Anlasslos

21 03 2017

„Guten Tag.“ „Äh…“ „Sie wissen, warum ich Sie anhalte?“ „Nein.“ „Schade.“ „Aber…“ „Ich hatte gehofft, Sie könnten mir einen Grund nennen.“

„Sie winken hier einfach so Fahrer raus, ohne einen Grund zu haben!?“ „Natürlich nicht.“ „Na also, ich dachte schon, Sie würden sich über mich lustig machen.“ „Aber keinesfalls!“ „Dann bin ich ja beruhigt.“ „Sehen Sie?“ „Und welchen Grund haben Sie?“ „Der Bundesinnenminister.“ „Was?“ „Das ist jedenfalls das, was ich Ihnen sagen kann.“ „Der Bundesinnenminister ist der Grund, warum Sie mich hier rauswinken? Wie soll ich das denn bitte verstehen?“ „Sie müssen gar nichts verstehen, das hat keiner von Ihnen verlangt.“ „Wie bitte!?“ „Jedenfalls ist mir bisher noch nie zu Ohren gekommen, dass der Bundesminister erwartet hätte, dass irgendjemand das versteht, was er da von sich gibt.“ „Aber…“ „Das ist aber insofern auch gut, weil sowieso keiner versteht, was der Mann will.“ „Und darum halten Sie mich an?“ „Unter anderem.“ „Was heißt das: unter anderem?“ „Ich kann Ihnen das auch nicht so genau sagen.“ „Lassen Sie mich raten: ein Teil Ihrer Antworten könnte mich verunsichern?“ „Nein, der Bundesinnenminister muss wohl der Ansicht gewesen sein, dass ich von einem Teil seiner Gründe verunsichert werden könnte, deshalb hat er sie mir vorsichtshalber gar nicht erst genannt.“

„Sie winken mich heraus, weil Sie nicht wissen, was das soll?“ „Nein, nur anlasslos.“ „Das ist doch wieder Wortklauberei.“ „Ja, aber rechtsstaatlich ist das durchaus möglich.“ „Dass Sie mich hier rauswinken?“ „Zumindest die Wortklauberei.“ „Und Sie winken mich einfach so raus, labern mir einen Blumenkohl ans Ohr und lassen mich dann weiterfahren?“ „Nein, ich brauche schon gewisse Anhaltspunkte, um eine anlasslose Kontrolle an Ihrem Fahrzeug durchzuführen.“ „Zum Beispiel welche?“ „Dass kein Anlass besteht.“ „Wozu?“ „Na zu einer Kontrolle. Ist doch logisch, wenn nämlich ein Anlass bestehen würde, dann wäre es ja schlecht eine anlasslose Kontrolle.“ „Hä?“ „Sehen Sie, jetzt sind Sie auch mit der Situation überfordert.“ „Wie Sie?“ „Das habe ich damit nicht sagen wollen.“ „Aber Sie haben es gesagt.“ „Aber nicht gewollt!“ „Egal.“ „Sie machen mich verantwortlich dafür, dass ich hier nur meinen Job erledige?“ „Jetzt fängt die Leier an!“ „Ich kann doch nichts dafür – Sie haben dieser Regierung gewählt!“ „Habe ich nicht.“ „Dann müssen Sie sich in einer Demokratie nun mal damit abfinden, dass sie rechtmäßig im Amt ist und die Sicherheit in Deutschland anlasslos sicherstellt.“ „Was ist das denn für eine bescheuerte Formulierung?“ „Von mir kommt die nicht. Sie wählen wahrscheinlich die falschen Leute.“

„Also jetzt noch mal Klartext.“ „Gerne! Ich bin immer für Sie da, solange Sie die Hände auf dem Lenkrad haben und keine leichtfertigen Bewegungen machen.“ „Und Sie haben natürlich keinerlei Anlass, um mich hier festzuhalten.“ „Nein, sonst hätte ich Sie nicht festhalten dürfen.“ „Das heißt, Sie halten mich fest, weil sie genau wissen, dass ich nichts gemacht habe?“ „So einfach dürfen Sie das nun auch wieder nicht sehen. Man muss schon bedenken, dass man mit einer anlasslosen Inhaftierung sehr gute Ergebnisse erzielen kann.“ „Aha, ich bin also schon verhaftet?“ „Natürlich nicht! Ich kann Sie doch nicht anlasslos verhaften, schließlich leben wir in einem Rechtsstaat.“ „Von dem in der Vorstellung des Bundesinnenministers nicht besonders viel übriggeblieben ist.“ „Sie sind aber empfindlich!“ „Sie werden lachen, es besteht auch jeder Anlass dazu.“

„Sie werden doch sicher Verständnis haben, dass wir auf die Sicherheit achten müssen.“ „Sehe ich etwa aus wie ein Bankräuber?“ „Sie sehen nicht aus wie ein Terrorist.“ „Bitte, was?“ „Sie sehen für mich nicht wie ein Terrorist aus, deshalb habe ich Sie herausgewunken.“ „Sind Sie noch ganz dicht!?“ „Im Zuge der Schleierfahndung müssen wir vor allem Schlepper und Terroristen ins Visier nehmen. Die bedrohen uns, sagt der Bundesinnenminister.“ „Und ich sehe aus wie ein Schlepper, wie?“ „Ach wo, in Ihren Kleinwagen passt ja nur ein Beifahrer, und der Kofferraum ist auch zu klein.“ „Also kein Schlepper.“ „Definitiv nicht. Deshalb habe ich Sie auch…“ „Und Terrorist bin ich zufällig auch keiner, oder wie ist das jetzt?“ „Selbstverständlich nicht, ich sage Ihnen doch: Sie sind absolut unverdächtig. Ich habe Sie kontrolliert, weil ich absolut keinen Anlass dazu sehe.“ „Wollen Sie mich verarschen?“ „Das müssen Sie den Bundesinnenminister fragen, ich mache die Regel nicht. Ich mache nur meinen Job.“ „Sie halten mich an, weil Sie nicht wissen, ob ich…“ „Nein, eben nicht: weil ich weiß, dass Sie kein Terrorist sind, deshalb halte ich Sie an.“ „Und das ist Ihr Job?“ „Sagen wir so, damit sichere ich meinen Job, vielmehr: ich sichere den Job des Bundesinnenministers.“ „Indem Sie mich anhalten und anlasslos kontrollieren?“ „Klar. Wenn wir alle kontrollieren, bei denen wir mit einiger Sicherheit annehmen können, dass sie ungefährlich sind, haben wir genug zu tun, das sichert unseren Job, die Öffentlichkeit fühlt sich auch sicher, weil jeder weiß, wir machen hier nur unseren Job, und wenn jemand tatsächlich…“ „Ach, rutschen Sie mir doch den Buckel runter!“ „Moment mal, Sie können doch jetzt nicht einfach… – Guten Tag! Sie wissen, warum ich Sie anhalte?“





Brandschutzkontrolle

20 03 2017

„… vorerst nur in der Spätphase des Wahlkampfs untersagen wolle. Es sei aber auch denkbar, die Auftritte bayerischer Politiker im Bundesgebiet vollständig zu…“

„… mit dem typischen Faschismus der linksgrünen Stalinistenschweine vorgehe, die die geistig normalen Menschen in einem veganen KZ zu Pädophilie und dem Niederreißen von Kirchen für mehr Windkraftanlagen umerziehen wolle. Scheuer werde jeden dieser undemokratischen Vergewaltigungsversuche der…“

„… einfach mal die Fresse halten solle. Solange die CSU außerhalb des Freistaates nicht antrete, werde Altmaier ihr keinerlei…“

„… bis zur letzten Patrone verteidigen werde. Seehofer plane eine Propagandatour entlang der bayerischen Nordgrenze, die Lautsprecherwagen und weitere wahlkampftechnisch erprobte…“

„… nicht nur wegen der permanenten Attacken auf Merkel ablehne. Das Bundeskanzleramt sei auch davon überzeugt, dass die …“

„… viele Exilbayern in der BRD lebten, die wegen des sozialistischen FDJ-Maulwurfs IM Erika gezwungen seien, eine Chaotentruppe aus der kubanischen Irrenanstalt zu…“

„… dass immer noch das Überflugsrecht über andere Bundesländer bestehe. Dobrindt habe eine Handzettelaktion ins Gespräch gebracht, die mit Hilfe mehrerer Tonnen von Papier pro Tag gegen die Zerstörung des deutschen…“

„… sich Petry gegen eine garantiert auf allen Plakaten und in sämtlichen TV-Spots präsente Zweitstimmenkampagne für die AfD bereiterklärt habe, ihre Termine in den Maritim-Hotels kostenfrei auf die bayerische Schwester zu…“

„… seien verhältnismäßig schnell vom Verfassungsschutz enttarnt worden. Söder habe vor laufender Kamera bereitwillig Autogramme gegeben, während seine Begleiter sich als libanesische Touristen in einer Kölner…“

„… die Polizei Aigner an der deutsch-bayerischen Grenze zurückgeschickt habe. Die Ministerin sei mit der Absicht, einen Zehn-Punkte-Plan zu entwerfen, wieder nach…“

„… einen eigenen Botschafter oder eine ständige Vertretung in Deutschland zu etablieren, da der Freistaat ihn dann nach Belieben zurückrufen oder sogar…“

„… im Straßenwahlkampf agitierten. Den V-Leuten des Inlandsgeheimdienstes sei aufgefallen, dass am Wahlstand in Bad Bramstedt CSU-Fähnchen für einen…“

„… sich in zwischen 69% der Deutschen für ein Einreiseverbot bayerischer Politiker ausgesprochen hätten, bei CDU-Wählern seien dies sogar…“

„… zumindest nicht in diesem Wahlkampf, da die Regierung keinen Unterschied zu machen gedenke. Seehofer habe harte Sanktionen für die Zerstörung der internationalen Reputation Bayerns angekündigt, er werde die Niederlande nie mehr…“

„… von den blutschänderischen Verrätern der Deutschheit, die die Zernichtung der arischen Volksseele durch die Weisen von Zion vor tausend Jahren bereits beschlossen habe, der qualvolle Niedergang des bajuwarischen Gaus und seines männlichsten Willens zur Härte nur durch die brutalste Entscheidungsschlacht zurückgeschlagen werden könne. Höcke werde sofort nach dem…“

„… bereits ersichtlich sei, dass die Prognose auch in Zukunft sehr unsicher ausfallen werde. Eine Integration der bayerischen Minderheit in den anderen Bundesländern sei so gut wie gar nicht…“

„… keine offiziellen Auftrittsverbote gebe. Die Bundesregierung wolle angesichts der Zündeleien nur zu einer verstärkten Brandschutzkontrolle…“

„… alle Nazi-Überbleibsel aus Deutschland zu beseitigen wünsche. Seehofer habe dabei nicht bedacht, dass auch er selbst mit dem…“

„… die Regierung eine Abspaltung in Aussicht stelle, wenn bereits vorher ein Doppelpass für Bayern und die Bundesrepublik…“

„… die Bundesregierung von Bayern eine Obergrenze für Entgleisungen der CSU fordere, da auch Kinder und Jugendliche im…“

„… die Austrittsverhandlungen aus der EU noch beschleunigen könne. Eine weitere Konfrontation der deutschen Bevölkerung mit dem bayerischen Kabinett sei nicht mehr zumutbar und könne zu schweren diplomatischen…“

„… bräuchte die Bundeskanzlerin Bayern gar nicht, um die Anzahl der Flüchtlinge zu reduzieren, was jedoch Seehofer bisher nicht…“

„… vor der UNO aufgefordert worden sei, die Unterdrückung der fränkischen Volksgruppe sofort zu…“

„… einen als Folkloreabend getarnten Auftritt von Christine Haderthauer und Beate Merk mit einem Polizeieinsatz aufgelöst habe. Das LKA Niedersachsen habe den Verkaufsstand mit Modellautos zugunsten der Christsozialen als Devisenvergehen…“

„… als Hirnverlauster Alpensepp / Jodelbazi, Bierschissdepp tituliert worden sei. Seehofer habe die Klage gegen Böhmermann sofort vor dem Hamburger…“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXV): Pseudointernationalität

17 03 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es muss im späten Mittelalter gewesen sein. In Bad Gnirbtzschen gab es höchst selten auswärtige Besucher, und wenn, dann kamen sie nicht in friedlicher Absicht. Ein durchreisender Irrer auf der Suche nach einer Ware des täglichen Bedarfs hatte seinen Wortsalat einem der ortsansässigen Händler in die Gehörgänge gepfropft – man schrieb, wie man sprach, nur konnte kaum jemand schreiben – und meinte nun, das gewünschte Butterbrot würde in fremder Zunge mit akzentuiertem Geschnalze tituliert, das zur Steigerung der Produktakzeptanz als neuer Produktname herhalten könne. So brachte der Bäcker seine Bemme fortan als bröselnden Steinbruch enthemmter Konsonanten auf den Markt und freute sich am Volk, das sich täglich beim Kauf das Zungenbein prellte. Geboren ward die heute zur vollen Blüte geschwollene Pseudointernationalität.

Der Beknackte sieht es, sobald er auf der Suche nach einem Coffee to go das City Center shoppend durchquert, wobei er sich zunächst auf einer ganz normalen Anglizismendeponie wähnt. Doch der blecherne Überzug der Angelegenheit täuscht. Es reicht den Buinessleuten nicht mehr, dass der CEO sich asap committet, sie müssen sich eine neue Lebenswirklichkeit schnitzen – nicht einfach, wenn nur noch Magerquark im Kühlschrank dümpelt.

Wie ein aus durchgekautem Geschenkpapier geschwiemelter Goldgrundersatz orgelt sich der ins Dummdeutsche eingeschriebene Service Point in die Ohren wehrloser Reisender: was weniger als nichts bedeutet – darin übrigens dem Service-Versprechen des Transportunternehmens mit den vielen Zügen durchaus vergleichbar – und in der englischen Hochsprache nicht einmal entfernt vorhanden ist, führt ein deutsches Eigenleben aus fadenscheinigen Gründen. Der Teutone quakt so perfekt auswärts, dass er sogar die Einheimischen anderer Herren Länder in die Tasche zu stecken versucht. Es bleibt beim Versuch, aber der sieht schon peinlich genug aus, um das weltmännisch gemeinte Verbalgehampel in einen Schuss vors Knie zu verwandeln.

Inzwischen haben die Parallelgesellschaften sich wie Mehltau über die einstmals reibungslos funktionierende Kommunikation gelegt. Während die durchschnittliche Schnitzelbude erst einmal nur auf Verlangen ihre Speisekarte auf Englisch vorlegt, ist das Bodenpersonal schon weiter und begrüßt in den höheren Etagen der Hauptstadt fremdsprachig, auch wenn es sich nachweislich um einheimische Kunden handelt. Die Strategie ist nicht so ganz ungeschickt, kann man doch durch beharrliches Ausgrenzen den lokalen Sott elegant vor die Tür ekeln, wenn er seine Austern dialektfrei hinters Zäpfchen kippen will.

Jenes auf höherem Level geistig gestörte Personal, das mit seinem grotesken Sprechmatsch die Liste der intellektuellen Unterkellerung knapp anführt, wird dicht gefolgt von einer Beschilderung auf Flughäfen, deren Verbrauch selbst bei einer Inlandsreise nicht ohne ein Cambridge-Zertifikat möglich scheint. Müde fischt ein Senior Junk and Trash Management Assistant die ausgelutschten Dosen aus der Reststoffbowle, damit man merkt: ja, wir sind immer noch in good old Europe. Denn so professionell wie selbstvergessen spiegelt nur der Deutsche eine Weltläufigkeit vor, die er nicht einlösen kann, da der gemeine Mann außer Rad nichts zu brechen vermag. Lustigerweise sind es genau die Spezialisten, die den dentalen Frikativ gründlich versabbern, mit denen sich unschuldige Personen herumärgern müssen, die anderer Sprachen sogar mächtig wären, aber dem Geseier der Großmannssüchtigen einfach nie Herr werden. Je miserabler man eine Fremdsprache beherrscht, desto eher wird sie rücksichtslos als Distanzwaffe eingesetzt.

Vermutlich wird demnächst in einem beliebigen Kurzwarengeschäft dem Kunden mit aushäusigen Brocken die Tür aufgesperrt, weil sich die Leute dazu durchgerungen haben, nur noch von Touristen zu leben, die zum Nähgarnkauf nach Deutschland kommen. Als Instrument im Standortmarketing ist die Idee selten beknackt, aber manche tun es ja auch für die nachhaltige Blamage. Wenn man schon eine Liste anführen kann, ist es auch schon egal, welche es ist.

Werden sämtliche Integrationsleistungen bald eingestellt? oder verlangt man von neuen Bürgern dieses Landes auch schon, dass sie in fließendem Englisch ihr Butterbrot einkaufen? Wenn ja, dann wäre wenigstens die Spaltung dieser Gesellschaft schneller überwunden, da die meisten Einwanderer des Englischen mächtig sind, meist mächtiger als das deutsche Empfangskomitee. Und damit beginnt die schleichende Zerstörung unserer Muttersprache. Man wird sich keine Bratwurst auf Hessisch mehr kaufen können. Kein Taxifahrer versteht dann den Dresdner in Leipzig, nicht mal auf Englisch und erst recht nicht umgekehrt. Eines Tages wird man nichts ahnend in einen Fernzug einsteigen, im Abendlicht verschwindet die Bahnhofshalle mit dem verwaisten Auskunftsschalter, und eine Stimme plörrt durch die dicke Luft: Ssänk ju foa träwwelink uiß Deutsche Bahn.





Grund: Wasser

16 03 2017

„Man muss sie sehr locker halten.“ Herr Breschke hielt sie dementsprechend locker, mit dem Effekt, dass sich nichts tat, gar nichts. „Vielleicht halten Sie sie noch nicht locker genug“, sann ich, während der alte Herr in winzigen Schritten über den Rasen tippelte. Dabei war dieses kleine Stück Draht sicher nicht alleine das, was sich bei ihm gelockert hatte.

„Ich habe mir das natürlich sehr genau erklären lassen, denn man muss ja die wissenschaftlichen Grundlagen verstehen, bevor man sich auf so ein Experiment einlässt.“ Er fasste den gebogenen Metalldraht an beiden Händen an, so dass die Spitze ein wenig nach oben zeigte. Ob sich das auf die Empfindlichkeit der Wünschelrute auswirken würde, wusste weder er noch ich, aber wenigstens würde es das Ergebnis nicht verändern – was aber in diesem Augenblick nur mir klar war. „Und Sie sind wirklich der Ansicht, dass Sie mit diesem Ding Wasser unter der Grasnarbe aufspüren können?“ Horst Breschke nickte heftig, zuckte aber jäh ob der Veränderung seiner eigenen Bewegung zusammen. Vielleicht, so dachte er wohl, würde das Wackeln seine radiästhesistischen Wahrnehmungen außer Rand und Band gebracht haben. Ich blieb skeptisch. „Früher“, sagte ich mit kritischem Unterton, „hat man das mit einer einfachen Astgabel gemacht, aber heute muss es gleich ein hochtechnisches Gerät sein.“ Er runzelte die Stirn. „Man macht das heute eben viel wissenschaftlicher. Das hat mir auch alles Ihre Nachbarin erklärt.“

Ach, Sigune. Vor langen Jahren war sie eine harmlose Körnerfresserin gewesen, die ihr Brot mit informativ gerührtem Vollmondwasser buk und den Topfpflanzen henochische Frühlingsreime vortrug, dann aber ging es rapide bergab. Ihr Chi bekam ein bisschen zu viel Yang, vielleicht war es auch ein Ceres-Durchgang in den gestreiften Aszendenten, jedenfalls suchte sie sich neue Opfer, wo immer sie sie kriegen konnte. Da ihre esoterischen Interessen rasch wechselten, verfügte sie auch über ein breites Repertoire an Hokus und Pokus, womit sie auf dem Wochenmarkt, mutmaßlich am Biogemüsestand, den pensionierten Finanzbeamten bequatscht hatte.

„Irgendwo hier muss eine Ader sein“, erklärte Breschke. „Die alten Landkarten sind voll davon, und wir heute müssen unser Wasser aus Bleirohren nehmen und teuer dafür bezahlen.“ Er fuchtelte unschlüssig mit der Rute durch die Gegend, dann rutschte sie ihm durch die Finger – nicht einmal er selbst hielt das für einen Ausschlag – und zeigte nach unten. „Sie meinen, seit dem Erdmittelalter laufen Röhren durch den Boden?“ Er war empört. „Verkaufen Sie mich nicht für dumm“, schimpfte Breschke. „Es weiß doch jeder, dass eine Schicht unter uns Grundwasser führt, und wenn man auf die stößt, kann man danach graben.“ Ich seufzte tief, doch ihn schien das gar nicht zu kümmern.

„Könnten Sie nicht den Rasen abstecken?“ Der Hausherr blickte hilflos um sich, als sähe er seinen Garten zum ersten Mal. „Ich muss ja wissen, wo sich die Wasseradern befinden, damit ich hinterher graben kann.“ „Also eben waren es doch noch Grundwasserschichten“, wunderte ich mich, „haben Sie die Karten der letzten Millionen Jahre denn nicht aufgehoben?“ Er guckte pikiert. „Sie wollen doch nicht das falsche Wasser aus einer dieser quer verlaufenden Schichten abzapfen?“ Er guckte noch viel pikierter. Genau da lauerte meine Chance. „Wussten Sie eigentlich, dass Wasseradern enorm schädlich sein können?“ Verwundert schüttelte er den Kopf. „Die Dinger verlaufen ja nicht gerade, das heißt, eigentlich verlaufen sie doch gerade, aber das ist ja das Problem.“ Er verstand mich nicht, also fuhr ich ungerührt fort. „Diese Adern verlaufen entlang des Erdgitters, das sich im Laufe der Jahre mit dem Magnetismus verschoben hat. Sie müssten also ihr Haus verrücken, damit die Adern nicht von Nordost nach Südwest durch die tragenden Wände laufen.“ „Moment“, plusterte sich Herr Breschke auf, „Sie wollen also behaupten, dass…“ „Aber ja“, bekräftigte ich, „denn diese diagonal verlaufenden Wasseradern sind natürlich extrem schädlich. Man kann dadurch sogar schlecht schlafen.“ Fast wäre ihm die Rute wieder entglitten.

„Ich will es trotzdem probieren“, rief Breschke trotzig. „Das kann doch nicht so schwer sein, andere haben damit auch geschafft!“ Und so stapfte er durch den Garten, bis er auf eine kleine Unebenheit im Rasen stieß und stolperte. „Da“, schrie er, „in der Richtung muss es sein!“ Und er lief auf den Kompost zu, griff nach der Schaufel und stieß sie in den Haufen.“ „Da muss es sein“, keuchte er, „der Ausschlag war ganz deutlich!“ Er grub und stocherte, und schließlich wurde er tatsächlich fündig. Ein kleiner Plastikkanister, mit Sicherheit vom Nachbarn Gabelstein über die Grundstücksgrenze geschleudert, befand sich im Grasabfall. „Das ist doch nicht möglich“, stammelte Breschke. „Doch“. Beruhigend klopfte ich ihm auf die Schulter. „Ihr Kleiderbügel muss wohl außergewöhnlich empfindlich gewesen sein, sonst hätte er die Flüssigkeitsreste gar nicht aufgespürt. Aber seien Sie bloß vorsichtig. Für den Nachweis einer Wasserader könnte man den Einsatz eines Pendels verlangen. Auf Ihre Kosten.“ Hektisch warf er die Harke von sich. „Ich wollte doch nur…“ Doch ich blieb hart. „Wasser ist Wasser, Sie müssen nur beweisen können, dass es sich nicht um eine behördlich genehmigte…“ Schon drehte er sich um. „Das muss mir jemand wissenschaftlich erklären“, wimmerte er, „vorher glaube ich kein Wort!“ Wir gut, dass es Wasserleitungen gab.





Lasse

14 03 2017

Er sah nicht aus, als wäre es überlegen, jedenfalls nicht mir. Und schon gar nicht moralisch. „Man muss ja nicht gleich entzückt sein“, muffelte Frau Rosenplüt. „Akzeptanz wäre schon mal ein guter Start für eine nachhaltige Beziehung gewesen.“ Ich musterte ihn kühl. „Verschwenden Sie ruhig einen Gedanken daran, dass ich gerade darauf so gar keinen Wert lege.“ Was sollte ich auch mit ihm anfangen. Er sah aus wie ein verunglückter Toaster.

„Wir hätten Lasse auch in eine Blondine bauen können.“ „Hätte“, höhnte ich. „Dann würden noch weniger Versuchskaninchen damit einkaufen.“ Sie nahm es hin. Der Blechkasten, den sie über der Schulter trug, war ohnehin noch nicht angeschaltet. Sie drehte ein bisschen an den Knöpfen, aber man hörte nichts im Ohrstöpsel, den ich von ihr zuvor bekommen hatte. „Wir gehen jetzt zu Kappenberg“, entschied sie. „Irgendwo müssen wir ja mit dem Experiment beginnen. Achtung, ich schalte ein!“ Sie schaltete ein. Lasse piepte einmal kurz auf, das Gerät fuhr hoch, ein paar Lichter flackerten auf der Metallhandtasche, und endlich rauschte es kurz im Ohrhörer. Das war es aber auch.

Wir betraten das Kaufhaus. Rechts und links standen die Sonderangebote, Rabatt auf Rabatt, scheußliche Farben, aber reduzierte Preise, und zu allem Überfluss hatte man Hosen mit vorgefertigten Löchern aufgehängt. „Sehen Sie es sich einmal an“, ermunterte mich Frau Rosenplüt. „Wenn er richtig eingestellt ist, müsste Lasse ihnen jetzt…“ „Sie brauchen das nicht“, quäkte die Stimme. „Das ist ein überflüssiges Wirtschaftsgut, das nicht Ihren Bedürfnissen entspricht.“ „Woher weiß dies Ding, was meine Bedürfnisse sind?“ Ich war doch sehr verwundert. „Und warum wird eine Hose mit Loch im Knie sonst produziert? Sehen Sie sich doch die jungen Leute an – das Zeug wird schließlich von denen gekauft.“ „Ich rede von Ihren Bedürfnissen“, tadelte mich die Blechbüchse. „Es entspricht nicht Ihren Bedürfnissen, also brauchen Sie das nicht zu kaufen.“ „Und wenn ich es will?“ „Sie haben ihn verstanden“, mischte sich Frau Rosenplüt ein, „er hat seinen Standpunkt klargemacht, und nun sollten Sie vielleicht dazu übergehen, Ihr persönliches Kaufverhalten zu überdenken.“ „Tut nicht dieses Ding das für mich?“ Sie sah aus, als hätte sie in eine Zitrone gebissen.

Natürlich hatte ich dieses Monstrum von einem Kaffeeautomaten nicht nötig. Schön sah es aus, der Kaffee war sicher auch ganz vorzüglich, aber ich hätte die Küche leerräumen müssen, um ihn durch die Tür zu bekommen. „Dieses Produkt ist nicht nötig“, wies mich die Kiste zurecht. „Was versteht das bisschen Elektroschrott schon von Kaffee“, wandte ich ein. „Theoretisch könnte ich mir diesen Apparat leisten.“ „Man kann auch in einem Café vergleichbaren Kaffee trinken.“ Frau Rosenplüt drehte hektisch an den Knöpfen. „Warum“, fragte ich zurück, „kaufen dann die Leute Autos? Können die nicht Taxi fahren wie alle anderen auch?“

Wir hatten die Sportabteilung durchquert – hier hatte sich das Gerät gemeldet und mir erklärt, dass ich keine Golfschläger bräuchte, da ich nicht Golf spielte, was aber die theoretische Überlegung außer Acht ließ, dass ich jederzeit damit anfangen könnte – und waren bei der Unterhaltungselektronik angekommen. Lasse wiederholte angesichts der vielen Fernseher monoton seinen Ratschlag, sich für andere Dinge zu interessieren. „Vielleicht wird er von den Banken bezahlt“, grübelte ich. „Wenn keiner mehr sein Geld ausgibt, haben die Banken immer genug davon, und dann ist es auch nicht mehr so schlimm, wenn die Wirtschaft kaputtgeht, weil keiner mehr etwas kauft.“ Frau Rosenplüt wollte gerade etwas einwerfen, da meldete sich Lasse zu Wort. „Man kann sich einen Fernseher kaufen, aber er entspricht nicht Ihren Bedürfnissen. Sie sollten ein Radio kaufen.“ „Ich besitze eines“, antwortete ich, „und ich bin jeden Tag enttäuscht, dass ich die Farben nicht einstellen kann – und ich wette, dass ich bei den Radios dasselbe hören wollte.“ Lasse würgte. Der Apparat hatte dafür einen Notfallknopf – kein deutsches Fabrikat ohne einen solchen – und spuckte etwas unsortierten Wortdurchfall aus; es handelte sich, wie gesagt, um ein deutsches Fabrikat. „Sie sollten mehr Zeitungen lesen!“ Frau Rosenplüt war verzweifelt. Immerhin war der Kasten trageangenehm. Das war doch auch schon etwas.

„Was will dieses Ding eigentlich?“ Lasse schwieg. Das war zu erwarten gewesen, schließlich hatte der Apparat mir noch kein vernünftiges Vergleichsangebot gemacht, ganz abgesehen von einem nachhaltigen. „Sicher brauchen Sie Schuhe“, erklärte er. „Jeder braucht Schuhe, und Sie tragen gerade welche. Sie sollten sich für ein Paar neuer Schuhe entscheiden.“ „Wer programmiert so einen Mist?“ Frau Rosenplüt war sichtlich überfordert. „Ich trage bereits ein Paar Schuhe, sollte das nicht ausreichen, um sich gegen jede weitere Anschaffung von Schuhen zu entscheiden?“ Lasse schwieg weiter. Vermutlich würde er in der Lebensmittelabteilung Spargel empfehlen, der mit frischem Andenwasser gegossen und nur einmal um den halben Erdball geflogen wurde, um dann als Bioware auf künstlichem Stroh zu verenden. Oder eine Kaffeekapsel, die aus zehn Prozent weniger Aluminium besteht. „Eins habe ich noch nicht ganz kapiert“, überlegte ich. „Warum sollte ich so ein Ding wie Lasse kaufen?“ Die Lämpchen erloschen. Immerhin kümmerte er sich so um meine wahren Bedürfnisse.





Führerstand

13 03 2017

„… mit Aussagen über Adolf Hitler schockiert habe. Höcke habe sich verteidigt, da er sein Recht auf freie Meinungsäußerung über einen demokratisch gewählten…“

„… immerhin die Arbeitslosigkeit im Reich fast beseitigt habe. Leider sei das Verhältnis zu den Russen heute von Demokratie und Rechtsstaat durchseucht, so dass sich nur ein anderer…“

„… es dem Führer gleichtun und Deutschland zu einer der größten Verkehrsnationen Europas machen wolle. Die AfD habe angekündigt, noch viel mehr Autobahnen als…“

„… Steuersenkungen zu gewähren. Petry selbst werde noch zehn blonde, blauäugige Knaben für den Endsieg…“

„… sich nach Meuthens Informationen mindestens dreihundert Prozent der Deutschen im Widerstand befunden hätten, so dass eine Neubewertung des Dritten Reiches absolut…“

„… spreche man noch heute von einem Führerstand. Dies beweise, dass …“

„… die Wohnsituation der meisten Bürger eine erheblich bessere gewesen sei. Der Deutsche habe in seiner Nachbarschaft weder Neger oder Erbkranke noch…“

„… sehe Meuthen die Situation des heutigen Sozialstaats differenzierter. Im Gegensatz zu Deutschlands großer Zeit leide die BRD GmbH heute unter Arbeitsscheuen, die die Leistungen…“

„… betrachte Höcke die ständige Kritik an seiner Hitlerverehrung als eine geradezu rassistische Ausgrenzung, wie sie zuletzt den jüdischen Volksschädlingen…“

„… es Beweise gebe, dass Mussolini in vielen Bereichen sehr viel schlimmer gehandelt habe, wobei Pretzell betone, auch der Duce habe für pünktliche Eisenbahnen gesorgt und die ganze…“

„… auch die Volksbildung nicht mehr mit den Errungenschaften des NS-Staates mithalten könne. Seitdem zur Eheschließung dem Paar nicht mehr die Standardausgabe von Mein Kampf überrecht werde, habe auch der literarische Durchhaltewille des…“

„… der enorme Widerstand gegen Hitler und die NSDAP dazu geführt habe, dass die Nationalsozialisten ihre Aufbaupläne für das Reich gar nicht zur Durchführung gebracht hätten. Damit sei Hitler vollkommen entschuldigt, da die meisten Verbrechen der NS-Zeit auf das Konto anderer deutscher…“

„… betrachte Höcke Hitler zwar auch in vielen Dingen als absolut böse, während er in anderer Hinsicht relativ nett…“

„… Eva Herman eine Unterlassungserklärung gefordert habe. Die ehemalige Blondine nehme als erste für sich in Anspruch, das Mutterkreuz und die Autobahnen als…“

„… habe der edle Gefreite es im Gegensatz zu Deutschlands von der schiitisch-freimaurerischen Vernichtungsfront gesteuerten Judenkanzlerin nie gewagt, einen Halbmond am Erfurter Dom zu montieren, der die Unterwerfung der unbesiegbaren christlichen Herrenrasse unter den…“

„… es ein Schlag ins Gesicht vieler deutscher Tierfreunde sei, wenn man den passionierten Hundehalter Hitler in die Nähe eines geradezu unmenschlichen…“

„… verdanke Deutschland Adolf Hitler immerhin das Wirtschaftswunder, das es ohne den Wiederaufbau nach dem Krieg überhaupt nicht…“

„… ihr persönliches Verhältnis zu ihm aus ihrer Familiengeschichte nur so einstufen könne. Von Storch finde, der Führer sei ein gutes Beispiel, dass große Persönlichkeiten durch große Fehler nicht nur menschlicher, sondern auch…“

„… der Kritik entgegengetreten sei. Es spreche gegen das volksfeindliche Geschichtsbild der Altparteien, sich nur an Höckes Verhältnis zu Hitler abzuarbeiten und konsequent zu ignorieren, dass er auch voller bewundernder Liebe zu Goebbels, Mengele und…“

„… durchaus legitim sei, den Zweiten Weltkrieg als einen regional entstandenen Konflikt zu betrachten. Hitler habe nur der Vernichtung des Reiches durch Milliarden blutrünstiger Polen…“

„… es nicht als Revisionismus verstanden wissen wolle, sondern als Rehabilitierung eines großen deutschen Politikers, der vermutliche durch eine zu Unrecht verhängte Festungshaft den sozialen Halt in der damals bereits durch kulturbolschewistische Totengräber des…“

„… ohne Hitlers kunsthistorisches Interesse nie eine so weite Verbreitung wertvoller Werke der bildenden Kunst in der deutschen Oberschicht…“

„… schon deshalb als regionales Ereignis bewertet werden müsse, da der Angriff auf den Sender Gleiwitz sich ausschließlich in Berlin…“

„… müsse man die Kriegsschuldfrage ganz neu bewerten. Da Stalin zuvor nicht eindeutig ausgeschlossen habe, einen Angriffskrieg gegen das Deutsche Reich zu führen, müsse man ihn als genauso…“

„… keine Stellungnahme erwarten könne. Poggenburg halte es für ausgeschlossen, dass Höcke zugeben könne, Hitlers Suizid sei die einzige anerkennenswerte Tat des…“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXIV): Religion als Ventil

10 03 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Am Anfang mag der Schnaps gewesen sein, oder Rrt hatte einfach einen besonders schlechten Tag. Der Hund hörte nicht, die Hauptfrau kriegte schon wieder ein Kind, von wem auch immer, und langsam reichte es ihm, dass selbst in seinem Teich stetig fremde Köder herumdümpelten. Er brüllte den ganzen Abend lang in der Höhle herum, dann drohte er schließlich den versammelten Nachbarn: wer noch einmal an seine Fische ginge, würde gleich mit in der Brühe verschlammen. Dabei berief er den großen Donnergott, der eigentlich für Fragen der Vegetation gar nicht zuständig war, und gab dem erstbesten Verdächtigen kräftig eins in die für Gesichtsinhalte vorgesehen Fläche. Mit Hilfe des Medizinmanns stellte dieser nun klar, dass es sich um eine eklatante theologische Fehlleistung gehandelt hatte, mit dem Ergebnis, dass auch der Heiler eins auf die Nase bekam. Die nun folgenden Glaubenskriege waren evolutionär erfolgreich, da mindestens ein Drittel der Beteiligten sich nicht mehr an der weiteren Degeneration des Genpools beteiligten. Was doch Religion als Ventil ausmacht.

Zunächst ist Religion, die regelmäßig in der Theorie als friedensstiftendes Mittel postuliert, in der Praxis jedoch als fadenscheiniger Kriegsgrund gepriesen wird, nur Mittel zum Zweck; selten ist sie in der Lage, ihn überhaupt zu heiligen. Was sie aber dann mit dürrer Maskerade zu kaschieren versucht, die Gier nach Macht und Reichtum, Mordlust und Besessenheit nach territorialen Ansprüchen und Zerstörung, lässt sich nicht einfach verstecken. Wie bei allen anderen Spielarten des Terrorismus, so ist auch in der spirituellen Spielart von Menschenhass der Sakralgehalt der Schmucktapete nicht erheblich.

Als böte ein geschlossenes Wahnsystem nicht schon genug intellektuellen Bauschaum für auf höherem Level geistig gestörte Knalltüten, jede in sich fein säuberlich auf Widersprüchlichkeit gesägte Nullinformation hält für jede Lebenslage einen Ausweg parat, wo auch immer die Störung der Impulskontrolle Befriedigung sucht. Ob materielle oder geistige Armut, schlechtes Trinkwasser, Krieg oder eine beschissene Regierung, das weise Rauschen übertönt die Stimmen der Vernunft mit der Kraft der Flüstertüten. Und das wirkt: noch kein Paradies-Provider musste sein Angebot plötzlich wieder in die Tube drücken, weil man das mit den Jungfrauen, den gebratenen Tauben und Milch und Honig nicht mehr gut genug fände. Was sich noch verkaufen lässt, wird auch dann noch verkauft, wenn es keiner mehr braucht.

Weil Religion, ob systematisch betrieben oder nicht, die perfekte Brückentechnologie ist, um den Schmodder in der eigenen Schädelvollprothese gegen sich selbst zu rechtfertigen. Sie nagelt nicht nur aus beliebigem Restmüll moralische Gehhilfen zusammen, malt rote Linien mit durchlässigem Strich, auf den jeder Aberglaubensbruder geht, schwiemelt sich je nach Anlass mit Dokumenten, Grabsteinen und genealogischen Aufzählungen aus der verebbenden Bronzezeit ein gegen jede rationale Erklärung immunes Bild vom Universum und dem ganzen Rest, sie tackert auch vor die Eintrittsöffnung in den Denkapparat den ultimativen Filter für die Selbstwahrnehmung: wer den Quark glaubt, ist gut, alle anderen sind böse.

Was in der Glockendisko und den anderen Hirnwaschanlagen jahrhundertelang dem Volk in die Rübe gepfropft wurde, das spielt in einer Lustigkeitsliga mit Nagelpilz und Nasenbluten. Erst der nochmals völlig überzogene Remix an sich ideologisch abbaubarer Fehlleistungen, im guten Fachhandel meist als Fundamentalismus erhältlich, ist für Wutbrüder und Blutsbürger der neue heiße Scheiß, dem der Lemming nachzulaufen hat – im Zweifel hört er zwar den Knall, weiß aber nicht, dass er aus dem eigenen Schädel kommt, und rennt lachend ins Trommelfeuer, weil es für die höhere Idee ist. Je hirnrissiger der Ausweg scheint aus einer Welt ohne differenzierende Sachlichkeit, desto eher geben Glaubende Vollgas.

Den Religionen eigen ist, dass sie die bigotte Bizarrerie ihrer Einfälle gerne auf wunderlichen Details kochen, denen der Bescheuerte blind zu glauben hat – die sechsfingrige Prophetin hatte sechs Finger, gute Nacht. Legitim und historisch bewährt als Grund, seinem jeweiligen Bruder den Schädel zu spalten, ist noch immer der Disput, ob es sich um zwei Mittel- oder zwei Ringfinger gehandelt hat. Zwei Schulen gründen sich, die sich bis aufs Messer bekämpfen, nebenbei politische Organisationen samt Staaten und Volkswirtschaften gründen und dann endlich einander mit Bomben überziehen. Als Kriegsgrund dient jeweils die Anschuldigung, die andere Seite habe die Prophetin gelästert. So steigern sich Verschwörungstheorien, denn um nichts anderes handelt es sich bei den dazu verwendeten Religionen, in eine Zerstörungswut hinein, die man nur aus einem Grund erträgt: man zählt ja zu den Guten. Aber wer glaubt das schon.