Gernulf Olzheimer kommentiert (DXC): Das Komplettversagen der Politik

12 11 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Revolutionen brechen aus, wenn ein Volk zwar beherrscht, nicht aber regiert wird. Es geht nicht um die langfristige Verdrossenheit, die mit der ebenso langfristigen Verschlechterung der Verhältnisse einhergeht. Denn die Lebensbedingungen sind nicht oder selten allein durch politische Unterdrückung so beeinträchtigt, dass die Masse sich erhebt. Erst wenn das Fressen unmöglich wird, bemerken die Regierten, wie es um die Moral steht, kurz: wo die Herrschenden ihre Legitimation zur Macht suchen. Dass der Fürst feiert, während es im Lande brennt, ist dann nur noch ein Auslöser. Die Politik, wie wir sie kennen, versagt, und sie versagt komplett.

Die Karnevalspräsidenten der westlichen Welt organisieren derzeit allenfalls eine Spaßgesellschaft für Finanzeliten, während der Rest sich gegenseitig die Haare schneidet, um Geld für die Altersvorsorge auf die Seite legen zu können. Allein dies ist keine akute, es ist eine geplante Entwertung sämtlicher Lebensleistung, wenn sie nicht durch Erbe oder Kapitalakkumulation einen Startvorteil hatte; dass Leistung nur ein anderes Wort für Besitz ist, hat sich so weit etabliert, dass es auch von den Armen nicht mehr hinterfragt wird. Dementsprechend ist die Reaktion der Bevölkerung im Krisengemenge aus Klima-, Pandemie- und Sozialkatastrophe noch wie ein Kindergeburtstag, der nicht richtig in Fahrt kommt, weil immer dieselben Spiele aufgetischt werden. Die Folgen sind bereits bekannt, man sieht höchstens rhythmisches Däumchendrehen während der Havarie, einer schiebt den anderen die Schuld zu, eine geschäftsführende und eine noch nicht gewählte Regierung kreiseln um das Machtvakuum im Innern eines schwarzen Lochs. Die Tatkraft, mit der die amtierenden Nichtregierungsorganisationen den Untergang verwalten, könnte man gerade gut gebrauchen, um der kollektiven Überlastung der Menschheit zu begegnen.

Denn wir sehen die Verkehrung der Umstände gut. Eine Rotte hirnentkernter Jammerlappen säuft sich einen Lackschaden an, geht den Regierenden mit einem wirr zurechtgeschwiemelten Weltbild aus schizoider Psychose und Lügenmärchen auf den Geist und bekommt Gehör, weil sie durch drohende Lautstärke und kognitiv suboptimiertes Gefasel die halbwegs vernünftigen Stimmen niederbrüllen, die schon lange vor der Zerstörung gewarnt haben und damit nicht in die Jubelchöre passen, die uns das Weiter-so-Lied in den Cortex ballern. Unterdessen verabschiedet sich die systemrelevante Basis und lässt sie den Dreck alleine machen, den sie uns mit freundlichen Grüßen irgendwann vor die Füße kippen wird, weil keiner mehr weiß, wie man damit umgehen soll. Bis dahin aber werden sie ihnen lieb und geduldig zuhören, bürgernah und der Zukunft zugewandt, werden ihnen schmutzigrote Teppiche ausrollen, ihrem Geseier lauschen aus aggressivem Opferrollenspiel, tapfer die Realität ignorierendem Kindermärchen und einem Anspruchsdenken, das ihnen diese Ichlinge seit Jahrzehnten vorleben. Am Ende bleibt der Verdacht hängen, dass Demokratie nicht die Lösung ist und eine Diktatur auch ihren Charme haben könnte, nachdem die liberale Idee von einer Rotte korrupter Darmleuchter an die Wand gefahren wurde.

Der Preis wäre denkbar gering, wenn man es denn einmal mit Vernunft versuchen würde – es gehört ja zu den Paradoxien, dass sich unter den Regierten immer genug finden ließen, die einen rationalen Kurs geduldig mittragen und solidarisch unterstützen würden, selbst wenn man ihnen lange genug vermittelt hat, dass Gemeinsinn Schwäche ist und Weisheit nur dazu dienen darf, den Gewinn zu maximieren. So gilt eine Jahrhundertflut alle paar Monate auch als Segen fürs Land, wenn man mit Schlauchbooten etwas daran verdient. So kauft sich die Politik das, was sie desto weniger hat, nämlich Zeit, und schafft sich nebenbei ab. Was mittelfristig das Gemeinwesen, Straßen und Häuser, Kliniken und Konzerne, das Gesundheits- und Rentensystem nebst den globalen Äckern für unser Brot angeht, es lässt sich alles berechnen, wenn man nur auf die hören würde, die es längst berechnet haben. Die Zahlen werden mit jedem Tag beschissener, sie aber warten ab, bis sie alles nicht mehr sehen müssen, da die Scheiße ihnen schon über die Schädel schwappt.

Die Revolution lässt auf sich warten, obwohl es kaum noch Alternativen gibt zu einem Aufstand gegen den völlig verseiften Koordinationsmüll, der sich aktuell als Führungselite ausgibt. Die einzig denkbare Erklärung dürfte sein, dass die Regierung die Paranoiden gewähren lässt, da die Vernünftigen nicht riskieren wollen, mit diesen Idioten in einen Topf geworfen zu werden. Was also sagt es aus über einen Staat, der freiwillig gelähmten Sitzzwergen die Selbstabwicklung erlaubt und sich dabei auch noch koordinierend andient, um den Karren über die Klippe zu kriegen? Als wäre die Organisation einer Republik ein Plausch um Glaubensfragen, aus dem man sich wegen chronischer Unlust entfernt, so sieht diese Raumkrümmung aus. Vermutlich sind wir alle selbst schuld, weil wir das gewählt haben, aus Eigenverantwortung und weil einer dafür die Rübe hinhalten muss. Das klingt so logisch und geradezu vernünftig, das darf nicht wahr sein.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXXVI): Der überflüssige Staat

6 08 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Als jemand Rrt sein Hornbärenfell geklaut hatte, gab es nicht viel bürokratisches Gewese. Er machte den Dieb aus, stellte ihn zur Rede, nahm sein Fell wieder an sich und schlug dem Täter den Schädel ein. Damit war nach damaligem Verständnis der Rechtsfrieden wiederhergestellt. Polizei, Ankläger und Gericht waren noch nicht erfunden, und unter Gewalt verstand man das, was heute im engeren Sinn als solche gilt. Dafür musste die Sippe auch weder Steuern zahlen noch eine Baugenehmigung vorweisen für die Dreiraumhöhle mit Fließgewässer und Felsüberhang. Kein Ministerium verhängte für bunte Beeren Grenzwerte, dafür versprach keiner der Ältesten zinslose Kredite, wenn das Loch nach der Schneeschmelze knietief unter Wasser stand. Es zählte Selbstorganisation in sämtlichen Bereichen des Daseins, da kein Staat Vorsorge leistete. Wir hatten dies Ideal eines vollkommen überflüssigen Staates vorübergehend aus den Augen verloren, aber jetzt sehen wir ihn deutlicher denn je.

Nicht erst in durchseuchten Zeiten hat sich die marktkonforme Demokratie aus dem öffentlichen Leben verabschiedet und nachtwächtert dumpf vor sich hin. Zwar rüstet die neoliberale Verwaltung auf und militarisiert alles, was nur dem Schutz des Privateigentums dient, vulgo: das, was eine Rotte staatsferner Erben an Vermögen hortet, ohne die Öffentlichkeit mit Steuern zu belästigen, doch mehr nationale Struktur gibt es nicht mehr. Dass nur noch Privates, nichts Staatliches mehr Vorrang habe, hat man dem Volk bis zum Verlust der Muttersprache in die Ohren geschwiemelt, und wahrlich: es bliebt in der Hirnrinde hängen. Im Ergebnis blökt die ganze Herde etwas von Eigenverantwortung, wenn man sie nach der Verpflichtung zum Erhalt unseres Gemeinwesens fragen sollte. Feindbilder werden außen und innen zum Popanz aufgeblasen, nach dem Russen und seinem Sozialismus waren es die Ausländer, Flüchtlinge und Migranten, natürlich die Arbeitslosen, die sicher auch am Fachkräftemangel schuld sind, linsksversifft gendernde Ökoterroristen und Muslime, die der jüdischen Weltherrschaft den Rang abgelaufen haben – da braucht es zum Schutz der öffentlichen Sicherheit Wehr und Waffen, nur kosten soll der Schmodder halt nix.

Kaum stellen die rudimentären Regierungsreste fest, dass wir wie prognostiziert in der Grütze hocken, pandemisch im Hochwasser blubbern und dem Abwandern der Pflegekräfte in die Winzrente zugucken werden, während das bockige Beharren auf Pferdekutsche und Schreibmaschine statt einer überfälligen Digitalisierung Staatsräson ist, jammert das Gesindel aus den Kellerlöchern der Neocons jedem Groschen nach, den sie nicht in die Rosette gepfropft kriegen. Schon vollzieht sich das Paradox des ausgeleierten Laissez-faire: die Wirtschaft, die heilige Melkkuh der gierigen Dumpfdüsen, ergreift die Initiative und baut selbst Strukturen auf, für die der Staat vorher offenbar gar nicht zuständig war.

Während die Entscheider sämtlicher politischer Ebenen sich kollektiver Realitätsverweigerung üben und demonstrativ Däumchen drehen, platzt den Wirtschaftsunternehmen der Kragen. Sie dringen auf rationale Hygienekonzepte, wickeln den Test- und Impfzirkus ab, programmieren die Werkzeuge zur Warnung und Kontaktverfolgung, dieweil im Kanzleramt noch das Gehirngestrüpp des adipösen Quadratversagers zum Spontanerbrechen einlädt, und ziehen so das ganze Land aus dem Sumpf, in den die Kamarilla um einen korrupten, permanent zugesoffenen Grinseclown das ganze Land immer wieder reindrückt. Offensichtlich haben auch die Beraterbuden längst die Nase voll von den geistigen Heckenpennern, die man nur noch mit einer Runde Materialkaltverformung im Gesichtsschädel zu lebensähnlichen Äußerungen bringt. Der Staat ist für dieses Epizentrum der Behämmerten längst zum Selbstbedienungsladen geworden, den man auch ja in Brand steckt, damit sich kein anderer aus Not darin helfe.

Nicht einmal das scheinbar plakative Beispiel der Selbstjustiz ist aus der Luft gegriffen angesichts einer windelweichen Gesetzgebung zu Hatespeech und Mobbing, die die Durchsetzung des Rechts aber bequem den Konzernen überträgt und nur am Rande mäkelt, wenn diese staatliche Aufgaben nicht wie bisher erledigen. Sicherheitsdienste, die treu das Recht des Stärkeren umsetzen, sind auf Blut und Boden schon im Einsatz, bald ballern Armeen und Agenten um die Wette mit verfassungsmäßig bestallten Auslaufmodellen. Die Eindämmung der klimabedingten Schäden und der Wiederaufbau der zerstörten Infrastruktur – eh nichts mehr, bei dem man irgendetwas Staatliches in der Nähe wähnen würde – steht an der Abbruchkante der Demokratie. Wer würde einen Soziopathen, der im Müllhaufen steht und religiöse Wahnvorstellungen aus seiner Chymusrückgabeöffnung rülpst, auch ernst nehmen als Brückenbauer, wenn er vorher jedes Brett mit Absicht ansägt. Ein gesellschaftlicher Backlash in die vormoderne Welt, die soziale Schere als nicht zu ändernde Tatsache, ein Recht auf leistungsloses Einkommen für die Eliten sind die Folgen. Die unsichtbare Hand hat’s vollbracht. Die Anarchie ist nur noch eine Frage der Zeit. Für die Wirtschaft.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLXXIX): Private Schusswaffen

30 08 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Einmal die Zeitung aufschlagen und schon ist die Welt wieder in Ordnung: im Land der nicht begrenzbaren Unmöglichkeit hat ein Genomzonk ein Dutzend Menschen per Wumme in die ewigen Jagdgründe überführt. Gedanken, Gebete, Sela. Da fühlt sich doch der europide Spießbürger seltsam erhoben überm Morast eines Steinzeitlandes, in dem Ethik die Freiheit meint, sich selbst zum Maß aller Dinge zu machen; ein Steinzeitland, das den antiken Gedanken der Demokratie so weit zu Ende gedacht hat, dass es ihn abschaffen konnte, und den Gedanken der Freiheit gleich in einem Arbeitsgang. Wir sind ja nicht immun gegen Gewalt, hegen mit Sorgfalt und Liebe unsere Vernichtungsfantasien ein und schieben es auf das krude Konstrukt einer Gesellschaft aus Knalltüten, die ihre Verfassung so gründlich falsch verstehen, wie sie auch andere religiöse Schriften stets wörtlich nachturnen. Es ist, tönt der gute alte Europäer, nicht die private Waffe, es ist der Mensch dahinter.

Die legale Knarre im Privathaushalt ist ein Relikt des Feudalismus, als sich eine materiell besser und moralisch oft schlechter gestellte Kaste gegen alles meinte verteidigen zu müssen, was ihr die selbst verliehenen Rechte einzuschränken drohte. Wie die Jagd das Privileg der Herren war und Wilderei stets aus der Not heraus begangen, so blieb die Büchse Statussymbol und Drohung, die Herrschaft über Leben und Tod über alles auszuüben, was nach göttlicher Ordnung zum Abschuss frei war. Nicht wenige ignorieren dabei den soziokulturellen Aspekt des privaten Kriegs auf eigener Scholle gegen Fuchs und Hase als Pertinenz im Untertanenstatus. Mit der Christianisierung, die überall noch als Friedensreligion vermarktet wurde, durfte der neue Adel zwar das Wild daherschießen, gleich wie es ihm gefiel, doch machte er erst exklusiv Gebrauch davon, als zur Pertinenz noch Leibeigene kamen. Zugleich war die Feuerwaffe Hoheitszeichen und selbst in den Anfängen schon technologischer Fortschritt, der einer vermögenden Gesellschaft zur Verfügung stand und keinerlei Legitimation bedurfte. Gott hat mitgeschossen.

Nicht von Ungefähr hat die Oberschicht auch das Recht zur Reproduktion gleichermaßen strikt auf Eigennutz interpretiert. Weltliche und geistliche Fürsten lebten ihren Triebstau aus, wo immer sie konnten, denn es bedeutete, die Herrschaft legal zu entgrenzen; die privatrechtliche Fehde war längst kriminalisiert, doch Personalunion von Kläger und Richter schafft manch lästiges Gesinde vom Hals, ehe es zu Gegengewalt greifen kann.

Sinn und Zweck aufgeklärter Gesetzgebung ist nicht, die Menschheit mit der Knute zu verbessern, diese ist nur Ultima Ratio, wenn sich die Dummheit als überlebensfähig auszeichnet gegen jede Form von Therapie. Und so bleibt die Schusswaffe im privaten Besitz auch unverbrüchliches Relikt einer außerhalb jeder Vernunft handelnden Person, die sich nicht dem Gewaltmonopol aussetzen will, weil sie es – der alte Mann mit dem langen Bart hatte es selbst in diesem dicken Buch geschrieben – nur wörtlich versteht. Naiv zusammengeschwiemeltes Kinderwissen stellt sich aus eigenem Antrieb auf eine Kiste und kräht im Vollbesitz intellektueller Schmierreste von einer Selbstermächtigung, die sich nur gegen das Fremde richten kann. Jetzt aber dient die Flinte nur mehr dem persönlichen Genuss, weil man im eigenen Machtbereich alles wegballern kann, was sich bloß auf eine Verfassung beruft und nicht auf die Gewaltverhältnisse des Naturrechts.

Und so beruft der gemeine Depp, der den Staat nur braucht, um ihm Vorhaltungen zu machen, sich nach alter Treu auf sein Notwehrrecht, wenn Kinder sein Grundstück betreten: cuius regio, eius religio. Aus Blut und Boden wächst der Aberglaube, dass der Freie allein dadurch frei bleibe, wenn er seine Freiheit faustrechtlich verteidigt. Als gäbe es keinen Staat, ballern die Kleinkriegshelden durch ihren Vorgarten, nur um doch wieder dem Irrtum zu erliegen, eine in der Öffentlichkeit getragene Waffe sei der beste Schutz vor den Soziopathen, die schon durch eine in der Öffentlichkeit getragene Waffe ihre krankhafte Aggression zur Schau stellen. Das Vorrecht der Regenten aus dem Ancien Régime übernimmt nun pflichtbewusst der weiße Mann, der sich mit der legalen Schusswaffe schützen muss vor den illegalen Schusswaffen der anderen, die sich vor den legalen Schusswaffen schützen müssen. Sie alle erliegen demselben Irrtum, es ist der Irrtum des Staates, dass sich ein gesetzloser Zustand allein durch die Kräfte des Marktes regeln ließe, und sei es durch ein Gleichgewicht des Schreckens. Die Impulsivität des Individuums als seine Freiheit zu verkaufen ist eine Marketingidee mit Muffgeruch, doch die Geschichte kennt das Muster, dass keiner so sinnlose Gewalt erdenken könnte wie Sklaven, die plötzlich Herren werden. Vernunft allein ist noch kein Garant für den Frieden, bisher sind noch alle Versuche den Erfolg schuldig geblieben. Der Leviathan hat noch viel zu tun.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLXXVIII): Die imaginäre Mehrheit

23 08 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Wir haben heute keine belastbaren Zeugen mehr für die Entscheidung, die einer Seitenlinie des Stammbaums von Rrt den Weg in das große Dunkel geebnet hat. Zwölf Jäger hockten um das Feuer in der Gemeinschaftshöhle an der östlichen Felswand, und zwölf von ihnen waren der Ansicht, der Bär im angrenzenden Wäldchen sei nicht nur ordentlich zu braten, er sei vor allem einfach zu erlegen. Alle sahen sich schon als große Helden des Waidwerks, von Generation zu Generation wie Halbgötter verehrt, da sie die behaarte Beste furchtlos zur Strecke gebracht hatten. Eine knappe Stunden später verteilte sich ein Teppich aus Fleischbrei und Knochensplittern zwischen Gebüsch und Steppe, wo der grantige Großsäuger die prähistorischen Knalltüten in Einzelteilen entsorgt hatte. Eine nach demokratischen Maßstäben nicht anfechtbare Entscheidung, das muss man ihnen schon lassen, aber die Folgen waren von und für Idioten. Nicht immer ist die Mehrheit segensreich.

Das Totschlagargument des Plärrguts, wer kennt es nicht: es sind die meisten, die schreien, also sind sie im Recht. Ausnahmsweise kommt das Konzept mal ohne die schweigende Mehrheit aus, die immer nur dann auf die Monstranz genagelt werden muss, wenn sich die populistischen Sackpfeifen in ihrem eigenen Sumpf auf die Fresse packen. Wer brüllt, ist die Mehrheit. Interessante Nebeneffekte wie die Entscheidung durch Einzelne, wie sie in jeder politischen Konstruktion außerhalb der Anarchie im Tagesgeschäft vorkommen und den Gang der Gesellschaft ausmachen, sie kommen im Modell der Mehrheit nicht vor, und das aus gutem Grund nicht. Denn nicht nur ist es soziologische Binse, dass jede Mehrheit aus verschachtelt korrelierenden Minderheiten besteht, keiner will auch plötzlich zu einer Minderheit gehören. Nicht und nie.

Das beliebte Beispiel, in einer westlichen Demokratie, die die Todesstrafe konstitutionell abgeschafft hat, diese per Volksbegehren wieder einzuführen, weil es dann ja der Mehrheit als moralisch vertretbar erscheint, zeigt zwei Fehler. Zum einen steht die Mehrheit mitnichten über der Moral – meistens eher darunter – und nicht über dem Gesetz, über der Verfassung schon gleich gar nicht, sonst wäre letztere so unnötig wie erstere. Zum anderen sind Sperrminoritäten nicht umsonst auch da eingerichtet, wo die DNA einer politischen Gesellschaft sich verändern lässt. Was ein Volk oder wenigstens eine wählende Minderheit glaubt, ist noch nicht die Vernunft.

Wäre also bei einer Abstimmung, an der nur ein Prozent der Wahlberechtigten teilnähmen, automatisch die schweigende Mehrheit fähig, das Ergebnis zu bestimmen, und wenn ja, wäre ihr Schweigen zugleich Zustimmung oder doch wieder Ablehnung, weil sie nicht für die Veränderung votiert hat? Wenn je eine Hälfte auf dem Land wohnt und in der Stadt, je eine Hälfte der Hälfte aber bessere Straßen für den Individualverkehr fordert oder den Ausbau des öffentlichen Verkehrs, gibt es dann eine Mehrheit oder zwei oder nur eine, die keine ist, aber eine ist, wo sie das Gegenteil will? Und sind fünfzig Prozent immer die Mehrheit, wenn die Minderheiten zusammen auf dasselbe Stimmgewicht kommen?

Lustigerweise sind es die Errungenschaften der Aufklärung, die gegen eine unzivilisierte Mehrheit durchgesetzt wurden, die nun einmal die Ränder der Normalverteilung stellen. Könnte ein ansonsten demokratisch verfasstes Volk durch Abstimmung beschließen, einen Genozid an einer Minderheit in ihrer Mitte durchzuführen, so hätte sich damit jeder Anspruch auf Demokratie erledigt – wer auch immer mit der verschwiemelten Denkhülse kommt, eine Partei, die dies plante, müsse man doch als normale politische Größe akzeptieren, wenn sie demokratisch gewählt sei, hat in mehr als einem Fach Tiefschlaf gewählt. Würde ein Dorf mit der Mehrheit von neunzig Prozent beschließen, die restlichen zehn Prozent wegen ihrer Rothaarigkeit umzubringen, könnte das restliche Gemeinwesen sich nicht vielseitig desinteressiert zurücklehnen und die Hinterwäldler mit ihrem trüben Geschäft alleine lassen, weil es sie nun mal nichts angeht? Und sollte man, statt die ethischen Fundamente einer Gesellschaft zu ramponieren, nicht lieber Steuerhinterziehung straflos stellen, weil sie ein Kavaliersdelikt ist, das von der Mehrheit trotz eindeutiger Gesetzeslage zum Volkssport aus Notwehr gegen den bösen Staat erhoben wird? Wichtig ist nur, keine Drogen zu entkriminalisieren, weil die böse Schäden fürs Volk bedeuten – bis auf den Suff, den die Mehrheit als zivilisatorisches Gut anerkennt und ihn also schützt vor Verfolgung und Verbot.

Millionen Tiere fressen Scheiße und das aus physiologisch gutem Grund, aber noch keiner hat ernsthaft hinterfragt, warum der rezente Mensch so ineffizient in seiner Ernährung isst und die eigenen Ausscheidungen verschmäht. Es sind Aufgeklärte, die im Strahlenkegel der eigenen Erleuchtung auf der Autobahn Geisterfahrer sehen, Tausende von Geisterfahrern. Was soll’s, sie fahren alle gegen die Wand. Aber sie werden Recht haben. Bis zuletzt.





Leviathan

14 07 2019

Es gibt keine Gesellschaft. Ihr Vertrag
wird einfach aufgekündigt, doch von oben.
Die Ordnung ist damit einfach zerstoben,
und kann fortan verfahren, wie er mag.

Doch damit hat sich das Gewicht verschoben:
Moral und Fundament, mit einem Schlag
an dieser Wurzel fort an einem Tag,
was bleibt, ist blinde Wut und reines Toben.

Es gründen sich kein Staat und keine Währung
auf andrer Münze als nur auf Vertrauen,
und wer nicht damit rechnet, scheut Entbehrung.

Es trägt ja der Vertrag ein ganzes Land.
Wer allen alles nimmt, kann auf nichts bauen
und baut am Ende seine Macht auf Sand.





Ratschlag an rechte Bürger

5 06 2016

für Erich Kästner

Ja, gebt der Obrigkeit nur immer Rechte!
Denn mehr ist gut, wofür sie lauthals wirbt.
Sie bleibt ja immer gut, und kommen Schlechte,
wen kümmert schon das Recht, wenn es verdirbt?

Die Unvernunft lebt unter Anverwandten,
der Mensch mag gut sein, doch der Staat abstrakt.
Gib Deine Schlüssel einem Unbekannten,
sei sicher, dass man Deine Türen knackt.





Verwaltungsrechtlicher Vorschlag (unter Umgehung des Dienstweges)

13 07 2014

Die Fähigkeit zu warten fehlt Behörden.
Sie achten, wenn es hochkommt, nur auf Fristen,
auf Formulare, die sie noch vermissten,
und geben Grund zu mancherlei Beschwerden.

Doch ebenfalls sind es die so empörten,
die Bürger, die in die Beamten dringen,
sie ohne Gegenstand zum Handeln zwingen,
bis sie am Ende selbst dabei noch störten.

Am besten wär’s, sie tauschten ihre Plätze.
So sieht der Bürger, wie Behörden walten,
und diese, was die Bürger davon halten
sowie die beiden Seiten der Gesetze.





Kleine Handreichung zum Staatsrecht

22 04 2012

für Erich Kästner

Will uns der Staat das Fürchten lehren –
um’s Wollen geht’s, nicht, ob er’s schafft –
so hilft es, mit vereinter Kraft
die Sache einfach umzukehren.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CXXVII): Paternalismus

11 11 2011
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Ontogenese macht es sich einfach. Weil sie es kann. Seit Anbeginn hat sich der Hominide dem Erfolgsmodell angeschlossen und wird längst in industriellem Maßstab aus der Eizelle zum Embryo promoviert, darf vegetative Stadien durchlaufen, in denen er überspannte Musik hört und patzige Antworten gibt, und versucht sich schließlich mit mehr oder weniger Erfolg zu reproduzieren. Was nach diesem Durchgang wieder von vorne beginnt – mit Ausnahme der Generation, die erst die Seneszenz erlebt und dann in den Bereich Biomasse wechselt. Zuvor aber gibt er ungefragt Ratschläge, hält langwierige Reden über moralische Aspekte von Schuhwerk und Nahrungsaufnahme, fordert Respekt und Kostgeld oder erzählt Anekdoten aus dem letzten Krieg. Die junge Generation steckt die Füße unter seinen Tisch, lässt das Gefasel an sich abperlen und zieht alsbald hinaus ins Leben, wo sie rebelliert, die Verhältnisse zum Tanzen bringt und dann altert unter schmerzhafter Imitation der Väter. Sie bieten das beste Vorbild für den Staat und seine paternalistischen Wahnvorstellungen.

Der Beknackte lässt ja alles mit sich machen; er lässt sich auf Nusspäckchen vor möglicherweise enthaltenen Nüssen warnen und auf Bügeleisen vor technisch bedingter Hitze; er zahlt Strafsteuern auf Butter, obwohl Margarine nicht weniger Fett enthält; er lässt sich vom Staat vorschreiben, ob er in seinem eigenen Immobilienbesitz Tabakwaren konsumieren darf; er lässt sich einreden, jede seiner Handlungen und/oder Unterlassungen sei zugleich und zwingend schadhaft für die ganze Population – die gute alte Du-bist-nichts-Dein-Volk-ist-alles-Nummer, mit der Sonderabgaben auf Bratwurst von büromanischen Fehlinkarnation durchgepeitscht, Rotwein und Champagner aber als systemrelevante Alkoholika quasi entschuldigt werden, solange der Pöbel seine Griffel von ihnen lässt. Die Macht des Guten scheppert dem Volk lieber präventiv eins in die Zinnen, denn Macht ist nun mal Macht. Und Macht ist allemal gut.

Wie verdübelt diese Gesellschaft wirklich sein kann, demonstriert der Fürsorgestaat, das Imperium der bezahnten Übermutterung. Vordergründig ist das paläokonservative Gemeinwesen die Rückentwicklung über die Kuschelecke des unmündigen Kindes ohne Verantwortung direkt in den etatistischen Uterus des Nabelschnursauger, die den Souverän mit immerwährender Kontrolle seiner Vitalfunktionen in Schach hält. Das Volk ist längst zu oft mit der Achse des Blöden an den Schädel geraten, die Vollverdeppung liegt hinter ihm, und so ergibt er sich dem Staat, der allumfassend seine Bürger schützt, und wo gäbe mehr Schutz als in Schutzhaft. Das Vater-unser-Land verbietet folglich Quecksilber in Barometern, untersagt dem gesetzlich krankenversicherten Masochisten, sich freiwillig auspeitschen zu lassen, und stellt den Genuss von Kaugummi unter Strafe, da man das Mastix auf den Boden spucken kann. Es braucht wenig Hirnleistung, um zu sehen, dass der paternalistische Staat in Wirklichkeit lediglich eine Beschäftigungstherapie für charakterlich verschwiemelter Politproletten auf Sozialentzug ist, die ihre eigenen kranken Fantasien auf den unschuldigen Bürger projizieren. Hinter dem Gutmenschenreich keucht eine Diktatur.

Längst weiß diese Verwertbarkeitsmaschinerie besser als wir, was gut ist für den Erhalt des Systems. Längst verbietet sie in vorauseilendem Gehorsam, was ihren Lobbylurchen nicht in den Kram passt. Politisch hatten wir uns aus dem Äon der bröckelnden Weltreiche befreit, jetzt haben wir den Kolonialisierung im eigenen Land: wie man den dummen Wilden nur oberflächlich mit dem Gebrauch der Donnerstöcke vertraut macht, so braucht auch der Bekloppte nicht zu wissen, dass Protektionismus und Dirigismus nur ein Schutzlack über der Staubschicht sein sollen, um der herrschenden Klasse ihre Fieberträume vom funktionierenden Postkutschenzeitalter zu retten. So ist der Vorsorgestaat auch nicht mehr als die Knute gegen die Selbstorganisationskraft in Produktion, Gesellschaft und Politik.

Der Staat regiert in alles hinein, meistens kostenpflichtig – nur da aber, wo er tatsächlich regulierend und aktiv eingreifen müsste, verschanzt er sich hinter dem Mantra freier Märkte und schwabbert sein geblümeltes Liedlein von der Eigenverantwortung der Bürger, die kollektiv und landesweit ihre Wasserleitungen nach Keimbefall durchpusten lassen dürfen, nur da nicht, wo er überhaupt möglich wäre, und selbstredend auf eigene Rechnung. Er fordert das Tragen unsinniger Helmplacebos für Nierenspender auf dem Tretrad, lehnt aber ein generelles Tempolimit für Autos ab. Wäre der paternalistische Staat nicht nur ein billiger Deckmantel, er verböte Popscheiße und Trash-TV und alles das, was uns an Grütze in Hirn gepfropft wird, er rächte lappende Sporthosen an schmerbäuchigen Transpiranten mit alttestamentarischen Körperstrafen und verarbeitete Barbara Salesch, Britt Hagedorn und Jürgen Fliege vor laufender Kamera zu Dämmmaterial. Er sollte sich vorsehen, der Patriarch. Ödipus wartet.





Bolschewiki

3 11 2011

„So viel verdienen Sie? Mehr nicht?“ Der Sekretär musste an sich halten, um nicht hämisch zu grinsen. Aber genau das hatte ich erwartet. Nach Abzug der Steuern blieben mir im Monat gerade die Miete für den Stutzflügel, einige Kisten Wein und ein Paar Socken. „Sie sind ja nicht alleine damit“, tröstete er mich. „Und deshalb sind Sie hier auch richtig. Wir brauchen Leute wie Sie, wenn wir erfolgreich sein wollen. Wir brauchen Ihre Schicht, wenn wir diese Gesellschaft ändern wollen.“

Etwas irritierte mich daran, diese Worte zu hören, hier im teuer, geradezu üppig ausgestatteten Büro eines Parteisekretärs. „Nein“, korrigierte er, „wir sind ja gar keine Partei! Wenigstens nicht das, was Sie bisher als Partei angesehen haben. Wir sind eine neue soziale Bewegung, die sich zum Ziel gesetzt hat, die herrschenden Verhältnisse zu bekämpfen, bevor uns die Herrschenden den Kampf ansagen.“ „Ich verstehe“, antwortete ich, „weshalb haben Sie es dann Schicht genannt, nicht Klasse?“ Er klappte meinen Aufnahmeantrag zu und musterte mich eindringlich. „Wir sind Mittelschicht, nicht Mittelklasse. Der Unterschied dürfte Ihnen sicher einleuchten.“ „Darum nennen Sie sich Bolschewiki und hoffen, dass keiner den Zusammenhang sieht?“

Der Sekretär hatte das Antragsformular mit aller Sorgfalt geknifft und gestempelt. „Eine Gesellschaft ist nur überlebensfähig, wenn sie von der Mehrheit getragen wird. Und wenn ich Mehrheit sage, dann meine ich damit die Stützen dieser Gesellschaft, die sich auch ideell an ihr beteiligen.“ Er legte den Locher millimetergenau an, zögerte aber noch, den Hebel zu drücken. „Ich nehme an, Sie meinen damit die vorbehaltlose Unterstützung einer gerade herrschenden Staatsdoktrin? Das wird Ihnen nicht viel nützen; solche Lehren sind unbeweglich und ändern sich dementsprechend langsam.“ Mit einem Ruck lochte er das Papier, so heftig, dass er sich selbst am meisten darüber erschrak. „Das mag ja stimmen, aber bedenken Sie, dass wir kurz vor dem Ende der herrschenden Verhältnisse stehen – wenn sich alles über Nacht ändert, dann möchte ich den sehen, der nicht im Schwung der Revolution alles umstürzt, was eh nicht mehr zu halten sein wird.“

Die kostbaren Teppiche, die Tapeten, die schweren Samtportieren standen im Widerspruch zu dem proletarisch schlichten Sekretär, wie er in Hemdsärmeln vor mir saß und mit der Geduld eines Elefanten die herausgestanzten Konfettikreise auf dem Schreibtisch auffegte und einzeln in den vergoldeten Papierkorb balancierte – es hatte etwas Ärmliches an sich, wie er dort saß, als hätte man ihn in eine fremde Rolle hineingezwängt, die er ganz gegen seine Überzeugung spielte. „Die Menschewiken haben den Fehler begangen, immer schon den Fehler begangen, auf Reformen zu setzen. Dabei kam es meistens zu einem tragischen Irrtum: sie haben sich für die neue Sache eingesetzt, sind auf die Straße gegangen und fanden sich plötzlich im Kugelhagel der Polizei wieder. Man kann Reformen nicht erzwingen, denn sie sind eine Maßnahme von oben, und die Volksaufstände kamen von wo?“ „Von unten“, sagte ich. Er nickte. „Von unten. Wir werden also von oben angreifen und eine Änderung des Systems erzwingen, wenn die Krise ihren Höhepunkt erreicht haben wird.“ Ich lächelte. „Wenn Sie vorhaben, das System aus sich selbst heraus zu ändern, warum führen Sie dann im Fall einer Machtübernahme nicht einfach Reformen durch? nämlich die, für die das Volk bereits jetzt demonstriert?“ Er runzelte die Stirn. „Sie sind ja doch einer von diesen Unterschichtlern!“

Da griff ich einfach zu dem bereits gestempelten und gelochten Papier, bevor der Sekretär es in seine Mappe einheften konnte. Der Antrag lag einen Augenblick lang zwischen meinen Fingern, ehe ich ihn ruckartig wieder auf den Schreibtisch schleuderte. Scharf musterte ich ihn. „Woher kommt Ihre Abneigung gegen die Unterschicht? und was versprechen Sie sich davon? “Wir sind keine Unterschichtler“, antwortete er trotzig, „wenigstens nicht im klassischen Sinne. Wir sind, der Name deutet es bereits an, eine Bewegung neuen Typs.“ Noch hatte er den Antrag nicht wieder an sich genommen. „Sie sehen es an sich selbst, das Problem ist die beginnende Unterschicht. Man korrigiert seine Selbstwahrnehmung nach oben, da diese Gesellschaft auf einem gefährlichen Trugschluss beruht: wenn man Minderheiten nur stark genug diskriminiert, wird man nie selbst einer angehören.“ „Sie meinen also, dass sich die Armen wider besseres Wissen zur Mittelschicht rechnen, ist eine Bedrohung?“ „Nicht generell“, wehrte er ab, „nicht im allgemeinen Sinn – der Alltagsrassismus macht es natürlich notwendig, dass man sich selbst nicht als bedürftig zu erkennen gibt. Aber das ist nicht das Hauptproblem. Nicht in einer sozialen Bewegung, die doch mehrheitsfähig sein muss.“ Ich nahm ihm den Antrag wieder aus der Hand. „Das müssen Sie mir aber erklären.“ Er seufzte. „Die Schwachen sind viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, sie können sich keine Busfahrkarte leisten, um zu den Demonstrationen zu reisen, und sie haben auch nicht die Zeit und die Mittel, um sich zu organisieren. Bis auf die Wenigen, die sich zur Mittelschicht rechnen. Die sind das Problem.“ Schon wollte ich das Formular entzweireißen, doch er fiel mit instinktiv in den Arm. „Sie müssen das verstehen“, sagte er fast flehentlich, „wir können uns das nicht leisten! Schauen Sie in die Historie, jeder gesellschaftliche Umbruch ist doch noch immer aus der Mittelschicht gekommen – was wird uns erwarten, wenn wir es diesmal nicht selbst schaffen?“