Gernulf Olzheimer kommentiert (DXCVII): Wertschätzungszwang

14 01 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Ein Gespenst tapert herum durch die öffentliche Welt. Es stolpert ständig jedem um den Hals und herzt dahergelaufene Deppen, schlägt Knalltüten vor Freude auf die Schulter und bejubelt jeden Feuchtbeutel, der mit seiner Atmung intellektuell voll ausgelastet erscheint. Dieser Geist ist voller Respekt, ach was: geradezu liebestrunken geht er in die Knie bei allen hirnverdübelten Schnackbratzen, denen eine Runde Vollkontakt mit der Faust große Dienste erweisen würde. Es ist die dämlichste Idee der Menschheit, ausnahmslos alle Hominiden für ihre sozial kaum verträglichen Sondermeinungen zu achten, ihnen für jede hirnrissige Absonderung in aufrichtiger Ehrerbietung zu nahmen und sie auch sonst zu behandeln, als hätten diese Mehlmützen noch ansatzweise alle Rillen auf der Erbse. Dieser dämliche Wertschätzungszwang, der uns vor allem im professionellen Umgang miteinander täglich bis knapp hinter die Grenze des Erbrechens treibt, er ist schlicht und ergreifend überflüssig. Und schädlich.

Selbstredend akzeptieren wir die Neigungen des Anderen zu flamboyantem Schuhwerk, Weingenuss bei Körpertemperatur und religiösem Aberglauben, solange er uns nicht nötigt, desgleichen zu tun. Wo aber nicht der Hang zur Individualität entscheidend ist, sondern die Dummheit ihr debiles Grinsen aus dem Gesichtsübungsfeld quetscht, da wird jegliche Duldsamkeit hinfällig. Torheit lähmt die Interaktion und lässt jeden halbwegs zur Vernunft fähigen Luftverbraucher in brüllendem Schmerz zurück, dass diese versaubeutelten Fehlversuche sich mit uns auf einer Erdkrümmung aufhalten dürfen. Wir aber haben laut Anstandsvereinbarung zu allem gute Miene zu machen? Nix da.

Um des lieben Friedens willen hocken wir auf der Geburtstagsfeier treu gegenüber dem ständig angetrunkenen Urgroßonkel mit dem angespannten Verhältnis zu Wasser und Seife, hören uns seine wirren Geschichten zu Kolonialismus, Krieg und Rassentheorie an und lassen ihm alles durchgehen, auch wenn er ankündigt, mit der abgesägten Flinte auf die Nachbarskinder zu zielen, weil polnische Nachnamen ein untrügliches Zeichen für genetisch veranlagten Kommunismus seien. Wir schieben ihm Schnaps über den Tisch, ignorieren sein Geopfer und ärgern uns die Magenschleimhaut wund, weil er auch bei der nächsten Beerdigung wieder verbale Faulgase absondern und die Gesellschaft in den blanken Ekel treiben wird. Wir aber sind selbst an der Misere schuld, weil sich das dümmliche Gefasel leicht von der Klippe kippen ließe, nicht ganz ohne Gewalt, aber nachhaltig und in angenehmer Stille verebbend. Man muss es nur wollen.

Gleichfalls wird jedes Team, ob es nun kegelt oder Panzerwagen aus Kartoffelbrei schwiemelt, zu Harmonie und Eintracht verurteilt, damit keine Zeit verlustig geht durch überflüssige Konfliktlösungen oder einen klärenden Axthieb. Wir alle haben uns furchtbar lieb und gehen damit den anderen auf den Zwirn, koste es, was es wolle. Selbstverständlich ist es gut, vertrauensvoll miteinander umzugehen und nicht nur den Materialwert einer Personalressource zu betrachten, aber die ständige Rücksichtnahme auf sozial nicht anpassungsfähige Bumsrüben ist in jeder Konstellation ein schwerer Ausnahmefehler, der alsbald zum Knirschen des Systems führt.

Die Ähnlichkeit mit dem Toleranzparadoxon ist kein Zufall. Auch hier sind die sozial kompetenten Klugen solange dumm zu den sozial inkompetenten Dummen, bis die Dummen den Rest des Systems in die kollektive Beklopptheit geführt haben, weil man ihre indolente Brägenversuppung immer und immer wieder für lässliche Verfehlung, nicht aber für eine virulente Gefahr hielt, an der sich die Population mit Hohlbratzigkeit infiziert, die ohne Prügel nicht mehr weggeht, mit Prügel höchstens zur Hälfte. Wir gehen mit dem intellektuellen Schmodder um, als handele es sich um geistige Einzelgänger, die man mit dem einen oder anderen freundlichen Hinweis leicht wieder auf den Pfad der Tugend brächte, würden die manischen Stumpfstullen einem bloß einmal richtig zuhören. Die Nichtdenker, die ihre eigene Ignoranz für mindestens so viel wert halten wie das Wissen der anderen, sie fordern für sich den gleichen Respekt ein, den sie dabei anderen nicht zugestehen, weshalb sie den sozialen Kontrakt dann schlicht aufkündigen, um ebendies den Gegnern vorzuwerfen, wie man es aus Opferrollenmentalität nun einmal zu tun pflegt.

Hören wir endlich damit auf, den Nervensägen ständig mit Dankbarkeit zu begegnen, weil sie uns einfach noch nicht zusammengeschlagen haben. Sie verwechseln Freiheit grundsätzlich mit der Freiheit gegen andere, nicht zuletzt deshalb, weil alles am Ende mit Konsenssauce zugekleistert wird, wenn nur alle damit einverstanden sind, dass sich alle – die anderen nämlich – zusammenreißen, damit der Kahn nicht kippt. Sonst sind wir bald bei der Zucht von Helden ohne Geschäftsbereich, wie sie von ganzheitlich verstrahlten Eltern durch permanenten Jubel bei der geringsten Äußerung des Enddarms zu Soziopathen erzeugt werden. Wo das endet, wird bei mancherlei liberalen Lacksäufern klar, die uns Rücksichtslosigkeit als einklagbares Privileg verkaufen wollen. Respekt, wer das weghaut.





Pflichtbewusstsein

7 12 2021

„Selbstverständlich sehen die keine Eile bei der Einführung einer allgemeinen Impfpflicht. Wäre ich das kompetenzfreie Arschloch, das von meiner Partei als nächster Justizminister aufgestellt wird, ich würde auch lieber den asozialen Dreckrand unter meinen Wählern verzärteln, als den Eindruck zu erwecken, ich sei intellektuell einem Staatsamt gewachsen. Aber zum Glück organisiere ich das hier, und nicht er.

Noch reden wir hier ja nicht von staatlichen Zwangsmaßnahmen, obwohl auch die durchaus im Rahmen der Verhältnismäßigkeit sein können. Sie müssen nur gegen die Abgabenordnung verstoßen, ein Zwangsgeld nicht zahlen und sich auch einer Vollstreckung verweigern, zack! Haftstrafe. Dieser böse Staat, der ständig seine Bürger terrorisiert, nur weil die gegen geltendes Recht verstoßen. Damit wir uns nicht falsch verstehen, wenn man seine Buskarte nicht bezahlen kann und zum Arzt fährt, wegen Beförderungserschleichung angezeigt wird und die Geldstrafe nicht bezahlen kann, dann sitzt man selbstverständlich zu Recht im Knast, auch wenn das für die Allgemeinheit wesentlich teurer wird, als das Bußgeld zu erlassen. Wenn Sie vom Staat etwas wollen, dann darf der sich natürlich zur Wehr setzen. Es sei denn, Sie sind Geschäftsführer eines Unternehmens, das staatliche Hilfen braucht, um die Boni seiner Vorstände zu verdoppeln. Das nennt sich dann mitfühlender Liberalismus.

Aber sonst machen wir das auf dem üblichen Verwaltungsweg. Erstmal müssen wir uns bis März darüber zanken, ob so eine Impfpflicht nicht gegen die Verfassung verstößt – da sind wir ganz auf der Seite der Bürger – und dann steht der Datenschutz im Raum. Wir müssen da besonders gründlich und überlegt vorgehen, damit wir unser Ziel erreichen: einen Grund finden, warum wir die Gesetze nicht einseitig für die Interessen des Staates auslegen, wie wir das sonst auch immer tun, um präventiven Schrott wie die Vorratsdatenspeicherung oder die Klarnamenspflicht im Netz gegen jeden Sinn und Verstand durchzuprügeln. Die Experten haben wir schon, wir müssen nur noch jemanden finden, der es ihnen komplex genug erklärt, damit man mit der Antwort hinterher auch nichts anfangen kann.

Diese Impfung ist an sich ist ja auch nicht so teuer, die kann man den Verweigerern dann gerne in Rechnung stellen. Wenn man sich überlegt, wofür die Leute alles Geld ausgeben, dann sind die paar Kröten sicher nicht erheblich. Dazu sollte eine öffentliche Debatte stattfinden, dass die Kosten der maschinellen Beatmung im Überlebensfall den Patienten in Rechnung gestellt werden, die ohne Impfung eingeliefert wurden. Auch da gibt es ja vorsätzliche Falschaussagen. Sonst könnten die Krankenkassen den Impfstatus registrieren und die Beiträge anpassen. Das wirkt zuverlässig.

Als günstigen Nebeneffekt werden wir nebenbei natürlich auch sämtliche Impfzertifikate unter die Lupe nehmen. So schnell kommen wir nie wieder an gut eine Million gefälschte Urkunden, und dann wäre hier auch strafrechtlich ein Deal möglich: das mobile Prüfteam scannt und gleicht ab, und wo wir einen Treffer landen, darf sich der Bürger sofort aussuchen, ob er lieber auf der Stelle sein Vakzin bekommt oder Strafanzeige, erkennungsdienstliche Behandlung und neuerliche Vorladung inklusive sämtlicher Kosten. Vermutlich bekommen wir dann auch eine genauere Statistik über Impfdurchbrüche, die angeblich die Intensivstationen verstopfen.

Dazu könnten wir natürlich auch flankierende Maßnahmen wie eine allgemeine Kontrolle bei den Querschießer-Demos nutzen. Die Polizei ist noch nicht ganz auf unserer Seite, für die ist der Staat ja ein Feindbild, zumindest der Rechtsstaat, aber das werden wir durch passgenaue Regelungen schon in die Wege leiten. Wenn Polizisten erst mal in großer Anzahl von diesen Freizeitnazis angegriffen werden sollten, könnte man ihnen den Fingerzeig geben, dass wehrhafte Demokratie auch gut in Handarbeit funktioniert. Schließlich haben wir ja immer noch das Gewaltmonopol.

Das Thema Impfschäden müssten wir auch noch im Detail betrachten, gehen Sie mal davon aus, dass wir eine größere Menge derer, die durch staatlich organisiertes Pflichtbewusstsein immunisiert wurden, hinterher als Kläger am Hals haben, weil sie in der Folge schwere Erkrankungen erleiden. Bei den meisten dürften da Hirnschädigungen in Frage kommen, und die sollten im Regelfall auch schon vorher aufgetreten sein. Und wenn jetzt ein 20-Jähriger seine Spritze bekommt und keine 70 Jahre später tot ist, dann wird irgendeine Regierung auch die Regressansprüche an der Backe haben. Ich habe da ein ganz entspanntes Verhältnis zum Klima, wenn Sie verstehen, was ich meine.

Ansonsten werden wir wieder viele Vorschläge aus der Opposition bekommen, Entziehung des Führerscheins, Sofortabschiebung bei Ersttätern mit Migrationshintergrund oder Komplettsanktionen bei Erwerbslosen. Im EU-Ausland gibt es ja schon eine Pflicht für Arbeitnehmer in Gesundheitsberufen, die sich gut bewährt hat und von der Bevölkerung auch mehrheitlich unterstützt wird, daher wird das in Deutschland nicht kommen. Weil das Ausland ist, das ist hier also gar nicht anwendbar. Da setzt der deutsche Hobbyverfassungsrechtler eher auf die Prügelstrafe, immer vorausgesetzt, es betrifft ihn nicht selbst.

Das wäre also jetzt der aktuelle Sachstand, ich halte Sie aber über neue Entwicklungen regelmäßig auf dem Laufenden, wenn Sie wieder zurück sind in Sachsen, wobei: da gibt’s doch diese Bürgerwehren. Für Geld tun die angeblich alles, oder?“





Meistersinger

7 10 2021

„Wagner“, stöhnte Anne. Ihr Gesicht sank erheblich und ließ das Grauen mehrerer Abende in der Oper erahnen. „Wenn ich ihn schon ertragen muss, dann bitte nicht auch noch bei Wagner.“ Sie ließ sich in den gepolsterten Sessel sinken wie Amfortas, aber das war sicher nur ein Zufall.

„Er ist sein Großneffe.“ Dass Staatsanwalt Husenkirchen einen solchen in der Familie gehabt haben könnte, hätte wohl niemand bezweifelt. Aber dieser Husenkirchen, frisch promoviert und nur ein paar Jahre jünger als die Strafverteidigerin mit der inzwischen gut eingeführten Kanzlei, er war sich sicher, dass er als Teil der Familie nur würde Erfolg haben können, wenn er die passende Frau an seiner Seite hätte. „Ausgerechnet ich“, knurrte sie, „er hat auf dem Juristenball beinahe einen Preis gewonnen für den dämlichsten Auftritt des Jahrhunderts.“ „Er war ein bisschen zu undiplomatisch“, grinste Luzie, während sie die Akten im Hängeschrank verteilte. „Augen auf bei der Berufswahl!“ Jedenfalls oblag es nun Anne, einen Opernabend auszusuchen, an dem sie seine Begleitung und natürlich zwei sehr gute Plätze im ersten Rang bekommen sollte. Der Patriarch galt als freigiebig und hatte dem Theater bereits mehrfach große Spenden zukommen lassen, es würde sich um die Mitte handeln. Erste Reihe.

„Bitte nichts Kompliziertes.“ Luzie schloss mit erheblichem Geräusch den Auszug. „Er hat es mit der Tochter von Regierungsdirektor Schlippenbach versucht“, berichtete sie, „Hamlet – schon im ersten Akt hat er sie zu einer Diskussion genötigt, ob der Prinz nun eine tief greifende Bewusstseinstörung durch das traumatische Erlebnis des Vatermordes hat oder eine schwere seelische Abartigkeit, die zur Schuldunfähigkeit führt.“ „Ich möchte raten“, gab ich zurück, „er studiert Jura in Wittenberg, das löst im Regelfall eine Persönlichkeitsstörung aus.“ Anne kicherte. „Leider wird das schwierig, in der Oper wird auch überwiegend gemordet oder wenigstens kurz nach der Arie gestorben.“ Luzie wusste sich keinen Rat. „Es ist kompliziert.“

Dabei hätte sie schon etwas beizutragen gehabt. Seit längerem hatte sie in Minnichkeit, inzwischen Büroleiter einer angesehenen Steuerberatung, einen treuen Begleiter im Musiktheater, obgleich er die Reisen nach Verona und Bregenz bevorzugte, wenn dort Rodolfo eine randgeschmeidigere Tessitura zu bieten hatte. Oder was immer der Opernführer für solche Gelegenheiten vorsah. Luzie genoss nach wie vor das Abonnement des Staatstheaters, quälte sich durch endlose Vokalmeetings der Romantik, die man mit einem postmodernen Videocall hätte von der Platte putzen können, und genoss dafür den Fioriturenschmelz der italienischen Schule, für die sich Minnichkeit allenfalls physiologisch erwärmte. Einer von beiden grämte sich im Parkett, aber der andere merkte es nicht oder nahm es wenigstens nie zur Kenntnis, beide sprachen sie nicht darüber und fanden alles ganz wunderbar, und so hatten sie eine der schönsten unglücklichen Lieben, über die man eine Oper hätte verfassen können, wenn es denn je einen berührt hätte.

Ich schlug das Programmheft auf. „Gut, es ist Wagner, aber: Meistersinger.“ „Schrecklich“, rief Anne. „Wahrscheinlich werde ich mir einen Vortrag über Wettbewerbs- oder Urheberrecht anhören, oder es wird eine längere Debatte über Misshandlung von Schutzbefohlenen.“ Luzie sah mich fragend an. „Hans Sachs schmiert seinem Lehrling eine.“ „Da bleibt dann nur noch Mozart.“ Abgesehen davon, dass es sich um ein bereits ausverkauftes Gastspiel handelte, gaben sie Don Giovanni – der jugendliche Freier würde sehen, wie der Protagonist den Alten zu Beginn absticht und dann zum Ende von ihm in die Hölle gezogen wird. „Für mich ist das Mord“, sagte Luzie. „Eugen Onegin wird wieder in den Spielplan aufgenommen“, stellte Anne fest. „Lenski ist natürlich selbst schuld“, beharrte ich, „er hätte sich ja nicht duellieren müssen.“ Doch sie schüttelte nur den Kopf. „Allein darüber müsste ich dann eine stundenlange Abhandlung ertragen.“ Die beiden Puccinis – einmal Ehe mit einer 15-Jährigen samt Entziehung Minderjähriger und Suizid, einmal eine Fluchthelferin, die neben Strafvereitelung und Erpressung auch noch Mord auf dem Kerbholz hat und ebenfalls freiwillig aus dem Leben scheidet – schieden aus. „Fledermaus?“ Anne riss die Augen auf. „Die Silvestervorstellung? dann halse ich mir eine Debatte über Sicherheit im Justizvollzug auf, wenn man eingesperrt wird, ohne den Haftrichter zu Gesicht bekommen zu haben, und umgekehrt.“ Aus ähnlichen Gründen fiel auch der Weihnachtsabend flach. „Hänsel und Gretel! Vernachlässigung des Kindeswohls in mehreren Fällen, Aussetzung, ein spektakulärer Fall von Freiheitsberaubung zur Verwirklichung von Kannibalismus, und von den baurechtlichen Versäumnissen an der Hütte wollen wir gar nicht erst anfangen!“ „Das ist noch nicht alles“, ergänzte ich, „auch die Hexe wird ja zu Lebkuchen gebacken. Die Kinder sind zwar nicht strafmündig, aber das Inverkehrbringen einer Hexe als Backware dürfte lebensmittelrechtlich doch zu beanstanden sein.“

„Dann bleibt nur Verdi.“ Zwar ist jede auf dem Kopf stehende Straßenkarte leichter verständlich als die Werke dieses Italieners, aber wenn einer drei Stunden dauernde Terzette schreiben konnte, dann er. „Ein älterer Herr gräbt zwei Damen gleichzeitig an, muss sich in einem Wäschekorb verstecken und irgendjemand heiratet irgendjemanden.“ Anne hob eine Augenbraue. „Keine Toten?“ Luzie schüttelte energisch den Kopf. „Gut, ich rufe Husenkirchen an. Vortäuschung falscher Tatsachen ist kein klarer Rechtsbegriff. Das wird ein schöner Abend.“





Hölle

6 10 2021

„Das klingt, sagen wir mal: interessant. Wirklich, das klingt sehr interessant. Allerdings muss ich Sie dahingehend enttäuschen, dass wir unsere Wähler ein bisschen länger kennen, und da muss ich Ihnen sagen, dass das nicht funktionieren wird. Den Deutschen können Sie nicht mit Zukunft begeistern, der will Angst. Nackte Angst.

Deshalb haben wir ja auch nicht begriffen, warum die CDU diesen inkohärenten Wahlkampf macht – auf der einen Seite Panik vor den bösen Linksfaschisten schüren, die einen an die Wand stellen, wenn man seine Bratwurst nicht gendert, auf der anderen Seite von Zukunft reden. Zukunft, meine Güte – das ist fast schon wieder so schlimm, dass der Deutsche davor auch Angst kriegt. Das hat die Partei ordentlich versemmelt.

Den Vertrauensverlust können Sie doch nur in den Griff kriegen, wenn Sie den Menschen zeigen, dass Sie ihn vor den großen Gefahren in Schutz nehmen. Dass das deutsche Volk bald nicht mehr existiert, weil innerhalb der nächsten Jahrzehnte Millionen islamistischer Afrikaner Deutschland überfluten und uns zur Minderheit degradieren, das muss man den Menschen plausibel machen. Das werden sie auch glauben, denn wenn es dann nicht eintritt, dann haben Sie als Regierung einen guten Job gemacht. Es ist nicht so einfach, das mit den Masken und den Corona-Infektionen ging etwa in dieselbe Richtung, und zum Schluss waren alle sauer, weil sie sich nicht angesteckt haben. Da muss ein bisschen kommunikatives Feingefühl her, das kriegen Sie nicht mit diesen Schießbudenfiguren. Aber der Ansatz ist richtig.

Es ist ja auch kompliziert, wenn die Menschen plötzlich merken, dass es reale Gefahren gibt, die sie bisher nicht wahrgenommen haben. Da säuft ein ganzer Landstrich ab, obwohl die Partei den Leuten vorher gar keine Angst davor gemacht hat. Sie sehen, das stellt uns plötzlich vor die Aufgabe, dass wir politisch handeln müssen – politisches Handeln, wer hat denn das vorhersehen können? Das ist eine der Ängste, mit denen man sich in dieser Partei beschäftigen muss. Die Bürger ahnen ja gar nicht, was das für uns heißt. Wie soll man sich so seinen Kernaufgaben stellen?

Es ist ja ein bisschen so wie mit der Religion. Da wissen Sie nicht genau, ob es diese Hölle auch wirklich gibt, aber die Schilderungen sind schon mal konsistent und inhaltlich so schlüssig, da ist ein Beweis schon nicht mehr notwendig. Die Religion bietet Ihnen jetzt die Versicherung vor der Hölle, vorausgesetzt, Sie tun alles, was man Ihnen sagt. Das ist ein verhältnismäßig fairer Deal, denn wenn Sie hier auf die Religion verzichten, können Sie es in der Hölle nicht mehr so einfach korrigieren und müssen mit den Konsequenzen Ihrer Entscheidung leben. Gut, leben… – Sie wissen, was ich meine. Das Prinzip ist aber klar, selbst wenn Sie uns völlig umsonst gewählt haben, weil es die Hölle gar nicht gibt, das Ergebnis ist dasselbe, und wenn nicht, können Sie uns das Gegenteil nicht mehr beweisen.

Wir haben uns extra einen Kandidaten besorgt, der glaubt, dass es nach dem Tod irgendwie weitergeht, und deshalb machen wir andere Politik als zum Beispiel ein Kommunist, der bis zum Lebensende dringend mit allen Mitteln das Paradies auf Erden schaffen will. Das ist dann eine typisch linke Forderung, die ist irgendwann erfüllbar, dann haben Sie das Paradies, und dann gucken Sie blöd aus der Wäsche, weil Sie Ihren Wählern nicht mehr versprechen können, dass noch irgendwas kommt. Da nützt Ihnen auch keine Weiter-so-Rhetorik, das merken die Menschen. Sie müssen zumindest Angst erzeugen, dass irgendjemand das Paradies kaputt machen will. Oder dass jemand die paradiesischen Zustände ausnutzt, obwohl ihm das nicht zusteht. Und dazu brauchen Sie dann Feindbilder.

Wobei die möglichst diffus sein sollten, um die Forderungen zu formulieren. Mit ‚Ausländer raus‘ können Sie im Grunde nicht verkehrt machen, da ist noch nicht entschieden, wen Sie als ausländisch betrachten und wen sie wo raus haben wollen. Dass das verfassungsrechtlich nicht geht und technisch sowieso nicht, das ist ja völlig zweitrangig. Aber es ist eine Forderung, die können Sie jahrzehntelang auf jedes Wahlplakat schmieren. Einmal haben wir in Deutschland den Fehler gemacht, so eine wirre Hoffnungs- und Zukunftskampagne zuzulassen, mit der Botschaft, dass wir das schaffen können. Dass wir das ernsthaft schaffen! Sie sehen es doch selbst, wie das die öffentliche Wahrnehmung vergiftet hat, wir konnten mit ‚2015 darf sich nicht wiederholen‘ diesen staatszerstörerischen Populismus gar nicht mehr einhegen. Wenn Sie Angst säen wollen, muss sie zwingend auf fruchtbaren Boden fallen.

Ab da kann man die Bürger auch wieder sich selbst überlassen, Stichwort: Eigenverantwortung. Wenn sie dann alles falsch machen, sind wenigstens nicht wir schuld. Wir können zwar die Folgen als bedauerliche Einzelfälle abarbeiten, und das war’s auch schon. Mehr ist von uns nicht zu erwarten. Sie haben recht, man müsste den Menschen viel mehr Entscheidungsfreiheit wegnehmen, aber das ist in dieser Demokratie nicht ganz einfach. Sie ahnen ja nicht, was wir da schon alles versucht haben. Angst vor Corona anheizen – ging nicht, da Merkel. Mehr von diesem Digitaldings versprechen, das wäre nur wieder Hoffnung gewesen. Wenigstens werden wir als Partei jetzt in der Opposition mal sehen, was wir an Ängsten bewältigen können. Hoffentlich nicht zu viel, man soll sich ja nicht von seinen Wählern entfernen. Melden Sie sich gerne, wenn Sie wieder Ideen haben, aber bitte nichts mit Zukunft. Wir sind mit dem Thema durch. Endgültig.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXXXIV): Der ökologische Verzichtsdiskurs

1 10 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Was tut er nicht alles, der Mensch. Fährt mit dem Auto zur Arbeit, kauft Gemüse in Einmalplaste und benutzt nie die Pinkeltaste. Kein Wunder, dass die Polkappen verkochen und der Permafrost sich in die Atmosphäre verabschiedet. Wäre er doch nur vernünftig, sagen alle, wir könnten Klimaziele mit lockerer Leichtigkeit wuppen und uns selbst feiern für diesen Sieg der Vernunft – aber nein, es muss der energieineffiziente Kühlschrank sein, aus dem er seinen Schampus zwitschert, damit er die alte Umweltsau in den Hühnerstall kriegt. Der Mensch ist dumm, das ist unbestritten, aber lässt sich das abstellen? Zur Not mit konsequentem Verzicht?

Fehlverhalten, das haben Debatten um innere Sicherheit und Wirtschaftskraft uns eingehämmert, beginnt in der kleinsten Keimzelle der Gesellschaft. Der ordentliche Bürger sammelt Buntmetall, gibt seine Spende für den Bürger in Uniform und hat die Nase gerne im Briefkasten des Nachbarn, der ja ein Volksverräter sein könnte. Natürlich braucht es kein Gesetz, um die Einhaltung der Kehrwoche in einem manierlichen Mietshaus sicherzustellen, das wird von den Erfüllungskräften schon organisiert, um zu klären, wer noch in der Kaste mitmachen darf. Und so übt sich der kapitalistisch sozialisierte Zonk in der Tugend des Mülltrennens, während der Strom spart und Verpackungen löffelrein zur allgemeinen Begutachtung an den Straßenrand verlastet. Fleißig nutzt er auch die modernen Möglichkeiten, die ihm das Netz bietet: hier und da, bereitgestellt von allen großen Ämtern und Verbänden, summiert er auf, was alles er tut und treibt, das CO2 in die Luft bläst. Wie viel Fleisch und Baumwolle hat der gemeine Mann verbraucht, wie oft ist er in den Urlaub geflogen, wie heizt er, und womit? Emsig schwiemelt er zusammen, was seine Selbstkritik in stattliche Form zu blähen weiß, und kriegt hernach das Ergebnis: schuldig mit Vorsatz. Wer Biogurken in Kunststoffpelle kauft, will halt ins Fegefeuer.

Dabei ist die Mär vom ach so privaten ökologischen Fußabdruck denn auch nichts anderes als ein relativ abgeschmackter PR-Stunt, den sich die Fossilienverbrennerindustrie ausgedacht hat, um dem durchschnittlichen Dreipersonenhaushalt den pechschwarzen Peter zuzuschieben, warum sich das Klima von Kipppunkt zu Kipppunkt hangelt. Der individuelle Verzicht, so greint’s aus der moralisch frisch gebleichten Etage, muss unbedingt sein. Wer da noch nicht seine Flusskreuzfahrt im Paddelboot macht, werfe die erste Grillwurst! Dazu gelingt es den Grünwäschern durch das abgeschrägte Framing locker, mit erhobenem Zeigefinger dem Volke die sittliche Überlegenheit unter die Nase zu reiben. Wie das Ökostrom aus eigenem Sonnenkollektor fürs Zehn-Zimmer-Passivhaus nutzt! Abgasfreie 600 PS! Rüben aus dem Hochbeet! Warum kann das denn nicht einfach jeder?

Weil es eben nicht jeder so einfach kann. Es ist eine politische Entscheidung, Windräder aus der Energieerzeugung zu verbannen und die gesamte Fotovoltaik mit Anlauf und Ansagen in die Tonne zu treten, samt aller Arbeitsplätze – wer dann seine elektrische Schleuder mit Diesel über die Autobahn schwiemeln muss, weil es dort keine vernünftige Schienenverbindung gibt, hatte eben keine andere Wahl. Das Altölkondom über dem Grünzeug ist bei Verbrauchern beliebt wie Pickel. Und wer in einer Mietwohnung lebt, hat kaum Einfluss auf Qualität und Alter von Sanitär- oder Küchenausstattung, Heizung und Dämmung, die er selbst bezahlen darf, damit sein Vermieter nicht plötzlich verhungert. Dazu kommt dann das Paradoxon der angeblichen Verbotsparteien als kognitiver Dissonanzgrundton, bei dem wir denken sollen, die Gewissensprüfung sei gleichzeitig unsere Schwachstelle und uns durch defizitäre Entscheidungen von Wirtschaft, Politik und System aufgedrückt. Das Muster funktioniert in aufklärungsfeindlichen Kreisen derart gut, dass es für beliebige Schuldzuweisungen herhält: wer nicht jeden Kriegs- oder Klimaflüchtling schnellstens in die zerbombte Heimat abschieben will, muss sich fragen lassen, ob er ihn im eigenen Wohnzimmer aufnehmen will, wie man auch Erwerbslosigkeit als individuelle Schwäche ansieht. L’État, c’est moi.

Wenn es mal so wäre. Das angebliche Wesen hat sich längst abgekoppelt und füttert die Frustration der durchschnittlich Engagierten, die irgendwann keinen Bock mehr haben, gegen die weltfremden Eskapaden einer Regierung zu demonstrieren, die sämtliche Klimakiller mit Subventionen polstert und Hilfsgelder aus dem Fenster schmeißt, als wäre eine Welt ohne Postkutschen und Schreibmaschinen nicht mehr existenzberechtigt. Solange Theoretiker sich trösten, dass die Gesellschaft den Menschen formt, können wir uns jeden Versuch in die Haare schmieren, die Verhältnisse zu ändern, wenigstens nicht auf wohlgesittete Art. Mit Fackeln und Äxten sähe die Sache gleich ganz anders aus, sie würde auch ungleich mehr Spaß machen. Natürlich muss die Menschheit sich in Verzicht üben, nur wollen eben nicht die verzichten, die bisher nichts mit Solidarität oder Verursacherprinzip am Hut hatten. Für sie war der Mensch ein schnell nachwachsender Rohstoff. Wir können auf diese Haltung verzichten. Und wir könnten es uns langsam auch leisten.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXXXI): Das Phänomen der Beibehaltung

10 09 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Krach im Paradies: Rrts Lieblingsfeuerstein war einfach nicht mehr aufzufinden. Die gesamte Höhle hatte der Schwager des Sippenältesten durchwühlt, Winter- und Sommerfell umgewendet, Körbchen mit Buntbeeren und Nüssen geschüttelt – nichts. Auf dem kleinen Felsvorsprung, da Ugas Speer und ein paar Lagen Bast ruhten, Zweige für Pfeil und Bogen sowie die Kieferknochensäge von Nggr, da fand sich das Werkzeug unter anderen Keilen und Messern. Keiner wusste, wie das Utensil dort hatte auftauchen können, bewahrte doch Rrt seinen Lieblingsfeuerstein stets an anderer Stelle auf, auch wenn diese ihm hin und wieder entfiel, in letzter Zeit meist täglich. Leichter wäre es gewesen, er hätte sich zur pragmatischen Lösung entschieden und den Schneidestein stets an der Stelle deponiert, an der er für alle zu finden sein würde, zum Beispiel auf jenem kleinen Felsvorsprung. Aber das war mit ihm nicht zu machen. Viel hatte Rrt nicht im Kopf, aber das war gründlich verschaltet, wie das Phänomen der Beibehaltung zeigte.

Auch heute noch zeigt sich die Wirksamkeit des Gewohnten als Erleichterung für Praxis. Wo einmal der Stift auf dem gut gefüllten Schreibtisch abgelegt wurde, bleibt er fortan auch liegen – außer, von den südlichen Hängen des Eingangskorbs segeln zehn bis neunundneunzig Blatt herunter und begraben das Schreibgerät unter sich, worauf eine Mission archäologischer Art stattfinden muss, um Materie und Strahlung voneinander zu trennen. Wer immer am Donnerstag den Gang zum Gemüseladen antritt, wird seine Gründe haben, dies auch über Jahrzehnte beizubehalten, gerät aber angesichts gesetzlicher Feiertage leicht in Schwierigkeiten, wenn sich die Realität als zu unflexibel erweist im Vergleich mit der eigenen Organisation. Ganze Lebensentwürfe, wie sie ein geistig nicht gesegneter Kotzkopf hatte, der von gelangweilten Schnöseln nach ganz oben durchgereicht wurde, um irgendwann das Land im Bodensatz seiner Dämlichkeit zu verschwiemeln, werden einmal in die Gegend geklotzt, stehen da, bedeuten nichts, und man lässt sie doch da, wo sie sind.

Nicht jedes Gewohnheit bietet die Friedlichkeit des Rituals, das ein Dasein mit zeitentrücktem Sinn strukturiert; bisweilen ist es praktisch, den Stift zur Rechten hinzulegen, wenn es die Suche effektiver macht, gleichsam als gedankenloses Reagieren auf die Notwendigkeiten des Daseins, die nicht so viel Rechenleistung erfordert wie aktive Beschäftigung mit den Objekten der Umwelt, was bei manchen an festgerosteten Synapsen scheitert, bei manchen an der preiswerten Grundausstattung unter der Kalotte. Andererseits birgt der Trott in einer komplexen Umgebung auch Konfliktpotenziale, gerade in der Zweierbeziehung, in der eine Seite die Nagelfeile in der Schublade mit den Schwimmflügeln, dem Reisewecker und den Impfpässen versteckt und die andere Seite sie einfach nicht findet. Diese sozialen Defizite haben vermutlich dazu geführt, dass das Bernsteinzimmer, die Weltformel und der Stadtplan von Atlantis frühzeitig verloren gingen, nicht, weil sie nicht mehr gebraucht wurden, sondern weil sich derjenige, der noch genau wusste, wo sie immer gelegen hatten, aus dem Staub gemacht hat.

Sind die evolutionären Wurzeln der Gewohnheit auch unumstritten – immerhin können wir die nicht ganz so wichtigen Willensentscheidungen nebenher ausführen und müssen nicht ständig einen Akt der Verwaltung oder Verzweiflung ausführen – sie finden nur noch selten in lebensbedrohlicher Lage statt, wenn wir zielsicher den Feuerstein aus dem Gürtel ziehen müssen, um einen Pfeil zu schnitzen, bevor die Säbelzahnziege schlechte Laune kriegt. Sicherheit ist in der postmodernen Gesellschaft gründlich institutionalisiert, regelhafte Rationalität bringt uns dahin, Probleme mit Algorithmen zu lösen statt mit zielgerichtetem Nachdenken. Wir reagieren auf einen gewissen Reiz gar nicht mehr, lassen die Verhaltensunterdrückung arbeiten und werden automatisch, was wir bei entsprechender Routine als Fertigkeit verstehen. So wird der hinters Ohr geklemmte Stift alsbald zum Merkmal der pragmatischen Qualität, was kein Kunststück ist; das Ohr bleibt mit höherer Wahrscheinlichkeit an seinem Ort und wird nicht mit Schwimmflügeln in der Schublade verstaut.

Das Beibehalten einer noch so unsinnigen Handlung entlastet also die praktische Vernunft, steht aber gleichzeitig der Ausbildung ganzheitlich-kreativer Denkansätze im Weg, die die Verstarrung des Gewohnheitsmäßigen aufbrechen. Immerhin belohnt unser Gehirn uns für den Griff nach dem Griffel, nicht großflächig, aber mit einer gewissen Zuverlässigkeit, die bald Macht erlangt und alle Spuren des Gedächtnisses an Abweichungen vom Normalfall ausradiert. Bestimmt hat der erste unter Stress stehende Mensch am Rande des Paradieses den Zigarettenautomaten entdeckt, seinem Leben mit dem neuen Ritual eine neue Wendung gegeben und sein limbisches System austricksen wollen, während er von seinem limbischen System sauber ausgetrickst wurde. Am Ende, wir ahnen es, ist alles Biochemie. Irgendwer hatte es mal besser auf den Punkt gebracht. Irgendwer hat das verschlampt.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXXIX): Fake Work

27 08 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Entwicklung der Arbeitsteilung dürfte nach Expertenmeinung vielschichtige Gründe gehabt haben. Jeden nach seinen Möglichkeiten, jeden nach seinen Bedürfnissen arbeiten zu lassen war eins der auch in jüngerer Zeit bekannten Motive, die am Tierreich angelehnte Kooperation ein nicht zu unterschätzendes, schließlich die Aufteilung in Familien, Sippen und Kasten, bis zur Erkenntnis, dass nicht alle mit derselben Hirnrindenmenge an den Start gehen. Ganze Volkswirtschaften nahmen ihren Ursprung auch in der Tatsache, dass es immer irgendwo eine Knalltüte gibt, die die von fleißigen Kinderhänden gesammelten und auf weiche Stellen untersuchten Buntbeeren noch einmal kontrollieren muss, was der Qualität der Früchte zwar nicht zuträglich ist, aber eine gesellschaftliche Hierarchie im Arbeitsablauf erlebbar macht und für eine zusätzliche Position sorgt, die Verantwortung und Führungsanspruch innehat. Im Kontext der heutigen Konzerne ist dies als mittleres Management bestens bekannt, aus psychologischer Sicht als Fake Work.

Natürlich hat der Arbeitsfetischismus uns alle zwangsbeglückt, damit das kapitalistisch geprägte Luxusleben seine Berechtigung erhält und erhalten kann, bis irgendwann eine Maschine, ein Computer oder ein Kind in einem schmierigen Tümpel am anderen Ende der Welt unseren Job erledigt und uns damit demonstriert, dass wir für den weiteren Lauf der Dinge überflüssig geworden sind. Damit alle an den Segnungen der Vollbeschäftigung teilhaben dürfen, müssen wir leben, um zu arbeiten – der umgekehrte Weg erwies sich als gesünder, ließ aber oft die Börsenkurse nachgeben. Nützlich im Sinne der Arbeitsethik, jener von Luthers Lakaien im Selbsthass zusammengeschwiemelten Theorie der geistlichen Umnachtung auf schriftlicher Grundlage einer traditionellen Wahnvorstellung, in der Hexen fliegen können und Leibeigene an ihrer Herkunft selbst schuld sind, ist nur der, der wenigstens von außen den Anschein erweckt, als sei er tätig, ob nun produktiv oder zerstörerisch, aber letztlich doch in stetiger Aktion beim Verschandeln dieser Welt. Der moderne Mensch hat sich sein Ableben erst dann verdient, wenn er sich vorher kaputt gearbeitet hat, sei es am Fließband, sei es auf stressigen Reisen in brasilianische Laufhäuser, da die Funktionärsstelle eben zweckmäßigeres Tun nicht vorsieht; müßig zu sagen, dass für diese Verrichtung die erweiterte Kenntnis internationalen Strafrechts, ein Studium der Betriebswirtschaft sowie Erfahrung als Erbe einer Bonzendynastie zwingend vorausgesetzt wird.

Aber die Entwicklung bringt es an den Tag, und wir haben bereits genügend Erkenntnisse aus der jüngeren Vergangenheit gewonnen. Noch immer ist ein Großteil der Arbeitsabläufe unkoordiniert und bar jeder Struktur; die Rechnungskontrolle wird durch die Rechnungskontrollkontrolle geprüft, die mehr Zeit und Geld in Anspruch nimmt, als eine Handvoll Zahlendreher je kosteten. Längst hocken wir in endlosen Videokonferenzen und reden wirr aneinander vorbei, nachdem sich kurz und folgenlos der Gedanke eingeschlichen hatte, dass der größte Teil aller Besprechungen aus Buchstabentanzen und sinnlosem Singsang besteht, der, wenn überhaupt, mit einer Mail abgekaspert werden kann. Nun ist in der Überflussgesellschaft Verschwendung eine der Kardinaltugenden, warum also soll nicht auch Zeit aus dem Fenster geschmissen werden? Und so hat genug Personal der auf Wichtigkeit und Wirkung getrimmten Unternehmen die Aufgabe, Arbeiten zu wiederholen, doppelt zu erledigen oder zwischen Baum und Borke auszuführen, damit nach dem Ende der Unterbrechung der erste Teil wieder fröhlich von vorne beginnt.

Die Knechte in der Tretmühle haben in ihrer Sozialisierung trefflich gelernt, mit großem Getöse nichts zu tun, konstant busy auszusehen und gerade noch so viel Zeit zu haben, dass sie überall sagen können, sie hätten überhaupt keine Zeit. Wo der aus naheliegenden Gründen realitätsentwöhnte Chef zweiter Ordnung den Krawall der Kulis bemerkt, wird er den bevorzugen, der unter möglichst großer Lärmentfaltung den subalternen Seppeln Leistung vorturnt, hektische Action bei geistiger Windstille. Ein Schuft, wer nicht schuftet – bis in die delikate Dramaturgie wird exerziert, dass Abteilungsleiter minutenlang Aktenordner bündeln, um dann das Konvolut als Monstranz der eigenen Produktivität über den Büroflur zu wuchten. Ab einer gewissen Konstanz wird der Große Boss den Aspiranten mit auf seine Ebene nehmen und ihm Verantwortung für die Gehilfen übertragen, die rastlos rackern und dabei doch nicht mehr schaffen, als Sand auf einen Haufen zu schippen, der der Schwerkraft folgt.

Wir wissen, dass wir nicht essen sollen, wenn wir nicht zumindest so tun, als würden wir arbeiten; von Freude daran war nie die Rede. Die säkularen Mythen recyceln lediglich religiöse Märchen, der Kapitalismus bastelt sich aus den Relikten der Riten sein neomasochistisches Geschäftsmodell. Der eine sammelt die Beeren, der andere bringt sie nach Hause, der letzte frisst sie auf. Wie unverzichtbar sind wir doch, dass wir alle in diesem Prozess eine Rolle spielen dürfen, und sei auch nur, um andere vor dem Hungertod zu retten.





E 112

25 08 2021

Eine rote, noch eine rote, und eine gelbe. Herr Breschke legte die drei Tabletten sorgfältig in das kleine Glasschälchen und stellte die Dosen wieder zurück in die Küchenschublade. Dann schlürfte er einen Schluck aus seiner Teetasse, um die Pillen in einem Rutsch hinunterzuspülen. Es gelang ihm nur mittelmäßig.

„Ich habe die falsch genommen“, nuschelte er an seiner Zunge vorbei. Ein Ruck, dann waren die Tabletten geschafft. „Eigentlich müssen es zwei von denen hier sein, aber ich habe immer zwei von denen genommen.“ Die beiden Kunststoffdöschen unterschieden sich im Aufdruck, sogar die Marke war nicht dieselbe. Was die Inhaltsstoffe betraf, war es aber eigentlich egal, ob man zwei von den roten nahm oder zwei von den anderen wegließ; außer einer zuckrigen Hülle fanden sich immerhin weder Gelatine aus naturbelassenen Schweinen oder das tödliche Gluten darin, das zum Problem wird, wenn einem ein Doppelzentner Mehl auf den Kopf fällt. Horst Breschke trank noch einen Schluck, dann zog er die Lade wieder auf und nahm eine längliche Schachtel mit langen, bräunlichen Kapseln heraus. „Die waren kürzlich in einer Zeitschrift“, teilte er mir mit, „und ganz zufällig…“ „Ganz zufällig hatte die Apotheke sie im Sonderangebot, stimmt’s?“ Er nickte. „Ab und zu muss der Mensch ja auch mal Glück haben, nicht wahr?“

Immerhin hatte der pensionierte Finanzbeamte sich die Mittelchen nicht bei seiner Tochter besorgt, die als Reiseleiterin in fernen Ländern an keinem der grellbunten Straßenläden vorbeigehen konnte, ohne nicht wenigstens ein Fläschchen original nigerianische Kräutertinktur Made in Singapur oder ein Elektrogerät mit lustig britzelnden Stromkontakten mitzunehmen. Vermutlich hing an sämtlichen Zollstationen rund um den Globus ihr Konterfei mit der ausdrücklichen Warnung, ihr Handgepäck selbst in Schutzkleidung nur bei Lebensgefahr zu untersuchen.

Ich beäugte die Schachtel. Herr Breschke hatte eine Hälfte bereits verbraucht, so dass neben der zweiten Schachtel im Schrank noch die andere Hälfte der ersten Packung übrig blieb. „Und wozu soll das gut sein?“ Er schaute ein bisschen verlegen auf den Boden, möglicherweise war er auch ein wenig errötet. Was fragte ich auch. „Meine Frau“, murmelte er, „aber die weiß nichts davon – hinten fallen mir in der letzten Zeit so viel Haare aus, da muss man doch irgendwas machen.“ Ich lächelte. Immerhin hatte er sich nur leicht wirkende Mittel besorgt, wenngleich auch diese sicher versprachen, wie Adonis selbst den Garten zu durchschreiten und die Harke wie Orpheus zu ergreifen. „Die anderen sind nur wegen der Vitamine“, belehrte er mich, „ich habe mir das genau durchgelesen, die sind auch in Obst und Gemüse.“ „Das mag wohl sein“, wandte ich ein, „meiner Erinnerung nach wurden diese Stoffe aber bisher eher in Gemüse und Obst an den Mann gebracht.“ Er dachte nach. „Das mag stimmen.“ Herr Breschke dachte wirklich nach, und dann hatte er die Lösung. „Aber wenn zum Beispiel die Tagesdosis an Vitamin A in der roten Pille ist, dann brauche ich ja an diesem Tag keine Möhren mehr zu essen, richtig?“ Ich konnte es nicht abstreiten; Triumph glomm in seinen Augen. „Wenn ich also einen Tag lang keine Möhren esse, dann ist eine einzige Pille ausreichend?“ Der Logik konnte ich mich nicht entziehen, mehr noch: ich wusste, worauf es hinauslaufen würde. „Wenn ich also nicht jeden Tag so viel Möhren esse, dass ich ohne diese rote Pille genug Vitamin A bekomme, was mache ich dann ohne die rote Pille?“

Da ich weiteren Exkurse über die vermeintliche Baugleichheit künstlicher und natürlicher Vitamine an dieser Stelle aus dem Weg ging, waren wir schnell an dem Punkt, an dem die Winkelstruktur synthetischer Moleküle und ihre Reaktionsneigung mit Spurenelementen wie Zink und Selen keine tragende Rolle mehr spielten. „Die Apothekerin hat mir erklärt, dass man alle Bestandteile immer auf das Medikament schreiben muss.“ Herr Breschke wusste, wovon er sprach. Ich las auf der Packung. „E 112“, buchstabierte ich, „das klingt ja fast schon gefährlich.“ Er hatte den Beipackzettel entfaltet und die Brille aufgesetzt. „Ich kann da nichts entdecken, aber etwas Verbotenes werden die da wohl nicht reingemischt haben, oder?“ Ich schwieg. „Oder?“

Neben den genannten Döschen befanden sich auch Brausepulver mit Vitamin C im Vorrat, eine Packung Lutschtabletten für den B-Komplex sowie ein hoch dosiertes Kombi-Präparat, das bei nur einer Ladung pro Tag die Abwehrkräfte gegen alles stärken sollte, was der Teufel ausgespien hat. „Es scheint mir doch ein wenig überdimensioniert“, mutmaßte ich, „warum muss man diese ganzen Dinge nebeneinander einnehmen, wenn doch eins schon die vollkommene Wirkung verspricht?“ Er kratzte sich an der Stirn. Eine Wirkung, von einer vollkommenen wollen wir gar nicht sprechen, blieb jedoch aus. „Man muss dem Körper ja auch etwas anbieten“, erklärte Herr Breschke. „Außerdem muss man immer darauf achten, dass es im rechten Maß ist, sonst wird es nicht verarbeitet.“ „Sie spülen sich also Vitamine in den Körper, die mit Ihrem Tee wieder ausgeschieden werden“, konstatierte ich. „Und noch eine Frage: wenn diese rote Pille eine Tagesdosis an Vitamin A enthält, warum nehmen Sie dann jeden Tag zwei?“

Ich musste mich ein bisschen beeilen, weil der Wochenmarkt schon um halb eins vorbei war. Aber die Zitronen für Herrn Breschkes Tee bekam ich noch. Was man nicht alles tut, wenn man seit Tagen ein wenig Halskratzen spürt.





Mehrbedarf

11 08 2021

„… dass ein kostenloses Mittagessen in einem Restaurant vom Regelsatz eines Aufstockers im ALG-II-Bezug abgezogen werden dürfe. Das Urteil des Bundessozialgerichts sei damit eine…“

„… habe die Finanzbehörde im Falle der Cum-Ex-Geschäfte die hinterzogenen Steuern nicht eingetrieben, da sie mit einem von spezialisierten Rechtsanwälten in die Länge gezogenen Streit gerechnet hätten, der sich negativ auf die personelle Auslastung der…“

„… dass der betroffene Kellner in einer Berliner Gaststätte das Verpflegungsangebot seines Arbeitgebers nicht genutzt habe. Nach dem Urteil sei dies allerdings nicht notwendig, da bereits die Möglichkeit, eine kostenfreie Mahlzeit zu erhalten, als geldwerter Vorteil in die…“

„… nach der Wahl alle Sozialleistungen auf den Prüfstand stellen wolle. Merz hoffe, durch mehr Privatisierung auch höhere Gewinne der Konzerne auf dem internationalen Markt für…“

„… sei damit noch nicht geklärt, in welcher Höhe die abzugsfähige Summe angesetzt werden dürfe. Da es sich um ein Restaurant handle, dürfe man es als billig ansehen, dass die Portion des Angestellten vom Umsatz des Gastronomen abzurechnen sei, und müsse diese also in vollem Umfang wie auf der Speisenkarte ausgewiesen von den Zahlungen des Jobcenters…“

„… dass die Autobahnmaut kein Verlustgeschäft gewesen sei. Allein durch die Beraterhonorare sei das Bruttoinlandsprodukt jahrelang um bis zu…“

„… habe der Kläger nicht darauf hingewiesen, dass er die Speisung aus gesundheitlichen oder religiösen Gründen nicht habe annehmen können. Dies stelle keinen vom Gesetzgeber vorgesehenen Fall dar, in denen der Kauf von Lebensmitteln als Mehrbedarf hätte angegeben werden können, um die im Leistungsbezug genannten…“

„… sei es falsch, der Lufthansa weitere Kredite zu verweigern, nur weil sich die Bundesbürger im Zuge der Umstellung ihrer Urlaubsgewohnheiten nicht mehr so viele Flugreisen leisten würden. Bis zur Erfindung emissionsfreier Flugzeuge bedeute der Verzicht auf diese Art zu reisen eine von linken Kräften initiierte Terrorkampagne gegen die letzte Bastion der Freiheit, die Deutschland noch bleibe. Springer werde mit seinen touristischen…“

„… weise das Bundessozialgericht die Ansicht zurück, man dürfe lediglich einen Wareneinsatz von ca. 25% als Gegenwert der Mahlzeit in Rechnung stellen. Dies treffe allenfalls auf die Verpflegung in häuslichem Rahmen zu, wo ein fest definierter Teil des Regelsatzes für Lebensmittel und Getränke zur Verfügung stehe, nicht aber in einer Gaststätte, die betriebswirtschaftlich kalkuliert die…“

„… dass Windräder im Bau viel zu kostspielig und deshalb den konventionellen Energieträgern weitaus unterlegen seien. Laschet habe durch seine jahrelange Beschäftigung mit dem Tagebau in NRW festgestellt, dass die Kohle ja bereits unter der Erde liege und nur noch abgebaut werden müsse, was Steuersenkungen für Spitzenverdiener und die…“

„… sei die Teilnahme des Klägers an der kostenfreien Gemeinschaftsverpflegung durch den Arbeitsvertrag geregelt. Dieser müsse jedoch auch als Grundlage für die Leistungsgewährung und die Berechnung der aufstockenden Leistungen nach SGB III. Durch eine vorsätzliche Änderung, die die finanzielle Schlechterstellung des Arbeitnehmers zur Folge habe, riskiere dieser auch Sanktionen durch das Jobcenter, wenn nicht den Wegfall der…“

„… sei die Pendlerpauschale zu Unrecht in der Kritik, den Individualverkehr staatlich zu fördern. Es dürfe keine Enteignung der Autoindustrie geben, so Laschet. Sobald es vermehrt Elektroautos gebe, würden diese durch überproportionale Zahlungen an die Betreiber des ÖPNV überflüssig, was eine tiefe Verunsicherung in der deutschen Seele und…“

„… drohe dem ALG-II-Empfänger bereits jetzt eine Sanktion, wenn er durch die Bitte an den Arbeitgeber, den Arbeitsvertrag zu ändern, sein derzeit noch ungekündigtes Arbeitsverhältnis auf unangemessene Art gefährde. Dies werde auch nicht durch eine ablehnende Haltung des Kellners gegenüber den Leistungen des…“

„… dürfe ein Sozialgericht den Erlös aus den in der Nacht gesammelten Pfandflaschen auf die Grundsicherung anrechnen. Dieser sei als Frucht einer freiberuflichen Tätigkeit natürlich anzugeben und werde nur bis zu einer Höhe von…“

„… dass ein Kellner eine Arbeitsstelle in einem Restaurant annehme, obwohl er in der Lage sei, zu Hause seine Mahlzeiten einzunehmen. Es sei in diesem Zusammenhang zu prüfen, ob es sich bei der Lohnarbeit nicht um Leistungserschleichung handle, da der Kläger die kostenlose Verpflegung und den damit verbundenen Arbeitsplatz gar nicht benötige, um in den Genuss regelmäßiger warmer Mahlzeiten im…“

„… weiterhin strafbar bleibe. Containern sei eine Form von Diebstahl, oft auch in Verbindung mit Hausfriedensbruch, und stelle darüber hinaus auch einen ungerechtfertigten Vorteil gegenüber den Bürgern dar, die ihren Lebensunterhalt durch Erwerbsarbeit bestreiten würden. Die Gesellschaft könne diese Ungerechtigkeit nicht mehr als…“

„… aus arbeitsrechtlicher Sicht eine Kündigung des Kellners als durchaus gerechtfertigt erscheine, da im Ausschlagen des Essensangebotes sich ein tiefgehender Bruch des Vertrauensverhältnisses zeige. Einem Arbeitgeber, dessen Angestellter die Speisen seines eigenen Gastronomiebetriebes nicht annehme, sei nicht mehr zuzumuten, diesen noch weiter in seiner…“

„… habe Scholz allen Forderungen nach einem bedingungslosen Grundeinkommen eine Absage erteilt, da dieses aus den Steuereinnahmen nicht zu finanzieren sei. Wohlstand entstehe in Deutschland nur durch Arbeit, die gesellschaftliche Teilhabe und demokratische Identität stifte. Auch durch Teilzeit-oder Minijobs oder ein Kombilohnmodell mit den Instrumenten staatlicher Unterstützung sei es vielen Menschen wieder möglich, ihre Menschenwürde in einer sozialen Marktwirtschaft zu…“





Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXXVI): Der überflüssige Staat

6 08 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Als jemand Rrt sein Hornbärenfell geklaut hatte, gab es nicht viel bürokratisches Gewese. Er machte den Dieb aus, stellte ihn zur Rede, nahm sein Fell wieder an sich und schlug dem Täter den Schädel ein. Damit war nach damaligem Verständnis der Rechtsfrieden wiederhergestellt. Polizei, Ankläger und Gericht waren noch nicht erfunden, und unter Gewalt verstand man das, was heute im engeren Sinn als solche gilt. Dafür musste die Sippe auch weder Steuern zahlen noch eine Baugenehmigung vorweisen für die Dreiraumhöhle mit Fließgewässer und Felsüberhang. Kein Ministerium verhängte für bunte Beeren Grenzwerte, dafür versprach keiner der Ältesten zinslose Kredite, wenn das Loch nach der Schneeschmelze knietief unter Wasser stand. Es zählte Selbstorganisation in sämtlichen Bereichen des Daseins, da kein Staat Vorsorge leistete. Wir hatten dies Ideal eines vollkommen überflüssigen Staates vorübergehend aus den Augen verloren, aber jetzt sehen wir ihn deutlicher denn je.

Nicht erst in durchseuchten Zeiten hat sich die marktkonforme Demokratie aus dem öffentlichen Leben verabschiedet und nachtwächtert dumpf vor sich hin. Zwar rüstet die neoliberale Verwaltung auf und militarisiert alles, was nur dem Schutz des Privateigentums dient, vulgo: das, was eine Rotte staatsferner Erben an Vermögen hortet, ohne die Öffentlichkeit mit Steuern zu belästigen, doch mehr nationale Struktur gibt es nicht mehr. Dass nur noch Privates, nichts Staatliches mehr Vorrang habe, hat man dem Volk bis zum Verlust der Muttersprache in die Ohren geschwiemelt, und wahrlich: es bliebt in der Hirnrinde hängen. Im Ergebnis blökt die ganze Herde etwas von Eigenverantwortung, wenn man sie nach der Verpflichtung zum Erhalt unseres Gemeinwesens fragen sollte. Feindbilder werden außen und innen zum Popanz aufgeblasen, nach dem Russen und seinem Sozialismus waren es die Ausländer, Flüchtlinge und Migranten, natürlich die Arbeitslosen, die sicher auch am Fachkräftemangel schuld sind, linsksversifft gendernde Ökoterroristen und Muslime, die der jüdischen Weltherrschaft den Rang abgelaufen haben – da braucht es zum Schutz der öffentlichen Sicherheit Wehr und Waffen, nur kosten soll der Schmodder halt nix.

Kaum stellen die rudimentären Regierungsreste fest, dass wir wie prognostiziert in der Grütze hocken, pandemisch im Hochwasser blubbern und dem Abwandern der Pflegekräfte in die Winzrente zugucken werden, während das bockige Beharren auf Pferdekutsche und Schreibmaschine statt einer überfälligen Digitalisierung Staatsräson ist, jammert das Gesindel aus den Kellerlöchern der Neocons jedem Groschen nach, den sie nicht in die Rosette gepfropft kriegen. Schon vollzieht sich das Paradox des ausgeleierten Laissez-faire: die Wirtschaft, die heilige Melkkuh der gierigen Dumpfdüsen, ergreift die Initiative und baut selbst Strukturen auf, für die der Staat vorher offenbar gar nicht zuständig war.

Während die Entscheider sämtlicher politischer Ebenen sich kollektiver Realitätsverweigerung üben und demonstrativ Däumchen drehen, platzt den Wirtschaftsunternehmen der Kragen. Sie dringen auf rationale Hygienekonzepte, wickeln den Test- und Impfzirkus ab, programmieren die Werkzeuge zur Warnung und Kontaktverfolgung, dieweil im Kanzleramt noch das Gehirngestrüpp des adipösen Quadratversagers zum Spontanerbrechen einlädt, und ziehen so das ganze Land aus dem Sumpf, in den die Kamarilla um einen korrupten, permanent zugesoffenen Grinseclown das ganze Land immer wieder reindrückt. Offensichtlich haben auch die Beraterbuden längst die Nase voll von den geistigen Heckenpennern, die man nur noch mit einer Runde Materialkaltverformung im Gesichtsschädel zu lebensähnlichen Äußerungen bringt. Der Staat ist für dieses Epizentrum der Behämmerten längst zum Selbstbedienungsladen geworden, den man auch ja in Brand steckt, damit sich kein anderer aus Not darin helfe.

Nicht einmal das scheinbar plakative Beispiel der Selbstjustiz ist aus der Luft gegriffen angesichts einer windelweichen Gesetzgebung zu Hatespeech und Mobbing, die die Durchsetzung des Rechts aber bequem den Konzernen überträgt und nur am Rande mäkelt, wenn diese staatliche Aufgaben nicht wie bisher erledigen. Sicherheitsdienste, die treu das Recht des Stärkeren umsetzen, sind auf Blut und Boden schon im Einsatz, bald ballern Armeen und Agenten um die Wette mit verfassungsmäßig bestallten Auslaufmodellen. Die Eindämmung der klimabedingten Schäden und der Wiederaufbau der zerstörten Infrastruktur – eh nichts mehr, bei dem man irgendetwas Staatliches in der Nähe wähnen würde – steht an der Abbruchkante der Demokratie. Wer würde einen Soziopathen, der im Müllhaufen steht und religiöse Wahnvorstellungen aus seiner Chymusrückgabeöffnung rülpst, auch ernst nehmen als Brückenbauer, wenn er vorher jedes Brett mit Absicht ansägt. Ein gesellschaftlicher Backlash in die vormoderne Welt, die soziale Schere als nicht zu ändernde Tatsache, ein Recht auf leistungsloses Einkommen für die Eliten sind die Folgen. Die unsichtbare Hand hat’s vollbracht. Die Anarchie ist nur noch eine Frage der Zeit. Für die Wirtschaft.