Zustellung nicht erfolgt

17 02 2021

„Das gilt nach meiner Kenntnis erst mal nur für Drogen und Waffen, also für illegale Sendungen, wobei wir natürlich davon ausgehen, dass alle per Post verschickten Drogen illegal sind. Bei Waffen haben wir noch keinen Plan, aber die besorgt man sich ja auch meist von befreundeten Soldaten direkt in der Kaserne.

Doch, das ist absolut rechtssicher. Glauben Sie mir, da hat sich der Gesetzgeber ausnahmsweise mal Gedanken gemacht. Offiziell geht es hier ja auch nur um unzustellbare Pakete, die bei der Polizei abgeliefert werden, wenn darin Drogen oder Waffen gefunden werden. Das muss man der Reihe nach analysieren, und dann merkt man, dass es gar nicht so schlimm ist. Sie kennen doch diese jungen Männer, die aus dem Lieferwagen aussteigen und Ihnen eine Karte in den Briefkasten schmeißen? Das sind dann Paketboten, die Sie mit dem Paket nicht angetroffen haben, so dass eine Zustellung eben auch nicht erfolgen konnte – ist doch logisch, wenn er das Paket nicht dabei hat, dann könnte er es Ihnen gar nicht zustellen, weil er Sie ja nicht angetroffen hat mit dem Paket, das er Ihnen hätte zustellen sollen, weil er das ja nicht zustellen kann, da er es so zustellt, dass er Sie dabei nicht antrifft, damit es nicht zu einer Zustellung kommt, die ja auch gar nicht erfolgen könnte, da er das Paket gar nicht dabei hat. Juristisch gilt das als untauglicher Versuch, daher ist das auch straffrei, wenn Sie die Karte aus dem Briefkasten holen.

Jetzt ist es aber eben nicht so, dass dann alle Pakete sofort zur Polizei kommen. Das wäre nicht nur rechtlich sehr schwierig, stellen Sie sich mal vor, da schickt sich selbst jemand eine Bombe und ist dann absichtlich nicht zu Hause oder erwischt eine so ausgebuchte Lieferfahrt, dass er sogar zu Hause sein könnte, ohne eine Zustellung… gut, Sie wissen ja, was jetzt kommt. Auf jeden Fall landet das Paket mit der Bombe jetzt bei der Polizei, und das kann der Gesetzgeber ja nicht wollen. Deshalb werden eben auch nur die Pakete nicht zugestellt, die wegen Drogen nicht zugestellt werden. Waffen hat die Polizei ja selber, da braucht man nichts mehr abzuliefern. In der Hinsicht sind wir ja geliefert.

Dass die meisten Paketdienstleister für solche Zwecke hervorragend geschultes Personal aus dem Osten nach Deutschland geholt haben, ist ja auch kein Zufall. Als Bulgare hat man einfach mehr Ahnung von Drogen. Und so ein Hilfsarbeiter ohne Gebiss ist im Zweifel sogar billiger als ein richtiger Spürhund. Vor allem spart man da die Ausbildung. Die kommen mit einschlägigen Vorkenntnissen aus den Balkanstaaten und dürfen hier im eigenen Auto schlafen, die haben es sogar besser als Flüchtlinge in Griechenland. Nur die Fehlerquote darf nicht so hoch sein, sonst gibt es natürlich Ärger. Also mit den Medien, die ständig irgendwelche Skandale in der Politik aufdecken wollen. Da kann man dann nicht lange überlegen, wen man feuert. Das steht so schon fest.

Das ist eine öffentlich-private Partnerschaft: der Staat hat sich in den Kopf gesetzt, irgendeinen illegalen Scheißdreck durchzusetzen, bis sämtliche Gerichte es endgültig verbieten, die Wirtschaft darf daran verdienen, und die Steuerzahler halten den Kopf hin und dürfen es zum Dank auch finanzieren. Angesichts der Tatsache, dass wir zum Großteil die Subsubunternehmer aus Osteuropa für den Skandal verantwortlich machen können, ist das doch gar nicht mal schlecht.

Warum ich Ihnen das erzähle? Überlegen Sie mal, die Postdienstleister sollen ja nur die Pakete abliefern, die sie nicht geliefert haben, weil sie darin Drogen gefunden haben – na, klingelt’s? Das ist natürlich sonst eine Aufgabe der Polizei, aber die haben in letzter Zeit ja so viel mit Linksradikalen zu tun, die das gesunde Volksempfinden bei der Polizei – zunächst mal bei anderen Kundgebungen, aber die Polizei ist halt anwesend – die sich also gegen den Terrorismus wenden, der ja bekanntlich durch Drogen finanziert wird. Dass davon hinterher auch Waffen gekauft werden, das ist ja noch gar nicht bewiesen, und deshalb brauchen wir auch erst mal nur die Drogenüberprüfung.

Die Drogenbeauftragte hat das bereits begrüßt. Das würde jetzt normalerweise heißen, dass es in der Praxis gar nicht funktioniert, widerrechtlich ist oder wieder nur viel Lärm um gar nichts, bei dem kein einziger Drogenfund rauskommt, obwohl die ganze Post lahmgelegt wird. Aber vielleicht ist das jetzt auch nur ein Test für weitere Auslagerungen der Ermittlungsarbeit auf private Dienstleister. Bald können Sie nicht mehr telefonieren, ohne einen umgeschulten Kellner – die Gastronomie muss ja im Moment sehen, wo sie bleibt – oder einen Koch in der Leitung zu haben, der Sie auf staatsfeindliche Äußerungen abhört. Oder die ganzen Einbrecher satteln jetzt um auf Taschendieb, damit der Staat sofort weiß, wenn Sie Falschgeld mitführen. Was es da an Möglichkeiten gibt! Der Nachteil ist freilich, dass das keiner kontrollieren kann. Sie lassen sich irgendwas schicken, der Bote reißt Ihr Paket auf und findet in seiner Jackentasche ein paar Drogen – das kann er dann natürlich nicht mehr zustellen, da es sich um eine beschädigte Sendung handelt. Tut mir leid, da sind die Vorschriften eindeutig.

Es sei denn, Sie wohnen im richtigen Viertel, mit Hauspersonal, das rechtzeitig das Tor aufsperrt, da werden Ihre Pakete immer angenommen. Was da drin ist? Die einen sagen so, die anderen sagen so. Solche Herrschaften haben auch genug Anwälte, um das Postgeheimnis zu erklären. Wissen Sie was? Lassen Sie sich Zeug doch einfach per E-Mail schicken. Das kapiert die Regierung nie.“





Kunststück

4 11 2020

„Die Bohrmaschine, Handschuhe, Kelle, Wandfarbe und den Hammer“, erklärte Herr Breschke und lud den Klappkorb in den Kofferraum. „Das sollte doch für den Augenblick reichen.“ Ich nickte. Wir fuhren die Uhlandstraße hinab bis zum Kontorhaus, wo wir sicher schon erwartet wurden.

Leider war das nicht der Fall. „Anne hat sich für den Veranstalter verbürgt“, sagte ich. „Da seit ein paar Tagen wieder alle öffentlichen Ausstellungen gesperrt sind, müssen wir dies sozusagen als wilde Galerie veranstalten.“ „Ach ja“, seufzte der alte Herr. „Wir waren seit Jahren nicht im Museum, und in diesen Zeiten merkt man erst, wie sehr es einem fehlt.“ Er musste sich nicht für eine Parklücke entscheiden, der ganze Platz war leer, da dem alten Gebäude der Abriss bevorstand. Wir standen dicht vor dem Eingang, der nun ohne Türen war, und sahen direkt in die große Eingangsdiele, die sich im Halbdunkel fast über das halbe Erdgeschoss hinweg nach hinten erstreckte. „Und Sie meinen, dass sich hier klassische Kunst zeigen lässt?“ Ich hievte den Korb, der bis zum Brechen der Handgriffe noch als Kartoffelhorde in meinem Keller gestanden hatte, aus dem Laderaum. „Vielleicht nicht unbedingt klassisch“, überlegte ich, „aber es liegt ja immer im Auge des Betrachters.“

Drinnen hatte sich nicht viel getan; eine rostige Gasflasche lehnte an der Wand, schräg gegenüber hatte jemand Blumenerde in eine Ecke des Raums geschaufelt. „Keine Sorge“, meinte ich, „dass wir vorher noch aufräumen sollen, hat Anne mit keinem Wort erwähnt.“ Horst Breschke kicherte. „Sehr gut, sonst würde ich so eine Vernissage auch mal in meinem Garten machen.“ Eine große Schachtel mit Dübeln lag direkt neben der einzigen Steckdose im Raum; in Augenhöhe waren etwa ein Dutzend Stellen an der Wand markiert, in die angebohrt werden sollten, um dann Haken in den Löchern zu befestigen. „Meinen Sie nicht“, mutmaßte der pensionierte Finanzbeamte, „dass wir erst die Wände anstreichen sollten?“ Ich schüttelte den Kopf. „Dann finden wir die Stellen zum Bohren nicht mehr wieder.“ Das leuchtete ihm ein.

Ohnehin hatte der Auftraggeber die Arbeiten recht gründlich falsch eingeschätzt. Einen derart großen Raum mit einem einzigen Eimer Wandfarbe zu streichen schien so gut wie unmöglich. Breschke kratzte sich am Kinn. „Vielleicht erwarten sie von uns eine Art Gemälde“, überlegte er. „Aber das übernehmen dann Sie, ich bin ja künstlerisch völlig unbegabt.“ Umständlich zog er die Handschuhe an. Diesen Raum in eine Galerie zu verwandeln würde tatsächlich ein Kunststück sein.

„Ein Achter reicht aus“, befand ich, „und Sie haben zum Glück auch die dicken Bohrspitzen eingepackt.“ „Mit den Diamanten“, bestätigte Herr Breschke. „Damit habe ich auch das neue Regal an der Kellerwand befestigt, es ging ganz leicht.“ Er steckte die Bohrmaschine ein. Leider bleib es beim Versuch, denn trotz Verlängerungsschnur erwies sich die Leitung als zu kurz, um auch nur die nächstliegende Stelle mit der Spitze zu erreichen. „Haben Sie eine Kabeltrommel zu Hause?“ Horst Breschke verneinte. „Und wenn“, überlegte er, „wie komme ich denn dann bis zur gegenüberliegenden Wand?“

Guter Rat war teuer. „Mit einem Akkubohrer könnte man es versuchen.“ Ich war skeptisch. „Ich habe keinen, kann mir aber nicht vorstellen, dass das in diesen Wänden funktioniert.“ Herr Breschke legte die Maschine neben den Korb, zog sich die Handschuhe aus und betrachtete den Raum. „Meinen Sie nicht auch“, fragt er, „dass diese Idee ein bisschen vorschnell war?“ „Ich verstehe das auch nicht“, erwiderte ich. „Sonst schaut sich doch Anne solche Sachen immer ganz genau an, bevor sie ihre Mithilfe verspricht.“ Auf der anderen Seite kannte ich ihr Faible für Kunst und Kultur, auch in deren abseitigen Gefilden.

Da hörten wir plötzlich Schritte auf den Dielen. „Ich grüße Sie“, rief ein mittelgroßer, mittelalter Mann mit mittlerem Haarausfall durch die Halle. „Rummelpeter mein Name, Ihre Freundin hatte mir versprochen, dass ich Sie hier treffen würde.“ Er verbeugte sich artig und kam auch nicht zu nahe. „Mein Name ist Breschke“, sagte ebendieser, „ich…“ „Entzückend!“ Herr Rummelpeter klatschte in die Hände und tänzelte um das Ensemble in der Mitte des Raums herum. „Das ist eindeutig das Highlight dieser Ausstellung! Diese subtile Sprache aus technischen Objekten, die als Symbole der Raumgestaltung sich quasi auf eine Metaebene transzendieren – ich bin hingerissen!“ „Wir fühlen uns Ihrem Konzept sehr verbunden“, bestätigte ich. „Ich darf wohl sagen, dass dieser Raum eine ganz außerordentliche Inspiration bietet.“ Rummelpeter konnte sich gar nicht mehr beruhigen. „Wie heißt denn diese Installation, verehrter Meister?“ Herr Breschke sah mich hilflos an, bevor ich einschreiten konnte, antwortete er: „Dies ist keine Kunst.“ Der Galerist jubelte. „Dies ist keine Kunst!“ Nun war Herr Breschke nachhaltig verwirrt. „Und dann auch noch eine die Genregrenzen sprengende Referenz an den historischen Surrealismus! Herr Breschke, Sie sind ein Genie!“

„Ich verstehe das nicht“, murmelte der alte Herr und schloss die Autotür auf. „Sie wollen mir doch jetzt nicht auch noch eine Begabung einreden wie dieser Spinner?“ „Sehen Sie es positiv“, gab ich zurück und setzte mich auf den Beifahrersitz. „Man lernt jeden Tag etwas dazu.“ „Dass ich jetzt Künstler sein soll?“ „Nein“, sagte ich. „Aber bisher dachte ich auch immer: moderne Kunst sei das, was nicht mehr in einen Kofferraum passt.“





Streichkonzert

15 10 2020

„Hups!“ Herr Breschke konnte sich gerade noch am Fernsehsessel festhalten, sonst wäre er auf der Folie ausgerutscht, die das gesamte Zimmer unter sich bedeckte, genauer: den Fußboden sowie einige kleine Gegenstände wie einen Zeitungsständer und ein pittoreskes Höckerchen für Blumenvasen.

„Das sieht doch schon ganz ordentlich aus“, befand der Hausherr, der sich standesgemäß in eine der zahlreichen Strickjacken gekleidet hatte, die sich sogar für die Gartenarbeit nicht mehr eigneten. Der obligate Malerhut durfte nicht fehlen, und um ihm eine Freude zu machen, ließ ich ihn für mich gleich noch einen zweiten aus alter Zeitung falten. Einer zünftigen Handwerksarbeit stand nun nichts mehr im Weg, abgesehen von den Möbeln, die noch immer das Wohnzimmer anfüllten. Denn außer drei Rollen dieser hoch reißfesten, transparenten und dabei recht preiswerten Folie war bisher nichts zum Einsatz gekommen. „Ich möchte Sie wirklich nicht kritisieren“, wandte ich ein, „aber sollten wir nicht wenigstens die Möbel von oben abdecken, wenn wir schon die Decke streichen?“ „Wir streichen ja nicht“, erklärte der pensionierte Finanzbeamte und wies auf das Gerät zu seinen Füßen. „Wir spritzen die Decke, das ist ein enormer Unterschied.“

Wie zu erwarten hatte der Plan zu einer neuen Zimmerdecke seinen Ursprung in einem Angebot, das Breschkes Tochter in einem gut frequentierten Heimwerkermarkt entdeckt hatte. Jener Laden im Herzen der peruanischen Hauptstadt hatte sich auf taiwanesische Importgüter spezialisiert, namentlich solche, die man in Europa nicht findet, wohl aber Gründe, warum man sie nirgends kaufen kann. Ein elektrisch betriebener Pumpmechanismus, der im Deckel eines Behältnisses eingebaut über einen langen Spritzschlauch die Farbe in eine Düse leitet, von wo aus sie letztlich auf irgendeiner Oberfläche haften bleibt, war das Herzstück dieses Apparats, klein genug, um jederzeit durch die im Deckel montierte Schnur ins Kippen zu geraten, und nur ein wenig zu groß, als dass man sich das Ding hätte umschnallen können. Die Farbe also, ein blendend helles Weiß wie Hochgebirgsschnee im Mittagslicht der Sonne, war ordnungsgemäß eingefüllt. Horst Breschke stand unschlüssig im Raum. Leider war die Steckdose hinter der abgeklebten Folienschicht.

„Sie müssen doch wissen, wo sich die Dose befindet“, tadelte ich ihn, „wie lange wohnen Sie jetzt schon hier?“ Statt mich zu tadeln, stach er immerhin gleich ein entsprechend großes Loch in der Nähe der Heizung. Bereits hier zeichnete sich ab, dass die Zuleitung des Spritzgeräts nicht lang genug war, um auch die andere Hälfte der Decke zu erreichen. „Ich hole nachher einfach eine Schnur, dann können wir das verlängern.“ Immerhin tat er es nach kurzem Überlegen dann doch sofort, was mir die Gelegenheit gab, umgehend den Sessel, das Sofa, die Schrankwand samt Fernseher und Radio zu verhüllen, da die Farbflecken dem Mobiliar mit Sicherheit schwere Schäden zufügen würden. Doch Herr Breschke fand dies übertrieben. „Eine reine Vorsichtsmaßnahme“, beschwichtigte ich ihn. „Sie haben ja schließlich auch eine Hausratversicherung abgeschlossen, ohne jemals den Wunsch verspürt zu haben, dieses Gebäude in Schutt und Asche…“

Er war eingeschnappt; deutlich war dies sichtbar daran, wie er den Knopf am Pumpaufsatz ganz nach rechts drehte. Doch es kam nichts. „Das Heft“, sagte er, „da muss doch etwas drinstehen.“ So griff ich nach der Gebrauchsanweisung, die, zu meiner geringen Überraschung, ein paar Strichzeichnungen wackerer Spritzenmännchen zeigte, aber in Bezug auf den Text eher den Eindruck erweckte, aus dem Ostasiatischen ins Altfranzösische übersetzt worden zu sein. „Das kann nicht angehen“, knurrte der Alte. „Und Sie sollten auch wissen, warum.“ Ich wusste es nicht. „Weil die Altfranzosen“, dozierte er, „ja bekanntlich in Burgen wohnten, und dort hat man die Wände gekalkt!“ Triumphierend blickte er mich an. Vor meinem inneren Auge erschien Jehan François le Grand, Fürst von Avignon-sur-le-Pont, wie er mit einer monströsen Büchse voller Kalkputz durch den Palast schritt, gnädig auf die Wand zeigte und abwaschbare Farbe versprühen ließ.

Ein unangenehmes Blubbern machte sich in der Apparatur bemerkbar. Horst Breschke, zumindest in dieser Immobilie befehligende Gewalt, teilte mit, dass so gut wie keine Farbe in den Spritzschlauch gepumpt wurde, weshalb sie auch das ausziehbare Rohr mit der am Ende befindlichen Düse gar nicht erst erreichte. „Hier steht, man müsse die Farbe ein paar Mal umwälzen.“ Das Piktogramm war in der Hinsicht wenigstens eindeutig, er hatte recht. „Allerdings“, gab ich zu bedenken, „müsste man dazu den Deckel abnehmen, und dann kann das Ding ja nicht mehr pumpen.“ „Man sollte es mit Schütteln versuchen“, schlug Herr Breschke vor, und ich konnte ihm gerade noch in den Arm fallen. „Erst schalten Sie es aus, dann können Sie das ganze Gerät gerne schütteln, und dann schalten Sie es wieder ein.“ Und so geschah es.

Es brummte weiter, während der Finanzbeamte a.D. genervt das Rohr nach oben hielt. Doch da verstummte das Geräusch, während ein zunehmend strenges Pfeifen sich am Ventil auf dem Deckel des Spritzgefäßes aufbaute. Mit einem kurz röhrenden Crescendo kündigte sich der schmatzende Schluss an. Der Deckel schoss infolge der Druckluft einfach in die Höhe und verteilte die Farbe in die Richtung aller verfügbaren Raumkoordinaten, wobei sich die Plastikdecke als zuverlässig erwies. „Meine Güte“, stöhnte Herr Breschke. „Da haben wir ja noch mal Glück gehabt. Wenn ich nicht die Folie mitgebracht hätte – wer weiß, was noch alles passiert wäre!“





Herr und Hund

23 07 2020

Keiner weiß, was er denn hätte sagen wollen, wenn er denn hätte sprechen können. Aber er konnte es eben nicht, und vielleicht war das gut so. „Das wird jetzt langsam ein bisschen viel“, schnaufte Herr Breschke, indes Bismarck mit der ihm eigenen Mischung von Interesse und Misstrauen über die Wiese blickte und auf seinen Herrn, der beim Traben im Stand eine durchaus gute Figur machte.

„Sehr schön“, lobte die Trainerin. „Und unser vierbeiniger Freund macht jetzt auch mit?“ Was ihr an motivierendem Verhalten fehlte, das glich Ilse Schwabach-Wildhausen durch Zweckoptimismus aus. Zackig riss sie die Knie hoch, die anderen Damen und Herren folgten mehr oder weniger ihrem Vorbild; die meisten mehr weniger. Als nicht beteiligter Beobachter hüpfte ich ein bisschen mit, auch wenn mir gerade kein Hund zur Verfügung stand, wobei das auch auf den alten Herrn zutraf. Seiner lag recht entspannt auf dem Rasen und sah keinen Grund, das zu ändern. „Und wir nehmen nun die Leine auf“, verkündete Frau Schwabach-Wildhausen, „und dann rund im Uhrzeigersinn!“ Sinn und Zweck dieser Partnerübung sollte darin bestehen, mit dem Begleiter in lockererer Rundung und leichten Schrittes über den Platz zu spurten. Im Falle dieses Dackels, der die Leine allenfalls als ein Mittel betrachtete, um seinem Herrn daran zwischen den Beinen herumzulaufen, gestaltet sich das schwierig. Horst Breschke umrundete nun den Hund, der sich partout nicht einmal drehen wollte, so dass ein Großteil der Übung darin bestand, die Leine um Bismarck zu führen. Immerhin hatte dies etwas Graziles, man konnte es nicht anders sagen.

„Meine Frau meinte, wir könnten beide mal ein bisschen Sport vertragen.“ Schnaufend hoppelte der pensionierte Finanzbeamte um den Vierbeiner, stets darauf achtend, sich auf dem hügeligen Rasen nicht zu verstolpern. „Sehr schön“, lobte die Trainerin einmal mehr, „aber er muss auch mitmachen. Das wird schon!“ „Machen Sie mal weiter“, keuchte er. Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Bismarck machte seinem Ruf als dümmster Dackel im weiten Umkreis alle Ehre; allerdings war auch seine Friedfertigkeit bekannt, und er ließ sich ohne zu murren von mir umhüpfen. „Wahrscheinlich ist ihm das Lob der Dame genug Bestätigung“, mutmaßte ich. „Sobald sie sein sportliches Liegen sehr schön findet, guckt er zufrieden.“ Ein weiteres Lob der Trainerin nährte meinen Verdacht. Dieser offene Herr-und-Hund-Nachmittag vom Tiersportverein offenbarte seine pädagogischen Schwächen.

Die anderen gemischten Doppel hatten sichtlich Spaß an diesem Manöver. Vor allem eine junge Dame mit zwei Pudeln stampfte geradezu ätherisch übers Grün; es sah von Weitem ein wenig aus wie ein ägyptischer Streitwagen. Herr Breschke ließ sich nicht beirren. „Das ist etwas für junge Leute“, knurrte er. „Außerdem sehe ich nicht, dass sich mein Bismarck sonderlich beeindrucken lässt von diesem Firlefanz.“ „Es soll ja nachher noch einen netten Umtrunk geben“, tröstete ich ihn. „Das ist zwar auch nicht figurfreundlich, aber wenigstens findet der Tag damit noch einen netten Abschluss.“

„Und aus“, krähte die Trainerin. „Und für die nächste Übung nehmen wir unser Schatzi einmal auf den Arm.“ Sie griff sich einen der Pudel, der sie verdutzt anguckte und zu winseln begann. „Und dann Knie – beugt, und Knie – beugt, und…“ Sie hob nun den widerspenstigen Hund auf und nieder, was einigen anderen, namentlich einer älteren Dame mit einem Chihuahua, deutlich eleganter von der Hand ging. „Schäferhunde sind manchmal von Nachteil“, kicherte Breschke, und ich konnte ihm nicht widersprechen. „Wollen Sie es denn nicht wenigstens einmal versuchen“, näherte sich Ilse Schwabach-Wildhausen dem Widerspenstigen. Was auch immer sie sich dabei gedacht haben musste, sie griff Bismarck unter den Bauch und wollte ihn zur Turnübung stemmen, doch sie hatte ihn gehörig unterschätzt. Mit einem einzigen ansatzlos aus der Tiefe des Leibes ausgestoßenen Bellen stieß er sich von der erschrocken aufschreienden Leiterin ab und sprang wieder auf den Rasen. Fast wäre sie auf mich gefallen. „Sie wissen schon“, sagte ich ganz beiläufig, „dass er beißt?“ „Machen Sie gefälligst Ihre Kniebeugen“, zischte sie. „Ich lasse mir doch von Ihnen nicht meine Autorität untergraben!“ „Ich wusste gar nicht, dass Sie so gut mit Hunden umgehen können.“ Herr Breschke stemmte die Fäuste in die Hüften, und Frau Schwabach-Wildhausen sagte zur Vorsicht gar nichts mehr.

Die nächste Übung bestand aus einer Art Yoga mit Grundkontakt, wobei die meisten Hunde nicht verstanden, dass sie unter ihren liegestützenden Herrchen hindurchkrabbeln sollten. Manche von ihnen wälzten sich im Gras, einige schnupperten eifrig an der Bezugsperson, aber so recht wollte das nirgends gelingen. „Sie können ja so eine Brücke machen“, schlug Breschke vor, „und ich lasse dann Bismarck unten durch laufen.“ Doch so weit kam es nicht. An der Seite hatte der Vereinswart einen kleinen Kugelgrill angefeuert, ein Kasten Limonade nebst einer Batterie Pappbecher stand daneben. Während die Kohle vor sich hin glomm, war er ins Gerätehaus verschwunden und kam nun mit einer Blechplatte zurück, auf der drei Dutzend Würste lagen. Doch kaum hatte er die Rasenkante erreicht, stieß er mit dem Fuß auf einen Widerstand – das Tablett schlingerte, in hohem Bogen flog eine Wurst empor. Sie war noch nicht auf dem Boden aufgekommen, als Bismarck schon wie ein Blitz über den Grund schoss, eine Emanation von Kraft und Geschmeidigkeit, sich die Wurst schnappte und mit ihr im Gebüsch verschwand. Wer andere Hunde noch nie verwirrt hatte blicken sehen, hier bot sich die Gelegenheit. „Sehr gut“, sagte Herr Breschke. „Wie Sie sehen, wenn es darauf ankommt, sind wir immer noch ganz schön fit.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXXI): Der Hamsterkauf

3 07 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Ostern ist’s, Freudenfest für Christenheit und Einzelhandel, erkennbar an den Menschenmassen, die sich vom Parkplatz kommend in die Kaufhallen quetschen, einer uralten Tradition folgend, die da sagt: mehr als ein Tag ohne Nachschub bedeutet den sicheren Tod. So wird man mitgerissen von der schwankenden Woge, wer am Eingang Obst und Gemüse ohne Amputationsverletzungen überlebt, schrammt an den Backwaren vorbei und wird dann als unelastischer Stoß im Konservenrayon entsorgt. Die trainierte Menge aber, ausgerüstet mit allerlei Rüstungsgütern um den vernarbten Kadaver, hebelt palettenweise Magerquark in den Drahtkorb, einen Festmeter Zündhölzer und Feinwaschmittel für die Periode bis zur nächsten Eiszeit, dazu Alkoholika und Hygieneartikel, Schmier- und Olivenöl sowie Salzgebäck im Gegenwert des Rüstungsetats einer beliebigen afrikanischen Militärdiktatur. Ist es jene Vorstellung, möglichst viel nützliches Gut mit ins kühle Grab zu nehmen, wie Pharaonen, Wikinger und ihre Zeitgenossen es praktiziert haben? Wollen wir uns die verlängerte Zeit bis zum endgültigen Kollaps noch ein bisschen schönpreppen? Was ist der Sinn und warum tätigen wir Hamsterkäufe?

So nah liegt die Vorstellung, der Hominide als Jäger und Sammler habe jeden Fund zunächst wie ein Eichhörnchen versteckt und verborgen, dass sie nur falsch sein kann. Gerade der Wilde lebte von der Hand in den Mund, oft auch in Konkurrenz zur Umgebungsfauna, die in ihrem Artenreichtum toleranter war in Bezug auf Qualität und Frische. Ohne Konservierung, wenigstens Lagerhaltung, hatte der Häufungstrieb rein technisch keine Chance. Erst die Möglichkeit, an einem halbwegs voraussehbaren Tag die Ernte an Korn und Früchten einzufahren, auf dass sich der ansonsten denkunbegabte Nappel satt über den Winter bringe, machte ihm überhaupt die Notwendigkeit des Speicherns klar – und damit auch die Aussicht auf Besitz, wenn nicht gar auf Reichtum, noch bevor Geldwirtschaft den Tauschhandel besiegt hatte.

Dann aber kam der Krieg. Er muss sich tief ins Bewusstsein der Hohlrabis geschwiemelt haben, denn die Sorge vor dem jäh auftretenden Mangel an Kernseife und Mehrkornbrot vererbt sich von einer Generation zur nächsten. Ja die Enkel derer, die vor dem Führer in Deckung gingen, sie scheinen diese Furcht zu kennen: der Russe steht vor der Tür und wir haben kein Bohnerwachs im Haus. Dialektisch fein gesponnen, denn nach welchem Krieg genau das Volk Bärchenwurst und Dosenspargel in den Kofferraum stopfen musste, ist noch nicht geklärt. Die Angst und Unsicherheit, die andere weltliche Katastrophen nach sich ziehen, sie hingegen können wir nachvollziehen und wissen auch, dass wir den Einkauf dem Es überlassen, während das Über-Ich stöhnend den Kontostand zu ignorieren versucht.

Hätte Perfektionismus allein die krude Mixtur aus Toilettenpapier, Mehl und Hefe erzeugt, immer dessen eingedenk, dass so gut wie keins der Opfer in der Pandemiezeit vorher regelmäßig Brot buk und aufgerollter Zellstoff wenig geeignet scheint, vor der drohenden Seuche zu retten? Offenbar übt sich der gemeine Knalldepp lieber in kollektiven Übersprungshandlungen, da Angriff unmöglich und Flucht sinnlos ist – ein Verhalten, das auch Opfer einer Hirnrindenverödung auf Widerstandsdemos trieb, um gegen Viren anzuplärren und sich von den Naturgesetzen loszusagen. Intellektuelle Aufstocker gar rationalisieren ihre eigene Hilflosigkeit durch Verschwörungsideologien, um überhaupt etwas tun zu können. Wie der Frustkauf zur Aktivierung des limbischen Systems führt, halten sich die Zombies auf dem Synapsenfriedhof durch allerlei Leerlauf aus dem Repertoire der Normalität beweglich, was für den spätturbokapitalistischen Konsumkasper im Regelfall heißt: Shoppen, sonst kommt der Arzt.

Horten heißt, die Zeit aufhalten, wenn nicht gar zurückdrehen. Beschließt die EU, Glühlampen aus dem Verkehr zu ziehen oder Mentholzigaretten, so stopfen sich die Kalkschädel ganze Keller voll mit dem Zeug, ohne das eine Existenz möglich, aber nicht mehr menschenwürdig scheint. Irgendwann in ein paar Monaten und Jahren ist das ganze Zeug dann aufgequarzt, schmeckt nach Mumie oder tritt schlicht in molekular unerwünschte Zustände ein. Auch der Nebeneffekt, dass eines Hamsterkäufers Anblick Dutzende Hamsterkäufer erzeugt, wird von der Seppelmeute stoisch ignoriert, bis sie es dann bekämpfen; die selbsterfüllende Prophezeiung frisst ihre Kinder, solange sie noch welche findet. Aber immerhin hat der Bekloppte in Krisenzeiten dann einen Grund, seine Angst auf einem angemessenen Niveau zu halten, denn in einem Land, in dem ihm alle anderen die Nudeln streitig machen, kann er mit Fug und Recht die Märkte leer räumen, ohne in Vernunft zu verfallen.

Eine viel einfachere Erklärung existiert, um die wir aus Selbstschutz stets einen großen Bogen machen. Der sich zivilisiert gebende Mensch ist ein egoistischer Drecksack, der seinem Nächsten nicht das Schwarze unter den Fingernägeln gönnt und ihm darum aus reiner Gehässigkeit das letzte Glas Pflaumenkompott vor der Nase wegkauft. Auch dann, wenn er Pflaumen hasst. Weil er es kann.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXIX): Rassismus gegen Deutsche

19 06 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Da greinen sie wieder. Reflexartig rollen sie am Boden und werden mutmaßlich massengemordet, da die psychotische Fehlstellung des Frontallappens ihnen das befiehlt. Immer dabei, wenn’s zu leiden gilt, darin zeigt der deutsche Gartenzwerg Größe, so bildet er es sich ein. Und so ermüdend vorhersagbar alles ist und bleibt, der feucht-völkische Dumpf trumpft noch immer mit neuem Schwachsinn auf, diesmal vom Ende der rechten Fahnenstange und in Gestalt des angeblichen Rassismus gegen Deutsche.

Rassismus ist schnell erklärt und noch schneller geleugnet. Als Stigma einer ansonsten Recht und Gesetz ausstrahlenden Mehrheitsgesellschaft ist er so angenehm wie Nagelpilz, eignet sich in allerlei Sonntagsreden als Buhmann und dient als bestes Feigenblatt, wenn man sich zur demokratischen Grundordnung mit Freiheitsgeschmack bekennen soll. Gerne gesehen sind vergangene Zeiten, noch lieber aber real existierende Staaten, in denen er als allgemein anerkanntes Modell der Kasteneinteilung produktiv ist und noch viel besser die Ausflucht aus der beschissenen Ideologie verspricht. Die anderen sind schuld, das macht vieles leichter. Und so ist es für den fleißig strebsamen Deutschen geradezu verzeihlich, dass er seine Leistungsträger auf dem Fußballplatz einordnet. Der in einem afrikanischen Land geborene Schwarze mit dem BRD-Pass kann für vieles Vergebung erhalten, notfalls lässt man sogar seine Einbürgerung unter den Tisch fallen, wenn er für die Nationalistenmannschaft trifft, nur seine Hautfarbe hätte er sich halt besser aussuchen müssen. Wir sind hier doch nicht im Urwald!

Dass dabei die willkürliche Einteilung der Menschen nur durch einen einzigen Unterschied erfolgt, ist eben die Radikalität ihres Wesens. Zwei Personen, die Deutsche, Lehrer, Autofahrer, Väter und Schachspieler sind, sich aber durch ihre äußere Erscheinung unterscheiden, weil sie nicht dieselbe Hautfarbe haben, sind im Sinne der eigenmächtigen Einteilung in Rassen – ein sogar biologistisch hirnrissig falscher Ansatz, da er die Entstehung durch langfristig geplante Zuchtwahl voraussetzt – unterschiedlich und nicht gleich viel wert. Nicht der Fokus auf einem Persönlichkeitsmerkmal macht die rassistische Gesinnung aus, sondern die sozial in langer Zeit eingeübte und institutionell musterartig durchdeklinierte Ausgrenzung einer Minderheit, die in der Gesellschaft so nicht mehr stattfinden soll.

Nur der Vollständigkeit halber: fadenscheiniges Geschwiemel der rückständigen Nanodenker, man könne doch wenigstens eine einzige Rasse als konstituierend annehmen, wenn man schon an der Kategorisierung der Menschheit festhalten wolle, ist eben dies, nämlich fadenscheinig. Nicht nur ist das ein Paradoxon, das letztlich die Schuldlosigkeit der Extremisten durch die Hintertür hereinlässt, es öffnet auch die Vordertür für einen Rassismus ohne Rassen, der die distinktiven Merkmale als nicht zu vereinen mit der Mehrheitsgesellschaft ansieht und dann doch wieder im alten Rassenstereotyp endet.

Mit unsäglichem Gewürge also rattern sich die Verfechter eines Rassismus gegen Deutsche das Modell zurecht, auch deutsche Schwarze seien von Extremismus betroffen – vermutlich von deutschen Weißen, aber man weiß ja so wenig – und dies sei ein eindeutiger Nachweis für die Ablehnung von Deutschen in Deutschland. So also entsteht das Bild von Faschisten, die sicher in ihrer Freizeit alle als Antifa unterwegs sind, dunkelhäutige Passanten in aller Ruhe nach der Staatsbürgerschaft zu fragen und bei positivem Test Gewalt gegen ihre Opfer auszuüben. Bemitleidenswert sind dann eben diese Nationalisten, da sie zufällig den deutschen Pass mit den Angegriffenen teilen. Genau genommen ist dies logisch, wenn die Definition der strukturellen Unterdrückung einer Gruppe aufrechterhalten wird, lässt sie doch im Umkehrschluss die Abgrenzung der Deutschen als eigene Rasse zu. Dass es kein individuelles Vorurteil, sondern stets der Ausdruck gesellschaftlicher Machtbeziehungen ist, wird von den Raumkrümmern instrumentalisiert; billiger ist kein Selbstmitleid, auf dem Mord und Totschlag köcheln und ganze Weltkriege banalisiert werden.

Denn der ganze Popanz einer herbeigesehnten Deutschenfeindlichkeit im Lande des Bettnässers von Braunau ist nichts als eine seit Reichsgründung hochgerülpste und wiedergekäute Gruselette, die suggeriert, dass die ganze Welt, und zwar aus niederen Motiven, gegen das Deutschtum an sich ist – außerhalb der Grenzen und zunehmend auch innerhalb werden wir angegriffen, und was ein echter Teutscher ist, der wehrt sich präventiv und mit allen Mitteln. Der Teutobold zückt tapfer aus dem Zylinder die Volksnotwehr, unter die er nun alles subsumieren kann, absaufende Schlauchboote auf dem Mittelmeer, brennende Flüchtlingsheime oder die gewohnheitsmäßige Pöbelei gegen den chinesischen Einwanderer, der uns Einheimischen in seinem asiatischen Restaurant sicher nur die Jobs wegnimmt, damit er uns mit Viren versorgen kann. Die almanische Grundhaltung der aggressiven Unterlegenheit, die aus der ewigen Opferrolle die gewaltsame Verteidigung ohne Angriff erlaubt, sie wird durch den halluzinierten Hass in geradezu perfekter Weise ermöglicht. Wobei es ja durchaus möglich wäre, dass man in der Welt diese Sorte von Menschen verachtet, auch und gerade in historisch gewachsener Abneigung gegen Deutsche. Aber ganz sicher nicht aus rassistischen Motiven.





Textilveredelung

18 06 2020

So schnell wie möglich – wenn Anne das sagte, musste es sich wirklich um einen Notfall handeln. Luzie empfing mich mit vollkommen verwirrter Miene. „Sie ist nicht mehr ansprechbar“, sagte die Bürovorsteherin. „Ich darf nicht einmal mehr Telefonate durchstellen.“ Es musste sich etwas sehr Ungewöhnliches ereignet haben.

Die Anwältin saß in sich zusammengesunken auf der Couch vor dem Fenster. „Ich habe alles versucht“, flüsterte sie, „buchstäblich alles, aber nichts hilft.“ Sie stand auf und kam ein paar Schritte auf mich zu. „Über eine juristische Klärung des Sachverhalts können wir später reden, aber ich weiß im Moment einfach nicht, was ich machen soll.“ „Gut“, antwortete ich, „dann sind wir schon zu zweit, und im Gegensatz zu Dir habe ich nicht einmal Ahnung, worum es sich handelt.“ Wortlos begann sie ihre Bluse aufzuknöpfen. „Darum!“

Das war überraschend. Sicher war Anne nur auf einer frisch gemähten Wiese eingeschlafen oder hatte ein bisschen Zeit in der Badewanne verbracht, angefüllt mit Spinat. Oder sie hatte Tango mit einem Marsmenschen getanzt. Jedenfalls war ihre Haut, so weit ich es sehen konnte, grün. Grasgrün. „Normalerweise passiert das im Schwimmbad mit blondiertem Haar“, mutmaßte ich, aber ich lag sehr weit daneben. Anne zog unter dem Sofakissen ein Stück Stoff hervor, in einem satten Pflanzenton. „Crêpe de Chine“, erklärte sie. „Quasi geschenkt, das heißt, ich musste es noch nicht einmal bezahlen, weil es für eine kleine Gefälligkeit war. Und jetzt das!“ Es handelte sich um einen blusenähnlichen Gegenstand mit weiten Ärmeln und einer aparten Knopfleiste am Rücken, der vom Schnitt perfekt zum Fleckenbild auf der Haut passte. „Und Du hast es nicht gemerkt?“ „Beim Ausziehen“, knurrte sie. „Und ich habe alles versucht. Duschen, Baden, Schaumbad, Duschbad, Kernseife, Schwamm, Wurzelbürste und Fön.“ „Fön?“ „Keine Ahnung, ich hatte so eine Idee, dass die Farbe eventuell nicht hitzebeständig sein könnte. Aber zu früh gefreut.“ Sie zeigte mir ein kleines Kärtchen, das mit dem Kleidungsstück geliefert worden war. Ich stutzte. „Breschkes Tochter?“ Anne seufzte. „Sie hatte mal wieder etwas aus Ostasien mitgebracht, es war meine Größe, und ich habe es sofort angezogen.“ Ich betrachtete das Etikett. „Es steht nichts darin, dass man es vor dem Tragen hätte waschen sollen, zumindest nicht in einer Sprache, die ich verstehen würde.“ Der Stoff hatte offensichtlich nicht unter der Farbabgabe gelitten. Was also tun? „Ich wollte Herrn Breschke sowieso noch einmal wegen der Sache mit der Grundstücksgrenze fragen“, erklärte ich, „das können wir doch gleich jetzt erledigen.“

Eine halbe Stunde später betraten die beiden die Kanzlei, der pensionierte Finanzbeamte und sein Bismarck, seines Zeichens der dümmste Dackel im weiten Umkreis, der auch hier seinem Herrn und Halter vornehmlich zwischen den Beinen umherlief und ihn in allerlei Schwierigkeiten brachte, da er dies natürlich im angeleinten Zustand tat. Hier aber blieb das Tier sofort wie angewurzelt stehen, richtete den Blick starr auf die unterste Schublade in Luzies Schreibtisch und schaute sie, Luzie nämlich, mit den dackeligsten Dackelaugen an, derer er fähig war. „Schokoladenkekse“, schloss ich, „unser vierbeiniger Freund hat seine Spürnase nicht verloren.“ „Das ist das Mittel“, erklärte Horst Breschke, indem er eine in Plastik gewickelte Papiertüte aus seiner Aktentasche zog. „Es wirkt sofort, und wenn ich es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte, ich würde es gar nicht glauben.“ Auch auf dieser Sprühdose waren Schriftzeichen ostasiatischer Provenienz zu lesen, und nur ein paar international gebräuchliche Symbole, die uns davon abhalten sollten, den Metallzylinder gewaltsam zu öffnen oder ins Feuer zu werfen, erinnerten an die Waren, die im heimischen Handel erhältlich sind. „Ich habe ordentlich mit ihr geschimpft, aber sie sagt, im Hotel in Indonesien nehmen sie es auch, und es ist möglicherweise nur abgelaufen, aber das heißt ja nicht, dass es noch funktionieren sollte.“

Ein kleiner Sprühstoß in die Luft erzeugte einen nicht unangenehmen Blumenduft, der für diese Art Raumerfrischer typisch war. Bismarck fiepte etwas indigniert; für eine Hundenase war dies Konzentrat aus künstlichen Blüten bestimmt eine Zumutung. „Probieren Sie es gerne aus“, sagte Herr Breschke und reichte Anne die Dose. „Wenn Sie durch meine Tochter zu Schaden gekommen sein sollten, dann ist es doch das Mindeste, dass ich Ihnen dieses Mittel zur Verfügung stelle.“ Noch war sie ein wenig skeptisch, aber dann gewann der Mut die Oberhand. „Was soll schon schiefgehen?“ Und sie schloss die Tür hinter sich.

Einen Augenblick lang war es still. „Das ist so eine Art Spray für Hotelräume?“ Luzie betrachtete die zweite Sprühdose. „Nein“, berichtigte Herr Breschke, „eigentlich ist es für Textilien gedacht, in den Hotels werden damit die Polster eingesprüht und Bettdecken und solche Sachen, und das wollte ich auch ausprobieren zu Hause.“ Es begann hörbar zu zischen. Anne musste sich gerade kräftig mit dem Dosenzeug einnebeln, der intensive Geruch nach einem ganzen Blumengarten kroch unter der Tür durch. „Leider waren die Kissen nicht nur sehr schnell sauber, nach ein paar Minuten waren die Bezüge auch strahlend weiß.“ „Großartig“, jubelte Luzie, „Ihre Frau wird sich aber gefreut haben!“ „Nun ja“, bekannte der alte Herr zerknirscht, „vorher waren sie orange und braun gemustert.“

Das Zischgeräusch war verstummt, da flog auch schon die Tür auf. „Großartig“, rief Anne mit rotem Kopf, „Herr Breschke, wenn ich Sie nicht hätte! Ich dachte schon, ich müsste jetzt wie ein Frosch durch die Gegend laufen, oder noch schlimmer: wenn das abgefärbt hätte!“ Ich ließ die Papiertüte diskret wieder in der Aktentasche verschwinden. „Leider war das auch die letzte Dose.“ Anne knüllte das grüne Stoffstück zusammen und warf es beherzt in den Papierkorb. „Aber das wird mir eine Lehre sein – nie wieder dieses obskure Zeug aus Fernost. Man weiß nie, was man sich da ins Haus holt!“





Vollstrecker

10 06 2020

„Rassismus? Bei uns? Wenn Sie bei der Polizei schon mal Rassismus gesehen haben, dann sind Sie vermutlich auch so ein Scheinasylant, oder wie soll ich das jetzt verstehen?

Ich sag’s Ihnen ganz ehrlich, ich kann das nicht mehr hören. Die Polizei hat sich in den letzten Jahren so dermaßen verändert, da kann inzwischen jeder dahergelaufene Kümmeltürke mitmachen. Da möchte ich mal sehen, wie Sie Rassismus entdeckt haben wollen. Vielleicht sind die Kollegen mit Invasionshintergrund nicht immer so geschickt wie anständige Beamte, die aus einer deutschen Familie kommen, aber wir haben uns mit denen arrangiert. Das hat ja auch seine Vorteile, wenn man zum Beispiel mal in ein asoziales Stadtviertel kommt, wo nur Ausländer wohnen, und dann haben Sie so einen Araber dabei, der wird von denen vielleicht noch am ehesten respektiert, weil die wissen: der fackelt nicht lang, der haut zu. Das kennt der von zu Hause, das legt der im Dienst nicht ab.

Wenn Sie das vergleichen mit Amerika, da sind wir hier ja Waisenknaben. Das liegt aber auch an der Ausbildung, die ist eine Brutstätte von Gewalt und Verrohung. Und auch sonst ist das nicht mit der deutschen Polizei vergleichbar. Unterschwelligen Rassismus, den diese kommunistische Trulla da unbedingt sehen will, den finden Sie bei der Polizei in den USA überhaupt nicht. Da wird noch ganz offen und ehrlich kommuniziert, wen die als guten und wertvollen Bürger im Staat sehen, und wenn Sie nicht dazugehören, dann werden Sie ja schon wissen, warum das so ist.

Rassistisch motivierte Kontrollen? Sie wollen hier doch wieder nur mit statistischen Tricks die Wirklichkeit verdrehen, aber damit kommen Sie bei mir nicht weit. Die Straftaten von Ausländern sind ja nicht so hoch, weil wir ausschließlich Ausländer kontrollieren, sondern wir kontrollieren so viele Ausländer, weil bei denen eben mit erhöhter Wahrscheinlichkeit eine Straftat zu ermitteln ist. Ja, dann eben keine Ausländer, dann sind das halt alles maximalpigmentierte Zuwanderer, was weiß ich! Das ist doch letztlich dasselbe, auch wenn da zwei bis drei Generationen dazwischenliegen an Leuten, die wir nicht rechtzeitig abgeschoben haben. Allein die Ausländergesetzgebung zeigt doch, dass wir es hier mit organisierter Kriminalität zu tun haben: die Quote der Verstöße gegen das Ausländerrecht liegt zu hundert Prozent bei Nichtdeutschen! Hundert Prozent! Und Sie wollen mich hier mit statistischen Taschenspielertricks verarschen!?

Dabei ist der Polizeiberuf einem immer stärker ansteigenden Stress unterworfen! Wenn Sie früher mal einen Nichtweißen aus der Menge rausgezogen haben, weil Sie genau wussten, dass der Dreck am Stecken haben könnte, dann hat der irgendwas gestanden, teilweise erst nach mehreren Stunden im intensiven Polizeigewahrsam, und was das alles an Überstunden bedeutet hat, das machen Sie sich als Zivilist gar nicht mehr klar. Heute wollen diese Arschlöcher als erstes ihren Anwalt sprechen! Ihren Anwalt! Die verweigern die Aussage! Wenn so einer nicht gesteht, dann ist das doch automatisch Widerstand gegen Vollstrecker!

Damit wir uns hier nicht falsch verstehen, wir dulden in unseren Reihen keine Extremisten. Das ist bei der Polizei ganz klarer Konsens, und daran werden sich alle Polizisten halten. Es kann doch nicht sein, dass sich so eine Sau am 1. Mai frei nimmt und dann gemütlich Autos abfackelt, die wir mit unserem Leben schützen müssen! Wenn das einer von uns erlebt, der kriegt die Fresse poliert, und zwar verfassungskonform! Wir haben schon einmal eine Diktatur auf deutschem Boden gehabt, wir brauchen keine zweite DDR mehr. Und wir brauchen erst recht keine politische Führung, die sich in die Polizeiarbeit einmischt, das hatten wir da nämlich auch schon. Wir verlangen nicht mehr als absolute Loyalität und totales Vertrauen in unsere Arbeit, darauf haben wir nämlich einen Anspruch. Sonst kann sich diese Stasibraut, die von Bill Gates als Kanzlermarionette gehalten wird, beim nächsten Staatsbesuch von der NVA schützen lassen. Ganz ehrlich, wenn ich da ein paar Millionen Kuffnucken nach Deutschland eingeschleust hätte, die hier in schöner Regelmäßigkeit vergewaltigen und mit dem Messer auf die rechtmäßigen Einwohner losgehen, dann würde ich aber mal ganz gepflegt die Fresse halten. Dankbarkeit war mal eine schöne deutsche Tugend, aber das hat die sich im Osten wahrscheinlich abgewöhnt, weil der Russe sowieso immer alles frei Haus geliefert hat.

Jedenfalls möchte ich hier undifferenzierte Pauschalurteile über die Sicherheitskräfte in der Bundesrepublik nicht mehr hören, das ist nämlich sehr verletzend. Ja, verletzend – ein Polizist ist auch nur ein Mensch! Das vergisst man ja manchmal! Und diese ganze undifferenzierte Hetze, immer alle Menschen in eine Schublade stecken, immer alle über einen Kamm scheren, statt mal den Einzelfall zu betrachten, auch mal nach der Motivation zu fragen, eine Handlung von allen Seiten zu beleuchten, meinen Sie denn, dass man eine Gesellschaft auf Dauer unter den Voraussetzungen noch friedlich und gesetzestreu bekommt?“





Schluckauf

4 06 2020

„Hpp!“ Anne sah mich verzweifelt an, der Schweiß lief ihr von der Stirn. Noch eine knappe Stunde, und sie würde ins Gericht fahren müssen. Aber in ihrem momentanen Zustand sah es nicht danach aus.

„Es hat heute Vormittag angefangen“, klagte Luzie. „Halb zehn bringe ich ihr die Post und einen Kaffee, will gerade die Tasse auf dem Schreibtisch abstellen, da passiert es.“ „Hpp“, machte Anne. „Dieser verdammte Schluckauf, ich kann einfach nicht…“ „Du könntest die Luft anhalten“, riet ich ihr, aber Luzie winkte ab. „Alles probiert, dreimal die Luft angehalten, sechs Schlucke Wasser, ein Stück Würfelzucker gelutscht, aber nichts hat ihr geholfen.“ „Hpp!“ Ich blickte auf den Aktendeckel. „Ah, heute ist also die Verhandlung mit dem Mieter aus dem verlassenen Kellergeschoss.“ Sie nickte gequält. „Hpp!“ Der Fall war klar: würde er nicht die beste Anwältin bekommen, die es gab, die Sache würde sehr, sehr teuer für ihn. Was aber, wenn Anne nun gar nicht erst ins Gericht käme?

Da klingelte das Telefon. Anne winkte ab. „Ich kann Sie leider nicht durchstellen“, hörte ich Luzie sagen, „aber Sie können gerne morgen früh bei uns vorbeischauen, dann ist die Situation bestimmt…“ Ich schlug mir die Hand vor den Kopf. „Das kann doch nicht wahr sein!“ Anne ließ sich stöhnend in ihren Sessel fallen. „Ein bisschen Schluckauf, und die ganze Kanzlei steht kopf? Das ist dann ja wohl doch zu stark!“ „Und wenn wir es mal mit Lesen versuchen?“ „Also…“ „Keine Widerrede!“ Luzie drückte der Chefin die Akte förmlich ins Gesicht. Widerwillig begann sie. „Sehr geehrte Frau Hpp!“ „Ruhig atmen“, empfahl ich. „Je mehr Du Dich jetzt entspannst, desto schneller kommt alles wieder in Ordnung.“ „In Sachen Städtische Gesellschaft für Hpp!“ Luzie wurde langsam etwas unruhig. „Vielleicht helfen ja Pfefferminzbonbons, ich habe in der Schreibtischschublade einen…“ „Wegen der widerrechtlichen Nutzung des Kellergeschosses des Grundstücks in der…“ Ich atmete so leise wie möglich, um Annes Konzentration nicht zu stören. „… Albert-Einstein-Straße Nummer Hpp!“ Sie ließ den Brief sinken, doch Luzie klappte ihr das Papier gleich wieder unter die Nase. „Entgegen den Ausführungen der Klägerin trage ich vor: Hpp!“ „Zumindest wirst Du damit dem Richter in guter Erinnerung bleiben“, wandte ich ein. Anne zog die Stirn in Falten. „Wenn Du eine bessere Idee hast, kannst Du Dich gerne als mich ausgeben und diesen Idioten raushauen!“ Luzie war ganz unbemerkt aus dem Zimmer geschlüpft und hatte die Tür lautlos hinter sich geschlossen. „Auf der anderen Seite ist es mir ein Rätsel, wie man diesen Mann ein ganzes Jahr lang im Keller vermutet, nicht nachschaut, die Türschlösser nicht auswechselt und dann zu allem Überfluss auch noch den Abfluss repariert, obwohl das Gebäude ja angeblich demnächst abgerissen werden soll für das neue Parkhaus.“ Da flog die Tür auf und Luzie platzte ins Zimmer. „Buh!“ „Hpp!“

„Ich kann mich täuschen“, wandte ich mich an die Bürovorsteherin, „aber vielleicht ist Deine Art von Schocktherapie handwerklich nicht unbedingt ausgereift. Vielleicht solltest Du sie auch nur bei anderen Gelegenheiten anwenden.“ Anne legte die Akte auf den Schreibtisch. „Ich weiß wirklich nicht mehr weiter.“ „Kopf hoch“, ermunterte ich sie, „zur Not wirst Du plötzlich eine schwere Störung des Sprechapparats erleiden, wir holen uns auf dem Weg schnell ein Attest aus der Praxis von Doktor Klengel, dann schreibst Du mir die Fragen auf einen Block und ich lese sie einfach vor.“ „Geht nicht“, schüttelte sie den Kopf. „Juristisch wäre das ein glatter Fall von Hpp!“ Das hatte ich natürlich nicht bedacht. Man kann nicht vorsichtig genug sein.

Anne schluckte ein paar Mal trocken und hickte vor sich hin. Ihr Zustand wollte sich nicht bessern. „Ich weiß noch gar nicht, was ich Herrn Breschke zum Geburtstag schenken soll.“ Sie sah mich voller Überraschung an. „Natürlich“, fuhr ich fort, „ist er auch erst im nächsten Monat dran, und im Herbst feiern Breschkes sowieso ihren Hochzeitstag, und ich hatte eine Kleinigkeit besorgt, Schlagerplatten nämlich, aber nicht so, wie Du denkst.“ Anne wollte es vermutlich gar nicht wissen, ich erzählte es zur Vorsicht trotzdem. „Sofia Asgatowna hatte doch mal diesen Bibliothekar kennen gelernt, der hin und wieder musikalische Nachlässe in die Finger bekommt – wie gesagt, es ist eine ganz hübsche Sammlung von Schlagern der Zwanziger Jahre, alles fast neu, und er hat ja nun mal eine Schwäche für diese Zeit. Eigentlich hatte ich geplant, ihnen beiden diese Platten zu schenken, da sie ja doch sehr kostspielig sind, aber bis dahin habe ich ja noch genügend Zeit, mich um ein neues Geschenk zu kümmern.“ Anne sah mich an. Sicher hatte sie den einen oder anderen Sachverhalt verstanden, ließ es sich aber nicht anmerken. Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr, dann schrak sie plötzlich hoch. „Es ist höchste Zeit“, rief sie, „wir plaudern und plaudern und müssen in einer halben Stunde im Gericht sein. Schnell die und die Akten, ich brauche den Autoschlüssel, und dann geht’s los.“ Sekunden später stürmte sie mit dem schwarzen Talar über dem Arm durch den Flur. „Für heute keine Termine mehr“, informierte sie Luzie, die der Chefin ganz konsterniert hinterher sah, wie diese aus der Tür verschwand. „Ich komme dann nächste Woche wieder“, verabschiedete ich mich. Luzie richtete sich kerzengerade in ihrem Drehsessel auf. „Hpp!“





Vernichtungslager

28 05 2020

„Wozu brauche ich denn Beweise, dass der Mann je einen Hund hatte? Erstens kann man einen Hund auch quälen, wenn er einem nicht selbst gehört, und zweitens will das keiner wissen. Wozu auch.

Ich schreibe das nicht selbst, ich lasse schreiben. Oder ich habe einen Chefredakteur, der schreiben lässt. Der gibt ihnen dann vor, was sie zu schreiben haben, und trägt keine Verantwortung dafür, weil er ja nicht selbst geschrieben hat. Und wir haben für die Schlagzeile dann ja auch keine Verantwortung, weil sie der Leser so will. Ist dieser Mann ein Tierquäler? ist erst mal nur eine Frage, wir lassen abweichende Ansichten selbstverständlich zu und verlangen nur, dass sich unsere Leser dazu in anderen Medien informieren.

Es gibt so viele Nachrichten auf der Welt, die nur schwer zu verstehen sind, das heißt: sie sind leicht zu verstehen, aber dazu man muss sie einordnen. Da machen wir doch lieber Nachrichten, die leicht verständlich sind. In einer ganz einfachen Welt, in der es das Böse gibt, das wir für die Leser stellvertretend bekämpfen. Was das Böse ist, das überlassen Sie besser uns. Die Pressefreiheit ist für uns ein hohes Gut. Wo sie uns nützt.

Sie haben das schon ganz richtig verstanden, wir machen nicht die Schlagzeilen, wir machen Nachrichten. Die Nachrichten, für die sich die Leser interessieren, die in unserer Gesellschaft leben. Und wenn sie sich dafür interessieren, haben wir auch irgendwann die Gesellschaft, die wir uns vorstellen. Nämlich nur noch mit denen, die sich für unsere Nachrichten interessieren. Und das wird eine gute Gesellschaft sein, stellen Sie sich vor. Alle sind gegen Tierquäler, weil wir ihnen sagen, wer Tiere quält. Und wenn wir unser Produkt mit Reklame für billige Bratwurst subventionieren müssen, dann ist das eben eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Kein Grund, sich darüber aufzuregen. Worüber Sie sich aufregen sollen, das erfahren Sie schon von uns.

Das ist harte Arbeit, verstehen Sie das nicht falsch. Wir müssen immer genau wissen, auf wen wir die Meute hetzen. Da hat man einmal ein Herz für Kinder, und schon denken alle, damit seien auch die ganzen Neger mitgemeint, die sich hier bei uns einnisten. Die sollen gefälligst in Afrika bleiben und unsere Bodenschätze abbauen. Das muss man alles wieder mühsam mit schlecht verklausulierten Morddrohungen gegen Klimaaktivisten reinholen, sonst bricht der Umsatz weg. Manchmal verfängt das. Angst ist eine mächtige Triebfeder. Man muss nur mit ihr umgehen können, wie mit den anderen Werkzeugen, Hass oder Gier. Menschen sind sehr einfach, und sie ändern sich nicht. Das macht sie als Rohstoff so ergiebig.

Wir gehen strategisch vor. Dazu muss man der Öffentlichkeit immer mal wieder ein Stück Beute hinwerfen, abgehalfterte Imbissfuzzis, salafistische Pseudojournalisten, welke Blondchen, die an die Flacherde glauben. Jetzt war mal einer von unseren Lautsprechern dran. Dass er sich hat erwischen lassen, ist unerheblich. Er hat es nur übertrieben. Das sitzen wir aus. Wir sind ja nicht verantwortlich, wenn sich diese Gesellschaft radikalisiert. Unsere Gewinne sind sicher, und wenn sich eines unserer Opfer beschwert, steht es schnell in Opposition zur Gesellschaft. Und wenn sich die Gesellschaft eben radikalisiert, dann werden Sie als Radikaler nicht lange auffallen, weil der Rest der Gesellschaft Sie einholt. Praktisch, nicht wahr?

Es ist übrigens auch ganz ohne Krisen machbar, nur erleichtern sie uns das Geschäft erheblich. Sie brauchen auch keine insolvente Küchenhilfe oder diesen schizoiden Jammerlappen, der Aliens in der hohlen Erde gesehen hat. Uns reicht es, wenn wir diesen Abschaum in den Parlamenten installieren, weil sie von dort aus unser Geschäft betreiben: jede Krise abwarten und dann die Gesellschaft gegen die Vernunft aufhetzen. Das ist viel angenehmer, als erst Vernichtungslager zu bauen. Wir warten in Ruhe ab, bis sich das von selbst erledigt.

Es ist ja an sich nichts einzuwenden gegen den sogenannten mündigen Bürger, aber die politische Wirklichkeit zeigt oft, dass er die Zusammenhänge nicht versteht. Wenn man sich permanent in einer Art Krisenmodus befindet und die Gesellschaft von Demagogen destabilisiert wird, dann braucht es ein ordnendes Gegengewicht. Wir nehmen in diesem Zusammenhang unsere Rolle auch ernst. Natürlich können wir nichts für öffentliche Ausbrüche von Gewalt gegen Personen. Wir lehnen das auch grundsätzlich ab, wobei wir andererseits das gesunde Volksempfinden nicht als Ausdruck einer gesellschaftlich relevanten Meinung ablehnen. Was gesund ist, können wir fallweise den Lesern kommunizieren. Das beugt Missverständnissen nicht immer vor, aber damit muss man rechnen. Die Hauptsache ist, dass wir den Diskurs bestimmen. Die Leute regen sich eher über brennende Autos auf als über brennende Asylanten, auch dann, wenn sie sich wegen der Leute, deren Autos da brennen, selbst nie ein Auto werden leisten können. Dann muss man ihnen beibringen, dass die Asylanten kein Interesse haben, diesen linksextremistischen Terror zu stoppen. Womit sie sich natürlich ganz klar schuldig machen. Für alles weitere setzen wir auf die Tatkraft der Deutschen, die ihr politisches Schicksal gerne selbst in die Hand nehmen, statt es sich von einer selbstsüchtigen, korrupten Elite vorschreiben zu lassen.

Ja, stellen Sie durch. Den Chefredakteur? Drei Prozent? An einem Tag? Das ist mir scheißegal, womit er das rechtfertigt. Lassen Sie es wie einen Unfall aussehen.“