Schild-Bürger

24 06 2009

Warum hätte ich nicht Grothefehrs Wagen nehmen sollen. Das Fahrzeug war dienstlich zugelassen, und das Bauamt hatte mir eigens den Auftrag erteilt, die Ausschachtungsarbeiten im neuen Einkaufszentrum zu besichtigen. Pflichtgemäß hatte ich vor, das Auto nur bis zum Bauhof zu fahren und von dort aus den Heimweg zu Fuß anzutreten. Einerseits war das Wetter sonnig und trocken, andererseits zieht man als gesetzestreuer Bürger und Steuerzahler etwas anderes gar nicht in Erwägung. Bedächtig gondelte ich die Hindenburgstraße hinunter und bremste vor dem Stoppschild ab, um mich in den Verkehr auf dem Horneberger Damm einzufädeln. Da stand ich.

„Halt! Motor aus! Legen Sie die Hände aufs Lenkrad!“ Der Polizist blickte mich grimmig an. Er machte keine Anstalten, sich von der Fahrertür wegzubewegen, also ließ ich zunächst die Scheibe herunter. „Darf ich fragen, was Sie von mir wollen, Herr Obermeister?“ Der Ordnungshüter grollte noch immer. „Führerschein und Fahrzeugpapiere!“ Ich griff ans Handschuhfach. Sofort tastete der Schutzmann hektisch nach seiner Dienstwaffe. „Ich habe Ihnen gesagt“, schrie er, „Sie sollen Ihre Hände aufs Lenkrad legen!“ Man darf von manchen Menschen nicht zu viel verlangen, daher bat ich ihn, Prioritäten zu setzen: entweder die Hände am Steuer oder die Fahrzeugpapiere. Beides zusammen ginge nun mal nicht. Nach Erwägung aller in Betracht kommenden Möglichkeiten entschied er, mich aus dem Wagen aussteigen zu lassen.

„Sie wissen, warum ich Sie angehalten habe?“ Ein abschätziger Blick traf mich. „Nein, wieso?“ „Na“, sagte er süffisant, „da wollen wir mal ganz scharf nachdenken. Was sehen wir hier?“ „Was Sie da sehen“, erwiderte ich, „entzieht sich meiner Kenntnis. Ich für meinen Teil sehe hier Zeichen 206 und halte deswegen an der Linie an, um dem Verkehr in jedem Fall Vorfahrt zu gewähren.“ Drei Sterne oder nicht, er war sichtlich überfordert und musste sich erst mal sortieren. „Sie geben es also zu? Das geben Sie auch noch zu? Ach, Sie haben es zugegeben?“ „Halten Sie mich nicht länger auf“, knurrte ich, „lesen Sie die Straßenverkehrsordnung und lassen Sie mich mit Ihrem Stoppschild in Ruhe. Ich kann auch anders.“ Unvermittelt brüllte er mir ins Gesicht. „Ich auch! Sie brauchen wohl mal ’ne kleine Abreibung, Freundchen! Jetzt werde ich hier andere Saiten aufziehen! Führerschein und Fahrzeugpapiere, jetzt mal ein bisschen plötzlich!“

Wer auch immer diesen Hilfssheriff in die Wildnis entlassen hatte, musste ohne Ansehen der Person geurteilt haben. Krebsrot und schnaubend pflanzte er sich vor mir auf, bereit zum Sprung. „Sie sehen also dieses Stoppschild und geben es auch noch zu und mir wollen Sie weismachen, dass Sie nicht wissen, warum ich Sie angehalten habe?“ „Der Wagen steht, wie Sie sehen, vor der Haltelinie. Ich habe sie nicht überfahren. Sämtliche vier Räder standen still. Was also regen Sie sich hier künstlich auf? Ist Ihnen das bisschen Schulterbewuchs zu Kopf gestiegen?“ Noch immer verlangte er die Papiere und verbot mir dann wieder, sie aus der Fahrgastzelle zu holen. Da bog plötzlich ein Kleinlaster aus dem Horneberger Damm ab und fuhr vorschriftswidrig in die Einbahnstraße ein. Wenige Meter entfernt parkte der Wagen. Der Fahrer stieg aus und machte sich an der Heckklappe zu schaffen. „Los“, pfiff ich den Obermeister an, „tun Sie etwas! Sie sind im Dienst und es ist Ihre Pflicht, einen derart groben Verstoß gegen die Straßenverkehrsordnung sofort zu ahnden!“ „Das geht mich nichts an.“ „Ich werde mich über Sie beschweren. Ihren Namen bitte.“ „Der geht Sie nichts an.“ „Sie sind“, gab ich ihm mit gefährlich leisem Unterton zu verstehen, „verpflichtet, sich jederzeit ohne Aufforderung auszuweisen, und das würde ich an Ihrer Stelle genau jetzt tun, sonst kann ich für nichts garantieren.“ Er riss zornig die Augen auf. „Stecken Sie Ihre Nase gefälligst nicht in Angelegenheiten, die Sie nichts angehen!“

Der Kleinlaster touchierte beim Zurücksetzen noch kurz einen Laternenpfahl und war dann wieder verschwunden. Ohne, dass der Gesetzeshüter Anstalten gemacht hätte, das Gesetz zu hüten. Weiter bestand er auf die Zulassungsbescheinigung.

Eine Limousine raste mit quietschenden Reifen an uns vorbei. Der Fahrer riss im allerletzten Moment das Steuer herum und schoss auf den Damm, so dass ein Schulbus in voller Fahrt abbremsen musste. Fast hätte es einen Unfall gegeben. „Da sehen Sie es“, warf ich dem Dienstmützenträger vor, „das Stoppschild steht nicht umsonst hier. Aber anscheinend kümmern Sie sich lieber um Schilder, statt Raser und Rowdys aus dem Verkehr zu ziehen.“ „Das Schild steht nicht umsonst da“, belehrte er mich, „und wenn Sie es trotzdem überfahren, ist mir das ziemlich egal. Das ist nicht mein Zuständigkeitsbereich.“ Das machte mich fassungslos. „Sind Sie eigentlich noch ganz bei Trost? Haben Sie gesehen, was hätte passieren können? Ein Bus voll mit Kindern? Jetzt drehen wir den Spieß mal um, mein Lieber. Dienstausweis, Schichtnummer, und gehen Sie davon aus, dass das nicht mit einer Beschwerde getan sein wird.“

Während der Politesserich noch an seiner Replik feilte, hatte ich auch schon durch das offene Fenster in den Wagen gegriffen und die Papiere auf die Motorhaube geklatscht. Er klappte den Fahrzeugschein auf und wurde totenbleich. „Das muss ein Irrtum sein, Herr“, stammelte er, „ich konnte ja nicht wissen, dass Sie im Dienstwagen unterwegs sind.“ „Soll das heißen“, fragte ich entgeistert, „dass Ihre dämlichen Vorschriften nicht für Dienstfahrzeuge gelten?“ „Ich mache doch diese Gesetze nicht“, jammerte er, „ich verstehe doch selbst nicht, was das soll!“ Verärgert setzte ich mich ins Auto und zog die Tür ins Schloss. Er klopfte mit der flachen Hand aufs Dach. „Dann mal nichts für ungut. Und fahren Sie vorsichtig! Man weiß ja nie, was einen alles erwartet.“