Horizontales Grün

20 08 2019

05:44 – Die ersten schwachen Sonnenstrahlen erhellen die Grünflächen der Straßenzüge in der Reihenhaussiedlung Oleanderbogen. Der junge Tag verspricht trocken zu bleiben, so lässt sich Rentner Heinrich J. (73) mit Klemmlupe und Nagelschere auf dem Rasen nieder, um die eine oder andere Kante um Rosenbeet und Vogeltränke wieder zu begradigen. Während ihm die Sehhilfe aus dem Auge rutscht, sticht er sich die Schere in den Daumen. Ein kurzes, aber heftiges Zischen entfährt dem früheren Damenfrisör.

05:55 – Mühsam hat sich Ewald S. (72) aus dem Bett gearbeitet. Schlaftrunken öffnet der ehemalige Hausmeister die Rollläden einen Spalt weit und stellt entsetzt fest, dass die Nachbarn ohne ihn mit der notwendigen Gartenpflege begonnen haben. Um die schlummernde Gattin nicht zu wecken, schleicht er nicht in den Keller, sondern entnimmt der Küchenschublade geräuschlos die für Kräuter gedachte Schere mit fünf Schneiden. Es geht los.

06:12 – Im Schein einer 20-Watt-Lampe pflegt Feldwebel a.D. Gustav K. (83) seinen Schnauzbart, als er durch das Küchenfenster auf der anderen Straßenseite erblickt, wie sich S. mit deutlich sichtbaren Rückenproblemen über die Grasnarbe schleppt. Der Veteran humpelt zum Besenschrank, wo er einen akkubetriebenen Trimmer hervorzieht und mit kaiserlich aufgezwirbelten Bartspitzen den Vorgarten betritt. Ein kleiner Knopfdruck auf das Stielgerät, in dem ein Nylonfaden kreiselt, und die Luft erfüllt ein unmelödiöses Sirren.

06:26 – Nachdem der Schäferhundrüde Tasso vom Waldrand seiner Erregung durch das hochfrequente Störgeräusch so anhaltend wie deutlich Ausdruck verliehen hat, öffnet Frührentner Rudolf F. (61) das Wohnzimmerfenster. Der vierbeinige Freund ist nicht amüsiert. Gleichzeitig erkennt F., dass sich der Rest der Nachbarschaft gegen ihn verschworen haben muss. Er legt sich mit einer Rosenschere bewaffnet hinter der Hecke in Lauerstellung.

06:51 – Monteur Ulf Z. (44) kehrt zurück von der Frühschicht in der Fertigungsabteilung des lokalen Zulieferers für konventionelle Angriffswaffen. Während der Facharbeiter seinen Wagen rückwärts in der Garagenauffahrt parkt, nimmt er Geräusche um ihn wahr, die ihm den Angstschweiß auf die Stirn treiben: der Vorgarten ist nicht gerichtet und der Besuch der Schwiegereltern steht bevor. Hastig setzt er wieder aus der Auffahrt auf die Straße. Jetzt muss professionelles Equipment her.

07:14 – Immobilienmakler Claus O. (54) betritt mit dem von seinem Großvater geerbten Gerät den Vorplatz. Das Modell Gulliver Sport verfügt über einen Satz gerader Scherklingen, die konzentrisch um die Antriebsachse montiert sind. Eine gründliche Schärfung vorausgesetzt wäre das Nachmähen von knapp drei Quadratmetern Rasen damit eine Kleinigkeit. Leider handelt es sich weder um eine kleine Wuchskorrektur noch hat O. den Apparat innerhalb der letzten Jahre besonders gut gewartet.

07:33 – Das Quietschen des mechanischen Mähers treibt Tasso in den Wahnsinn. Nachbar Peter D. (34) dreht das Radio noch ein bisschen lauter, um das Tier nicht hören zu müssen. Da D. bereits kurz nach dem Einzug seinen Vorplatz mit zehn Zentimeter Kies ausgelegt und das Geröll gründlich zementiert hat, sieht er nun keine Notwendigkeit, das Haus zu verlassen.

08:08 – Auf den hinteren Grundstücken Richtung Fliedergasse sind die ersten Schwingungen angelangt. Zahnarzt Jens G. (47) entnimmt dem Geräteschuppen sein elektrisches Mehrzweckgerät, das an einem gestielten Handgriff sowohl trimmt als auch schneidet. Der Grobaufsatz verursacht eine unerwartete Lärmentfaltung, was G. aber nicht sehr irritiert. So rasiert er fröhlich die Gänseblümchenmischung hinter dem Liguster.

08:16 – Mit seiner lautstarken Klage hat Tasso offensichtlich die Aktivierungsfrequenz von Robi getroffen. Der Mähroboter fährt schnurrend aus seiner wetterfesten Ladestation im Garten der Anlageberaterin Jenny E. (38) und bahnt sich seinen Weg über den Spielrasen. Da er diese Fläche jedoch tags zuvor instandgesetzt hat, schaut sich der Schnitthelfer nach anderen Einsatzgebieten um.

08:20 – Die Garage des rotbraun geklinkerten Bungalows öffnet ihr Tor, heraus schreitet Tim W. (32) samt einem verhältnismäßig neuen Modell von Motormäher. Muskulös und im Vollbesitz seiner Kräfte zieht der Freizeitbodybuilder an dem Draht, der den Anlasser starten soll. Die Frauen auf der gegenüberliegenden Straßenseite fühlen sich ad hoc kreislaufmäßig herausgefordert. Gardinen rascheln, hier und da greift eine Hand in die Kakteen auf der Fensterbank. Ein metallisches, gut artikuliertes Geräusch zeigt an, dass der Zug soeben gerissen ist. Der nur mühsam unterdrückte Schmerzensschrei von W., der von der unübersehbaren Schnittwunde an seinem Handgelenk herrührt, hat denselben Ursprung.

08:29 – O. und seine stumpfen Messer haben den Graswuchs nicht nennenswert angetastet. Noch immer schiebt der schwitzende Glatzkopf das Gerät über das Grün, das zwar deutliche Ermüdung zeigt, aber weiterhin fest verwurzelt in der Erde steht. In der Zwischenzeit hat Tasso im Wohnzimmer den Teppich, zwei Fernsehsessel sowie eine Fußbank durch Flüssigkeitszufuhr individualisiert.

08:38 – Der Baumarkt ließ Z. keine andere Wahl als das Aufsitzmodell Goliath 3000. Die hastig improvisierte Anhängerkupplung, die zum Transport des Gartengeräts an Ort und Stelle ans Fahrgestell geschweißt wurde, ist noch nicht ganz ausgekühlt. Entsprechend schwierig gestaltet sich der Bremsvorgang, bei dem das Garagentor, ein Teil der Garage, ein Teil des Hauses sowie viele der bis dahin noch verwendungsfähigen Komponenten des Kraftfahrzeugs nachhaltig zerstört werden. Glück im Unglück: dem Goliath 3000 ist nichts passiert.

08:55 – F. hat inzwischen das Grundstück verlassen und robbt sich hinter den feindlichen Linien entlang in Richtung Norden. Die Rosenschere hat er dabei stets im Anschlag, um aus dem Nichts auftauchende Reptiloiden in die Flucht zu schlagen. Kurz hinter der Ecke Enzianweg kauert er sich mit einem Krampf im Bein auf den Gehweg.

09:05 – Noch immer ist G. mit dem E-Trimmer zugange, als er plötzlich unachtsamerweise in die Nähe der Hauswand gerät. Der nicht komplett aufgerollte Gartenschlauch, den am Vorabend die Gattin lediglich mit dem Griffventil gesperrt hat, erweist sich gegenüber den Fangzähnen des Grasschneiders als nachgiebig. In einem unsauber angesetzten Schnitt zerfetzt G. den Schlauch, aus dem druckvoll das Wasser spritzt. Widerstand ist in diesem Fall zwecklos: kurz, aber spannungsfrei fließt der Strom durch den Körper des Dentisten, bevor die Hauptsicherung mit einem sonoren Knall aufgibt. Die Nachbarin sieht den Arzt zuckend auf der Wiese liegen und informiert geistesgegenwärtig einen Rettungswagen.

09:08 – D. hat die Musik nun auf volle Lautstärke gestellt. Die Doppelverglasung seines Eigenheims lässt keinen Störschall mehr hinein, dafür vibrieren die angrenzenden Grundstücke ab einer Bodentiefe von fünf Metern im Rhythmus volkstümlicher Schlager.

09:10 – Marvin T. (16) hat den Lärm satt. Der Gymnasiast muss erst zur dritten Stunde in die Schule und stört sich an den vibrierenden Fenstern seines Jugendzimmers. Spontan schaltet er die Anlage an die legt das neue Live-Album der Apocalyptic Armageddon Assassinatörs auf.

09:11 – Tasso zerlegt ein Sofakissen in Kleinteile.

09:25 – Z. ist es in der Zwischenzeit gelungen, den Aufsitzmäher vom Anhänger zu wuchten, ohne sich oder den Mäher mehr als nötig zu beschädigen. Mit Bedauern stellt er fest, dass sein Auto trotz Abgasnorm Euro 6 immer noch einen Dieselmotor besitzt. Die Kraftstofffrage schwebt im Raum.

09:28 – Der Rettungswagen fährt mit vollem Signaleinsatz und quietschenden Reifen in die Haarnadelkurve Ginsterweg Ecke Lilienstraße. Kurz vor der Einmündung Schneeglöckchenstieg verreißt Fahrer Ingolf A. (27) das Steuer, als er frontal in eine Schallwand brettert, die vor dem Obergeschoss des Wohnhauses von Familie T. auftürmt. Der Wagen kommt seitlich an der Gartenmauer zum Stehen. A. wird umgehend vom Rettungsassistenten Oliver H. (28) reanimiert. Nachbarn ordern sofort einen zweiten Wagen für G., dessen Zustand sich offenkundig nicht verändert.

09:38 – Robi ist gemächlich unterwegs in Richtung Fliedergasse. Kurz vor der Ecke Enzianweg touchiert er hinterrücks den dort an der Hecke sitzenden F. Dieser springt schreiend auf, wobei er sich einerseits an seiner Rosenschere verletzt, andererseits durch den Schrecken nicht unbeträchtlich einnässt. Unbehelligt rollt der Roboter weiter.

09:45 – Mit Hilfe eines Gummischlauchs hat Z. aus dem immer noch herrenlos im Vorgarten von W. stehenden Mäher den Kraftstoff entzogen. Er spürt eine leichte Reizung der Atemwege. Die als Auffangbehältnis dienende Gießkanne, aus der der Waffenschmied das Benzin in den Goliath 3000 träufelt, stellt dieser achtlos auf den Gehsteig vor seinem Haus.

09:51 – Jacqueline C. (29) geht aufreizend langsam in Richtung Mülltonne. Sie hatte auf den feschen Facharbeiter schon seit langem ein Auge geworfen, deshalb trägt sie ihr farbenfrohstes Make-up. Leider verhaken sich beim Leeren des Restmüllbeutels die künstlichen Wimpern ihres linken Auges, so dass sie den Halt ihrer Filterzigarette nicht mehr unter Kontrolle behält.

09:52 – Eine ungefähr zwei Meter hohe Verpuffung färbt C. zumindest von vorne in ein einheitliches Blauschwarz. Z. wird nach hinten geschleudert, wobei er vom Sitz des Rollmähgeräts fliegt. Das gartenbautechnische Fahrzeug setzt sich tuckernd in Bewegung.

09:53 – Synchron zu der Gasexplosion war der zweite Ambulanzwagen aus der Gladiolengasse eingebogen. Fahrerin Signe Ö. (28) tritt ruckartig auf die Bremse, so dass das Auto heckseitig ausbricht. Reflexartig springt Postbote Hajo I. (58) über den Jägerzaun und legt eine Punktlandung auf dem noch nicht ganz abgebundenen Zement von Kreisoberverwaltungsrat Martin B.s (55) Auffahrt hin.

10:07 – Kristian U. (48) nutzt das gute Wetter, um nicht nur horizontales Grün in Ordnung zu bringen. Er nennt eine elektrische Heckenschere sein eigen und setzt das Gerät nun zunächst für den deutlich zu stark geratenen Grasbewuchs ein. Die akustische Emission ist wie zu erwarten stark.

10:10 – Z. rennt seinem Mähfahrzeug hinterher. Zunächst geht er davon aus, dass das Objekt ohne lenkende Person sich nur geradeaus bewegt, ist aber beim Einbiegen in den Moosröschenring irritiert, dass ihm sein Goliath 3000 mit nicht ganz geringer Geschwindigkeit entgegenkommt. Schon will er auf den Mäher steigen, als ihm von hinten Robi die Füße wegreißt. Z. kippt auf den Sitz, verliert aber durch den Aufschlag auf dem Steuerrad das Bewusstsein. Mit einer verkehrsuntüchtigen Person auf dem Sattel, die mit vollem Körpergewicht auf dem Gaspedal steht, nimmt das Mähzeug seinen Weg in Richtung Lilienstraße Ecke Ginsterweg.

10:22 – Nachbarn haben G. inzwischen so weit reanimiert, dass er außer Lebensgefahr zu sein scheint. Sie wundern sich nur, dass es in dieser stadtnahen Umgebung so lange dauert, einen Rettungstransport zu bekommen. Zur raschen Wiederherstellung des Telefonnetzes hat Elektriker Otto R. (56) den Stromkreis im Hause G. wieder in einen ordnungsgemäßen Zustand versetzt.

10:23 – F. hockt mit durchnässter Hose nur wenige Meter entfernt unter der Ligusterhecke und tastet sich mit der bewaffneten Hand vor in feindliches Territorium. Beim ersten Berühren eines festen Gegenstandes schnappen die Finger seiner Rechten sofort zu: mit einem Schnitt durchtrennt F. die Zuleitung des im Prinzip noch funktionstüchtigen Elektrotrimmers. Während R. nach einem kurzen Flackern wiederum das Verlöschen von Oberlicht und Ventilatoren bemerkt, steigen Rauchpilze aus F.s Ohren. In Embryonalstellung rollt er unter das Grundstücksbegrenzungsgrün.

10:29 – Auch bei O. liegen die Nerven blank. Erst jetzt stellt er fest, dass sein mechanischer Mäher die erhoffte Leistung aus technischen Gründen gar nicht erbringen kann. In einem Wutanfall fährt er sich auch noch über die fast neuen Golfschuhe und schleudert den Gulliver Sport aus der Drehung mit durchaus her Eleganz in die Fensterfont seines Wohnzimmers. Dann wirft er sich wie im Rausch in seinen Sportwagen. Mit stark überhöhter Geschwindigkeit nimmt O. Kurs auf die angrenzende Gemarkung Sperbertal.

10:42 – Noch ist nicht alles verloren. Der dritte RTW biegt mit Lichtorgel und Folgetonhorn auf Stufe MAX aus dem Ginsterweg. Winkende Anwohner signalisieren Fahrer Guntram Sch. (32) schon von Weitem, wo sich der Einsatzort befindet. Leider hat Z. in seinem Zustand weder einen klaren Überblick über die örtliche Verkehrsführung noch über die Handhabung von Sonderrechten bei Einsatzfahrzeugen. Sch. ist nicht mehr in der Lage, dem Goliath 3000 auszuweichen, der eine Abkürzung über zwei unbebaute Grundstücke genommen und nun ungebremst auf ihn zurollt. Das Gartenkleingerät wird bei der Kollision erheblich in Mitleidenschaft gezogen.

10:45 – Röhrend donnert eine gewaltige Maschine den Oleanderbogen entlang. In einer paranoiden Regung hat O. beschlossen, seinen Gulliver Sport durch einen am Feldweg parkenden Mähdrescher zu ersetzen. Nach einigen Kleinwagen sowie einem Kabelverzweiger mangelt O. auch gut fünfzig Meter Hecken, Zäune und Pfosten nieder, bis er auf die Einmündung Geranienallee zurollt. Mit einem unelastischen Stoß touchiert die landwirtschaftliche Großmaschine die Hausfront von D. Die fußläufig herbeigeeilten Notfallsanitäter ziehen den traumatisierten Hausherrn aus den Trümmern seines einsturzgefährdeten Bungalows. D. hört nichts mehr. Auf die beiden Retter gestützt taumelt er ins Freie und lallt „Resi, i hol Di mit mei’m Traktor ab“. Aus sicherer Entfernung kläfft ein Hund. So endet der Morgen in einer Reihenhaussiedlung, deren Bewohner einfach nur ihren Rasen mähen wollten.

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Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLXXVI): Der IKEA-Effekt

9 08 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es war Rrts Vater. Eventuell der Großvater. Länger lebte man seinerzeit ja nicht, um folgende Generationen noch selbst in Augenschein nehmen zu können. Jedenfalls war der Alte sehr zufrieden über den Jagderfolg des Juniors – Mammut vom Spieß, wie es sich gehörte, eigenhändig erlegt, gut abgehangen und vernünftig durchgebraten, kein TK-Billigfraß wie erfrorene Säbelzahnziege, die die Nachbarn aus den höher gelegenen Regionen der angrenzenden Hügellandschaft mitgebracht hatten. Dies aber merkte sich der Filius, dass jede Mühe Früchte tragen sollte und ein Ding mehr wert sei, wenn es mit der eigenen Hände Arbeit erschaffen respektive umgebracht wurde – und schon begann im Zuge der Evolution der Drang zu wirken, die Welt mit Artefakten zuzustellen. Noch gab es keine Bücherregale, die sich am krummen Fels der Einsippenhöhle entlang zogen, doch der IKEA-Effekt war seine ersten Schatten an die Wände.

So viel vermögen Menschen zu tun, wenn sie im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit aller Güter so wie alle Nachbarn sich eine preiswerte Stellage in die Bude kloppen, stapel- und abwasch- und verzichtbar wenigstens, was die ästhetischen Implikationen angeht. Für den Tischler hat keiner mehr die nötige Barschaft, und wer wüsste es schon zu schätzen, einen Biedermeier-Sekretär zu haben für die Blu-ray-Sammlung, wo doch Nussbaum so überhaupt nicht shabby genug aussieht. Während sich einfachere Gemüter den Kram aus Katalog und Sonderangeboten zusammenschwiemeln, zückt der unerschrockene Teilzeitheld den Innenkantsechser, bereit zu Splitter und Blase, und wuchtet zäh ein Mittelgebirge aus MDF plus Schraubenschrotttüte in den brökelnden SUV, rumpelt über Autobahn und Kopfsteinpflaster bis an die Butze, hievt den Schamott ins Dachgeschoss und beschließt nach der improvisierten Herz-Lungen-Wiederbelebung, noch am nämlichen Tage die Schrankwand hochzuziehen und die Vatikanische Bibliothek im obersten Bord einzulagern.

Alttestamentarische Flüche gellen durch den zuckenden Nachthimmel, während die manuell aus dem Althethitischen über Volapük und COBOL ins moderne Denglisch übersetzten Anleitungen dem Pionier der Holztechnik – bau auf, bau auf! – mit glasklarer Direktive ans Herz legen, die Schraube F33 in demm Löhlein zu bunzen, bis das Bunze nie der Ende von alles und tot. Doch auch das hat ein Ende, denn von siebzig versprochenen Schrauben F33 sind auch tatsächlich achtundsechzig in dieser Existenz manifest angekommen; flugs mutiert der Baumeister zum Statiker, der mit Glück und Gottvertrauen die beiden nicht als Sollbruchstelle qualifizierten Punkte des Pressspantrumms finden soll, um bei mangelhafter Armierung das Zeug in halbwegs lotrechter Verfassung in die Nähe des Rauhputzes zu bringen. Es gelingt, sieht natürlich auch bei unkritischer Betrachtung – wach, nüchtern und im juristischen Sinne zurechnungsfähig – derart scheiße aus, dass der beherzte Griff zur Axt die schmerzfreiere Variante darstellen würde, denn ist erst einmal ein Festmeter Taschenbücher in diesem Ding verkloppt, wird es kein Zurück mehr geben. Der letzte Nupsi ist auf die F33 gestöpselt, um den roh entgrateten Aluschrott wenigstens optisch an der Oberfläche zu kaschieren – es gab genau siebenundsechzig davon, aber das nur am Rande – und der Schöpfer betrachtet sein Werk, das ihn nur gut ein Dutzend Mal in die Nähe einer Hirnembolie gebracht hat. Es wackelt, was bei der windschiefen Aufstellung keiner geometrischen Erklärung bedarf, aber um nichts würde der Michaelangelo in der Mansarde sein epochales Schraub- und Dengelwerk wieder hergeben. Hier steht es nun, anders konnte er es nicht. Es ist, und es wird bleiben.

In gewisser Hinsicht läuft die Sache freilich aus dem Ruder. Nichts ist einzuwenden gegen die ab und zu auftretenden Versuche, die Backmischung durch Hinzugabe von etwas Milch und einem Ei in einen Eigenkuchen zu verwandeln, und wer seiner gebremsten Kreativität freien Lauf lassen will, wird mit Malen nach Zahlen sicher Erfüllung finden. Gefährlich aber wird der Hominide, wo er sich ohne Maß und Ziel ins Do-it-yourself-Abenteuer stürzt, jene Mutter der Materialschlachten im Krieg gegen Physik und Selbsteinschätzung. Nicht nur übersteigt die Mühe das sinnvolle Quantum, auch jeder Blick für das Ergebnis fordert und fördert kontinuierliche Wahnvorstellungen, wenn man das in die Gegend geklotzte Zeug am Ende auch noch als schön und wertvoll ansehen muss, obwohl ein bekiffter Primat mit Heißklebepistole und Sägeabfällen die Sache nicht signifikant schlechter hingekriegt hätte. Jene krude Selbstvergewisserung, mit der Kinder eine leicht am Tachismus orientierte Buntstiftetüde an der Kühlschranktür hängen sehen, führt unmittelbar zu der Erkenntnis, dass alles, was man schuf, mindestens göttlich inspiriert sein müsse. Vielleicht hätte man dem einen oder anderen Präsidenten in früher Jugend genug Schrauben in die Hand geben sollen. Oder ein Bolzenschussgerät. Die Welt, sie wäre ganz bestimmt eine der besten unter all den überhaupt möglichen.





Das halbe Leben

6 08 2019

„Der eine Tag!“ Anne warf die Papiere auf ihren Schreibtisch und suchte nach einem Kugelschreiber. „Außerdem sind wir immer noch rechtzeitig, und wenn nicht, hätte ich mit der Behörde schon einen Termin ausgemacht.“ „Und ihn ganz bestimmt nicht vergessen“, knurrte Luzie. Ich drückte mich tief in den Sessel hinein. Dicke Luft.

„Sie müssen für eine versäumte Frist gar keinen neuen Termin vergeben“, erklärte Luzie, und das sehr bestimmt. „Erst das mit dem Staatsanwalt, jetzt haben wir Ärger wegen des Bauantrags, und wenn wir die Anhörung in der Sache Hüttenklömper auch noch versauen, dann haben wir bald gar keine Mandanten mehr.“ Anne suche ihre Papiere wieder zusammen – ein paar von ihnen hatte es nicht auf dem Schreibtisch gehalten – und blätterte hektisch in ihrer Aktenmappe. „Dann trägt man die Termine eben in den Kalender ein, ist denn das so schwer?“ „Ich will mich nicht einmischen“, begann ich zaghaft. „Dann lass es doch“, tönte es zweistimmig zurück, einmal aus dem Sprechzimmer, einmal vom Tresen der Kanzlei. Tatsache war, dass Luzie Freese keine Schuld traf. Die wohlorganisierte Person mit dem Krauskopf, die luziefr zeichnete, hatte alle fraglichen Termine säuberlich in ihrem Kalender verzeichnet, nicht ein einziger fehlte, und sie hatte sie darüber hinaus auch noch an jedem Morgen der Anwältin vorgelegt mit der Frage, wo denn die zugehörigen Schriftstücke abgeblieben seien. „Meist liegen sie auf dem Fensterbrett“, konstatierte die Bürovorsteherin, „aber darauf kann man sich nicht immer verlassen. Ein paar liegen auch auf dem Aktenschrank oder in ihrem Schreibtisch, und dann steht kein Termin drauf.“

Der springende Punkt, das ließ sich leicht aus den bisherigen Ermittlungen ableiten, war der Einsatz, vielmehr: der fehlende Einsatz von Büroklammern. „Früher hat sie nämlich immer einen kleinen Zettel an die Akte geheftet“, erklärte Anne. „Wenn ich den Termin sehe, und die Akte liegt auf dem Schreibtisch, und ich weiß, dass beides im Kalender steht, dann kann ich doch gar keine Frist mehr versäumen.“ Ich verdrehte die Augen. „Du willst mir nicht erzählen, dass dieser Bauantrag für das Ferienhaus von Doktor Klengels Nachfolgerin fast an einer fehlenden Büroklammer gescheitert wäre?“ Sie runzelte die Stirn. „Wir hatten nämlich immer Büroklammern vorrätig.“ Damit schritt sie zum Aktenschrank, zog die linke Tür auf und zeigte aufs zweite Regal von oben. „Ich sehe Akten“, konstatierte ich. „Das hätte ich jetzt nicht erwartet. Muss das so sein?“

„Wir hatten dort immer eine Schachtel mit Büroklammer stehen, zumindest früher in der alten Kanzlei.“ Luzie verriet mir dies mit einem Ernst, den ich nicht erwartet hätte; es musste sich um eins der am besten gehüteten Betriebsgeheimnisse der Kanzlei handeln. „Normalerweise hole ich eine Büroklammer aus dem Schrank, aber jetzt ist die Schachtel nicht mehr da.“ Ich fühlte nach meinem Gesicht; es hatte eindeutig seine Form eingebüßt, war aber immer noch an der vorhergesehenen Stelle. „Und es ist keinem eingefallen, vielleicht eine neue Schachtel Büroklammern zu kaufen, wenn die alte sich nicht mehr auffinden lässt?“ „Ich wollte es mir ja in den Kalender eintragen“, antwortete Luzie kleinlaut.

Aus den drei Papierstapeln auf dem Fensterbrett ließ sich der anstehende Arbeitstag einigermaßen rasch rekonstruieren. „Ordnung ist das halbe Leben“, ätzte Luzie. „Ihr habt Euch vermutlich für die andere Hälfte entschieden“, gab ich ungerührt zurück. Anne kramte einen Bleistift aus der Handtasche. „Jetzt mach uns nicht auch noch Vorwürde, das hilft uns nicht weiter. Denk lieber mit: wenn Du eine Schachtel Büroklammern wärst, wo würdest Du Dich verstecken?“ „Im Kühlschrank“, antwortete ich. „Gute Idee“, meinte Luzie. „Das ist allerdings derart offensichtlich, dass man es schon wieder ausschließen kann. Denn wir gehen ja beide jeden Tag an den Kühlschrank, also wer hätte die Büroklammern dort hineinstellen sollen?“ „Ihr geht auch beide täglich an den Aktenschrank“, überlegte ich. „Also wäre das keine große Überraschung, wenn sich die Schachtel dort befinden würde.“ Luzie zog die Stirn in gefährliche Falten. Ich schwieg aus Vorsicht.

Allerdings hatte und bis jetzt nichts dem Ziel auch nur einen Schritt näher gebracht. „Wo würde ich mich verstecken“, murmelte ich, „wo würde ich mich verstecken?“ Mit einem Ruck zog ich eine der Schubladen an Annes Schreibtisch auf, griff nach der Schachtel mit den Büroklammern und stellte sie auf den Tisch. „Voilà!“ Luzie ballte die Fäuste. „da kann ich ja lange suchen!“ Immerhin, das Objekt der Verzweiflung war wieder gefunden. Mit der größten Selbstverständlichkeit ergriff Anne das Päckchen und stellte es zurück in den Aktenschrank auf das zweite Regal von oben. „Aber wir müssen uns für die Zukunft etwas einfallen lassen, dass wir nicht in Terminschwierigkeiten geraten.“ Anne suchte nach dem Abreißklotz. „Ich könnte die Termine mit Bleistift auf die Akten schreiben“, überlegte sie. „Oder mir einen Zettel schreiben und ihn an den Aktendeckel…“ Anne hielt inne. Angestrengt blickte sie auf die Fensterbank. „Wo sind eigentlich die Heftklammern geblieben?“





Vorzeigemigranten

1 08 2019

„Aber man kann sie doch nicht einfach ignorieren.“ „Besser wär’s schon.“ „Dann sind sie aber nicht in die Gesellschaft integriert.“ „Ja, das wäre auch sehr gut. Dann hätte man zumindest etwas, was man ihnen vorwerfen könnte, was nicht ihre eigene Schuld ist.“ „Wie so viele andere Sachen?“ „Wie so viele andere Sachen.“

„Der Staat bemüht sich doch immerhin um…“ „Der Staat, nennen wir es ruhig mal so, bemüht sich auch um Steuergerechtigkeit, soziale Gerechtigkeit und gleiche Lebensverhältnisse in allen deutschen Bundesländern.“ „Hat aber bisher nicht so viel genützt.“ „Eben. Ich würde nicht unbedingt sagen, dass das sinnvoll ist, aber das mit der Integration ist eher hinderlich.“ „Weil das ja schließlich Personen sind, die in unserer Gesellschaft…“ „Volk. In unserem Volk.“ „Gut, dann in unserem Volk haben die nichts zu suchen.“ „Das sehe ich auch so. Und da muss man dann auch mal konsequent sein und den Migranten zeigen, dass das so hier in Deutschland eben nicht geht.“ „Was?“ „Dass man sich an die Spielregeln halten muss.“ „Wie denn jetzt?“ „Indem man nicht mitspielt, weil man das nicht darf. So schwer ist das doch nicht.“

„Aber die Wirtschaft braucht Arbeitskräfte, oder ist das auch wieder falsch?“ „Durchaus nicht, aber ich wüsste jetzt nicht, was das mit Integration zu tun haben sollte.“ „Man muss doch auf der einen Seite integriert sein, um einen Arbeitsplatz zu bekommen.“ „Und auf der anderen Seite glauben Sie auch, dass man durch Arbeit wiederum integriert wird?“ „Ist das nicht so?“ „Sie müssen nicht integriert sein, wenn Sie arbeiten wollen. Es reicht, dass man Ihnen den Aufenthalt gestattet und eine Arbeitserlaubnis gibt. Den Rest erledigt der Arbeitsmarkt.“ „Aber man muss doch integriert sein?“ „Wozu? Um in der Fabrik zu schaffen, müssen Sie den Weg in die Fabrik finden, und wenn Sie eines Tages nicht mehr in die Fabrik kommen, weil Ihr Aufenthaltstitel erlischt, dann kommt der nächste für Sie in die Fabrik.“ „Sie meinen, dass Menschen…“ „Personen.“ „… dass Personen in der Wirtschaft so weit austauschbar sind?“ „Auch dann, wenn sie integriert sind. Wozu sollte man sie also vorher integrieren?“

„Und warum werden Migranten dann nicht durch Arbeit integriert?“ „Weil das nicht die Aufgabe von Arbeit ist. Im Gegenteil.“ „Weil es für Migranten Arbeitsbereiche gibt, in die kein anderer kommt?“ „Es gibt eben Arbeit, die Sie aus der Gesellschaft entfernt. Als Pflegekraft werden Sie schnell feststellen, dass Sie weder die Zeit haben noch das Geld, um sich in der Gesellschaft zu engagieren.“ „Dann verstehe ich nicht, warum die Wirtschaft Migration will.“ „Sie will sie nicht, sie nimmt sie billigend in Kauf.“ „Dann stimmt das also nicht, was immer behauptet wird: die Wirtschaft hat die Einwanderung bei der Politik bestellt?“ „Unsinn, sie profitiert allenfalls von der höheren Fluktuation.“ „Das heißt, die Wirtschaft stellte ein und schmeißt wieder raus.“ „Was bei einer begrenzten Anzahl an Arbeitskräften natürlich nicht so gut funktioniert wie mit Migranten, die auf ihre eigene Art fluktuieren.“

„Dann erklären Sie mir doch mal, warum alle den Vorzeigemigranten suchen.“ „Sie meinen den Fußball spielenden Ministranten? den werden Sie nie los, da hatte Scheuer durchaus mal recht.“ „Der wird doch nicht umsonst hier bei uns integriert.“ „Höchstens, damit die Abschiebeindustrie genug zu tun hat.“ „Sie glauben daran, dass es eine Abschiebeindustrie gibt?“ „Aber ja doch, nur eine Anti-Abschiebeindustrie alleine wäre doch auch vollkommen sinnlos.“ „Aber wer braucht denn jetzt den Vorzeigemigranten und wozu? wer hat den denn erfunden?“ „Die Medien.“ „Aber wozu? damit unsere Gesellschaft…“ „Volk. Es ist das Volk.“ „… damit das Volk glaubt, die sind alle gar nicht so schlimm?“ „Im Gegenteil. Lassen Sie einen von denen eine Straftat begehen, dann wird den Leuten schlagartig klar, dass Integration alleine auch nichts bringt.“ „Aber die Medien?“ „Wenn ein Deutscher mit der Machete durch die Fußgängerzone rennt und alles niedermetzelt, was nicht rechtzeitig wegläuft, dann lässt er sich auch besser verkaufen, wenn die Nachbarn sagen, er habe aber immer ganz freundlich gegrüßt.“

„Dann verstehe ich jetzt auch die AfD.“ „Wie kommen Sie denn in diesem Zusammenhang auf die Alternative für Deutschland?“ „So eine allgemeine gesellschaftliche Verrohung ist doch sehr vorteilhaft, wenn man die Integration von Migranten in den nicht erwünschten linken Bevölkerungsteil provozieren will.“ „Interessante These. Dann werden also Flüchtlinge überhaupt nur integriert, damit man auf der anderen Seite alle Oppositionellen ausgrenzen kann?“ „Für die wäre ja Integration in eine völkische Gesellschaft auch eher hinderlich, weil es dann eben keine völkische Gesellschaft mehr wäre.“ „Klingt logisch.“ „Und die Identifikation mit dem Terrorismus ist auch nicht mehr so kompliziert. Wer sich in einer ideologisch falschen Gesellschaft integriert, wird ja zwangsläufig irgendwann zum Feindbild.“ „Doch, das hat was.“ „Meinen Sie nicht, dass man diese beiden Dinge gut zusammendenken könnte?“ „Durchaus, ich finde, das passt sehr gut.“ „Nennen wir’s mal eine Integrationslösung.“





Flaschenkinder

31 07 2019

„Nehmen Sie auch noch eine Tasse“, nötigte er mich. „Ich setze gleich neuen Tee auf.“ Breschke spülte die Kanne um und stellte den Flötenkessel auf den Gasherd. „Man soll bei dieser Temperatur lieber vorsichtig sein.“

Die Gartenarbeit hatten den Hausherrn ein wenig erschöpft, also hatte er sich ein frisches Hemd angezogen und sah auch ansonsten landfein aus. „Die Zeitungen bringe ich am Wochenende weg“, überlegte er, „und wenn Sie noch kurz in den Baumarkt wollen, ich fahre auf dem Rückweg sowieso über die Trelleborgstraße.“ Er faltete ein Anzeigenblättchen, füllte das Teeei und hängt es in die Kanne. „Kleinen Augenblick noch.“ Ich tupfte mir den Schweiß von der Stirn. Es war im Haus wirklich ungemütlich. Wie stickig musste es erst im Wagen werden. „Sie können ja die Ärmel auf der Fahrt hochkrempeln“, riet mir Herr Breschke. „Es sieht uns ja keiner.“

Damit hatte er allerdings recht. „Ich werde Ihnen mal etwas Linderung verschaffen“, beruhigte er mich. „Sie werden sehen, es wirkt sofort.“ Und er öffnete den Kühlschrank, um eine Flasche aus der Tür zu ziehen. Ich riss die Augen auf. „Bei dieser Hitze!?“ „Ach was“, lachte der pensionierte Finanzbeamte. „Kosten Sie nur.“ Er entkorkte die grüne Flasche, deren Etikett eindeutig auf einen ordentlichen Burgunder hindeutete, und goss mir ein. „Leitungswasser“, kostete ich, „nichts als Leitungswasser.“ Er nickte. „Den Tipp habe ich aus der Briefmarkenzeitschrift: nichts kühlt so gut wie Weinflaschen, und umweltfreundlich ist es auch noch, weil man kein Plastik braucht.“ In der Tat war das Wasser angenehm kühl. Horst Breschke füllte sich ebenfalls ein Glas, denn der Tee brauchte doch noch ein Weilchen. „Wir müssen langsam los“, drängte ich. „Gemach“, lächelte der Alte. „Ich werde uns für den Weg noch zwei von denen ins Auto mitnehmen. Sie werden sehen, es wird viel angenehmer.“

Trotz allem war die Fahrt nicht entspannt; der Feierabendverkehr hatte bereits eingesetzt, als wir in die Uhlandstraße einbogen, an ein schnelles Vorwärtskommen war nicht zu denken. „Wenn wir nur rechtzeitig sind“, knurrte Breschke und presste die Hände ins Lenkrad. „Ich will nicht morgen noch mal in die Stadt fahren, um den Sommeranzug abzuholen.“ „Das wird nicht nötig sein“, bemerkte ich. „Morgen ist die Reinigung nämlich gar nicht geöffnet.“ Er schnappte nach Luft. „Ich verliere langsam die Geduld!“ Und er griff neben den Sitz, wo eine der Flaschen sich befand. „Doch nicht während der Fahrt“, rügte ich, „ich jedenfalls habe keine Lust darauf, dass Sie mich unter Wasser setzen.“ „Ich verdurste“, murrte Breschke. „In Bezug auf die Verkehrssicherheit sollten Sie mir durchaus die Gelegenheit geben, mich zu… –“

Mit einem Ruck stand der Wagen, im letzten Augenblick hatte Herr Breschke die rote Ampel entdeckt und war aufs Bremspedal gestiegen. „Dann steht einer kleinen Erfrischung nichts mehr im Wege“, frohlockte er. „Ich würde es nicht tun“, sagte ich sehr ruhig, aber auf mich hörte er nicht, setzte die Flasche an und nahm einen tiefen Zug. „Wenn Sie bitte mal pusten?“ Der Alte zuckte zusammen. Mit grimmiger Miene blickte der Polizist durch das geöffnete Fenster. „Hören Sie“, versuchte ich ihn zu beschwichtigen, „es handelt sich um ein Missverständnis.“ „Natürlich“, gab der Schutzmann gelangweilt zurück. „Sie kommen viel zu spät zu Ihrer Weinprobe und wollen auf dem Weg schon mal das Versäumte nachholen.“ „Ich verbitte mir das“, zischte Breschke. „Sie wissen“, erklärte der Beamte zu mir gewandt, „dass vor allem die enthemmende und aggressionsfördernde Wirkung des Alkohols im Verkehr entsetzliche Folgen haben kann?“ „Probieren Sie wenigstens einmal“, riet ich ihm. Bevor er antworten konnte, hatte ich Breschke die Flasche entwunden und sie dem Polizisten unter die Nase gehalten. „Ich trinke nicht“, sagte er knapp. „Zumindest nicht im Dienst.“ Ich neigte den Hals ein bisschen, dass das Wasser auf seine Schuhe tropfte. Er lief rot an. „Das ist grober Unfug“, brüllte er, „ich werde Sie beide verhaften!“ „Festnehmen“, korrigierte ich, „oder habe ich da etwas an Ihrer Uniform übersehen?“

Verärgert stapfte der Polizist weg, wir nutzten den psychologischen Moment, denn es war gerade Grün. Breschke fuhr ums Eck, bog in die Kaiser-Wilhelm-Allee und kam zitternd vor der Reinigung zum Stehen. „Gerade noch rechtzeitig“, stellte ich fest. Doch ihm ging es gar nicht gut. Er hielt sich am Wagen fest, während ich meine Hemdsärmel herunterkrempelte. „Das ist alles zu viel für mich“, wimmerte er, „das ist heute alles zu viel!“ In der Mitte verkrümmt watschelte er auf die Reinigung zu, sichtbar um Haltung bemüht, während ich ihm die Türe aufhielt. Die junge Dame hinter dem Tresen begrüßte uns freundlich und erkundigte sich nach unseren Wünschen. Stöhnend hielt mir Horst Breschke den beigen Coupon hin, während er unverständliche Laute ausstieß. Die Verkäuferin begriff sofort. „Da hinten links“, erklärte sie, „die Tür ist offen.“ Noch immer gekrümmt stolperte der alte Herr in die hinteren Gemächer, während ich den frisch gereinigten Anzug entgegennahm.

Erleichtert erschien Breschke, schweißnass, aber mit der Miene milder Ergebenheit. „Sie sehen aber auch mitgenommen aus“, sagte die Dame, sichtlich erschrocken, und sie griff zu einem Becher, den sie unter den Wasserspender hielt. „Nehmen Sie erst mal einen kräftigen Schluck, das wird Ihnen gut tun – bei diesem Wetter.“





Die Neigung der Materie

30 07 2019

„… keinen wissenschaftlichen Beweis dafür geben könne. Die Alternative für Deutschland habe sich auf ihrem Reichsparteitag dafür entschieden, die Schwerkraft als eine linksversiffte…“

„… zu differenzierten Diskussionen auffordere. Kretschmer sei schon in seiner Jugend gegenüber dem Physikunterricht gegenüber äußerst skeptisch eingestellt gewesen, was nicht notwendigerweise heiße, dass er die Ergebnisse der Wissenschaft komplett ablehne, obwohl es auf der anderen Seite auch…“

„… kein speziell ostdeutsches Phänomen sei. Patzelt wisse aus seiner Laufbahn, dass sich besonders Intellektuelle aus Sachsen und Thüringen gegen wissenschaftlich nicht haltbare Vorstellungen wie Astrologie, Demokratie oder…“

„… es keinen Beweis für die Schwerkraft gebe, der nicht mit den Mitteln jüdisch-amerikanischer Fake News in die Welt gesetzt worden sei. Meuthen habe dies nicht antisemitisch gemeint, wolle aber darauf hinweisen, dass man das doch wohl sagen dürfen können müsse, ohne gleich als…“

„… in den Schulen eine Deutsche Physik gelehrt werden müsse, die ohne die Vorstellungen einer internationalistischen Lügenkampagne auskommen müsse. Höcke werde nach einer tausendjährigen Leidenszeit der nationalen Größe für die Auferstehung der männlichen Deutschheit in der Tiefe seines…“

„… dass negroide Ballastethnien, deren IQ im Jahr um mindestens achttausend Prozent sinke, die von sozialistischen Sozialpädagogen verbreitete Lehre von der Schwerkraft als Lockmittel benutzt hätten, um Europa durch die Zuwanderung rassefremder Parasiten zu schädigen. Sarrazin sehe sich nicht als Rassisten, aber…“

„… die Relativitätstheorie zunächst nur eine theoretische Überlegung gewesen sei, die nicht auf die praktische Umsetzung formuliert worden wäre. Gauland sehe die Erkenntnisse Einsteins als Vogelschiss in der Wissenschaft und werde die deutsche Identität nicht dem…“

„… aufs Schärfste widerspreche. Tillschneider sehe die Neigung der Materie, sich mit dem Boden der reichsdeutschen Muttererde zu vereinigen, im Gegensatz zur zionistischen Hetzpropaganda, die jede Feindschaft zum arischen…“

„… dass die Gravitation zunächst sich als ein astrophysikalisches Phänomen zeige, dessen Wirkung auf das Sonnensystem, geschweige denn die Erde, noch gar nicht hinreichend bewiesen sei. Storch habe in eigenen Untersuchungen eine…“

„… könne aber eine auf den Punkt fixierte Schwerkraft gar nicht wirken. Die Rotation der Erdscheibe sei zwar noch nicht erwiesen, Meuthen sei jedoch davon überzeugt, dass die Fliehkraft an den Rändern viel größer als auf dem…“

„… habe auch die stalinistische UdSSR fest an die Existenz der Schwerkraft geglaubt. Weidel werde keinen deutschen Staat akzeptieren, der sich mit dem wissenschaftlichen Grundlagen eines linksfaschistischen…“

„… könne die Anerkennung der Schwerkraft in drei Schritten durchaus denkbar sein. Scholz sehe in der grundsätzlichen Überlegung kein Hindernis, um die Koalition wieder für eine erfolgreiche…“

„… als geistigen Sondermüll bezeichnet habe. Die Grünen seien nicht davon zu überzeugen, dass Kramp-Karrenbauer die Gravitationslüge als Thema des Koalitionsvertrages zu einem erfolgreichen…“

„… aber wirklich nur in ganz kleinen Schritten vollzogen werden dürfe. Altmaier könne sich ein Wirtschaftswachstum bei langsamer Anerkennung der Schwerkraft bis 2055 durchaus vorstellen, solange dies nicht gleichzeitig Bedingung für einen Koalitionsvertrag mit der…“

„… nur bei geöffneten Fenster bei Zugluft in Süd-Süd-Nord-Richtung auftrete. Kachelmann habe keinen Beweis für seinen Annahme, sehe aber alle Kritiker als dumme Arschlöcher, denen er in die…“

„… halte Meuthen die friedliche Koexistenz der Union mit den nationalen Widerstandskräften nun endgültig für gescheitert. Der Blaubraune habe den Altparteien mangelnde Bodenhaftung vorgeworfen, was sie in der Diskussion um Schwerkraft als linksfaschistisches.…“

„… die Gravitation nur erfunden worden sei, um den Alliierten die Zerstörung des Volkes mit Hilfe nach unten fallender Bomben zu ermöglichen. Steinbach sehe darin einen Beweis für die jüdische Kriegsschuld, da Einstein 1939 bereits nicht mehr die Staatsbürgerschaft der…“

„… ein gravitationstheoretisches Theorem nur außerhalb der Erde untersucht werden könne. Storch wolle dies nicht ausführen, da ihre Fachkenntnisse viel zu weit fortgeschritten seien, um durchschnittliche Professoren mit den…“

„… sich die internationale Verschwörung mit einer Gravitationskonstante bis in die Schulbücher durchgefressen habe. Lindner habe die sofortige Abschaffung des Physikunterrichts gefordert, um im Gegenzug Hauptfächer wie Religion oder Marktwirtschaft in den erzieherischen…“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLXXIV): Kulturelle Aneignung

26 07 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Irgendwann wird die Menschheit damit angefangen haben, sich das Gesicht zu bemalen, und keiner weiß, warum. Ob aus reinem Jux, in kriegerischer, kultischer oder kosmetischer Absicht, keiner weiß, wer es wo zuerst getan hat. Als wahrscheinlich gilt nur, dass nicht einer sich das Zeug von der Höhlenwand auf Wangen und Stirn geschmiert hat, sondern viele, mutmaßlich in allen Teilen der damals unbekannten Welt zugleich. Noch gab es weder Völker mit ausgeprägtem Abgrenzungsbedürfnis noch deren Anführer, der die Streifen auf dem eigenen Gesicht als Zeichen religiöser Inbrunst und das Geschmodder in der fremden Visage als degeneriertes Imitat oder fehlgeleitete Mimesis abgetan hätte. Erst recht hätte sich kein Häuptling herabgelassen, die bunten Balken auf dem Auge als kulturelle Identität der eigenen Ethnie zu preisen und alle anderen Völker als politisch inkorrekt zu bezeichnen, wenn sie dergleichen kostengünstig nachschwiemeln. Diese geistige Minderleistung wird der jüngeren Jetztzeit vorbehalten sein, vertotschlagwortet mit dem Verdikt der kulturellen Aneignung.

Sich bunte Punkte auf die Stirn zu malen als soziosemiotische Handlung ist einer von vielen Wegen, sich gegen alle unguten Geister zu schützen und zugleich den Personenstand öffentlich zu zeigen. In Westeuropa geschieht dies mit der obligatorischen Rockschleife auf der korrekten Seite, mit Art und Anzahl von Hutbommeln, Ring am rechten Finger und ähnlichem Gedöns, das nur lesen kann, wer lesen will. Beiden Konzepten ist gemein, dass sie im Laufe der Jahrhunderte zum ästhetischen Ritual erstarrt und in kommerzielles Handwerk abgeglitten sind. Doch während in Indien auch unverheiratete Frauen sich das dritte Auge schminken oder einen Abziehklebepunkt als Tika aufs Chakra tackern, ruft der industriell gefertigte Feminismus zwischen Boston und Bochum zum Kastrationsweltkrieg auf, wenn sich modisch experimentierwütige PersonInnen ein Bindi an die Birne pappen. Das ist mindestens strukturelle Gewalt – der übliche Nasenschmuck natürlich nicht, der hat sich in der westlichen Welt als Zeichen der Emanzipation durchgesetzt und ist als Wirtschaftsfaktor auch nicht mehr wegzudenken – und sollte in Erinnerung an den schlimmen Kolonialismus, den der weiße Mann der nicht weißen Frau und ihren TöchterInnen angetan hat, auch tunlichst unterlassen werden. Auf den Schreck erst mal ein Mango Lassi.

Denn das darf der Identitätsschützer, er hat sich das Rezept sicher auf dem letzten Ferienflug selbst mitgebracht, zusammen mit hübschen Kaschmir- und Seidenklamotten aus traditioneller Kinderarbeit nebst den ortsüblichen Designs, an denen man die Herkunft der Textilien erkennen kann, wenn man sich länger im Land aufgehalten hat, Jahrzehnte bis Jahrhunderte. Da zeigt sich sein volles Talent zum differenzierten Denken, er entscheidet selbst, wo er den edlen Wilden schützt, bevor er sich mit dem Rest ein schönes Leben macht. Auf den Gedanken, eine Kultur selbst entscheiden zu lassen, was sie als und in welchem Kontext als schützenswert erachtet, käme das nie. Sie sind wie die zänkische große Schwester, die immer im falschen Moment nicht die Fresse halten kann.

Wahrscheinlich triggert die Idee des geistigen Eigentums die Vorstellung, man könne Gedanken auf Flaschen ziehen und sammeln, bevorraten oder entwenden, wie man ja auch Daten klaut oder Visionen mopst. Eine seltsame Dialektik von rein materialistischer Dinglichkeit, die die Idee als Wille und Vorstellung zum schützenswerten Gut macht, und krudem Idealismus erzeugt jenen Hirnschmerz, der sich als kritisches Bewusstsein auftakelt, und das heißt zu allererst: unkritisch gegenüber den eigenen Positionen, weil man im Recht ist und alle anderen sowieso Arschlöcher sind.

Entlang der frühesten Handelsstraßen haben sich kulturelle Errungenschaften jeglicher Art ausgebreitet, ohne die der Teutone heute nicht beim Bier auf dem Sofa säße, da es beides nicht gäbe ohne nahöstlichen Lifestyle. So definiert sich jeder fleißig die eigenen Grenzen schön, und die ach so awarenessbekifften Antirassisten betreiben fröhlich das Geschäft rechtsidentitärer Drecksäcke. Denn wer den eigenen Bionachbarn verbieten will, sich die Hände bunt zu bemalen – Tätowierungen sind okay, das ist nämlich so voll gegen das Patriarchat, dass es gar nicht Mainstream sein kann – sperrt nicht nur seine eigene Kultur in einem wirren Konstrukt aseptischer Reinheit ein, sondern auch andere Kulturen als letztlich volksfremde Elemente aus. Krieg heißt ja auch immer irgendwie Frieden.

Ab jetzt ignorieren wir fröhlich, ob die deutsche Kartoffel im tiefen Fett überhaupt als nationale Speise durchgeht oder nur für belgische Bolivianer statthaft ist, da Pommes völkische Leibspeise sind. Mit, China hin, Currywurst her, Ketchup. Und Bollywood. Nichts geht doch über Bollywood.