Die Entdeckung der Langsamkeit

6 05 2019

„Der Mann muss raus. Der ist nicht mehr tragbar.“ „Kühnert?“ „Ja, Kühnert. Der ist einfach nicht mehr tragbar.“ „Für die Gesellschaft?“ „Doch, schon. Aber nicht mehr für die Partei.“

„Ich meine, was hat er gemacht? Bahnverkehr nur für die arische Herrenrasse gefordert? Oder hasserfüllte Toilettenwitze über Transsexuelle von sich gegeben?“ „Hören Sie doch auf, Sie wissen das ganz genau.“ „Er will doch nicht etwa die Kirche verstaatlichen? oder gleich die SPD?“ „Jetzt stellen Sie sich nicht dümmer an, als Sie sowieso schon sind, das ist wird für uns langsam gefährlich, wenn wir nicht auf Sicht fahren können.“ „Auf Sicht fahren? Sie meinen den Nebel, den der Schulzzug hinterlassen hat?“ „Meine Güte, Schluss mit diesen blöden Witzchen! Kühnert fordert den Sozialismus, das ist unser Ende, verstehen Sie das? Unser Ende!“

„Naja, ich verstehe schon, wenn Sie jetzt Angst haben, dass die SPD ernsthaft Schaden nimmt.“ „Das könnte unser Untergang sein.“ „Erinnern Sie sich noch an die Forderung nach Teilverstaatlichung der deutschen Industrie, um den Kapitalismus als Kriegsauslöser einzudämmen?“ „Ja, das war nach der Bankenkrise, aber das kam von Steinbrück.“ „Das war das Neheim-Hüstener Programm von 1946, als der CDU nach tausend Jahren plötzlich der Arsch auf Grundeis ging.“ „Die waren doch aber auch gegen Sozialismus?“ „Das lag halt an ihren Erfahrungen mit der nationalen Spielart. Die haben sogar ernsthaft behauptet, Flüchtlinge seien Menschen – das haben denen die Deutschen damals schon übelgenommen.“

„Wir Sozialdemokraten haben uns immer gegen den Kommunismus ausgesprochen!“ „Dann sollten Sie den Kevin Kühnert nicht aus der Partei schmeißen, der ist auch kein Kommunist.“ „Der will einen Autokonzern verstaatlichen! Das ist doch Kommunismus!“ „Das ist Sozialismus.“ „Das ist mir scheißegal, wie Sie das nennen, auf jeden Fall macht uns das die komplette Strategie kaputt!“ „Ich bin ein bisschen irritiert.“ „Dass wir noch zwischen Sozialismus und Kommunismus differenzieren?“ „Nein, weil Sie gesagt haben, die SPD besäße noch so etwas wie eine Strategie.“ „Sparen Sie sich Ihre Witze, dazu ist es zu ernst!“ „Naja, ich wüsste jetzt schon gerne, worin denn die Gefahr für die SPD bestehen könnte.“ „Das merken Sie nicht? Wir verlieren unsere Zielgruppe.“ „Sie überraschen mich jetzt aber wirklich – erst eine Strategie, und jetzt haben Sie auch noch eine Zielgruppe?“ „Aber ja doch, die Facharbeiter.“ „Ich dachte immer, die SPD sei längst eine reine Beamtenpartei. Vor allem in Bezug auf den Pensionärsanteil.“ „Lästern Sie nur, wir gehen mit der Zeit!“ „Das ist korrekt – da im Zuge der Digitalisierung die Facharbeiter mehr und mehr ersetzt werden, wird die SPD mit der Zeit schon gehen, wohin auch immer.“ „Wir sind doch keine klassische Arbeiterpartei mehr, das müssen Sie doch selbst mal einsehen.“ „Dann haben Sie mit dem Niedriglohnsektor also bewusst ein Prekariat erschaffen, das von vorneherein als Wählerklientel gar nicht erst in Betracht kommen sollte?“ „Das würde ich so nicht sagen, aber… naja, irgendwie ist es schon so.“ „Das ist jetzt nicht Ihr Ernst?“ „Doch. Das ist der Plan.“

„Noch mal zur Sicherheit, damit ich Sie nicht falsch verstehe: die SPD will sich gezielt zugrunde richten?“ „Wir wollen den politischen Prozess nur entschleunigen.“ „Vollbremsung bei der Schussfahrt in den Abgrund?“ „Nein, wir wollen es nur nicht auf Biegen und Brechen erreichen. Sie sehen doch, was 1949 passiert ist.“ „Wir hatten plötzlich eine Verfassung und die Demokratie, dann kam das Wirtschaftswunder und im…“ „Nein, im Osten. Da gab es auf einmal Sozialismus. Grauenvoll!“ „Ja, das hat nur einen Schönheitsfehler.“ „Richtig, weil das ja gar kein richtiger Sozialismus war sondern nur ein total kaputter Marionettenstaat im Schatten Moskaus.“ „Wenn Sie es schon wissen, warum haben Sie dann so viel Angst vor dem Sozialismus? Weil Sie dann zwanzig Jahre auf Ihren BMW warten müssen?“ „Sie gehen mir auf die Nerven.“

„Was genau wollen Sie denn jetzt langsamer machen?“ „Den ganzen politischen Prozess. Wenn wir unsere Ziele zu schnell erreichen, dann haben wir uns ja quasi abgeschafft. Erledigt. Überflüssig gemacht.“ „Dann haben wir den Sozialismus.“ „Ja, genau das ist das Problem.“ „Also demokratischen Sozialismus.“ „Deshalb haben sich die Linken ja damals umbenannt – man kann doch nicht ein Ziel so klar verfolgen und dann riskieren, dass man es erreicht!“ „Ich verstehe es irgendwie immer noch nicht.“ „Stellen Sie sich das vor: komplette Wende. Sozialismus jetzt.“ „Großartig!“ „Eben nicht! Das ist ein schönes Ziel, aber dann sagen die Leute: das war damals besser, warum auch immer. Dann sind wir erledigt.“ „Hm. Und dann?“ „Irgendeine CDU-Schnepfe wird Kanzlerin und regiert seelenruhig im Sozialismus weiter, und der nimmt man es ab, weil sie ihn nicht eingeführt hat.“ „Stimmt, das war bei der Agenda 2010 auch so.“ „Wir sind verloren, wenn Kevin Kühnert ein Bein auf den Boden kriegt in der SPD!“ „Sie meinen, das wird dann so wie bei den Grünen?“ „Eben, die tragen auch jede Menge neoliberalen Scheißdreck mit, Stuttgart 21, allein diese ganzen halbherzigen Asylkompromisse, die Internetzensur, was auch immer.“ „Oder wie bei den Nazis, die wollen alle Ausländer abschieben, aber wenn sie damit fertig sind, wissen sie nicht, was sie noch auf ihre Plakate schreiben sollen.“ „Das ist echt ein Dilemma.“ „Zumindest eins habe ich jetzt verstanden.“ „Nämlich.“ „Warum das Ausschlussverfahren gegen Sarrazin genau so gelaufen ist.“

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Hysterischer Materialismus

20 03 2019

„Die Drecksau heißt Aische. Da freut man sich doch darauf, dass ihr mal einer die Fresse poliert, oder? Wir sind der Verfassung verpflichtet, nicht der Ausrottung der deutschen Rasse, oder sehe ich das falsch? Als Deutscher und als Polizist?

Verstehen Sie mich nicht falsch, meine politische Gesinnung verbietet mir ansonsten jede Sympathie mit dem Fortschritt, aber was das an technischer Erleichterung mit sich bringt, das ist schon enorm. Ein nationales – wie sich das schon anhört, national! – Datenbanksystem, und dann auch noch mit linksversiffter Hilfe auf Opferschutz getrimmt, das ist doch Ostern und Weihnachten auf einen Tag! Ganz ehrlich, das ist der feuchte Traum unserer Facebook-Gruppe, dass wir diesen ganzen Ausländerdreck jetzt endlich auf einem Haufen haben, die Bundesregierung hat den Prozess angestoßen, und die Innenminister sind seit Jahren nicht die geistig minderbemittelten Arschlöcher, die diesen ganzen Scheiß gegen jeden gesunden Menschenverstand durchgedrückt haben. Das muss man doch echt feiern, oder?

Dass Sie bei einer Straftat die Ermittlungsakten kommen lassen und in Erfahrung bringen können, wer der Täter war, vielleicht gab es ja noch den einen oder anderen Tatverdächtigen, das hat man ja sonst immer nur erfahren, wenn die Springerpresse den vor Abschluss der Ermittlungen als Täter hingestellt hat, aber das war schon die Ausnahme. Normalerweise musste man immer erst bis ganz zum Schluss warten, und dann ist so einer von den Jungs schon mal verloren gegangen, die Akten fielen im Laufe der Jahre immer mal wieder in den Schredder, hier konnte man gegen einen nicht mehr ermitteln, weil er vom Verfassungsschutz bezahlt wurde, da tauchte einer ganz ab – ab und zu tauchte einer auch mal ab, wurde beim Auftauchen fürstlich bezahlt und tauchte dann wieder ab – aber dann war die Sache auch meist im Sande verlaufen, und die Opfer waren manchmal schon tot, bevor man sie an die Wand stellen konnte. Von den Zeugen wollen wir mal gar nicht erst reden.

Wie gesagt, die heißt Aische, wohnt in einem Viertel, in dem normalerweise so ein Kanakendreck gar nichts zu suchen hat, und dann lässt sich die blöde Sau von einem national gesinnten Kameraden eine reinhauen. Das wäre sonst ein schwieriges Ding geworden, aber dank der neuen Opferdaten von der Sozenschlampe – also für Sie natürlich Frau Barley, Sie brauchen sich ja nicht an interne Dienstanweisungen zu halten – kriegen wir nicht nur die Fakten raus, die den mutmaßlichen Täter belasten könnten, wenn sie bis zum Prozessbeginn immer noch zugänglich wären. Da wäre sonst echt das Ende der Fahnenstange. Aber jetzt geht’s einfach mal weiter, und das ist natürlich ein Grund zur Freude, nicht wahr?

Unsere kleine Türkensau hatte den einen oder anderen Unfall im Familienkreis, da kam es bisher zu keiner Strafanzeige wegen häuslicher Gewalt, aber die Ergebnisse sind natürlich zufällig in der Datenbank, man muss aus ermittlungstaktischen Gründen ja immer gut vorbereitet sein, und dann ergibt sich auch das eine oder andere. Wenn man der Alten eine ins Zahnfleisch gibt, könnte man sie ja parallel dazu entsprechend bearbeiten und ihr schonend beibringen, dass sie besser die Klappe hält und sich zufällig mehrmals die Tür vom Kühlschrank aufs Maul gehauen hat, wie es ja auch schon vor zwei Jahren der Fall war. Dazu muss man gar nicht die Strafprozessordnung erneuern, dazu muss man einfach nur in die Datenbank gucken. Sie war einmal Opfer, dann bleibt sie es auch. Und wie das in der deutschen Justiz behandelt wird, darüber müssen wir doch nun echt nicht mehr reden.
Also ich finde die SPD ja immer noch gut. Sie erlaubt uns mit antidemokratischen Mitteln die Demokratie zu beseitigen – das ist besser als beim letzten Mal, da mussten wir es noch legal bis zum Reichstagsbrand schaffen. Jetzt kommt diese total rückgratlose Schlampe angekrochen und bittet uns, dass wir ihr beim Kotzen aufs Grundgesetz die Haare halten – wenn den Sozen die Verfassung schon derart egal ist, warum sollten wir uns denn dann noch darum scheren? – das ist wirklich der Freibrief für uns, unter Ausnutzung der Mittel, die uns die Regierungskoalition bietet, dem ganzen Land eine reinzuhauen. Diese Linksterroristen, die ständig über die Grenze fahren müssen, versorgt die Schengen-Hysterikerin an der CDU-Spitze – die wechseln sich mit hysterischem Materialismus ab, wenn Sie mich fragen –der Rest sind polizeiliche Anzeigen, die immer dann versehentlich geändert werden, wenn eine andere Dienststelle Einblick zu nehmen droht. Falls es den Staatsanwalt dann noch interessiert, warum sich Aische mit drei bis vier aufgesetzten Genickschüssen das Leben genommen hat.

Dass uns der Vorwurf gewacht wird, beim geringsten Anlass alles zu speichern, was auch nur irgendwie mit einer Person in Verbindung gebracht werden könnte, ganz egal, mit welcher, das ist jetzt schon ein bisschen undifferenziert. Das müssen Sie schon verstehen. Daher arbeiten wir jetzt auch ohne einen Anlass, also aus eigenem Ermittlungsinteresse und mit einem gewissen Erfolgsrisiko. Sie wissen ja sicher, wie wir das meinen. Ach, wissen Sie was? Nächste Woche kommt hier die Anfrage der AfD, weil wir eine Statistik zur Religionszugehörigkeit in die Datenbank aufgenommen haben. Da freuen sich doch die Juden, wenn’s beim nächsten Mal schnell geht.“





Freiwillige Selbstkontrolle

5 03 2019

„… die Ausbeutung der Paketboten nicht mehr länger hinnehmen wolle. Heil habe angekündigt, dass er gegen die schlechten Arbeitsbedingungen in der Paketbranche mit einer gesetzlichen…“

„… nichts mit dem Mindestlohn zu tun habe. Das Ministerium habe in diesem Zusammenhang nochmals klargestellt, dass dessen Zahlung sowieso schon gesetzlich geregelt sei und nicht durch weitere Kontrollmaßnahmen durch eine…“

„… die Großunternehmen ab sofort verpflichtet seien, nur Unternehmen zu beschäftigen, die sich an die gesetzlichen Mindeststandards hielten. Heil wisse zwar nicht, ob dies auch für Subunternehmer, Subunternehmer von Subunternehmern, Subunternehmer von Subunternehmern von…“

„… es weiterhin erlaubt bleibe, Überstunden und Mehrarbeit durch das einzelvertraglich bestimmte Gehalt abzugelten. Sollten Paketdienste durch zunehmenden Einsatz von Überstunden diese Regelung aushebeln, seien die Arbeitsgerichte für die Angestellten immer eine richtige…“

„… würden sehr oft Langzeitarbeitslose in der Paketlogistik beschäftigt, die keinen Anspruch auf einen Mindestlohn hätten, weil sie viel zu schnell wieder entlassen werden müssten, da sie zu lange arbeitslos gewesen seien, da sie als Paketfahrer beschäftigt worden seien und keine qualifizierte…“

„… auf eine strikte Kontrolle setze, die alle in der Bundesrepublik angestellten Paketfahrer regelmäßig in Augenschein nehmen würden. Sobald ein Fahrer den Kontrolleuren bestätige, dass er keine Beanstandungen habe, dürfe er weiterhin…“

„… dass Arbeitnehmer vereinzelt bis zu 13 Stunden am Tag beschäftigt, aber nur für fünf Stunden im Rahmen einer Teilzeitstelle bezahlt würden. Der Dienstleister habe eine sofortige Prüfung des Einzelfalls angeordnet, die allerdings nicht mehr in diesem Jahr mit den…“

„… kritisch gegenüberstehe. Ein Arbeitskampf sei zwar grundsätzlich durch die Verfassung gedeckt, die Paketboden müssten dabei jedoch bedenken, dass sie damit ihre Jobs gefährdeten, was durch den Fachkräftemangel sofort zum totalen Niedergang der Branche in der…“

„… für alle Paketfahrer zuständig seien. Das Ministerium habe aber bestätigt, dass die Task Force von drei auf vier Teilzeitstellen aufgestockt werde, sobald sich die ersten Ergebnisse der…“

„… zwar korrekt sei, dass der Paketbote sowie mehrere Hundert seiner Kollegen täglich acht nicht bezahlte Überstunden ableisteten. Die Regionalleiter wiesen jedoch darauf hin, dass das Entgelt für die verbleibenden fünf Stunden um fast zwanzig Cent über dem allgemeinen Mindestlohn liege und damit ungefähr an die Bezahlung als Leiharbeiter heranreiche, die man nur aus organisatorischen Gründen noch nicht im…“

„… entgegen der ursprünglichen Idee der Kommission um reine Bürotätigkeiten handele. Die Kontrolleure befänden sich im Arbeitsministerium und würden von dort aus versuchen, in brieflichen Kontakt mit den Fahrern zu treten, da eine Telefonbefragung wegen datenschutzrechtlicher Bedenken nicht im…“

„… werde die SPD als Digitalpartei dafür sorgen, dass nicht mehr so viel im Internet bestellt werde, so dass die Paketfahrer vorwiegend regional gekaufte Güter in den…“

„… im Zuge einer freiwilligen Selbstkontrolle ihre Angaben zur arbeitsrechtlichen Situation machen würden. Die Arbeitgeber würden diese dann in anonymisierter Form einmal jährlich an das Bundesministerium weiterleiten, wo nach einer eingehenden Prüfung durch das…“

„… Werkverträge, die mit Subunternehmern ausgehandelt worden seien, nicht vom Mindestlohn tangiert würden. Heil habe zwar schon von dem Unterschied gehört, müsse sich aber erst juristisch beraten lassen, bevor er eine…“

„… stelle man den Fahrern immerhin ein Auto zur Verfügung, das diese in ihrer Freizeit waschen und auftanken dürften. Mehr Zugeständnisse wollten die Arbeitgeber nicht machen, da sich in Deutschland sonst der Sozialismus wieder im…“

„…sich wegen Terminschwierigkeiten nicht an der Sitzblockade gegen Unternehmen beteiligen, die keine Sozialversicherungsbeiträge entrichteten. Heil habe aber angekündigt, in Gedanken ganz fest an die…“

„… feste Untergrenzen pro Paketlieferung in die Gesetzesvorlage aufnehmen wolle. Eine Sendung koste den Vertragnehmer etwa drei Euro, so dass mit einer Pauschale von einundzwanzig Cent ein guter Kompromiss für alle…“

„… ein Gesetz zu erlassen, nach dem illegale Dinge verboten seien. Die Bundesregierung werde zwar nicht alle Straftatbestände des Steuer- und Sozialversicherungsrechts im Entwurf berücksichtigen können, weise aber gleichzeitig darauf hin, dass auch dieser nur ein Vorschlag sei, der frühestens…“

„… die Kritik der Gewerkschaften an den freiwilligen Maßnahmen zurückweise. Heil sehe auch bei der Landwirtschaftsministerin, dass viele Ideen, auf die sonst keiner gekommen wäre, sehr schnell bekannt und…“

„… einen guten Konsens gefunden habe. Da die Konzerne jetzt beispielsweise auch die Auslieferung kompletter Windkraftanlagen mit einundzwanzig Cent (einschließlich Umsatzsteuer) abrechnen könnten, sei die Wirtschaftlichkeit ihrer Arbeit und damit die Garantie auf viele befristete Jobs im…“





Kernkräftchen

19 02 2019

„Wenn Sie hier noch einmal dies gottverdammte Geseier von den hart arbeitenden Menschen hoch kotzen, dann spucken Sie Blut, klar!?“ „Jetzt seien Sie doch nicht gleich so aggressiv, man kann doch über alles…“ „Nein, kann man nicht. Vor allem nicht dann, wenn in diesem Scheißladen eh über alles immer nur geredet wird.“

„Meinen Sie nicht, dass wir uns endlich mal ein Ziel setzen sollten, mit dem wir unseren Weg zurück in die Regierungsverantwortung auch thematisch begleiten können?“ „Und woran hatten Sie da so gedacht? Steuersenkungen für Reiche? Mehr Bestandsschutz für Vermieter?“ „Sie sehen das viel zu negativ, die SPD ist schließlich eine Arbeiterpartei.“ „Ich hatte mich klar ausgedrückt: keine Worthülsen mehr.“ „Wir meinen das ernst!“ „Seit wann denn das?“ „Schon immer, aber jetzt erst recht. Schließlich geht es uns doch darum, auch langfristig wieder unser Profil zu schärfen.“

„Und was haben Sie sich jetzt ausgedacht?“ „Wir wollen zunächst einmal Hartz IV hinter uns lassen.“ „Also nicht abschaffen, Sie lassen es nur hinter sich.“ „Aber in einem durchaus politischen Sinn, wir möchten uns ja dafür entschuldigen.“ „Sie meinen, für die Folgen.“ „Auch dafür.“ „Und deshalb haken Sie es ab, statt es aufzuarbeiten.“ „Das kann man so nicht sagen. Wir wollen zunächst ein Bürgergeld einführen.“ „Statt Hartz IV?“ „Die Höhe ist ja nicht der Streitpunkt, aber hören Sie mal: Bürgergeld.“ „Und?“ „Bürgergeld, das klingt doch gleich viel besser. Wenn Sie Bürgergeld vom Staat kassieren, dann erfahren Sie doch schon mal eine gewisse Wertschätzung, weil Sie als Bürger wahrgenommen werden.“ „Statt wie bisher als Haustier, wollten Sie sagen?“ „Jetzt seien Sie doch nicht immer so negativ, was haben Sie denn?“ „Das alles schon erlebt. Genau denselben Mist hat sich von der Leyen schon ausgedacht, als sie noch keine Waffen brauchte, um das Land in die Scheiße zu reiten.“ „Wir wollen diese Bürger doch in die Mitte zurückholen. In die bürgerliche Mitte, wenn Sie so wollen.“ „Sie meinen, Sie wollen die SPD da zementieren.“ „Hier werden nun mal Wahlen gewonnen.“ „Dann verstehe ich auch, warum alle anderen Parteien denselben Anspruch haben. Da kann ja mit dem Profil nichts mehr schief gehen.“

„Außerdem brauchen wir wieder den Kontakt zu unserer Kernklientel.“ „Werden Sie von denen nicht längst verprügelt, wenn Sie Wahlstände in deren Straßen aufbauen wollen?“ „Bei der Mitte der Bürger?“ „Ich meinte eher die Arbeiter.“ „Guter Mann, die gibt es doch gar nicht mehr.“ „Haben Sie noch nie einen Arbeiter gesehen?“ „Schauen Sie, was Sie meinen, sind Facharbeiter, aber die sind für uns längst die arbeitende Mitte.“ „Sagt wer?“ „Naja, die Partei halt.“ „Nahles.“ „Das ist doch dasselbe.“ „Für Nahles vielleicht, aber haben Sie schon mal die Partei gefragt?“ „Sie kennen doch die Antwort.“ „Stimmt. Die Partei, die Partei, die hat immer recht.“ „Sie enttäuschen mich aber.“ „Ach, nicht solche Schmeichelei – das können Sie doch viel besser.“

„Aber wir müssen jetzt auf die tüchtige Mitte setzen, die uns eine…“ „Auf wen, bitte!?“ „Das ist doch die Kernklientel, die uns wieder stärken wird, wenn wir als Regierungspartei eine…“ „Welche Kernklientel denn?“ „Die entfalten dann eine Kraft, mit der die SPD sich…“ „Eine Kernkraft, meinen Sie? wohl eher ein Kernkräftchen.“ „Jetzt lassen Sie doch endlich mal diese Wortklauberei, so kommen wir nicht voran.“ „Was Sie da als tüchtige Mitte bezeichnen, bezeichnen andere als Leistungsträger.“ „Wir sind ja auch eine liberale Partei.“ „Abgesehen davon, dass dieser Scheißbegriff schon physikalisch zum Kerninventar lernbehinderter Vollversager gehört, wen meinen Sie denn bitte damit?“ „Wir wollen doch wieder für die da sein, die sich dann mit uns solidarisch und…“ „Also alles oberhalb des faulen Prekariats, das die SPD dann mit dem ganzen Hartz-Müll hinter sich lassen kann.“ „Das haben jetzt Sie gesagt.“ „Sie trauen sich ja nicht.“ „Wir können doch hier keine volkswirtschaftlichen Nebenkriegsschauplätze aufmachen.“ „Also bleibt es ein Hauptkriegsschauplatz bei der SPD.“ „Die Produktivität der tüchtigen Bevölkerung ist doch für uns auch ein Maß, wie gut es uns geht.“ „Uns? Also Ihnen, im Vergleich zu Ihren Werktätigen.“ „Wir müssen uns doch auch von der Oberschicht absetzen.“ „Als tüchtige Mitte?“ „Das ist die Mitte, die arbeitet und Steuern zahlt und…“ „Verstehe, und damit Ihre Profilierung funktioniert, zahlen die oben dann einfach weiter keine Steuern.“ „Das ist dann ja auch ein Zeichen von Tüchtigkeit.“ „Wenn man keine Steuern mehr bezahlt?“ „Nein, wenn man sie zahlt.“ „Und was ist mit denen, die so wenig verdienen, dass sie gar nicht erst in die Verlegenheit kommen, Steuern zu zahlen?“ „Für die gibt es ja dann Bürgergeld.“ „Was bislang noch als Hartz IV zur Aufstockung benutzt wird.“ „Ja, aber das wollen wir hinter uns lassen.“ „Weil es sich volkswirtschaftlich nicht rechnet.“ „Doch, aber es ist auf Dauer unsolidarisch. Wenn jetzt jemand schon seit langen Jahren…“ „Ach, die Leier. Lassen Sie es, ich habe genug gehört.“ „Aber…“ „Damit haben Sie mich endgültig verloren. Nie wieder die SPD, das können Sie mir glauben.“ „Was machen wir denn bloß falsch?“ „Das müssen Sie mir doch sagen können, die Partei hat immer recht.“ „Denken Sie mal darüber nach.“ „Ich weiß es wirklich nicht, vielleicht hat Nahles…“ „Dicht dran. Ganz dicht.“ „Was?“ „Daran hat sie hart gearbeitet.“





Kevin allein zu Haus

13 02 2019

„Ob die Frau Nahles zu sprechen ist, wollte ich wissen. Die ist doch jetzt, also zumindest müsste sie um diese Uhrzeit, ich rufe ja immer so am späten Vormittag durch, dann ist sie – wie? Homeoffice? Das ist doch ein Scherz, oder?

Ja, ich warte. Hallo? Meine Güte, ich kann doch dieses Dossier nicht alleine rausgeben, ich muss doch Rücksprache halten mit dem… – Hallo? Gut, dass ich Sie dran habe, Frau Nahles, ich wollte den Teil über die Qualifizierung von Arbeitslosen über 58 noch mal… – Hallo? Hört mich überhaupt einer in diesem Saftladen? Ich meine, es ist die SPD, da redet sich jeder irgendeinen Quatsch zusammen und weiß, dass sowieso keiner zuhört, aber ich muss das hier bis morgen verschicken!

Hallo? Na endlich, ich warte hier ja nun schon eine halbe… – Ach, Sie sind es gar nicht. Dann geben Sie mir doch mal Herrn Scholz, irgendeiner muss den ganzen Spaß doch bezahlen. Mäht gerade den Rasen? Haben Sie im Willy-Brandt-Haus jetzt keine Gärtner mehr, die Sie zum Mindestlohn befristet beschäftigen können? Irgendwer wird sich doch finden lassen, der mir sagen kann, wie wir die berufliche Bildung von Arbeitnehmern mit mehr als einem Vermittlungshemmnis… – Klar, wenn’s ans Eingemachte geht, ist wieder keiner zuständig, und wenn die Sache in die Hose geht, sind sie alle nicht schuld, weil von Anfang an keiner zugehört hat. So müsste ich mal arbeiten, dann säße ich aber schon längst unter der Brücke. Hallo? Ja, hier auch, jetzt stellen Sie mich gefälligst zu Herrn Scholz durch, der ist doch da? Sie haben doch eben gerade gesagt, der ist draußen und mäht den… Wie, zu Hause? Der ist nicht zu sprechen? Der Bundesfinanzminister ist ab sofort mittwochs im privaten Arbeitszimmer und nur nach Rücksprache erreichbar? Haben Sie noch alle Tassen im Schrank!?

Das musste ja irgendwann so kommen, Gabriel hat das damals schon vorexerziert. Samstags gehört Vati mir. Jetzt lassen sich die feinen Herrschaften gar erst nicht mehr im Büro blicken, jetzt haben sie alle die digitale Arbeitswelt entdeckt, die sie bei anderen so schön abwürgen können, weil es für eine anständige Infrastruktur kein Geld gibt. Ganz groß!

Hallo? So, und jetzt stellen Sie mich gefälligst an Herrn Heil durch, der ist doch für Soziales noch zuständig? Also gestern war er’s noch, was er heute treibt, will ich gar nicht… Joggen? Ganz davon abgesehen, dass ich die Bilder nicht mehr aus dem Kopf kriege, wieso joggt der Mann? Haben Sie mal auf die Uhr geschaut? Nein, das hat nichts damit zu tun, dass es für die SPD immer zu spät ist, ich will wissen, wie ein Minister am helllichten Tag, am Werktag wohlgemerkt, wie der jetzt joggen kann? Mobiles Arbeiten? Wie soll ich mir das vorstellen, Herr Heil schleppt sich schwitzend durch den Tiergarten und zwei Staatssekretäre rennen mit dem Notizblock hinter ihm her, um seine Geistesblitze mitzuschreiben? Wollen Sie mich verarschen!?

Ja, ich warte. Wir können das den ganzen Tag machen, meine Zeit ist das ja nicht, die hier gerade abläuft. Erklären Sie mir doch einfach mal, was der ganze Kram hier soll, die einen sitzen zu Hause, die anderen arbeiten von unterwegs aus, keiner ist mehr erreichbar – das soll die Zukunft dieser Republik sein? Sie wollen das erst mal an sich selbst testen? Sonst haben Sie keine Sorgen? Ja, ich weiß auch, dass es um die Zukunft Deutschlands geht, aber Sie verwechseln das mit der Zukunft der SPD. Obwohl ich auch hier nicht gerade das Gefühl habe, dass Sie wissen, was Sie da tun. Langsam habe ich den Eindruck, diese Partei ist ein Zombie. Die übersteht jeden Suizid.

Können Sie mich nicht einfach mal an jemanden durchstellen, der wenigstens körperlich anwesend ist? Ist da überhaupt noch jemand? Herr Kühnert? Ach Gottchen, Kevin allein zu Haus – nee, lassen Sie mal gut sein. Der schreibt es auch nur auf einen Zettel und der nächste schmeißt den dann in den Schredder. Das können wir uns sparen.

Meine Güte, wer hat denn Telefondienst in diesem Saftladen? Herr Maas? Das ist doch nicht zu fassen, der Mann ist… – Nachmittags? Was genau heißt das bei Ihnen? Der Botschafter? Wie, Sie haben den afghanischen Botschafter ins Saarland gefahren, weil der Außenminister am Vormittag das diplomatische Personal nur in seinem Bungalow empfängt? Was kommt denn als nächstes, alle Staatssekretäre nur noch in Teilzeit? Und der Bundespräsident macht das dann als geringfügige Beschäftigung? Ich schätze mal, das macht den Job dann auch für Alleinerziehende wieder attraktiv, richtig? Hallo? Hallo?

Wenn sie wenigstens nicht diese verfluchte Musik in der Warteschleife hätten – ‚Brüder, zur Sonne, zur Freiheit‘, ja, das könnte Euch passen, ich hocke hier im Büro und Ihr macht Euch einen gemütlichen Tag, was? Das soll der Linksruck sein? dass ich nicht lache! Mehr haben Sie nicht zu… – Sie haben ein Beschwerdemanagement? Verstehe, und wie soll das funktionieren? Wer macht das? Herr Steinbrück? Entschuldigen Sie mal, das ist doch… – Wie, schriftlich? Ich soll die Beschwerde schriftlich einreichen, und dann entscheidet der Vorstand, wann ich noch mal anrufen soll? Sagen Sie mal, hören Sie mir überhaupt zu? Sie haben dieses verdammte Dossier zum Arbeitslosengeld bei mir angefordert und mir gesagt, wenn ich nicht bis… –

Warteschleife. Jetzt wird es mir aber zu bunt hier, stopfen Sie sich doch den Mist sonst wo rein! Und wenn Sie irgendwas vorher selbst ausprobieren wollen, dann nehmen Sie gefälligst Ihre verfluchte Grundrente!“





Ostschutzmittel

30 01 2019

„Und diese Strategie ist schon ausgereift?“ „Das, was davon existiert, ist tatsächlich schon sehr, sehr gut.“ „Muss ich auch sagen.“ „Jawoll.“ „Und was existiert davon?“ „Also bisher – wissen Sie da nicht schon irgendwas?“

„Das soll jetzt ja nicht irgendein Schnellschuss werden, wir setzen da schon auf Nachhaltigkeit.“ „Wegen der strategischen Wirkung und so.“ „Aha, und was verstehen Sie so unter Nachhaltigkeit?“ „Dass das länger nachhält.“ „Also vorhält.“ „Also wenigstens bis zu den Landtagswahlen.“ „Das klingt ja mal wieder höchst professionell.“ „Ja, nicht wahr?“ „Und die CDU macht das auch mit?“ „Wenn wir die sozialdemokratischen Mehrheiten in Ostdeutschland zurückgeholt haben, dann kann uns doch die CDU egal sein.“ „Jawoll.“

„Die Infrastruktur könnte man zum Beispiel schon mal vergessen.“ „Sie meinen ‚verbessern‘.“ „Da habe ich mich wohl verlesen.“ „Vergessen können Sie die jetzt schon, da muss sich gar nicht viel ändern.“ „Deshalb ja auch.“ „Und erst mal ist es natürlich gut, dass wir da auf einem Parteitag einen Beschluss fassen…“ „Wann findet der statt, kurz nach 2020?“ „… was wir als Infrastruktur und als verbesserungswürdig sehen.“ „Die Autobahnen sind ja teilweise schon ganz gut.“ „Dann sollten wir da auch kein Tempolimit mehr andenken.“ „Macht sowieso nur Unruhe.“ „Und dass sich die Leute gar kein Auto leisten können?“ „Da sehen Sie es, die ganzen Asylanten kriegen Unterkünfte und noch Taschengeld, und die Arbeiter müssen für ihre Sozialleistungen anstehen!“ „Sind Sie sich ganz sicher, dass Sie in der richtigen Partei sind?“ „Sie können mich ja rauswerfen lassen, im Osten dauert das doppelt so lange!“ „Jetzt lassen Sie ihn doch mal, er ist seit der Wiedervereinigung ein bisschen enttäuscht, dass das mit dem Sozialismus nicht so recht geklappt hat.“ „Deshalb probiert man es hier jetzt ja auch eher mit Nationalsozialismus.“ „Die Leute können sich schlicht keine Autos leisten, Kollegen.“ „Und deshalb sollen wir jetzt die Tram über die Autobahn fahren lassen?“ „Sie sind lustig, das lernt man also in Berlin?“ „Wir wäre es denn dann mal mit öffentlichen Verkehrsmitteln?“ „Das rentiert sich nicht.“ „Eben, die Fabriken sind so weit außerhalb, da bauen wir doch jetzt keine Autobahnen mehr hin.“ „Obwohl, wenn der Höcke das versprechen würde…“

„Außerdem müsste man mal das Netz in den Osten bringen.“ „Damit die Jugendlichen nur noch aufs Handy starren?“ „Genau dafür bringen die Einwanderer doch ihre Smartphones mit, wollen Sie, dass die Sachsen und Thüringen auch noch islamisieren!?“ „Vielleicht würde das ja ein paar Fachkräfte anlocken, die die Pflegesituation in den Bundesländern entspannen.“ „Hätte, könnte, wäre!“ „Dann hätten wir auch mehr Geld für die Renten.“ „Das eine hat doch mit dem anderen nichts zu tun.“ „Das denken Sie, aber die Bevölkerung im Osten ist halt durch Niedriglöhne und die Teilzeitfalle in eine schlechte Ausgangsposition geraten, was die Altersvorsorge angeht.“ „Dabei ging es uns noch nie so gut seit der Wiedervereinigung.“ „Schon mal überlegt, dass das eine mit dem anderen zu tun haben könnte?“

„Und über künstliche Intelligenz redet natürlich wieder mal keiner.“ „Was wollen Sie denn im Osten mit künstlicher Intelligenz?“ „Wenn Sie sich die letzten Wahlen anschauen, dann sehen Sie, mit der natürlichen kommt man hier nicht weit.“ „Das ist der Wandel durch Innovation.“ „Und wer wird da eingesetzt?“ „Ich dachte, das könnten wir mit der Einwanderung aus dem Westen irgendwie steuern?“ „Woher nehmen Sie denn da die Fachkräfte?“ „Die im Osten haben nicht genug Ausbildungsplätze, also könnte man die …“ „Das mit dem Vergessen war doch keine schlechte Idee.“ „Diese künstliche Intelligenz könnte man ja auch in der bürgernahen Verwaltung einsetzen.“ „Und zur Kinderbetreuung, oder was meinen Sie?“ „Ich weiß ja nicht. Roboter in der Krippe?“ „In der DDR war’s auch nicht anders.“ „Für das Geld kriegen Sie jedenfalls keine Erzieherin.“ „Und die macht auch noch Urlaub und wird krank.“ „Oder schwanger.“ „Sag ich doch.“ „Dann können die Frauen sich wieder ganz auf ihre Karriere konzentrieren.“ „Sehen Sie, Kollege, so geht nämlich Frauenförderung.“ „Jawoll!“

„Wenn wir erst mal die Kindergrundssicherung im Osten ausprobiert haben, dann können wir ja die Bahnpreise erhöhen.“ „Wie passt das denn bitte zusammen?“ „Mehr Geld für den Konsum, dann kann man auch die Preise anpassen.“ „Und je mehr Umsatz, desto mehr Gewinn.“ „Und Arbeitsplätze.“ „Arbeitsplätze!“ „Jawoll!“ „Die sind das optimale Ostschutzmittel.“ „Also bald boomt es hier, davon kann sich der Westen eine Scheibe abschneiden.“ „Irre!“ „Außerdem wird ja die Infrastruktur für die Kinder sowieso kostenlos.“ „Dann bezahlen nur die Eltern?“ „Die haben dann ja wieder Jobs und können sich die Bahn auch leisten.“ „Und der Staat sollte endlich aufhören, das Engagement der Schulen zu beschneiden.“ „Finde ich auch.“ „Nur diese Freitagsdemos, die sind weiterhin verboten?“ „Sie können ja am Montag nach Dresden fahren, wenn es Ihnen nicht passt.“ „Wir machen das schon, Kollege.“ „Eben, und dann haben wir ja auch noch die CDU.“ „Und Sie wollen ernsthaft mit denen…“ „Na, die machen doch sowieso alles wie die AfD, damit sie nichts machen müssen und trotzdem keine Wähler verlieren.“ „Sehen Sie, so ist das hier im Osten. Wir lernen halt immer noch gerne vom Sieger.“





Schnauze

14 01 2019

„Und er hat tatsächlich gesagt, dass er sich die Kanzlerkandidatur zutraut?“ „Meine Güte, diese Springerschmierlappen haben ihn gefragt, da kann er schlecht nein sagen.“ „Warum eigentlich nicht?“ „Weil sonst die SPD endgültig weg ist.“ „Und was ist sie jetzt?“

„Ich verstehe ja, dass Sie das kritisch sehen, aber dann müssen Sie auch konkrete Vorschläge zur Verbesserung der Situation…“ „Nicht schon wieder die alte Leier!“ „Haben Sie Lösungsvorschläge, ja oder nein?“ „Den ganzen Laden in die Tonne treten, aber mich fragt ja wieder keiner.“ „So leicht dürfen wir es uns auch nicht machen, schließlich haben wir staatspolitische Verantwortung.“ „Für die SPD?“ „Nein, für… ach, ist ja auch egal jetzt.“ „Dann sagen Sie’s halt, ich meine, Sie glauben doch noch an das Wunder von Berlin, oder?“ „Erstmal müssen wir uns erneuern, das sagen doch alle.“ „Sehen Sie es mal positiv, wenn wir das eh nicht schaffen, dann sollten wir es wenigstens glaubwürdig beenden.“ „Wie das denn?“ „Na gucken Sie, Scholz gibt uns das gute Gefühl, mit diesem Kandidaten tun wir alles für eine Erneuerung – und wir verhindern gleichzeitig wirksam, dass sie stattfindet.“ „Sie meinen, das geht?“ „Das hat die SPD bisher mit dem Sozialismus auch hingekriegt.“

„Warum beißen sich jetzt alle an diesem Mann so fest?“ „Weil er dieses gewisse Etwas hat.“ „Wie bitte?“ „Naja, knapp unterhalb von Charisma.“ „Entschuldigen Sie mal, was haben Sie denn da wieder geraucht!?“ „Dann hören Sie sich mal an, was der sonst so von sich gibt. Wenn Sie nicht so genau hingucken, dann kann man den Eindruck kriegen, Schmidt hätte sich in der Hausnummer geirrt.“ „Oder in der Partei.“ „Ach was, das ist doch seine Masche.“ „Sie meinen, der macht das mit Absicht?“ „Alles.“ „Alles?“ „Zunächst: Hamburg. Wenn ein Kanzler irgendwo herkommt, dann aus der Hansestadt.“ „Die Merkel ist doch aber aus der Zone?“ „Und in Hamburg geboren.“ „Ach so.“ „Eben. Und dann dieses weltmännische Verstehen von Volkswirtschaft, da merkt man doch: der hat so einen preußischen Chic, der macht das nicht für Geld.“ „Der wandert hinterher in die Wirtschaft ab, darauf können Sie aber Gift nehmen.“ „Was er danach macht, ist schnurzegal. Und dies harte, man möchte sagen: männliche Durchgreifen in höchster Gefahr für seine Stadt!“ „Sie wollen jetzt nicht die Sturmflut 1962 mit dem Polizeieinsatz bei der Kapitalistenparty vergleichen?“ „Schmidt hat auch aufs Grundgesetz gepfiffen.“ „Aber doch nicht auf Artikel 1!“

„Wissen Sie, so eine Koalition mit der Union kann ganz lustig sein, man muss nur die richtige Konstellation finden.“ „Sie meinen ernsthaft, dass die SPD den Kanzler stellt und die CDU den Junior macht?“ „Andersrum will’s der Wähler nicht mehr, so viel steht schon mal fest.“ „Jetzt verlieren Sie langsam den Boden unter den Füßen.“ „Und mit der Sachpolitik machen wir es dann wie mit der Erneuerung.“ „Die findet also auch nicht statt?“ „Zumindest nicht so, wie sich die Opposition aus Grünen und Linken das vorstellt. Mit einem echten Wirtschaftskanzler kann man doch Hartz IV nicht abschaffen.“ „Wirtschaftskanzler?“ „Merz hätte das auch nicht gemacht.“ „Entschuldigen Sie mal, das ist doch Realsatire! Von einem SPD-Kanzler wird man erwarten, dass er sich um die Mieten kümmert und um die Löhne, um Kitas und Pflege und…“ „Macht er doch, jede Wette. Unsere Kampa wird der Knaller, sollen Sie mal sehen!“ „Also wieder nur ein Wahlkampfkanzler?“ „Denken Sie an sein Vorbild, wir werden ein politisches Beben sehen, das geradezu an einen Ruck erinnert. Jetzt erleben wir Scholz-Schnauze.“ „Schnauze?“ „Naja, die Schnittmenge mit Schmidt ist nicht gerade groß, aber irgendwo muss man doch anfangen.“ „Ich wäre sehr vorsichtig mit dem Spitznamen, gerade in Hamburg hat man seinen Brechmitteleinsatz gegen Kleinkriminelle immer noch gut im Gedächtnis.“ „Das wäre eher eine parteiinterne Bezeichnung.“

„Wenn ich das richtig verstanden habe, ist er innerhalb der eigenen Partei auch umstritten.“ „Das kann man so sehen, es halten sich ja noch andere für kanzlertauglich.“ „Weil?“ „Na, aus Gründen halt.“ „Nein, ich meine… ach, vergessen Sie’s.“ „Schauen Sie mal, in dieser Hinsicht ist doch Scholz ein absolutes Multifunktionswerkzeug.“ „Das verstehe ich nicht.“ „Klar, das muss man auch erlebt haben, aber…“ „Nein, nicht so.“ „Sehen Sie, der Sozialismus, politische Inhalte, die Erneuerung, und jetzt auch noch die Kanzlerschaft – das ist ein Zukunftsmodell für die Sozialdemokratie!“ „Also wir träumen von der Kanzlerschaft, aber wir wissen genau: mit dem Mann kann man sich das langfristig in die Haare schmieren.“ „Jawohl, und dann kommt erst die Zukunft: wir haben eine Perspektive, von Wahl zu Wahl.“ „Von Ewigkeit zu Ewigkeit, das wollten Sie doch sagen?“ „Oder so, jedenfalls ist mit solchen Kanzlerkandidaten ausgeschlossen, dass wir je auch nur in die Nähe der politischen Verantwortung geraten.“ „Ab jetzt Ausruhen auf der Oppositionsbank?“ „Für den Rest des Lebens, oder wenigstens solange, wie es die SPD noch gibt.“ „Und danach?“ „Wie, danach?“ „Das muss ja nicht unbedingt zusammenfallen.“ „Stimmt, aber wenn man erstmal die richtige Erfahrung gesammelt hat, ein Profil, ein Image, verstehen Sie, was sich auch in der Öffentlichkeit gut verkaufen lässt, dann kann man das doch wirklich auch mal einsetzen und sich für die Gesellschaft, also die Wirtschaft, verstehen Sie, die braucht solche Köpfe immer.“ „Was soll ich in der Wirtschaft?“ „Wer redet denn von Ihnen? Ich rede von Olaf Scholz!“