!, Schwesig: check!, Gabriel…“ „Wieso denn die Posten in der Bundesregierung besetzt?“ „Wo denn sonst? Gegenvorschläge?“ „Es sagt doch nichts aus über die richtige Politik aus oder über unseren Wahlerfolg, wenn wir bloß nachschauen, ob wir ein paar Ministerposten in der Bundesregierung besetzt haben.“ „Aber so läuft das doch.“ „Läuft was?“ „Der Stresstest.“

„Ein Stresstest für Parteien? wer hat sich denn den Blödsinn ausgedacht?“ „Das ist kein Blödsinn, wir müssen doch rechtzeitig vor den Wahlen wissen, wie wir abschneiden.“ „Also erstens gibt es dafür Wahlumfragen…“ „Die sagen doch nichts aus, bei der Wahl entscheiden sich die Leute ganz anders!“ „… und zweitens ist es bis noch über ein Jahr hin bis zur Bundestagswahl.“ „Und wenn die Kanzlerin jetzt plötzlich zurücktritt? dann stehen wir da und überlegen uns erstmal, was wir machen sollen?“ „Das wäre ein Fortschritt, wenn das in der SPD passierte.“ „Also alle machen jetzt Stresstest, da müssen wir als Partei auch mal nach Sicherheit gucken.“ „Für den Wähler?“ „Nach unserer. Wenn die Bänker Stresstest machen, geht’s denen ja auch nicht um die Kunden.“

„Und was genau wollen Sie jetzt rausfinden?“ „Die Chancen unserer Partei.“ „Sie rechnen sich für die SPD Chancen aus!?“ „Der Scholz hat es doch gesagt, wir könnten theoretisch sogar die Wahl gewinnen.“ „Theoretisch könnten auch kleine grüne Männchen auf der Erde landen.“ „Das mag wohl sein, aber das sehe ich nicht als Chance für die SPD.“ „Also Sie wissen auch nicht, was Sie als Chance werten sollen.“ „Wir könnten mit unserem Spitzenpersonal, mit Maas, Nahles und…“ „Ach du liebes Bisschen, das bezeichnen Sie als Chance? das sind unkalkulierbare Risiken!“ „Die wir aber als Chancen ansehen.“ „Das können Sie doch…“ „Also zumindest rein theoretisch.“

„Nein, jetzt mal Klartext. Sie gehen doch gar nicht auf die Risiken ein.“ „Risiken, Risiken! der Wähler will nicht immer nur von Risiken hören, der will auch mal eine positive Perspektive.“ „Und deshalb blenden Sie alles aus, was die Partei seit Jahren falsch macht.“ „Jetzt regen Sie sich doch nicht gleich künstlich auf, das machen die Banken auch nicht anders.“ „Wieso?“ „Glauben Sie denn, dass die vorher keine Risikoanalyse machen?“ „Eben.“ „Aber sie ignorieren die dann beim Test, und der Kunde ist froh über ein gutes Ergebnis.“ „Warum messen Sie nicht gleich den Dieselausstoß der SPD?“ „Wieso sollten wir denn den…“ „Weil das Ergebnis selbst bei katastrophalen Ergebnissen zu keinerlei Konsequenzen führt.“

„Sie immer mit Ihrer Schwarzseherei!“ „Lieber schwarz sehen als gar nichts.“ „Was soll das denn nun schon wieder bedeuten?“ „Ihr Stresstest ist in der Vergangenheit konzipiert für die Risiken der Vergangenheit, und Sie wollen den für die Zukunft anwenden.“ „Ja sicher, das macht man doch so?“ „Wer macht das so?“ „Die Banken, und was die machen, das ist immer richtig. Die werden am Ende immer gerettet, und dann geht’s ihnen wieder gut, und dann machen sie weiter wie bisher. Das kann doch so verkehrt nicht sein?“ „Sie wollen mir doch jetzt nicht erklären, dass Sie die Banken als Vorbild betrachten?“ „Immerhin sind die viel zu groß zum Scheitern. Und was meinen Sie, warum wir damals den Gabriel zum Vorsitzenden gewählt haben?“

„Aber der Markt ist inzwischen viel weiter, da hilft so ein Stresstest auch nicht mehr.“ „Da muss man dann eben auf die Flexibilität der Gesellschaft vertrauen können. Wir sollten bereit sein, auch alte Lösungen für neue Probleme zu akzeptieren.“ „Hallo, ich rede hier von der Politik!?“ „Ja und? ich doch auch.“ „Und deshalb bringen Sie jetzt alte Patentrezepte wie Nationalismus wieder ins Spiel?“ „Wir machen das ja nicht nur im eigenen Interesse, der Wähler kann hier auch mal seine Stressresistenz unter Beweis stellen.“ „Na schauen Sie mal, man wirft doch den Banken immer vor, dass sie nur aus eigenem Interesse handeln. Wir sind viel weiter und beteiligen den Wähler an unseren Entscheidungen.“ „Im basisdemokratischen Sinn?“ „Nein, aber wir stellen sicher, dass wir die Scheiße nicht alleine ausbaden müssen.“

„Also ist Ihnen klar, dass Sie in genau dieselbe Klemme wieder geraten werden, in die Sie schon einmal geraten sind?“ „Wir haben das schon einmal überlebt, da müssen wir uns diesmal keinen Stress mehr machen.“ „Und Sie ignorieren weiterhin alle Stimmen aus dem Inneren, die Sie vor den lange verschleppten Gefahren warnen?“ „Ach, Sarrazin – wir wissen selbst, dass er ein Rassist ist, aber wenn seine Anhänger gleich NPD wählen, dann wissen wir doch auch, wir sind frei von Nazis in unserer Wählerschaft. Weniger Stress!“ „Und dass die SPD niemals genug Eigenleistung für eine Regierung hinbekäme?“ „Wir vertrauen auf die…“ „Und dass es blühender Unsinn ist, die blamablen Ergebnisse der Gegenwart mit einer utopischen Steigerung in der Zukunft zu entschuldigen?“ „Unsere Hoffnung ruht in der…“ „Dann haben Sie recht. Es ist ein bedeutungsloser Test. Sie machen alles richtig.“ „Ja, aber wir kommen Sie plötzlich darauf?“ „Sie sind eben eine völlig bedeutungslose Partei.“