Glück

17 11 2022

„Richtig die Nase gebrochen, Krankenhaus, OP, das volle Programm. Die Ärzte haben aber gesagt, sie kriegen das wieder hin. Kein Unterschied zu vorher, und er kann schon wieder Fußball spielen. Naja, man kann eben nicht alles haben.

Also verstehen Sie mich nicht falsch, das ist ein netter Kerl, letzten Sommer, als ich Rücken hatte, ist er zum Rasenmähen rübergekommen. Das mit der Nase tut mir irgendwie auch total leid, aber dass er da jetzt auch noch einen Vorteil daraus zieht, das ist mir unverständlich. Gut, es ist jetzt nicht direkt ein Vorteil, dass er keine schiefe Nase hat, ich habe auch keine, und genau darauf kommt es ja an: dass ich im Vergleich zu ihm keinen Vorteil habe, weil er im Vergleich zu mir keinen Nachteil hat, verstehen Sie? Es ist doch schon schwer genug, sich in der Gesellschaft gegenüber anderen eine Nasenlänge… – Okay, das war jetzt daneben.

Mal anders, wenn wir uns jetzt beide um einen Job bewerben würden, was natürlich schwierig ist, weil er ist Filialleiter im Supermarkt und ich bin als Klempner die hart arbeitende Mittelschicht, aber jetzt mal nur theoretisch: wenn wir uns beide um denselben Job bewerben würden, und der hat keine krumme Nase, dann habe ich ja abgesehen von den Vorteilen, die er vielleicht durch seine Ausbildung mitbringt, auch noch einen Nachteil, weil der eben keinen Nachteil hat. In solchen Situationen muss man neben dem großen Ganzen die entscheidenden Details im Auge haben, und auf die kommt es eben an. Wenn wir beide dieselbe Frau kennenlernen, dann guckt die auf seine Nase, und schon ist er wieder im Vorteil, obwohl er doch dafür gar nichts geleistet hat. Im Gegenteil, das war bei ihm pures Glück, und dafür wird er auch noch belohnt. Das können Sie jetzt natürlich alles als sehr subjektiv betrachten, aber man hört es halt überall, dass man für seine eigene Verantwortung verantwortlich ist, oder so, und wo will man da anfangen?

Das hat nämlich etwas zu tun mit Resilienz zu tun, dass man optimistisch in die Zukunft blicken kann, zumindest optimistischer als die anderen, die eventuell eine kaputte Nase haben. Wenn man nicht so viele Ressourcen hat, aus denen man sich mehr Selbstbewusstsein verschaffen kann, dann muss man die kleinen Dinge zusammenzählen, damit es für die richtige Durchsetzungsfähigkeit reicht. Ich habe mir jetzt natürlich Hoffnungen gemacht, dass er mit einer schiefen Nase aus dem Krankenhaus kommt, aber ein bisschen eben schon. Man weiß ja nie, wann man in eine Konkurrenzsituation kommt, und dann steht man plötzlich da und hat keine Argumente mehr, warum man den Job nicht kriegt oder die Frau oder die Kleingartenparzelle, und mit einem Mal ist auch die ganze Resilienz flöten. Das kann einem das ganze Leben versauen, ist Ihnen das eigentlich klar?

Sie müssen mir jetzt nicht mit dem christlichen Menschenbild kommen, das wird einem oft genug vorgeworfen – man kann doch auch ein anständiger Mensch sein, wenn man nicht in die Kirche geht. Ich finde es auch gut, wenn man sich hier in der Nachbarschaft ein bisschen Solidarität erhält, zum Beispiel, wenn man für jemanden den Rasen mäht, der das aus gesundheitlichen Gründen gerade mal nicht kann. Es ist ja nicht dauernd, da müsste man sich dann schon mal Gedanken machen: wenn einer nicht seinen Rasen mähen kann, wozu braucht er dann ein Einfamilienhaus mit Vorgarten? Ist das für die Gesamtgesellschaft tragbar? Gibt es denn nicht genug andere, für die dieses Einfamilienhaus mit Vorgarten viel besser geeignet wäre, weil sie es aus Eigenverantwortung besser bewirtschaften würden? Da setzt dann eben schnell die soziale Kälte ein, wenn man immer nur auf nebensächliche Details schaut, statt das große Ganze im Auge zu behalten.

Sie müssen mir jetzt auch erst recht nicht mit Rassismus oder irgendwelchen anderen Vorurteilen kommen, wir wissen doch beide, wie das läuft. Da macht man einmal eine schlechte Erfahrung mit einer Person mit unnormaler Hautfarbe, oder wie das jetzt korrekt genannt werden soll, und schon gilt man als Nazi, nur weil man öffentlich darüber spricht. Im Gegenteil, das sind ja meistens wir, die Mehrheit, die hier diskriminiert wird, weil immer der Vorwurf mitschwingt, wir würden alle Rassisten sein. Natürlich kriegen wir häufiger einen Job oder eine Wohnung als einer von denen, aber das liegt ja auch daran, dass wir nun mal mehr sind, wenigstens im Augenblick noch. Ich habe mir das nämlich nicht ausgesucht, das mit der Hautfarbe, also gibt es auch keinen Grund, mich dafür zu diskriminieren. Und wenn ich die Wohnung kriege und der nicht, dann liegt das vielleicht daran, dass ich mehr Glück gehabt habe, aber dafür kann man mich doch nicht verantwortlich machen, oder?

Andersherum ist das nämlich ganz genau so. Als Millionär können Sie häufig auch nichts für Ihren Reichtum, weil Sie das Geld geerbt haben. Man macht die Menschen dafür verantwortlich, dass sie einmal im Leben Glück gehabt haben, und dann müssen die sich ein Leben lang diese Neiddebatten anhören. Das zerstört doch erst recht den sozialen Zusammenhalt, und dann wundern sich wieder alle, dass diese Gesellschaft so gespalten ist. Wir müssen viel mehr aufeinander zugehen, Verständnis für die anderen Menschen entwickeln, sonst werden wir mit unseren Problemen nie fertig.

Aber ich will mich nicht beschweren, im Großen und Ganzen bin ich doch mit meiner persönlichen Lebenssituation recht zufrieden hier in diesem Umfeld. Stellen Sie sich mal vor, hier würden Arbeitslose wohnen.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (DCIX): Soziale Teilhabe

8 04 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Hin und wieder steht religiöses Brauchtum auf dem Programm, ergänzt durch Konsumfesttage, an denen Schnittblumen und Süßwaren eine tragende Rolle spielen, weil sonst der Einzelhandel greint. An Ostern und Halloween haben wir uns gewöhnt, an Mutter- und Vatertag, Sankt Grobian wird sicher demnächst mit Alkoholrabatt begangen, kurz: das Bürgertum ergeht sich im Kaufrausch, der Tradition wird und allerhand Begehrlichkeiten weckt. Bald ist einfache Vollmilchschokolade zu Pfingsten nicht mehr standesgemäß, und eifrig ballert die Industrie kostspielige Produkte ins sonntägliche Heftchen, das den Umsatz ankurbeln soll. Alles schenkt, nur einer macht wieder nicht mit, der Erwerbslose, die Grundsicherungsempfängerin, der nur aus Pietät zur Party geladene Paria. So schnell macht man sich in einer Wohlstandsnation unbeliebt, wenn man nicht die soziale Teilhabe für sich beanspruchen kann.

Der technokratische Schwammbegriff umfasst für die etablierte Mittelschicht alles, was es den im Kapitalismus notwendigerweise Abgehängten mit Eigenverantwortung und Motivation erlauben soll, ihr Recht auf Gleichbehandlung wahrzunehmen. Es funktioniert wie die formschöne Rampe, die man an die Front eines öffentlichen Gebäudes schwiemelt, um Rollstuhlbenutzern noch einmal freundlich in Erinnerung zu rufen, dass sie ohne fremde Hilfe das Ding nicht hochkommen – wer nicht ständig selbst seine existenziellen Bedürfnisse organisieren kann, darf gerne draußen jammern. Das Andersartige von Menschen, die ersichtlich nicht derselben Schicht angehören, führt unweigerlich zu dem Schluss, sie würden so lange an das Gefühl der Ausgrenzung gewöhnt, bis sie es als gegeben hinnehmen, nicht mehr hinterfragen und sich entsolidarisieren, wie es das System voraussetzt.

Zunächst wird die Offenheit des Begriffs für ein möglichst umfassendes Potpourri zivilisatorischer Komponenten genutzt, die als Basis des lebendigen gesellschaftlichen Miteinanders Selbstwirksamkeit erzeugen: sozialer Kontakt, Familie, Freundschaft, Kultur und Alltagsästhetik, Mobilität, Religion und schließlich die Interessenwahrnehmung im politisch organisierten Leben. Je mehr inkludiert wird, desto mehr kann man aber aus den üblichen pragmatisch vorgeschobenen Moralgründen ausschließen. Muss ein Erwerbsminderungsrentner Heimtiere haben? Ist Langzeiterwerbslosen nach der Sozialbestattung noch eine Grabstelle zu zahlen, wo sie doch selbst davon gar nichts mehr haben? Und welche Wirkung hat das auf Gesundheit und Resilienz Betroffener, die schon zu Lebzeiten wissen, dass sie danach eine lästige Kostenstelle bleiben?

In der kapitalistischen Gesellschaft ist sozialer Austausch immer Warenaustausch – inbegriffen die Zeit, die für die bedarfsgerechte Lebensführung der finanziell benachteiligten Haushalte gerade unter prekären Umständen aufläuft, die aber auch mit der reinen Verwaltung ihrer Bedürftigkeit mitunter ein Ausmaß annimmt, das nur den Schluss zulässt, es sei der Vorstellung sadistischer Trottel entsprungen, die ihre anale Phase nicht verdaut kriegen. Mit den Instrumenten einer durchgängigen Segregation wird die Klientel der Benachteiligten aus der Optik, dann aus dem Diskurs geschoben, bis man sie nur noch hervorzerrt, um Sozialpornos und Schauermärchen mit ihnen zu besetzen: quarzende Suffköppe, die am Spielplatzrand hocken, obwohl sie doch früher noch so gerne ins Kammerkonzert gegangen sind. Wehe, sie sind zur Hochzeit eingeladen, haben aber keine vorzeigbaren Schuhe, weil sie nichts ansparen konnten wegen der kaputten Waschmaschine von vorletztem Jahr. Dann waren sie sicher nur nicht kreativ genug, um in Badeschlappen in den Wald zu latschen wegen Frischluft und Bewegung.

Das Problem ist, dass die Reichen die Maßstäbe bestimmen, nach denen Teilhabe gerechnet wird – und die Distanz, die sich in Lohnabstandsgebot und Gutscheinen misst, mit denen man im Supermarkt den antrainierten Akt der Erniedrigung vollziehen muss, für den findige Politikerinnen gerne auch ein Unternehmen gründen lassen, in denen Schwager und Brüder sich die Nase vergolden lassen, damit wenigstens die Abrechnung der Armenhilfe schnell in die Kassen der Konzerne findet. Ausgrenzende Teilhabe ist nichts anderes als ein Dauerlockdown, ein kafkaesker Strafantritt aus Mangel an Beweisen für die Unschuld, weil sich die sogenannten Stützen der Gesellschaft einreden lassen, Freiheit sei nur, was anderen schade.

Wie weit sich die Besitzverhältnisse von der realen Produktivität abgekoppelt haben, zeigt nicht nur die Ungleichheit. Alle Versprechen, aus der Marktwirtschaft ein soziales System zu formen, das auch die Zivilgesellschaft stützt und im Gegenzug von ihr gestützt wird, gehen aus immer neuen Sachzwängen über Bord. Je weiter sie in höhere Schichten vordringt, desto größer ist ihr Bestreben, unsichtbar zu sein. Die Bewältigungsmuster aber, mit denen sie die Gefährdeten konditioniert, sind stets dieselben. Auch hier entwickelt sich die an inneren Konflikten orientierte Schuld- in eine an äußeren Maßstäben ausgerichtete Schamkultur. Die Autorität ersetzt das Gewissen. Was soll schon schiefgehen in einer perfekten Demokratie.





Personalkosten

11 08 2020

„Das hat Sie überrascht? also das überrascht mich jetzt aber. Dass Sie das überrascht hat. Wir haben den Mitarbeitern doch ganz deutlich gesagt, dass sie für uns unverzichtbar sind. Jeder einzelne Mensch ist für uns systemrelevant, wirklich. Nur die Löhne halt nicht, oder überrascht Sie das auch?

Dass die Löhne bei uns im Einzelhandel in den letzten zehn Jahren real gesunken sind, das liegt am gesellschaftlichen Trend. Wir können ja auch nicht einfach so die Löhne anheben, da wir sonst die Nachfrage nach unseren gesellschaftlich und auch marktmäßig relevanten Jobs schwächen würden. Sie wissen doch, wie das in der Pflege ist: da gibt es auch keine zu hohen Gehälter, teilweise sind die mit Zulagen, die dann nicht gezahlt wurden, oder mit den Boni, die man hat ausfallen lassen, dadurch sind die Personalkosten dann auf einem konstanten Niveau gehalten worden. Und die Zahlen der beschäftigten Mitarbeiter eben auch. Denn stellen Sie sich das mal vor, die hätten die Gehälter einfach mal so angehoben. Man hätte den Pflegekräften ja signalisiert, dass die gar nicht systemrelevant seien, weil die das am Ende nur fürs Geld machen. Das wäre in höchstem Maße unfair, und so wollen wir im Einzelhandel unsere Tarifpolitik gar nicht erst anfangen.

Wir haben durchaus stabile Umsätze, das ist korrekt. Einerseits die Hamsterkäufe, das war für uns eine erhebliche Stärkung, und dann haben die Kunden seit der Senkung der Mehrwertsteuer auch sehr viel mehr bei uns gekauft, was sie sonst nicht gekauft hätten. Wir müssen die Senkung nicht aus eigener Tasche bezahlen, aber für uns ist sie ein hervorragender Werbeeffekt. Dass einige Händler den Kunden darüber hinaus noch höhere Rabatte gewähren, das ist Marktverzerrung, aber das halten wir aus. Unsere Mitarbeiter können ja gerne bei denen einkaufen, wenn es ihnen bei uns im eigenen Laden zu teuer ist.

Auf der anderen Seite müssen Sie beachten, dass wir durch die Umstellung auf niedrigere Steuersätze einen erheblichen Mehraufwand an Personal hatten, der unsere Kosten nach oben treibt. Würden wir jetzt noch mehr Mitarbeiter einstellen, die dann auch genau wissen, dass es sich um einen Job mit viel Stresspotenzial handelt, dann müssten wir die Löhne auch anheben – das kann man den Mitarbeitern nicht zumuten. Wo bleibt denn da die Lohngerechtigkeit? Wenn wir jetzt Mitarbeitern, die Mehrarbeit geleistet haben, die Vergütung dafür wegnehmen würden, die ja eigentlich der Erhöhung der Löhne entspricht, dann wäre das letztlich auch schon Betrug, und dann würden wir keinen mehr finden, der uns bei Mehrarbeit unterstützt, und das wäre kein gutes Signal für andere Einzelhändler.

Außerdem müssen Sie hier das Prinzip der situationsangepassten Lohnzurückhaltung immer auf dem Schirm haben. Wenn eine Rezession droht, will man die Ausgabenseite unter Kontrolle haben, damit man nicht in die roten Zahlen kommt, wenn es dann auf dem Tiefpunkt zu hohe Lohnkosten sind im Vergleich zu den anderen Posten, die Sie für ein laufendes Geschäft berücksichtigen müssen. Wenn dann die Umsätze langsam wieder steigen, wenn sich dann der Aufschwung ankündigt, dann muss man doppelt vorsichtig sein, weil jetzt jede Gehaltserhöhung die Chancen auf dem Markt wieder zerstören kann, weil die Kapitalbasis nie angegriffen werden darf. Und wenn Sie auf dem Höhepunkt sind, voll im Boom – das weiß ja jedes Kind, da ist es unmöglich, die Löhne zu erhöhen, weil es viel zu wenige Arbeitskräfte gibt, und da der nächste Abschwung schon am Horizont drohen könnte, wäre es ja geradezu Wahnsinn, den Leuten mehr zu zahlen als unbedingt nötig.

Und betriebswirtschaftlicher Unsinn ist es auch, aber das wissen Sie ja. Wir haben schließlich eine Verantwortung für den Markt, und gerade wir im Einzelhandel sollten uns dessen immer bewusst sein. Wir kalkulieren nach dem Minimalprinzip: so wenig wie möglich ausgeben, damit wir den Vorteil auch weitergeben können. Das sichert Marktanteile, und damit ist es auch sozial verantwortlich, weil es Arbeitsplätze sichert. Kommen Sie noch mit? Ein Beispiel: wir können die Verkaufspreise für Fleisch nicht beliebig gestalten, weil wir da nicht genügend Kontrolle haben, deshalb müssen wir einen Teil der Kontrolle abgaben an die Produzenten. Wie die ihre Ware erzeugen, das entzieht sich letztlich unserer Kenntnis, deshalb können wir das ja auch nicht kontrollieren. Vermutlich haben die da ihre eigene Kalkulation, aber uns geht das gar nichts an, wir brauchen dann eben nur den Preis für das Produkt, und da setzt dann unsere eigene Betriebswirtschaft an. Wenn wir den Preis nicht optimieren können, dann gefährden wir Arbeitsplätze, und letztlich werden wir damit unserer sozialen Verantwortung nicht mehr gerecht.

Das ist ja auch alles ganz schön, wenn sich die Politik hier einmischen will und wenn sie einen allgemeinen Tarifvertrag für den Einzelhandel fordert, aber Sie müssen bedenken, wir haben einen durchaus funktionsfähigen Markt, unsere Branche ist stark, zum Teil sind unsere Börsenkurse gerade extrem stabil, wenn wir uns gerade konsolidieren müssen, und dann müssen Sie auch an die Zukunft denken, denn wir brauchen auch für andere Lagen noch ausreichend Mitarbeiter, damit wir den Markt versorgen können, ob mit Pandemie oder ohne. Da müssen Sie als starke Branche auftreten und den Bewerbern sagen können: unsere Jobs sind so systemrelevant, dafür gehen Kunden sogar auf den Balkon und klatschen. Oder was meinen Sie, wie man so einen Konzern in die Gewinnzone führt?“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CXCIII): Der Anspruch der Eliten

26 04 2013
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Ein Gespenst geht um in Europa, vielmehr: es überholt auf der rechten Spur, hält den Mittelfinger aus dem Fenster und betrachtet die Straßen als sein Eigentum. Wehe, ein anderer wagte es, bei Rot zu bremsen. Wie der Henker führe der Lenker drein, fuchsteufelswild, unbelehrbar, da nicht weiter an der Realität interessiert. Die Welt gehört ihnen, den selbst ernannten Eliten, aber sie können nicht einmal damit umgehen.

Kein Tag vergeht, ohne dass das Geheul der angeblichen Oberschicht durch die blühenden Landschaften zetert. Ihre Wehleidigkeit, sich nicht an die Spielregeln halten zu wollen, auch wenn sie sie selbst geschrieben haben sollten, ist ein peinlicher Auswuchs der Ichlingspest. Jäh greint es durch Wald und Flur, das rumpelstilzt sich einen, da sie sich stärker an den Kosten der Allgemeinheit zu beteiligen haben – wer denn sonst, möchte man fragen, etwa die Obdachlosen? die Niedriglöhner und die Erwerbsunfähigen? Sie leben nicht von der Sahne, ohne den Pöbel zu beschimpfen, der ihnen den Kuchen nicht schenken will.

Die blühende Landschaft ist für sie wie ein Selbstbedienungsladen, mehr noch: ein Paradies für Ladendiebe und Zechpreller. Sie, die gleicher sein wollen als die anderen, fordern Vorzugsbehandlung, weil sie wie andere sein wollen. Sie benutzen Stadtgrün und Zebrastreifen, erwarten von der Polizei, dass sie den Verkehr regelt, bei Einbruch und zerkratzten Kotflügeln ermittelt, sie erwarten, dass der Richter für sie den Dieb verknackt und der Justizvollzug ihn einsperrt. Sollte es brennen, warten sie auf die zu diesem Behufe vorgesehene Feuerwehr. Bei der alljährlichen Flutkatastrophe halten sie das Eingreifen von Zivilschutz und Bundeswehr für eine Selbstverständlichkeit. Sie wünschen Papierkörbe im Weichbild und Kunst am Bau, Straßenbeleuchtung, Kanalisation und Parkuhren, Gewerbeförderung und Denkmalschutz. Wenn nicht, dann beschweren sie sich, dass der Staat für alles Geld schmeißt, nur nicht in ihre Richtung. Wobei sie sich auch beschweren würden, wenn er das Geld schmisse. Oder in ihre Richtung, aber nicht genug. Sie würden, tönt’s aus der zufälligen Zusammenrottung am oberen Ende der Vermögensverteilung, mit Pech und Fackeln aus dem Land getrieben. Was für ein elender Hirnplüsch, der ihnen aus der Rübe rattert.

Denn der Anspruch der sogenannten Eliten ist es eben nicht, diesen angeblich unwirtlichen Staat zu verlassen und sich in irgendeiner von Wirbelsturm und Erdbeben, Militärdiktatur und Malaria bedrohten Operettenrepublik mit quietschbunten Cocktails unter die Palme zu pflanzen, sie hieven nur ihre Kohle über den Äquator und schätzen ansonsten eher den Nieselregen der norddeutschen Niederung sowie dessen optisches Pendant, die Halsfalten der Kanzlerin.

Klassischerweise sind es eben die Eliten, die im Vollbewusstsein ihrer Deutungshoheit das unterste Dezil als Schmarotzer abtut, gesellschaftlich nicht integrierbare Randfiguren, die jede geregelte Arbeit kategorisch ablehnen, den Staat und seine Organe zutiefst ablehnend, gleichwohl sie ohne ihn vollkommen aufgeschmissen wären, da sie allein von seiner Gnade abhängig sind, um ihr Leben zu fristen. Womit sich die Vermögenden hinreichend selbst beschrieben haben dürften.

Denn sie sind nicht nur von der Feuerwehr und den Wasserwerken abhängig, sie müssen darauf vertrauen, dass die Großwetterlage stabil bleibt, ohne Erschießungskommandos, Weltrevolutionen, Sozialismus und, horribile dictu, Steuererhöhungen. Sie müssen darauf vertrauen, dass der Staat den gesellschaftlich überflüssigen Reichen nicht die Knute überzieht, dass er Eigentum schützt und ihr Lebensmodell nicht als illegal bezeichnet. Sie müssen darauf vertrauen, dass sich die Gesellschaft aus lauter Liberalität eine Schicht leistet, die netto Verluste einfährt und nicht fähig ist, dies zu ändern.

Möglicherweise haben sie selbst schon vom Hauslehrer auf dem Stammsitz des Geschlechts ihr Schulwissen unter die Kalotte geschwiemelt bekommen, möglicherweise popeln sie auf privaten Internaten ihren Nachgeburten ihre verquere Ideologie ins Hirn, doch wenigstens mittelbar sind sie ohne das öffentliche Bildungswesen komplett aufgeschmissen. Ohne Regel- und Hochschulen hätten sie weder Rechtsanwälte noch Schönheitschirurgen, die sie vor der Wirklichkeit in Schutz nehmen, von Steuerberatern noch zu schweigen. Sie hätten keine staatlich geplante und gebaute Bundesautobahn, um die Karre vollstoff über den Asphalt zu jagen. Sie hätten nicht einmal den staatlich subventionierten Billigstrom aus Kernreaktoren, um den Großbildfernseher und die elektronisch gesteuerte Haustechnik zu betreiben. Vermutlich würden sie an der roten Ampel gleich mal übergemangelt, höchstwahrscheinlich, weil keiner sehen würde, dass sie rot ist – ist sie auch gar nicht, sie fehlt ja gleich ganz, und der Notarzt, der die Reste des Sozialopfers in einen Eimer schmeißt und ins Universitätsklinikum karrt, ist auch gleich mit ausgewandert. Das Leben ist bekanntlich hart, ungerecht, teuer, und am Ende geht man tot.

Man sollte denen, die ihre Steuern nicht fürs Gemeinwohl blechen wollen, ihren sehnlichsten Wunsch erfüllen und sie unter Androhung von Materialkaltverformung im Gesichtsschädelbereich über die Grenze verfrachten. Endlich sind sie des Jammertals ledig, ihr Kapital haben sie immer bei sich, was kann’s schöner geben? Sie werden jäh bemerken, dass sie, da unter ihresgleichen, mit erhöhter Gesindeldichte zu rechnen haben. Wir werden es verschmerzen. Nur keine Neiddebatte.