Abklingbecken

1 06 2021

„Bewerben geht immer. Die Einstellungskriterien sind ja bekannt, man muss das richtige Alter haben, Deutschkenntnisse, männlich – das darf man nicht sagen, aber bis jetzt haben wir das Amt immer mit einem Mann besetzen können. Und so richtig ist es auch fast nie schiefgegangen.

Er hat ja auch schon Erfahrung mit öffentlichen Ämtern, bisher ging es dabei auch um etwas, als Außenminister zum Beispiel. Da hat er schon einen klaren Wertekompass gezeigt, der mit so gut wie jeder Bundesregierung vereinbar ist: deutsche Waffenlieferung in Kriegsgebiete, deutsche Staatsbürger ohne Nachweis einer Straftat im US-amerikanischen Folterlager, deutsche Arbeitnehmer dank Hartz-Gesetzen als Freiwild für die deutsche Industrie. Dieser Mann ist auf dem besten Weg, ein deutsches Nationalsymbol zu werden.

Dieser Wertekompass bringt ihm auch viel Sympathie ein, beispielsweise bei den Liberalen. Er hat vermutlich im letzten Augenblick die FDP aus den Koalitionsverhandlungen gerettet – gut für die FDP, gut für Deutschland. Da sehen Sie mal, was man mit Umsicht und für das Gemeinwohl alles tun kann. Nein, also als Typ ist er ja wirklich okay, das muss man ihm lassen. Das qualifiziert ihn schon zum Bundespräsidenten.

Dieses Staatsmännische, das kann er einfach. Er lässt sich nach einem faschistischen Mordanschlag irgendwo absetzen – vermutlich ziehen die ihn im Hubschrauber mit so einem Schlüssel auf und lassen ihn dann gleich am Rednerpult runter – und verkündet, dass das eine Attentat gegen uns alle war, und wir müssen dann gar nicht mehr über die Konsequenzen nachdenken. Wie der Mann Hanau und Halle und das alles wegbügelt – sagenhaft! Diese international bewährte Farblosigkeit, die als geradezu aristokratische Blässe durchgeht, das haben wir lange nicht gehabt. Naja, gegen seinen Vorgänger geht ja auch ein Eimer Affenscheiße als intellektuelle Glanzleistung durch.

Natürlich haben wir auch andere Bewerber – ich verwende hier absichtlich die männliche Form, weil man über eine weibliche Kandidatin ja nachdenken darf, aber nur, solange es keine Konsequenzen hat. Ob sich diese Pferdemutti mit der Vogelnestfrisur von der esoterischen Hochschule aus Hogwarts an der Oder noch mal bewirbt, oder in Mitte kippt ein Latte macchiato um, das interessiert keinen mehr. Außerdem kann die SPD ja nicht mehr als einen Kandidaten in Rennen schicken.

Er fällt so angenehm nicht auf, dieser Mann. Da gab es beispielsweise Präsidenten, die unbedingt an der militärischen Präsenz unserer Wirtschaftshelfer in den demokratisch noch nicht so entwickelten Entwicklungsländern Kritik üben mussten. Oder nicht genug Kohle für ihr Eigenheim hatten. Wenn Sie in einer deutschen Fußgängerzone sein Bild zeigen würden, die Leute könnten damit nichts anfangen. Nicht einmal mit dem Namen. Der Mann geht vollständig in seinem Amt auf, das ist geradezu ideal. Er polarisiert nicht, seine Denkanstöße zeichnen sich dadurch aus, dass er nichts anstößt, weil er vorher nicht nachgedacht hat, und was er von sich gibt, ist so wunderbar folgenlos wie etwas, das gar nicht stattgefunden hat. Wenn er meint, wir würden nach der Pandemie einander viel zu verzeihen haben, dann ist das tatsächlich so unspezifisch wie überflüssig – die Gesellschaft ist komplett im Eimer, weil eine Rotte habgieriger Drecksäcke die Republik ausnimmt wie einen toten Fisch, und alles, was diesem Märchenonkel einfällt, sind Kerzen für die Todesopfer von Gier und beschissenem Management im Wahlkampf. So eine gesamtgesellschaftliche Minderleistung kriegen Sie ohne Medikamente nicht hin, glauben Sie’s mir.

Auf der anderen Seite schläft natürlich auch die Konkurrenz nicht. Diverse Kanzlerkandidaten sind da auch noch im Gespräch, fragt sich nur, wie lange man die im Zwischenlager aufbewahren kann, oder ob man die gleich im unpolitischen Abklingbecken entsorgt. Das erfordert einen versierten Umgang mit Gefahren, stellen Sie sich mal vor, so eine Knalltüte würde würde bei jeder sich bietenden Gelegenheit Volksreden von sich geben und das Land mit seiner christlichen Integrationsmoral vollsalben. Von der Wirkung auf diplomatischem Parkett will ich noch gar nicht mal reden, die ist sicher schlimm genug. Nein, dann schon lieber ein alter Mann, der sich stellvertretend für die alternde Gesellschaft opfert und noch einmal antritt. Milde Emphase ohne jedes Charisma, quasi ausstrahlungsfreie Zukunft aus recycelten Vergangenheitsbestandteilen – das müssten die Grünen doch eigentlich mittragen – und eine Haltung, die man für jede Art von sozialem Stillstand ohne Hoffnung auf Reformen zur allen Tageszeiten wegsenden kann. Wenn es den Mann nicht schon gäbe, man müsste ihn erfinden: der kompromisslose Kompromiss.

Sie können heute als Politiker machen, was Sie wollen: zu viel Lockerungen oder zu wenig, pro oder contra Mietpreisbremse, Steuern hoch oder runter, Schuldenbremse ja oder nein, irgendjemand kritisiert Sie immer. Der Mann tut nichts, deshalb macht er auch nichts falsch. Schneller werden Sie nur beliebt, wenn Sie Außenminister sind und nicht in der FDP. Wobei… –

Gut, dann tüten wir die Sache jetzt ein, bis zur Bundestagswahl haben wir ja auch noch ein paar Tage Zeit, die Parteien können in Ruhe jemanden suchen, der sich gegen ihn aufstellen lässt – ich würde da aus Gründen der Diversität gerne eine junge Frau sehen, das macht sich medial total gut – und Sie bringen es Merz schonend bei, okay?“





So jung kommen wir nie wieder zusammen

24 02 2020

„‚Dass wir als Deutsche nach diesen schrecklichen Ereignissen‘ – haben Sie? Wieso kann man nicht ‚schreckliche Ereignisse‘ sagen? Was hatte ich beim letzten Mal gesagt? Sehen Sie mal, daran können Sie sehen, dass sich meine Haltung seit dem letzten Mal nicht geändert hat.

Natürlich ‚Wir als Deutsche‘, oder stehe ich hier als Ausländer? Ich bin nun mal Deutscher, und ich vertrete ja auch die Gesellschaft, warum soll ich dann nicht ‚Wir als Deutsche‘ sagen? Also ‚Ich als Deutscher‘ wäre doch noch bescheuerter, und ich kann mich selbst hier nicht als Maßstab nehmen. Das ist eine offizielle Rede, deshalb müssen wir die ganze Gesellschaft – nein, eigentlich nicht, es geht ja um uns Deutsche, aber deshalb ist doch ‚Wir als Deutsche‘ erst recht richtig. Das ist mir auch total egal, ob da jemand irgendeine Kollektivschuld in die Formulierung reininterpretiert, ich meine dieses ‚Wir‘ ja inklusiv. Kommt nicht so rüber? Das ist dann Ihr Problem, ich habe Ihnen doch gesagt, Sie sollen da nicht irgendwas reininterpretieren.

‚Was geschehen ist, macht uns fassungslos.‘ Das können Sie doch gar nicht beurteilen, ob ich das schon emotional verarbeitet habe. Meine Güte, Sie müssen doch auch mal… ‚Macht mich traurig.‘ Ja, das ist natürlich viel subjektiver, aber ich kann doch nicht, wissen Sie, wenn wir als Deutsche, da… – ‚Das macht uns zornig.‘ Das klingt doch gleich viel entschlossener. ‚Wir als Deutsche‘, und dann so eine Emotion, das ist viel glaubwürdiger. Na gut, nicht viel, ein bisschen weniger unglaubwürdig, das ist für den Anfang schon mal nicht schlecht. ‚Sie sind voller Trauer, sind ratlos, Sie fühlen sich allein gelassen.‘ Psychologisch ist das doch gar nicht so verkehrt. Die wissen nicht, was gerade passiert ist, ich weiß auch nicht, wo es langgeht. Sie müssen die emotionale Parallele begreifen. Die Leute lieben so etwas, daran merken sie, das wir Politiker auch nur Menschen sind, verstehen Sie?

‚Gerade deshalb tut es gut, hier zu sein an diesem Ort.‘ Ich habe Ihnen doch gesagt, nicht wieder irgendwas reininterpretieren. Man muss das doch subtil ansprechen, nicht so als Wohlfühlzeug, eher auf die feinfühlige Art. Ja, feinfühlig. Ich bin mit mir im Reinen, wir als Deutsche doch auch, und ich kann ganz einfach zu den Leuten… Meine Güte, fällt Ihnen denn etwas Besseres ein? ‚So jung kommen wir nie wieder zusammen‘, bei Ihnen piept’s wohl! Unverschämtheit! Das ist die größte Geschmacklosigkeit, die man sich als Politiker in dieser Rolle, also in der Rolle des Politikers, Sie wissen schon, aber doch nicht so!

‚Wir spüren, dass es diese Gemeinschaft gibt, die Entsetzen und Wut teilt‘ – haben Sie? Was ist denn jetzt schon wieder verkehrt? Natürlich ist das eine Gemeinschaft, man kann doch nicht immer nur als Fußballfreunde zusammenstehen oder wenn man eine Bundestagswahl vergeigt hat, das ist doch der Sinn einer Gesellschaft, und gerade wir als Deutsche sollten doch wissen, wenn man mal so richtig Scheiße baut, dann… – Jetzt werden Sie aber kindisch! Dass wir als Deutsche unsere Wut teilen, das ist doch nicht negativ. Und ich habe das Wort ‚Wutbürger‘ hier mit keiner Silbe erwähnt, das wollen wir mal klarstellen. Mit keiner Silbe! Es geht uns um die Gemeinschaft, und das ist auch als Appell zu verstehen. ‚Eine Gemeinschaft, die aber eben auch Trauer, Anteilnahme und Solidarität zeigt.‘ Was stört Sie jetzt schon wieder? Was ist denn bitte verkehrt an Anteilnahme? Das ist doch praktisch dasselbe wie Solidarität, oder wissen Sie jetzt schon nicht mehr, wie man sich bei solchen schrecklichen Ereignissen verhält? Na also.

Sie machen mich noch porös mit Ihrem ewigen Gemecker. Nein, Anteilnahme ist nicht dasselbe wie Solidarität, auch nicht umgekehrt. Aber zwei starke Begriffe hintereinander sind eben sprachlich viel stärker als einer. Sprachlich? ja, ich habe das so… – Es geht doch hier um Sprache, oder wollen Sie das auch noch hinterfragen? Ich kann in dieser Situation doch nicht den Kölner Dom tanzen, oder wie stellen Sie sich das vor? ‚Eine Gemeinschaft, die wir alle brauchen, die jede Gesellschaft braucht – eine Gemeinschaft, die zusammenhält.‘ Wir als Deutsche sind eine Gemeinschaft, die… – Wie soll ich das jetzt verstehen? Sie halten die Deutschen für eine Gemeinschaft, die die Gesellschaft… – Das würde letztlich bedeuten, dass wir nicht die Gesellschaft sind, sondern nur… – Sie bringen mich total durcheinander. Natürlich sind wir die Gesellschaft, aber im Moment solidarisieren wir uns als Deutsche aus Anteilnahme mit den… –

Okay, dann noch einen drauf: ‚Heute ist die Stunde, in der wir zeigen müssen: Wir stehen als Gesellschaft zusammen.‘ Natürlich müssen wir das, jetzt fangen Sie nicht auch noch da mit Ihrer doofen Krittelei an! Als Deutsche! wir als Gesellschaft! Das schließt auch andere Gemeinschaften ein, die sonst nämlich nicht ausgeschlossen… Nee, Moment mal, das ist ja gar nicht, ich muss das anders, aber nicht wie am Anfang.

‚Darum bitte ich Sie, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, im Angesicht des Grauens heute und in dieser schweren Stunde.‘ Ich kann nicht wieder mit ‚schrecklichen Ereignissen‘ kommen, das geht pro Rede nur einmal. Sonst denken die Leute doch, das sei nicht authentisch gemeint. Wir müssen von der Bevölkerung auch verlangen, dass sie uns ernst nehmen, aber dafür müssen wir dann halt auch authentisch sein. Und mit ‚Grauen‘ muss ja keine unlösbare Aufgabe gemeint sein, die Leute gruseln sich vor Gott weiß was. Und hier muss dann der Aufruf zur Entschlossenheit kommen, hier ist der Moment, wo wir als Betroffene den anderen Betroffenen in unserer Betroffenheit ganz klar sagen: ‚Zeigen Sie Rücksichtnahme, zeigen Sie Solidarität!‘ Nicht Anteilnahme, das haben Sie schon ganz richtig gehört, hier brauchen wie eine bessere Vokabel. Solidarität, das ist ein ethisch gut vertretbares Ziel, jeder kann das auf seine Art in den Alltag integrieren, und es kostet nichts. Wenn nicht das, was dann? ‚Wir als Deutsche‘ – da bin ich in der Zeile verrutscht. Das ist auch kein guter Schluss, das Aktivierende muss am Ende noch mehr in den Vordergrund. ‚Wir stehen zusammen.‘ Ja, ich finde das richtig. Wir haben das schon öfter so gesagt, es ist ja auch nie verkehrt, wenn man bei solchen Gelegenheiten, und gerade bei solchen Gelegenheiten, die nach schrecklichen Ereignissen kommen, dass man da zusammensteht. Das macht man halt so, und es ist auch richtig, weil wir damit unsere Verbundenheit zeigen, wir als Deutsche, mit einer Gesellschaft, die wir so erhalten wollen, wie sie ist. – So, und jetzt drucken Sie die Scheiße aus, heften Sie es ab, und sagen Sie mir mindestens eine Stunde vorher Bescheid, wo ich die Rede halte.“





Luftbrücke

6 10 2014

„Nee, hier sind Ihre Daten nicht. Müssen Sie mal unten gucken. Im Erdgeschoss wird gerade neu renoviert. Alles von der letzten Regierung weg, dann einmal durchputzten, und dann zieht hier die neue Regierung ein. Die neue neue, nicht die von Merkel. Schon Merkel, aber jetzt wieder mit Sozialdemokraten, die nicht in der CDU sitzen. Mann, machen Sie das doch jetzt nicht unnötig kompliziert, hier wird gearbeitet!

Weil Arbeit zieht Arbeit nach sich, weiß man doch. Deshalb haben wir die Klamotten von Steinmeier auch gleich hiergelassen. Wusste man doch, dass die noch zu brauchen sind. Es geht uns ja letztlich darum, dass wir hier erst Fakten schaffen und dann Klarheit – in dieser Reihenfolge, und dann haben wir auch alles unter Kontrolle. Doch, wir haben alles unter Kontrolle. Nicht die uns. Wir.

Weil das ja Hilfe zur Selbsthilfe ist. Wir sind selbst hier tätig und sorgen für die Einhaltung der Grundrechte, und dadurch wird dann letztlich auch der Datenschutz gestärkt. Wir erwarten für die kommenden zwei bis drei Monate ganz erhebliche Auseinandersetzungen, die dann irgendwann in eine Regierungserklärung münden, die die Sachlage unter Umständen sogar inhaltlich richtig darstellt. Glauben Sie mir, das ist im Bereich des Möglichen.

Wir wollen doch Rechtssicherheit für deutsche Bürger und deutsche Firmen! Da muss doch ein umfassender Datenschutz gewährleistet sein, und wir sind auch international als Vorbilder für einen sicheren Datenverkehr gefragt. Schauen Sie sich das mal an in China – die wissen doch alle, dass da der Staat alles mitliest, da veröffentlichen die Dissidenten doch keine sicherheitsrelevanten Informationen mehr im Internet. Wollen Sie das wirklich riskieren? Eben, deshalb haben wir uns für die andere Option entschieden. Kleines Celler Loch im Netzknoten, die NSA trägt alles raus, und jetzt haben wir die einmalige Gelegenheit, einen richtig guten Datenschutz zu installieren und gleichzeitig die Grundrechte wieder uneingeschränkt zu verteidigen. Ich will mich nicht zu weit aus dem Fenster hängen, aber vielleicht können wir bei der Gelegenheit ja sogar den Geheimdienst abschaffen?

Bestes Beispiel ist doch die Luftbrücke. Das setzt internationale Standards, da können Sie für Jahrzehnte und Jahrhunderte eine internationale Krisenbewältigungspolitik drauf aufbauen, das ist die Blaupause für internationale humanitäre Hilfe, damit positionieren Sie sich international als Garant für wirtschaftliche und politische Zusammenarbeit. Wenn wir die Luftbrücke nicht gekriegt hätten, da wären wir aber so was von am Arsch gewesen, das kann ich Ihnen aber flüstern. So was. Und dass wir da als moderne, international aufstrebende Nation, nur wenige Jahre quasi vor dem internationalen Erfolg des Wirtschaftswunders, dass wir da so im Fokus der internationalen Beobachtung gestanden haben, da haben wir doch mit Hitler und dem Krieg gute Vorarbeit geleistet, oder?

Ist doch so, entscheidend ist, was hinten rauskommt. Und das hat nicht mal Pofalla beendet!

Wir sind bei einem Demokratisierungsschub, verstehen Sie? Diese neue Transparenz bei der Aufklärung rechtsradikaler Verbrechen, diese neue Kultur des Hinhörens, dies neue Bewusstsein, dass es sich bei Nichtdeutschen – und da habe ich von der Bundeskanzlerin eindeutige Signale gesehen – eventuell um so was wie Menschen handeln könnte, zweiter Klasse natürlich, aber immerhin: Menschen, meinen Sie, ohne den Nationalsozialistischen Untergrund hätten wir das alles gehabt? Ein internationales Interesse an der deutschen Justiz, eine wohlwollende Berichterstattung über unsere internationalen Bemühungen, im internationalen Kontext eine friedliche Koexistenz mit den Ausländern hinzukriegen, die wir nicht rauswerfen können? Wir können doch dem Verfassungsschutz wirklich dankbar sein, dass wir endlich wissen, der Feind ist in den vielen kleinen Provinzstädtchen im Osten, und wenn er sich nach langer Verfolgung endlich den Behörden stellt, bevor es zu einer Vertuschungspanne kommen könnte, dann haben wir als Deutsche endlich wieder das Gefühl, das gute Gefühl, auch international mit dem Finger auf jemanden zeigen zu dürfen, der nicht zu uns gehört.

Ausgewogene Arbeit gehört schon zu uns, klar. Irgendwer muss doch die ganzen Autos am 1. Mai anzünden, sonst könnten wir nie so erfolgreich alle politisch links motivierten Bombenanschläge verhindern. Oder haben Sie schon mal eins in der Bundesrepublik erlebt?

Denken Sie an die Luftbrücke, und dann bilden Sie sich Ihre Meinung noch mal. Wurden etwa von den Amerikanern verraten und verkauft? Sehen Sie, das ist doch der Punkt! Am Ziel dieser ganzen Auseinandersetzung werden Sie auch feststellen, dass zwischen uns und unseren amerikanischen Freunden keine Meinungsverschiedenheiten mehr existieren. Und das nur, weil wir die entscheidende Vorarbeit geleistet haben. Im Kanzleramt und in den Geheimdiensten, im Verfassungsschutz und durch Unterlassen auch in den Gremien. Alles total egal, und die Demokratie ist damit endgültig gesichert. Weil wir uns nachhaltig darum kümmern, dass hier alles mit rechten Dingen zugeht.

Uns geht die Arbeit jedenfalls nicht aus. Da liegt noch jede Menge Kram im Keller, wissen Sie, das muss alles noch weg, damit wieder Platz ist. Da hinten die Ecke, die Kartons. Alles Geschichte der RAF. Raten Sie mal, was da rauskommt.“





Honi soit qui Mali pense

22 01 2014

„Und, schon die Sonnencreme eingepackt?“ „Witzbold, wir fahren doch nicht selbst.“ „Nicht? Und ich hatte mich schon so auf einen netten kleinen Urlaub im Süden gefreut, nur Sie und ich und ein paar hundert Soldaten.“

„Im Vertrauen, das macht der doch bloß, weil die Truppenursel dafür nicht den Arsch in der Hose hat.“ „Nein, das glaube ich nicht. Für die Interessen der europäischen Industrie ein paar Neger zu Klump bomben, das macht die doch schon aus christlicher Nächstenliebe.“ „Auch wieder wahr. Und sie muss nicht den Kopf dafür hinhalten.“ „Dass sie jetzt Verteidigungsministerin ist, hatten Sie aber schon mitgekriegt?“ „Dann scheint Ihnen entgangen zu sein, dass die Militärpolitik jetzt vom Außenminister gemacht wird.“ „Sie meinen die deutsche Militärpolitik?“ „Und den französischen Außenminister.“ „Dann hat die Dame schnell gelernt, wenn sie jetzt die Füße stillhält.“ „Das dürfte ein paar Menschenleben kosten.“ „Hat sie das bei den Regelsätzen für arme Kinder interessiert?“ „Touché.“

„Das dürfte neu sein: der Außenminister gibt die komplette Richtung der Interventionspolitik an eine befreundete Nation ab.“ „Meinen Sie?“ „Der zweite Golfkrieg war keine Interventionspolitik, das war etwas, was man im landläufigen Sinne als…“ „Geschenkt. Und befreundete Nationen?“ „Die USA waren immer ein überlegener Partner, solche Freundschaften sucht man sich nicht aus.“ „Und deshalb glauben Sie, dass es diesmal richtig sein könnte?“ „Hat doch in Afghanistan schon mal ganz prima geklappt.“

„Aber man müsste doch jetzt mal einigermaßen umreißen können, wie groß die Konflikte dort sind. Sonst wird man das nie lösen können.“ „Wozu auch.“ „Sie meinen, wir sind nicht da, um Konflikte zu lösen?“ „Die wirklich interessanten Konflikte entstehen doch immer erst, wenn die Befreier im Land sind. Wenn Rebellengruppen sich teilen oder plötzlich zu den verfeindeten Stammesfürsten überlaufen.“ „Und davon profitieren wir dann?“ „Zumindest ist dadurch unser Einsatz gerechtfertigt. Werden deutsche Soldaten erst einmal beschossen, dann wollen sie sich auch zur Wehr setzen.“ „Allerdings, eins verstehe ich ja nicht. Was soll denn das alles?“ „Meine Güte, Sie sind ja vielleicht naiv!“ „Weil die Bundeswehr bald der attraktivste Arbeitgeber von ganz Deutschland werden soll?“ „Einfacher.“ „Damit die Sicherheit…“ „Warm.“ „Also die Sicherheitsinteressen…“ „Kälter.“ „Also Arbeitsplätze?“ „Auch. Aber gut eine Woche vor der größten Waffenverkaufsschau Europas so einen kleinen Privatkrieg rauszuhauen – alle Achtung.“ „Das ist gut für die deutsche Rüstungsindustrie?“ „Als hätte der ADAC den Kampfpanzer des Jahres gekürt.“

„Wir sollten das alles viel positiver sehen.“ „Finde ich ja auch. Man lernt dabei die Welt kennen und die Völker schätzen.“ „Somalia, Zentralafrika, den Südsudan.“ „Honi soit qui Mali pense.“ „Kleiner Scherzbold!“ „Na, das ist doch die Chance für Afrika! Endlich nehmen die am großen Zirkus teil!“ „Finde ich aber auch, warum soll immer nur der Irak neue Mädchenschulen bekommen.“ „Jetzt müssten Sie mir nur mal schnell erklären, worum es da bei der französischen Mission eigentlich ging.“ „Um Gold. Oder Uran. Oder so.“ „Nein, was war die offizielle Begründung?“ „Irgendwas mit islamistischen Terroristen, die aber nichts mit der Regierung oder den Tuareg zu tun haben.“ „Und die Regierung wir nicht mit den Terroristen fertig?“ „Die interessieren doch keinen, die Regierung bekämpft die Tuareg.“ „Weil die islamistische Fanatiker sind?“ „Nein, weil die eben keine islamistischen Fanatiker sind.“ „Na, dann ist die Sache doch klar. Die Tuareg umnieten und uns den Weg zu den Uranfeldern sichern.“ „Und das nimmt man uns ab?“ „Was war im Irak anders?“

„Aber Frankreich ist für Mali doch nicht einmal mehr der Haupthandelspartner.“ „Deshalb muss man Werbung machen. Vertriebsaußendienst, Sie verstehen?“ „Und das führt jetzt zu großen Solidaritätskundgebungen und internationalem Pathos?“ „Also früher hat man auch immer besonders viel außenpolitisches Getöse gemacht, wenn im Innern alles schiefging.“ „Hm, verstehe. Dann wird jetzt Deutschlands Freiheit auch in Mali verteidigt?“ „Logisch. Und wenn Mali verloren geht, wer weiß, was dann mit dem Euro passiert.“

„Und unser Agenda-2010-Fritze, der Frank-Walter, der hinterlässt gar keine eigene Handschrift auf dem Ding?“ „Na sicher doch. Überlegen Sie mal.“ „Ein-Euro-Job?“ „Lassen Sie die Bundeswehr aus dem Spiel.“ „Hilfe zur Selbsthilfe?“ „Geht doch. Wir liefern ein schönes großes Paket Waffen nach Bamako, und dafür werden wir bevorzugt behandelt. Staatsschulden sind Ehrenschulden.“ „Sagt das Schäuble auch immer?“ „Auf jeden Fall lassen wir sie nicht allein.“ „Die Malinesen?“ „Die Franzosen natürlich. Da ist so viel Stoff im Land, das kriegen die alleine gar nicht rausgeschleppt.“ „Dann sollten wir dabei sein.“ „Nicht, dass der Köhler noch umsonst zurückgetreten wäre.“ „Na, dann packen Sie mal schön. Was gefunden?“ „Nicht für mich. Aber diese Mütze hier aus dem Entwicklungsministerium, ob die Steinmeier passt?“





Geisterbahn

8 07 2013

„Wir machen das nicht.“ „Und wenn keine andere Lösung möglich sein sollte?“ „Dann machen wir es nicht.“ „Aber wenn keine andere Lösung…“ „Wir machen es nicht, klar!? Wir machen es nicht!“ „Welche Alternative haben wir denn bitte?“ „Wir gewinnen einfach die Wahl, basta!“

„Wir brauchen eine vernünftige Lösung, sonst wird das kein gutes Ende nehmen, und das wissen Sie so gut wie ich.“ „Das mag ja alles sein, aber ich mache eine Große Koalition nicht mit. Nicht noch eine.“ „Aber…“ „Nicht noch eine! Mir hat die erste schon gereicht. Wir machen die Arbeit, und die Kanzlerin gibt es als ihren Erfolg aus.“ „Aber das wäre doch im fall von Rot-Grün dasselbe.“ „Da würde es aber nicht so stören, weil da nämlich wir den Kanzler stellen.“

„Könnte man nicht den Kandidaten noch kurz vor der Wahl…“ „Auf keinen Fall. Steinbrück bleibt.“ „… mit mehr sozialpolitischem Profil ausstatten?“ „Wie wollen Sie das denn anstellen?“ „Er müsste sich halt öfters mal sozialdemokratisch äußern.“ „Unsinn, dann können die Leute doch gleich CDU wählen. So spricht doch sonst nur noch die Bundeskanzlerin.“ „Dann muss man eben die Deutungshoheit über die Sozialpolitik wieder zurückgewinnen.“ „Wie wollen Sie das denn anstellen? und vor allem: wozu? Wenn Sie jetzt einen lupenreinen Sozialdemokratiewahlkampf machen, dann zeigen Sie doch höchstens, dass Sie der CDU die Themen klauen wollen. Dann können Sie doch auch gleich Webung für die Große Koalition machen.“ „Darum geht’s doch eben, wir müssen herausarbeiten, dass Merkel eben nicht für eine sozial verträgliche und gerechte Politik steht.“ „Ja und? Steinbrück doch auch nicht.“

„Damit hätten wir doch zumindest eine Option auf eine Ampelkoalition.“ „Die Liberalen sind auf einmal wieder auf unserer Seite?“ „Nein, nur die FDP.“ „Das können Sie vergessen. Das wäre ja wie mit Rückenwind auf den Hintern fallen. Diese Partei ist ja für alles gut, womit man sich selbst schaden kann…“ „Deshalb würde sie ja auch so gut zu uns passen, meinen Sie nicht?“ „… aber sicher nicht für eine Ampel. Und wenn Sie jetzt meinen, wie bei Merkel braucht man in der Koalition einen Hallodri, damit man selbst nicht ganz so inkompetent aussieht: was glauben Sie, wofür wir Die Grünen haben?“

„Es gäbe ja noch eine Option.“ „Das ist nicht Ihr Ernst!“ „Doch. Aber dazu müssten wir jetzt das umsetzen, was wir seit Jahren in die Wahlprogramme reinschreiben.“ „Auf keinen Fall! Mit den Linken zu koalieren ist vollkommen ausgeschlossen!“ „Wo doch Merkel jetzt auch schon den Abzug aus Afghanistan fordert…“ „Das ist Kokolores, diese Lippenbekenntnisse sind doch nichts wert, weil es überhaupt nicht umgesetzt wird.“ „… und die Mindestlöhne…“ „Ich sagte: Kokolores!“ „… und eine Mietpreisbremse. “ „Hören Sie mir eigentlich zwischendurch auch mal zu? Das meint die Frau doch nicht ernst!“ „Aber die Linken.“ „Eben, und solange diese Stalinisten mit solchen hirnverbrannten Ideen Wahlkampf machen, kann man mit denen nicht zusammenarbeiten. Vollkommen ausgeschlossen!“ „Was stört Sie denn so an denen? Die sind doch ganz harmlos.“ „Das denken Sie! Die sind nicht regierungsfähig, das sehen Sie doch.“ „Weil keiner mit denen regiert.“ „Eben!“

„Gut, dann hätten wir das ja geklärt. Und was würde jetzt gegen die Große Koalition sprechen?“ „Sind Sie noch ganz bei Trost!? Wir können doch nicht einfach klein beigeben und der Kanzlerin der Drecksarbeit erledigen!“ „Hat auch keiner verlangt. Wir müssten nur ein bisschen konsequenter auf die Versprechen der CDU eingehen.“ „Wie soll denn das funktionieren?“ „Einfach mal die ganzen leeren Versprechungen der Bundeskanzlerin auf den Tisch.“ „Mindestlohn?“ „Mindestlohn. Und Atomausstieg, aber richtig. Und Mieten und Strom und Boni und Einlagensicherheit und Truppenabzug und Kita-Plätze, und dann wollen wir mal sehen, was sie macht.“ „Was sie immer macht: nichts.“ „Das wollen wir doch mal sehen.“ „Wie wollen Sie das denn anstellen?“ „Wir treiben sie vor uns her. Entweder sie setzt das um, was sie vor der Wahl versprochen hat, und wir haben das auch versprochen, also setzt sie das um, was wir versprochen haben. Klar?“ „Oder?“ „Oder sie setzt eben gar nichts um.“ „Wo ist da die Drohung?“ „Wieso Drohung?“ „Wie wollen Sie die Kanzlerin vor sich hertreiben, wenn Sie ihr nicht drohen können?“ „Man könnte sie doch bloßstellen.“ „Und womit?“ „Dass sie nichts umsetzt.“ „Und das ist eine Drohung?“ „Das wird bestimmt total peinlich.“ „Ich sehe es schon vor mir: Vizekanzler Steinmeier lamentiert, dass Merkel eine elende Lügnerin ist, die den Parlamentarismus aushöhlt und die Wähler nach Strich und Faden auszieht, damit ein paar Großaktionäre sich die Taschen vollstopfen.“ „So hatte ich mir das gedacht.“ „Und dann sagt sie noch, die Merkel-Regierung ist das Schlimmste, was Deutschland seit dem Krieg passiert ist.“ „Ich würde das gutheißen.“ „Und sie ist auch an der Verschärfung der Staatsschuldenkrise schuld und an den Milliardenzahlungen zur Bankenrettung und an der Jugendarbeitslosigkeit sowieso.“ „Finde ich gut, schreiben Sie das gleich mal auf, das brauchen wir bestimmt noch.“ „Und mit diesem politischen Monster, das Sie da aufblasen, wollen Sie in eine Große Koalition? nur, um hinterher sagen zu können, dass wir für diese Geisterbahn nicht zur Verantwortung zu ziehen sind, weil wir versucht haben, das Schlimmste zu verhindern?“ „Ja sicher.“ „Das ist Ihr Ernst!?“ „Aber ja doch! Die Leute erwarten das doch von uns. Wir sind schließlich Sozialdemokraten.“





Tod und Erklärung

23 04 2013

„Bloß keine Lachshäppchen. Das kommt nicht an. Ist nicht unser Profil. SPD ist Currywurst. Ja, ich auch nicht. Aber deshalb werden wir das Zeug trotzdem anbieten müssen. Es hilft ja nichts. Wir werden nur einmal 150.

Irgendwas muss man ja machen, nicht wahr, und diesmal wollen wir es im kleinen Kreis feiern. Im kleinsten Kreis. Im allerkleinsten. Nur die Wähler. Dann brauchen wir auch nicht so viel Stühle. Und Fähnchen. Und Kugelschreiber. Ich meine, wenn wir uns nicht auf der Jubiläumsfeier als Kümmerer-Partei ausgeben, wann denn dann?

Eigentlich wollten wir ja gar keine Festreden, aber dann meckert die Presse wieder. Dann halten die anderen Festreden, dass wir keine Festreden hatten, und kommen in die Abendnachrichten. Das geht auch nicht. Aber wen sollen wir da einladen? Lafontaine? oder Schröder? Sie haben gut reden. Beide, dann brauchen wir den Saal gar nicht erst aufzuschließen.

Haben die dieses widerliche Lila eigentlich auch für den Teppich ins Corporate Design geschrieben? Wenn das schon bei den Wandverkleidungen so aussieht wie gewollt und nicht gekonnt, dann muss man doch erst recht kotzen, wenn man auf den – Vorhänge? Meinetwegen, die paar Vorhänge wird man doch in einem geschlossenen Raum verkraften.

Aber die Reden. Erst Steinmeier, dann eventuell Rahmenprogramm, dann Gabriel, dann Pause, und dann der Seeheimer Kreis, und dann sehr lange Pause, und dann eventuell für die verbliebenen Gäste noch Sarrazin. Nach Einbruch der Dunkelheit dürften die meisten doch sowieso derart besoffen sein, dass man ihnen jedes Arschloch als SPD vorsetzen kann.

Vor allem die Chronologie macht uns ja leichte Schwierigkeiten. Wir hatten uns da so eine Art Multimedia-Show ausgedacht. Ja gut, Diavortrag halt. Aber mit Kommentaren halt und etwas Musik. Arbeiterchor aus Herne. Und Blasorchester. Und dann wollten wir die ganze Geschichte der Partei zeigen. Vom Eisenacher bis zum Godesberger Programm, dann Wiedervereinigung, und dann haben wir ein Problem. Nein, eben nicht. Wenn uns nach 1998 die Dias ausgegangen wären, hätten wir eben einfach weitergemacht. Wie das so bei der SPD ist, wenn bei uns etwas schief geht, machen wir einfach weiter, als hätten wir es nicht gemerkt. Naja, meistens merken wir auch nichts. Aber das ist ja nicht das Problem. Wir hatten noch Dias. Wir hatten sogar noch jede Menge Dias seit 1998. Aber wollen Sie das sehen?

Als Giveaways dachten wir an kleine Tütchen, Plastikfolie, Sie verstehen? ADAV? Hallo!? ist doch nicht so weit bis ADAC, oder? 50 Milliliter Benzin in Schlauchverpackung? Ein Schritt mehr zur energetischen Entlastung des Mittelstandes – das ist bald eine bessere Wertanlage als Gold! Das ist innovativ! Das ist echt bürgernah, verstehen Sie? Naja, wenigstens ist es ein typisches SPD-Geschenk. Die Unterschicht fühlt sich ausgegrenzt, die Mittelschicht fühlt sich verhöhnt, weil sie sich davon bald kein Auto mehr leisten kann, und die Oberschicht wirft das den Pennern in den Hut, weil denen eh der Spritpreis am Arsch vorbeigeht. Und die Grünen, die fragen sich auch, womit sie das verdient haben.

Dann noch der Saal, wir brauchen ja auch ein paar Spruchbänder. Atlasseide, gerne mit goldener Schrift. Antiqua, dazu rote Nelken, und in Großbuchstaben – Ruhe sanft? Sie sind wohl mit der Muffe gebufft!? Spruchbänder, verdammt noch mal, nicht Trauerschleifen! Was glauben Sie denn, was hier gespielt wird? Tod und Verklärung? Eher: Erklärung. Wenn man weiß, woran es lag, kommt man mit der Realität hinterher besser zurecht.

Wen haben Sie eigentlich für die Festschrift vorgesehen? Schily? Ach du lieber mein Vater, das kann ja heiter werden. Der schaltet ja am liebsten nicht nur die SPD, sondern gleich das ganze Grundgesetz ab. Ja, Sie haben recht. Das ist wie 1933: hier scheiden sich die Idealisten von den Pragmatikern. Aber lassen Sie uns nicht ständig von der Agenda 2010 reden, wir müssen ja auch das Personal bezahlen. Garderobe, Saalschutz, Klofrau – hören Sie mal, dieses Gegender können Sie sich an den Hut löten, für die Frauenquote ist jetzt die Merkel zuständig, klar? – Parkwächter, Kellner, Küchenhilfen, irgendwer muss den Mist halt erledigen. Haben Sie eine Kalkulation vorliegen? Egal, das wird dann das Wir ganz solidarisch entscheiden, wir haben eine Zeitarbeitsfirma am Start, aber seien Sie vorsichtig. Die haben ein paar Wirtschaftsmigranten dabei, also achten sie gefälligst darauf, dass Sie keine 8,50 die Stunde zahlen. Geburtstag hin oder her, wir sollten auch mal an die Arbeitgeber denken. Vor allem in Hinblick auf die nächste Bundestagswahl.

Rechnen Sie doch mal zusammen: Klappstühle, Programmhefte, Blasmusik, Wurst, Champagner – Schaumwein, wollte ich sagen, Schaumwein, und dann die Blumen, und ein paar Luftschlangen, vielleicht haben wir noch ein paar Ballons vom letzten Wahlkampf, Heißluft ist ja immer genug da, und dann mit Mehrwertsteuer – was!? Gut, dann lassen wir Steinbrück dreimal auftreten als Redner, da haben wir insgesamt fast 70.000 Euro gespart, davon können wir den Rest schon bezahlen.

Ja, ich weiß, dass das alles Mist ist. Das wird keine Party, das wird ein Begräbnis dritter Klasse. Aber was sollen wir denn machen? Oder haben Sie die Nummer von Helmut Schmidt?“





Sozial gerächt

12 03 2013

„… sei ein sozialdemokratisches Wahlprogramm zwar nicht nach Steinbrücks Geschmack, er wolle sich jedoch auf Anraten der Partei nicht negativ über die…“

„…dass die SPD intern beschlossen habe, nicht nur für die CDU-Stammwähler attraktiv zu…“

„… den Renteneintritt mit 69 nicht falsch zu interpretieren. Schwesig habe gerade unter sozialen Gesichtspunkten diese Regelung empfohlen, um die ältere Generation nicht zu schnell aus dem für die seelische Gesundheit nötigen Arbeitsleben zu…“

„… nach Aussage der SPD-Kampa besser und gerechter zu machen. Dennoch wolle die Partei weiterhin ihren Kanzlerkandidaten…“

„… stehe die Sozialdemokratie weiter für die uneingeschränkte Tarifautonomie, falls nicht die Interessen der Großaktionäre…“

„… dass ein massiver Ausbau der Zeit- und Leiharbeit geholfen habe, Deutschland durch die Krise zu bringen. Zwar habe das Expertengremium den Parteivorstand ursprünglich dahin gehend informiert, dass der massive Ausbau von Zeit- und Leiharbeit Deutschland erst in die Krise…“

„… eine Vermögenssteuer einzuführen. Gabriel habe das Gesetz nach ersten Prognosen für 2057…“

„… den Spitzensteuersatz stark anzuheben. Im Gegenzug habe Steinbrück empfohlen, auch die Mehrwertsteuer auf 28 Prozentpunkte zu…“

„… müsse man die Leistungsträger entlasten. Als Leistungsträger gelte in Absprache mit dem Kanzlerkandidaten, wer über ein Jahreseinkommen von mindestens 850.000 Euro (netto)…“

„… wolle man den Mittelstand entlasten. Gerade von der Krise schwer in Mitleidenschaft gezogene Unternehmen wie Amazon, Starbucks und die Deutsche Bahn AG müssten tatkräftig…“

„… sei eine Regulierung der Finanzmärkte nach Aussage des SPD-Präsidiums nicht möglich. Nur der Markt selbst könne die Politik…“

„… sich von der Agenda 2010 zu distanzieren. Steinmeier habe dies jedoch abgelehnt, da nicht alle SPD-Bundestagsabgeordneten wüssten, was diese Agenda 2010 eigentlich…“

„… habe man ursprünglich die Idee eines allgemeinen Mindestlohnes unterstützen wollen. Da aber die Linke dem Vorschlag uneingeschränkte Zustimmung signalisiert habe, müsse man nun ganz entschieden Abstand von dieser sozialistischen Hetzpropaganda…“

„… wolle Steinbrück seine Vortragshonorare auch künftig nicht stiften. Er gehe mit gutem Beispiel voran, so Nahles, dass jeder Arbeitslose zuerst selbst für seinen Lebensunterhalt…“

„… biete die Rente mit 71 neben dem volkswirtschaftlichen auch einen Vorteil in Bezug auf die Bildung. Da die jüngere Generation zunehmend dümmer werde, müsse man Wissen und Anstand in den Betrieben halten durch mehr…“

„… für eine Frauenquote starkmache. Zu 50 Prozent dürften Frauen aus Führungspositionen rausgemobbt werden, wenn sie sich zu 50 Prozent entscheiden könnten, die Kündigung freiwillig…“

„… die Schuldenbremse generell anders zu betrachten. Nahles habe betont, Schulden nur für die kommenden Generationen produzieren zu wollen, womit auch die Forderung des Koalitionspartners nach mehr Nachhaltigkeit…“

„… liege nach Ansicht Müntefering die hohe Arbeitslosigkeit nicht daran, dass zu wenig Stellen vorhanden seien, sondern an der Weigerung vieler Arbeitnehmer, auch ohne Lohn an der Steigerung des deutschen Bruttoinlandsproduktes zu…“

„… die Qualität des echt sozialdemokratischen Wahlprogramms auch darin zeige, sogar in einer großen Koalition zu…“

„… dem Vorwurf begegnen wolle, mehr Beinfreiheit für den Kandidaten zu fordern. Gabriel habe keinen Widerspruch zur traditionellen SPD-Ideologie gesehen, nach oben zu buckeln und nach unten kräftig zu…“

„… dass eine Rente mit 74 auch Vorzüge habe. Man müsse auf diese Weise seltener junge Kräfte anlernen, was wegen der höheren Arbeitslosigkeit positive Effekte auf den Nachschub bei der Bundeswehr…“

„… den Frieden und das Gleichgewicht innerhalb der Gesellschaft dauerhaft zu wahren. Man könne nur durch die Unterdrückung einer Neiddebatte wie bei den Manager-Boni dafür sorgen, dass die betreffenden Gruppen sozial gerächt…“

„… die Rente mit 77 ohne Denkverbote diskutieren. Sinnvoll sei auch die gleichzeitige Streichung von Arbeitslosenbezügen ab dem 57. Lebensjahr, um einen erhöhten Anreiz zum…“

„… dürfe man aus wirtschaftlichen Gründen keine Angriffskriege führen. Ausdrücklich ausgenommen, so Steinmeier, sei der geplante Zweifrontenkrieg gegen Nordkorea und den Iran, da dieser zur Verteidigung der Interessen der deutschen Waffenindustrie…“

„… die Rente mit 79 nicht negativ zu sehen. Bei einer nahtlosen Überführung in die staatliche Pflege könne den Sozialkassen viel an…“

„… dass die Sozialdemokraten als einzige Partei nicht durch blinde Ideologie getrieben sei, sondern auf Vernunft und Aufklärung setze. Nur durch starkes Wachstum sei der Untergang des deutschen Volkes noch zu…“

„… wenn erst die Rente mit 99 sich in den Herzen der…“





Update

12 11 2012

„… habe proklamiert, die SPD fit zu machen für die neuerliche Regierungsverantwortung, die auf mehr Kompetenz beruhe, auf Modernität und – wenn sich die Delegierten auf eine Definition verständigten – Bestandteile von sozialdemokratischer…“

„… sei auch wissenschaftlich bestätigt, dass es in Deutschland Personen gebe, die weder im Beamtenstatus noch als Pensionäre…“

„… könnten Teile der Parteispitze inzwischen nachvollziehen, dass es einen Unterschied zwischen Diäten und Hartz IV gebe. Bisher sei das Gremium davon ausgegangen, dass sich Arbeitslose vorwiegend durch Vorträge bei den Bochumer Stadtwerken ein Zubrot…“

„… dürfte man die Lebensleistung der Sozialdemokratie durchaus als Modernisierung des Kapitalismus bezeichnen. Steinbrück sei von der Perspektive angetan gewesen; er wolle im Falle einer Kanzlerschaft den Kapitalismus übernehmen, die Modernisierung könne man der Union für deren weitere politische Tätigkeit ab 2017…“

„… für eine Zusammenarbeit mit der Linken nicht eigne. Bisher habe die Suche in der SPD keine Person finden können, die Marx wenigstens in einem original verschweißten Schutzumschlag…“

„… von einer behutsamen Modernisierung keine Rede sein könne. Der Bundesvorstand lote gerade aus, ob der Fachausdruck ‚Update‘ bei den Wählern bekannt genug sei, um ihn für die…“

„… nur ein Linksruck möglich. Gabriel habe die Vision eines demokratischen Sozialismus als nicht machbar bezeichnet, da sie in der DDR nicht funktioniert habe. Man wolle den Sozialismus nicht zwangsläufig aufgeben, könne sich aber vorstellen, an der Demokratie gewisse Abstriche zu machen, falls es der Regierungsfähigkeit der SPD…“

„… zur Mäßigung aufrufen. Die SPD bleibe eine dem Internationalismus verpflichtete Partei, die jedoch Einwanderung und Asylmissbrauch nur da dulde, wo sie den Fachkräftemangel…“

„… sich auch keinesfalls mit den Piraten zu befassen, da diese kein Parteiprogramm besäßen, das so nicht durchsetzbar wäre, da es größtenteils auf Kernforderungen der Sozialdemokratie…“

„… gerade in der Krise der enge Kontakt zur Wirtschaft, insbesondere zur Finanzindustrie. Man könne so in der Regierung neue Krisen nicht schneller ausmachen, eventuell jedoch günstigere Konditionen für eine neuerliche Rettung der Banken…“

„… vor allem deshalb nicht mit der Linken zu regieren, da diese Mindestlöhne einführen könnte, die zuvor im sozialdemokratischen Wahlkampf als unabdingbare Forderung an die Wirtschaft…“

„… bestehe allerdings nach Auskunft des Bundesvorstandes nicht die Absicht, Schmidt als Regierungsberater ins Kanzleramt zu…“

„… habe Schwesig davor gewarnt, die Renten- und Bildungskonzepte der Union als nicht machbar zu bezeichnen. Sie seien nicht machbar, doch müsse man sich für den Fall einer nicht geplanten Regierungsübernahme eine Lösung der drängenden sozialen Fragen…“

„… bedürfe es auch bei der Energiewende einer entschlosseneren Politik als in der Union. Worin diese bestehe, könne derzeit noch nicht gesagt werden, es bestehe jedoch Einigkeit, dass es Beratungen geben solle, die zu einer Findungskommission führen könnten, die noch innerhalb der kommenden Legislatur…“

„… müsse man auch in der Regierung an der Rettung des Euro beteiligt bleiben, obwohl man bisher Merkels Pläne zur Krisenbewältigung im Bundestag zugestimmt…“

„… wolle man Waffengeschäfte künftig nicht mehr offen kritisieren, wenn sie zur Steigerung des Bruttoinlandsprodukts…“

„… sei als Rechtspopulismus zu bezeichnen. Steinmeier habe daher mit Sarrazin…“

„… sich auch medial viel moderner zu geben. Der Kanzlerkandidat habe jedoch darauf bestanden, nur in diesem deutschen Interweb zu…“

„… zur sorgfältigen Abwägung gelangen. Die Partei sei einerseits für einen Schutz der Bürgerrechte, andererseits müsse dies aber in einem maßvollen Rahmen geschehen, so dass die Arbeitsplätze in der Sicherheitsindustrie nicht… “

„… für mehr Lebensbereiche zuzulassen. So fordere Steinbrück die Offenlegung aller Nebenverdienste, wo etwa Arbeitslose oder prekär Beschäftigte durch ihre Buchhonorare in der Einkommensteuererklärung zu erheblich…“

„… eine Neudefinition als bürgerliche Gesellschaft in einem sozialen und/oder demokratischen Kapitalismus. Steinbrück habe seine Zweifel daran geäußert, ob die Finanzbranche ihm dies als marktkonform…“

„… bisher nicht geplant, Gauck den Eintritt in die SPD durch Vergünstigungen oder eine zweite Amtszeit zu…“

„… die Leistung der Sozialdemokratie, unter historischen Gesichtspunkten vor allem für eine Kontinuität zu sorgen, die an die bisherigen gesellschaftlichen Vorstellungen anknüpfe. Gabriel sehe dies allerdings nicht als positiv, da zu viele sozialdemokratische Traditionen…“

„… wolle man Abstand nehmen von den Ideen Hayeks, die Beamten vom Wahlrecht ausschlössen. Bei Arbeitslosen und Rentnern könne man dies jedoch im Falle einer Koalition mit der FDP noch einmal neu zur Diskussion…“

„… vorsichtshalber Willy Brandt aus dem Foyer der Parteizentrale zu…“





Crashkurs

31 05 2012

„Lassen Sie es bitte wie einen Unfall aussehen. Das würde uns der Wähler noch am ehesten abnehmen. Einfach so ein – Sie wissen schon. Ein dummer Zufall. Verkettung unglücklicher Umstände. Das reine Pech. Unfall eben. Hauptsache, wir kriegen sie alle drei von der Backe, Steinmeier, Steinbrück und Gabriel. Sonst ist die SPD geliefert.

Nein, definitiv nicht. Wir wollen nicht Kanzler werden. Merkel macht das mit dem Euro gerade so schön, und alles außer Opposition ist doch Mist. Warum sollten wir jetzt wieder mit der Arbeit anfangen? Stellen Sie sich mal vor, der Kanzlerin würde kurz vor der Wahl ein Ziegelstein auf den Kopf fallen. Dann wäre die CDU geliefert. Die wären aber so was von am Ende – und wir erst!

Nein, lassen Sie es wie einen Unfall aussehen. Egal, was Sie machen, wir dürfen gar nicht erst in die Nähe der Kanzlerschaft kommen. Stellen Sie sich nur mal vor: das Gerede von Mindestlohn und Verbesserung des Arbeitslosengeldes und mehr Chancengleichheit für Frauen und Bildung und Kitaplätze und Energiewende und dann auch noch die Krankenkassen – sind wir denn bescheuert!? Das können Sie doch nicht ernsthaft wollen, dass wir diesen ganzen Kram, den wir seit drei Jahren verlangen, jetzt auch noch selbst machen würden?

Die letzte große Koalition hat doch schon ganz prima geklappt, da muss man doch nicht wieder das mit der Regierung anfangen. Wir sind doch inzwischen gut eingespielt – Gabriel macht den Umweltminister, Steinmeier darf Vize, das war ja ganz nett beim letzten Mal, und Steinbrück geben wir irgendwas, wo man nicht zu rechen braucht. Und schlimmer als dieser Saftladen mit der FDP kann’s doch gar nicht werden. Meinen Sie nicht?

Busunfall wäre vielleicht etwas. Wir machen so eine Troika-Tour, so wie damals mit Lafontaine und Scharping, die sind dann ja auch ziemlich schnell – nein, wir sollten sie diesmal gleich direkt erledigen. Großer Parteitagsauftritt, etwas durch die Provinz zotteln, und bäm! ist der Bus weg. Leitplanke, Geisterfahrer, Brandsatz. Gibt natürlich eine super Legende. Und eine astreine Verschwörungstheorie. Davon zehren wir dann für die nächsten – Sie meinen, der Mitleidseffekt könnte uns aus Versehen zum Sieg verhelfen? Au Backe!

Weil sie verbraucht sind? Meine Güte, seit wann ist das ein Kriterium? Die Merkel ist so verbraucht, die könnten Sie in der Asse einlagern. Deshalb wird die Frau trotzdem wiedergewählt. Und bevor wir die Nahles aufstellen, lösen wir die Partei lieber gleich auf.

Herzanfall? Gabriel ist zwar dick, aber gleich ein Herzanfall? Ach so. Ja, aber ich glaube nicht, dass er sich gleich so aufregt. Da müssten Sie schon andere Kaliber auffahren. Pofalla als persönlicher Referent. Oder Schröder als Kanzleramtsministerin. Dann haben Sie den innerhalb von drei Tagen in der Nähe einer Hirnembolie. Aber wir wollen ja, dass er gar nicht erst Kanzler wird.

Bei Steinmeier stelle ich mir das am leichtesten vor. Der ist momentan entschleunigt, der bleibt irgendwann ganz von selbst in der Gegend stehen. Dann sucht er in der Hosentasche nach einer Sonntagsrede, weil er sich immer noch für den Außenminister hält, und dann können Sie ihn einfach über irgendeine Brüstung kippen. Das kriegt der gar nicht mit. Der Mann ist trainiert, der ist alter Sozialdemokrat – der merkt keinen Aufprall mehr.

Steinbrück könnten Sie notfalls in irgendeiner Talkshow vergessen. Der sitzt da und wartet, bis er abgeholt wird. Andererseits, so als Opfer auf der Schlachtbank? Wir lassen ihn noch mal öffentlich seine Märchen über die Hypo Real Estate erzählen und dass Deutschland völlig immun sei gegen die Krise. Die Leute werden ihn hinrichten.

Das Problem ist ja nicht der Wähler. Ach was, der doch nicht! Die Leute können doch wählen, was sie wollen. Ist doch zumindest auch noch legal, oder habe ich etwas verpasst? Das Problem ist die Basis. Es ist ja okay, dass die Parteibasis der Führung absolute Inkompetenz attestiert und Verlogenheit und Intransparenz und Missachtung selbst geringster demokratischer Gepflogenheiten. Alles in Ordnung. Das machen die immer. Aber das geht doch erst, wenn die Wahl schon gelaufen ist! Wir können ja nicht schon vorher der Parteibasis klarmachen, dass sie uns vollkommen… Gut, wieso eigentlich nicht?

Die drei aufeinander loslassen? Hm, schwierig. Immerhin können sie nicht zusammenarbeiten, es sei denn, sie haben jemanden, der ihnen sagt, was sie zu tun haben – noch ein Grund für eine große Koalition.

Also ein Neuanfang? Was können wir denn da noch bieten? Es muss doch glaubwürdig sein und wenigstens halbwegs bodenständig. Wissen Sie, was ich meine? Und das ginge wirklich? Eine Frau, die bei der Basis über Rückhalt verfügt und nicht diese Machthaltung hat? So eine, die wirklich für die Partei steht und das beim Wähler auch noch glaubwürdig kommunizieren kann? Und dann auch diese Kombination aus Charisma und Kompetenz? Eine Kanzlerin, die zeigt, dass Sozialdemokratie mehr ist als diese joviale Arroganz der Herrenriege aus Wahlverlierern und Ex-Ministern? Das geht? Nahles!? Ich sagte doch, es soll nur wie ein Unfall aussehen!“





Vergebens

26 09 2011

„Wir bringen uns schon mal in Stellung, falls es ernst wird. Man weiß ja nie, ob die Regierung die nächsten drei Tage übersteht, da muss man dann schnell reagieren können. Und seitdem der Papst hier war, wissen wir auch endlich, wie wir das alles hinkriegen. Wir vergeben uns. Das klappt immer.

Ja, Sie haben richtig gehört. Wir vergeben uns. Die Sozialdemokraten haben offiziell beschlossen, sich ihre Sünden und Verfehlungen zu vergeben. Ein Akt der christlichen Nächstenliebe. Gut, normalerweise vergibt sich die Partei sonst nichts, aber wir wollen mal nicht so sein. Schließlich geht es diesmal um etwas. Noch eine Legislaturperiode ohne Kanzler, dann kommen die Grünen wieder auf die Beine und wir müssen uns mit Künast als Spitzenkandidatin herumschlagen – das werden Sie doch nicht ernsthaft wollen?

Ablasshandel, das halte ich jetzt nicht für den richtigen Begriff. Das klingt so negativ. Wir haben uns entschlossen, Buße zu tun. Zunächst einmal durch ein vollkommen anderes Auftreten – nicht mehr diese fürchterlichen Selbstzweifel, die einen zerknirscht und angstbeladen erscheinen lassen und völlig regierungsunfähig, nein, wir stehen jetzt zu unseren Sünden. Ja, wir haben viel falsch gemacht. Und deshalb können wir auch selbstbewusst sagen, dass ab jetzt alles richtig ist. Weil wir ja unsere alten moralischen Maßstäbe nicht mehr beachten. Eine Vergebensstrategie – klingt cool, oder?

Es muss mehr Offenheit herrschen im Kontakt mit den Gläubigen, mit den Wählern, wollte ich sagen. Es muss wieder eine ganz klare Haltung her, die uns abhebt von der jetzigen Regierung – die Kanzlerin kommuniziert einfach falsch mit den Bürgerinnen und Bürgern, und dabei kommt ja auch nichts raus als lauter Chaos und Verwirrung. Daher haben wir Sozialdemokraten uns entschlossen, gar nichts mehr zu erklären. Toll, oder? Wir führen damit auch offiziell die Trennung von Kirche und Staat durch – wir, das ist die Kirche, und der Staat kann machen, was er will.

Dass wir jetzt Abgeordnetenbestechung strafbar machen wollen, das passt doch voll in dieses neue Profil, oder? Klar, wollten wir schon immer. Genau wie den Mindestlohn oder einen Truppenabzug aus Afghanistan. Das war immer sozialdemokratisches Kernanliegen! Wir konnten das nur nicht so zeigen, weil wir bis 2009 so wahnsinnig viel mit Regieren beschäftigt waren, da sind wir zu nichts gekommen. Und jetzt, wo wir die nächste Kanzlerschaft schon so gut wie sicher haben, da wollen wir jetzt auch gestalten. Weil wir die SPD sind, und wir sind ja eine klassische Dafür-Partei.

Das müssen Sie jetzt auch unter dem Gesichtspunkt der tätigen Reue sehen. Wir haben der Vorratsdatenspeicherung zugestimmt, aber das heißt ja nicht, dass wir das jetzt auch tun würden. Ganz sicher nicht. Wir sind ja eine klassische Dagegen-Partei. Nein, wir würden im Falle einer Regierungsübernahme nur ganz einfach eine neue Form von anlassloser Datensammlung planen, da das einfach zu unserem Profil gehört. Das erwartet ein Teil der Wähler. Das erwarten natürlich auch unsere politischen Gegner – und glauben Sie, dass wir denen in Nächstenliebe begegnen könnten, wenn wir ihnen einfach ihr Feindbild wegnähmen? Wie sollen die denn Petitionen einreichen und vors Bundesverfassungsgericht ziehen ohne uns? Wie sollen die denn demonstrieren? Sie müssen die SPD doch auch mal gesamtgesellschaftlichen sehen, wir können doch nicht einfach so machen, was wir für richtig halten! So ein dogmatisches Gebäude, das können Sie doch nicht einfach in drei Tagen abreißen und neu bauen!

Es gibt immer ein paar Mysterien, die Sie nicht rational begreifen werden. Den elektronischen Personalausweis und die Terrorgesetze kann man nicht vernünftig erklären. Glauben Sie einfach dran. Ist im Zweifel sowieso besser, weil Sie sonst dran glauben müssen.

Natürlich kann das auch problematisch werden. Schauen Sie, die Glaubensgrundsätze können wir nicht von heute auf morgen vom Tisch wischen. Wir müssen an den Hartz-Gesetzen festhalten, weil wir ja wissen, dass ein bisschen Druck, ein bissel Repression die Menschen erst gefügig macht. Wenn man Ihnen nicht regelmäßig erzählt, wie schlimm es in der Hölle ist, würden Sie dann noch in die Kirche laufen? Na, sehen Sie! Und wenn wir nicht mit einer parteipolitisch ausgewogenen Lohn- und Arbeitsmarktpolitik den Leute klarmachen, dass das Lohnabstandsgebot für die deutsche Wirtschaft, also für uns alle gut ist, dann werden Sie als Arbeitnehmer sicher doppelt so freudig einem sittlich einwandfreien Lebenswandel nachgehen.

Klar, für die Aufstocker ist das hart. Aber wenn Sie es mal unter der historischen Perspektive sehen, was wäre eine große Bewegung ohne Märtyrer?

Befreiungstheologische Momente werden wir wahrscheinlich auch irgendwo mit aufnehmen, ja. Irgendwie müsste man sich ja auch mal erneuern und ein bisschen modernen Geist atmen. Ob wir in unseren Wahlkampfreden vielleicht immer mal wieder Internet sagen? Ich meine, wir müssen ja nicht gleich Internet gucken wie die Grünen, es reicht doch, wenn wir darüber sprechen. Meinen Sie nicht, dass unser netztheologisches, -politisches natürlich, dass das Profil dadurch besser würde?

Das wird sich zeigen. Bis jetzt haben wir noch immer alle unangenehmen Sachen aufgeklärt in der sozialdeko… ’tschuldigung: sozialdemokratischen Partei, auch die Verfehlungen, die zu massenhaften Austritten und Glaubwürdigkeitsverlust geführt haben. Da, wo wir große Probleme haben, unsere Wähler noch in Gnade und Barmherzigkeit zu begegnen. Es gibt in unseren Reihen ja durchaus einige, die es uns schwer machen, bei denen auch kein Erneuerungsprozess hilft, weil sie einfach zu schwere Schuld auf sich geladen haben. Wir dürfen sie nicht einfach weiter irren lassen, das wäre für uns alle nicht gut, verstehen Sie? Wenn man Ketzer wie Sarrazin und Edathy nicht in die Gemeinschaft zurückholen kann, dann muss man offensiv ein Zeichen setzen dagegen. Frau Nahles hat sich daher bereiterklärt, nächste Woche eine Viertelstunde lang ganz böse zu sein auf Helmut Schmidt. Das wird uns bestimmt spirituell viel reifer machen. Oder so.

Also, was halten Sie davon? Glauben Sie nicht auch, dass St. Peer uns alle retten wird? Na, dann werden Sie mal schön selig.“