Lüftungsvorschriften

2 08 2021

„… vollständig kontrolliert werden müssten, um die Infektionen mit COVID-19 im Bundesgebiet so gering wie möglich zu halten. Die Polizei könne sich nicht um alle Transportwege kümmern, wolle aber so viele wie möglich im…“

„… die Zugverbindung zwischen Prag und München durchgängig genutzt werden dürfe. Es sei aber noch nicht geklärt, ob nach der Ausfahrt aus Domažlice oder vor der Einfahrt nach Furth im Wald eine Kontrolle von deutschen, tschechischen oder auch anderen Personen im…“

„… beklage Scheuer, dass die Ausländermaut rechtssicher und zuverlässig die Kennzeichen aller nichtdeutscher Fahrzeuge ausgefiltert hätte. Bei einer Vollkontrolle würde Deutschland Bußgelder in Höhe von…“

„… dass die Obergailbacher Straße auf der niedergailbacher Seite Richtung Gersheim nicht abgesperrt werden könne, da der Grenzübertritt für viele Berufspendler eine tägliche Angelegenheit sei. Der dadurch entstehende Rückstau, der inzwischen nicht nur durch das Saarland, sondern auch ins…“

„… eine Absperrung des Luftraums für die FDP nicht in Frage komme, da die Liberalen darin eine eklatante Verletzung der Grundrechte sehe. Ab einer gewissen Höhe von in diesem Zusammenhang getätigten Parteispenden könne man sich aber auf eine einvernehmliche…“

„… das Genesene zwar ihre Impfung, nicht aber eine Genesung per Formular bestätigen könnten, während die in der Erprobungsphase befindliche App nur die Genesung, aber nur eine Impfung, die nicht in Verbindung mit einer Infektion und der damit verbundenen…“

„… und Fahrer nicht über das Kennzeichen zu ermitteln seien, während ein Halter möglicherweise sein Fahrzeug für einen nicht abgesprochenen Grenzübertritt zur Verfügung gestellt habe. Man müsse in diesem Zusammenhang auch eine Gefährderhaftung und einen Generalverdacht für alle, die ein Auto oder einen…“

„…aus technischen Gründen bereits in Česká Kubice halten müsse. Leider habe das bayerische Innenministerium keine Befugnis, die Kontrollen auf tschechischem Staatsgebiet zu…“

„… darauf zu achten, dass im Ausland mit geschlossenen Fenster zur Kontaktminimierung mit der Außenluft gefahren werden müsse, während in Deutschland generell eine Belüftung durch das Öffnen aller verfügbaren…“

„… übergangsweise Schnelltests und Formulare für die Reisenden zur Verfügung stellen müsse. Die tschechischen Dienststellen seien nicht befugt, die deutschen Staatsbürger an einer Durchführung der nach deutschem Recht angeordneten Prüfung der nach jeweiligen Vorschriften des…“

„… werde die Polizei in Hamburg für eine stichprobenartige Kontrolle ausschließlich farbige Mitbürger mit unmittelbarem Zwang zu einer…“

„… nicht kontrolliert werden könne, ob ein Kfz nach dem Grenzübertritt den Fensterverschluss vorschriftsgemäß zur Anwendung gebracht habe. Es sei mit einer hohen Dunkelziffer unter den…“

„… die Überprüfung aller Reisenden eine unverhältnismäßig lange Unterbrechung für den Schienenverkehr bedeute. So sei die Fahrzeit von Domažlice bis zum nächsten Halt auf deutscher Seite von 21 Minuten auf etwa drei Stunden angewachsen, was sich für die nachfolgenden Züge um eine erhebliche…“

„… Auslandsreisen mit dem Motorrad ab sofort verboten werden müssten, da es den Fahrern nicht möglich sei, die Lüftungsvorschriften einzuhalten. Das Bundesverkehrsministerium habe bereits die Entwicklung eines luftdichten Integralhelms für…“

„… reiche es dem Gesundheitsamt im Cham, wenn die Fahrgäste bei ihrer Ankunft in Furth im Wald eine freiwillige Selbstauskunft über ihren Status als Getestete, Genesene oder Geimpfte abgeben würden. Man werde die unterschriebenen Formulare weiterhin im Zug sammeln, da die Fahrt bis zur oberpfälzischen Kreisstadt nochmals 14 Minuten in Anspruch nehme und als…“

„… die eine Testpflicht auf Surfer angewendet werden müsse, die versehentlich die deutschen Hoheitsgewässer verlassen hätten. Es sei noch nicht geklärt, ob das Bundesinnenministerium für die Überwachung von Sportlern ausreichend Flugtaxen aus der Entwicklung des…“

„… bereits nach dem ersten Testlauf nicht als befriedigend habe bezeichnet werden können. Die Übermittlung der Daten habe mehrere Stunden in Anspruch genommen und sei durch eine sehr hohe Quote an Scherzeinträgen wie Donald Duck, Micky Maus oder…“

„… dafür gerüstet sei, dass Fallschirmspringer in den deutschen Luftraum abgetrieben werden könnten. Kramp-Karrenbauer habe derzeit keinen Überblick, ob die Corona-Schnelltests, die von Bundeswehrangehörigen in zahlreichen Regionen angeboten würden, auch zeitnah in Krisengebieten und gefährdeten Regionen des…“

„… die Stadtverwaltung von Domažlice ein aus Plzeň besorgtes Faxgerät zur Verfügung gestellt habe, das die Selbstauskünfte der Bahnreisenden am Sonntag übermitteln könne. Die Verwaltung von Cham wolle jedoch weiterhin nur an Werktagen mit der Auswertung der…“

„… sich großartig entwickle. Auf einer Wahlkampfveranstaltung in Dortmund habe Laschet versichert, dass zur Unterstützung des Tourismus in Deutschland schnellstmöglich viele weitere Lockerungsschritte zur wirtschaftlichen…“





Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXXV): Olympische Spiele

30 07 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Was hatten die antiken Menschen für putzige Ideen, ihre jeweiligen Schöpfungsverantwortlichen mit körperlichen Auseinandersetzungen zu preisen, Wagenrennen und Faustkampf, Malerei und Tanz, und zum Schluss bekamen die Sieger Selleriekranz und Fichtenzweige. Am ehrlichsten waren noch die mesoamerikanischen Ballspiele, bei denen zum Schluss die Sieger geopfert wurden; heute wäre eine komplette Ethikkommission dagegen, weil die Bilder sich nicht vermarkten ließen. Immerhin kam die Idee des Ertüchtigungsturnens aus dem blinden Nationalismus, der als eine Art Gegengewicht die internationale olympische Idee zeugte, für die sich Amateursportler in fairem Wettkampf nach einem Stück Metall abstrampeln in den klassischen Disziplinen wie Tauziehen, Durch-Fässer-Hüpfen und Krocket. Was geblieben ist, ist ein mediales Sperrfeuer aus Markenbotschaften vor der Kulisse großflächiger Umweltzerstörung. Wozu brauchen wir noch Olympische Spiele?

Vermutlich würden es die ganzen Antibiotika alleine nicht in die Sportstätten schaffen. Sport ist, Juvenal wusste es, lediglich eine Angelegenheit intellektuell benachteiligter Muskelaffen, was der klassisch ungebildete Baron de Coubertin denn auch gründlich missverstand. Heute spielt er nur noch eine Nebenrolle, wie ein lästiges Anhängsel, mit dem man seine eigenen Geschäfte aufbläst. Der Ablauf ist seit Jahren geradezu gleich: nach einem Schmiergeldspektakel, von dem jeder weiß, wird eine der großen Industrienationen erkoren, die nächste Runde der Gigantomanie auszurichten, und klotzt je nach Bedarf beheizbare Skipisten oder ein luftgekühltes Stadion in die Landschaft, um den Sponsoren zu versichern, dass man notfalls auch auf dem Mars Marathon laufen könnte, wenn nur die Fernsehrechte an dem ganzen Schmodder in Sack und Tüten sind. Unter dem Deckmäntelchen der Nachhaltigkeit versprechen die Konzerne gern die Wiederaufforstung sorgsam weggehobelter Wälder, während sie ganze Landstriche mit Beton so zupflastern, dass man es aus dem All sehen kann. Wo bisher Dörfer waren, Kleinvieh stand oder ein Naturheiligtum indigener Stämme, ballert ein Trupp regierungsnaher Architekten mit frisch gewaschener Kohle eine bigotte Bizarrerie in die Wunden der Welt – staatlich finanziert, auch wenn’s gerade im Auftrag diktatorisch herrschender Soziopathen ist, denn das Internationale Olympische Komitee hat lediglich ein gesteigertes Interesse an Glanz und Geld, nicht an der Organisation und Durchführung des ganzen Gezumpels. Wozu auch, wenn knackige Sportlerinnen genug nackte Haut und sekundäre Geschlechtsmerkmale in die Kamera halten, fühlen sich die tatternden Kalkschädel in der Chefetage wenigstens einmal wieder jung.

Die wandernden Werbefestspiele sind typisch für den Trickle-down-Mythos der Großkopfeten. Das herbeiprophezeite Wirtschaftswachstum fand nie statt, allerdings kann man allerhand moderne Ruinen besichtigen, die nach Abzug der Karawane stumm vor sich hinrotten. Auch die angebliche Kernidee, durch das Vorbild der Modellathleten den Breitensport zu fördern mit allen seinen sozialen und pädagogischen Vorteilen, verdümpelt elend in der Realität. Wie denn auch, wenn sich Staaten mit der Austragung der Monsterspiele tief in die Grütze reiten und hinterher Sparprogramme auflegen, um die Kosten für die stattgehabte Kirmes wieder reinzuholen. Immerhin werden regelmäßig Budgets für die paramilitärische Ausrüstung der Polizei erhöht: erst für die Proteste vor den Spielen, dann für die Proteste gegen die Austeritätsfolgen.

Und der Sport? bandagierte Invaliden hampeln am Stufenbarren, Eiskanäle werden ohne Rücksicht auf Sturzgefahr in dem Hang geschwiemelt, damit die rohe Botschaft von der Eigenverantwortung des athletischen Personals sich besser einhämmert. Die neoliberale Idee, alles zum Wettbewerb zu machen und nur den Sieger zu unterstützen, wirkt auch hier, wie man an Leichtathleten im Wüstenwind sieht: wer das überlebt, hat gewonnen. Zugleich zeigt die monumentale Inszenierung eines Mittelfingers gegen die reine Vernunft, dass den Regisseuren der Spiele der Klimakollaps längst reißpiepenegal ist. Die Aircondition im Stadion braucht ein mittleres Kraftwerk, das lustig die Welt verstrahlt oder noch mehr Treibhausgase in die Atmosphäre ballert – das einzige, was noch internationale Wirkung hat. Wir heizen mit Siegern. Dafür hätten wir einfach nur die aztekischen Ballspiele gebraucht.

Aber es geht voran, denn inzwischen sind auch die Zuschauer überflüssig. Es darf gehüpft, geturnt und geschwommen werden, ohne dass sich der Pöbel einmischt und an falscher Stelle klatscht. Im lummerländischen TV sieht man vorwiegend die lummerländischen Flummiweitdotzer, der Rest wird im Internet verklappt. Wahrscheinlich könnte man die ganze Sportsache auch noch rückstandsfrei aus der Öffentlichkeit kärchern, dann seiern ein paar larmoyante Berufsirre alle Jahre wieder an einem anderen ökologischen Krisenherd von der Liebe zu Sport und Spiel und lassen den ganzen Krempel von einem elektrischen Garagentor präsentieren. Da weiß man, was man getrost ignorieren kann.





Selbstprophezeiende Erfüllung

22 07 2021

Der Teppichschaum verhielt sich vorschriftsgemäß: er schäumte, und dies auf dem Teppich. „Das geht bestimmt nicht raus“, grummelte Anne. „Und wir haben den Teppich im letzten Winter erst ganz neu verlegen lassen.“ Ich shampoonierte und wischte und tupfte, um die rostrote Auslegeware nach dem Kontakt mit einer Schicht Buttercreme nicht noch mehr in Mitleidenschaft zu ziehen.

„Zum Glück ist nicht auch noch ein Teller dabei entzwei gegangen“, quetschte Luzie am Kuchen vorbei. Sie saß mit dem anderen Stück hinter dem Empfangstresen, vielmehr mit dem, was von der Cremeschnitte noch übrig war. Das Corpus delicti – irgendetwas Deliziöses war den Überresten aber nicht mehr anzusehen – hatte Anne auf dem Pappträger ins Besprechungszimmer zu balancieren versucht, bis beides ins Rutschen geraten war und der Schwerkraft folgte. Ein Teller hätte diesen Sturz sicher nicht heil überstanden. So blieb es also beim Beseitigen der Kuchenreste. „Sie hat es nämlich wieder gesagt“, knurrte Anne. „Jedes Mal, wenn ich irgendetwas in der Hand habe, sagt sie es.“ Ich richtete mich halb auf. „Wir würden der Lösung dieses schwierigen Falls näher kommen, wenn Du uns verraten würdest, worum es sich handelt.“ Das mit dem schwierigen Fall, eigentlich war es ja ein schmieriger, hatte die Laune der Rechtsanwältin jedenfalls nicht verbessert, und jetzt war ich an der Sache mitschuldig. Was soll man da machen.

Anne wischte sich noch einen kleinen Rest vom Ärmel, vermutlich Buttercreme, und wollte das Taschentuch in den Küchenmülleimer werfen, da tönte es schon hinter ihr: „Vorsicht mit dem…“

Natürlich hatte Anne noch nicht einmal die Tür hinter sich geschlossen, als sie auch schon beim Verlassen der kleinen Abseite mit dem Ärmel an der Klinke festgehangen war. Ein kurzer, heftiger Ruck am rechten Ärmel, dann sprang der Knopf ab und kullerte über den einigermaßen cremebefreiten Teppich des Eingangsbereichs. Ein Moment der Stille, in dem Luzie sie entgeistert ansah, führte zu einem nur um so heftigeren Ausbruch auf Annes Seite. „Ich hatte es doch ausdrücklich gesagt“, schrie sie, „ich will diese ständigen Ansagen nicht mehr haben!“ So hatte ich die beiden noch nicht erlebt; normalerweise waren die Juristin und ihre langjährige Bürovorsteherin, die nicht ohne Grund mit luziefr zeichnete, ein Herz und eine Seele. „Jetzt beruhigen wir uns erstmal“, mahnte ich, „und dann sprechen wir in aller Ruhe über die Situation und wie wir sie gemeinsam verbessern können.“ Luzie hob wie ertappt die Hände.

„Es ist jedes Mal dasselbe“, rief Anne aus, „ich nehme einen Aktenordner in die Hand, da höre es ich schon hinter mir: ‚Vorsicht!‘“ „Und dann?“ Sie stampfte energisch mit dem Fuß auf. „Dann lasse ich ihn natürlich vor Schreck fallen, und wenn ich Pech habe, fliegen dabei sämtliche Papiere raus.“ Ich runzelte die Stirn. „Kann es sein, dass Du in letzter Zeit ein bisschen unvorsichtig bist?“ „Ich sage ja schon gar nichts mehr“, maulte Luzie. Anne nahm den Kaffeebecher vom Tresen und drehte sich um. „Ich will heute nicht mehr gestört werden, es gibt für die Verhandlung gegen Pick-Lepinski noch jede Menge Arbeit.“ Luzie starrte sie mit einem hypnotisierenden Blick an, und da geschah es: Anne ließ den Becher fallen, er glitt ihr einfach aus den Fingern. Zum Glück ergoss sich der Kaffee just auf die Stelle, die vom Kuchen ohnehin schon getroffen worden war. „Ich habe nichts gesagt“, wimmerte Luzie, „diesmal habe ich aber wirklich kein Wort gesagt!“ „Du wolltest aber“, schrie Anne, die in ihrem Verhalten zumindest den Vorsatz entdeckt zu haben schien. „Moment“, griff ich ein. „Hier haben wir es doch nun wirklich mir einem eklatanten Mangel an Beweisen zu tun, meinst Du nicht?“

Anne war eingeschnappt. Sie hatte das letzte Blatt von der Küchenpapierrolle abgerissen und rieb den glücklicherweise unbeschädigt gebliebenen Becher trocken. „Sie weiß, dass ich weiß, dass sie etwas sagen will.“ Luzie verdrehte die Augen. „Sie braucht es also gar nicht mehr zu sagen, weil ich ja weiß, dass sie etwas sagen will – und schon lasse ich den Becher fallen.“ „Schopenhauer hätte seine helle Freude an ihr gehabt“, knurrte Luzie und nahm die leere Papprolle vom Tresen. „Sie hat damit angefangen“, begehrte Anne auf. „Das ist jetzt eine selbstprophezeiende Erfüllung.“ „Leute“, ermahnte ich sie. „Wir passen alle mal ein bisschen besser auf, was wir tun, sind etwas vorsichtiger und legen nicht jedes Wort auf die Goldwaage. Wie soll das denn hier noch enden, wenn wir ständig mit Misstrauen auf den anderen sehen?“

Mein Vorschlag zeigte Wirkung. Luzie füllte die Büroklammern in ihrem kleinen Schälchen auf der Tischplatte nach, Anne zog ganz ohne Kommentar oder Bedenken einen Ordner aus dem Schrank, in Ruhe die Verteidigung ihres Mandanten zu planen. Im Nu war die ganze Anspannung der vergangenen Tage dies auch: vergangen, in Luft aufgelöst, und keiner bezichtigte den anderen der psychologischen Kriegsführung. Der Fleck auf dem Teppich würde trocknen, alles würde sich beruhigen, noch war der Tag schön. Das Telefon klingelte. Luzie nahm ab. Während sie eine komplizierte Terminabsprache durchführte, konnte ich natürlich nicht fragen, wo das Küchenpapier gelagert wurde, das nun in der dafür vorgesehenen Halterung fehlte, also sah ich mich in der Abseite um und entdeckte die Packung oben auf dem Hängeschrank. Neben dem Altpapier lehnte ein faltbarer Tritt an der Wand, den ich flugs aufklappte, um mich draufzustellen. „Vorsicht“, rief da Anne durch die Tür. „Du fällst noch runter!“





Mit unbewaffnetem Auge

13 07 2021

„Ich weiß nämlich gar nicht, um wie viel sich der Versicherungsbeitrag erhöht.“ Herr Breschke gab mir den Brief. „Da müsste es stehen, aber ohne meine Brille kann ich es einfach nicht lesen.“ Ich warf einen Blick auf das Schreiben. „Und Ihre Frau, könnte die Ihnen nicht helfen?“ Er schüttelte den Kopf. „Sie weiß auch nicht, wo die Brille liegt.“

Nein, der pensionierte Finanzbeamte hatte noch keine geistigen Ausfallerscheinungen, jedenfalls nichts, das nicht auch bei anderen Menschen seines Alters regelmäßig vorkäme. Bis auf ein paar ganz harmlose Marotten, an die man sich als Gast und Freund schnell gewöhnt hatte, kam nichts vor, nur seine Sehhilfe, genauer: die Lesebrille ging ihm von Zeit zu Zeit verlustig und tauchte an merkwürdigen Orten wieder auf. Seine leichte Vergesslichkeit ließ ihn nun auch diese Fundorte wieder vergessen, so dass es eines gewissen kriminalistischen Spürsinnes bedurfte, um eine Art von Mustererkennung zu entwickeln, mit der sich die Augengläser im Haus finden ließen. Jedenfalls hatte mir dies mehrmals geholfen, die Brille zu entdecken.

„Gestern haben Sie also ferngesehen“, stellte ich fest. „Bis zehn“, bestätigte Horst Breschke, „dann habe ich mir noch eine Tasse Tee aufgebrüht, und dann bin ich zu Bett, weil Bismarck auch schon im Körbchen lag.“ Hier war das gesucht Objekt also nicht beteiligt gewesen; der Hausherr pflegte sich auch zu nachtschlafenden Zeiten ganz ohne Brille einen Tee aufzugießen, er las nicht im Bett, meist blieb die Brille neben der Fernsehzeitschrift oder auf dem Beistelltischchen neben seinem Sessel liegen, bis er sie am folgenden Tag wieder brauchte. „Davor hatte ich allerdings aus dem Nähkörbchen eine Schere genommen, weil der Faden aus dem Hemdknopf so stark abstand – ich musste das aus der Nähe sehen, sonst hätte ich am Ende noch den Knopf abgeschnitten.“ Flugs griff in das Körbchen, das neben dem Sofa stand, doch die gewünschte Brille lag nicht darin. Entweder hatte er sich den Faden mit unbewaffnetem Auge abgeschnitten, mit der Fernbrille, oder seine Erinnerung trog ihn. So kamen wir nicht weiter.

„Ich war im Keller“, fiel ihm ein. „Meine Frau wollte, dass ich eine Dose mit eingelegtem Hering hole, vielleicht…“ Schon befand ich mich auf der Treppe ins Tiefgeschoss, da dämpfte Herr Breschke meinen Elan. „Wir hatten nur noch eine Dose, also musste ich auch nicht nach dem Datum schauen, und sie stand auch gleich links auf dem obersten Regal.“ Sicherheitshalber hatte ich doch den ganzen Weg auf mich genommen; eine kleine Spur im Staub an der angegebenen Stelle zeigte an, dass vor nicht langer Zeit dort eine Dose gestanden haben musste. Jedenfalls war dies auch mit bloßem Auge zu erkennen, sogar im funzeligen Kellerlicht, das die vollgeräumten Stellagen kaum erreichte.

„Denken Sie scharf nach“, forderte ich ihn auf. „Wann haben Sie zuletzt das Auto bewegt?“ „Letzte Woche“, überlegte er, „Mittwoch habe ich meine Frau zum Frisör gefahren, danach war ich beim Gärtner, und auf dem Rückweg habe ich meine Frau wieder abgeholt.“ Auch das schied aus, weil er am Wochenende die Sonntagszeitung gelesen und die Abrechnung des privaten Haushaltsbuches vorgenommen hatte, beides Tätigkeiten, bei denen die Lesebrille unerlässlich ist. „Das Kreuzworträtsel habe ich aber erst am Montag gelöst.“ So näherten wir uns der Wahrheit Stück für Stück, wie auf einer ziemlich komplizierten Schatzsuche.

Die üblichen Fundstellen, Bücherregale, der Küchenschrank, das Telefontischchen im Flur, sie blieben alle ergebnislos. Nur zur Vorsicht hatte ich den Garten inspiziert, falls sich hier auf dem Tisch oder auf dem kleinen Mauervorsprung, der zur Kellertreppe führte, die Brille anfinden sollte. Aber auch das blieb erfolglos, ebenso Bismarcks Korb, der neben der Decke, einem Kissen und dem fest schlafenden Hund nichts enthielt. „Vielleicht kann er die Brille ja finden“, überlegte Herr Breschke. „Die Frage ist nur“, antwortete ich, „woran er die Fährte aufnehmen soll.“ Auch das wussten wir nicht zu beantworten, es blieb schwierig. „Nach dem Kreuzworträtsel kam die Post“, fiel Breschke ein, „da habe ich den Brief geöffnet und hatte nur die erste Zeile gelesen, dass die Versicherung teurer wird.“ „Wo haben Sie das denn gelesen?“ Er kratzte sich am Kopf. „Das muss in der Küche gewesen sein, aber da hatte ich die Brille sicher noch auf.“ Ich hatte eine Idee. „Lassen Sie Bismarck doch an der Fernbrille Witterung aufnehmen.“ Er sah mich skeptisch an. Vielleicht war der Gedanke doch nicht so klug, aber irgendwo musste man schließlich mit der Suche ansetzen. Wenn es nur irgendetwas gäbe, was gleichzeitig mit Herrn Breschke und seiner Lesebrille zu tun hätte…

„Das Etui!“ Breschke war erstaunt. „Dass wir darauf nicht längst gekommen sind!“ Der Plan war so einfach wie genial: Bismarck würde an dem Etui schnuppern und uns zur Brille führen. „Exzellent“, jauchzte Herr Breschke, „jetzt müsste ich nur noch…“ Ich runzelte die Stirn. „Sie wollen mir jetzt nicht auch erklären, dass Sie nicht wissen, wo das Brillenetui liegt?“ Er dachte angestrengt nach und öffnete die Tür zum Arbeitszimmer. Dort lag das ersehnte Objekt, ein tiefrotes Lederfutteral, direkt darunter der zum Versicherungsbrief passende Umschlag. Die Brille steckte ordnungsgemäß in diesem Etui. Horst Breschke hüstelte, dann setzte er sich die Lesebrille auf. „Na“, sagte er, „das ist ja noch mal gut gegangen.“ „Dann können Sie jetzt ja in Ruhe den Brief studieren.“ Herr Breschke starrte auf den Teppich. „Wenn ich nur wüsste, wo ich den hingelegt habe…“





Trinkgeld

12 07 2021

„… oft zu ungeklärten Todesfällen gekommen sei. Die Leitung des Klinikums habe allerdings darauf hingewiesen, dass die verdächtige Pflegerin über finanzielle Schwierigkeiten geklagt habe, die durch ihr geringes Entgelt und die…“

„… nicht im Einzelhandel angekommen sei. Die Gehälter der Beschäftigten in den Supermarkt- und Discounterkonzernen seien nicht gestiegen, es habe allerdings auch noch keine Todesfälle beim Kampf um Trockenhefe oder Toilettenpapier in der…“

„… steige allein in Hessen die Zahl der Fehler im OP-Bereich signifikant an. Der Bundesminister für Gesundheit sehe aber keinen Zusammenhang mit den Verhandlungen über einen Tarif für die Pflegerinnen und Pfleger im…“

„… nicht bekannt sei, obwohl die Belastung für Feuerwehrleute gerade durch die zunehmenden Waldbrände und Überschwemmungen ständig ansteige. Keine Wehr habe bisher mitgeteilt, dass sie aus Überlastung nicht zu Unfällen ausgerückt oder sich absichtlich zu einer schlechten…“

„… dass die zunehmende Unzuverlässigkeit in der Anästhesiepflege sich nicht ausschließlich auf den aktuellen Urlaubsstopp im Kreiskrankenhaus zurückführen lasse. Es habe auch im Bereich der Intensivpflege sowie auf der COVID-Station einige strittige Fälle gegeben, die nicht durch den…“

„… auch für Notfallsanitäter nicht zutreffe. Die mangelnde Aufstiegsmöglichkeit habe noch keine Mitarbeiter dazu gebracht, sich absichtlich mit dem Rettungswagen zu verfahren oder einen Einsatz nicht mit der notwendigen…“

„… berichte die Springer-Presse wie immer sehr unsensibel über eine Reihe von Todesfällen durch verunreinigte Folgemilch. Es dürfe jetzt kein Druck auf die Klinikkonzerne aufgebaut werden, da die angestrebte Rendite keine Entgeltsteigerungen mehr zulasse, die für die Sicherheit im…“

„… Busfahrer bisher nicht vermehrt Unfälle provoziert hätten, da sie mit einem zu geringen Trinkgeld bedacht worden wären. Eine Kausalität zwischen Überschreitung der Lenkzeiten, die zum Teil auch durch die Arbeitgeber unter Androhung einer betriebsbedingten Kündigung verursacht worden sei, und der Neigung zu schweren Unfällen bei einer Geschwindigkeit oberhalb von…“

„… es die Krankenkassen ablehnen würden, die Kliniken noch genauer zu kontrollieren. Eine wie bisher stichprobenartig ausgeführte Nachschau nach schriftlicher Anmeldung mit Terminbestätigung sei ausreichend, um die Qualität der Pflege in den meisten Häusern mit einer durchschnittlichen…“

„… dass Paketboten unter den Bedingungen der Pandemie erhöhte Flexibilität und Ausweitung ihrer Arbeitszeiten hätten zugestehen müssen, dies aber oft aus Liebe zu ihrem Beruf nicht hätten aufgeben wollen, um keine volkswirtschaftlichen Schäden zu…“

„… weniger im öffentlichen Fokus stehen solle. Es würden vermutlich weiterhin Unfälle auf der Station geschehen, die man aber nicht durch die Einstellung zusätzlicher Pfleger oder eine bessere Ausstattung mit…“

„… das Taxigewerbe einer Reglementierung im Hygienebereich unterliege. Man erwarte jedoch keine Bluttaten, sofern die Gäste freiwillig auf der Rückbank Platz nähmen, sich nicht durch kritische Nachfragen oder eine…“

„… warne Spahn vor mafiösen Strukturen im Gesundheitswesen. Er meine damit aber nicht seine eigenen Geschäfte mit Masken, sondern Pfleger, die angeblich Bargeld von Patienten nähmen, um diese nicht mit falschen Medikamenten oder einer…“

„… vielen anderen Personen gar nicht klar sei, dass die meisten Küchenbauer mit ihrem Beruf ohnedies schon intellektuell überfordert seien. Man wolle die hoch qualifizierten Fachkräfte daher nicht auch noch mit Gesichtsmasken oder einem…“

„… die Gehälter kürzen wolle. Der Konzern sei bemüht, die Qualitätsstandards aufrecht zu erhalten, habe sich aber dazu entschlossen, die Bezüge schon vor dem Auftreten der ersten gravierenden Fehler zu verringern, um die Drohung gegenüber dem Pflegepersonal so klar wie möglich zu…“

„… ein hohes Risiko tragen würden, das der Öffentlichkeit so gar nicht bewusst sei. Um auf die psychische Gesundheit von Investmentbankern Rücksicht zu nehmen, seien auch ihre Gehälter in der Diskussion, da viele von ihnen immer noch für ihr Geld arbeiten und Steuern zahlen müssten, was sie bei ihren Kunden in einem schlechten…“

„… dass viele an Corona verstorbene Patienten in Wahrheit pflegerischem Fehlverhalten zum Opfer gefallen sein könnten. Streeck habe noch keinen Beweis, aber dies sei für ihn Beweis genug, da er wisse, dass er recht habe, weil er die…“

„… Erzieher schon deshalb nicht besserstellen könne als andere Berufe, da sie keine akademische Ausbildung erhalten hätten. Es widerstrebe einem Großteil der Bevölkerung, dass Kindergärtnerinnen wie Ärzte oder Rechtsanwälte zu…“

„… Pflegerinnen und Pflegern bei einer nicht geplanten gesundheitlichen Verschlechterung die Mehrkosten grundsätzlich vom Gehalt abgezogen werden müssten. Spahn sehe hier einen starken finanziellen Anreiz, eine bestmögliche Versorgung für alle Patienten in den privaten…“

„… die Abgeordnetendiäten in Deutschen Bundestag regelmäßig zu erhöhen seien. Viele der Parlamentarier seien inzwischen so stark durch ihre Beschäftigung belastet, dass sie für bezahlte Nebentätigkeiten überhaupt keine…“





Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXXII): Überwachungskapitalismus

9 07 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Das Unterbewusstsein ist ein lustig Ding, hin und wieder gaukelt es uns vor, wir besäßen einen freien Willen. Natürlich ist uns längst klar, dass wir von unseren Trieben durch eine komplexe Welt dirigiert werden, die sich unserem Geist und damit lediglich einem sehr kleinen Teil von uns erschließt. Ist es da nicht verhältnismäßig logisch, dass wir versuchen, dieses Steuerungsmodell auf eine ganze Gesellschaft zu übertragen, um die zielsicher am Gängelband zu führen, die ohnehin nicht viel Geist mitbringen, um ihre Rolle als Objekt der Begierde zu begreifen? Das spätkapitalistische Menschenbild hat sich eine ganze Population untertan gemacht, um sie notfalls auch gegen ihren Willen glücklich zu machen mit den Segnungen von Konsum und Sicherheit. Mit dem Überwachungskapitalismus ist das Paradies auf Erden endlich erreicht.

Oder auch nicht. Sicherheit, das hat uns die zwangsgestörte Staatlichkeit der angeblich liberalen Welt exzessiv in die Hirnrinde geschwiemelt, ist nur durch ständige Kontrolle zu gewährleisten, und den besten Schutz bietet vorausschauender Zwang. Um das Verbrechen zu bekämpfen, wenn man keine Gedanken lesen kann, hilft nur die Beobachtung der Willensäußerungen, aus denen sich mit Hilfe von Algorithmen der Inhalt der Black Box extrapolieren lässt – wobei Observieren und Abservieren fließend ineinander übergehen. Die Hölle sind wir selbst, aber wir haben keine Chance, sie erträglicher zu machen, weil wir eine Art der Sklaverei gegen eine andere nur austauschen können, wo wir genügend Bonuspunkte gesammelt haben. Das ist das falsche Leben im richtigen.

Was bereits als soziale Dressur taugt, kann auch im Wettbewerb nicht verkehrt sein. Hin und wieder in die Lebenswirklichkeit der Probanden, vulgo: Verbraucher einzugreifen ist legitim, wenn es dem Markt stetiges Wachstum sichert – um Sicherheit geht es ja, und wer will schon beschränken, ob es immer nur staatliche ist. Oder Sicherheit vor dem Hominiden, der in seiner intellektuellen Ausstattung plötzlich die Schalter für Denken, Widerspruch und Verweigerung entdeckt, bevor man sie ausknipsen konnte. Oder ihn. Je mehr sichere Aussagen über das dynamische Verhalten eines Versuchsmenschen vorhanden sind, desto besser wird er sich steuern lassen, wie ein Insekt im Laborkasten, das nur noch seinem Instinkt folgt, weil andere Einflüsse fehlen.

Wie in einer Gated Community alle schädlichen Außenreize ausgeschaltet werden, damit innen der himmlische Frieden herrscht, beobachten uns im Idealexperiment die Sensoren einer Maschinerie in einem mit Reiz-Reaktions-Mechanik ausgestatteten Käfig, beispielsweise mit einem lernfähigen Gerät, das die Temperaturschwankungen misst, die von der Anwesenheit eines Menschen ausgehen. Je nach Muster erhebt sich die Person aus dem Bett, betritt erst die Nasszelle oder bereitet ein Heißgetränk zu – der Apparat gibt die Reihenfolge, ihre Tempi und Schwankungen an die Datenhalde weiter, die bald Beleuchtungs- und Heizungsbedarf in den weiteren Zimmern vorausberechnet, die Vorräte checkt und in vorauseilendem Befehlston nachbestellt. Das Ding schlägt uns nicht vor, schneller an die Arbeit zu gehen, weil in der Dusche das Wasser langsam kälter wird, es triggert nur unsere Unlust, die sich allmählich in eine emotional unterfütterte rationale Verhaltenswahl hineinsteigert. Zunächst wird es nur der Kühlschrank sein, der sich im Netz der Dinge selbst auffüllt, irgendwann ist es ein Angebot, das der Kunde gar nicht bestellt hat, und ob er sich nun daran gewöhnt oder nicht, es bleibt auf der Liste der zu konsumierenden Produkte. Es wird sich steigern, denn dazu sind Mechanismen da, und was aus der Reaktion auf das Empfehlungsmarketing lesbar ist, wird uns nicht einmal nach langer Analyse klar. Mit der Kontrolle der Informationsinfrastrukturen, die ähnlich wie die Metadaten wichtiger sind als der eigentliche Inhalt, kapern sich technische Systeme Macht über die Masse, die sie nach Belieben durch Werbung, Propaganda, Willensbeeinflussung und Auswahlbeschränkung in jede beliebige Ecke ihres kleinen Stübchens namens Freiheit lotsen kann. Das Verhaltensexperiment sind wir, unsere Freiheit ist, dass wir es nicht bemerken wollen.

Es gibt keine künstliche Intelligenz, die den Musikgeschmack, Veränderungen im Hautbild oder Schrittfrequenzen genau genug zergliedern könnte, um Terrorgefahr auszuschließen oder den Wunsch, sich doch keinen neuen SUV zu kaufen – beides für sich gemeinschädliches Verhalten, wenn man nicht gerade Kriegswaffen herstellt. Also so wird der Algorithmus Korrelation als Kausalität werten, da 0,3% der blauäugigen Veganer nach zweimaligen Herzrhythmusstörungen zu Straftaten neigen, und da ist es allemal besser, einen mehr zu beseitigen als statistisch notwendig. Oder zwei. Oder alle. Für eine sichere Gesellschaft darf es keine Denkverbote geben, wenn sie den Gewinn nicht destabilisieren.

Interessant wird es, wenn die marktkonforme Postdemokratie feststellt, dass sich beide Sphären deckungsgleich aufeinander abbilden lassen; wird allgemein akzeptiert, dass Politik das ist, was die Wirtschaft ihr an Raum lässt, und Wirtschaft der reine Daseinszweck der Dienstboten im politischen Geschäft, so wird es gar keinen Anspruch mehr auf Freiheit geben, auf Wissen, Recht oder Leben. Die Mechanik der Verhaltenssteuerung annektiert die politischen Räume und hat bald kein Problem mehr damit, alles auszulöschen, was ihren Börsenwert dämpfen könnte, alle Prognosen gewinnen mit zunehmender Datenmenge an Verlässlichkeit, und wir werden es normal finden: die Kamera auf dem Klo, die zwei Wochen vor der Krebsdiagnose das Ergebnis an die Krankenkasse und den Arbeitgeber schickt, einen Präsidenten, der im TV Dosenbohnen anpreist, und dieses pelzige Gefühl beim Nachbarn, der im Treppenhaus immer so freundlich grüßt. Er hat offensichtlich nichts zu verbergen. Verdächtiger geht’s ja gar nicht.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXVIII): Luxusstress

11 06 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Immerhin das wusste Rrt: das Leben ist eins der Schwersten. Jeden Tag bei jeder Witterung in der Hoffnung auf Früchte zum Buntbeerenstrauch zu wandern, Weich- und Krabbeltiere zu sammeln und nicht von Fleischfressern eingesammelt zu werden, alles zehrte am langsam erwachenden Bewusstsein des Hominiden, der alsbald Daseinsrisiken und die Notwendigkeit für eine Religion empfand: wenn die ganze Existenz ein persistentes Gehühner ist, muss das Jenseits ein erholsamer Schlaf sein, der dem Ableben den Schrecken nimmt. Jahrtausende hat es gedauert, bis Muße zu Müßiggang geronn und die Tätigkeit als Wert an sich begriff, für den man aus freien Stücken und sinnlos Brauchtumsterrorismus veranstaltet. Was nur lange genug falsch verstanden wird, hat das Zeug zur Tradition. Wir sehen es als erstes am sozial erwünschten Luxusstress.

Der moderne Mensch ist ein durchgetaktet in der Gegend herumhampelnder Realitätsallergiker, von der Uhr getrieben und in seinen Bedürfnissen fundamental fremdbestimmt. Hier bratzt er über die Autobahn, um rechtzeitig ins Wellnesswochenende zu geraten, dort verlastet er den Nachwuchs zu Bratschen- oder Ballettunterricht, Förderchinesisch und Psychotherapie – was früh genug ein Ding an der Marmel hat, wird mal ein nützlich Ding für die Gesellschaft. Dass der kapitalistisch geprägte Depp dies alles nur für die ihn umgebende Rotte der Egos mit begrenzter Haltbarkeit unternimmt, ist ihm selbst kaum klar. Er möchte, dass es seine Kinder irgendwann einmal besser haben als er. Warum er ihnen dann ständig im Weg herumsteht, weiß er aber nicht. Sicher nicht aus Faulheit.

Wehe dem, der nicht öffentlich relaxt – Selfie am Pool, Quality Time mit der frisch erworbenen Fleischverkohlungsanlage zum Preis eines Kleinwagens, alles sorgfältig inszeniert, um als Mitläufer im glitschigen Geltungskonsum nicht auf die Fresse zu fallen – und den Drang zur hektischen Selbstoptimierung auf Markenniveau hievt. Diese intellektuellen Heckenpenner, die noch im Schlaf das Datensammelarmband brauchen, um die eigene Qualität des Nichtstuns vor sich zu rechtfertigen, sie sind im Abseits angekommen, wo die kognitive Dissonanz sich ins Fäustchen lacht.

Faulheit ist negativ besetzt, weil eine Ideologie es so wollte – die Ideologie derer, die angeblich ihr Geld arbeiten lässt, ohne selbst noch werktätig sein zu müssen. Wer beim Ausruhen nicht sichtbar schwitzt, ist bereits ideologieverdächtig; das wäre so schlimm nicht, nur handelt es sich selbstredend um die falsche Straßenseite, auf der Sozialismus für alle gepredigt wird, während der in Wirklichkeit doch nur für Shareholder und Erben gedacht war. Alles ist längst zu konkurrenzgesättigtem Lifestyle geworden. Wer chillt effektiver? Kann sich der aufstiegsorientierte Mittelschichtbekloppte den exklusivsten, hippsten Ort zum Nichtstun leisten?

Die protestantische Arbeitsethik hat ihre Spuren in der westlichen Welt hinterlassen und Leistung wenigstens nominell zum Fetisch erkoren: nicht die Pflegekräfte, die sich für die Klinikkonzerne die Bandscheiben ruinieren, gelten als Leistungsträger, sondern die Schmarotzer, die von der Rendite ihrer unterbezahlten Angestellten leben. Würde auch nur eine Pflegerin auf leistungsgerechte Entlohnung pochen, die öffentlich geschwungene Moralkeule würde lärmend durch die Republik besprochen.

Das System, das den Leerlauf zum Sündenfall erklärt, frisst also langfristig seine Kinder, wie das Systeme so an sich haben, wenn man sie nicht als solche erkennt – oder sich weigert, sie zu erkennen, weil man im Glauben lebt, überwiegend Vorteile aus ihnen zu ziehen. Würde man die Tretmühle mit einem bedingungslosen Grundeinkommen einfach aushebeln, es würden sofort ein Dutzend Gründe aus dem Boden brechen, die den Drang zum Getue zum Menschenrecht auf zweckfreies Funktionieren verschwiemeln würden. Was sich nicht bewegt, ist auch nicht, und für den Tod haben wir hier keinen Platz mehr in dieser aktivitätsversifften Welt.

Vermutlich werden wir nicht einmal unsere Daten aus den Krallen der Sammlermafia befreien müssen, wir werden mit unserem Stresslevel als öffentlichem Nachweis der Daseinsberechtigung auf Datingportalen und in Jobbörsen protzen, nicht nur mit dem monatlichen Halbmarathon auf der ökologisch längst runtergerockten Südseeinsel, denn bald werden wir Punkte sammeln für alles, was sich als identitätsstiftende Anstrengung werten lässt. Wir werden Holz hacken, Gärten umgraben und mit dem SUV Biogemüse aus der übernächsten Region herankarren, sämtliche Freizeitparks sowie alle Naturerlebnispfade abklappern, Kreuzfahrten buchen und an jeden der verdammten Landausflüge mitnehmen, auch bei Müdigkeit und Migräne, und wir werden unsere Punkte einlösen wie die Karte an der Supermarktkasse: wer immer strebend sich bemüht, hat mindestens einen Herzinfarkt frei, gilt noch immer als belastbar, darf die Kürzung seiner Rente milde bejubeln und den Enkeln das Hohelied von der lebenslangen Betätigung säuseln, solange es die Nachbarn lückenlos mitkriegen. Danach geht samstags wenigstens noch Autowaschen. Schlafen können wir, wenn wir tot sind.





Unternehmensberatung

18 05 2021

Anne schlug die Tür zu. „Da sitzt die Mistbande“, knurrte sie. „Vierter Stock.“ Ihr Mandant hatte den Vertrag gutgläubig unterschrieben und dabei so gut wie sein ganzes Geld verloren. „Keine Chance“, erklärte sie. „Alles vollkommen wasserdicht, und das nur, weil er vorher nicht zu mir gekommen ist.“ Wir hatten das Ende des Parkplatzes erreicht. „Ich werde sehen, was ich tun kann. Wir treffen uns in einer Stunde, dann wissen wir mehr.“

Im Foyer des Bürohochhauses hing eine Tafel, die den Sitz der Brummer GmbH wie erwartet für den vierten Stock auswies. Ich betrat den Aufzug, drückte auf den Knopf, und die Türen schlossen sich. Geschmeidig surrte der Lift nach oben. Da fiel mein Blick auf das Kärtchen, das auf dem Boden lag. Ich hob es auf und ließ es in die Jackentasche gleiten. Schon war ich angekommen. Die Türen öffneten sich. Ich trat heraus.

„Haben Sie einen Termin?“ Die Empfangsdame klang nicht nur schnippisch, sie sah auch so aus. Ich legte ihr wortlos das Kärtchen vor und sah sie an mit einem Blick wie zweieinhalb Ohrfeigen. Sofort stand sie auf und ging schnurstracks in ein Büro, aus dem ebenso schnell ein junger Mann gelaufen kam. „Wir hatten Sie nicht erwartet“, begrüßte er mich. „Ich weiß“, gab ich kühl zurück. „Aber das ist in Ihrem Haus ja nichts Neues.“ Er zuckte leicht zusammen. „Darf ich Ihnen etwas anbieten“, fragte er, und ich entschied mich für einen Kaffee. Er streckte unbeholfen seinen Arm aus und wollte mich in sein Zimmer bitten, aber ich wollte lieber seine Firma besichtigen. Wozu war ich denn den ganzen Weg hierher gefahren.

Ich sah mich um. „Sie haben Probleme mit dem Umsatz“, stellte ich fest. „Außerdem ist Ihr Produkt gar nicht für die Zielgruppe geeignet, die Sie ins Auge gefasst haben.“ Er wollte etwas entgegnen, aber es interessierte mich gar nicht. „Sie wollen ein junges, dynamisches Unternehmen mit einer jungen und dynamischen Zielgruppe sein?“ „Allerdings“, antwortete er, „wir sind einer der besten Anbieter auf dem deutschen…“ „Und genau da liegt Ihr Problem“, nickte ich. „Man ist entweder der beste Anbieter oder überhaupt nichts.“ Ich musterte ihn von oben bis unten. „Und Sie sind weder jung noch dynamisch. Sie sind nicht einmal ‚und‘.“

Offenbar wurde hier irgendetwas verkauft, ich wusste nur noch nicht genau, was. Vermutlich rief ein Dutzend junger Damen querfeldein Kunden an und beriet sie, wo sie wie viel Geld für was auch immer ausgeben sollten. „Veraltet“, befand ich. „Ich würde Ihnen keinen Cent zahlen, aber ich bin auch nicht Ihre Zielgruppe.“ „Sie erzählen immer von irgendeiner Zielgruppe“, herrschte er mich an, „von welcher Zielgruppe reden Sie hier eigentlich?“ Langsam verlor ich die Geduld. „Sie haben also keine Ahnung, wer Ihr Produkt nachfragt?“ Er schüttelte den Kopf. Mehr musste ich nicht wissen. Und damit begann der spaßige Teil.

„Ihr Mist ist zu billig.“ Jetzt wurde es ihm zu bunt. „Hören Sie mal“, polterte er, „Sie kommen hier einfach so reingeschneit und wollen mir vorschreiben, wie ich meine Firma sanieren soll?“ „Das haben Unternehmensberater so an sich“, sagte ich ungerührt. „Sie setzen auf ein Billigangebot, das mit viel zu geringer Gewinnspanne an junge, aber nicht kaufkräftige Kunden verscherbelt wird. Ihre Zielgruppe ist im frühen Ruhestandsalter und zahlt gut dreißig Prozent mehr – wenn Sie mir nicht glauben, besorgen Sie sich die offiziellen Zahlen, aber stehlen Sie mir nicht meine Zeit. Ich suche mir gerne aus, wer mich langweilen darf.“

Die Damen telefonierten mit ansteigender Dynamik. „Hören Sie sich das an“, forderte ich ihn auf; ich packte ihn an den Schultern, schob ihn in die Mitte des Raumes und trat einige Schritte zurück. Da stand er. „Ich habe bisher noch nichts von Finanzierungsmöglichkeiten gehört“, sprach ich hinter seinem Rücken. „Sollte es etwa keine Bank geben, die auf Ihre Empfehlung gesteigerten Wert legt?“ Abrupt drehte er sich um. „Wissen Sie, wie schwierig es ist, auf dem europäischen Markt eine halbwegs gute Position zu verteidigen?“ Ich nickte. „Deshalb brauchen Sie mich ja.“ Da tippelte die Dame vom Empfang herbei, in der Hand eine Tasse Kaffee. „Schön“, bemerkte ich. „Was auch immer das sein soll, nehmen Sie es wieder mit.“

Er sank in seinen Sessel. „Was soll ich denn nur machen“, stöhnte er, „die Konkurrenz läuft uns davon, und wir haben schon alles versucht, um die Kunden zu überzeugen.“ Ich lehnte mich zurück. „Wenn Sie die Kunden bisher nicht überzeugen konnten, dann haben Sie eben nicht alles getan.“ Es lag etwas Trostloses in seinem Blick. „Wir müssen uns dem Problem von der organisatorischen Seite nähern“, riet ich. „Halbieren Sie das Personal und verdoppeln Sie die Gehälter. So haben Sie keine Mehrausgaben und viel motiviertere Mitarbeiter.“ Das schien ihm einzuleuchten. Aber manchmal ist es eben so, dann muss erst der Fachmann von außen einen Blick auf die Firma werfen, um die Mängel zu erkennen.

Der Fahrstuhl glitt hinab und öffnete leise seine Türen. Ich trat hinaus und schritt rasch durch die Halle, der Ausgang schwang automatisch auf und entließ mich auf den Vorplatz. Am Rande des Parkplatzes wartete Anne. „Gib ihnen vier Wochen, dann ist der Laden pleite und Ihr könnt Euch an der Konkursmasse bedienen.“ Sie sah mich skeptisch an. „Du hast Ihnen doch nichts Illegales verkauft?“ Ich lächelte, als sie den Kofferraum aufschloss und ihre Aktentasche hineinlegte. Sie öffnete die Tür. „Nur eins habe ich nicht rausgekriegt. Was verkauft der Laden eigentlich?“





Impfschaden

11 05 2021

Ich war unverzüglich zu ihm gefahren. Er saß am Küchentisch und massierte seine rechte Hand. „Es fühlt sich ganz taub an“, murmelte Herr Breschke und bewegte die Finger. „Und es zieht schon bis hier oben in den Ellenbogen.“ Besorgt sah ich ihn an. Sein Gesicht schien normal, er konnte auch ohne Schwierigkeiten aus der Teetasse trinken, also war ein neurologischer Zwischenfall nicht sehr wahrscheinlich.

„Gestern fing es an“, berichtete Frau Breschke. „Er war kurz mit Bismarck vor der Tür, einmal bis zum Briefkasten Ecke Uhlandstraße und zurück, und als er sich den Mantel wieder ausziehen wollte, da hatte er so ein komisches Gefühl in der Hand.“ „Und im Arm“, ergänzte er. „Im ganzen Arm, ich habe ja die Strickjacke zuerst gar nicht anziehen können, weil das mich so geärgert hat.“ Ich kratzte mich am Kopf. „Normalerweise passiert das, wenn man sich einen Nerv eingeklemmt hat, eventuell auch ein beginnendes Karpaltunnelsyndrom.“ Er riss sofort die Augen auf. „Das kann gar nicht sein“, ächzte der pensionierte Finanzbeamte. „Ich habe ja immer für ausreichend Vitamine gesorgt und seit mindestens fünfzig Jahren nicht mehr geraucht.“ „Nun“, beruhigte ich ihn, „das ist sicher durchaus der Gesundheit zuträglich, aber helfen wird es bei einem Karpaltunnelsyndrom nicht. Tippen Sie denn ab und zu mal?“ Er sah mich verständnislos an. Frau Breschke beugte sich zu ihn herunter. „Hast Du nicht neulich die alte Schreibmaschine aus dem Keller geholt?“ Er nickte. „Tadellos, funktioniert wie am ersten Tag – nur leider finde ich nirgends mehr ein Farbband dafür.“

Nachdem diese Art der Beanspruchung damit auszuschließen war, begutachtete ich seine Haltung, wie er leicht schräg auf dem Stuhl saß. „Leiden Sie etwa unter Rückenschmerzen?“ „Er hatte vor gut zwanzig Jahren mal Probleme mit der Bandscheibe, aber das hat ihn Doktor Klengel eingerenkt.“ Die Gattin nickte entschieden dazu. „Und Sie sind nicht bei seiner Nachfolgerin gewesen?“ Seitdem vor Jahren die junge Kollegin die hausärztliche Praxis des altgedienten Allgemeinmediziners übernommen hatte, war er nur selten mit seinen Wehwehchen dort vorstellig geworden. „Sie ist ja auch gerade im Urlaub“, informierte er mich, „das Schild hängt im Fenster – und die Vertretung ist im Ärztehaus am Stadtpark, aber da müsste ich ja eine halbe Stunde zu Fuß hinlaufen!“

Vormittags hatte Herr Breschke über leichtes Kopfweh geklagt, dies war mittlerweile verflogen. „Schwindlig ist Ihnen aber nicht?“ Er schüttelte den Kopf. „Mir geht es sehr gut“, bekräftigte er, „nur eben diese Schmerzen in der Hand und im Arm. Ich hatte erst einen Schreibkrampf angenommen, aber ich habe zuletzt am Mittwoch das Formular für die jährliche Beitragszahlung im Beamten-Sparklub mit dem Kugelschreiber ausgefüllt, etwa eine Seite, und ich habe keine Pause dabei gemacht, aber das kann es nicht gewesen sein.“ Frau Breschke nickte. „Er sitzt manchmal den ganzen Nachmittag an einem Kreuzworträtsel – so anstrengend kann das ja nicht sein.“ Langsam wurde die Sache mysteriös. Mit welcher Hand er schrieb, auf welchen Arm gestützt er am Tisch saß, das alles waren Hinweise, doch worauf nur? Meine detektivischen Künste waren ja sonst nicht von schlechten Eltern, doch hier hatte ich keinen Erfolg. „Sie sprachen ja schon von Vitaminen“, überlegte ich. „Sie sind nicht plötzlich zur vegetarischen Lebensweise übergegangen?“ Die Art, wie er seine Augenbrauen lüpfte, überzeugte mich umgehend vom Gegenteil.

Wir kamen der Sache nicht näher. „Die Schulter schmerzt auch schon ein bisschen“, quengelte der Alte, „wissen Sie was? Das wird sicher eine Folge der Impfung sein.“ „Der Impfung?“ Er nickte. „Wir beide waren nämlich vorgestern im Ärztehaus am Stadtpark, mit dem Auto natürlich, und da haben wir uns beide impfen lassen.“ Man hatte sie über die Nebenwirkungen aufgeklärt, und mir schwante, dass die Auflistung der möglichen Effekte eine für labile Gemüter übliche Folge genommen hatte. „Ich fürchte, dass der Arm sich entzündet hat.“ Wie zum Beweis drehte er das Handgelenk und schnitt eine schmerzliche Grimasse dazu. Frau Breschke hatte das Vakzin offensichtlich gut verkraftet. Nun war guter Rat teuer. Einen Arzt zu rufen wäre kaum sinnvoll gewesen, andererseits erweckte Horst Breschke langsam den Eindruck eines sich rapide verschlechternden Gesamtbefindens. „Warten Sie einen Augenblick“, sagte ich. „Vielleicht haben wir Glück, und er ist gerade in der Stadt.“

„Ziehen Sie mal das Hemd aus“, sagte Doktor Klengel, der seinen ehemaligen Patienten mit einem kurzen, wissenden Blick eingehend voruntersucht hatte. Halb ängstlich vor den Folgen der drohenden Diagnose, doch auch halb beruhigt angesichts der vertrauten Fachkompetenz des Mediziners kam er dem Wunsch nach. „Können Sie einen Impfschaden wirklich ausschließen?“ Der Hausarzt nahm den Arm, hieß den Patienten auf dem Küchenstuhl das Gelenk gänzlich lockern und drehte es ein wenig hin und her. „Ach ja“, stellte er fest. „Das werden Sie mit ein paar Hausmittelchen sicher ganz gut in den Griff bekommen, mein Lieber – heiße Duschen, Heublumensäckchen, eventuell Wärmesalbe, und es ist morgen schon viel besser.“ Damit zog er sich die Gummihandschuhe von den Fingern. Wir blickten ihn ratlos an. Er wandte sich an Frau Breschke. „Auf welchem Arm schläft er immer?“ Da ging auch mir ein Licht auf. Nur Herr Breschke war’s nicht zufrieden. „Können Sie einen Impfschaden so ganz und gar ausschließen?“ Doktor Klengel schob die Brille zurecht. „Sie haben noch das Pflaster auf der Schulter kleben“, antwortete er mit seinem spitzbübischsten Lächeln, „und zwar auf der linken.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (DLX): Verhandeln mit der Natur

16 04 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

In den alten Erzählungen schien es geholfen zu haben, wenn der Schamane seinen Speer schüttelte und die Wetterdämonen lange genug anbrüllte. Man berichtete von wahren Wundern: Regen kam auf Befehl, der Sturm ließ nach, die Buntbeeren blühten termingerecht. Die saisonale Schneeschmelze im Hochgebirge schien das wenig zu beeindrucken, in jedem Jahr kam mehr Wasser den Abhang herab, durchnässte das Tal an der westlichen Felswand und ließ die eine oder andere Höhle absaufen. Die in gemeinsamer Abstimmung beschlossenen Opfer von Feldfrucht und Jagd halfen nicht, auch eine kunstvoll aus einem Baumstamm getriebene Figur des Vegetationsgeistes blieb wirkungslos. Der von der Natur ausgehenden Kraftentfaltung waren die Hominiden schlicht egal. Jede Verhandlung mit ihnen war schlicht vergeudete Zeit.

Andere Völker, die sich bereits in arbeitsteiliger Gesellschaft an der Umwelt vergangen hatten, sahen sich mit denselben Ergebnissen konfrontiert. Die Hybris des Menschen, sich scheinbar über die Grundlagen der Biologie, der Physik und Chemie hinwegsetzen zu können, da eine Generation nicht lange genug lebte, um die Rechnung für den ganzen Murks präsentiert zu bekommen, ermutigte ihn zu nur noch mehr dümmlicher Zerstörung. Kulturen löschten durch kunstvoll herbeigeführten Mangel an Wasser und Nährstoffen sich selbst aus, so dass nur noch imposante Architektur von der maßlosen Ichbezogenheit ihrer Erbauer irgendwo in dichten Urwäldern zeugt. Die Maya verstanden es trefflich, die durch Krieg und Überbevölkerung aus dem Ruder geratene Bevölkerungspolitik durch Raubbau an den Ressourcen und eine geradezu klassischen Fehlallokation der Maisernte verhungern zu lassen. Wie viele zuvor ernährten sie ein paar ohnehin Reiche, die zu spät den Ernst der Lage einsahen.

Nichts davon ist neu, nichts davon hat in einem globalen Maßstab stattgefunden oder in der heute zu beobachtenden Geschwindigkeit, nichts davon war zuvor das Business der vor sich hin popelnden Politkaste, die auch schon den Generationswechsel im Hinterkopf hat – noch dreimal Wiederwahl, dann sind die Schäfchen sowieso im Trockenen – oder sich ein Häuschen auf dem Berg leisten kann, wenn der Meeresspiegel steigt. Es ist, als würden die Minions der Existenzverwaltung auch schon aus Sperrholz Götzenbilder schwiemeln, um überhaupt irgendetwas zum Vorzeigen zu haben, auch wenn es nicht hilft. Der Kipppunkt, der das endgültige Tauen der Permafrostböden anzeigt, lässt sich nicht durch drei Grad mehr, zwei Grad mehr, ein Grad mehr verwirren. Die Natur würfelt nicht – für die Vertreter des theistischen Weltbildes eine groteske Verkehrung ihrer eigenen Überzeugungen, aber was erwartet man auch von Wahlbeamten, die Beten als Entscheidungsersatz klassifizieren – und verzichtet auf die bigotte Bizarrerie solcher Denkmodelle. Sie mag in ihrer Wirkweise erschreckend komplex erscheinen, beruhigt aber immer noch durch das Versprechen, dass jede Handlung Folgen hat. Wenn es auch nicht immer die gewünschten sind.

So nimmt es auch nicht wunder, wenn glitschige Provinzfürsten angesichts abhebender Zahlen erst dann exponentielles Wachstum wahrnehmen wollen, wenn es den Rest der bräsigen Mannschaft unter sich begräbt. Auch im Umgang mit einer medizinischen Bedrohung schieben sich geistige Heckenpenner lustig einen Deal nach dem anderen zu in der Hoffnung, vielleicht die Größe der nahen Katastrophe noch ein bisschen wegzufiltern – als würde einen auf dem langsam wegsackenden Deck der Titanic der einsetzende Nieselregen stören. Das politische oder technische Handwerk ist nur die Jonglage mit Wahrscheinlichkeitswerten. Lustig Qualm in die Atmosphäre zu pusten, obwohl die Reaktionen aus dem naturwissenschaftlichen Unterricht bekannt sein dürften, Plastikschredder in die Meere zu leiten, atomaren Müll in Salzstöcke zu füllen, die sich innerhalb der vorgesehenen Zeit während der Endlagerung mehrmals heben und senken werden, ist kein Glücksspiel, sondern der untaugliche Versuch, mit magischem Denken ein immenses System aufhalten zu wollen, als würde man gegen ein ganzes Gewitter nur einen Schirm aufspannen müssen.

Letztlich hilft nur noch Mythenbildung beim Aufschub der Folgen. Irgendwer muss Schuld sein am Erdrutsch, irgendeinen muss der Volkszorn ja treffen. Die mesoamerikanischen Reiche hatten stets einen bösen Feind in der Hinterhand, den man für Rache, Reichtum oder eine Gottheit bestrafen konnte. Gegen den Klimawandel hilft es, die jugendlichen Protestierer als linke Spinner auf dem Kreuzzug gegen den kapitalistischen Wohlstand zu diffamieren. Früher oder später schlägt man in der Realität auf. Immerhin wissen wir jetzt, dass wir von Berufsirren geführt werden, denen es um die kurzfristige Erledigung eines Jobs geht: sich aus jeder Verantwortung rauszuhalten. Bestimmt sind sie in der Lage, die Botschaften der Natur zu hören. Was auch immer man hört, wenn man die falschen Pilze einwirft.