Public Shaming

24 08 2017

„… wolle die Regierung Hassbotschaften im Internet nicht weiter hinnehmen. Es sei angedacht, die Verfasser durch eine spezielle Datenbank, die auf Anfrage auch von Medien und privaten…“

„… in der Bundesrepublik umsetzbar seien, wenn die Justiz Warnschussarrest und Prügelstrafe nicht als einzige Möglichkeiten einer…“

„… nicht wüssten, wie ihre Nachbarn hießen, ob sie einen Migrationshintergrund besäßen oder wie viele Personen sich dauerhaft in ihrem Haushalt aufhielten. Das Bedürfnis der Bürger nach mehr Information über ihre angrenzenden Bewohner sei also gar nicht hoch genug zu…“

„… eine genaue Grenze ziehen müsse zwischen justiziabler Beleidigung und Meinungsäußerung, welche zwar als solche auch dem Ermessen eines Seitenbetreibers unterliege, strafrechtlich aber nur unter ganz bestimmten…“

„… nicht die Schule schwänzten, würden sie rechtzeitig durch einen amtlichen Aushang beim kommunalen Blockbevollmächtigten von den Folgen ihres widerrechtlichen Tuns in Kenntnis gesetzt. So bleibe den Behörden nur die…“

„… den Kompromissvorschlag einiger Internet-Konzerne unter der Führung von Facebook sehr genau prüfen wolle. So sei noch nicht hinreichend geklärt, ob die Auszeichnung mit einem roten Punkt die eindeutig kontroverse Äußerung im Sinne des verfassungsrechtlichen…“

„… Betrug nicht als veröffentlichungswürdiges Delikt gewertet werde, es sei denn, es halte sich um Verdachtsfälle, die im Rahmen einer Sozialleistung in den…“

„… im Gegensatz dazu die rechtskräftige Verurteilung wegen eines Vermögensdeliktes nur auf Antrag bekannt gegeben werden dürfe. Da Ermittlungen oder ein laufendes Verfahren gegen Mitglieder von Parteien, die in Bund, Ländern und Gemeinden in den…“

„… die juristische Bewertung der Kommentare nicht der Mehrheitsmeinung überlassen wolle. Facebook habe vielmehr beabsichtigt, Anwälte aus Neuseeland, Tansania, Saudi-Arabien und der Demokratischen Volksrepublik…“

„… auch Steuerhinterziehung nur dann der Öffentlichkeit publik gemacht werden dürfe, wenn eine dreistellige Millionensumme im…“

„… könne man die Einstufung auch durch ein Ampelsystem mit Punkten ermitteln. Es sei daher erforderlich, die jeweils relevanten Werte für eine Beleidigung, Verleumdung oder Volksverhetzung in einen Algorithmus zu…“

„… die gesamte bayerische Landesregierung Verfassungsbeschwerde eingelegt habe. Noch sei zwar kein Strafverfahren gegen…“

„… die einer Bundes- oder Landesregierung angehört hätten. So sei die straflose Beschäftigung im …“

„… gelte auch für Holocaustleugner. So wolle Facebook nach einer rechtskräftigen Verurteilung wie bei allen anderen potenziellen Straftätern die Persönlichkeitsrechte, zu denen natürlich auch die theoretische Unschuldsvermutung…“

„… die üblichen Forderungen nach drastischen Erhöhungen der Freiheitsstrafen diesmal ausbleiben würden. Der Innenminister habe die Polizei darauf eingestimmt, die öffentliche Zurschaustellung der mutmaßlichen Verdächtigen eigenhändig in den…“

„… das Einhalten von Normen nicht nur von Demonstranten bei der Inanspruchnahme von verfassungsmäßig garantierten Rechten fordere. Die Polizei sei jedoch größtenteils intellektuell zu sehr von den Erfordernissen eines regierungsseitig…“

„… auf vielen Seiten. Daher werde ab sofort bei einer berechtigten Meldung, die zu einer Sperrung der betreffenden Seite sowie zur Weiterleitung der Daten an die Staatsanwaltschaft führe, auch der meldende Account wegen vorsätzlichem…“

„… könne Public Shaming im großstädtischen Bereich durchaus zu einem sozial akzeptierten Event werden, das die…“

„… sich ein starkes Gemeinschaftsgefühl unter den Rechtsradikalen entwickle, wenn Verfahren gegen Hasskommentare zwar angestrebt würden, aber regelmäßig ins Leere liefen. Facebook halte dies allerdings für eine gute Entwicklung, da es zu einer Entwicklung von starkem…“

„… nicht gutheiße. Andererseits sei der sich entwickelnde Volksfestcharakter der Anprangerung ein gerade im Osten erfreulicherweise als…“

„… nicht offenlegen wolle. Ein Algorithmus, der zielgruppenspezifische Werbeanzeigen für rechtsradikale Straftäter steuere, sei ein für die strategische Planung des Unternehmens derart wichtiges Projekt, dass strafrechtliche Ermittlungen nur mit Einwilligung des…“

„… private Daten im Internet nicht veröffentlicht werden dürften. Das Justizministerium sei sich sicher, dass durch den Datenschutz die meisten Straftaten bereits im Keim…“

„… eine Folge der personellen Unterbesetzung sei. Aus arbeitsökonomischen Gründen müsse man vereinzelte Offenlegungen von privaten Daten rechtsradikaler Straftäter schnellstmöglich aus dem Internet entfernen, während die Publikationen der Nationaldemokraten und entsprechender Verbände schon auf Grund ihres Listencharakters keine…“

„… die sozialen Medien gewohnte Standards umsetzen wollten. So dürfe man rechtsradikale Straftäter erst dann melden, wenn sie mehrmals auf Bildern identifiziert worden seien, die aus stark unterschiedlichen Perspektiven oder zumindest…“

„… alle Mitglieder der CSU sowieso ihre Familien, Freunde und Bekannte dritten Grades unter gesetzliche Immunität stellen müsse, da sonst das öffentliche Leben in Bayern sofort…“





Brrmmm-Brrmmm

14 08 2017

„Das ist da aber nur für den Tundra GLS und die Sondermodelle mit Sportfahrwerk. Der Rest ist im Stadtverkehr vorbildlich, im Stau hört man den kaum, und wenn Sie den Savanna XL mit Benziner bestellen, der ist fast noch besser, wenn er nicht zufällig schlechter ausfällt.

Sie können gerne mal reinhören, wie laut die Dinger im Stand sind, wir haben hier jede Menge auf dem Parkplatz stehen. Da können Sie dann gerne mal eine Probefahrt machen, natürlich nur bei Schrittgeschwindigkeit – regen Sie sich ruhig auf, aber das schreibt die Straßenverkehrsordnung vor, und wir haben nicht vor, aus Sicherheitsgründen unser Personal zu gefährden. In Deutschland gehen wir mit dem Thema sehr sensibel um.

Also der Tundra GLS ist bei 50 Kilometern pro Stunde – und innerhalb geschlossener Ortschaften bewegen sich unsere Kunden auch nur mit dem Tempo, das wissen wir ganz genau, wir haben da nämlich zweimal nachgefragt in den letzten Jahren – bei 50 wie gesagt ist der gar nicht so laut. Der Eingriff in die Klappensteuerung und das mit den Rohren, die mehr oder weniger Störschall filtern, das kommt ja erst, wenn der Wagen schneller fährt. Aber das ist dann eben außerhalb geschlossener Ortschaften, und da frage ich Sie direkt mal: muss man in seiner Freizeit direkt an der Autobahn stehen und sich über die Geräusche aufregen? Das macht hohen Blutdruck, da atmen Sie am Ende noch zu viel Feinstaub ein, und niemandem ist damit geholfen. Außerdem stehen da eh schon die Lärmschutzwände, also können wir uns das auch sparen.

Klar, es gibt auch Grundstücke, die direkt an der Straße liegen, teilweise liegen die direkt an der Autobahn. Also wenn der Makler in der Anzeige etwas von optimaler Verkehrsanbindung schreibt, dann wollen Sie die Wohnung, und wenn auf der Straße aus Versehen Autos fahren, dann ist es Ihnen auch wieder nicht recht? Wie fliegen Sie eigentlich ohne Flugzeug? Und haben Sie keine Kinder, die mal auf den Spielplatz gehen? Reden Sie sich nur raus, das wird alles gegen Sie verwendet!

Jedenfalls ist das technisch gar nicht anders möglich, wenn Sie mit einem Auto, jedenfalls mit einem Kraftfahrzeug mit Verbrennungsmotor, wenn Sie da schnell fahren wollen, dann müssen Sie eine gewisse Geräuschentwicklung einfach mit in Kauf nehmen. Und die ist nicht vollständig unerwünscht, die ist im Zuge unserer Mobilitätsgesellschaft zu einem unverzichtbaren Teil öffentlicher Sicherheit geworden. Stellen Sie sich mal jemanden vor, der auf der Straße – da wird nicht nur gewohnt, da bewegen sich Menschen teilweise auch außerhalb der Fahrgastzelle – einem Auto begegnet. Als kleines Kind, als alleinerziehende Mutter über 30, das sind so Zielgruppen, die wir unter unseren Kunden eher selten antreffen, die wollen doch eine möglichst frühzeitige und sicherheitsspezifische Warnung haben, oder? Da hilft ihnen der sonore Sound eines Zwölfzylinders, den ignorieren Sie nicht. Kann sein, dass die Fahrweise auch innerhalb geschlossener Ortschaften das akustische Bild der Straßen prägt, aber zumindest weiß man: wenn da was bollert, dann ist es ein Auto. Ich möchte mir nicht vorstellen, wie die Unfallzahlen in einer vollständig auf Elektromobilität umgestellten Stadt aussehen.

Und dann natürlich das Fahrgefühl, das ist ja nicht nur das Lederlenkrad oder die elektronische Fahrdynamikregelung. Sie wollen auch dieses auditive Erlebnis, das mit Ihrem Auto kommt, dieses Brrmmm-Brrmmm, das ist wie ein Erkennungsmerkmal von Marke und Fabrikat, und das macht doch das Fahren erst zum Fahren, oder? Das geht bis zum Schallschwingungserlebnis, wenn Sie die Tür zuschlagen, da trennt sich Pappe von männlichem Stahl!

Das kann man auch regeln, wir hatten für den neuen Pampa Gran Tour ein ausgeklügeltes System mit Motoraufhängungsvarianten und zuschaltbaren Krümmern im Ansaugtrakt geplant, aber das Ding reagierte völlig falsch. An der Ampel macht das Teil einen Lärm wie eine Klimaanlage in Kabul, und auf der Schnellstraße müssen Sie alle paar Sekunden nachgucken, ob der Motor noch läuft. Schrecklich, sage ich Ihnen. Unsere Testfahrer hatten traumatische Erlebnisse, manche meinten, sie säßen auf dem Fahrrad. Das kann empfindliche Lücken in die Kundenbindung reißen, und wer erklärt dann dem Dobrindt, wo die Arbeitsplätze hin sind?

Übrigens verfolgen wir nur die offizielle Politik der Bundesregierung, und unsere Kanzlerin ist nun mal Physikerin. Der können Sie nichts vormachen, die weiß nun mal, wie physikalische Prozesse eben so ablaufen. Uran strahlt? Haste nich gesehn! Aus der Braunkohle kommt Kohlendioxid? Wer hätte das gedacht! Ein Explosionsmotor funktioniert mit Explosionen, schon mal gehört? Die Kanzlerin hat das offensichtlich zur Kenntnis genommen und allem Anschein nach hat sie es auch verstanden. Der muss man das nicht erklären, die versteht das von sich aus. Das liegt bei ihr an der Geschichte. Die war mal real-sozial-istisch, sozial ist weg, und mit dem Rest kommt man ganz gut klar. Also wir als Industrie, und das zählt doch, oder?“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXXXII): Betroffenheit

11 08 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Alarm! Weltuntergang! Wir müssen uns dem Thema mit der nötigen Sensibilität nähern, weil das macht etwas mit uns! Schön, dass wir mal über den ganzen Schmodder geredet haben. Einfühlsam und verletzlich packen wir die Handgranaten zurück in die Küchenschublade – warum eigentlich? – und finden das dufte, wie wir auf uns selbst eingehen. Das mit dem gesamtgesellschaftlichen Bewusstsein und die Identifikationskiste, das ist auch irgendwie voll schön, wie wir uns so total einbringen können, und schon haben wir da ein Problem: wir sind betroffen. Nein, wir sind nicht betroffen. Aber wir wollen es sein. Wir sind jetzt betroffen, und wehe, wenn nicht!

Weil die verdammte Stallwärme längst aus der Sprühdose kommt, dieses Erfahrungsding in einer selbst verschuldeten Parallelexistenz der Knalltüten aus dem Hintergrund. Weil die Beknackten in alles, alles ihre verfluchten Nasen reinstecken müssen, was nicht schnell genug den Hammer rausholt. Im Allgäu wächst kein Mais? Friedensdemo! der Erstschlag muss her! Die bigotte Bizarrerie der Berufsaufgeregten duselt offiziöse Gefühle in die Gegend, und das aus gutem Grund. Mitnichten sind sie ansatzweise informiert über das, was sich in diesem Wirklichkeitsdingsi tut, also sprachröhren sie ihre verwirrte Gestrüppversion der Tatsachen in die ansonsten unbeteiligte Außenwelt, in der festen Überzeugung, jeder Halbaffe habe sein Leben lang auf ihre Absonderungen gewartet.

Der Flow, wissenschon. Irgendwann suppt alles in die untere Etage durch, auch Brackwasser sucht sich seinen Weg, und das weiße Rauschen kennt schon aus Prinzip kein Mitleid. Dass derart massive Kontingente an Hominiden ohne nennenswerte Anzeichen von Existenz auf diesem Planeten vor sich hinvegetieren, das hätte man auch nicht ahnen können. Allein die psychosozialen Folgekosten hat mal wieder keiner auf dem Schirm gehabt. Alle sind betroffen, kräht’s ideologisch durch Bodennebel und Sumpflandschaft, wer würde sonst mit uns reden? und wozu auch?

Wenn alle Hunde heulen, die nachweislich nicht getroffen wurden, ist die Angelegenheit kurz und geschmacklos geklärt. Die Kaugummivokabel aus den absaufenden Siebzigern ist das Motiv, sich zum Sprung in der Schüssel schnell einen eigenen Jargon zurechtzuschwiemeln. Das Medium ist die verkorkste Botschaft, eine gründlich vergammelte Hohlhupe nach der anderen engagiert sich in der Späteifel für den Vietkingkong oder muss mal ganz gewaltfrei ausdiskutieren, ob die Beziehung in der analytischen Sicht sich vom Gleichgewicht her in die Auseinandersetzungsebene integrieren lässt. Den Quadratquark kann man auch verlustfrei rück- oder seitwärts sprechen, er wird dadurch nicht weniger überflüssig.

Vom Mitgefühl des Mitbetroffenseins – der von den bösen Bullen wegen nur eines Scheckbetrugs verhaftete Kumpel hatte eine schwere Kindheit, man selbst kam aber auch aus Bad Gnibtzschen, da zwängte sich die Parallele quasi auf – kleckerte es ansatzlos in die Mitberührtheit des so gut wie schon engagierten Tuns, kurz: wenn es einen Grund gibt, hüpfen wir mit von der Brücke. Duzer dümpeln durchs Land, was weiland waren Wut und Trauer, ist jetzt ganz unten angekommen. Die degenerierte Spezies wuchert direkt in die Plage des aktuellen Jahrtausends, den besorgten Bürger – das eine ist er nicht, das andere noch viel weniger – in seinem bis dato unbestrittenen Revier, der unhinterfragten Beklopptheit. Auch er lässt viel Müll unter sich, man hat ihn nur nicht auf der Rechnung, da man keine Ambitionen hat, diesen sportlichen Ansatz um den intellektuellen Nulldurchgang nicht mehr als nötig zu gefährden. Auch sie reißen die Fresse bis zum Anschlag auf, wo nur Geruch herauskommt. Auch sie haben nichts zu sagen, da sie nicht, nie, nicht betroffen sein können – auf ihrer Straßenseite leben keine Dinosaurier, also quaken sie ihre ganze, verschissene Inkarnation lang über nichts anderes – und gehen ihrer Mitwelt in toto auf die Plomben, dass es seine Bewandtnis hat. Sie müssen sich als Randfiguren mit Geplärr ins Zentrum hebeln, sonst wäre ihnen das Nutzlose ihrer vegetativen Versuche längst aufgefallen. Je lärmer, desto wichtig.

Haben sie nicht alle irgendwann mit dem Filzer an der Klowand angefangen und sich dann darüber geärgert, dass sich niemand für ihr peinliches Selbstmitleid interessiert? Hat ihr geistiges Hobeln an der Grasnarbe je den Gedanken gestört, sie seien als Verbrauchsmaterial der bourgeoisen Schicht im vorauseilenden Gehorsam gut geschulte Deppen? Haben diese Empfindlichkeitsmasochisten je den Eindruck erweckt, die eigene Lage auch nur im Ansatz zu kapieren?

Ein kleiner Traum bleibt: Adorno nimmt die Handgranaten aus der Schreibtischschublade und schlenzt eine nach der anderen auf die Bühne. Bis sie davon alle voll total betroffen sind. Irgendwie.





Adel verpflichtet

8 08 2017

„Meine Frau will das so“, quetschte Breschke an dem trockenen Keks vorbei. „Sie meint es sicher nur gut“, beschwichtigte ich ihn, „und Sie sagen doch auch immer, man solle seine Nachbarn kennenlernen.“ Er fischte einen Zuckerwürfel aus der Dose und schmiss ihn in den Tee. „Aber deshalb dieser Aufstand?“

Das Billett in den Briefkästen hatte sie als Friedrich Ludwig Reichsgraf Truntz auf Steinheim nebst Gattin ausgewiesen, die des Umzugs in dieses Viertel halber die Umwohner zu einer kleinen Abendgesellschaft einluden. „Stellen Sie sich das mal vor“, grantelte der Alte, „ein livrierter Diener morgens in der Bäckerei. Affig!“ „Sie leben doch zu sehr im achtzehnten Jahrhundert“, schmunzelte ich. „Die wenigsten Edelleute haben Bedienstete, und wer von denen trägt heute noch Livree?“ Er brauste auf. „Dafür muss ich mir jetzt seitenweise Benimmregeln durchlesen!“ Der pensionierte Finanzbeamte griff noch einmal zu den Plätzchen. „Dann kann meine Frau auch gern alleine zu den Grafens gehen, ich muss diese Leute nicht haben. Die passen doch gar nicht hierher!“

Wahrscheinlich lag Horst Breschke damit gar nicht so falsch, aber das änderte ja nichts an seinem Benehmen. Ich reichte ihm die Gebäckschale an. Sofort nahm er sich ein weiteres Stück. „Darf ich Ihnen noch etwas Heidesand anbieten?“ „Ich habe schon“, müffelte er, „danke.“ Geräuschvoll stellte ich die Schale auf den Küchentisch. „Mein Lieber, wir werden ab jetzt arbeiten.“ Ich wies auf die Kanne. „Bedienen Sie sich“, schmatzte er, „ich koche gerne noch nach.“ Anscheinend begriff er nicht. „So geht das nicht. Sie sind hier der Gastgeber!“ „Noch Tee?“ Ich hob die Kanne vom Untersetzer. „Möchten Sie noch ein Tasse Tee, Herr Breschke?“ Verwundert sah er mir zu, wie ich seine Tasse auffüllte. „Und bitte, nehmen Sie doch noch ein – aber doch mit der Zange!“ „So geht das viel schneller“, verkündete er und ließ den Zuckerwürfel in den Tee gleiten. Wie sollte das alles nur enden.

Zunächst übten wir an einem improvisierten Blumenstrauß; ein paar Margeriten aus dem Garten halfen aus, ebenso ein Bogen Packpapier. „Und nun überreichen Sie mir den – aber Herr Breschke!“ „Was denn“, grummelte er, „ich habe den gerade eben eingewickelt, und jetzt soll ich den schon wieder auswickeln? Das ist doch alles überflüssiger Klimbim, das werden Sie doch einsehen!“ Ich seufzte. „Aber Sie werden der Dame des Hauses nun einmal einen Strauß überreichen müssen, es handelt sich doch um eine Abendeinladung?“ Breschke guckte nochmals in die Einladung. „Ja, wir müssen so gegen halb los. U.A.w.g., das sagt doch alles.“ Hatte ich etwas verpasst? „Um acht wird gegessen“, erklärte er, „steht da doch! Dann reicht es ja völlig, wenn wir um halb acht gehen.“

Die Auswahl der Krawatte blieb problemlos, es waren überhaupt nur zwei im Schrank, zuzüglich des Beerdigungsmodells in Schwarz. „Und dann knöpfen Sie die Jacke bitte auf, wenn Sie sich setzen, aber lassen Sie den unteren Knopf bitte auch offen im Stehen.“ Er wand sich. „Also den unteren im Sitzen auch offen?“ Ich nickte. „Das muss ich mir aufschreiben, sonst vergesse ich es. Und den Schlips lockert man wann?“ „Gar nicht“, gab ich zurück. „Denken Se nicht einmal daran.“ „Also auf den Weihnachtsfeiern bei uns im Referat…“ Ich runzelte deutlich die Stirn. „Eben.“

„Wenn ich mir erlauben dürfte, Ihnen ein paar Blumen zu überreichen?“ Etwas hüftsteif, aber nicht ungalant streckte er mir die Margaritenreste entgegen, die nun auch schon ein gutes Dutzend Versuche überstanden hatten. „Nicht schlecht“, lobte ich, „und dann stellen Sie mich Ihrer Gattin vor.“ „Spielen Sie meine Frau?“ Ich guckte kurz nach: nein, noch war ich nicht in einer Doppelrolle. „Wenn ich Ihnen meine reizende Gattin…“ „Aber Herr Breschke!“ „Sie haben ja recht“, murrte er, „so reizend ist sie auch wieder nicht, aber das darf man doch einem Reichsgrafen nicht auf die Nase binden. Meinen Sie, er sagt es weiter?“ „Keinesfalls!“ Ich schüttelte den Kopf. „Adel verpflichtet.“

„Den Schirm lassen Sie ruhig zu Hause, es wird heute vermutlich trocken bleiben, und haben Sie die Blumen?“ Frau Breschke hatte sie natürlich in der Küchenspüle deponiert, mit einem feuchten Tuch um die Stängel, und alles sah so festlich aus, einschließlich des Hausherrn, wie er in seinem sandfarbenen Sommeranzug vor der Garderobe stand und sich im Spiegel betrachtete, die gestreifte Krawatte perfekt gebunden und in Sandalen. „Soirée oder nicht, aber so werden Sie das Haus nicht verlassen.“ „Ich habe es vergessen“, murmelte er, „aber was soll ich denn jetzt machen?“ Voller Angst blickte er mich an. „Diese Hose ist so furchtbar eng, und wenn ich mir jetzt Schuhe zubinde, dann platzt sie am – na, Sie wissen schon.“ Einen Moment überlegte ich, dann hatte ich die Lösung. „Nehmen Sie die Schuhe, und dann gehen Sie auf die Gästetoilette.“ Er stutzte. Frau Breschke hatte es schon verstanden.

„Und jetzt hier läuten, und dann die Blumen, und dann Ihre Frau.“ „Sag doch auch mal was“, fauchte Breschke seine Gattin an. Doch just in dem Augenblick öffnete sich die Tür, ein dicklicher Mann in Cordhosen und einer Grillzange in der Hand winkte die Gäste heran. „Hereinspaziert“, rief er, „auch ein Bierchen?“ „Was ich Ihnen gesagt habe“, zischte Breschke pikiert. „Sie passen nun wirklich nicht hierher!“





History, rewritten

7 08 2017

„… eine historische Gegenoffensive gegen Deutschland gefordert habe. Polen bestehe auf Reparationszahlungen, da die Schäden des Zweiten Weltkriegs noch lange nicht…“

„… dass das Vereinigte Königreich als Rechtsnachfolger anzusehen sei. Die aus dem Siebenjährigen Krieg erwachsenden Folgen seien damit direkt auf den Freistaat Sachsen als…“

„… die innerdeutschen Konflikte bereits seit der Herbstkrise bestanden hätten. Das Fürstentum Reuß älterer und das Fürstentum Reuß jüngerer Linie seien trotz ihres späteren Zusammenschlusses nicht ausreichend in ihrer…“

„… als TV-Ereignis plane. Die dänische Regierung habe bereits angekündigt, Deutschland für den Mehrteiler zahlen zu lassen, der in Erinnerung an den Zweiten Schleswig-Holsteinischen…“

„… den Deutschen Bauernverband gerade im Lutherjahr nicht gehört habe. Die Ausrottung des Adel könne nur durch eine milliardenschwere…“

„… auch Preußen im Kriegsverlauf fast 180.000 Mann verloren habe. Eine Entschädigung durch Russland und Schweden dürfe sich wegen des wesentlich länger zurückliegenden Datums aber nicht auf die im 20. Jahrhundert…“

„… Bayern auf Seiten des Deutschen Bundes in den Krieg eingetreten sei. Es sei damit nicht geklärt, den heutigen Freistaat verfassungsrechtlich überhaupt innerhalb der Grenzen der…“

„… den Grenzübertritt in Schleswig-Holstein sowohl für Deutsche als auch für Österreicher bis auf Weiteres mit kostenpflichtigen Kontrollen der…“

„… dass mit dem Zwei-plus-Vier-Vertrag die weiteren Ansprüche nicht abgegolten seien. Polen sei bereits damals als Marionettenstaat nicht in der Lage gewesen, völkerrechtlich bindende…“

„… unterbrochen worden sei. Da die im Konzil propagierte Unfehlbarkeit des Papstes nicht habe durchgesetzt werden können, werde der Vatikan die Bundesregierung für alle nach 1870 erlassenen…“

„… erst durch eine widerrechtliche Koalition gegen Markgraf Ludwig von Brandenburg möglich geworden sei. Die Anerkennung der Reichsunmittelbarkeit Pommern-Stettins durch Kaiser Ludwig IV. könne aus heutiger Sicht nicht als legitime…“

„… sich die russische Delegation gegen die seinerzeit aus friedenspolitischer Sicht vorteilhafte Einigung in Nikolsburg gewandt hatte. Außenminister Lawrow habe darauf hingewiesen, dass die dem Zarenreich entgangenen sicheren Geländegewinne bei einer zeitnahen Intervention noch heute durch weitere Annexionen im…“

„… ob Tschechien als Einzelstaat oder nur gemeinsam mit Österreich in der Nachfolge der Habsburgermonarchie klageberechtigt sei. Die Entscheidung werde vor dem…“

„…allein Württemberg acht Millionen Gulden an Kriegsentschädigung habe zahlen müssen. Dies sei jedoch, da es weder eine Kapitulation noch eine Annexion der Gebiete durch…“

„… der Schiedsspruch nicht als bindend anzusehen sei. Die Münchener Linie der Wittelsbacher sei ohne das Kufsteiner Land dazu gezwungen gewesen, als Anhängsel des bundesdeutschen…“

„… wenn Deutschland sich bereiterkläre, ein voll funktionsfähiges Vernichtungslager zu bauen. Kaczyński gebe der Bundesregierung drei Monate und wolle danach die deutsche Schuld um zehn Prozent…“

„… die vom Kurfürstentum Sachsen geleisteten Kontributionszahlungen zurückfordern werde. Es sei strittig, ob sich diese Begleichung mit dem aktuellen Negativzins der…“

„… den Krieg getreu der Regel, den Angreifer zuerst zu nennen, als Französisch-Deutschen Krieg zu bezeichnen habe. Steinbach werde nach der Machtergreifung darauf hinarbeiten, das welsche Würstchen und seine angeheiratete Faltentrulla zur bedingungslosen Rückgabe des Elsass sowie der…“

„… sich die Deutsche Bischofskonferenz mit immensen Ansprüchen konfrontiert sehe, da die Wittenberger Kapitulation nicht den Widerstand der Reichsstände gegen die…“

„… da Zahlungen von Sachsen an Brandenburg unrechtmäßig im Sinne des Länderfinanzausgleichs zu betrachten seien und damit durch den Bund…“

„… habe die Verschiebung Polens politische Gründe gehabt. Da die Sowjetunion nicht mehr existiere, werde Warschau nicht auf die Rückgabe der ehemaligen…“

„… dass das Reich für seine Söldner keine Sozialversicherungsabgaben entrichtet habe. Die Interessengemeinschaft der Truppen des Schmalkaldischen Bundes habe ihre Bereitschaft gezeigt, gemeinsam vor dem Bundessozialgericht für die…“

„… nach der Schlacht bei Tannenberg gezwungen worden sei, Reparationen an Polen zu zahlen. Die seit 1411 aufgelaufenen Schulden wegen einer offensichtlichen Urkundenfälschung bezifferten sich auf täglich 875 Trilliarden Euro, die für mehrere Jahrtausende an den Deutschen Orden zu…“





Controlling

2 08 2017

„Aber brauchen tut das keiner?“ „Das ist doch jetzt nicht das Thema.“ „Das sehe ich anders.“ „Wenn wir die Daten erstmal haben, könnten wir immer noch sehen, ob wir sie nicht doch für irgendwas brauchen könnten.“ „Und woran hatten Sie da so gedacht.“ „Weiß ich nicht. Irgendwas halt.“

„Fluggastdaten sind vollkommen überflüssig, die EU ist dagegen, die Daten werden nicht für die dafür vorgesehenen Dinge genutzt, außerdem sind die Daten nicht sicher.“ „Ich habe da eine Theorie.“ „Nämlich?“ „Wenn man die Fluggastdaten nicht speichern würde, gäbe es viel mehr Terroranschläge in Flugzeugen.“ „Sonst alles klar bei Ihnen?“ „Die Täter, also die vermutlich potenziellen Gefährder, die würden ja im Falle eines Anschlags sofort auffliegen, weil man dann wüsste, wer sie sind.“ „Die Möglichkeit gefälschter Papiere halten Sie demnach für ausgeschlossen?“ „Absolut. Kein Mensch würde das wagen, wenn alles überwacht wird.“

„Sie halten es also für gerechtfertigt, wenn die Passagiere nach ihrer Religionszugehörigkeit gefragt werden?“ „Warum nicht?“ „Naja, das hat beim letzten Mal ja auch schon hervorragend geklappt.“ „Waren das wir?“ „Wie man’s nimmt. Die Niederländer hatten die Verzeichnisse und wir die SS.“ „Dann brauchen wir diesmal nichts zu befürchten. Jetzt schauen ja nicht nur wir drauf, sondern auch die Kanadier. Und Trump.“ „Der gibt Ihnen Sicherheit?“ „Nein, aber wenn es mehrere sind, kann doch eigentlich nichts schiefgehen.“ „Stimmt. Und wenn man zufällig zum richtigen Zeitpunkt die richtige Religion hat, darf man sogar in ein Flugzeug steigen.“

„Man könnte das doch vielleicht verkaufen.“ „Was?“ „Die Daten. Wenn wir den ganzen Mist schon speichern, dann können wir das doch auch verkaufen.“ „Abgesehen davon, dass das illegal wäre, wem sollen wir das denn verkaufen?“ „Weiß ich nicht. Den Fluggesellschaften.“ „Was sollen denn die Fluggesellschaften damit anfangen?“ „Keine Ahnung. Vielleicht könnten die damit errechnen, wer normale Verpflegung ordert, wer vegetarisch isst, wer…“ „Das wissen die.“ „Woher denn?“ „Das bestellt man vor.“ „Ach?“ „Das wissen die Fluggesellschaften, bevor ein Flugzeug vom Boden abhebt, und wenn sie es genau wissen wollen, dann fragen sie ihr Controlling.“ „Das gibt es?“ „Natürlich. Sie müssen auch nicht alle Deutschen überwachen, um herauszufinden, wer in einem bestimmten Supermarkt was einkauft. Die Konzerne haben ein Warenwirtschaftssystem, mit dem sie das ganz alleine rausfinden können.“ „Auch bei Margarine?“ „Warum nicht?“ „Sehen Sie, so moderne Methoden haben die im Bundesinnenministerium nämlich gar nicht auf dem Schirm. Deshalb frage ich ja.“

„Was halten Sie denn von der Idee, die Daten an die Türkei weiterzugeben?“ „Sind Sie verrückt? Dieser Geistesgestörte könnte am Ende deutsche Urlauber einkerkern, und das ohne jeden Grund!“ „Wenn ich es richtig verstanden hatte, dann waren die Fluggastdaten genau dafür ja gedacht.“ „Aber doch nicht für dieses Terrorregime!“ „Nun, die EU-Kommission wurde nicht von der Bevölkerung gewählt. Erdoğan schon.“ „Das können Sie doch überhaupt nicht miteinander vergleichen!“ „Und wir könnten ihm die Daten verkaufen.“ „Niemals!“ „Oder wenigstens alle Zahlungen an ihn einstellen, wenn wir dafür weiter den Flüchtlingsdeal mit der Türkei durchziehen können.“ „Das wäre ja ein Skandal!“ „So sehr vertrauen Sie der EU?“

„Dann sollten wir wenigstens eine Datenbank zur Erkennung potenzieller Terroristen damit bauen, dann hat sich die Sammelei irgendwie noch gelohnt.“ „Hatten Sie nicht gesagt, dass unter der abschreckenden Wirkung der Dauerüberwachung so gut wie kein Terrorismus mehr zu erwarten sei?“ „Das muss in einem ganz anderen Zusammenhang gewesen sein.“ „Wenigstens kein Terrorismus mehr an Bord von Flugzeugen.“ „Wie gesagt, ich kann das nicht mehr beurteilen.“ „Ob Sie das gesagt haben?“ „Ja, nein – ob ich das auch so gemeint hatte. Wegen dem Zusammenhang.“ „Womit?“ „Mit dem Terrorismus, weil wir dazu die Überwachung im… ach, egal.“

„Also meinen Sie immer noch, dass anlasslose Datenspeicherung zu einer Verringerung des Terrors führt?“ „Ja.“ „Ist es nicht eher umgekehrt?“ „Wenn ich ständig überwacht würde, könnte ich doch nie mehr in Ruhe einen Anschlag planen.“ „Wenn Sie einen Anschlag planen, müssen Sie dazu unbedingt vorher nach Kanada fliegen?“ „Vielleicht komme ich ja aus Kanada. Als Flüchtling.“ „Dann sind Sie da aber bestens integriert und werden nicht so behandelt wie in der EU.“ „Wenn wir die Daten erst mal in der große Datenbank haben, dann muss ich gar nicht mehr als Flüchtling kommen, dann kann auch längst in der EU leben und… Moment mal!“ „Wir bauen also eine Datenbank von Personen, die entweder gar nichts mit Terrorismus zu tun haben oder möglicherweise in der EU geboren wurden, und dann haben wir wie durch Zauberhand eine Datei mit allen potenziellen Touristen.“ „Fragen Sie mich nicht. Ich verstehe nichts von Computern.“

„Aber Sie haben recht. Irgendwas müssen wir mit dem Zeug machen. Alleine wegen der Kosten.“ „Welche Kosten?“ „Das ganze Verfahren war nicht gerade billig. Mir schwebt da etwas vor.“ „Für die Fluggesellschaften?“ „Nein, aber haben Sie schon mal daran gedacht, als Terrorist zu arbeiten? In Kanada?“





Kundendienst

31 07 2017

„Das kennen Sie bestimmt noch von früher, oder? Der Chef sagt Ihnen, wann Sie Urlaub haben, die Bank sagt Ihnen, wie lange Sie verreisen, und Ihre Frau sagt Ihnen, wohin es geht! Hahahahaha! Das hat noch immer funktioniert, da haben wir unsere Marktlücke entdeckt, und zack! alles ist steuerbar, alles in Echtzeit, Sie können die einzelnen Sachen zuschalten und abschalten, das Abschalten ist ein bisschen komplizierter, aber im Grunde werden Sie mit unserem Angebot perfekt ausgerüstet.

Ja gut, man muss mit einer Lifestyle-Beratung auch irgendwo ansetzen, das ist so ähnlich wie ein Coaching für Unternehmen, nur können Sie es eben nicht von der Steuer absetzen. Und wenn ich mir da so Ihre Kleidung ansehe – ich nenne das jetzt mal Kleidung, das hat ja mit Mode so viel auch wieder nicht zu tun, immerhin kann man erkennen, dass es Nachkriegsware ist, aber diese Hemden: nein, bei aller Liebe, das ist nichts. Darum haben wir für Sie diese Funktion hier, das ist gleich mit Lieferung inklusive, Sie müssen nur Ihre Größe eingeben, also einmal am Anfang, dann kriegen Sie automatisch die Hosen, die Sie tragen sollten. Also das hier ist, verstehen Sie mich nicht falsch, aber das hat mein Großvater letztens noch gerne getragen, und der Mann ist seit dreißig Jahren tot. Die Farbe geht gar nicht mehr. Das sucht Ihnen die Sonderangebote raus, da müssen Sie gar nichts mehr tun, und dann haben Sie immer passend zum Hemd, wobei: Sie sollten mal an Ihrem Stil ein bisschen feilen, wir geben da noch so gewisse Einflussmöglichkeiten, aber Sie sollten es auch bitte nicht überreizen. Diese Sandalen sind nicht witzig.

Natürlich müssen Sie nicht immer die aktuelle Kleidergröße eingeben, die errechnen wir aus Ihren Körperfunktionen. Dass Ihnen dieser kleine Helfer die nötigen Planungen abnimmt, macht er ja nur, weil auf der anderen Seite Ihre Einkäufe, sagen wir mal: wir interessieren uns schon sehr dafür, was Sie essen. Da schlagen wir Ihnen gerne mal etwas Regionales vor, nachhaltig, das Gemüse direkt vom Erzeuger, da müssen Sie dann dreißig Kilometer für ein Pfund Bio-Rosenkohl fahren, aber das ist Ihnen der Cholesterinspiegel doch wert, oder? Kleines Trostpflaster, Rezepte kriegen Sie alle gratis, per Push-Nachricht, und dann checken wir sogar, wer in Ihrer Nachbarschaft den unverpackten Reis in Empfang nimmt, während Sie Rosenkohl holen. Sie müssen das Zeug dann nur noch essen. Wenn Sie wollen, können Sie natürlich auch etwas bestellen, wir haben nämlich auch einige Kooperationen mit den wichtigsten Lieferanten, die Sie zwischendurch in der – ach, gucken Sie mal hier, gerade neu im Sortiment, Flatrate, da kriegen Sie Sushi satt vom Freitagmittag bis Sonntag um… ach, Sie mögen kein Sushi? also wenn schon Individualist, dann aber gleich richtig, wie!?

Und vor allem immer diese Kinoabende, in die Kneipe, das kann doch auf Dauer nicht gut sein. Sport müssen Sie ja gar nicht machen, wenigstens nicht mit diesem Modul, aber Ihr, ich sage mal: was Sie da als Freizeitverhalten bezeichnen, das ist für Marketingleute doch kurz vor der Zwangsneurose. Sie müssen mal raus, nicht immer dies langweilige Zeugs da, mal neue Erfahrungen machen, nicht immer dieselbe Leier, hier: Bogenschießen, aber mit mongolischer Technik, das ist noch nicht mal Volkshochschule, oder im Veranstaltungszentrum, lyrischer Abend mit Nasenflötenbegleitung, danach Diskussionsrunde zum achtsamen Miteinander bei vollem Lohnausgleich, das kann man sich doch mal geben? wann wollen Sie denn alle die Klamotten mal anziehen? So ein Sozialleben kommt ja auch nicht aus der Steckdose, seien Sie mal froh, dass Sie die richtige Unterstützung gefunden haben. Ich würde Sie ansonsten da einfach mal mit einbuchen, Sie können ja sonst einmal pro Woche immer noch ins Kino gehen, wenn Sie das wollen.

Und den neuen Job sollten Sie auch schon mal ins Auge fassen. Es wird Ihnen nichts geschenkt, das sollten Sie schon wissen, aber wenn Sie schon knapp über dem Durchschnitt leben, dann sollten Sie auch für Karriere in der zweiten Lebenshälfte offen sein. Gerade Sie mit Ihrem Beamtenstatus, da muss man doch geradezu in jeder Zelle spüren, dass das noch nicht alles gewesen sein kann! Da geht noch was, das kriegen Sie hin! Und denken Sie nicht immer an die Pensionsansprüche, Geld ist nicht alles – machen Sie trotzdem Karriere! Jeden Tag ein Berufsbild zum Kennenlernen, wir machen das mit der Bewerbung ganz automatisch, Sie müssen dann nur noch sehen, wie Sie das mit der Miete hinkriegen, wenn’s mal nicht mehr klappen sollte: Verkleinern ist durchaus eine Option, den ganzen überflüssigen Krempel kriegen Sie schon vor dem Umzug locker verlauft, wir haben den Kleinanzeigenmarkt standardmäßig aktiviert, die Fahrzeit ist natürlich variabel einstellbar, vielleicht haben Sie’s dann auch nicht mehr so weit bis zum Bio-Rosenkohl, und dann lernen Sie auch neue Leute kennen, neues soziales Gefüge, dann gehen die alten Schuhe natürlich nicht mehr, auf dem Dorf machen Sie sich damit nur lächerlich, und was die Freizeit betrifft, da sind Sie ab sofort natürlich sehr flexibel, auch in finanzieller Hinsicht, da sind dann sogar noch ein paar Extras drin, ich gucke gerade mal, wie es aussieht mit Tagesgeldkonten, oder haben Sie schon ein Depot? Eventuell Ihre, ich weiß ja nicht, haben Sie eine Frau? Freundin? ach, gar nicht?

Ich glaube, da habe ich etwas für Sie.“