Trinkgeld

12 07 2021

„… oft zu ungeklärten Todesfällen gekommen sei. Die Leitung des Klinikums habe allerdings darauf hingewiesen, dass die verdächtige Pflegerin über finanzielle Schwierigkeiten geklagt habe, die durch ihr geringes Entgelt und die…“

„… nicht im Einzelhandel angekommen sei. Die Gehälter der Beschäftigten in den Supermarkt- und Discounterkonzernen seien nicht gestiegen, es habe allerdings auch noch keine Todesfälle beim Kampf um Trockenhefe oder Toilettenpapier in der…“

„… steige allein in Hessen die Zahl der Fehler im OP-Bereich signifikant an. Der Bundesminister für Gesundheit sehe aber keinen Zusammenhang mit den Verhandlungen über einen Tarif für die Pflegerinnen und Pfleger im…“

„… nicht bekannt sei, obwohl die Belastung für Feuerwehrleute gerade durch die zunehmenden Waldbrände und Überschwemmungen ständig ansteige. Keine Wehr habe bisher mitgeteilt, dass sie aus Überlastung nicht zu Unfällen ausgerückt oder sich absichtlich zu einer schlechten…“

„… dass die zunehmende Unzuverlässigkeit in der Anästhesiepflege sich nicht ausschließlich auf den aktuellen Urlaubsstopp im Kreiskrankenhaus zurückführen lasse. Es habe auch im Bereich der Intensivpflege sowie auf der COVID-Station einige strittige Fälle gegeben, die nicht durch den…“

„… auch für Notfallsanitäter nicht zutreffe. Die mangelnde Aufstiegsmöglichkeit habe noch keine Mitarbeiter dazu gebracht, sich absichtlich mit dem Rettungswagen zu verfahren oder einen Einsatz nicht mit der notwendigen…“

„… berichte die Springer-Presse wie immer sehr unsensibel über eine Reihe von Todesfällen durch verunreinigte Folgemilch. Es dürfe jetzt kein Druck auf die Klinikkonzerne aufgebaut werden, da die angestrebte Rendite keine Entgeltsteigerungen mehr zulasse, die für die Sicherheit im…“

„… Busfahrer bisher nicht vermehrt Unfälle provoziert hätten, da sie mit einem zu geringen Trinkgeld bedacht worden wären. Eine Kausalität zwischen Überschreitung der Lenkzeiten, die zum Teil auch durch die Arbeitgeber unter Androhung einer betriebsbedingten Kündigung verursacht worden sei, und der Neigung zu schweren Unfällen bei einer Geschwindigkeit oberhalb von…“

„… es die Krankenkassen ablehnen würden, die Kliniken noch genauer zu kontrollieren. Eine wie bisher stichprobenartig ausgeführte Nachschau nach schriftlicher Anmeldung mit Terminbestätigung sei ausreichend, um die Qualität der Pflege in den meisten Häusern mit einer durchschnittlichen…“

„… dass Paketboten unter den Bedingungen der Pandemie erhöhte Flexibilität und Ausweitung ihrer Arbeitszeiten hätten zugestehen müssen, dies aber oft aus Liebe zu ihrem Beruf nicht hätten aufgeben wollen, um keine volkswirtschaftlichen Schäden zu…“

„… weniger im öffentlichen Fokus stehen solle. Es würden vermutlich weiterhin Unfälle auf der Station geschehen, die man aber nicht durch die Einstellung zusätzlicher Pfleger oder eine bessere Ausstattung mit…“

„… das Taxigewerbe einer Reglementierung im Hygienebereich unterliege. Man erwarte jedoch keine Bluttaten, sofern die Gäste freiwillig auf der Rückbank Platz nähmen, sich nicht durch kritische Nachfragen oder eine…“

„… warne Spahn vor mafiösen Strukturen im Gesundheitswesen. Er meine damit aber nicht seine eigenen Geschäfte mit Masken, sondern Pfleger, die angeblich Bargeld von Patienten nähmen, um diese nicht mit falschen Medikamenten oder einer…“

„… vielen anderen Personen gar nicht klar sei, dass die meisten Küchenbauer mit ihrem Beruf ohnedies schon intellektuell überfordert seien. Man wolle die hoch qualifizierten Fachkräfte daher nicht auch noch mit Gesichtsmasken oder einem…“

„… die Gehälter kürzen wolle. Der Konzern sei bemüht, die Qualitätsstandards aufrecht zu erhalten, habe sich aber dazu entschlossen, die Bezüge schon vor dem Auftreten der ersten gravierenden Fehler zu verringern, um die Drohung gegenüber dem Pflegepersonal so klar wie möglich zu…“

„… ein hohes Risiko tragen würden, das der Öffentlichkeit so gar nicht bewusst sei. Um auf die psychische Gesundheit von Investmentbankern Rücksicht zu nehmen, seien auch ihre Gehälter in der Diskussion, da viele von ihnen immer noch für ihr Geld arbeiten und Steuern zahlen müssten, was sie bei ihren Kunden in einem schlechten…“

„… dass viele an Corona verstorbene Patienten in Wahrheit pflegerischem Fehlverhalten zum Opfer gefallen sein könnten. Streeck habe noch keinen Beweis, aber dies sei für ihn Beweis genug, da er wisse, dass er recht habe, weil er die…“

„… Erzieher schon deshalb nicht besserstellen könne als andere Berufe, da sie keine akademische Ausbildung erhalten hätten. Es widerstrebe einem Großteil der Bevölkerung, dass Kindergärtnerinnen wie Ärzte oder Rechtsanwälte zu…“

„… Pflegerinnen und Pflegern bei einer nicht geplanten gesundheitlichen Verschlechterung die Mehrkosten grundsätzlich vom Gehalt abgezogen werden müssten. Spahn sehe hier einen starken finanziellen Anreiz, eine bestmögliche Versorgung für alle Patienten in den privaten…“

„… die Abgeordnetendiäten in Deutschen Bundestag regelmäßig zu erhöhen seien. Viele der Parlamentarier seien inzwischen so stark durch ihre Beschäftigung belastet, dass sie für bezahlte Nebentätigkeiten überhaupt keine…“





Verwünschtes Glück

30 01 2011

für Erich Kästner

Im Himmel ist jetzt Jahrmarkt. Für die Reichen,
die täglich Himmel haben, ist das nett,
weil ihre Tage sich so schrecklich gleichen.
Nie hungern sie. Nie frieren sie im Bett.

Wie traurig ist das, wenn man Zuckerwatte
und Karussell und immer Sonntag hat.
Man sehnt sich nur herbei, was man nie hatte.
Und findet man es dann, weint man anstatt.

Was gäben diese Kinder, sie besäßen
nur einmal täglich Armut, Not und Leid!
Dann gingen sie nach Hause und vergäßen.
Vorbei das Mitgefühl, vorbei ihr Neid.

Es geht ja alles weiter, auch das Leben.
Das streift man ab, wie man die Schuhe putzt.
Am nächsten Tag hat man sich schon vergeben.
Wozu der Himmel, wenn man ihn nicht nutzt.





Todsicher

28 10 2010

Die Herbstsonne schien mild auf den Rasen. Unter der Kastanie häuften sich aufgeplatzte, stachelige Hüllen. Braun erglänzten die Früchte. Die Vögel zwitscherten. Ein letzter Schmetterling gaukelte durch die Luft. Glaskow nahm einen letzten tiefen Zug aus seiner Zigarette, drückte sie in den großen Kristallteller und schritt auf die Tür zu. Der Boden knackte kalt unter seinen Schuhen. Ihn fröstelte.

Die cremefarbene Fassade reflektierte die Sonne ein bisschen. Schoppmanns hatten ihren Bungalow sofort nach dem Einzug schwarz verklinkern lassen. Weiter rechts wuchs eine gewaltige Hecke. Kaum jemand wusste, wer sich dahinter verbarg. Nur wenige waren noch wach und lauschten auf, wenn die schweren Limousinen durch das eiserne Gatter rollten. Manche sagten, das rotbraune Haus gehöre einem Milliardär, der alle Wochen wieder eine neue Kurtisane dort unterbringe; andere behaupteten, es residiere dort ein ehemaliger Minister, in elf Staaten als Kriegsverbrecher gesucht und in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Einer, vielleicht auch zwei ahnten, dass das eine das andere nicht ausschließen müsse. Glaskow blinzelte in den Himmel, der wie dünnscherbiges Glas hinter trüben Wolken lag.

„Das kann da aber nicht liegen.“ Der fette Mann riss ihn aus der Stille. Behäbig wie ein großer Gartenzwerg stand der Alte an der Rasenkante und zeigte mit dem Finger auf das Kinderrad,.das dort auf dem Grün lag. Glaskow lief bedächtig an dem kleinen, metallenen Gegenstand vorbei, streifte den glitzernden Rahmen mit einem nachlässigen Blick, und schon stand er dem Mann gegenüber. „Sie, das kann hier nicht…“ „Kann es nicht?“ Scharf sah er den Eindringling an. „Ich meine“, stammelte der Fette, „das ist doch ein Kinderfahrrad, und wer hat denn hier ein Kinderfahrrad, und es gehört sich ja nicht, wenn so ein Kinderfahrrad…“ „Schnauze“, zischte Glaskow. „Das ist mein Haus, das ist mein Rasen. Das Rad gehört meiner Tochter. Es gehört mir. Hören Sie?“ Seine Augen loderten. „Mir! Das hier gehört mir!“ „Aber wie sieht das denn aus“, begehrte der Mann auf. „Schauen Sie, ich will Sie nicht kritisieren – aber Sie sehen doch…“ „Mir!“ Glaskow hatte einen Satz auf ihn zu gemacht und packte den Mann am Arm. „Das ist mein Haus“, schrie er, „das ist mein Grundstück, auf dem Sie stehen! Verschwinden Sie, oder ich werde…“

Mit fahrigen Fingern zündete Glaskow eine neue Zigarette an. Fast zwei Jahre war das nun so gegangen. Zwei Jahre, in denen man sie ignoriert hatte, freundlich gegrüßt und kurz vor dem ersten Jahrestag ihres Zuzugs als neue Nachbarn bemerkt. Zwei Jahre, in denen Glaskow versucht war, den Konzertflügel im Terrassenzimmer mit dem Beil zu zerhacken, nur um zu sehen, ob jemand den Lärm bemerkt hätte. Zwei Jahre, in denen er von seinem Nachbarn nur wusste, dass es sich um jemanden handelte, der sein Haus noch nie betreten hatte. Ein Dutzend Afrikaner versorgte das Anwesen, doch mehr war nie zu sehen gewesen. Verhältnismäßig wenig, wo kaum so viele ständig hier lebten.

Das kleine Kästchen an der Tür surrte. „Sergej Andrejewitsch“, krackste die dünne Stimme aus dem kleinen Lautsprecher, „ich bin’s. Dekabr!“ „Dekabr“, antwortete Glaskow hastig und drückte auf den weißen Knopf. Irgendwo am Tor löste sich jetzt die elektrische Sperre und ließ Nikolai Iwanowitsch Sadowkin eintreten.

„Kalt geworden“, sagte Sadowkin und trat in die geräumige Halle. Der Kamin an der Westseite gab dem Haus ein ungewohnt altmodisches, wenngleich behagliches Ambiente. Zwei kleine, schmucklos gerahmte Gauguins gaben der hellen Vertäfelung die Farbigkeit zurück. An der Ostseite stand ein zierlicher Sekretär, daneben einer der acht Louis-Quatorze-Stühle, gegenüber das Stehpult. „Vera und die Kleine?“ „Sind zu Hause“, gab Glaskow dumpf zurück. „Klar“, meinte Sadowkin. „Natürlich.“

Glaskow stand an der Fensterfront, die Hände in die Taschen vergraben. „Zwei Jahre“, presste er hervor. „Gottverdammte Scheiße, zwei Jahre. Zwei Jahre!“ „Komm“, sagte der Andere besänftigend, „Serioscha, komm – es ist ja vorbei. Du hast es Dir vielleicht einfach vorgestellt hier, aber es ist ja vorbei.“ „Zwei Jahre“, presste Glaskow mit kaum gedämpftem Hass hervor. „Nika, sie haben mich und Vera – das Kind – uns hier gehalten wie im Knast. Hinter Zäunen und Mauern. Es war zum Kotzen.“ Sadowkin lächelte. „Siebentausend pro Monat, dafür kann man eine gewisse Sicherheit verlangen.“ „Nein“, entgegnete Sergej, „das war es nicht. Wenn Du weißt, einen Kilometer weiter ist der Wohnturm für die Fabrikarbeiter, die nur einmal im Monat Freigang haben. Wenn Dir klar ist, dass Du nur einen Knopf auf dem Telefon zu drücken brauchst, und schon kommen bewaffnete Truppen, die jeden niederschießen, den sie nicht als Gast identifizieren können. Wenn Du einmal begriffen hast, dass sie nichts begriffen haben. Dass sie sich eingrenzen und damit ausgrenzen.“ Nika blickte stumm auf den Boden.

„Ich habe es nie ausgehalten“, begann Glaskow, „denn die Bediensteten kamen von draußen. Frau Webler war unser Hausmädchen. Eine liebe, gute Frau.“ Er zeigte auf eine Kinderzeichnung neben dem Sekretär. „Schau, sie hat einen kleinen Sohn. Er hat sich so gefreut, als wir im Zoo waren. Die Elefanten. Nika, ich habe nie ein glücklicheres Kind gesehen.“ „Ja, ich verstehe.“ Sadowkin spürte, wie es hinter seiner Stirn zu hämmern begann. Diese Jahre, sie waren auch ihm ein Albtraum gewesen. Zeit, die ihn zur Bewegungslosigkeit verurteilte, ohne Bewährung, ohne mildernde Umstände. Er hatte das Urteil annehmen müssen, und er hatte gewartet, in Tuschino, wo die anderen waren, die man als Ingenieure ausgebildet hatte, Schnittke und Hartmann. Immer diese Zeit, die wie ein Mühlrad anfing, wenn sie hatte aufhören wollen. „Du kannst ihr nicht einmal die Kleider von der Kleinen geben. Sie wird alleine sein.“ „Ich weiß nicht, was mit ihr geschieht.“ Sergej Andrejewitsch drehte sich abrupt um. „Hoffentlich überlebt sie es. Sie hat ja nichts getan.“ „Natürlich nicht“, bestärkte ihn Sadowkin. „Natürlich nicht.“

Mit einem trockenen Schnalzen sprang die Feder auf; der Sekretär gab sein grünes Tuch preis. „Du weißt, worauf es ankommt. Dies ist der Code. Du kennst den Lageplan. Es sind noch knapp zehn Minuten. Reicht es? Ist es genug? Wird es gehen?“ Nikolai Iwanowitsch streifte die Handschuhe über. „Sechshundert Schuss. Es wird reichen.“





Lasse reden

17 02 2010

Natürlich sprach man vom Wetter, die Olympischen Spiele bildeten einen gewissen Grundstoff für die täglichen Unterhaltungen, auch die Politik kam hie und da im Smalltalk vor. Doch die Bundesbürger waren es Leid. Keine Schlagzeile, keine Talkshow, keine Anschlagsäule in ihrem Land kamen aus ohne das Getöse des Doktor Guido Westerwelle. Als eine Boulevarddrucksache ihr Format vergrößerte, um in 380 Punkt Helvetica halbfett die Headline Schmarotzertum gewuppt – geht doch einfach arbeiten, Ihr Dreckschweine! zu publizieren (die vom Bundesverband der Investmentbanker hernach scharf kritisiert wurde), platzte dem Volk einfach der Kragen. Es war überfüttert. Es wollte nicht mehr. Es sehnte sich am Aschermittwoch nach Einkehr, Umkehr, Konzentration. Die ganze Nation begann die Fastenzeit mit dem festen Entschluss, den Außenminister zu ignorieren. Komplett.

Schlagartig wurde vielen Menschen bewusst, dass es wichtige Dinge gab, viele wichtige Dinge. Die Deutsche Bahn AG gab auf einem Meeting, dessen Location gerade noch rechtzeitig vom Key Account Support kommuniziert werden konnte, die Zusage, man werde im Bereich Service & Administration in 2011 nur noch neue denglische Begriffe nutzen, wo sie Sinn machten. Diese Info kam natürlich mit anderthalb Stunden Verspätung. Am Rande der Veranstaltung lud Guido Westerwelle zu einer Pressekonferenz, um den Reportern zu erklären, warum er die Halbierung der Grundsicherung für Kinder als historisch einmalige Chance zur Anhebung des DAX hielt. Keiner kam.

In Folge der Abwrackprämie gerieten zahlreiche Unternehmer in Schwierigkeiten; entscheidende Umweltgesichtspunkte waren bei der Durchführung der Umweltschutzmaßnahme aus wirtschaftlichen Gründen einfach ausgeblendet worden. Alles lief nach Plan. Das Bundesumweltministerium zeigte sich erleichtert; die Nordhalbkugel des Pluto war seit Jahren erheblich heller geworden, so fühlten sich die Bundesbürger mit ihren Umweltbedenken dem Rand des Sonnensystems gleich viel näher.

Eine neue wissenschaftliche Studie ergab, dass Online-Kriminelle vorwiegend Unvorsichtige als potenzielle Opfer aussuchen. Ein deutsch-dänisches Konsortium kündigte für die laufende Dekade die Erfindung des Schnittbrots an. In seinem Podcast beklagte Guido Westerwelle die Impertinenz von Objektschützern und Gebäudereinigern, ihre Bezüge auch noch auf Hartz-IV-Niveau anheben zu wollen. Das permanente Nassauern dieser Schicht sei zum Skandal ausgewachsen, denn es untergrabe die Moral anständiger Menschen; die ersten Erben und Großaktionäre befänden sich in ärztlicher Behandlung, um perverser Neigungen Herr zu werden – sie wollten für Geld arbeiten. Britney Spears brachte ein neues Album heraus. DJ Ötzi brachte ein neues Album heraus. Der Wendler brachte ein neues Album heraus. In Bottrop lief ein Erfolgsstück an, das hervorragende Kritiken erntete. Die Musik war aus den bisher grassierenden Musicals bekannt, die Handlung entstammte dem Adressverzeichnis von Bad Bevensen und der Packungsbeilage eines Akarizids für den Obstbau.

Überhaupt änderte sich der kulturelle Diskurs in Deutschland. Hatten vorher Knut und Flocke die klimapolitische Bundespolitik in den Hinterköpfen wach gehalten, so entzückte Flachlandtapirmädchen Lola die Leipziger Zoobesucher mit ihrem aparten Tarnkleid. Kinder quengelten nach Kuscheltieren, die Couture entdeckte Streifendessins in Senf und Kastanie, berüsselte Unpaarhufer glotzten träge von Logos und Ladenschildern. Die von der FDP vor der Bundestagswahl gekaufte Titelseite der FTD kündete, dass die Dekadenz der Lohnabgreifer in der deutschen Soziallandschaft bereits furchtbarste Schäden für die Weltwirtschaft gebracht hatte. Sodom und Gomorrha, die Völkerwanderung, der Schwarze Tod, der Ausbruch des Krakatau und 9/11 seien bloß Folgen der Gier, mit der das Parasitenpack Luxus wie Miete und Heizkosten finanzieren wollten – dies sei die Meinung des Volkes und daher zwangsläufig wahr.

Im Käse fanden sich Bakterien, in Mittelklasse-Limousinen Gaspedale. Der umgekehrte Fall wäre wirklich unerhört gewesen, doch schon die jetzige Konstellation führte zu Rückrufaktionen. Die Justizministerin wollte davon abgesehen ohnedies die Sicherungsverwahrung neu regeln. In Dubai wurden keine Löhne mehr ausbezahlt. Kim Jong Il feierte Geburtstag. Die nordrhein-westfälischen Liberalen bedauerten zwar die sozialistischen Verhältnisse Nordkoreas, begrüßten aber generell ein enges Verhältnis von Wirtschaft und Staat. Das befruchtete Westerwelle zu der Idee, auf seiner Wahlkampfreise eine Trittleiter mitzuführen. So erklomm er auf der Kö den Aufstiegsapparat, um unter Wackeln und Klappern in die Gegend zu blöken: Freiheit, das sei in dieser Republik die Entscheidung zwischen Verhungern oder Erfrieren.

Überwiegend sonnige Abschnitte wechselten sich ab mit Schneeregen und windigen Passagen. Frank Schirrmacher verstand die Wetterkarte nicht und geißelte den Machtverlust der Astrologen in einem meisterhaften Essay, der gar nicht erst gedruckt wurde, weil ihn ohnedies keiner würde nachvollziehen können, wie Schirrmacher meinte.

In einem Akt der Verzweiflung riss sich Guido Westerwelle in Köln an einem lauen Märzmorgen die Kleider vom Leib und rannte kreischend über die Domplatte. „Huldigt mir“, krähte der deutsche Chefdiplomat, „betet mich an! Das Gesindel soll meinen Namen mit Ehrfurcht stammeln, wenn ich nach ihm trete! Ich bin Gott!“ „Ey, Do Klapskalli“, raunzte der Punk zu seinen Füßen und hob seine Bierflasche, „datt is vielleicht mein Revier?“ Sein Schäferhund knurrte bedrohlich.

„Und an uns bleibt dann wieder die ganze Scheiße hängen.“ Bernd Piasecki war sichtlich verärgert. Der Wagen hatte bereits seit Anfang April widerrechtlich in der Bonner Tiefgarage geparkt. Der Halter hatte sich anhand des von innen an die Frontscheibe geklebten Abschiedsbriefes leicht finden lassen, aber er antwortete nicht. Dafür musste man nun einen nicht mehr ganz frischen Fahrer aus der Dienstlimousine schälen. „Das sind die feinen Herrschaften“, schimpfte Piasecki, „kein Handschlag zuviel – was für ein dekadentes Volk!“





Schlossallee

8 10 2009

Ich fand Siebels hinten im Transporter, den man zu einem Regiewagen umgebaut hatte. Er reichte mir einen Kopfhörer und einen Becher Kaffee. Ich zog den Kopf ein und krabbelte auf den Sitz neben ihm. „Unsere Begleiterin, Frau Bornekamp-Wienstroth, Sie haben sich sicher bei der Vorbesprechung kennen gelernt.“ Auf dem Monitor verfolgte ich, wie die junge Sozialpädagogin durch die Gänge einer Einkaufspassage irrte. Ein Kamerateam begleitete sie und ihren Schützling unauffällig.

„Und jetzt Halbtotale“, befahl der TV-Macher. Die Kamera zoomte heran und ich sah, wie ein junger Mann in abgetragener Jeansjacke aus dem Geschäft kam. Was Marcel Möhrlich – die eingesuperte Bauchbinde teilte mir nicht nur seinen Namen mit, sondern auch die Tatsache, dass er Investmentbanker war – nicht bemerkte, waren die Verkäuferinnen, die ihn argwöhnisch, aber sehr dezent bis knapp vor die Ladentür begleitet hatten. Bornekamp-Wienstroth nahm ihn in Empfang. „Was meinen Sie“, schnöselte der Kohlearbeiter, „kleines Schampüsschen? Ich lade Sie ein. Sollen ja auch nicht leben wie eine Beamtin.“ „Ich dachte, Sie setzen hier Manager und Anwälte und Bänker auf Hartz IV?“ „Genau das“, bestätigte Siebels, „sie bekommen den Regelsatz und sollen sehen, wie sie fertig werden.“ Möhrlich ließ an der Fressgasse die Korken knallen. Die Bedienung blickte etwas pikiert, servierte aber anstandslos zwei Gläser Schaumwein. Nur das übrige Publikum, Anzüge in der Mittagspause, drehte sich angewidert um. „Und wie bezahlt dieser Schmierlappen Champagner von seinem Regelsatz?“ „Das ist nicht mein Problem“, kicherte der Regisseur, „er hätte eben besser aufpassen müssen. Wir haben ihm gesagt, dass er mit dem Geld einen ganzen Monat lang überleben soll. Wenn er es in einer Stunde verprasst, hat er halt Pech gehabt.“

Das zweite Team fing eben den CEO eines Großhandelskonzerns ein, der sich der nächsten Pflichtaufgabe stellen musste. Er sollte den Wocheneinkauf für eine dreiköpfige Familie erledigen. Geduldig nahm ihm der Coach Pfifferlinge und tiefgekühlte Wachtelbrüstchen wieder aus dem Wagen. „Und das soll zeigen, dass diese Großverdiener kein Verhältnis mehr zum Preisgefüge haben?“ „Das soll zeigen, dass sie die Bodenhaftung verloren haben“, replizierte Siebels trocken. „Ein Kilo Pfifferlinge für drei Personen – er wird die Hälfte wegwerfen müssen, und diese Standpauke wird ihm die Hauswirtschaftslehrerin am Ausgang halten.“

Inzwischen hatte Möhrlich die Blicke um ihn und auf ihn bemerkt. Er wollte den letzten Rest des Regelsatzes in ein italienisches Edeljackett anlegen. Bornekamp-Wienstroth seufzte. Sie erklärte ihm nochmals die Spielregeln, aber der Geldverbrater hörte ihr einfach nicht zu. „Sie meinen also, das sei besonders einfallsreich?“ Siebels stutzte. „Warum denn nicht? Wir haben selten ein derart simples Format produziert. Es ist derart durchsichtig, dass man sich schon fast schämen muss. Jeder kapiert es. Nun ja, fast jeder. Die Hauptdarsteller nicht.“ „Sie schleppen Banker und Manager“, sagte ich, „die sich sonst mit einem 500-Euro Schein den Hintern abwischen, für einen Tag lang in die Welt eines sozial Benachteiligten, und machen ihn damit zum Gespött, weil solche Leute die Bodenhaftung verloren haben. Was, Siebels, ist daran neu?“ „Dass diese Typen das Geld ausgeben, als wenn es nachwüchse, das erwartet der Zuschauer ohnehin“, antwortete er, „das haben wir noch nicht einmal berücksichtigt. Es trägt die Storyline ein bisschen weiter, aber erheblich ist es nicht. Viel wichtiger ist der Umstand, wie sie es tun. Sie bekommen das Geld anderer Menschen in die Finger und verjuxen es sofort. Sie schmeißen es einfach weg. Es ist ein Spiel, verstehen Sie?“ Ich sah ihn bitter an. „Um das herauszufinden, müssen Sie diese Sendung produzieren? Das hätte ich Ihnen vorher sagen können.“ „Schauen Sie, es geht auf.“

In der Tat hatte Möhrlich einfach weiter in der Luxusboutique herumgesucht und allerlei an die Kasse mitgenommen, Schuhe, eine Seidenkrawatte, einen Schlangenledergürtel, Manschettenknöpfe, einen Mantel, einen sandfarbenen Kaschmirschal. Er ließ die irritierte Verkäuferin alles abziehen und verwies dann auf die Sozialkindergärtnerin. Doch die weigerte sich einfach. „Sehen Sie genau zu. Er wird aggressiv. Es ist ein Spiel, aber er hat die Regeln nicht begriffen. Und jetzt will er sie nach seinen Vorstellungen ändern.“ „Siebels, Sie wissen so gut wie ich, dass das ganze Experiment in ein paar Minuten vorbei ist. Er hat die Kohle verprasst und sich ein bisschen blamiert, aber das wär’s für ihn dann auch gewesen. Wo bleibt die Moral?“

Er lehnte sich zurück und betrachtete ganz genüsslich, wie Bornekamp-Wienstroth den sauren Geldhai aus dem Laden führte. „Der pädagogische Effekt setzt ein, wenn man die Geschichte vom Ende her betrachtet.“ „Sie meinen, der Zuschauer würde erst jetzt…“ „Ach was“, unterbrach er mich, „was hat denn der Zuschauer damit zu tun?“ Die Sozialnanny zog ein Papier aus der Tasche und gab es Möhrlich. Der lachte und versuchte einen Witz. Dann erstarb sein schmieriges Grinsen. Er zitterte. Schließlich brach er in Tränen aus. „Was hat das zu bedeuten?“ „Der pädagogische Effekt, wie ich Ihnen bereits sagte. Hier sehen Sie ihn.“ „Das war nicht das Ende?“ „Wie man’s nimmt“, lächelte Siebels und gab dem Kameramann ein Zeichen, „wie man’s nimmt. Er hat soeben seine fristlose Kündigung bekommen.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (XXIV): Krawalltalkshows

11 09 2009
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Tatort: eine beliebige Kneipe nach Einbruch der Dunkelheit, randvoll mit Randvollen. Angeheizt vom Doppelkorn lallen sich die Angehörigen des Bildungs- und Geschmacksprekariats die Reste ihres verkorksten Lebens zwischen Arge und Abtreibungsberatung in die blutenden Ohren, bis das letzte Sprachzentrum unter dem Druck des Dummfugs implodiert und Platz schafft für noch mehr Stroh unter der Fontanelle. Szenenwechsel. In der Selbsthilfegruppe bekennt der Bodensatz der von Hirnzellenatrophie befallenen Patienten, dass nach der jahrelang betriebenen Schädelentkernung alles im Arsch ist. Schemenhaft schwiemelt sich die Erinnerung an bessere Tage durch die Dachkammer, der Neuroblaster will zu gerne in die Welt aus Bier, Stütze und Barbara Salesch zurück, die ihm schon Minuten nach dem Tagesanbruch um die späte Mittagszeit ein strukturiertes Taumeln in den Abgrund ermöglichte.

Beides zu finden, die tägliche Scheiße zu leben und sie in einem immerwährenden Sprechdurchfall auf die anderen Behämmerten loszulassen, dieser sadomasochistische Seligkeitszustand gelang dem gemeinen Torfschädel in der kongenialen Synthese des Daily Talk, wo sich die Unterschicht wie im Schminkspiegel beim Verblöden zusah und nicht bemerken musste, dass sie selbst den letzten Anflug von Einsicht für kurzfristige Gesichtsprominenz hingab. Als hätte sich Rilke eine Klappstulle aus Welt und Gegenbild geschmiert, so molekular verzahnt pappte beides aufeinander und gab dem Bekloppten das gnädige Gefühl von Sicherheit.

Das Dysfunktionale, hier wird’s Ereignis. Wusste der durchschnittliche Vollspaten bisher noch nicht, dass die Mehrheit der Bundesbürger den optischen Körpergeruch zur Kunstform erhebt, hier erfährt’s der arbeitslose Unterstützer der Brauerei- und Zigarettenbranche dinglich, BILD-haft gar. Als litte der Schwachmat mit den IQ knapp unterhalb dem einer ausgestopften Bartagame unter einer schweren Vernunftallergie, so wird er von den Medizinmännern desensibilisiert: wenn die 20-jährige Mandy aus Kötzschenbroda nach fünf erfolgreich absolvierten Schwangerschaften endlich in der Lage ist, den sechsten Stecher per DNA-Test dingfest zu machen, beim Lügendetektortest aber weinend zusammenklappt, weil der Samenspender sich als Angehöriger eines feindlichen Volksstamms herausstellt – er geht bereits seit Jahren einer sozialversicherungspflichtigen Erwerbstätigkeit nach – dann hat sich der Empfang der Flachmannwellen gelohnt. Tränen lügen nicht, Rotz, Eiter und Blut werden rausgewienert vom zwischengeschalteten Waschmittel-Commercial, und das nächste Blödmanns-Quiz folgt auf dem Fuße: 500 Euro für die Frage, ob ein Jahr zwölf oder vierzehn Monate hat. Da könnte man schon mal ans Denken kommen, wären die letzten Synapsen nicht frisch verlötet.

Die Zementierung der Klassengesellschaft in Treue fest wird von den Blödblunzen bezahlt, als gäb’s einen Hauptschulabschluss zum Ausmalen in der ersten Gewinnklasse. In der Unterbrechung der Werbepausen verfolgt das Unbildungsbürgertum das große Andere beim Ausleiern der Reizspirale, stellvertretend repräsentiert von bunt angemalten Blondgeschossen. Bad Britt löst unter eleganten Titeln wie Fettmagnet – An dir bleibt jede Pommes kleben oder 90–60–90 – Wozu brauche ich Abitur? die letzten Geheimnisse der aussterbenden Menschheit und klärt letzthinnig auf, warum man im Postkapitalismus als Teil der Ausschussware besser poppt und die Wurfprämie für die anwachsende Mobilfunkrechnung einsetzt. Dergestalt instruiert lehnt sich der Sedierte im Müll zurück und genießt die Selbstbespiegelung des Asozialen wie einen Themenwanderweg durch den Modder seines beschissenen Daseins: die Pappnase vor der Mattscheibe wird Konsument des eigenen Lebens und darf sich, als Ressourcen schonendes Recycling, von dem Brei ernähren, den sie auskotzt.

Doch damit ist Schluss. Die Sender säubern ihre Müllschlucker und sortieren das Trashangebot neu. Ab jetzt wird nur noch Qualitätsabfall in den Äther gehauen. Die Bescheuerten müssen ab sofort ohne Sozialporno als Masturbationshilfe für Eunuchen ihre Desolationshaft erdulden. Vorbei die Zeiten, in denen Andreas Türck, Arabella Kiesbauer, Bärbel Schäfer und Hans Meiser in die Verwahrlosung gekrochen kamen und Lebenshilfe bis zum Suizid gaben. Das Affektfernsehen hat ausgedient, nicht einmal Oliver Geissen hält es in den Tiefen des Triviallala, und hoffen wir, dass die Freakshows besser zwischengelagert werden als in der Asse, bevor 9Live den Dreck aufs Neue hochspült.

Allein der Brittstift klebt als letzte Bastion der geistigen Verelendung an der Restquote. Bald ist auch sie vom Radar verschwunden, sie werden ihre Visage entsorgen wie ein benutztes Kranichtütchen, und das Format aus Bescheuerten für Bekloppte wird vergessen. Was bleibt, wird der dauerblaue Couchhocker sein, festgewachsen im fleckigen Feinripp, urteilsfähig wie ein Reststoffsack und mit den Körperformen von Vera Int-Veen.