Steinzeitdiät

27 04 2017

„Ruf Doktor Klengel an!“ Hildegard tupfte sich den Schweiß mit dem Handtuch ab. Sie sah blass aus, deutlich blasser als ohnehin, und es stand ihn nicht einmal gut. „Nichts täte ich wohl lieber“, sagte ich mitfühlend, „allein der alte Herr praktiziert seit Jahren nicht mehr. Wie wäre es mit der Ärztin Ecke Uhlandstraße?“

„Es ist eine Glutenallergie“, entschied sie. „Bestimmt ist es eine Glutenallergie, diese fürchterlichen Bauchkrämpfe sind ja auch ganz typisch dafür. Die Apothekenzeitschrift hatte da neulich einen Artikel.“ So schlecht konnte es ihr gar nicht gehen, dass sie nicht sofort im Altpapier neben dem Abfalleimer nach dem Blättchen gesucht hätte. Bedauerlicherweise fand sie es nicht. Ich hatte es am Tag zuvor reflexartig in kleine Schnipsel zerrissen und aus ihrem Gesichtsfeld verschwinden lassen. Das ersparte mir nicht die minutenlange Diskussion, wo sich das Heftchen nur wieder befinden könne, wohl aber ein mehrstündig angelegtes medizinisches Kolloquium. „Dein Müsli enthält Getreide, anders kann ich mir das nicht erklären.“ „Du isst kein Müsli“, gab ich in nahezu sträflicher Klarheit zurück. „Sollte Deine Allergie etwa durch den Anblick der Tüte entstanden sein oder durch das Berühren der Schüssel nach dem Abwasch?“ Grimmig blickte sie mich an. „Du musst ja nicht leiden.“

Sie litt, das ist wahr; allerdings litt sie nicht genug, sonst hätte sie nicht den Vorratsschrank inspiziert auf der Suche nach tödlichen Substanzen. Bei der Kondensmilch wurde sie fündig. „Da“, rief Hildegard aus und hielt mir das Päckchen entgegen, „mehr Allergene auf einmal kriegt man doch nicht gekauft.“ „Abgesehen davon, dass Du keine Milch in den Kaffee nimmst und diese Packung nur für Besuch geöffnet wird, wie soll man davon eine Glutenunverträglichkeit bekommen?“ Sie stöhnte. „Das Zeug ist wahrscheinlich längst überall drin und verursacht Schmerzen.“

Mehrere Minuten später schleppte sie sich in die Küche zurück. „Ab jetzt esse ich auch keine Wurst mehr zum Frühstück“, verkündete Hildegard. „Das billige Industriefleisch wird nämlich mit Eiweißen gestreckt, die mir nicht bekommen.“ Das leuchtete mir spontan ein, da man für ihren Aufschnitt sicher längst eiweißfreie Schweine gezüchtet haben wird, die man dann mit Milchpulver wieder in einen verzehrfertigen Zustand bringt. Ich hätte das wissen können, aber als Banause macht man sich natürlich keine Gedanken über so komplexe Themen, schon gar nicht beim Frühstück. Vielleicht war es aber auch der Schmierkäse, den sie täglich verzehrte. Sie lehnte das entschieden ab. „Da wird sicher kein Milcheiweiß drin sein“, verkündete sie. „Ich habe auf der Packung noch nie etwas darüber gelesen.“ „Weil Du noch nie auf der Packung etwas gelesen hast“, merkte ich an. „Das sage ich doch“, zischte Hildegard.

Erschöpft ließ sie sich auf dem Küchenstuhl nieder. „Wir brauchen eine neue Ernährungsweise“, ächzte sie, und mir dämmerte, dass sie damit nicht die Menschheit an sich meinte, sondern vor allem mich. „In der Steinzeit haben die Leute auch kein Müsli gegessen, es gab keine Milch, alle wurden satt.“ „Und in Deinem Alter waren die meisten schon längst tot“, sagte ich ungerührt, doch das war ihr egal. „Diese Steinzeitdiät ist tatsächlich gar nicht so schlecht. Ich werde mich mal informieren darüber, und dann werden wir ja sehen, ob es nicht tatsächlich die bessere Ernährung ist.“ Vor meinem geistigen Auge erschien Hildegard in einem von Knochen zusammengehaltenen Bärenfell und aß wie die Steinzeitmenschen, morgens Mammut, mittags Mammut, abends eine Handvoll Gras. Am Lagerfeuer würde sie sich als kleine Knabberei ein Flughörnchen rösten. Allerdings stand zu fürchten, dass ich das würde übernehmen müssen, denn sie stellte sich im Sommer aus Prinzip nicht vor den Grillrost, um diesem, wie sie sagte, männlich dominierten Urmenschengehabe zu entkommen.

„Ich meine, man kann sogar Avocado essen und Kohl. Die Steinzeitmenschen hätten auch Avocados gegessen, wenn sie welche gehabt hätten.“ „Das klingt logisch“, befand ich. So hatte ich das noch nie gesehen – und die Steinzeitmenschen hätten sicher auch Leberwurst nicht verschmäht, wenn sie sich Leberwurst hätten vorstellen können. So ein theoretisches Fundament macht eine Diät gleich viel attraktiver, auch wenn man sich praktisch nicht daran halten muss.

Allerdings fiel mir beim Abräumen der leere Joghurtbecher auf, der sich im Müll befand. Hildegard hatte ihn offenbar am Abend zuvor noch gegessen. „Ich kann mich nicht erinnern, diesen Joghurt in meinem Kühlschrank gesehen zu haben.“ Sie sah mich erbost an. „Natürlich nicht, ich habe ihn da auch nicht reingestellt.“ Das Etikett zeichnete diesen Joghurt als deutlich verspätet aus. Wo also kam das Ding her? „Ich hatte ihn noch in der Handtasche“, murmelte sie. Jetzt verstand ich. „Es werden sich Milcheiweiße darin gebildet haben, unter Umständen auch Gluten. Kein Wunder, dass Du diese schrecklichen Bauchschmerzen hast.“ Der Löffel flog haarscharf an meinem Kopf vorbei, traf die Wand und hinterließ einen deutlichen Fleck. Möglicherweise eine allergische Reaktion. Ich würde Doktor Klengel anrufen müssen.





Doppeldenk

26 04 2017

„Sie dürfen alles sagen, nur nicht alles denken. Klingt paradox, ist aber so. Da ist die Verwechslungsgefahr mit Rechtspopulisten natürlich vorprogrammiert, aber wir sind da sowieso komplett schmerzfrei. Die Schnittmenge ist ja hoch.

Wir haben uns die deutsche Gesetzgebung, nein: was der deutsche Justizminister an Gesetzgebung bisher versucht hat, das haben wir uns mit großem Interesse angeguckt. Man guckt sich ja auch an, was die Konkurrenz so an untauglichen Sachen auf den Markt schmeißt, damit wir auf dem Markt für soziale Medien überleben können. Und da hat uns diese Sache mit der Internethetze ganz besonders interessiert. Sie müssen das ja erstmal ordentlich definieren, bevor Sie es abschalten. Und dann haben Sie eine Sache vor sich liegen, und dann sagt einer plötzlich: klasse, endlich mal ein tolles, neues Geschäftsfeld!

Dass die Leute einen Terroranschlag live ins Netz stellen, das ist so 2016. Wir wollen uns wieder auf unser Kerngeschäft konzentrieren und mit Kommunikation in den Vordergrund treten. Richtige Kommunikation, zwischen richtigen Personen und, sagen wir mal, anderen Teilnehmern. Unser Ziel ist es, die richtige Kommunikation für die Öffentlichkeit erlebbar zu machen. Sie nennen das Gedankenlesen, weil die Presse das so plakativ in die Schlagzeilen gebracht hat – das ist nicht so ganz falsch, aber auch nicht so ganz richtig.

Wir wollen wissen, was Sie wirklich denken. Dazu müssen wir Ihr Verhalten natürlich genau analysieren, aber da Sie nicht über die passende Hardware verfügen, schließen wir Ihre Meinung aus den Parametern, die uns vorliegen. Augenbewegung oder Tippfehler, ihre mutmaßliche politische Einstellung, Aggressionsgrad, die letzten beiden kann man ja meist nicht getrennt voneinander betrachten, und vielleicht noch den sozialen Status. Es soll ja vorkommen, dass jemand überhaupt nicht erst denkt.

Unser Ziel ist es, Internethetze schon vorher zu erkennen und zu verhindern. Sie bekommen das volle Programm: wir bestimmen, was Hetze ist, und das schon, bevor sie gedacht haben, sie könnten derartige Äußerungen tätigen. Das nehmen wir für Sie zur Kenntnis, löschen es, haken es ab, und Sie sind aus dem Schneider. Ist das nicht fantastisch? Bisher mussten Sie immer noch überlegen, ob so eine Reichskriegsflagge oder Holocaustleugnen eine mehrtägige Sperre nach sich zieht, sicher sein konnten Sie sich ja nur bei unbekleideten Frauen, das bleibt auch so, aber jetzt blenden wir einfach alles aus, was uns nicht relevant erscheint. Das kann man doch als großen informationstechnischen Durchbruch bezeichnen, oder? Wenn nicht das, was denn dann?

Oder denken Sie beispielsweise einmal an Ihre bisherige Reaktion auf Werbung. Sie klicken das einfach weg, weil es Sie nicht interessiert, oder vielleicht haben Sie es auch schon ganz geblockt. Jedenfalls ist das für die Presse, für die Werbung, wollte ich sagen, für die Werbung ist das natürlich ein großer Verlust, wenn Sie das ignorieren. Für die Wirtschaft natürlich auch. Wenn wir jetzt Ihre Kaufentscheidungen umsetzen können, bevor Sie sich darüber klar geworden sind, dann ist damit doch allen gedient, oder?

Das ist ein zertifizierter Prozess, wir nennen das Doppeldenk. Gleichzeitig implementieren wir auch Abläufe wie Minimoral, aber das nur nebenbei. Mit dieser Doppeldenk-Sache können wir uns davor schützen, dass Sie sich vor uns schützen müssen. Oder war’s umgekehrt? egal, jedenfalls müssen wir das Gesetz nicht mehr umgehen, wenn Sie selbst für die Äußerungen verantwortlich sind, die Sie gar nicht einstellen. Ist das nicht bahnbrechend?

Gleichzeitig sollten wir im Auge behalten, dass wir uns auch gemeinsam für die Meinungsfreiheit einsetzen. Sie setzen sich damit erstmal für unsere Meinungsfreiheit ein – Doppeldenk, Sie verstehen? – und wir ziehen dann irgendwann mal nach. Als Initiierung eines demokratischen Prozesses ist das doch okay, oder? Wir wären ja gar nicht dazu verpflichtet, schließlich sind wir ein ganz normales Wirtschaftsunternehmen, auch wenn uns einige für ein staatlich organisiertes Paralleluniversum halten.

Und unter dieser Perspektive wäre es doch ganz gut zu verstehen, wenn wir unser Modell auch auf anderen gesellschaftlich relevanten Ebenen ausprobieren würden, oder? Man muss ja nicht gleich an Bundestagswahlen denken, obwohl: warum eigentlich nicht? Dann hätten wir unter Umständen endlich mal ein ehrliches Ergebnis, weil alle das wählen würden, wovon sie wirklich überzeugt wären. Das würde die Bundesregierung dann auch nicht mehr kritisieren, also die, die dann gewählt würde, und dann hätten wir das Problem auch nicht mehr, weil dann keiner mehr denken würde. Also Sie würden vielleicht noch denken, aber ich denke, Sie würden es dann besser für sich behalten wollen. Ist doch auch gut, oder?“





Überraschend verboten

25 04 2017

„Das muss ansteckend sein.“ Luzie guckte mich über den Rand ihrer Brille hinweg an. „Oder er schluckt Sachen, die man besser nicht schlucken sollte.“ Im Beratungszimmer saß ein älterer Herr in einem viel zu engen, viel zu grauen Jackett. Aufgeregt mustere er seine Umgebung. Anne musste jeden Augenblick kommen.

„Ich bestehe auf meinem Recht“, sagte Herr Kötter ganz entschieden, jede Silbe betonend, und unterstrich seine Ansicht noch einmal mit dem in die Höhe gestreckten Zeigefinger. „Ich bestehe auf meinem Recht, und Sie werden es durchsetzen, sonst werde ich für den Bestand meiner Ehe nicht mehr garantieren können. Sie wissen, worum es sich handelt.“ Anne blickte ihn konsterniert an. Sie hatte eine leise Ahnung, dass auch dieser Besuch ihres Mandanten mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden sein würde, aber sie wusste noch nicht, mit welchen. Aus einer grauen Mappe reichte ihr Kötter ein handgeschriebenes Blatt. „Ich habe Ihnen die rechtlichen Regelungen einmal herausgesucht, Sie werden das natürlich wissen, aber das erspart Ihnen das Nachschlagen.“ Sie warf einen Blick auf die steilen, wie ins Papier gekratzten Zeilen. „Ich hatte mir so etwas bereits gedacht“, murmelte Anne. „Das ist schwierig, nicht zu sagen vollkommen unmöglich.“

Mit größtmöglichem Umstand nahm Herr Kötter einen winzigen Schluck aus seiner Teetasse. „Wir haben in absehbarer Zeit den Tag unserer Silberhochzeit zu feiern. Meine Frau auch.“ „Ich hatte etwas in diese Richtung vermutet“, gab Anne trocken zurück, „vermutlich ist Sie mit Ihnen verheiratet?“ „Absolut korrekt“, nickte er. „Das entspricht vollkommen den Tatsachen, weshalb ich mich ja auch bei Ihnen befinde. Sie müssen diese Ehe retten, und zwar vor meiner Frau. Sie hat durch eine widerrechtliche Maßnahme vor, diese Ehe in der Blüte ihrer Jahre zu zerstören, und das darf ich nicht zulassen. Sie wird mir eine Reise nach Venedig schenken.“ „Sie werden doch mitfahren?“ Verärgert winkte er ab. „Darum geht es doch gar nicht“, schimpfte er. „Sie verstößt damit gegen die grundlegendsten Rechtsvorschriften, und ich kann das nun einmal nicht dulden. Sie will mich mit der Reise überraschen! Ist das zu fassen?“

Aufgeregt lief Kötter vor dem Fenster hin und her. „Da es sich bei unserer Ehe nun einmal um ein Rechtsgeschäft auf Gegenseitigkeit handelt, muss ich das rechtzeitig regeln. Ansonsten könnte ich Schwierigkeiten bekommen.“ „Ich vermute, mit Ihrer Frau.“ Er sah mich pikiert an. „Ich wusste, dass Sie die Rechtslage überhaupt nicht begreifen. Meine Frau will mich überraschen, das geht doch nicht! Möglicherweise wird unsere Ehe durch diese Überraschung mit der Reise quasi annulliert, und dann sitze ich auf den Kosten für die Feier, die Ehe ist kaputt, und vom Gerede will ich gar nicht erst anfangen. Da muss man doch etwas tun können.“ Er stürmte aus dem Zimmer und begab sich auf die Toilette. Ich las mir seinen Schriftsatz in aller Ruhe durch, allein ich verstand ihn nicht.

„Er bezieht sich auf einen entlegenen Paragrafen aus dem Bürgerlichen Gesetzbuch“, stöhnte Anne. „Es gibt dieses Überraschungsverbot tatsächlich, aber es bedeutet etwas ganz anderes. Man darf in einem Vertrag niemanden mit einer vollkommen unerwartbaren Regelung überraschen, denn diese würde auf der Stelle nichtig.“ „Verstehe“, sagte ich. „Wenn ich Dir ein Fahrrad verkaufte, und im Vertrag stünde, dass Du nur mittwochs damit fahren dürftest?“ „Genau“, antwortete sie, „der Kauf wäre gültig, aber fahren darf ich damit natürlich immer, nicht nur mittwochs.“ „Gleichwohl“, schloss ich, „überrascht wärest Du doch, und das wäre nicht einmal verboten.“

Kötter hatte sein Jackett noch nicht einmal zugeknöpft, als er das Zimmer wieder betrat. „Ich nehme an“, fragte er und knöpfte das Jackett wieder auf, da er sich setzen wollte, „Sie haben inzwischen eine Lösung gefunden? Gibt es einen Präzedenzfall dafür? Und wie kann ich mich jetzt verhalten, ohne die Ehe zu gefährden?“ „Haben Sie denn überhaupt einen Ehevertrag?“ Entrüstet sah er Anne an. „Aber selbstverständlich“, polterte er. „Ich werde doch eine so wichtige Sache wie eine Ehe nicht nur mit einer mündlichen Abmachung schließen. Was denken Sie nur von mir?“ Annes Hände pressten sich gegen die Tischplatte; ihre Fingerknöchel waren von hektischem Weiß. „Dann kann ich mir nicht vorstellen, dass Sie diese Reise bereits mit Ihrer Eheschließung in den Kontrakt aufgenommen haben. Oder sollte ich mich da irren?“ „Reden Sie doch kein dummes Zeug“, rief er verärgert. „Ich habe diesen Brief in der Post vorgefunden, er war versehentlich an uns beide adressiert, und darin fand ich die Bestätigung des Reisebüros. Venedig. Zwei Personen. Verstehen Sie jetzt?“ „Moment“, bremste ich Kötter. „Ihre Frau hatte Ihnen noch nichts gesagt?“ Er schüttelte verdutzt den Kopf. „Und Sie haben den Brief, gleichwohl er an Sie adressiert war, trotzdem geöffnet und den fraglichen Inhalt durch Lesen in Erfahrung gebracht?“ „Was wollen Sie von mir“, knurrte Kötter, „das habe ich Ihnen doch…“ „Sie selbst also“, unterbrach ich ihn, „haben diese Überraschung herbeigeführt, an der Ihre Gattin nur mittelbar beteiligt war. Ich darf von einer Mitwisserschaft ausgehen, weshalb sie bis zu einem gewissen Grad haftbar, wohl aber keinesfalls allein schuldig wäre. Die Verantwortung für diesen Verstoß, mag er fahrlässig herbeigeführt worden sein, liegt bei Ihnen. Ihnen ist klar, was das bedeutet?“ Er schluckte trocken. „Ich wäre damit schuldig am Scheitern meiner Ehe“, fragte er heiser, „und müsste im Falle einer Auflösung auch die Kosten tragen?“ Anne nickte. „Die Rechtslage ist da eindeutig“, sagte sie. „Sie könnten natürlich den Gerichtsweg einschlagen und sich selbst verklagen, aber das wäre ein langwieriges Verfahren. Sie würden ohnehin als unterlegene Partei auf den Kosten sitzen bleiben.“ „Kann man da denn gar nichts machen?“ Flehentlich sah er von einem zum anderen. „Sie sind ja nun schon überrascht“,tröstete ich ihn, „verzichten Sie auf die Klage und treten Sie im Zuge eines Täter-Opfer-Ausgleichs die Reise an. Dann bin ich mir relativ sicher, dass Ihre Frau auf weitere Rechtsmittel verzichten wird, und die Ehe hat weiterhin Bestand.“ „Sehr gut“, jubelte Kötter, „so machen wir das! Hervorragend! Ich wusste, Sie würden eine Lösung finden!“

Anne knetete ihre Hände. „Wenn ich jetzt auch noch wüsste, was man diesem Kauz an Gebühren abrechnen kann?“ Ich legte das von der Feder zerfurchte Blatt auf ihre Mappe. „Dir wir schon etwas einfallen. Überrasch mich!“





Dienstfahrt

20 04 2017

„Aber nur vorübergehend. Nicht länger als zwei, höchstens drei oder vier, vielleicht sechs… Monate, nicht Wochen. Monate. Das muss schon gründlich gemacht werden. Wir können die Sicherheit unserer Mitarbeiter nicht gefährden. Jedenfalls nicht mehr als nötig.

Sie landen auf einem ganz normalen Flugplatz. Ja, es gibt eigentlich keine normalen Flugplätze in Afghanistan, aber für afghanische Verhältnisse würde ich das als annähernd normal bezeichnen. Die Beschusszeiten sind nicht immer so wie vorgesehen, manchmal schicken die Taliban auch ein paar Übungstrupps durch, dann muss man halt in Deckung gehen, aber so schlimm ist das auch nicht, wenn man’s überlebt. Die meisten überleben das, jedenfalls statistisch betrachtet. Wie Sie danach aussehen? Keine Ahnung, ich habe noch nie einen gesehen, der zurückgekommen ist. Ich kriege wohl immer die statistischen Ausnahmen.

Sie wohnen auch ganz normal. Richtig, im Zelt. Sie haben den afghanischen Normalitätsbegriff schon sehr gut verinnerlicht. Halten Sie sich daran, dann geht auf Ihrer Dienstfahrt gar nichts schief. Falls irgendwas gehen sollte, das kann man vorher auch immer nie so genau wissen.

Kamele haben wir da nicht mehr, nein. Das liegt aber nicht an der Finanzdecke des Ministeriums, es liegt an zu wenig Kamelen. Die Tiere sind auch nicht dumm, die gehen halt auch eher da hin, wo es nicht ständig knallt. Und dann kann ich Ihnen natürlich noch die anderen Fahrzeuge ans Herz legen, die sind auch alle ausrangiert, wie die Zelte, und wenn Sie sich mit der Technik ein bisschen auskennen, dann fällt Ihnen auch die Reparatur viel leichter. Aus den Achtzigern, manche auch etwas neueres Baujahr, nur eben nicht die modernen Fabrikate. Die sind bisweilen etwas störanfällig. Die alten bleiben nur im Sand stecken, wenn sie unbedingt müssen.

Es ist halt Afghanistan, das gilt als sicheres Herkunftsland. Da wird nicht viel investiert, da schickt man hin, was hier bei uns nicht mehr gebraucht wird. Wieso der de Maizière jetzt immer da ist? Wie soll ich denn die Frage verstehen? Ist der immer noch Verteidigungsminister? Oder warum fragen Sie? Nein, sagen Sie mal?

Sie können schon technische Geräte mitnehmen, aber dann übernehmen wir da keine Haftung. Sie müssen das selbst besorgen. Wenn es nicht sicher ist, warum sollten wir als Regierung uns da einmischen? So dürfen Sie nicht rechnen, das ist nicht statthaft. Wir dienen hier letztlich dem Steuerzahler, da können wir nicht alles bezahlen. Schon gar nicht für sichere Länder. Wenn wir denen nämlich die Sicherheit bezahlen, dann sind die vorher gar nicht sicher gewesen, oder? Oder? Sehen Sie, so denken die meisten nämlich gar nicht, aber das muss man, wenn man in einem deutschen Ministerium ist. Oder Karriere machen will. Oder Karriere machen will, um nicht mehr in einem deutschen Ministerium zu sein.

Ja, der Sand. Der ist kostenlos, Sie können da auch gerne ein bisschen mitnehmen. Ach, Sie meinen die Sicherheitsbedenken? Dass sich Autos da festfahren? Oder Flugzeuge? Sie haben Recht, deshalb werden auch Sie da hingeschickt. Und nicht die Ministerin. Das heißt, die schicken wir auch da hin, aber nicht da, wo es zu sandig werden könnte. Man muss da ganz andere Sicherheitsmaßstäbe anlegen. Das haben Sie schon ganz gut begriffen.

Und Sie haben Ihre Schulung abgeschlossen? Gut, dann sind wir raus. Wegen der Haftungsfragen, aber das hatten wir ja schon. Sie dürfen sich da auch keine zu großen Gedanken machen, das führt nur zu Angst, oder Sie sehen die Situation plötzlich unrealistisch. Wir als Regierung wissen, wovon wir da sprechen, glauben Sie mir.

Ich empfehle Ihnen diese Teilnahme schon aus Karrieregesichtspunkten. Wenn Sie das überstanden haben, dann überstehen Sie alles. Auch Seehofer im Ministerium. Oder einen Parteitag mit…

Darf ich Sie dann schon mal fest einbuchen? Und nur zur Sicherheit, wen sollen wir denn benachrichtigen? Ich meine, im Falle eines Falles?“





Schwarze Löcher

19 04 2017

„Dass Du auch immer alles wegräumen musst!“ Was da klapperte, war unverkennbar der Schrank im Bad, wer klapperte, konnte nur Hildegard sein, denn sonst befand sich keiner in meiner Wohnung. „Wie soll ich morgen das Paket abholen, wenn Du immer alles wegräumst!“

Meine Rasierwasservorräte wären auch ohne sie zur Neige gegangen, ganz zu schweigen von den Stecknadeln, die seit längerer Zeit unbedingt in meinem Spiegelschrank aufbewahren musste, weiß der Teufel, wozu. „Dann steht man im Bad, braucht dringend eine Nadel, Du weißt schon.“ „Ich weiß nicht“, hatte ich wahrheitsgemäß geantwortet, aber Ihr Zorn ließ das natürlich nicht gelten. „Ich möchte nicht immerzu im Bad stehen und alles suchen“, hatte sie in einem ihrer wirklich seltenen großen Ausbrüche geschrien – sie hatte manche laute, die waren öfter, aber kaum große Ausbrüche, höchstens zwei oder drei am Tag, manchmal auch pro Stunde – und gerade jetzt hätte ich diese Worte zitieren mögen. Es wäre nur sinnlos gewesen. Ich wusste nicht einmal, um welches Paket es sich handelte.

„Ich habe mir Bücher schicken lassen“, gab sie mir zu verstehen, „Fachbücher – es kann ja wohl nicht verkehrt sein, sich beruflich zu bilden, und wie soll ich das sonst bitte machen!?“ „Fangen wir doch mal logisch an“, überlegte ich. „Wo hattest Du diese Karte denn hingelegt?“ „Woher soll ich denn wissen, wo Du sie hingeräumt hast!“ Da war es wieder, das Grundproblem unserer Kommunikation. Sie wusste auf alles eine Antwort, nur nicht auf die entscheidende Frage. „Und Du bist Dir absolut sicher, dass Deine Karte sich im Bad befindet?“ Mit grimmiger Miene äugte sie aus dem Türrahmen. „Soll ich vielleicht lieber im Kühlschrank suchen?“

Langsam hatten wir den Sachverhalt eingekreist und näherten uns einer Lösung. Die Karte, ein ganz normales Stück Papier mit Datumsaufdruck, hatte im Briefkasten ihrer Wohnung gesteckt, als sie am Nachmittag nach Hause gekommen war. Da sich das Postamt gleich hier in der Nähe befindet, hatte Hildegard die Benachrichtigung mitgebracht und, so war der Stand der Dinge, in diesem Stockwerk zuletzt gesehen. Zielstrebig schritt sie in mein Arbeitszimmer und griff ins Regal. Band für Band zog sie die Literaturgeschichte heraus, Folianten von einigermaßen statthaftem Umfang, blätterte in jedem einzelnen – nichts. „Du benutzt ja alles als Lesezeichen“, nörgelte sie, „ich erinnere mich noch, wie die Opernkarten für Breschkes hier drinsteckten und bis zum letzten Moment verschollen waren.“ Es war zwar ein Geschenk zum Hochzeitstag, gut aufgehoben im Opernführer, und der stand beim pensionierten Finanzbeamten in der Schrankwand, doch wozu sollte ich mit Einzelheiten den Prozess unterbrechen. Gerade jetzt, wo wir uns dem Ziel schon so weit angenähert hatten.

„Ich habe sie sicher in den Stutzflügel gesteckt“, teilte ich Hildegard beiläufig mit. Sie wollte gerade den Deckel des Instruments anheben, da hielt sie inne. „Du hättest dazu die Murano-Schälchen und die Seidendecke abnehmen müssen“, sagte sie mit einem gefährlichen Unterton. „Warum hättest Du das tun sollen?“ „Erst wollte ich sie in den Toaster legen“, begehrte ich auf, „der wird täglich benutzt, so wäre die Karte nie in Vergessenheit geraten.“ Sie wandte sich ab und verschwand im Schlafzimmer. Mit meiner Krawattensammlung würde sie genug zu tun haben.

Das Geräusch einer in sich zusammenfallenden Baustelle riss mich aus der Meditation. „Ich finde einfach nichts“, jammerte Hildegard. „Du hast noch genau vierhundert Euro in kleinen Scheinen in der unteren Schublade, drei Brillenputztücher und eine Schachtel Büroklammern.“ „Tatsächlich“, sagte ich erstaunt. „Würde es Dir etwas ausmachen, sie ins Bad zu bringen? Man weiß nie, wann man im Bad eine Büroklammer braucht.“ Sie verfehlte mich mit dem Pappschächtelchen nur knapp. Dreihundert Büroklammern würden schnell aus dem Teppich entfernt sein.

Schublade um Schublade zog sie auf, doch ohne Ergebnis. „Du solltest hier alles kartografieren“, schlug ich vor. „Die ganze Wohnung. Am besten mit einer Strichliste, oder noch besser: Karteikarten. Da kann man dann immer alles indiziert und in ordentlicher Reihenfolge eintragen, wenn mal etwas umgeräumt wird.“ Hildegard atmete deutlich hörbar ein. „Deine Wohnung hat Schwarze Löcher“, sagte sie. „Gut, dass Du noch nichts kartografiert hast“, antwortete ich erleichtert. „Du hättest am Ende eine Karte verloren.“

Sie tat, was sie in solchen Fällen immer tat, und ging einkaufen. „Wenn Du noch etwas brauchst“, ließ sie mich wissen, „dann sag es jetzt. Ich nehme noch einen von diesen Beuteln mit, die passen noch in meine Handtasche.“ Ansonsten waren in diesem ledernen Behältnis nicht viele Dinge, ein Schlüssel, ein Telefonbuch, ein Akkuschrauber, zwei Dosen Schuhcreme, eine halb fertiggestellte Kathedrale ohne Chor und mit fehlendem Westwerk, noch ein Schlüssel sowie eine Karte, die zur Abholung eines Postpakets berechtigte. „Du hattest Recht“, gab ich zu, „sie befindet sich doch in meiner Wohnung.“ Hildegard mopste sich. „Wenn ich die Krawatten wieder eingeräumt habe, werde ich kurz nachsehen, ob im Schlafzimmer noch Platz ist. Falls Du zufällig im Bad ein Bernsteinzimmer findest.“





Siegessäule

17 04 2017

„… keine Gefahr bestehe, wenn Trump in einer Kutsche durch Berlin gefahren werde. Der US-Präsident habe vor der Reise persönlich mit Gott besprochen, dass er keinerlei…“

„… zu Protesten mit der Linksfraktion geführt habe. Der zuletzt von Kaiser Wilhelm II. benutzte Zugwagen müsse erst instand gesetzt werden, was mit Kosten in Höhe von…“

„… mit einem kompletten Verdienstausfall zu rechnen sei. Die Berliner Taxifahrer hätten daher angekündigt, den Präsidenten durch zahlreiche Auffahrunfälle zu…“

„… die komplette Achse von der Heerstraße bis zum Brandenburger Tor befahren wolle. Bei einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von drei Kilometern pro Stunde rechne man in den späten Abendstunden mit der Ankunft des…“

„… körperliches Unwohlsein in ihrem Alter eine große Gefahr darstelle. Merkel wolle daher den amerikanischen Gast weder innerhalb noch außerhalb ihres…“

„… habe Trump einen Jobboom angekündigt. Allein für die Kutschfahrt habe das Weiße Haus fünf Millionen US-amerikanische Jubler angestellt, die sich auf eigene Kosten mit Frachtmaschinen nach…“

„… die vorgesehenen Winkelemente noch mit Hammer und Sichel in Auftrag gegeben habe. Die US-Administration könne diesen Deal jedoch nicht mehr rückgängig machen, da sonst mit Mehrkosten in erheblicher…“

„… das Finanzamt Charlottenburg evakuiert werden müsse. Trump habe nichts zu verbergen, weil alle Meldungen über etwaige Schulden bei deutschen Investoren gelogen oder von Hillary Clinton aus klassifizierten Dokumenten entnommen worden seien, aber…“

„… und umfangreiche Sicherheitsmaßnahmen getroffen würden. Da sämtliche Dächer entlang der Route überprüft werden müssten, sei mit einer Vorlaufzeit von mindestens…“

„… die angekündigten Jubelfachkräfte nicht rechtzeitig nach Deutschland ausfliegen könne, da der geplante Hauptstadtflughafen bis zum Herbst dieses Jahres wohl nicht…“

„… die Fähnchen aus der Ivanka-Trump-Kollektion zum Stückpreis von neun Dollar auch in den USA verkauft würden. Wahrscheinlich sei der Erlös jedoch nicht ausreichend, um die…“

„… die Berliner Polizei kritisiert habe. Trump wolle während seines Aufenthaltes in der deutschen Hauptstadt keine muslimischen…“

„… gefragt habe ob man auf der Kutschfahrt einen Abstecher nach Belgien machen könne. Das Auswärtige Amt habe dies bedauert, es handle sich dabei weder um einen Berliner Bezirk noch um…“

„… die Fähnchen aus chinesischer Fertigung seien. Die Öffentlichkeit habe dadurch nur erfahren, weil der deutsche Zoll sich widerrechtlich in die…“

„… das Denkmal für die Sowjetischen Soldaten vor der Vorbeifahrt entfernt werden müsse. Im Falle einer Zuwiderhandlung habe die US-amerikanische Regierung mit Wirtschaftssanktionen, einer militärischen Intervention sowie dem Boykott der Olympischen…“

„… von der deutschen Polizei eine komplett mit schusssicherem Glas verkleidete, aber offene Kutsche verlangt habe, um von allen Besuchern am Straßenrand…“

„… das Gefährt vorab nach New York zu liefern, um Übungsfahrten vom Regierungssitz im Trump Tower bis zur…“

„… die NSA nicht sicherstellen könne, dass alle europäischen Terroristen ausreichend überwacht würden. So müsse man insbesondere mit rechten Gewalttätern rechnen, die vom Verfassungsschutz als folkloristische…“

„… den Botschafter einbestellt habe. Bei einem angekündigten Besuch im Herbst wolle Putin nicht nur mit der Kutsche nach Berlin, sondern auch quer durch die…“

„… für die Dauer seines Aufenthalts das Bundespräsidialamt sowie Schloss Bellevue provisorisch an der Fahrtroute nachbauen solle. Trump beabsichtige, im Vorbeifahren dem Bundespräsidenten zuzuwinken, da sonst Fake News behaupten würden, er habe ihn in Europa gar nicht…“

„… einen Umweg über den Alexanderplatz machen müsse. Die Präsidentengattin wolle ihre erste Schuhkollektion im…“

„… auf einem Foto die Berliner Freiheitsstatue gesehen habe. Trump wolle unbedingt durch eine dreimalige Umrundung die…“

„… nicht möglich sei, das Kaiserliche Wappen durch ein Trump-Logo zu ersetzen. Er müsse für die Dauer seiner Fahrt als…“

„… wünsche sich Trump eine originalgroße Kopie der Freiheitsstatue für den Garten hinter seinem Büro in diesem Haus, in dem er ab und zu mit diesen Typen, die er schon mal…“

„… der Vatikan das Gesuch der Überlassung eines Papamobils für den Trump-Besuch abschlägig beschieden habe. Papst Franziskus habe den amerikanischen Präsidenten als durchgeknalltes Arschloch bezeichnet, das gefälligst seine…“

„… die Kutschfahrt für Trump zu hohe Risiken berge. Das Übergewicht des Staatsgastes sei für die Kutsche technisch nicht…“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXIX): Empörungsmarketing

14 04 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Tidekind der Beknackte war sich sicher: vom Drachen volle Möhre ausgemöllert, das musste für ordentlich Gesprächsstoff sorgen. Schließlich war Ludeger der Ersetzbare kurz zuvor mit einer ähnlich dünnen Story in die Liga der A-Promis aufgestiegen und hatte kurzfristig dasselbe Ansehen beim Erzbischof wie Tschülperich von Dingenskirchen. Doch der Held half kräftig nach. Achsbruch durch marodierende Ostsachsen im Gelände, der von der Vollkaskoversicherung natürlich nicht übernommen wurde, die fristlose Kündigung der Schildmaid nur wegen dreier ausstehender Monatsgehälter plus Sterbegeld und Rentenversicherungsbeiträgen, zu allem Überfluss auch noch ein Zauberspruch, der in der Garantiezeit seine Wirkung einbüßte – wer würde da nicht erzürnt die Fäuste in den Äther schmeißen und Gott sowie Welt anklagen? Nur mit Empörungsmarketing, wusste unser Teilzeitheld, würde sich das Blatt wenden. Wenn überhaupt.

Gibt es überhaupt Gründe für die grassierende Aufmerksamkeitsökonomie, so ist das jäh flutende Aufkommen an Skandalisierungstatbeständen ein wesentlicher unter ihnen. Was Werbung an offenen Flanken nicht lassen konnte, was Wahlkampf und andere schöpferische Zerstörung nicht in die Hirne nageln kann, wird mit der Steigerung als einzigem Kriegsmittel erledigt. Ethische Motive sind dabei verhältnismäßig wumpe, sie finden statt, werden abgehakt, gelocht und eingedost. Was sich nicht am Leben erhalten lässt, während die Tiefe der Debatte mählich zu populistischer Grütze gerinnt, hat auch kein Recht auf Leben. Was bisher geschah: nichts. Aber das ist besser als gar nichts.

Die Kunst, den Deppen kommunikativen Brüllmüll in den Neocortex zu schwiemeln, besteht großflächig darin, ihr Interesse auf komplett irrelevanten Quark zu lenken. In Brasilien wird Kaffee ins Meer gekippt, in Hessen leiden die Schweine – freilich vor der Tötung aus humanem Interesse, denn wie sonst ließe sich das Kulturgut Rollbraten realisieren, wenn nicht durch Sau-KZ – und die Öffentlichkeit wird durch den regen Bau von Brunnen und Mädchenschulen der Armee unter Flächenbombardement darauf aufmerksam, wo sich sichere Herkunftsländer befinden. Sind Erwerbslose jährlich für den Leistungsmissbrauch zuständig, den Steuerhinterzieher auch bei Wohlverhalten schon an einem Tag wuppen, die BILD-gebenden Verfahren der sozialen Exklusion drehen ungehindert frei und wünschen den Wehrlosen Warzen und Pest. Keiner denkt an die Kinder, während die Mainstreampresse Hunderte von Kartellen offenlegt, die sich wegen der lächerlich geringen Bußgelder für jeden professionellen Schweinepriester lohnen. Es muss, wenn die Öffentlichkeit ins Spiel kommt, auch noch witzig sein. Aber lassen wir das.

Dekontextualisierung, Rekontextualisierung, die schlichte Deklaration von Fakten als Meinung – jedenfalls nicht besser als andersherum – die Werkzeuge der vulgären Demagogie sind aus steinzeitgerechtem Gussstahl, wenn überhaupt. Aber sie wirken, wenngleich rein zerstörerisch. Seit jeher kristallisiert sich aus dem weißen Rauschen der Kopfarbeitskräfte, dass halbwegs demokratisch verfasste Herden nur dann auch halbwegs demokratisch funktionieren, wenn an der Basis das Bewusstsein herrscht, einem luxuriös ausgestatteten Schmierentheater beizuwohnen, teils als Nebendarsteller, eingesprungener Antiheld oder tragisch geschminkter Chor. Keiner von ihnen käme je in die Verlegenheit des Denkens, sie leben von der suggestiven Regie, schlimmstenfalls durch die plärrenden Bettnässer vom Schnauzbartverleih, sonst von wohlmeinenden Diktatoren. Sie hegen die Bekloppten ein mit Flüstertüte und Schlagzeilen, das nächste Gezeter immer im Anschlag, damit die Hohlhupen nie das Gefühl bekommen, untätig und schweigend zu sein – sie sagen wenig, mehr ist es ein akustisches Wiederkäuen, aber nie gefährdet die herrschende Ordnung, was da von innen an die Wände schallgeschützter Echokammern suppt. Die Stabilität ist gewahrt, wo die Krücken noch fest an der Wand kleben, sich für Stützen der Gesellschaft halten und die Scherkräfte verteidigen, die ihnen gerade den Boden unter den Füßen wegzerren. Sie ließen es sich eher als mangelnde Flexibilität ankreiden, als nicht überraschend die Meinung über Bord zu hieven.

Wo immer ein Zusammenhang existiert: raus mit der Machete. Wichtig an der Empörung ist die Betroffenheit, vor allem da, wo der Betroffene sie sich einbildet. Im Zweifel fühlt er sich als nicht mehr dem eigenen Vaterland zugehörig und wie eine fremde Kolonialmacht gründlich ausgebombt, was bürgerkriegsähnliche Reflexe aus dem Brägen nudelt. Aber auch das lässt sich durch Schweigen steuern, durch mediale Kontrapunkte, zur Not mit mühsam in Szene gedroschenen Schandtaten, die den Brackwasserdemokraten überfordern. Krieg ist immer anderswo, deshalb demonstriert er auch nicht vor seinem eigenen Gartenzaun. Was will man als haftungsbeschränkter Rechtsstaat mehr.