Inflationsausgleich

8 11 2011

„Einfach, niedrig und – hier, na! jetzt sag schon! Gerecht, genau! gerecht! Gerecht soll das sein, war mir nur nicht gleich eingefallen. Das kommt daher, dass wir in letzter Zeit eben nichts Gerechtes mehr auf der Liste hatten. Darum muss man sich ja auch nicht mehr kümmern. Deshalb würde ich jetzt auch nicht die Steuersenkungen so betonen, das wäre möglicherweise übertrieben. Nennen wir es eine Art vorsichtige Anerkennung des Zustandes unter gleichzeitiger Berücksichtigung der Realität.

Weil eine Steuersenkung durchaus geht – wenn die Steuereinnahmeprognose tatsächlich so stimmt, hieße das, dass wir viel zu viel Steuern einnehmen, und dann könnten wir die Einnahmen auch wieder ausgeben. Die könnten wir dann verteilen, richtig? Als Ausgleich für die Einnahmen. Weil die ja in den vergangenen Jahren während der Krise erheblich gefallen sind und weniger als die Inflation eingebracht haben, deshalb müssen wir jetzt, wo wir weniger einnehmen, auch mehr ausgeben – das ist der Inflationsausgleich, verstehen Sie?

Für die unteren Einkommen ergeben sich jetzt natürlich ganz neue Spielräume. Ist ja klar, dass wir unsere eigenen Erfolge in der Wirtschafts- und Finanzpolitik mit den Bürgern teilen wollen. Das verstehen wir unter Steuergerechtigkeit: wenn der Staat sich gegen die Wand steuert, dann soll es den Bürgern im Land nicht besser gehen müssen. Also nicht besser als nötig. Dafür arbeiten wir ja. Und dafür arbeitet dann auch der Bürger. Wenn er denn Arbeit haben sollte. Und mit den Spielräumen, die wir ihm lassen, können die Bürger sich jetzt auch ganz neue Sachen nicht leisten.

Das ist eine Art Drauffeile. Wenn’s nicht passt, wird unten noch ein bisschen angesetzt. Beispiel Einstiegssatz, wenn Sie bisher keine Steuern gezahlt haben, haben wir die Steuersätze so an, dass Sie auch in Zukunft keine Steuern zahlen werden. Das nenne ich einfach, niedrig und gerecht. Ja, das nenne ich gerecht – gerade unsere liberalen Partner sind ja der Meinung, aus Gründen der Gerechtigkeit niemanden zu besteuern, der vorher keine Steuern gezahlt hat. Vorwiegend handelt es sich da um den Bereich der Leistungsträger, denn die haben ja Steuersätze, bei denen sich das Nichtzahlen überhaupt erst lohnt. Finden Sie das denn nicht auch großartig, dass wir unsere Spitzenverdiener mit einfachen Mitteln dazu bringen können, durch Nichtstun für finanzielle Gerechtigkeit zu sorgen? Für Lastenausgleich, der gerecht verteilt wird unter den Bürgern? Doch, das ist gerecht. Die einen kriegen die Lasten, die anderen den Ausgleich.

Oder nehmen Sie die Vergünstigungen bei den Freibeträgen. Die waren auch vorher nicht da, und da hat sich nicht viel geändert. Das ist das Einfache in der einfachen, niedrigen und gerechten Reform, verstehen Sie? Wenn sich so wenig wie möglich ändert, dann hat der Bürger auch die Sicherheit. Und wir haben die Sicherheit. Vor den Bürgern. Und von diesen zwei Milliarden Euro, die die Änderungen im Tarif ergeben werden, kann man ja eine gewisse Veränderung bezahlen, oder? Also nicht unsere, das dürfen Sie jetzt nicht erwarten.

Gut, den Grundfreibetrag hätten wir sowieso irgendwann erhöhen müssen, weil das so eine verfassungsrechtliche Vorgabe ist. Und es ist doch ganz schön, wenn das jetzt wir machen und nicht die nächste, ganz bestimmt auch bürgerlich-liberale Bundesregierung. Nein, wir wollten in dieser Legislaturperiode mal etwas Verfassungskonformes machen. Denn dass wir nachhaltig wirtschaften, das muss uns jetzt vor allen Dingen leiten. Die Opposition fordert ja, dass wir die Mehreinnahmen zum Schuldenabbau einsetzen, und da haben die auch ganz Recht. Wir werden mit der Entlastung von zehn Euro pro Monat ganz klar für eine weitere Steigerung des Aufschwungs sorgen, wie wir ja auch bisher den Aufschwung nur gehabt haben, weil sich alle auf die Entlastung gefreut hatten. Und dann haben wir sicherlich einen so großen Aufschwung, dass wir nachhaltig sind – das heißt, wie Sie an unseren jetzigen Plänen zur Entlastung sehen, wird es in Zukunft genug Schulden geben, die man abbauen kann, und deshalb nennen wir das auch eine besonders nachhaltige Finanzierung.

Weil wir ja an den Sozialleistungen jetzt nicht viel machen können. Das wäre entschieden zu teuer. Die Steuereinnahmeprognosen sind ja eher nicht so günstig, also werden wir da an den Sozialleistungen doch einiges machen müssen. Denn Sie wissen ja, wenn die Steuereinnahmen steigen, haben wir nicht mehr Geld zur Verfügung. Uns fehlt nur weniger.

Wenn Sie sich das einmal durchrechnen, welche Spielräume eröffnet werden fürs Betreuungsgeld, das macht natürlich noch einmal eine besondere Sparmaßnahme aus. Sie sehen, die Steuern, die die unteren Einkommen nicht bezahlen, die sparen sie auch nicht und müssen davon auch keine Kinder kriegen, und deshalb müssen wir denen kein Betreuungsgeld zahlen und kein Kindergeld und kein Elterngeld, und was das die Regierung bei den kleinen Gehältern alles spart – das ist unsere Form der Solidarität, dass gerade die Geringverdiener damit zur Entlastung der Leistungsträger in dieser Gesellschaft beitragen dürfen. Die Mittelschicht, die kann diese Steuerentlastungen ja auch brauchen. Das Geld geht drauf für die Demenzkrankenpflege, und dass Sie sich die jetzt leisten dürfen, ist doch ein toller Service von Ihrer FDP. Also nicht direkt von der FDP, aber die Versicherungen, die die private Pflege, für die Sie Renditen, Sie verstehen das schon, und deshalb muss das auch. Weil das einfach niedrig ist. Und gerecht. Und deshalb ist dies Konjunkturprogramm für die Versicherungen auch mittelbar eine Entlastung der Bürger, zumindest der Spitzenmanager, die sich immer noch nicht davon abhalten lassen, ihre Gehälter in Deutschland zu versteuern oder wenigstens da, wo Steuerhinterzieher ausgeliefert werden.

Wir mussten da jetzt einfach mal ein paar neue Akzente setzen, damit die Bundesregierung mit anderen Projekten in die Schlagzeilen gerät. Weil das mit den Steuersenkungen ja zwei Jahre lang inflationär gebraucht wurde. Betrachten Sie die jetzige Regelung also als Inflationsausgleich.“





Im Anfang war das Wort

24 10 2011

„Können wir das endlich mal beenden? Ich kann diesen ganzen Mist nicht mehr hören!“ „Aber wir wollten in dieser Legislaturperiode…“ „Schluss jetzt! Mir platzt gleich der Kragen!“ „… doch noch eine…“ „Wenn Sie das Wort sagen, dann setzt es was!“ „Wir müssen doch aber etwas machen, die Bürgerinnen und Bürger haben doch die Regierung gewählt dafür, dass da etwas passiert!“ „Haben die Ihren laden auch für das gewählt, was Sie ansonsten fabriziert haben? Na!?“

„Aber jetzt schauen Sie doch mal: die kleinen Einkommen müssen doch…“ „Ich sagte: Schluss! Ich will nichts mehr zu dem Thema hören, ist das angekommen?“ „Sie missverstehen: wir wollen doch bloß Gerechtigkeit. Einen sozialen Ausgleich. Eine Weiterentwicklung der sozialen Perspektive im Konzept des mitfühlenden Liberalismus.“ „Warum nehme ich Ihnen das nicht ab?“ „Sie müssen gar nicht so hochnäsig sein, wir sind uns dessen bewusst, dass wir die Leistungsträger dieser Gesellschaft motivieren müssen, dass wir Anreize schaffen müssen, um mehr Wachstum in diesem Land zu bekommen. Und darum führt auch kein Weg vorbei an einer Senkung…“ „Ich will das nicht hören!“ „Es führt kein Weg daran vorbei, nehmen Sie das doch endlich einmal zur Kenntnis. Wenn die Arbeitnehmer in Deutschland nicht endlich in den steuerlichen…“ „Das Wort! ich will das verdammte Wort nicht mehr hören! Ist das jetzt endlich klar!?“

„Gut, anders: es bedarf einer neuen Gewichtung bei den Bundesfinanzen. Eine Angleichung. Eine mitfühlende Restrukturierung.“ „Kommen Sie zum Punkt, Mann.“ „Der Solidaritätszuschlag gehört auf den Prüfstand. Wir müssen in diesen Tagen auch gezielt prüfen, ob die…“ „Sie wollen mal wieder den Soli abschaffen, richtig?“ „Nein, nur die Freibeträge erhöhen.“ „Also Sie wollen ihn gefühlt abschaffen. Schon klar.“ „Das ist doch jetzt, nach der geistig-politischen Einheit, eine Tat der Zeit, die sich fast wie eine Senkung…“ „Sie sollen dieses verdammte Wort nicht in den Mund nehmen!“ „… der Belastungen in den Haushalten der Bürgerinnen und Bürger in den alten und neuen Ländern unserer Bundesrepublik…“ „Schluss jetzt mit dem Gefasel! Sie wollen doch nur wieder Verschleiern, dass Sie nichts zu bieten haben.“ „Aber diese Entlastung wirkt sich unmittelbar auf die Mittelschicht aus. Und wir können sogar bei den kleinen Einkommen eine positive Wirkung sehen, die sich als Anreiz für mehr…“ „Wen genau halten Sie eigentlich für blöd? Die kleinen und mittleren Einkommen sind doch längst unterhalb dieser Freibeträge – in der unteren Hälfte ist das nichts anderes als einer der schmierigsten Versuche von Symbolpolitik, den Sie sich jemals geleistet haben, und in der oberen ist es wieder einmal ein hübsch verpacktes Geschenk an Besserverdienende.“ „Sie müssen aber zugeben, wir haben uns mit der Symbolwirkung diesmal ganz besonders viel Mühe gegeben – wer das nicht weiß, würde von alleine nie darauf kommen!“

„Dann sollten wir wieder zu den wichtigeren Fragen der Tagespolitik übergehen: es stehen in den kommenden Wochen einige Entscheidungen an, die die Eurokrise beeinflussen werden.“ „Da hätten wir auch noch eine Maßnahme. Und zwar sollten wir die Ermäßigung der steuerlichen…“ „Aus!“ „Ich meine, wir sollten eine Anpassung vornehmen bei den…“ „Ich hatte Ihnen gesagt, ich will das nicht mehr hören!“ „Aber der Bürger muss doch in seiner Daseinsvorsorge wieder mehr Sicherheit haben.“ „Und deshalb wählt er eine Heißluftmannschaft wie Ihre?“ „Es geht uns doch nicht primär um eine Absenkung der…“ „Fangen Sie schon wieder damit an?“ „Jetzt lassen Sie mich doch mal ausreden! Es liegt am – nicht unterbrechen! – Binnenkonsum, wir müssen dafür sorgen, dass wir eine gemeinsame Lösung erarbeiten.“ „Das hört sich fast an, als ob die Kanzlerin etwas damit zu tun hätte.“ „Es liegt ja im Grunde an den strukturellen Verfehlungen. Eine wirkliche Erleichterung für den Bürger kann es nur geben, wenn wir bei den Steuern…“ „Sie kriegen gleich an den Hals!“ „… einen Stufentarif einführen und damit die kalte Progression bekämpfen.“ „Sehr komisch.“ „Was finden Sie daran komisch? Wir sind auf einem guten Weg.“ „Fragt sich nur, wohin. Mit dem Stufentarif bewirken Sie nominell weniger als die rot-grüne Reform, und für die kleinen Einkommen ist der Anstieg des Steuersatzes sogar steiler – wieder nur eine Umverteilung von unten nach oben.“ „Das müssen wir in Kauf nehmen.“ „Und dann wollen Sie mit den Gewerkschaften neue Tarifverträge aushandeln?“ „Hatten wir nicht vor.“ „Aber Ihre Rechnung geht doch nur auf, wenn Löhne und Gehälter über den Inflationsausgleich hinaus steigen.“ „Das ist Sache der Wirtschaft, wir können schließlich der Wirtschaft nicht sagen, wie sie zu reagieren hat.“ „Sie kann also nicht?“ „Wie denn? Wir haben gerade Aufschwung, schauen Sie mal: so viele neue Jobs, so viele neue Gehälter, die gezahlt werden müssen, teilweise bekommen die Leute ja nicht einmal mehr Hartz IV nebenher, die Banken, der Bund, die allgemeine Unsicherheit, der Aufschwung ist einfach noch nicht in der Wirtschaft angekommen.“ „Was für ein Blödsinn.“ „Ja, nicht wahr? Und deshalb müssen wir jetzt einen Anreiz schaffen für die Wirtschaft, wenn sie wegen der geretteten Banken weniger Subventionen bekommt, dass sie die Löhne und Gehälter vielleicht doch erhöht.“ „Wie soll das denn bitte funktionieren? Dazu müsste die Wirtschaft ja höhere Gewinne machen.“ „Richtig – wir brauchen einen Anreiz für die Bürger, auch bei sinkenden Reallöhnen mehr zu arbeiten und die Dividenden zu steigern. Dann haben wir endlich eine Balance erreicht.“ „Und wie wollen Sie das schaffen? Womit wollen Sie den Bürger wieder hinter sich bringen?“ „Nun, ich dachte mir, dass wir durch Steuersenkungen… wo kommt das Messer her? Was wollen Sie mit dem… nehmen Sie das Messer weg, sonst… das Messer weg! Das Messer! Hilfe! Das…“





Durch Mark und Bein

7 07 2011

„Und genau deshalb brauchen wir Steuersenkungen für die obere Hälfte der oberen Mittelschicht. Wir als Liberale tun schließlich etwas für alle Bürger.“ „Das widerspricht sich doch gerade.“ „Tut es nicht, ich habe ja nicht gesagt, dass wir für alle Bürger auch uneingeschränkt Gutes tun müssten. Das ist schon mal ein großer Unterschied, oder?“

„Wenn Sie spitzfindig werden wollen: woher sollen denn die Mittel für Ihre Steuersenkung kommen?“ „Gemach, gemach! Wir haben 2011, da fließt noch viel Wasser die Spree aufwärts, bis wir das alles durchgerechnet haben.“ „Sie meinen, Sie wollen so lange hin- und herrechnen, bis Sie am Ende feststellen, dass es nicht reicht.“ „Es wird reichen. Es muss reichen. Schließlich werden wir als FDP in der Fortsetzung dieser Koalition ab 2013 einen entscheidenden…“ „Veralbern kann ich mich alleine, Herr. Machen Sie den Bürgern lieber jetzt mal klar, warum Sie das Geld den deutschen und französischen Banken in den Rachen stopfen, statt ihnen die Schulden für ihre Kasinospielchen selbst aufs Auge zu drücken.“ „Das wäre aber gar nicht gut für Europa.“ „Wird sich zeigen.“ „Wir wollen doch lieber nichts riskieren, oder? Wir als liberale Partei sind jedenfalls strikt…“ „Das wäre ja mal etwas ganz Neues.“

„Jedenfalls müssen wir jetzt den Niedriglohn- und Arbeitslosigkeitssektor durch flankierende Maßnahmen stützen.“ „Ist aber schlecht für den Euro.“ „Dann können wir nämlich unseren Export stärken und müssen uns um die Binnenkonjunktur gar nicht mehr kümmern.“ „Ist auch schlecht für den Euro. Und für die Binnenkonjunktur.“ „Aber wir können endlich beides haben: Steuersenkungen und, falls dann noch Geld übrig sein sollte, die notwendigen Lohnkürzungen, die wir brauchen, um die Steuern zu senken.“ „Warum Lohnkürzungen?“ „Weil wir die Lohnnebenkosten senken wollen. Lohnnebenkosten sind Lohnkosten, und eine Senkung der Lohnnebenkosten ist eine Senkung der Löhne. Klar?“ „Und das ist eine flankierende Maßnahme für höhere Löhne?“ „Nein, für höhere Spitzeneinkünfte. Was wollen Sie denn bei der miesen Lohnentwicklung noch kürzen, die zahlen ja alle nicht mal Steuern.“

„Warum haben Sie die Bürger nicht in der Krise entlastet, um die Konjunktur zu stützen?“ „Weil wir da das Geld für die armen Banken brauchten.“ „Und jetzt? Wir haben doch Aufschwung.“ „Da gibt’s ja nun wirklich Wichtigeres. Da muss man beispielsweise mal dafür sorgen, dass die Diäten auch erhöht werden können.“ „Warum ausgerechnet jetzt?“ „Weil wir als Liberale – na, Sie wissen doch, wie das ist.“ „Wie was ist?“ „Wenn Sie nicht wissen, ob Sie in den nächsten Jahren noch etwas verdienen werden.“

„Sie meinen also, der einfache Bürger sei eine Gefahr für den Euro?“ „Das würde ich als Liberaler unterschreiben.“ „Wissen Sie, was das Problem daran ist? Dass der einfache Bürger es genau andersherum sieht.“ „Das sei ihm unbenommen. Wir als FDP können jetzt ja auch nicht noch dafür sorgen, dass die Wirtschaft sich um ihren Aufschwung kümmert.“ „Abgesehen von der Finanzindustrie.“ „Selbstredend.“ „Und es wäre auch unmöglich gewesen, innovative Branchen wie die alternative Energieerzeugung zu fördern.“ „Ich frage Sie als Liberaler: haben diese Industriellen uns je mehr gespendet als Aufmerksamkeit?“

„Und wie wollen Sie sich als FDP noch retten mit einer Steuersenkung, die keiner wirklich will?“ „Man darf doch nicht immer nur das tun, was die Bürger wollen.“ „Sondern?“ „Wir als Liberale sind ja eher an den aktuellen Wahltrends interessiert als an den Befindlichkeiten der Wähler.“ „Deshalb haben Sie jetzt eine Steuersenkung beschlossen, von der noch keiner weiß, ob und wann und wie sie tatsächlich kommt.“ „Richtig. Wir als FDP setzen uns mit der großen politischen Linie auseinander, nicht mit den alltäglichen Kleinigkeiten. Das ist die Freiheit des Bürgers, die wir ihm zugestehen. Alles andere wäre schließlich Sozialismus.“ „So ganz haben Sie sich aber immer noch nicht von Ihrem Westerwelle-Trauma erholt, wie mir scheint.“ „Westerwelle war ein hervorragender Parteichef, der durch seine Kompetenz die Erfolge der FDP maßgeblich mitgeprägt hat. Er hat die FDP zu dem gemacht, was sie heute ist.“ „So schlimm?“ „Er war sehr erfolgreich und hat sehr viele Erfolge für die FDP erreicht, da er sehr erfolgreich war.“ „Weshalb er ja auch nicht mehr Vorsitzender ist.“ „Rösler ist ein hervorragender Parteichef, der durch seine Kompetenz die Erfolge der FDP maßgeblich mitprägt.“ „Ich sehe, Sie haben sich mit Ihrem Schicksal abgefunden.“

„Wir als FDP werden die Berechnungen erst dann durchführen, wenn wir seriöse Zahlen haben.“ „Also nie.“ „Nicht ganz. Wir müssen natürlich vor der kommenden Wahl schon irgendetwas machen. Wie mit dem Atomausstiegsausstiegsausstieg. Da ist ja auch etwas passiert.“ „So kann man’s auch ausdrücken. Und Sie sind sich sicher, dass Sie das überleben?“ „Todsicher.“ „Wollen Sie nicht einen Mindestlohn einführen?`Mit den Mehreinnahmen an Lohnsteuer können Sie die Einkommensteuer doch locker um das absenken, was Ihnen heute schon vorschwebt.“ „Besser. Wir senken Sie so.“ „Einfach so?“ „Genau. Und hoffentlich wackelt dann die Binnenkonjunktur.“ „Bitte!?“ „Und wir brauchen auch eine massive Verwerfung in der Schuldenkrise. Aber mit etwas Glück klappt auch das.“ „Sind Sie noch ganz bei Trost? Was haben Sie denn da vor?`“ „Das, mein Guter, ist die geistig-politische Wende, von der Sie so oft gehört haben. Wenn dann der Euro zusammenbricht, erfüllt sich für viele Deutsche ein Wunschtraum: endlich wieder D-Mark.“ „Ich… das…“ „Doch, genau so. Das sichert uns die Sympathien des Volkes. Unsere Wiederwahl dürfte außer Zweifel sein. Und Sie sehen wohl, um eine solche Politik zu machen, die tatsächlich bei allen Bürgern ankommt, braucht es uns. Das sage ich Ihnen als FDP.“





Volkssolidarität

22 03 2010

Der Zug näherte sich dem Auswärtigen Amt. Es mussten eine halbe Million Bürger sein, die sich durch die Hauptstadt wälzten. Obwohl niemand wusste, woher die Menschen kamen, was sie fordern würden oder was sie zu tun entschlossen waren, befand sich der Außenminister in Panik. Zitternd hockte er unter der Tischplatte und schickte seinen Generalsekretär ans Fenster; wozu war er auch Parteivorsitzender.

Allenthalben warfen die Einsatzkräfte wirre Gerüchte in den Raum; hier munkelte man, das Volk fordere Westerwelles Kopf, dort zischelte man bereits argwöhnisch, die aufgebrachte Meute wolle den Zweitkanzler zu Hartz IV auf Lebenszeit verurteilen. In die Menge schießen? Keiner traute sich, den Einsatzbefehl zu geben, als das Volk sich in endloser Schar den Schlossplatz hinabwand und den Staatsrat links liegen ließ. Es strömten immer mehr heran; fluktuierende Scharen erweckten den Eindruck, die Menschen wollten bloß einen Blick auf die Glasfassade des Amtsgebäudes erhaschen und sich dann fortspülen lassen. Erste Pappschilder wurden in die Höhe gehalten, Arme reckten sich, Transparente wuchsen den Bürgern über die Köpfe, und schließlich stieg er, der Anführer der Bewegung auf die mitgeführte Trittleiter und zeigte sich seinen Genossen, anderthalb Meter über dem Grund, der erwerbslose Maschinenschlosser Eduard Korittke, eigens aus Greifswald angereist.

Da flatterten die Spruchbänder im Wind. Planmäßiger Abbau des Sozialismus und Für ein selbstgerechtes Steuersystem. Sie verlangten den Vize zu sehen, der noch immer bangend unter dem Tisch kauerte. Mit Mühe beruhigte Korittke die Werktätigen, die nun lauschten, wie er zu den Beamten am Fenster sprach. „Die deutsche Bevölkerung bittet darum, sofortige Steuersenkung fordern zu dürfen!“ Ein Raunen – schon setzte er wieder an: „Wir würden uns auf einen Kompromiss einlassen und einer Absenkung in drei Stufen zustimmen, wenn…“ „Kommt gar nicht in die Tüte“, schrie eine Stimme aus dem Hintergrund. Auch der Prinz Solms hatte sich zur Besprechung diverser Flugreisen ins Außenministerium begeben. „Wir fordern weiterhin eine Vereinfachung der Einkommenssteuer auf ein dreistufiges Modell, das…“ „Macht Euch doch nicht lächerlich, Ihr Vollidioten“, tönte es zurück. „Was glaubt Ihr, was hier gespielt wird?“ Korittke rang die Hände; fast wäre er vor Enttäuschung von der Trittleiter gekippt. „Aber Sie hatten es uns doch versprochen, ausdrücklich!“ Jetzt hielt es den Kassenwärter nicht mehr zurück, er trat ans Fenster. „Seid Ihr noch ganz bei Trost? Wie soll man das finanzieren?“

Während die Menge langsam zu toben begann – Sprechchöre wie „Guido, Guido, rette unser Vaterland“ oder „Wir tragen Eure Leistung mit“ stiegen zum Hauptstadthimmel empor – überlegte die Parteispitze, die eben noch über die flexible Zweckentfremdung von Diplomatenpässen beratschlagt hatte, was man den Leuten sagen könne, um sie vorübergehend in Schach zu halten. Lindner stellte sich der harrenden Horde, indem er ausrief: „Glaubt Ihnen kein Wort, daran ist nur die Regierung Schuld!“ Es war später nicht mehr herauszufinden, wer ihn gestoßen hatte; der liberale Lautsprecher fiel von der Brüstung.

Dienstbare Geister informierten den Chef von dem Kollateralschaden, doch der ließ sich nicht aus der Weltuntergangsstimmung bringen. In aller Eile briefte man Brüderle, der im Gespräch mit den Unterhändlern den entscheidenden Fehler beging, indem er zugab, dass der Koalitionsvertrag nur deshalb aus unverfänglichem Gewäsch bestand, um sich an nichts halten zu müssen. Es rumorte.

Korittke schwang sich erneut aufs Podestchen und schaltete die Flüstertüte an. „Wir möchten recht gerne ganz entschieden verlangen dürfen, dass es zu keiner kommunistischen Machtübernahme in den Krankenkassen kommt. Weiter will die werktätige Bevölkerung, dass die Lohnnebenkosten“ – ein leichtes Murren ging durch die Menge, da Korittke nicht explizit die Löhne genannt hatte, sondern in seiner notorischen Arbeitnehmerfreundlichkeit immer noch auf dem Arbeitgeberanteil herumritt – „deutlich gesenkt werden, um der Globalisierung auch im Friseurhandwerk, bei Gebäudereinigern und Tagesmüttern zu begegnen.“ Die Stimmung erreichte ihren verzweifelten Höhepunkt, als eine Gruppe junger Gewerkschaftsfunktionäre aus Leibeskräften „Was hat uns zu Sklaven des Systems gemacht? – Der Mindestlohn, der Mindestlohn!“ skandierten, antiphonal hin und her über die Straße.

Hinter der Front des Auswärtigen Amtes diskutierte die Planfindungskommission, ob man dem Pöbel eine höhere Kopfpauschale ohne steuerlich finanzierten Sozialausgleich, die vollständige Streichung des Kindergeldes oder Zwangsarbeit für kinderreiche Familien anbieten sollte, als der Außenminister unter seinem Tisch hervorkroch. Schreckensbleich sahen sie, wie er ans Fenster schritt, sich straffte, den Kopf in den Nacken drückte und in die atemlose Stille hinaus auf den Schwarm sah. Er holte tief Luft und krähte es in die erstaunten Gesichter, Silbe für Silbe heraushämmernd: „Das war vor der Wahl!“

Das Wetter an jenem 8. Mai neigte zu leichten Böen; man beeilte sich, schnell daheim zu sein.





Willkommen in Münchhausen

7 12 2009

„Jawohl, Herr Schäuble. Selbstverständlich, Herr Schäuble. Sicher, Herr Schäuble. Natürlich, das war so angedacht, das wird jetzt auch so durchgezogen. Was das kostet, ist uns vollkommen egal. Aber echt vollkommen! Und was das bringt, ist auch einerlei, glauben Sie’s ruhig, Herr Schäuble!

Klar, wir haben uns das gut überlegt. Das ist erst der Anfang. Haben Sie das durchgerechnet? Ja, sehen wir auch so. Das mit dem Kindergeld sollte eigentlich gar nicht so sein, weil wir dann ja auch wieder mehr Kita-Plätze wegen der gestiegenen Geburtenrate, weil das… Wurfprämie? Nein, das müssen Sie nicht ernst nehmen, Herr Schäuble. Das kam aus dem Familienministerium.

Wegen der Gegenfinanzierung machen Sie sich mal keine Sorgen, die haben wir einkalkuliert. Also jetzt nicht direkt kalkuliert, Herr Schäuble – wir hatten da mal grob überschlagen., was das so in ungefähr kosten würde, wenn man… Selbstredend, Herr Schäuble. Das ist sogar sehr nachhaltig. Wir haben uns mit dem Wirtschaftsminister unterhalten. Der Herr Brüderle meinte, das sei nachhaltig, dann wird’s doch wohl stimmen? Aber wir müssen doch den Einzelhandel vor dem Hungertod bewahren! Und es ist doch auch nur vernünftig – schauen Sie, Herr Schäuble, das Geld, das wir heute einnehmen, das können wir auch nur heute ausgeben, oder? Wenn wir damit bis morgen warten, dann wird doch alles noch viel teurer!

Mit 20 Euro können Sie schon eine Menge anfangen, Herr Schäuble. Schauen Sie, deshalb sorgen wir ja dafür, dass diese verdammten Sozialschmarotzer das Geld gar nicht erst in die Finger kriegen. Wehret den Anfängen! Wenn Sie als Kleinkind für 20 Euro weniger zu fressen haben, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass Sie ein Alter erreichen, in dem Sie für 20 Euro weniger rauchen und saufen, nicht wahr? Genau, Herr Schäuble. Da geben wir’s doch lieber gleich den Reichen.

In den Einzelhandel? Nicht, dass ich wüsste. Die sparen doch lieber, Herr Schäuble. Aber das hatten wir durchdacht. Wir müssen doch die nächste Finanzblase bei den Großbanken gegenfinanzieren, die dann 2014… Das wussten Sie nicht? Da hatten wir doch eine konzertierte Aktion, Herr Schäuble. Da waren Sie wirklich nicht dabei? Wirklich nicht? Das ist merkwürdig. Die Frau Bundeskanzlerin vertraut Ihnen doch sonst auch immer?

Dafür sind das aber auch Länderfinanzen, Herr Schäuble. Oder die Gemeinden. Deshalb müssen wir die Mittel ja auch nicht komplett aus dem Bundeshaushalt nehmen. Und deshalb wird das mit der Gegenfinanzierung auch so gut… Das entzieht sich jetzt meiner Kenntnis, Herr Schäuble. Sicher ist nur, dass die Liberalen auf kommunaler Ebene nichts zu melden haben in Deutschland. Auf Landesebene sieht es annähernd ähnlich aus. Da kann der Herr Westerwelle natürlich gut große Töne spucken, weil er es ja nicht abkriegt, wenn auf Kommunalebene an der Bildung gespart werden… Meinen Sie, Herr Schäuble? Na, wenn er dann auf Bundesebene abgestraft wird, das kommt doch der Union auch zugute, weil dann die Wähler nicht mehr FDP, sondern wieder direkt CDU wählen. Ja, nicht wahr? Stellen Sie sich vor, wenn alle die, die es dem Westerwelle jetzt übel nehmen, dass er das Volk so schamlos… Ach wo. Bei der CDU ist das nicht so schlimm. Das erwartet der Wähler.

Wir hatten das Problem schon erkannt, weil die Frau Bundeskanzlerin eine gemeinsame Lösung angemahnt hatte – aber machen Sie das mal, Herr Schäuble! Klar, das mit der Anrechnung auf die Transferleistungen ist natürlich eine tolle Sache, aber wie machen wir das bei denen, die immer noch nicht arbeitslos sind? Nein, Herr Schäuble, zu unsicher. Es gibt ja Leute, die haben gar kein Auto, wo wollen Sie denn da mit der Steuererhöhung ansetzen? Mehrwertsteuer? Die hatten wir doch schon einmal nicht erhöht?

Das mit dem eigenen Zopf – das soll angeblich doch möglich sein. Also physikalisch. Sagt die Frau Merkel. Und von Physik versteht sie ja doch eine ganze Menge. Sagt sie. Ja.

Das sagen Sie so einfach, Herr Schäuble. Fakt ist doch, dass die Hotelübernachtungen nur deshalb für Privatleute preiswerter werden können, weil die für Geschäftskunden nicht preiswerter werden. Nein, das stimmt. Da werden sie teurer, weil man jetzt bei gleichen Kosten weniger Mehrwertsteuer beim Vorabzug geltend machen kann. Man müsste da als Ergänzung zur Vereinfachung des ganzen Steuersystems natürlich noch eine Ausnahme im Steuerrecht einrichten – doch, Herr Schäuble, das geht. Natürlich geht das! Das Rechte-Tasche-rein-linke-Tasche-raus-Prinzip ist in der Fiskalpolitik durchaus gängige Praxis, warum sollte es nicht auch bei Verwaltungsmaßnahmen funktionieren? Ja, ich weiß ja, dass Sie das den Bürgerinnen und Bürgern nicht zutrauen, aber glauben Sie mir, Herr Schäuble, nicht jeder ist so lernunfähig wie Sie!

Wir könnten sagen, dass die Reform letztlich wegen der Ministerpräsidenten nichts geworden ist. Genau, Herr Schäuble, wegen der Opposition – welche Opposition? Na, die innerhalb der CDU. Das eine muss das andere mittlerweile ja nicht mehr ausschließen. Genau deshalb machen wir das doch auch mit den Betreuungsgutscheinen – das kostet und kostet, und ich gebe Ihnen da mein Ehrenwort, dass das nichts bringt, Herr Schäuble! Und dann denken Sie vier Jahre weiter – die Wirtschaft im Eimer, die nächste Schuldenblase ist am Platzen, zehn Millionen Arbeitslose. Das muss alles Rot-Rot-Grün ausbaden!“





Milchmädchen

2 12 2009

„Also jetzt hab Dich doch nicht so, das geht aber bestimmt. Natürlich geht das! Das ist doch noch immer… ja, das eine Mal, das war nicht einfach, aber jetzt ist ja sozusagen eine besondere Situation, oder? Na siehste. Da muss man auch mal sehen.

Ich brauche gar nicht so viel. Vielleicht fünfzig oder sechzig für die Hauptkasse. Na, ich muss doch ausgleichen, verstehst Du? Da kommt nämlich jetzt nicht mehr so viel rein, wegen dem… Habe ich Dir nichts gesagt? kein Wort? Na, aber das finde ich skandalös, da hättest Du mich doch mal erinnern müssen! Also echt, schändlich ist das! Wie konntest Du nur! Also fünfundsiebzig, mehr aber auf gar keinen Fall. Und da ist natürlich die Pacht für den Gemüsegarten schon drin. Na, das kleine Gärtchen in der Wilhelmstraße, Du weißt doch – haben jetzt aber alle, und da spart man im Jahr… aber höchstens zwanzig. Na gut, letzten Monat waren es fünfundzwanzig. Ja. Ja doch! Ich wollte es Dir ja auch sagen, aber dann habe ich es aus der Kleiderkasse genommen, die andere Hälfte ist aus dem Urlaubsgeld. Also jeweils dreißig, macht dann zusammen… nur im Mai einmal, und dann von Juni bis Februar, einschließlich, also so viel ist das gar nicht, warte mal eben, das sind… zehnmal fünfzig sind… warte…

Dafür gehe ich doch nicht ans Haushaltsgeld! Aber was denkst Du denn bloß von mir! Meine Güte, das würde ich doch nie machen! Die Kinder müssen ja schließlich satt werden. Bei Tante Klara? Wer? Die alte Bierbaum? Die wird sich wohl versehen haben, die ist doch auch schon… an der Haustür geklingelt? jeden Tag?

Soll ich denn die Kinder verhungern lassen? Eben, dann müssen sie auch… Aber natürlich jeden Tag – sie müssen doch jeden Tag etwas zu essen bekommen, wie stellst Du Dir das denn vor? Nur alle zwei Tage eine warme Mahlzeit? Na, Du bist mir ja ein Herzloser! Merkt man doch gleich, dass Du keine Kinder hast – Unverschämtheit, ich und meine Kinder hungern lassen! Warum gebe ich mich überhaupt ab mit einem solchen Sittenstrolch wie Dir? Das ist doch wohl die Höhe! Woher sollte ich denn bitte das Geld nehmen?

Na, fast geschenkt eben. Fast geschenkt! Hast Du eigentlich eine Ahnung, was so ein Pelzmantel sonst kosten würde? Na siehste – Du hast keine Ahnung, aber ich soll hier angeblich… aber ich bitte Dich, das ist doch aus der Luft gegriffen. Das sind ehrliche Leute, ich kenne doch die Nachbarn, die wohnen schon fast drei Wochen hier gegenüber, und noch nie ist die Polizei bei denen… Gut, aber das hat doch wohl nichts zu bedeuten.

Geh mir doch fort mit Kistlers! Die müssen doch nicht unbedingt… Aber ja doch, natürlich sind das wohlhabende Leute, Kistlers haben sich gerade erst eine neue Küche gekauft und ein neues Schlafzimmer und das Haus und im Urlaub waren sie doch auch. Im Süden, natürlich im Süden, was erzähle ich Dir das eigentlich, natürlich im Süden, man wird doch wohl noch fragen dürfen bei denen? Einer muss doch die Wirtschaft ankurbeln! Ich kann die doch nicht noch länger warten lassen auf die vierhundert – na gut, neunhundertachtzig, aber die Zinsen gehen bestimmt extra.

Ja, seriös! Da muss man auch durchaus ehrbar und gediegen auftreten, sonst verkaufen Sie einem so einen Wagen nie. Meine Güte, ich kann da doch nicht in Lumpen hingehen! Dreihundertdreißig. Aber dafür kann ich’s noch in die Oper tragen. Oder auf dem Ball. Oder in die Oper. Wenn Du mich mal einladen würdest. Aber dann bräuchte ich auch wieder jemanden für die Kinder. Oder wir gehen vielleicht im Winter in Paris, wenn wir sowieso…

Was, zu teuer? Na, wenn die Versicherung aber so viel Geld haben will? Ich kann doch mit dem Auto nicht ohne Versicherung… Davon hat mir der Händler auch kein Wort gesagt. Wie findest Du das? Ja, ich war ganz baff – muss man sich mal vorstellen, die verkaufen da den ganzen Tag lang diese teuren Autos, aber von den Versicherungen haben sie alle keine Ahnung. Darüber müssten die Zeitungen mal etwas schreiben!

Und ob ich gespart habe – da, sieh mal. Vorigen Monat für die Kegelkasse: siebenunddreißig. Diesen Monat nur noch elf. Gut, oder? Ja. Da habe ich natürlich sofort die vorletzte Rate, nein, die vorvorletzte Rate für die Schrankwand bezahlt, also die Rate von vorvorletzten Monat, also: die zwölfhundert, die seit vorvorletzten Monat noch fehlen. Von den siebenunddreißig minus elf, macht nach Adam Riese: dreisechzig. Also jetzt sei nicht pingelig! Bei dem Wetter, und dann trägt ja auch jeder jetzt diese Stiefelchen. Hilde meint, sie kriegt billiger. Und da habe ich drei Paar genommen.

Aber das hatten wir doch längst besprochen! Wenn nun die Kinder ganz unmusikalisch sind, da muss ich ihnen doch später kein Klavier kaufen. Und wenn sie nun gar nicht studieren wollen? Vielleicht können sie es sich ja auch gar nicht mehr leisten, bei den Gebühren im Moment – na, was soll ich dann mit dem ganzen Geld? Doch, das war eine todsichere Sache. Sagte Flädderer auch. Den haben sie aber nicht sofort mitgenommen, der war erst noch ein Vierteljahr beurlaubt. Seine Frau meint, wenn er sich gut aufführt, ist er in zwei Jahren wieder draußen, und wenn man ihm da nichts nachweisen kann, in spätestens sieben Jahren.

Ich mache Dir eben gerne mal eine Freude! Sag doch, wenn Du nichts zum Geburtstag haben willst. Dann schenke ich Dir nichts. Ja, sind wir denn bei armen Leuten? Was Du immer hast – Chaos, Chaos, ich will das hier nicht mehr hören! Wir sind doch nicht im Bundeshaushalt!“





Abgewickelt

27 10 2009

„Hallo, Zentrale? Stellen Sie mich doch jetzt mal in die Chefetage durch, das dauert ja wieder ewig! Arbeitet denn in dem Laden überhaupt noch einer? Hallo! Hallo! Na endlich, Menschenskind, das ist aber auch… Was soll ich denn da sagen, ich telefoniere Ihnen doch schon seit gestern hinterher, nie kriegt man mal einen ans Rohr. Ist doch wahr!

Also das muss ich Ihnen ja mal sagen, also wie Sie da gewirtschaftet haben – sagenhaft, die Karre an die Wand gefahren und dann schmeißen Sie das Geld mit beiden Händen zum Fenster… Jetzt unterbrechen Sie mich nicht, das kann ich gar nicht leiden! Jawohl, zum Fenster raus! Und Sie wundern sich, wenn Sie jetzt rechtliche Schwierigkeiten am Hals haben? Na Prost Mahlzeit, da werde ich doch gleich… Konzept erstellen, neue Impulse, ach hören Sie doch auf mit diesem ganzen Gewäsch. Das glaubt Ihnen doch keine Sau mehr. Sie haben die Leute von vorne bis hinten belogen, so sieht’s doch mal aus! Anstatt, dass Sie an Arbeitsplätze denken, nein, da muss die Dame natürlich auf dem internationalen Parkett… Ihre Aufgabe? Ich will Ihnen mal sagen, was Ihre Aufgabe ist. Ihre Aufgabe ist es, den Laden zusammenzuhalten und eine ordentliche Bilanz zu machen, so! Aber statt mal die Bücher unter die Lupe zu nehmen, warten Sie ja lieber, bis die Hütte brennt, und dann…

Jetzt mal ganz langsam – Sie haben das Geld einfach beiseite geschafft. An der Bilanz vorbei. Jawohl, an der Bilanz vorbei! Und dann immer mal hier und mal da noch in Schnickschnack investiert, aber keine Substanz mehr in der Kiste. Was soll man denn da noch groß sanieren? Da ist doch nichts mehr! Da ist doch einfach nichts mehr!

Stabile Entwicklung, ich bitte Sie, was ist denn heute noch stabil? Das stabilste ist doch Ihr ganzes Krisengejammer, so kriegt man doch keinen Aufschwung hin! Investitionsfreundliches Klima, das ist doch Kokolores, was glauben Sie eigentlich, was der kleine Mann auf der Straße von Ihnen denkt? Sie sind doch längst bankrott, und das wissen Sie genau so gut wie ich. Was reden Sie denn um den heißen Brei herum, das hätte man doch alles schon vor der… Kredit? Sie haben wohl einen Triller unterm Pony! In der Situation auch noch die Schulden vergrößern, wer macht denn so einen Unfug? Für die Wirtschaft? Wie bitte? Was glauben Sie denn, was die Wirtschaft von Ihnen erwartet? Die erwartet, dass Sie sich still und leise zum Sterben in die Ecke legen und uns nicht weiter mit Ihrer Inkompetenz belästigen!

Weil das eben alles von Vorgestern ist! Meine Güte, das ist doch so was von out, was Sie da machen. Haben Sie sich eigentlich schon jemals ernsthaft mit dem Thema Internet befasst? Ach Gott, das ist ja rührend, dass Sie sogar wissen, was ein Browser ist… Also jetzt alles nachmachen, was die anderen schon lange vor Ihnen gemacht haben, das bringt doch auch nichts. Das ist doch bloß Kosmetik. Sie haben eben den Zug der Zeit nicht mitbekommen, die Geschichte ist über Sie hinweg, da kommt auch nichts mehr. Da kommt nichts!

Das verstehen Sie unter sozialer Gerechtigkeit, wenn Sie ein Drittel ersatzlos streichen? Sind Sie denn vom Wahnsinn umzingelt? Damit können Sie sich doch nicht mehr vor Ihre eigene Mannschaft stellen, die werden Sie glatt… Ach, die Leute sind Ihnen egal? Was? Die haben zu kuschen? Das nenne ich mal Verantwortungsbewusstsein – in der Krise mit Geld um sich schmeißen, das dann später fehlt, große Versprechungen machen, dass jeder weiß, Sie können sowieso nichts einhalten, und wenn das Ding platzt, dann dürfen es die kleinen Leute ausbaden, weil Sie gerade keine Lust haben, sich damit zu befassen. Nein, ist es nicht! Ich nenne das Feigheit, damit Sie’s nur wissen! Feigheit, Charakterlosigkeit und Opportunismus! Ihnen kommt es doch gar nicht auf eine Lösung an, Sie wollen doch bloß in die Medien, um ein bisschen über die Probleme zu schwafeln und eine möglichst hübsche Figur zu machen. Was ist denn daran bitte Verantwortung? Das wollen Sie mir doch nicht ernsthaft weismachen!

Vorfinanzierung, das ist doch lächerlich, haben Sie denn eine Glaskugel? Drucken Sie Ihr Geld selbst? Was soll denn eine Vorfinanzierung? Sie können doch aus dem Budget nicht mehr rausholen, als drin ist. Wo nehmen Sie denn das Geld her? Also an das Märchen mit der Portokasse glaube ich ja schon lange nicht mehr, das können Sie Ihrer Großmutter erzählen. Und wenn Ihr Management sowieso der Meinung ist, dass diese ganze Blase platzt, was tricksen Sie denn jetzt noch damit herum? Um die letzte Glaubwürdigkeit auch noch zu verspielen? Wollen Sie das wirklich?

Gehen Sie mir doch ab! Strategische Neuausrichtung, das hat doch noch nie geklappt! Was wollen Sie denn da auch groß ausrichten, der ganze Laden ist doch leer! Da ist doch nichts mehr zu holen! Ja, Öffentlichkeitsarbeit, Bürgernähe – ich will es mal so sagen: der Bürger ist doch inzwischen froh, wenn er mal einen Tag lang nichts von Ihnen mitbekommt. Die Leute können es doch nicht mehr hören, die schalten doch den Fernseher ab, wenn sie nur… Hallo? Hallo? Sind Sie noch dran? Hallo? Sie haben gar keinen Grund, hier die beleidigte Leberwurst zu… Das Spiel ist aus, Karstadt und Quelle sind pleite, Sie können jetzt nur noch den Insolvenzverwalter… was, nicht Arcandor? Mit wem rede ich denn da die ganze Zeit? Was? Hallo? Frau Merkel? Hallo! Hallo! – Falsch verbunden. Oder doch nicht?“





Der V-Effekt

19 10 2009

„Ich habe ja schon viel Mist gesehen“, sprach der Mann in die Kamera, „aber das hier ist die Härte.“ Ich staunte. „Mensch, Siebels – wie haben Sie das bloß geschafft? Das ist ja fantastisch!“ Der TV-Macher lächelte geschmeichelt. „Ach, das war ganz leicht. Wir waren als Beobachter zugelassen, und Peter Zwegat war froh, in Berlin zu arbeiten.“ Dass er aber den Schuldnerberater gleich in die Koalitionsverhandlungen eingeschleust hatte – alle Achtung!

Seltsam, wie lethargisch man mit einem Kugelschreiber erregt herumfuchteln kann; doch der Kanzlerin gelang dies Kunststück mühelos. „Wenn wir den Bürgerinnen und Bürgern dieses Landes Steuererleichterungen versprochen haben“, skandierte sie, „dann werden wir das auch durchsetzen!“ Guido Westerwelle kannte es schon und nickte apathisch. „Wenn es denn nicht geht, dann können wir das nicht machen.“ Zwegat schlug mit der flachen Hand auf den Verhandlungstisch. „Also was nun, ja oder ja? Können Sie sich endlich mal entscheiden?“ Merkel war sofort bei ihm. „Wir werden die Bürgerinnen und Bürger dieses…“ „Ja, wir haben es jetzt gehört. Substanz, bitte. Wie wollen Sie das finanzieren?“ „Also 20 Milliarden wären ja doch noch da“, nuschelte der Chefliberale, „wir müssen dann sehen, ob wir das Drittel, mit dem wir Deutschland zum Bildungsland Nummer eins machen werden, nicht auch zur Entlastung der Leistungsträger besser verwenden können.“ Die Kanzlerin fing den neoliberalen Spielball auf. „Das wäre sofort ein Anreiz, private Investitionen in die Bildung zu tätigen. Schließlich ist ja das Geld dafür wieder verfügbar.“ „Angela, lass uns doch lieber dies Studienförderungsprogramm wieder streichen. Und dann können wir die Studiengebühren…“ „Vergessen Sie’s“, schaltete sich Zwegat ein. „Das ist Ländersache.“ Die Kanzlerin mopste sich. „Das sieht aber auf dem Papier sehr hübsch aus.“ „Und bringt nichts.“ „Das ist doch schon mal etwas.“

Siebels gab dem Schuldnerberater Anweisung, schärfer ranzugehen. „Wir müssen dem Zuschauer auch vermitteln, wer hier für Kompetenz steht.“ Ich blieb skeptisch. „Sie wollen also vor laufender Kamera die Koalitionäre auseinandernehmen? Wird das nicht das politische Klima empfindlich treffen?“ „Sie sehen mich als Brunnenvergifter?“ Der Produzent zog die Augenbrauen hoch. „Na, da sind Sie ja in guter Gesellschaft. Auch die CDU fällt schon über ihre Vorsitzende her.“

Drinnen hatten die Rechenschüler immer neue Szenarien aufgetan. „Wir werden vorrangig an die Konsolidierung des Haushaltes denken“, gab die Kanzlerin zum Besten, „damit wir die eingesparten Gelder zur Entlastung der Wirtschaft bereitstellen können.“ Peter Zwegat ließ sich nicht beirren. „Wie soll das funktionieren?“ „Was wie?“ „Wie was?“ „Woher wollen Sie die Kohle nehmen?“ Die Kanzlerin stotterte. „Wenn der Aufschwung wieder kommt, dann sagt uns Guttenberg schon viel geringere Verluste voraus, als wir bisher vermutet hatten.“ „Also alles auf Pump.“ „Nein, wir sind uns völlig sicher, dass das funktioniert.“ „Und wenn wir mit den privaten Investitionen eventuell unsere Produktivität steigern können, dann…“ „Aber wir haben bereits Produktivität – Herr Westerwelle, war Ihnen eventuell einmal aufgefallen, dass trotz des erheblich steigenden Bruttoinlandsprodukts massiv Arbeitsplätze abgebaut werden?“ „Herr Zwegat, kümmern Sie sich um unsere Schulden, ich kümmere mich dann um die Arbeitsplätze, ja?“

Im Innenhof sah man, wie Zwegat sich bereits die nächste Zigarette anzündete. Das Mikrofon war offen. „Diese Pinocchio-Nummer zieht bei mir nicht. Ich werde ihnen jetzt auf den Zahn fühlen, wo überhaupt Einsparpotenziale vorhanden sind.“ „Also doch ein Streichkonzert“, kommentierte ich, „ich hatte auch nichts anderes erwartet.“ „Sie täuschen sich“. Siebels blieb merkwürdig gelassen. „Vergessen Sie doch für einen Augenblick mal Details, Budgets, Zielvorgaben. Schauen Sie auf den Gang der Handlung, sehen Sie es als episches Theater.“ „Ein V-Effekt?“ „Warten Sie nur ab.“

Der Berater klatschte einen Aktenordner auf den Tisch. „Jetzt mal Tacheles. Wo kann man sparen?“ Die Kanzlerin blätterte in den Papieren, die sie von Peer Steinbrück übernommen hatte. „Wenn wir die Beiträge zur Arbeitslosenversicherung jetzt doch noch anheben und die Krankenkassenbeiträge für die Rentner, dann müssten wir ja parallel die Hartz-IV-Regelsätze senken – da ließe sich eine Menge rausholen.“ „Mit unserem Bürgergeld könnte man da – Angela, unterbrich mich nicht! – auch etwas herausholen. Natürlich schrittweise absenken, dann den Heizkostenzuschuss ab 2011 auf Null, und wenn wir parallel die Studienförderung auf ein Volldarlehen umstellen, hätten wir das Problem mit der Bildung nicht mehr.“ „Nee, dann doch lieber BAföG weg und Studiengebühren besteuern. Und die Mehrwertsteuer hoch und kein Bürgergeld.“ „Aber ich will mein Bürgergeld und ich will es senken! Ich will meine 35 Milliarden! Ich will! 35 Milliarden, oder ich werde nicht Außenminister!“ Merkel drehte sich in Zeitlupe zu ihrem Vize. „Ich würde Dir 50 Milliarden geben, wenn Du es nicht würdest.“

„Jetzt passen Sie auf!“ Siebels hatte den Kopfhörer abgeworfen und sprang erregt auf. „Das ist die entscheidende Phase!“ Auf dem Monitor sah ich, wie die Kanzlerin dem Kassensturz auf der Wandtafel folgte. Zwegat schmierte das Flipchart mit einer endlosen Kolonne roter Milliarden voll. Nichts blieb. „Und ich hatte es mir so schön ausgerechnet“, jammerte der Unionshosenanzug, „alles im Eimer!“ Guido plusterte sich auf. „Du hast Dir das höchstens schön gerechnet, Aus ist geschenkt!“ „Ich wollte das wie der Schröder machen, überall Haushaltslöcher entdecken und dann die Schuldenbremse anziehen. Mein schöner Plan!“ „Der Unterschied ist, dass Du nicht Schröder bist und nie einen Plan hattest. Du kannst doch nur planlos.“ „Und jetzt?“ Sie schauten sich wie begossene Pudel an. Der Finanzerzieher steckte die Hände in die Hosentaschen. „Tja, was wollen Sie jetzt der Presse verkünden? Die perfekt geplante Planlosigkeit hat den Wahlkampf überdauert?“

„Und schon haben sie gemeinsam die frohe Botschaft der Stabilität aus dem Hut gezaubert“, frohlockte der TV-Macher. „Siebels, wovon reden Sie da eigentlich? Deutschland ist bankrott und wird zu Tode gespart. Haben Sie denn so gar nichts von dieser Verhandlung mitgekriegt?“ Doch er war gar nicht mehr zu halten. „Morgenluft“, trällerte er, „ich wittere Morgenluft!“ „Höchstens Morgenthau, wenn das so weitergeht“, gab ich trocken zurück. „Aber das ist doch das Wichtigste – sie werden nur eine Lösung finden. Sie werden sich zum kompromisslosen Weiter so durchringen und damit ein Signal der Stabilität aussenden. Da, es passiert! Der V-Effekt!“ Tatsächlich waren die Verhandler vor die Tür getreten. Guido Westerwelle spreizte die Finger zum Siegenszeichen. „Die Koalitionsverhandlungen haben heute einen große Durchbruch erzielt! Wir sind auf einem guten Weg!“