Gernulf Olzheimer kommentiert (DXXVIII): Spruchweisheiten

21 08 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es muss an einem klimatisch suboptimalen Tag im Winter gewesen sein, als Rrts Sippe nach der Suppe noch um die Feuerstelle saß, um sich zu wärmen. Einer der jungen Jäger wusste nicht, wie er seine eisigen Pfoten wieder beweglich kriegen sollte, und so hielt er sie gefährlich nah an die Flammen, näher und immer näher, bis er nach dem kurzen Moment des gerade noch Erträglichen mit einem markerschütternden Schrei aufsprang, denn er hatte sich, der geneigte Leser der Gegenwart ahnt es wohl, die Finger verbrannt. Die Gefährten halfen schnell, doch der Alte, der seinerzeit persönlich die Säbelzahnziege am Hang beim kleinen Flüsschen erlegt hatte, fasste das Geschehene für alle anderen noch einmal didaktisch aufbereitet zusammen in moralisch wirksamen, leicht zu memorierenden Grunzlauten, wie sie bis zur Entwicklung der ersten Grammatik üblich waren: Wer die Hand zu nah ans Feuer hält, verbrennt sich die Finger. Damit nahm das Verhängnis seinen Lauf, die Spruchweisheit als Nerven schmirgelnde einfache Form ward geboren und ist bis heute lebendig ohne Hoffnung auf ein nachhaltiges Ende.

Noch heute leiden wir unter den Ereignissen in jener Behausung; von Mesopotamien bis Peru ist der altkluge Verbalbauschaum aus der Hüfte locker verschießbar und trifft jeden in Kopfhöhe, der sich nicht rechtzeitig in Deckung begibt. Auch wenn im Landkreis Bad Gnirbtzschen noch vereinzelt die Kinder mit Rot – heiß – aua erzogen worden sind – auf mittelalterliche Streubelege hin wurde die Erfindung der Mischbatterie hier verortet – so hielt sich doch die drohende Nachricht von der Gefahr exothermer Reaktionen hartnäckig und gab damit den Subtext weiter, auf den es immer ankam: die Altvorderen haben grundsätzlich recht, es gibt keine Möglichkeit, sich ihrem moralinsauren Urteil gewaltfrei zu entziehen, und das nicht reflektierte Nachschwatzen von derlei Intellektglutamat war der erste Schritt zur Aufnahme in die Gruppe der Alten. Dass Bildung oder Wissen bei dieser Gelegenheit weder gefordert noch gefördert wurden: geschenkt. Der Gruppendruck zählt, der das gemeinsame Bewusstsein verankert, und sei es lauter Unsinn.

In den Niederungen des Volksmundes wurde der aphoristischen Form freilich fleißig gedacht, aber was blieb, war größtenteils Abortwandpoesie des Herzens. Dass, wer nicht sein eigenes Feld bestellt, auch nicht ernten wird, hielt sich erst recht nach der protestantischen Entwertung von Arbeit als ‚Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen‘ – die Arbeitsteilung hatte schon stattgefunden, die soziale Verantwortung trug aber weiterhin der Leibeigene für den Arbeitgeber, und wer nicht bis heute im Wachkoma gelegen hat, weiß auch, dass es bis heute so ist. Als würde die Obrigkeitsgesellschaft ihre Premiumdämlichkeiten nicht schmerzhaft in die Alltagskultur hämmern, damit sich keiner beim Denken erwischt.

Merklich abgesackt erwischt die formunschöne Sprachverschwiemelung auch den Sinnspruch, das gummierte Spuckbildchen für Poesieabladestation und WhatsApp-Status. ‚Hab Sonne im Herzen‘, quarrt der Sprechdurchfall, ‚sonst wird Dich der Jäger holen‘. Ganze Industrien haben sich um diese klinisch verseifte Absonderung gebildet. Manche sticken den Schmodder auf Paradekissen, um am Sonntag einen Karatekniff reinzusemmeln, manche drucken den Rotz auf Bilder, rahmen ihn, hängen das Zeug in unschuldige Privaträume und sehen den Bewohnern bei Aufzucht und Hege einer passiv-aggressiven Psychose zu. Manche verteilen alles auf Postkarten, die sich infektiös vermehren durch soziale Missverständnisse der Kommunikation in Bezug auf deren rechtlichen Rahmen und das nicht zu unterschätzende Verständnis, jemandem das Licht auszupusten, wenn er mit derlei Botschaften die Schmerzgrenze austestet.

Dabei passt der Inhalt weder zur heutigen Form noch zu den Inhalten der Kommunikation. Würde man die ursprünglichen Botschaften ohne jede Änderung unter das geplagte Volk jubeln, wir sagten heutzutage wohl ‚Wenn sonntags die Tomatenfanfare rechts überholt, wird es ein gutes Jahr für Großtanten an der Heißmangel‘ oder ‚Je fleckiger der Vollmond, desto lauter kegelt der Buckelwal‘. Angepasster an die Gegenwart hätte die Spruchweisheit viel mehr Chancen, sich den Respekt der Kulturgemeinschaft zu verschaffen. ‚Wenn die Kuh jodelt, ist die Hormondosis aus dem Ruder gelaufen‘ und ‚Ausländer, Linke oder Personen mit dunkler Hautfarbe brauchen in der Kleinstadt ihre Adresse nicht extra der Polizei zu verraten‘ sollten in der rezenten Volkskunde nicht fehlen, schon gar nicht da, wo sie gesellschaftliche Verhältnisse nicht nur widerspiegeln, sondern auch dialektisch verändern können. Ordnung ist ja das halbe Leben, nachts sind alle Katzen grau und jeder ist seines Glückes Schmied, wie ja auch jeder sein Feld bestellt hat, um danach von der Ernte alleine zu leben, ohne irgendeinen Herrscher über sich zu dulden, der nur durch seine sozialen Stellung essen durfte, ohne je in die Nähe von Arbeit gekommen zu sein. Er hätte sich dabei vermutlich auch die Finger verbrannt.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXIV): Das Geduze

18 05 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Wir wissen es nicht. Sicher war die Sprache der Hominiden im Grundausstattungsbereich eher an der lebensnotwendigen Körperfunktionen orientiert. Die Standesgesellschaft lag noch in einer halben Dimension herum, das Grunzinventar innerhalb der Sippe differenzierte sich nach Lautstärke, aber die wesentlichen Dinge kriegte das Volk schmerzfrei auf die Reihe. Ab einer gewissen Dialektvielfalt wurde es schwierig. Mit der Idee eines höheren Wesens kam vorübergehend die Komplexität der Anrede, aber das währte nicht lang. Manche in der Geschichte verwehte Epoche setzte auf Höflichkeit und teils gekünstelten Affekt, aber was war das alles schon gegen die Vorteile der gewaltfreien Kommunikation. You can say you to me. Es begann das Geduze.

Mit der allgemeinen Planierung der ästhetischen Distinktion durch mangelnden Anstand und dem pseudopolitischen Getöse der Theoretiker wucherte eine egalitäre Pest aus dem soziologischen Gulli, die ihre Tentakeln in die Nasenlöcher einer fast noch Babypuder riechenden Schicht von Hipstern stopfte, ihnen ansehnliche Teile der Großhirnrinde verödete und ihnen das Du einkokelte, wo sonst der Brechreiz verortet sitzt. Pfarrer, Richter, Dealer, alles wurde seiner respektablen Position entkorkt, man duzte nur noch, aber nicht auf die brüderliche Art, wie es auf den ersten Biss den Anschein hätte haben können. Wo die Fremdwahrnehmung eines intakten Miteinanders komplett in die Grütze ging, musste das narzisstische Selbsterleben bunte Blüten schlagen – so kam es, und das war das Problem.

Das brägenreduzierte Gesellschaftskonglomerat duzt einander, als hätte man das Sie durch standrechtliche Exekution beseitigt. Der formlose Umgang zeigt eben das: das kaum in Konturen schwiemelbare Kompott, das amorph in die Ritzen der Selbstachtung sickert, ignoriert jegliche Individualdistanz, kumpelt sich an, als wären alle in kollektiver Besoffenheit, und verursacht der Menge einen Grad an Enthemmung, der gebraucht würde, um die Belegschaft vollständig degenerieren zu lassen. Mit dem Schwinden der Scham setzt der Schwachsinn ein, hier schaltet er bereits röhrend in den dritten Gang.

Stil ist für die meisten Bekloppten nur die greifbare Seite des Besens. Davon abgesehen führt die große Gleichmacherei, die jeden Blödföhn auf die eigene Stufe zerren will, zum großen Einebnen von oben nach unten. Schon schleimt sich der erste Katalog aus dem geistigen Flachland mit der zweiten Person Singular ins Beziehungsgefüge: wir sind alle eine große Familie, schwallt der Schwede, und Du bist das Kind. War ‚Du‘ bisher natürlicher Ausdruck von gewachsener Vertrautheit und Nähe, ist es nun lediglich klebriger Aufpapper einer strikt verordneten Sympathie, die auch für die größten Arschlöcher zu gelten hat.

Einige Fremdsprachen, insbesondere die im deutschen Artikulationsraum verbreiteten, nehmen das ‚Ihr‘ des Mittelalters bis in die Gegenwart in Gebrauch und fahren nicht schlecht damit. Einmal planiert, schon schwinden sämtliche Gefälle, die in der Wirklichkeit sinnvoll sind und produktiv. Wo sich Vorstandsvorsitzende und Azubis gegenseitig das Dumm-Du um die Backen hauen, entsteht eben keine Professionalität, wie Modernisierer meinen, sondern ein schmerzbefreites Gemansche, als sei die traditionelle Form des Stammbaums in diesem Familioiden ein Kreis. Was als infantile Auflehnung gegen vermeintliches Spießertum das gegenüber liegende Extrem zum allein seligmachenden Dogma erhob, mutet einer systematisch strukturierten Welt den Terror des Egalitären zu, indem es ihn einfach als kommunikativen Befreiungskampf und zugleich als dessen Ergebnis präsentiert. Der Schüler aber, der seinen Pauker nicht siezen muss und trotzdem von ihm Noten kassiert, ist auch Mittel, Zweck und Folge eines Irrwegs, in den sich falsche Liberale mit Anlauf und Ansagen verrennen. Sie werden uns befreien, ob wir wollen oder nicht.

Was gaukelt uns in dieser Simulation von Stall- und Nestwärme nicht alles die große, erlösende Liebe vor – weg mit Schlips und Kragen, ein Hoch auf die Berufsjugendlichkeit, die bis zum Schluss fit und leistungsfähig bleibt und nie so wird wie ihre Eltern, vermoost und verknöchert, nur eben verharzt sie obenrum, dreht eher frei, als frei zu sein und deliriert sich einen Schmarrn von Selbsthass mit gelebter Erniedrigung bunt. Denn sie ertragen den ganzen neoliberalen Schrott nur, wenn sie den anderen genauso herablassend behandeln, wie sie selbst in dieser Ansammlung von Kontrollverlust und reziproker Verachtung behandelt werden. Mach platt, was Dich platt macht, dröhnt’s aus dem Maschinenraum. Hier bröseln die Reste einer bis dato noch intakten Intimsphäre. Wer braucht die noch in einer Welt, in der wir uns selbst vermessen und die Ergebnisse hautnah ins Netz stellen. Eine Armlänge Abstand täte uns gut. Es würde so vieles wieder funktionieren, wie es gedacht war. „Wir duzen uns hier alle“, informiert mit Nachdruck und dem Finger am Abzug der Depp seine Umwelt, und die einzig richtige Antwort ist und bleibt: „Schön für Sie.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXXXVII): Alles gut

22 09 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Vermutlich hat es einen namenlosen Deppen getroffen, der mit dem Brezelkorb über den Markt gestolpert kam und nichts Besseres zu tun hatte, als den Prinzen vollzukrümeln. Der Brezelknecht war ein welterfahrener Mann, gediegen grobschlächtig und kaum mit bloßer Hand zu bändigen, der Typ mit den manikürten Griffeln jedoch standestypisch als Weichei sozialisiert, nicht mit der Ausübung von Macht vertraut und dementsprechend neben der Spur. Herr und Diener scheint’s tauschen die Rollen auf der Kampfbahn, der Fürst klaubt sich Brosamen aus dem Hermelin, während seine Knie wie Lurchlaich wabbern, und mit Bibber in der Stimme wanzt er die Mehlmütze an: alles gut. Alles, alles gut. Nie war eine Deeskalation beknackter, so fehl am Platz wie hier, so wertlos, kontraproduktiv und für die Tonne.

Nichts ist gut. Denn keiner würde im Ernst behaupten, diese kindische Sprachausstanzung sei auch nur ansatzweise Sympathieträger und nicht der Marker der drohende Katastrophe, kurz bevor der Stillstand der Dinge sich wieder in Wohlgefallen löst. Alles klar, alles paletti, kann man machen, aber gut war noch nie etwas, schon gar nicht im engeren Sinn, und mit scheinbar beschwörendem Gestus, dabei doch inwendig voller Schreckgespenstern windet sich das Ding eine prästabile Harmonie aus dem Hinterausgang, wo und wie auch immer sich die Gelegenheit dazu ergibt nach dem Urknall.

Die hündische Ergebenheitsformel, die aus den therapieverschwiemelten Schimmelhirnen schwappt, spiegelt die neoliberal konditionierte Not in den Köpfe der Mehrheit. Wer auf der Sonnenseite hockt, kann die Regeln bestimmen und seine schlechte Laune zum Maßstab der Bewertung machen; wer dagegen zur Renditensicherung täglich buckelt, der hat die Kröten zu schlucken, und nichts wird diesen Konsens der Knallfrösche je in Frage stellen. Gutsherrenmentalität bestimmt die zur Dienstleistung degenerierte Masse. Wer da an Häubchen oder Uniform, kurz: an schnöder Erwerbstätigkeit zu mutmaßlich spätrömischem Salär erkennbar ist, hat keine Ansprüche zu stellen, auch wenn ihm der Gast aus Langeweile in die Suppe haart.

Früher, als es noch eine Gesellschaft gab, die diesen Namen auch verdiente, erkannte man den echten Herren daran, dass er aus Verantwortung die Diener mit Achtung behandelte, heute, da nur mehr feucht-völkischer Sott und intellektuelle Pausenclowns die Freiräume besiedeln, besudeln ihre degenerierten Sprösslinge die Lücken. Joviales Gepopel lässt der Adel linker Hand auf die anderen nieder: alles gut, der Domestike soll sich nicht so haben, er stört unser ff. Dasein. Wie glitschig auch immer das über die echte Menschheit hinweggeht, es ist eine Waffe, die die Schnöselschicht erst an den Bediensteten ausprobiert hat, um sie dann wieder für sich zu reklamieren.

Von beiden Seiten also wird in restringiertem Code die deppenkompatible Losung in die Runde gekleckert, wenigstens die Hoffnung nicht gleich aufzugeben, nicht ganz, nicht nachhaltig. Was auch immer sich an Konflikt aus dem Dunst kristallisiert, ist per se falsch, denn es kann ja nicht alles gut sein, was sich entwickelt – das Bessere, weiß der Dialektiker, muss ein Feind des Guten sein, das wie in einer fatalen Kettenreaktion die esoterischen Selbstheiler auf den Plan ruft, sich mit planlosen Deeskalationen einen Trampelpfad durchs Dunkel zu schlagen. Wir denken wie die Säuglinge, deren zeitlich-räumliche Perspektive erfreulich eng an der Innenseite der Kalotte haftet, handeln entsprechend infantil und wundern uns über die Verbindlichkeit der verbalen Nullstellen, als würde die Realität gar nicht mehr zählen. Funfact: sie tut’s auch nicht.

Hat der durchschnittliche Sprechblasebalg der postfaktischen Gesellschaft den Zusammenhang zwischen Handlung und Konsequenz erst einmal erfolgreich verdrängt, dann geht es eigentlich. Dann, nur dann ist alles gut. Vorher aber ist die Multifunktionsworthülse aus der Ja-hallo-erstmal-Tube nichts als ein Schuldeingeständnis, dass die ganze existenzielle Auseinandersetzung nicht viel mehr ist als die Bewegung heißer Luft im Kreis um einen zwanghaft gedachten Mittelpunkt. Nichts ist gut, was ist, und ist etwas, wie soll einer überhaupt beurteilen, ob es für den anderen gut sein könnte? Schon während der billigen Alltagssituation braut sich hinter einer Verschwörung schon die nächste zusammen, möglicherweise ist es auch keine gute Wahl gewesen, gerade jetzt zu lesen, aber zack! ist alles Schicksal, und wer will das beurteilen?

Nein, das ist nicht der Flow, mit dem die ganze Welt in Richtung Flussabwärts murmelt, und mit etwas Glück wird es auch nie Dialekt. Dann befleißigte sich jeder einer offenen Sprache in gewaltfreier Kommunikation, hörte mit vier bis acht Ohren auf die Intentionen, hielte seine Klappe, wenn er nichts zu sagen hätte. Alles wäre gut.





In eigenen Worten

12 03 2017

Ach, dass es Sprache gäbe, die verstünden
nur die Verständigen und andre nicht,
damit sie so einander Reines künden
und nicht dran leiden, was ein andrer spricht.

Die Blüte welkt, das Glühende erkaltet.
Wohl gibt es sie noch nicht. Doch wenn sie reift,
entsteht sie, wo sich Fülle weit entfaltet,
sofern man einer Rede Sinn begreift.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLVIII): Die Suggestivfrage

6 01 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Fassungslosigkeit in Bad Gnirbtzschen! In einem Akt roher Brutalität, vermutlich enthemmt von der Erderwärmung, hat ein Schneesturm das Vordach der Bushaltestelle zum Einsturz gebracht! Die Anwohner sind, man müsste schon sehr weit ausholen, um dies nicht zu sehen, natürlich total aus dem Häuschen, nicht zu sagen: es herrscht in diesem bisher so unschuldigen Städtchen, das eigentlich eher ein Örtchen ist, ein hübsches kleines Fleckchen voller Schönheit zwischen den vereisten Seealpen und dem Kaukasus, es herrscht hier das reinste Chaos! Keiner weiß noch, was er denken soll, und da ist es gut, dass Enrico Bühse, der vom Dunkeldeutschen Rundfunk ausgesandte Reporter, dem zitternden Bürgermeister – es ist immerhin gut zwei Handbreit unterhalb des Gefrierpunktes – das monströs bepuschelte Mikro in den Rüssel drückt und atemlos die goldene Frage stellt: wie entsetzt sind die Gnirbtzschener?

Die insinuierende Formulierung, und genau das soll sie, ist die Mutter der neuen Berichterstattung, die vieles tut, nur eben nicht Bericht erstatten. Ein friedlich ruhendes Dörflein, wo der Bautrupp im Halbtran die Scheibe auswechselt und ein wenig Schnee fegt, versetzt den Zuschauer in seiner kaum zu überblickenden Masse nicht in enthemmte Wut über die finsteren Mächte. „Wie überrascht waren Sie“, sülzt Bühse die Anwohnerin Mandy Ö. (24) an, „als der Schnee neben Ihnen aufs Pflaster fiel?“ Mandy versteht viel, nur eben nicht den medialen Zusammenhang, gibt sich, einmal im Fernsehen, größte Mühe und lässt verlautbaren, sie sei „ja doch ziemlich“ überrascht gewesen. Nicht so sehr wie eine Stunde später, als die Milch überkochte, aber danach hat ja wieder keiner gefragt, und schon gar nicht so suggestiv.

Wie empört war der durchschnittliche Gnirbtzschener, als das neue Vordach, gerade erst im Sommer ins Wartehäuschen integriert, auf Kosten der Allgemeinheit ersetzt werden musste? Er wird das vielgestaltig und in breiter Lethargie in den Spuckschutz nuscheln, weil ihm der Vergleich fehlt. Mehr empört als beim Ausfall der städtischen Beleuchtung oder weniger? wilder als bei der großen Bierknappheit im vergangenen Sommer oder nicht? Die sorgsam in vertraute Muster geschwiemelte Frage ist nicht investigativ, denn sie wünscht nichts zu finden, was der Medienhonk nicht zuvor sichtbar in die Landschaft gestellt hätte. Das vorgekaute Werturteil des Dompteurs ist nur besser für die funktionierende Dramaturgie des Fragespiels. Mit der einfachen Feststellung, die Einheimischen hätten den Sachschaden erwartet, ist jede aufkeimende Hysterie sofort erstickt, und nichts ist es mit dem drohenden Weltuntergang am entglasten Unterstand.

Auf der nächsten Stufe, der Bericht ist schon in der Abendschau angekommen und wird durch die Mühlen der Moderation geprügelt, legt ein sprechender Polyesteranzug seinerseits dem gut trainierten, aber verbal hilflosen Außendienstler das Verzweiflung heischende Gerümpel vor. Wie sehr sorgt dieser unvorhersehbare Vorfall unter Bürgern für Empörung? Wenn die Gemeinde wegen eines neuen Vordachs jetzt für Wochen im Niederschlag stehen muss, wie sauer sind die Gnirbtzschener auf das Montageunternehmen? Und da überall schon die Steuerzahler die Dummen sind, deren Geld man aus reiner Bosheit verschwendet, wie stark würde sich der Unmut der Bevölkerung gegen den mit der Sache offensichtlich überforderten Bürgermeister richten, wenn dieser die überfällige Reparatur der Straßenbeleuchtung wegen des beschädigten Dachs verschöbe? Alles nicht denkbar, alles nicht entfernt im Einklang mit der Wirklichkeit, aber es gibt eine vortreffliche Krawallinszenierung her, vollgepumpt mit Emotionen, dank derer der Fuzzi am anderen Ende der journalistischen Nahrungskette sein dünnes Süppchen mit ordentlich Schmalz auffetten kann – die mit dem Holzhammer zur breiten Öffentlichkeit geklopfte Glotzerschicht weiß jetzt, welchen Standpunkt sie zu vertreten hat, da sie den Ansprüchen genügt, die sie via Mattscheibe an sich selbst zu stellen hat, um halbwegs normal zu gelten.

Auch so funktioniert der Ausnahmezustand, in dem die Meinungssucher abweichend von ihrer eigentlichen Aufgabe so tun, als interessierten sie sich für Fakten – sie suggerieren jedoch dem Subjekt und Objekt ihrer Berichterstattung nur, dass es sich an ein quasi-normatives Konzept irrationaler Verarbeitung von Dingen zu halten hat, um nicht in der Berichterstattung negativ aufzufallen. Wie gespannt warten die Gnirbtzschener auf die Entscheidung des Herstellers, das Glasdach auf Kulanz auszutauschen? Ist nicht trotz allem im Dorf noch eine gewisse Bitterkeit zu spüren, dass das fast vier Tage gedauert hat, während derer es nicht zu Schneien aufhörte? Wird sich die Unruhe hier in absehbarer Zeit weiter aufschaukeln?

Sollte in Bad Gnirbtzschen je ein Erdbeben stattfinden, die Einwohner täten gut daran, sich nur schriftlich zu äußern. Denn steht erst der Dunkeldeutschen Rundfunk vor den Toren, dürfte das kleinste Problem immer noch das Erdbeben sein.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLIII): Worthülsen

18 11 2016
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Annahme, dass alles, was der Fall ist, auch die Welt sei, hat sich so gut wie erledigt, seitdem der Hominide anfing, die Sprache mit Heißluft aufzupumpen. Das Gedöns übernahm das Regiment und schoss mit Blindgranaten. Übrig blieb Rauch, daneben ein paar Luftlöcher vom Vorbeiballern und jede Menge Hülsen – leeres Gewäsch, das bräsig in die Außenwelt schwallt und nachhallfrei versuppt. Nicht das Geklöter auf der Floskelhalde, die diesbezüglich am Ende des Tages ein Stück weit mehr oder weniger egal ist, bringt die Schlagadern des geistig gesunden Rezipienten zum Vibrieren. Das Gedumpf der Blähboys, meist professionell als Sprachschmadderer tätig, sorgt für ungesittetes Erbrechen, immer rein ins offene Grab der jüngst verblichenen Kommunikation.

Sie holen ihre gezwungenen Zuhörer da ab, wo sie über falsche Bilder verstolpert wehrlos auf dem Rücken liegen, flexibel bis zum Wirbelbruch, und nutzen die entstehenden Synergien, will sagen: während sie dem hilflosen Honk ein Geschwür in den Gehörgang labern, kriegt der Honk es gratis und frei Haus. Win-Win! Bis jetzt ist nichts gesagt, aber Hauptsache, wir haben schon mal über irgendwas geredet, der Luftdruck ist nicht eingeschlafen, wir sind proaktiv auf eine neue Situation zugegangen und haben uns den Herausforderungen der Zukunft gestellt: einatmen, dumm glotzen, ausatmen. Jede Businessblunze hätte spätestens hier geschwabbert, dass wir in ständigem Kontakt zu den Weltmärkten stehen, jeder Politpopel betont, dass wir als Partei die spezifisch prozessorientierte Vorgehensweise einer Lösungsfindung auch in den Ausschüssen für einen breiten Konsens anstreben. Vielleicht erwartet irgendeine Schwurbelgurke, dass man sie danach noch ernst nimmt, wenn man längst das Bild einer Rotte Dummklumpen vor Augen hat, die sich im weißen Rauschen der Nullaussage die Zähne föhnt.

Dergleichen gilt als innovativ – wo nicht kraftvoll geschwiemelt wird, herrscht nach Ansicht der Remmidemmideppen ja Stillstand – und wird sich in den Prozessen lösungsorientiert mit den Problematiken beschäftigen, die punktuell auf den gesamtgesellschaftlichen Prüfstand gehören, um die informelle Ablaufplanung von der Konzeptebene her zu denken. Wer ohne Koks nicht mehr aus der Horizontale kommt, schmeißt mit dem Rotz locker ein Managementseminar für Leistungstrinker.

Aber sei’s drum. Transparenz wird in dieser Hochglanztristesse ja groß geschrieben, meist auch laut, und während der eine noch Eckpunkte in Frage stellt, die als Tendenz rückwirkende Offensiven zur Maximierung auslagern, ist der andere schon offen für ganzheitliche Neuorientierungen, die vereinzelt Strukturen ausklammern und so den Stillstand zum trägfähigen Kurs erheben. Hinter den Kulissen wird noch eben eine detaillierte Projektion verschlankt, der Vorstand fragt sich, wer diesen Knalltüten die Medikamente weggelutscht hat, und während die Konvergenzdimension der Zielvereinbarungen die gemeinsam abstrahierte Step-by-step-Annäherung marktkonform diversifiziert, jodeln bei einem der Anwesenden die Sicherungen raus und führen ihm die Hand zu einem kleinen, aber feinen Blutbad. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Der gesamte Murks, der tagein und landab in den Schreibstuben der Nation gestammelt wird, ist nichts als das dröhnende Einverständnis, jede Art von Inhalt längst überwunden zu haben. Reden ist Krieg, den sich die bollernden Gorillas liefern, mühsam pubertierende Alphatierchen, mit ihren Worthülsen, leeren Dumm-Dumm-Geschossen, von denen nichts den verbalen Bauschaum der anderen Seite durchdringt. Das grunzt sich die Grütze aus dem Schädel, kaut vermutlich vor dem wichtigen Meeting noch mal einen Coach, der ihm frisches Kompetenzimitat in die Vene jubelt, und tut so, als wäre er Teamplayer, flexibel, zukunftsorientiert, während er in Wirklichkeit der kleine Brüllaffe bleibt, der mit roter Rübe unter seinesgleichen auf dem Tisch tanzt und Bedeutung antäuscht. Weit gefehlt, er ist unentbehrlich wie ein Stopper in der Drehtür, sein Fiepen aus dem Bedeutungsnirwana unterscheidet sich nicht von einem Vorgänger oder von dem, der auf seinem Drehstuhl hocken wird, nachdem ein Steinschlag ihn aus der Wand gehauen hat. Alle Politik will Macht, jedes Unternehmen will Kohle, und so schnell wird sich nichts daran ändern. Vielleicht holt ein Aufsichtsratsvorsitzender bei Gelegenheit mal die Hohlhupe, die strukturiert die Basis entkernen und dabei ein antizyklisches Know-how in die Handlungsachsen einpflegen will, an der Krawatte über den Tisch und spendiert ihm ein Nahtoderlebnis auf Firmenkosten. Man könnte das als proaktiv-flexiblen Synergieeffekt abbuchen. Und über den Rest endlich, endlich schweigen.





Mottarlaot

22 05 2016

Läblächkait, Do Motterlaot
onsrär doitschän Zongä!
Do bäst mär so wohlvärtraot,
Däch haob äch schon gärn gäschaot
als aen kleinär Jongä!

Alläs äst mär Poesäe,
wo Dain Flögel wallät –
Anmot fählt där Spraochä näe,
wo säe froindläch däm Genäe
Trost ond Laobong schallät.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCXXXVI): Quarksprech

11 04 2014
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Kurz nach der Erfindung des Mundöffnens, was dem Humanoiden viele Dinge wie Chorgesang, Fußball und Kriegsgeschrei erlaubte samt fließender Übergänge, kurz nachdem der gemeine Schmock das erste Mal die Klappe bis zum Anschlag aufriss, wurde ihm klar, dass ihn jeder würde hören können. Was also lag näher, als die Botschaft sorgsam zu verstecken hinter Chiffren, gelehrter Ausdrucksweise oder einem Jargon, den nur der Eingeweihte versteht? Ein Teil der Menschheit studierte Soziologie, ein anderer las vorsichtshalber Heidegger, ein dritter erfand die Rechtswissenschaft. Der Rest blieb naturdoof, lernte aber vom Nachahmen und nutzte die Erkenntnisse der anderen, um die Errungenschaften ihrer Professionen zu perfektionieren. Sprache ohne Kommunikation, ja als erbitterter Feind jeglicher Auseinandersetzung, dies war ihr hehres Ziel. Sie schufen Quarksprech, und siehe, es kam zur Anwendung.

Zunächst und aus guten Gründen ist die Sprache ein Abwehrmechanismus, der Unverständlichkeit als Waffe einsetzt. Wer einmal die Hintergründe des genesungswidrigen Frühablebens verbal an den Haken zu kriegen versuchte, wird sich auch an den Durchführungsbestimmungen der Zwangsbeelterung seine helle Freude habe. Schon beim Aussprechen des Wortes beschleicht den Bekloppten das Gefühl, dass er nicht den größten Schaden davongetragen hat. Die verwaltete Welt zimmert sich selbst einen Garten aus Barrikaden, damit der unbeteiligte Bürger, der darin um eine blutende Nase ansteht, vor allem eins bleibt: unbeteiligt, ein Bittsteller, dem man beliebig eins über die Rübe ziehen kann, damit er die Fresse hält und dem bürokratischen Fachpersonal nicht die Dienstzeit durch Arbeit versaut. Der Parcours der Unverständlichkeit ist auch nur mit gleicher Voraussetzung zu meistern – auch Rechtsanwälte, die der Pöbel für das Abfassen vorgefertigter Schreiben engagiert, wollen schließlich leben – und baut auf seiner verquasten Kompetenzsimulation ein kafkaeskes Kommunikationslabyrinth auf, in dem die Laborratten auf intellektuell abschüssigem Gelände langsam, aber nachhaltig verdeppen. Nicht wenig von der Machtfülle des Apparates beruht allein auf dessen bewusster Unverständlichkeit; käme ein Kritiker eher darauf, dass die Autorität nur auf der Basis von fadenziehendem Verbaltofu besteht, und würde ein Kritiker seine Erkenntnis nennenswert lange überleben, die Führungsrolle der faselnden Kaste wäre Geschichte.

Stattdessen kupfern die lallenden Lebensäußerungen der Verwalter ganz anderer Gewerke mit biestiger Munterkeit ab. Die Wirtschaft, jener Moloch der Kollateralmaden, die ihresgleichen in einer schmerzbefreiten Zone großziehen, sie betet das tägliche Brimborium des Trivialkoholikers mit geradezu schizoider Feierlichkeit herunter, dass Rilke sich in den Bildbrüchen sämtliche Gräten gequetscht hätte, und erklären den Konsumenten für dumm. Längst hat diese Schicht unterhalb des durchschnittlichen Koksgnoms, der um die Manageraufzuchtstation einen großen Boden machen würde, das Fremdländische für sich entdeckt, um dem Verbraucher die Hirnrinde zu verschwiemeln. Learning Denglisch Lesson One. Die Sache wirkt.

An dieser Stelle sei liebevoll jener Schule in Weimar gedacht, die ihren Jugendraum im Keller, da, wo sich auch ihr Niveau längst befindet, als Herder Point bewirbt. Wenigstens ist in dieser pädagogischen Deponie auf Jahre gesichert, dass der Nachwuchs aus genau dem Bodensatz besteht, den man fürs Kollegium gefrittet hat.

Diese Sprache bestimmt seltener die Sache, sie bestimmt den Diskurs. Keinen wundert’s, dass der Schimmelkram aus den Mündern vor allem von Politikern quillt, die selbst nur mit wenig Grütze gesegnet sind, aber regelmäßig viel davon vorzeigen müssen, um den Anschein zu erwecken, sie würden für überhaupt etwas anderes bezahlt als rhythmisches Atmen nach schriftlicher Anweisung. Jede dieser gezielten Vernebelungen dient den Interessen der Interessierten, nicht aber denen, die den ganzen Schmadder bezahlen, und das oft genug mit ihrem Leben. Nicht von ungefähr fräst sich die partielle Kernschmelze, eine in die Atomphysik übertragene Teilschwangerschaft, aus dem Regierungstümpel über die Medien bis in die Statements öffentlich bestallter Wissenschaftler, wird das Kompetenzfeld – Beamtisch für: wir tun was, was und wem, klären wir hinterher, und dann wissen wir auch, warum es wieder nicht funktioniert hat – der handelnden Kräfte je nach Sachstand des Gerangels auf die kommende Legislatur verschoben und die naturwissenschaftlich genauso quarkige Leistungsverdichtung sorgt auf dem Arbeitsmarkt für die Explosionen, die sie im Verbrennungsmotor auch produktiv nutzen würde. Auch hier zeigt sich das Problem in vielfältiger Variation: die Dummklumpen in Industrie und Verwaltung, politischer und PR-Mischpoke halten den Rest nicht nur für beknackt, sie trauen auch dem fachlich vorbelasteten Bürger längst nicht mehr zu, ihr Hirnrindengehobel zu durchschauen. Und genau das ist ja ihr feuchter Traum, die blökende Blahgemeinde zum brav mümmelnden Trottelheer zu erziehen, die sich in nichtkommunikativer Sprache verheddern und gemütlich ausbluten, während der Trollbesatz am oberen Einkommensrand fleißig weiter die Semantik in den Schredder pfropft, Wort für Wort.

Aber das hat Orwell auch schon alles gesagt. Und der war nur bis 1984 gekommen.





Präsenspflicht

8 08 2013

Sie strich nicht in den Texten herum, sie redigierte. Ilse Förtner kringelte mit dem Rotstift ein Wort nach dem anderen an und verbesserte. Das also war das Institut für Gegenwartskunde.

Genau genommen war dies ein gemietetes Zimmerchen in der Volkshochschule, in dem die ehemalige Geschichtslehrerin – sie hatte ihren Beruf an den Nagel gehängt, und man berichtet, sie sei an ihrem letzten Tag mitten in eine rauschende Party hineingeraten, zu der sie keiner eingeladen hatte, ein komischer Zufall – die Kommunikation ihres Landesverbandes unter die Lupe nahm. „Die Auseinandersetzung mit den Themen unserer Gegenwart ist eine Gegenwärtige“, verkündete sie. „Wir werden uns auf die Dinge konzentrieren, die sind. Damit schaffen wir zugleich Sicherheit.“ Der Rotstift kritzelte unvermittelt weiter. Dabei fiel mir auf, dass sie sich nur mit den Verben aufhielt, genauer gesagt: mit den Zeitformen. „Sie streichen jede Vergangenheitsform als Fehler an?“ Energisch schüttelte sie den Kopf. „Jede Form, die nicht der Gegenwart entspricht. Etwas anderes hat in unserer Wirklichkeit keinen Platz mehr. Wir müssen die Menschen zu mehr Gegenwärtigkeit erziehen.“ Tatsächlich strich Fräulein Förtner, und auf die Anrede legte sie immer noch größten Wert, auch alles Zukünftige. Ich verdrehte die Augen.

„Alle wollen heute Aussagen über die Zukunft treffen“, beklagte die ehemalige Pädagogin. „Aber wozu denn? Können wir jetzt schon sagen, was morgen ist?“ „Sein wird“, rügte ich. „Was morgen sein wird.“ „Ist“, zischte sie dazwischen. „In diesem Land verändert sich nichts, weil sich auch nichts verändern muss. Dies ist die beste aller möglichen Welten, deshalb sorgen wir auch dafür, dass sie im Bewusstsein unserer Bürger genau so erhalten bleibt.“ „Durch das Präsens?“ Sie funkelte mich böse an. „Wie denn sonst?“

Ich sah ihr über die Schulter. Die deutsche Wirtschaft wächst in den kommenden vier Jahren stärker als erwartet. „Lassen Sie sich nicht stören“, begann ich, „aber woher wissen Sie, was ich erwartet hatte?“ „Was Sie erwarten“, fiel mir Förtner ins Wort. „Hier zählt die Gegenwart, nichts als das Gegenwärtige, verstehen Sie?“ „Durchaus“, antwortete ich, „nur: wenn das Gegenwärtige zählt, warum stellen Sie dann Mutmaßungen über die Zukunft an?“ „Das ist eine Aussage“, schrie sie. Ganz erschrocken über den plötzlichen Ausbruch strich sie unkonzentriert auf dem Papier herum. „Das ist eine Aussage, und Sie wissen, dass sie nicht zu widerlegen ist.“ „Sie ist sehr wohl zu widerlegen“, insistierte ich, „denn alle Erwartung ist ja erst erfüllt oder nicht erfüllt durch die Zukunft – oder habe ich das falsch verstanden?“ „Sie verstehen das falsch“, antwortete sie, bereits mit dem deutlichen Unterton der Erschöpfung.

Doch ich merkte, dass es gar nicht an diesem einen Sätzchen hing; mehr stand dahinter. Etwa ein allumfassender Determinismus, die Ergebung in ein göttliches Schicksal, das keiner weiteren Analyse mehr bedurfte? „Die Zukunft ist so, wie wir sie uns heute errechnen.“ Hektisch ordnete sie ihre Knöpfe; keiner war zu beanstanden gewesen. „Dann geht es Ihnen wohl nur darum, die Zeit anzuhalten?“ Sie biss sofort an. „Ihr Hass auf alles Konservative ist ja krankhaft!“ Vermutlich würde sie im nächsten Augenblick den Stift auswringen. „Es geht Ihnen also nicht nur um Besitzstandswahrung?“

Offenbar hatte Ilse Förtner hier schon das politische Vermächtnis eines halben Jahrhunderts in die Gegenwart gerettet. Die Papierstapel an der Rückseite des Schreibtisches sprachen Bände. „Es wird alles immer schlechter, aber wir verhindern es, indem wir die Gegenwart festhalten.“ „Es wird?“ Sie sah mich irritiert an. „Nein, Sie jagen mich nicht ins Bockshorn – Sie nicht! Das ist ein Vorgang, der im Gegenwärtigen stattfindet, ein Werden, und das ist immer im Jetzt. Sie werden…“ Sie verstummte. Offenbar hatte die Zukunft sie eingeholt.

„Wie können Sie eigentlich so sicher sein“, begann ich, „dass kein unvorhergesehenes Ereignis Ihre Zukunftsplanung zerstört?“ „Es gibt keine unvorhersehbaren Ereignisse“, zischte sie zurück. „Wenn man einen guten Kompass hat, ein klares Wertesystem, dann kann man jede Richtung…“ „Und Naturereignisse?“ Sie glotzte mich an. „Uns passiert kein Naturereignis“, stammelte sie, „das ist hier nicht möglich.“ „Weil sie sich noch nicht angekündigt haben?“ Sie brachte kein Wort heraus. „Ich vergaß, Erdbeben haben ja jetzt Präsenspflicht in Deutschland.“ „Es wird nichts schlechter“, biss sie sich mühsam heraus, sichtlich verzweifelter als zuvor, „es kann nicht schlechter werden.“ „Das könnte sogar stimmen“, antwortete ich, überrascht von meiner eigenen Härte. „Sehr viel schlechter kann das alles ja nicht mehr werden.“ „Sicherheit“, sprudelte sie hervor, „die Sicherheit, dass es so ist, wir sind uns völlig sicher, die Gegenwart ist…“ „Ja, die Gegenwart. Heute back ich, morgen brau ich, übermorgen hole ich der Königin ihr Kind. Dass daraus nichts wurde, sollte sich bis zu Ihnen herumgesprochen haben.“ „Ich verstehe etwas davon.“ Sie drehte den Stift in den Händen wie ein Messer. „Früher, also vor dem hier, bin ich Lehrerin gewesen.“ Sie stutzte. Und verlor die Nerven. „Bin ich! Ich bin!“ Sie fiel auf die Tischplatte. „Bin jetzt, dass ich die Gewesene, das bin ich jetzt! heute!“ Ich stand auf. „Nur im freien Fall ist die Richtung mit einiger Sicherheit vorauszusagen.“ Und ich schloss die Tür hinter mir.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CLXII): Berufsbezeichnungen

17 08 2012
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Früher – da waren die Gummistiefel noch aus Holz – latschte der Hausmeister über das Gelände, beäugte den Fensterputzer, wie er auf schwanker Leiter die Fassade erklomm, und schiss einen Müllwerker zusammen, der wieder Glasscherben in den Papiereimer geschaufelt hatte. Da nannte man den Spaten noch Spaten, ließ sich kein X für ein U vormachen und sprach, wenn überhaupt, in reinem Hochdeutsch mit leicht mundartlicher Färbung. Wen aber interessiert das noch? Nichts wird besser, der Rest der Welt schon gleich gar nicht, aber der Facility Manager hat immer noch eine amtlich beschissene Laune, wenn er den Vision Clearance Engineer beim Scheibenwienern sieht und dem Head of Waste Removal seinen Schunder vor die Füße kloppt. Alles ist schön, alles ist neu, vor allem die Berufsbezeichnungen.

Man weiß nicht so recht, warum sie alle so hochtrabend und gleichzeitig dumm wie Graubrot klingen; entweder sollen sie die Unbedeutung der Tätigkeiten nonchalant zelebrieren, oder sie sind von einer Bande hirnrissiger Vollklopse in die Verbalvegetation gerülpst worden, weil man das sinkende Sozialprestige des Handwerkers mit bunten Glasperlen denglischer Provenienz zu retten versucht. Überhaupt diese Pest der Postmoderne, die sich pseudokosmopolitisch aufbrezelt und dann doch bloß erratische Wortspenden aus der Reprise des Dämlichen zapft. Der Sprachmansch der Behämmerten legt sich wie Mehltau über die Verständigung, alles managt, alles engineert, jeder Heini ist sein eigener Chef und braucht als kleinen Ausgleich für die ansonsten selten aufregende Existenz ein Türschild in Bling-Bling.

Jeder Sesselhocker ist inzwischen ein Chairman, denn das im Zahnfleisch schmerzende Gelaber, das sich nebenbei kein bei klarem Verstand befindlicher Franzose gefallen ließe, klingt halbwegs satter für den Deppen, der meist der englischen Sprache nicht ausreichend mächtig ist, um den Unfug als solchen zu erkennen. Im Verwaltungswesen hat man bisher versucht, mit aus dem Boden gestampften Pöstchen, mit Unterüberoberhilfssekretären im Amt für Entscheidungsrichtlinienkompetenzgerangel knurrenden Burgfrieden zwischen den zu kurz gekommenen Beschränkten zu schaffen. Jeder Mann sein eigener Papstkaiser, jeder hat einen Meter Schrott vor dem Namen stehen und kann sich eine aufrollbare Visitenkarte leisten, um den ganzen Schmadder draufzudrucken. Doch so einfach ist es nicht; neben dem Unternehmen, das sich eine Reihe zweifelhafter Duftmarken leistet, hat ja auch die Umwelt mit den Minderleistungen der modernen Arbeitswelt zu tun.

Der Manager an sich ist im neueren Sprachgebrauch bereits so auf die organisatorische Rolle festgelegt, dass man das Etikett nicht mehr für den Mann mit der Rohrzange gelten ließe; keiner würde analog von der Speisekarte Kraut bestellen, wenn er danach ein Büschel wirres Grün auf dem Teller hätte, nur weil die Nomenklatur rein botanisch noch nicht verkehrt wäre. Die Bedeutung eines Wortes, sagte treffend Wittgenstein, ist seine Verwendung. Nicht jeder Engineer ist Maschinist, geschweige denn Ingenieur, oft ist es lediglich der Müllmann. Kritisch wird die Sache, wenn die stur aus der Originalsprache entlehnten Begriffe auf den hiesigen Horizont der schadhaften Erkenntnis klotzen. Der Industrial Management Assistant ist ein Industriekaufmann – durchaus nützlich, wo er gebraucht wird, doch der nachklappende Assistent wertet ihn für den nicht Eingeweihten zum besseren Handlanger ab. Der Welcome & Sales Manager ist nicht etwa der Boni kassierende Schmierlappen, der das Blaue vom Himmel verkauft, sondern der Grüßaugust in der Eingangshalle, der die Gäste warten lässt. Und der Visual Merchandiser, nichts anderes ist er als der Schaufensterdekorateur, selbst im gegenwärtigen Blähsprech schon promoviert zum Schauwerbegestalter.

Hässlichkeiten ganz eigener Art dümpeln im Loch unreflektierter Rückübersetzungen, wo aus Erdgas natural gas wurde und daraus Naturgas, wo Technik mit technology übersetzt als Technologie zurückkam, obwohl es das Wort längst gibt und es nichts anderes heißt als Technikwissenschaft. Der Aufbereitungsmechaniker Fachrichtung Sand und Kies (vulgo: der Mann am Schüttelrost) ist nun Processing Technician und wird im Fallrückzieher zum Prozesstechniker aufgewertet – weder Grund- noch Bestimmungswort dieser Mesalliance stimmt, die Frucht des Missgriffs erst recht nicht. Aber wozu auch, es klingt doch so professionell.

Tatsächlich hat sich die Dummklumpenherde in den Chefetagen einen soliden Wirkungstreffer im eigenen Kauleistenbereich verpasst, wie jüngst das Urteil des Landesarbeitsgerichts Mecklenburg-Vorpommern zeigt. Ist in einer Kündigung die Stelle mit englischem Geschwiemel statt der muttersprachlichen Benennung aufgeführt, so wird der komplette Krempel juristisch unwirksam. Die Gerichtssprache in der Bundesrepublik ist nach letzten Mutmaßungen immer noch Deutsch. Der Senior Executive Head of Bullshit Management hätte es wissen können. Vermutlich hat es ihm sein Maintenance Officer nur nicht verraten, fuck yeah.