Nicht pflegeleicht

16 04 2018

„So, dann kommen wir mal zur Prüfungsfrage. Der Patient hat sich in den Finger geschnitten, Sie haben drei Dinge zur Auswahl. Ein Pflaster, ein Glas Essiggurken, eine Zahnbürste. Was tun Sie?

Jetzt machen Sie hier mal nicht auf dicke Hose, das ist doch eine klare Sache. Sie haben mit voller Absicht auf die Zahnbürste gezeigt, da darf man doch von einer gesellschaftsschädlichen Absicht ausgehen, oder? Also im Sinne eines bedingten Vorsatzes, wenn Sie es genau wissen wollen. Sie müssen sich immer klar machen, als Erwerblose sind Sie in Deutschland nicht so gerne gesehen, wenn Sie zu viel wissen. Wenn Sie zu wenig wissen oder so tun, fallen Sie nicht weiter auf, aber diese Tour, das System absichtlich zu torpedieren, das kommt gar nicht gut an.

Wir hatten ja schon diverse Bewerber hier, und wir hatten auch schon diverse Durchgänge. Bei der jetzigen Verteidigungsministerin, die war ja eher auf Kanonenfutter eingestellt, aber das kann auch sein, weil sie vorher Soziales und Familie gemacht hat, als Konservative kriegt man da gerne mal einen Hau, also im Klartext: da kriegten Arbeitsscheue vorher noch einen Kurs, wie man sich den Kittel anzieht. Den Scheiß können wir uns angesichts der aktuellen Personalunterbesetzung natürlich nicht mehr erlauben. Sie sollten sich also ein bisschen sensibilisieren für unsere finanziellen Ziele.

Natürlich ist das ein gesamtgesellschaftliches Problem, da haben Sie durchaus Recht. Als Bürgerin, die eine Transferleistung für Abgehängte kassiert – nehmen Sie mir das nicht übel, wir wissen schließlich beide, wovon wir sprechen, der Kostenträger hält Sie für ein asoziales Stück Scheiße, der Arbeitsmarkt hält Sie für ein asoziales Stück Scheiße, die Sozialversicherungen halten Sie für ein asoziales Stück Scheiße, und ich halte Sie auch für ein asoziales Stück Scheiße, so ein Arbeitsunfall ist nie selbst verschuldet, schließlich haben Sie mit Ihrer langjährigen Beschäftigung mehr als einem Dutzend Erwerblosen den Job weggenommen, da sollten Sie einfach mal demütig sein und die Fresse halten – also wie gesagt, wir sind ein Rechtsstaat, und das heißt im Klartext: wir haben einen Ermessensspielraum, Sie haben ein Problem. Soweit klar?

Das gesellschaftliche Problem besteht darin, dass wir Ihnen rein theoretisch sogar die Pflege Ihrer Angehörigen bezahlen müssten, wenn Sie die denn auf Grund eines gesetzlich garantierten Anspruchs durchsetzen wollten. Also noch mal im Klartext: Sie liegen zu Hause auf der faulen Haut, und nur weil Ihre demente Alte plötzlich gaga wird, wollen Sie auch noch Kohle dafür, was Sie für den Rest der anständigen Menschen in diesem Land, die Ihnen Ihre Miete zahlen, umsonst leisten könnten. Ich meine, das ist natürlich nicht durchzusetzen, wir haben mittlerweile eine Kuschelrepublik, wo jeder mit seiner Qualifikation sagen darf, was er gerne machen will, Streichelzoo, Ponyhof, Supermodel, und dann kommen auch noch diese Arschlöcher vom Bundesverfassungsgericht und geben denen Recht – wir sind ja wirklich bald in der DDR, wo jeder machen konnte, was er wollte, solange es der Führer nicht mitkriegte. Nerven Sie mich nicht mit historischen Details, Fräuleinchen, das zieht bei mir nicht. Ich bin auch Biodeutscher, und das hängt mir langsam zum Hals raus. Die Leute in diesem Land werden zusehends wie Menschen behandelt, das kann nicht mehr lange gut gehen.

Dass Sie im Transferbezug Pflegegeld kriegen, ist zwar skandalös, aber das lässt sich leichter in den Griff kriegen. Wir stellen einfach die Zahlung ein, obwohl wir wissen, dass Sie ein schweres Problem haben. Es ist auch nur eine Teilzahlung, die auf Ihre Bezüge angerechnet wird, und wir wissen, dass Sie in einem gesundheitlichen Zustand sind, in dem jede willkürliche Sanktion Ihre Existenz gefährden kann. Das ist wie Lotterie, nur viel aufregender.

Wie gesagt, Sie hatten sich auf Anraten der Bundesagentur freiwillig gemeldet, um einen Platz in der Pflegedienstleistung der Bundesagentur… – Das wussten Sie nicht? Schauen Sie mal, Leiharbeit ist out, wir machen das direkt, der Kostenträger ist beteiligt an den öffentlichen Pflegeeinrichtungen, und dadurch sparen wir eine Menge Geld. Sie arbeiten zwölf Stunden pro Monat und kriegen dafür genau die hundert Euro, die wir Ihnen wegen dieser linken Meinungsdiktatur in der Regierung und in Karlsruhe leider nicht mehr wegnehmen dürfen, im Klartext: Sie arbeiten, nehmen anderen qualifizierten Erwerbstätigen, die leider nur noch nicht ihren Arbeitsplatz verloren haben und auf diese Art der Volkswirtschaft einen erheblichen Schaden zufügen, denen nimmt ein asoziales Stück Scheiße – Sie haben es inzwischen wohl gemerkt, wir formulieren das geschlechtsneutral, damit wir einem asozialen Stück Scheiße wie Ihnen nicht auch noch einen Grund zur Klage bieten – denen nimmt ein asoziales Stück Scheiße natürlich immer einen Job weg. Gewöhnen Sie sich an die Denke. Das sind nur zwölf Stunden, da werden wir keine Vermittlungserfolge riskieren, auch nicht bei Ihnen, weil Sie nach dem Unfall und den…

Kauffrau im Gesundheitswesen? wollen Sie die Volkswirtschaft absichtlich zerstören, oder was!?“

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Die gesamtgesellschaftliche Situation

29 03 2018

„Damit das klar ist, wir haben Fehler gemacht. Das haben wir auch verstanden, und jetzt müssen wir nach vorne schauen und die Situation für alle Beteiligten verbessern. Wir verstehen uns als eine sozialdemokratische, aber trotzdem moderne Kraft, die dieses Land verbessern will. Und alles andere regeln dann sowieso die Ausschüsse.

Wichtig ist erst mal, dass wir die Stagnation in Deutschland überwinden. Hartz IV war nicht der richtige Weg, weil uns das viele Wählerstimmen gekostet hat, und das sagt uns, dass die Situation von uns falsch eingeschätzt wurde. Also jetzt mal gesamtgesellschaftlich betrachtet. Nicht nur in Bezug auf den Arbeitsmarkt und die Börse, sondern eben auch für den Wähler. Das müssen wir ändern, und da haben wir uns etwas einfallen lassen. Das solidarische Bürgergeld. Eine vollkommen neue Strategie, um mit den… –

Ja, das hatte die FDP ursprünglich entwickelt, aber die waren seit einigen Jahren ja nicht mehr an der Regierung, also haben wir das übernommen. Aber wir haben es modernisiert und, viel wichtiger, wir haben dem einen sozialdemokratischen Touch gegeben. Betonung auf ‚solidarisch‘, verstehen Sie? Wir haben die Solidargemeinschaft in diesem Land zu lange vernachlässigt, deshalb müssen wir jetzt mit einem ganz neuen Konzept neue Wege für eine Gesellschaft, wo der Mensch wieder im Mittelpunkt unseres demokratischen… –

Wieso Worthülsen? Ich will Ihnen mal was sagen: wir haben verstanden. Die Menschen draußen im Land, die haben ja auch einen Anspruch auf eine gut finanzierte Transferleistung, und genau das liefert ihnen unsere Haushaltspolitik. Was die alten Regierungen vorgelegt haben, damit kann man nicht wirtschaften. Wir brauchen eine Leistung, die eine gesamtgesellschaftliche – na, sagen wir mal, eine gesellschaftliche, auf jeden Fall so etwas wie Teilhabe. Es muss ja nicht immer die teuerste Wurst sein und auch nicht jede Woche, aber wenn man sich damit ab und zu wieder in den normalen Supermarkt traut, dann ist doch auch für die Wirtschaft viel gewonnen. Das braucht eine neue Handlungskompetenz auch auf haushalterischer Seite. Das ist unser sozialdemokratischer Touch, verstehen Sie, die Betonung liegt auf ‚solide‘.

Sie können sich gerne querstellen, aber ich finde die Idee gar nicht mal so schlecht. Schauen Sie sich doch mal die öffentlichen Grünanlagen an, wie sieht es denn da aus? Also schön ist anders. Aber da kann man doch was machen. Ein Grundeinkommen ist jetzt vielleicht nicht unbedingt die größte Motivation, vor allem nicht, wenn es auch noch bedingungslos ist, aber es war ja unter Hartz IV nicht alles schlecht. Wir haben hier eine Menge sehr gut qualifizierter Fachkräfte, die den Empfängern unser neues Konzept vermitteln: wir sind eine Solidargemeinschaft, in der die Grünflächen für alle da sind, deshalb müssen auch alle etwas dafür tun.

Sonst geht’s Ihnen aber gut? Ich stelle mich doch nicht morgens mit ein paar Alkis in den Park und hebe die Bierdosen auf! Das ist mal wieder eine von diesen linken Spinnereien, mit denen Sie in die Schlagzeilen kommen wollen. Wenn wir von einer Solidargemeinschaft reden, dann heißt das, dass wir zahlen, damit Sie Arbeit haben. Daran hat sich nichts geändert, und daran wird sich auch so schnell nichts ändern. Außerdem sollten Sie mal ein wenig Dankbarkeit zeigen, dass Sie an diesem Aufstieg für die Wirtschaft teilnehmen dürfen. Das hat es ja seit dem letzten Krieg gar nicht mehr gegeben, das mit Hartz IV war ja auch eher Scheinblüte, und dass wir das jetzt ganz ohne Krieg schaffen, das ist schon eine Besonderheit. Also für Deutschland.

Von Ponyhof hat hier keiner was gesagt, das ist Ihnen wohl entgangen. Nein, ich kann mich nicht erinnern. Ich erwarte hier von Ihnen jeden Monat die Kontoauszüge, über Ihren Mietvertrag müssten wir auch noch mal reden, und dann das Kindergeld. Das müssen Sie natürlich angeben. Wir sind hier nicht das Sozialamt, mein Freund, hier wird im Namen und Auftrag aller Bürger Geld an die Unterschicht gezahlt, darum heißt dies Bürgergeld auch Grundeinkommen, klar? Mit Betonung auf ‚Einkommen‘, ja? Auf mein Gehalt muss ich auch Steuern zahlen. Dann kann ich von Ihnen ja wohl auch erwarten, dass Sie sich an die Spielregeln halten und Ihre Nebeneinkünfte hier ordentlich angeben. Wir erwarten hier Transparenz.

Mit den Flüchtlingen hat das überhaupt nichts zu tun. Heißt doch ‚arisch‘, oder?

Jetzt beschweren Sie sich nicht, wir müssen Sie doch irgendwie in Arbeit bringen. Früher haben wir das mit denen versucht, die zu lange schon vom Arbeitsmarkt entfernt waren, da hatten wir natürlich keine Chancen, jetzt konzentrieren wir uns auf die, die neu sind in unserem System, mit denen wir gemeinsam dies gesamtgesellschaftliche Konzept in die Wirklichkeit bringen können, also Menschen mit und ohne Vermittlungshemmnisse, die wir in den öffentliche Arbeitsmarkt integrieren können, weil sie keine Chance mehr auf einen richtigen Job haben. Die Betonung liegt auf ‚Grund‘. Wir machen das hier ja nicht zum Spaß.
Das wären dann vorerst dreißig Stunden, also Sie arbeiten vierzig, aber wir machen das mit einem Stundenkonto. Kennen Sie sicher noch aus Ihrem bisherigen Arbeitsleben. Man kann es sich nicht immer aussuchen, was man macht. So ist das nun mal, beschweren Sie sich ruhig, aber nicht bei mir. Ich habe das nicht erfunden. Wo waren Sie denn vorher, wenn ich mal fragen darf? Ach, beim Grünflächenamt? Tja, Pech für Sie. Hätten Sie mal was Ordentliches gelernt.“





Leistungssumpf

19 03 2018

„Haben Sie eine Ahnung, was uns das kostet!?“ „Ja.“ „Also eine vernünftige Antwort hätte ich von Ihnen schon erwartet, Sie können doch nicht einfach den Leuten ein paar Milliarden Euro ins Maul stopfen!“ „Wir müssten es aber eigentlich tun. Die Berechnungsgrundlage des Arbeitslosengeldes II ist nach übereinstimmender Meinung falsch und die Leistung ist zu niedrig. Das hat mittlerweile sogar die Bundesregierung eingesehen.“

„Kommen Sie mal von Ihrem hohen Moralross runter, Mann – das kann sich doch kein Staat mehr leisten.“ „Sind wir ein Rechtsstaat?“ „Ich verstehe die Frage nicht.“ „Wenn wir eine Leistung für die Bürger einführen, müssen wir sie auch denjenigen gewähren, die die Anspruchsvoraussetzungen dazu haben.“ „Aber doch nicht allen!“ „Das heißt, wenn die ALG-II-Sätze angehoben werden, wollen Sie die von der Leistung ausschließen, die dann ebenso leistungsberechtigt sind?“ „Die haben doch gar nichts dafür getan, die Leistungen in Anspruch nehmen zu dürfen, die sind ganz einfach reingerutscht.“ „Wie die meisten Menschen in den Leistungsbezug reinrutschen, keiner kriecht freiwillig in diesen Sumpf.“ „Das muss man doch begrenzen können!“ „So wie die Rente mit 63, die plötzlich zum Problem wurde, weil die Politik gemerkt hat, dass die Arbeitnehmer das Modell in Anspruch genommen haben, obwohl es eigentlich nur als rechtsverbindliche Sozialleistung geplant war?“ „Das lässt sich doch gar nicht vergleichen.“ „Herdprämie?“ „Ich will nicht mehr darüber reden, ist das jetzt klar!?“

„Meinen Sie nicht, die Regierung sollte endlich Steuersenkungen ins Auge fassen?“ „Wenn wir diesen Sozialschmarotzern immer mehr Kohle in den Rachen werfen, dann blutet dieses Land aus!“ „Stimmt, aber die Leistungsträger haben halt ihren eigenen Sumpf.“ „Was soll das denn jetzt heißen? Wir müssen doch alles gegenfinanzieren, und wie stellen Sie sich das beim Arbeitslosengeld vor?“ „Ich rede hier aber von der Einkommensteuer.“ „Was hat die denn mit den Arbeitslosen zu tun?“ „Natürlich müssen der Grundfreibetrag an die neuen ALG-Sätze angepasst werden. Wenn es ein Existenzminimum gibt, dann dient es ja nicht nur zur Berechnung der Regelsätze.“ „Wir lassen also gleich von zwei Stellen unser sauer verdientes Geld versickern!?“ „Es kommt den Leistungsträgern zugute. Die, die angeblich seit Jahren schrecklich drangsaliert würden, wenn man den Ärmsten in diesem Land eine verfassungsmäßig gerechtfertigte Existenzgrundlage zahlen müsste, und die, denen man die lange versprochenen Steuersenkungen wohl einfach nicht zumuten kann. Gerechtigkeit, Sie verstehen?“ „Aber das sind doch alles nur Taschenspielertricks!“ „Keinesfalls. Man gewährt den Transferleistungsbeziehern ein bisschen mehr, und davon profitiert die ganze Gesellschaft.“ „Kann man das denn nicht umgekehrt rechnen?“ „Wie soll das denn funktionieren?“ „Wir entlasten nur die Besserverdiener, also wenigstens ein bisschen, und trösten sie damit, dass es denen da unten zum Glück nicht besser geht als vorher?“

„Wir könnten dann auch endlich mal an die Mindestlöhne ran.“ „Das hat gerade noch gefehlt!“ „Sehe ich auch so. Das Lohnabstandsgebot sagt aus, dass Erwerbsarbeit finanziell attraktiver sein soll als der Bezug von Sozialleistungen.“ „Das heißt, wer noch nicht mal Sozialleistungen kriegt, wird trotzdem belohnt?“ „Sie sind doch auch dafür, dass derjenige, der arbeitet, mehr hat als derjenige, der nicht arbeitet?“ „Sicher, sonst würde jeder sich in der sozialen Hängematte ausruhen.“ „Dann muss der Lohn höher sein als das Existenzminimum.“ „Ist er doch.“ „Wenn man das Existenzminimum anhebt, dann muss doch auch die Lohnuntergrenze mit ansteigen.“ „Ich habe ja nichts gegen gute Löhne.“ „Aber?“ „Aber man muss das doch auch finanzieren können. Warum hebt man nicht die Löhne an und senkt dann zur Finanzierung die Sozialleistungen.“ „Weil der Staat nicht die Löhne bezahlt?“ „Das weiß ich selber!“ „Warum erzählen Sie es dann?“ „Letztlich zahlt doch der Steuerzahler den ganzen Zauber. Und die Verwaltungskosten werden auch immer höher, weil man dann immer mehr hat, die wegen der ansteigenden Regelsätze gar nicht mehr arbeiten wollen.“ „Deshalb steigen ja auch die Löhne, dann haben nicht mehr so viele Anspruch auf Sozialleitungen.“ „Es kassieren nicht mehr so viele Hartz IV?“ „Genau.“ „Ich glaube, die Lösung könnte doch ganz interessant sein. Haben Sie da nähere Informationen?“ „Wir heben einfach den Mindestlohn an.“ „Auf keinen Fall, das kostet nur Jobs. Millionen von Jobs wird das kosten!“ „Richtig, genau wie beim letzten Mal.“

„Nein, ich habe keinen Nerv mehr, mich mit Ihnen über diesen Wahnsinn zu streiten. Wir können das nicht einbringen, das würde Stress geben mit der Schuldenbremse, und Ihnen ist klar, dass die Verfassungsrang hat.“ „Sie meinen, wie die Rechte von Sozialleistungsempfängern? das wäre mir neu, also zumindest in der politischen Praxis.“ „Dann gucken Sie mal nach, was man mit Hartz IV in Bangladesch wäre – da könnten Sie die Puppen tanzen lassen!“ „Sie sind doch Rechtsanwalt?“ „Ja, und?“ „Eine Straßenreinigungskraft verdient hier im Monat so viel wie ein Anwalt in fünf bis sechs Monaten. In Bangladesch.“ „Aber…“ „Ich wollte nur fragen, ob Sie demnächst eine Bezahlung nach bangladeschischen Sätzen anwenden. Also jetzt nur aus Prestigegründen.“ „Aber…“ „Lassen Sie sich nicht stören, Kollege. Sie müssen sich ja auch noch um die Anpassung der Bezüge kümmern. Was täten wir Abgeordnete nur ohne Sie.“





BA-BA-Banküberfall

13 11 2017

„Das wäre dann quasi mal so eine von unseren Kassen, an denen wir das machen. Sie können sich jetzt Geld auszahlen lassen, gleich so beim Einkauf, und dann verrechnen wir Ihre Gutschrift mit dem Beleg, und dann können Sie wieder einkaufen. Nein, so einfach ist das nicht. Sie müssen schon arbeitslos sein, um in den Genuss dieser Leistungen zu kommen.

Da sehen Sie auch mal wieder, dass das mit den ganzen Vorurteilen, mit den Schikanen und der sozialen Ausgrenzung, dass das einfach nicht stimmt. Die Politik kümmert sich schon um die Unterschicht, die Unterschicht will das nur nicht immer annehmen. War bei den Chipkarten damals dasselbe, bis vors Bundesverfassungsgericht sind die gelaufen. Da machen Sie mal serviceorientierte Kundenpolitik, die auch noch sozial verträglich ist mit dem Rest der Bevölkerung, die das ganze Zeug finanzieren darf.

Und hier haben wir auch schon unseren ersten Fall. Bon vorzeigen, davon gehen drei Euro dreißig ab für ein paar Lebensmittel, von denen sich ein Mensch, der statt zu arbeiten die ganze Zeit zu Hause herumliegt, sicher tagelang satt wird. Und der Rest wird dann eben ausbezahlt. Es hält sich ja hartnäckig das Gerücht, Springer hat das neulich mal wieder als Schlagzeile verbraten, dass man die Bons dann bei der Bank einreichen kann, damit das Konto wieder aufgefüllt wird. Ist natürlich Quark, die Leute haben ja gar kein Konto, sonst müssten sie ihr Geld nicht im Laden holen. Den Beleg reicht man beim Amt ein, das ist doch klar.

So unterschiedlich ist das nun nicht, Sie zeigen Ihren Bescheid vor, dann zeigen Sie Ihren Ausweis – die Kassiererinnen sind selbstverständlich zu strenger Diskretion verpflichtet, die sagen das keinem weiter. Es sei denn, Sie sind beispielsweise aus der direkten Nachbarschaft. Oder Sie kommen häufiger mal zum Einkaufen. Oder waren früher mal Erwerbslos und zahlen jetzt bar, das kriegen Sie einfach nicht mehr weg. Sie können nicht jedes Mal mit der Gehaltsbescheinigung an die Kasse gehen und denen zeigen, dass Sie keine Leistungen mehr beziehen.

Die junge Dame ist hier ein Sonderfall, da muss der Filialleiter Rücksprache halten, weil die sich ihren Regelsatz vollständig auszahlen lässt. Das ist legal, aber wir machen den ganzen Aufstand hier ja auch gerade, um den Leuten den Umgang mit ihrem eigenen Geld ein bisschen, sagen wir, prekär zu gestalten. Zielgruppengerecht halt. Sie sollen ja nicht an der Kasse einfach so Geld abheben, wie das anständige Menschen am Automaten tun, der Unterschied soll spürbar bleiben. Vor allem für die anderen Kunden hier in der Kassenschlange.

Die Banken freut das ungemein, und das ist ja auch der Sinn der Sache. Die können ab jetzt reine Guthabenkonten für ihre Kunden führen, in entsprechender Höhe versteht sich, und die Hartzer dürfen bei ihren Kreditinstituten mit den hohen Gebührensätzen unter sich bleiben. Ganz davon abgesehen schafft das natürlich auch jede Menge Jobs. Sehen Sie die beiden Herren da am Eingang? Nein, nicht die mit den Kornflaschen, die im Kampfanzug. Was meinen Sie, was wir seit der Einführung hier an Bargeldbestand lagern müssen – da lohnt sich doch kein Banküberfall mehr, die Räuber kommen gleich in den Discounter, einmal Kippen holen, dann die Knarre auspacken, und die Tragetasche ist auch noch umsonst!

Dass die Bundesagentur übrigens das Verfahren unter dem Projektnamen ‚Banküberfall‘ geplant hat, ist nur ein Witz. Das können Sie mir glauben.

Die technischen Schwierigkeiten haben wir inzwischen in den Griff gekriegt, diese Schilder da oben haben Sie gesehen? nicht? Gut, dann läuft es nach Plan. Wir müssen die da hinhängen, wie in der Apotheke oder auf der Post, damit die anderen Kunden Diskretionsabstand halten. Wenn Sie einen Brief an die Schufa schicken oder Warzensalbe kaufen, soll das auch keiner wissen. Aber die da hängen so weit oben, da liest sie keiner. Und wenn sie einer liest, dann ist es den Leuten auch egal, und unser Betriebsablauf wird durch rechtstreue Kunden nicht weiter in Mitleidenschaft gezogen.

Sehen Sie, der macht’s richtig. Großeinkauf für exakt 137,66, alles Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke, das muss man einmal am Monatsanfang machen, da spart man die Kontoführungsgebühr und belastet nicht noch die Kassierer durch sozial unverträgliche Mehrarbeit, dafür wird man eben von der Gesellschaft belohnt, weil man nur einmal im Monat als Kostgänger des Systems den Ablauf der Konsumgesellschaft stören muss. Das ist auch ein wenig ein Anreiz, sich einen Arbeitsplatz zu suchen, statt sich ständig an der Kasse zu outen. Stellen Sie sich das mal vor, Sie kommen hier kurz vor Geschäftsschluss, vor Ihnen sind zwei Rentner, die einem die Einkaufswagen in die Hacken schieben und dann Kleingeld zählen, und dann hält Sie einer für einen Obdachlosen. Da können Sie Ingenieur sein oder Philosoph, da wünschen Sie sich aber ganz schnell in die Produktion!

Also Sie kaufen immer noch gerne ein hier? Das hören wir gern. Als Discounter ist man immer froh, wenn man vom Schmuddelimage wegkommt, auch wenn die Bundesagentur sich sicher Gedanken gemacht hat, warum sie gerade uns beauftragt hat mit der Einführungsphase. Doch, es ist eine Einführungsphase. Wer würde denn sofort übergehen zu Lebensmittelmarken?“





Kost und Logis

1 11 2017

„… keine ausreichende Begründung für diese Entwicklung geben könne. Die plötzliche Neigung der Altersgruppe der über 70-Jährigen zur Kriminalität sei weder durch gesellschaftliche…“

„… im Großraum Kassel eine Bande von Wohnungseinbrechern gestellt worden sei. Es habe sich größtenteils um Ersttäter gehandelt, die mit technisch unzureichenden Mitteln im…“

„… die Automatenaufsteller in Niedersachsen befürchteten, dass die Überfälle sich wiederholten. Vorerst seien nur die Segmente Süßwaren und…“

„… vereinzelt Briefkästen mit Seifenlauge geflutet worden seien. Dies sei jedoch lediglich als Ordnungswidrigkeit zu betrachten und ziehe keine Haftstrafe…“

„… bewusst Häuser ausgesucht hätten, die mit gutem Einbruchsschutz versehen worden seien. Die Staatsanwaltschaft habe den Verdacht, dass es sich um gezielte Taten einer…“

„… dazu übergingen, auch Automaten für Fahrradschläuche mit Propangas in die Luft zu sprengen. Die dabei angefertigten Videoaufnahmen zeigten mehrere Senioren, die auf einem Handwagen eine Flasche mit…“

„… dass auch das Bemalen selbst angefertigter Wahlplakate mit Schnurrbärten aus schwarzer Farbe keine Bewährungsstrafe nach sich ziehe, wie der Polizeipräsident von…“

„… eine Liste der Kunden eines Alarmanlagen-Vertriebs gefunden habe. Der Verdacht erhärte sich, dass die Wohnungseinbrüche gezielt nach diesem Adressmaterial…“

„… sich die Banden mitunter tagsüber in den Innenstädten verabredeten, um unter Beobachtung von Passanten Zigarettenautomaten zu beschädigen. Da es keine Raubhandlungen seien, wolle die Strafverfolgungsbehörde vorerst von einer Untersuchungshaft absehen, was auf erbitterten Widerstand seitens der…“

„… gezielt Fingerabdrücke hinterlassen worden, seien um die Täter von der Polizei identifizieren zu können. In Einzelfällen hätten die Einbrecher sogar Visitenkarten hinterlassen, um sich in der…“

„… eine Terrorgruppe atomare Erstschläge in der Lausitz angekündigt habe. Kriminaltechnische Untersuchungen hätten einen 84-jährigen Rentner mit seiner 83-jährigen Frau sowie Nachbarn im Alter von 79, 85 und…“

„… die Fahrerlaubnis vorher abgegeben hätten. Dennoch seien beide mit Vollgas durch den Ahrensburger Ortskern und quer über den Markt gefahren, wenngleich außer Blechschäden am gemieteten Lamborghini keine…“

„… der Diebstahl eines einzelnen Apfels vom Wochenmarkt keine strafrechtlichen Folgen nach sich ziehe, wenn die Täterin dem Marktbeschicker seit dreißig Jahren bekannt sei und regelmäßig Obst bei ihm erstehe. Die Selbstanzeige könne auch nicht als Vortäuschung einer Straftat, die ihrerseits durch den strafrechtlichen…“

„… als Ersttäter sicher mit einer geringeren Geldstrafe davonkommen sollten. Die gesamten Lebensumstände der straffälligen Rentner müssten dabei berücksichtigt werden, man brauche mehr kriminologisches Erfahrungswissen, um die Straftaten der…“

„… wenngleich Fahrer und Beifahrer die Blutalkoholkonzentration von 1,2‰ nachweislich erst nach der Tat erzeugt hatten. Ein Augenzeuge habe sie beobachtet, wie sie nach dem Halten eine Palette mit Magenbitterfläschchen aus dem Fußraum des Sportwagens geholt und hastig die…“

„… sich die Rentner bei polizeilichen Vernehmungen oder in Gerichtsverhandlungen teilweise mit vorformulierte Beleidigungen geringe Haftstrafen eingehandelt hätten. Im Gegensatz zu jüngeren Tätern sei es aber weder zu Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte gekommen, bis auf einen Fall eines Rentners in Hannover, der seinen Rollator nach einer Justizvollzugsbeamtin geworfen habe, noch sei während der Verhandlungen die…“

„… es daher keine Trunkenheitsfahrt sein könne. Die Verkehrsstaffel habe die beiden Personen alkoholisiert, aber durchaus geständig aus dem stark beschädigten…“

„… dass bei allen Tatverdächtigen die Mieter in der letzten Zeit überproportional stark angestiegen seien, was zu einer Forderung des Amtes nach…“

„… habe sich während der polizeilichen Ermittlungen die Zusammenarbeit mit einem Kriminalhauptkommissar bestätigt. Der Beamte habe nach Hinweisen eines Bandenmitglieds gezielt Streifenwagen in die Nähe der mutmaßlichen Tatorte gesandt, um die Diebe auf frischer Tat zu…“

„… sich die Mitglieder der Facebook-Gruppe Dunkelgraue Panther offen zur Begehung von Straftaten verabredet hätten. Ihr Plan, das Abmontieren der Sitzgelegenheiten im Stuttgarter Schlossgarten sei allerdings nicht als Bankraub zu werten, weshalb sie die Objekte auch wieder in den…“

„… es ihrem Wunsch entspreche, durch eine nicht zur Bewährung ausgesetzte Freiheitsstrafe bei freier Kost und Logis eine bessere Versorgung als mit der…“

„… bestätigt habe. Es handle sich bei dem Mitglied der Diebesbande um den Stiefvater des KHK Schultze-Bennig, der die Ermittlungen seit mehreren Wochen im Bereich des…“

„… eine Erhöhung des Flaschenpfandes auf dreißig Cent mit der Union nicht verhandelbar sei. Die Grünen wollten andererseits bei der Grundsicherung keinen…“





Neunzig, sechzig, neunzig

6 09 2017

„Also die Kanzlerin hat schon mal nein gesagt.“ „Das heißt, es geht nur noch um den Zeitpunkt?“ „Sie will das nicht.“ „Dann ist ja alles klar. Die Rente mit achtzig kommt.“

„Moment, um die Rente mit achtzig ging es zu keinem…“ „Stimmt. Sie hat nur gesagt, dass sie die Rente mit siebzig ablehnt. Die Rente mit achtzig hat sie mit keinem Wort erwähnt.“ „Weil es um die ja gar nicht ging.“ „Sie müssen das mal aus ihrer Perspektive sehen. So kurz vor der Wahl kann sie ja schlecht den Leuten versprechen, was alles nicht kommt.“ „Immerhin hat sie genug Übung darin.“ „Eben, und es ist noch immer schiefgegangen.“ „Genau, und da wird sie sich doch jetzt nicht vor die Kameras stellen und sagen: Rente mit siebzig ist völlig illusorisch.“ „Die Maut war auch nicht mit ihr zu machen.“ „Die hat sie ja auch nicht gemacht, die ist wegen der CSU passiert. Zwei entscheidende Unterschiede, müssen Sie wissen.“

„Jetzt lassen Sie mal ihre Spitzfindigkeiten, sie hat sich während eines sehr, sehr prominenten…“ „Gott, Sie sind ja putzig!“ „… Wahlkampfauftritts gegen die Rente mit siebzig ausgesprochen.“ „Ja, das stimmt. Und sie hat nichts gegen die Erhöhung der Mehrwertsteuer gesagt.“ „Um die ging es doch aber gar nicht.“ „Sehen Sie?“ „Das war nicht das Gesprächsthema! Die Zuschauer können doch nicht bei jedem noch so abwegigen Thema denken: sie hat sich nicht distanziert, da muss man immer mit dem Schlimmsten rechnen!“ „Doch. Wenn sich die Flüchtlinge in Deutschland nicht distanzieren, weil die vielen Brandanschläge auf ihre Unterkünfte die Kosten für die Feuerwehr in die Höhe treiben, dann sind die auch selbst schuld, dass man sie sich nicht integrieren lässt.“ „Aber…“ „Außerdem ist am Ende sowieso die SPD schuld, weil die sich auch von der Rente mit siebzig distanziert hat, wo das doch vom Sozialstaat her absolut notwendig wäre.“ „Das ist doch Quatsch!“ „Allerdings, aber das kann man den Wählern nicht kommunizieren. Wir brauchen sicherheitshalber die, die eine weiterreichende Gefahr nicht erkannt haben.“

„Und wenn die SPD jetzt…“ „Sie unterstellen dieser Partei doch keine politischen Ambitionen, oder?“ „… die Rente mit neunzig bekämpfen würde?“ „Es würde aber zu ihr passen.“ „Weil sie damit die haltlos neoliberale CDU konterkarieren würde, oder?“ „Sie würde sich in der Fliegenfalle finden, und das auch noch freiwillig. Hat die CDU jemals von der Rente mit neunzig gesprochen?“ „Nein, weil…“ „Hat sie also nicht. Warum nicht?“ „Das dürfen Sie nicht mich fragen, ich befasse mich mit diesen weltfremdem…“ „Eben, weil es total unrealistisch ist. Sie können doch keinen Dachdecker mit neunzig aufs Gerüst schicken.“ „Mit siebzig auch nicht.“ „Darum ging’s aber nicht, und genau das ist der Unterschied.“

„Was war denn mit der Rente mit sechzig?“ „Sie haben die deutsch-französische Freundschaft wohl vollkommen missverstanden. Bei denen fährt man mit der Ente zu Bocuse, hier rollt man im Benz zu Aldi.“ „Vielleicht sollte man am Rentenalter nicht so viel ändern wie am Rentensystem.“ „Das ist pure Polemik, deshalb halte ich es wie die Regierung und setze mich mit dieser Frage gar nicht erst auseinander.“ „Das würde natürlich Arbeitsplätze schaffen.“ „Die würde jemand irgendeinem anderen wegnehmen, und das führt mittelfristig zu noch mehr sozialer Spaltung. Nicht gut, das müssen wir noch überarbeiten.“ „Wenn die Lebensarbeitszeit ansteigt, weil die Menschen älter werden, sollte da die Rente nicht sowieso mit siebzig oder achtzig in Erwägung gezogen wird?“ „In Erwägung ziehen können Sie vieles, aber die Sozen werden natürlich als erstes gegen die Rente mit neunzig zu Felde ziehen, weil das ihnen am wenigsten glaubwürdig scheint.“ „Was den leichten Sieg verspricht.“ „Und die schwerste Niederlage, siehe Mehrwertsteuer.“

„Gehen wir doch mal demokratisch an die Sache heran.“ „Sie wollen das Eintrittsalter also per Koalitionsausschuss auf einen Mittelwert festlegen? Fünfundsiebzig etwa?“ „Nein, aber…“ „Worüber diskutieren wir dann?“ „Man muss die Rente doch wenigstens sozial gerecht verteilen.“ „Das tut die Bundesregierung schon. Jeder, der nicht so viel hat, dass er aus der Berechnung rausfällt, bekommt Grundsicherung. Entweder mit dreiundsechzig oder mit achtzig, oder irgendwo dazwischen.“ „Falls er noch lebt.“ „Man kann nicht alles planen. Die Regierungspartei ist halt auch christlich geprägt.“ „Und wenn wir das durch eine Steuer finanzieren würden?“ „Das ist sozialistisch, das würde eine sozialdemokratische Kanzlerin nie mitmachen.“ „Wir können doch nicht dafür sorgen, dass die Menschen gar nicht erst siebzig werden, oder!?“ „Natürlich nicht, das würde einer Wirtschaft und einem Gesundheitssystem total zuwiderlaufen, die dafür sorgen, dass die meisten Menschen nur durch unglücklichen Zufall sechzig werden.“ „Also hat die Kanzlerin das nur abgelehnt, weil sie wusste, dass sie vor der Wahl nichts ohne ihren künftigen Koalitionspartner sagen kann?“ „Würden Sie mir Ihr nächstes Monatsgehalt leihen?“ „Aber…“





Schraube locker

28 06 2017

„Meine Güte, dann ist es halt eine Rentenkürzung!“ „Das ist doch nicht das Thema, wir dürfen es nicht so nennen.“ „Wie drückt man das denn bitte positiv aus?“ „Sie sind doch der Experte.“

„Es führt kein Weg an der Sache vorbei: wir müssen die Renten kürzen, sonst haben wir noch viel mehr Altersarmut.“ „Sie meinen, wir haben Altersarmut, gerade weil wir die Renten so stark gekürzt haben.“ „Das ist ein ganz anderes Konzept. Wir sehen das getrennt.“ „Wie kann man das denn bitte getrennt sehen?“ „Er meint vermutlich, wenn wir die Renten unten nicht kürzen, bekommen wir da nicht genug Altersarmut.“ „Nee, wir haben doch genug.“ „Aber nur für oben.“ „Ja, aber auch nur, wenn wir unten Altersarmut erzeugen.“ „Deshalb müssen wir da ja auch genug kürzen.“ „Verstehe.“ „Dann haben wir die Aufgabe ja gelöst.“ „Eben nicht.“ „Wieso?“ „Weil sich ‚Rentenkürzung‘ halt nicht gut anhört, vor allem nicht im Wahlkampf.“ „Und das sollen wir jetzt ändern?“ „Endlich haben Sie es kapiert!“

„Wertschätzungsverlängerung.“ „Bitte!?“ „Die Lebensarbeitszeit ist doch etwas sehr Schönes, und dann…“ „Aber wie kommen Sie dann auf dieses bekloppte Wort?“ „Dass die Deutschen mehr arbeiten dürfen, da ist doch erstmal sehr positiv.“ „Ich wusste es, Sie sind nicht ganz dicht.“ „Doch, wir müssen es ihnen nur ganz langsam wieder ins Bewusstsein zurückrufen, dass die Arbeit, die ihnen zugemutet werden kann, auch ihre guten Seiten hat.“ „Und die werden verlängert.“ „Nein, die doch nicht!“ „Er meint, die Arbeit soll verlängert werden.“ „Ja, aber nur mittelbar. Wir gehen dann halt den Umweg über die Wertschätzung der Rentenversicherungsträger.“ „Und der Staat?“ „Der findet das natürlich auch toll.“ „Weil die, die früher sterben, länger tot sind?“ „Würde ja nicht gehen, wenn die Leute länger arbeiten müssen.“ „Aber in Relation zu ihrer Arbeits…“ „Wertschätzungszeit.“ „Dann gehen die Arbeitslosen demnächst auch zum Wertschätzungsamt?“ „Nee, zur Bundesagentur für Wertschätzung.“ „Das kann doch nicht passen.“ „Doch, bisher sind sie auch wertschätzungslos.“ „Stimmt auch wieder.“

„Dann müsste man auf der anderen Seite die Beitragserhöhungen auch so benennen.“ „Wieso soll man denn noch die Beiträge erhöhen, wenn sich die Lebensarbeitszeit verlängert?“ „Wir haben da mehrere Stellschrauben zur Verfügung.“ „Dann ist bei Ihnen wohl eine Schraube locker.“ „Man könnte durchaus die Beiträge…“ „Also wir machen die Zwangsabgaben höher?“ „Sie sind ja total von der Rolle!“ „Die Bürgersumme wird angepasst.“ „Das klingt so bescheuert, das wird keiner schlucken.“ „Auch nicht schlecht.“ „Moment, wir wollten doch…“ „Dann regt sich die Öffentlichkeit wenigstens einmal richtig auf über diese zynische Volksbeschimpfung, und danach ist auch Ruhe.“ „Genial!“ „Sehr gute Herangehensweise!“ „Das machen wir!“ „Aber wenn wir zum Beispiel über ein Alterssicherungsbeitragsanpassungsgesetz die Beiträge der…“ „Das wäre dann natürlich ein Bürgersummenanpassungsgesetz.“ „Klingt auch doof.“ „Interessiert dann aber schon keinen mehr.“

„Man müsste sich sowieso mal Gedanken machen, ob so ein sozialverträgliches Frühableben nicht neue Synergien freisetzen könnte in einem zukunftssicheren Haushaltsgefüge.“ „Sie meinen: für ein zukunftssicheres Haushaltsgefüge.“ „Oder so, ja.“ „Das klingt aber noch zynischer.“ „Nein, da ist nicht gut.“ „Wieso?“ „Weil’s halt zynisch klingt.“ „Das ist das geringste Problem.“ „Eben, wir brauchen die Beitrags…“ „Bitte!?“ „Also die Bürgersummen der Summenbürger, die die Wertschätzung der Haushalte, oder irgendwie so.“ „Die nächste Bankenkrise kommt bestimmt.“ „Jetzt malen Sie mal nicht gleich den Teufel an die Wand.“ „Das klingt so negativ, wenn Sie das sagen.“ „Man muss die Bürger auch motivieren, sie wollen doch auch im Alter weiterarbeiten, um ihre Grundsicherung aufzustocken.“ „Wenn sie nicht von der Lebenswertschätzungsverbesserung so sehr profitieren, dass sie gar keine Nebenjobs mehr brauchen.“ „Aber wir müssen verhindern, dass sie ihre gesetzlichen Renten zu stark vernachlässigen.“ „Wodurch das denn?“ „Betriebsrenten.“ „Aber auf die hat doch keine Sau Anspruch.“ „Dann nennen wir die doch Unsolidarzuschläge.“ „Klingt sehr gut!“ „Aber unser Rentenkonzept beruht doch auf Betriebsrenten.“ „Ja, wieso?“ „Dann verstehe ich nicht, warum wir sie als unsolidarisch bezeichnen.“ „Wir müssen das in unsere Corporate Identity integrieren.“ „Ach so.“

„Dann können wir jetzt unsere Kleinrenten nach dem…“ „Einstiegsbezug.“ „Das klingt so nach Einstiegsdroge.“ „Ist ja auch irgendwie eklig.“ „Der Kontrast zur Wertschätzungsverlängerung ist mir da noch zu groß.“ „Die ist doch nach dem Einstieg in den Bezug sowieso weg.“ „Die Verlängerung?“ „Die Wertschätzung.“ „Aber man hat doch dann ein ganzes Leben lang für Deutschland, ich meine, man ist dann auch irgendwie…“ „Dann ist man halt ein Kostgänger des Bürgersummensystems.“ „Also im Grunde kurz vor dem Sozialschmarotzer?“ „Wieso davor?“ „Aber…“ „Also ich finde das jetzt rund, so konzeptmäßig gesehen.“ „Ja, kann man machen.“ „Gut, dann machen wir mal weiter. Was steht als nächstes auf der Liste?“ „Arbeitsplatzabbau.“