Impfschaden

11 05 2021

Ich war unverzüglich zu ihm gefahren. Er saß am Küchentisch und massierte seine rechte Hand. „Es fühlt sich ganz taub an“, murmelte Herr Breschke und bewegte die Finger. „Und es zieht schon bis hier oben in den Ellenbogen.“ Besorgt sah ich ihn an. Sein Gesicht schien normal, er konnte auch ohne Schwierigkeiten aus der Teetasse trinken, also war ein neurologischer Zwischenfall nicht sehr wahrscheinlich.

„Gestern fing es an“, berichtete Frau Breschke. „Er war kurz mit Bismarck vor der Tür, einmal bis zum Briefkasten Ecke Uhlandstraße und zurück, und als er sich den Mantel wieder ausziehen wollte, da hatte er so ein komisches Gefühl in der Hand.“ „Und im Arm“, ergänzte er. „Im ganzen Arm, ich habe ja die Strickjacke zuerst gar nicht anziehen können, weil das mich so geärgert hat.“ Ich kratzte mich am Kopf. „Normalerweise passiert das, wenn man sich einen Nerv eingeklemmt hat, eventuell auch ein beginnendes Karpaltunnelsyndrom.“ Er riss sofort die Augen auf. „Das kann gar nicht sein“, ächzte der pensionierte Finanzbeamte. „Ich habe ja immer für ausreichend Vitamine gesorgt und seit mindestens fünfzig Jahren nicht mehr geraucht.“ „Nun“, beruhigte ich ihn, „das ist sicher durchaus der Gesundheit zuträglich, aber helfen wird es bei einem Karpaltunnelsyndrom nicht. Tippen Sie denn ab und zu mal?“ Er sah mich verständnislos an. Frau Breschke beugte sich zu ihn herunter. „Hast Du nicht neulich die alte Schreibmaschine aus dem Keller geholt?“ Er nickte. „Tadellos, funktioniert wie am ersten Tag – nur leider finde ich nirgends mehr ein Farbband dafür.“

Nachdem diese Art der Beanspruchung damit auszuschließen war, begutachtete ich seine Haltung, wie er leicht schräg auf dem Stuhl saß. „Leiden Sie etwa unter Rückenschmerzen?“ „Er hatte vor gut zwanzig Jahren mal Probleme mit der Bandscheibe, aber das hat ihn Doktor Klengel eingerenkt.“ Die Gattin nickte entschieden dazu. „Und Sie sind nicht bei seiner Nachfolgerin gewesen?“ Seitdem vor Jahren die junge Kollegin die hausärztliche Praxis des altgedienten Allgemeinmediziners übernommen hatte, war er nur selten mit seinen Wehwehchen dort vorstellig geworden. „Sie ist ja auch gerade im Urlaub“, informierte er mich, „das Schild hängt im Fenster – und die Vertretung ist im Ärztehaus am Stadtpark, aber da müsste ich ja eine halbe Stunde zu Fuß hinlaufen!“

Vormittags hatte Herr Breschke über leichtes Kopfweh geklagt, dies war mittlerweile verflogen. „Schwindlig ist Ihnen aber nicht?“ Er schüttelte den Kopf. „Mir geht es sehr gut“, bekräftigte er, „nur eben diese Schmerzen in der Hand und im Arm. Ich hatte erst einen Schreibkrampf angenommen, aber ich habe zuletzt am Mittwoch das Formular für die jährliche Beitragszahlung im Beamten-Sparklub mit dem Kugelschreiber ausgefüllt, etwa eine Seite, und ich habe keine Pause dabei gemacht, aber das kann es nicht gewesen sein.“ Frau Breschke nickte. „Er sitzt manchmal den ganzen Nachmittag an einem Kreuzworträtsel – so anstrengend kann das ja nicht sein.“ Langsam wurde die Sache mysteriös. Mit welcher Hand er schrieb, auf welchen Arm gestützt er am Tisch saß, das alles waren Hinweise, doch worauf nur? Meine detektivischen Künste waren ja sonst nicht von schlechten Eltern, doch hier hatte ich keinen Erfolg. „Sie sprachen ja schon von Vitaminen“, überlegte ich. „Sie sind nicht plötzlich zur vegetarischen Lebensweise übergegangen?“ Die Art, wie er seine Augenbrauen lüpfte, überzeugte mich umgehend vom Gegenteil.

Wir kamen der Sache nicht näher. „Die Schulter schmerzt auch schon ein bisschen“, quengelte der Alte, „wissen Sie was? Das wird sicher eine Folge der Impfung sein.“ „Der Impfung?“ Er nickte. „Wir beide waren nämlich vorgestern im Ärztehaus am Stadtpark, mit dem Auto natürlich, und da haben wir uns beide impfen lassen.“ Man hatte sie über die Nebenwirkungen aufgeklärt, und mir schwante, dass die Auflistung der möglichen Effekte eine für labile Gemüter übliche Folge genommen hatte. „Ich fürchte, dass der Arm sich entzündet hat.“ Wie zum Beweis drehte er das Handgelenk und schnitt eine schmerzliche Grimasse dazu. Frau Breschke hatte das Vakzin offensichtlich gut verkraftet. Nun war guter Rat teuer. Einen Arzt zu rufen wäre kaum sinnvoll gewesen, andererseits erweckte Horst Breschke langsam den Eindruck eines sich rapide verschlechternden Gesamtbefindens. „Warten Sie einen Augenblick“, sagte ich. „Vielleicht haben wir Glück, und er ist gerade in der Stadt.“

„Ziehen Sie mal das Hemd aus“, sagte Doktor Klengel, der seinen ehemaligen Patienten mit einem kurzen, wissenden Blick eingehend voruntersucht hatte. Halb ängstlich vor den Folgen der drohenden Diagnose, doch auch halb beruhigt angesichts der vertrauten Fachkompetenz des Mediziners kam er dem Wunsch nach. „Können Sie einen Impfschaden wirklich ausschließen?“ Der Hausarzt nahm den Arm, hieß den Patienten auf dem Küchenstuhl das Gelenk gänzlich lockern und drehte es ein wenig hin und her. „Ach ja“, stellte er fest. „Das werden Sie mit ein paar Hausmittelchen sicher ganz gut in den Griff bekommen, mein Lieber – heiße Duschen, Heublumensäckchen, eventuell Wärmesalbe, und es ist morgen schon viel besser.“ Damit zog er sich die Gummihandschuhe von den Fingern. Wir blickten ihn ratlos an. Er wandte sich an Frau Breschke. „Auf welchem Arm schläft er immer?“ Da ging auch mir ein Licht auf. Nur Herr Breschke war’s nicht zufrieden. „Können Sie einen Impfschaden so ganz und gar ausschließen?“ Doktor Klengel schob die Brille zurecht. „Sie haben noch das Pflaster auf der Schulter kleben“, antwortete er mit seinem spitzbübischsten Lächeln, „und zwar auf der linken.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (DLX): Verhandeln mit der Natur

16 04 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

In den alten Erzählungen schien es geholfen zu haben, wenn der Schamane seinen Speer schüttelte und die Wetterdämonen lange genug anbrüllte. Man berichtete von wahren Wundern: Regen kam auf Befehl, der Sturm ließ nach, die Buntbeeren blühten termingerecht. Die saisonale Schneeschmelze im Hochgebirge schien das wenig zu beeindrucken, in jedem Jahr kam mehr Wasser den Abhang herab, durchnässte das Tal an der westlichen Felswand und ließ die eine oder andere Höhle absaufen. Die in gemeinsamer Abstimmung beschlossenen Opfer von Feldfrucht und Jagd halfen nicht, auch eine kunstvoll aus einem Baumstamm getriebene Figur des Vegetationsgeistes blieb wirkungslos. Der von der Natur ausgehenden Kraftentfaltung waren die Hominiden schlicht egal. Jede Verhandlung mit ihnen war schlicht vergeudete Zeit.

Andere Völker, die sich bereits in arbeitsteiliger Gesellschaft an der Umwelt vergangen hatten, sahen sich mit denselben Ergebnissen konfrontiert. Die Hybris des Menschen, sich scheinbar über die Grundlagen der Biologie, der Physik und Chemie hinwegsetzen zu können, da eine Generation nicht lange genug lebte, um die Rechnung für den ganzen Murks präsentiert zu bekommen, ermutigte ihn zu nur noch mehr dümmlicher Zerstörung. Kulturen löschten durch kunstvoll herbeigeführten Mangel an Wasser und Nährstoffen sich selbst aus, so dass nur noch imposante Architektur von der maßlosen Ichbezogenheit ihrer Erbauer irgendwo in dichten Urwäldern zeugt. Die Maya verstanden es trefflich, die durch Krieg und Überbevölkerung aus dem Ruder geratene Bevölkerungspolitik durch Raubbau an den Ressourcen und eine geradezu klassischen Fehlallokation der Maisernte verhungern zu lassen. Wie viele zuvor ernährten sie ein paar ohnehin Reiche, die zu spät den Ernst der Lage einsahen.

Nichts davon ist neu, nichts davon hat in einem globalen Maßstab stattgefunden oder in der heute zu beobachtenden Geschwindigkeit, nichts davon war zuvor das Business der vor sich hin popelnden Politkaste, die auch schon den Generationswechsel im Hinterkopf hat – noch dreimal Wiederwahl, dann sind die Schäfchen sowieso im Trockenen – oder sich ein Häuschen auf dem Berg leisten kann, wenn der Meeresspiegel steigt. Es ist, als würden die Minions der Existenzverwaltung auch schon aus Sperrholz Götzenbilder schwiemeln, um überhaupt irgendetwas zum Vorzeigen zu haben, auch wenn es nicht hilft. Der Kipppunkt, der das endgültige Tauen der Permafrostböden anzeigt, lässt sich nicht durch drei Grad mehr, zwei Grad mehr, ein Grad mehr verwirren. Die Natur würfelt nicht – für die Vertreter des theistischen Weltbildes eine groteske Verkehrung ihrer eigenen Überzeugungen, aber was erwartet man auch von Wahlbeamten, die Beten als Entscheidungsersatz klassifizieren – und verzichtet auf die bigotte Bizarrerie solcher Denkmodelle. Sie mag in ihrer Wirkweise erschreckend komplex erscheinen, beruhigt aber immer noch durch das Versprechen, dass jede Handlung Folgen hat. Wenn es auch nicht immer die gewünschten sind.

So nimmt es auch nicht wunder, wenn glitschige Provinzfürsten angesichts abhebender Zahlen erst dann exponentielles Wachstum wahrnehmen wollen, wenn es den Rest der bräsigen Mannschaft unter sich begräbt. Auch im Umgang mit einer medizinischen Bedrohung schieben sich geistige Heckenpenner lustig einen Deal nach dem anderen zu in der Hoffnung, vielleicht die Größe der nahen Katastrophe noch ein bisschen wegzufiltern – als würde einen auf dem langsam wegsackenden Deck der Titanic der einsetzende Nieselregen stören. Das politische oder technische Handwerk ist nur die Jonglage mit Wahrscheinlichkeitswerten. Lustig Qualm in die Atmosphäre zu pusten, obwohl die Reaktionen aus dem naturwissenschaftlichen Unterricht bekannt sein dürften, Plastikschredder in die Meere zu leiten, atomaren Müll in Salzstöcke zu füllen, die sich innerhalb der vorgesehenen Zeit während der Endlagerung mehrmals heben und senken werden, ist kein Glücksspiel, sondern der untaugliche Versuch, mit magischem Denken ein immenses System aufhalten zu wollen, als würde man gegen ein ganzes Gewitter nur einen Schirm aufspannen müssen.

Letztlich hilft nur noch Mythenbildung beim Aufschub der Folgen. Irgendwer muss Schuld sein am Erdrutsch, irgendeinen muss der Volkszorn ja treffen. Die mesoamerikanischen Reiche hatten stets einen bösen Feind in der Hinterhand, den man für Rache, Reichtum oder eine Gottheit bestrafen konnte. Gegen den Klimawandel hilft es, die jugendlichen Protestierer als linke Spinner auf dem Kreuzzug gegen den kapitalistischen Wohlstand zu diffamieren. Früher oder später schlägt man in der Realität auf. Immerhin wissen wir jetzt, dass wir von Berufsirren geführt werden, denen es um die kurzfristige Erledigung eines Jobs geht: sich aus jeder Verantwortung rauszuhalten. Bestimmt sind sie in der Lage, die Botschaften der Natur zu hören. Was auch immer man hört, wenn man die falschen Pilze einwirft.





Verdunkelungsgefahr

15 04 2021

„… müsse ein Lockdown, auch in Teilen der Bundesrepublik, durch nächtliche Ausgangssperren begleitet werden, um die Akzeptanz bei der Bevölkerung für weitere Maßnahmen nicht zu…“

„… sich nur auf normale Fußgänger beziehe. Wer beispielsweise nach zwanzig Uhr einen Hund ausführen müsse, könne dies auch ohne behördliche Genehmigung tun und werde bei Kontrollen nicht mit einem Bußgeld in Höhe von…“

„… dass nach wissenschaftlichen Erkenntnissen durch Ausgangssperren nur eine Verlagerung der Infektionen stattfänden. Die Ministerpräsidenten hätten darauf hingewiesen, dass eine Kontrolle von Privatwohnungen leider mit verfassungskonformen Mitteln nicht…“

„… den öffentlichen Personennahverkehr ab spätestens zwanzig Uhr einzustellen. Ungeklärt sei bisher, ob es Zügen und Bussen erlaubt sei, nach Betriebsschluss eine Haltestelle anzufahren, oder ob nach dem Halt auf der Strecke die Fahrgäste sich innerhalb bzw. außerhalb des jeweiligen…“

„… wolle man Kinder, die ohnehin nicht als Überträger gelten würden, durch eine nächtliche Sperre innerhalb der eigenen Wohnungen lassen, wo sie ungestört die von den Eltern erworbenen Infektionen ausschließlich untereinander in…“

„… die im Sozialismus gepflegte Tradition des Hausbuchs für Besuche in den Wohnungen nicht mit dem bundesdeutschen Recht zu vereinbaren sei. Seehofer wolle die Entscheidung aus Karlsruhe allerdings nicht akzeptieren und habe angekündigt, durch einen befristeten Ausnahmezustand die…“

„… sei es aus dienstrechtlichen Gründen nicht entschieden worden, ob das Zugpersonal nach der Einfahrt in einen Zielbahnhof sich während der nächtlichen Zwangspause aus dem Zug entfernen und den Heimweg antreten dürfe, wenn dies nur mit Benutzung des öffentlichen Nahverkehrs im…“

„… dass mehrere Ministerpräsidenten sich für die Beibehaltung der Öffnungszeiten im Handel ausgesprochen hätten. Eine Einschränkung der Wirtschaft sei in dieser Lage kontraproduktiv, auch wenn dies täglich mehrere Stunden ohne Kunden in den Geschäften des…“

„… zahlreiche Personen, die im Schichtbetrieb arbeiten würden, regelmäßig von der Polizei aufgegriffen und mit Bußgeldern belegt worden seien. Die Bundesregierung sehe das Problem und appelliere an die Bereitschaft der Menschen, sich durch ein bisschen mehr Flexibilität an den Folgen der Pandemie zu…“

„… dass Ausnahmen in der Zeit nach achtzehn Uhr nur für einen Besuch im Lebensmittelgeschäft erteilt werden könne, der als ein- bis zweimalige Genehmigung in einem Zeitfenster bis Mitternacht den wöchentlichen…“

„… einen Ersatzverkehr nur dann geben dürfe, wenn dieser an den Haltepunkten von Bussen und Zügen ausschließlich auf das Transportpersonal warte. Fahrgäste hingegen müssten bereit sein, in eigenverantwortlichem Warten auf den ersten Zug oder Bus des Folgetags eine möglichst…“

„… müssten in städtischen Gebieten sämtliche Straßenbeleuchtung, die Lichtzeichenanlagen sowie ähnliche Leuchtmittel in öffentlichem Besitz nach Einbruch der Dunkelheit ausgeschaltet werden. Die Sicherheitsbehörden würden sich davon mehr Anreize versprechen, dass die Menschen nachts freiwillig in ihren…“

„… keine Rechtssicherheit gebe. Demnach sei es möglich, sich von jedem Einzelhändler eigene Bescheinigungen ausstellen zu lassen, so dass wöchentlich beliebig viele Besuche während der Ausgangssperre ganz legal und…“

„… nicht für private Kraftwagen gelte. Diese seien sicher nicht in der Absicht unterwegs, die Ausgangssperren zu ignorieren, und müssten ihr verfassungsmäßig garantiertes Recht, überall und zu jeder Zeit in Deutschland mit einem Auto fahren zu dürfen, unter allen Umständen auch…“

„… auch Fenster, zumal straßenseitige, in den Wohnhäusern abzuschirmen seien. Eine zu helle Lichtemission würde sich auf die Bereitschaft der Bevölkerung, den Überlegungsergebnissen der Ministerpräsidenten vorbehaltlos zu vertrauen, nur negativ auswirken und im schlimmsten Falle als…“

„… selbstverständlich nicht für den Fernverkehr gelte. So sei eine Busfahrt von Hamburg nach Buxtehude legal, wenn man auf der A7 über Hildesheim bis nach Göttingen, von dort über Leipzig auf der…“

„… es Schwierigkeiten für Autofahrer gebe, die aus dem vollständigen Beleuchtungs-Shutdown resultieren würden. Der Bundesverkehrsminister habe als Experte für Verdunkelungsgefahr daher das Verbot von Kraftfahrzeugscheinwerfern wieder…“

„… die Zahl der Wohnungseinbruchdiebstähle um den Faktor 300 angestiegen seien. Nach Angabe des Bundesinnenministeriums wolle man zunächst abwarten, ob sich die Zahl als echtes exponentielles Wachstum bestätige oder ob nur durch eine zu schnelle Meldung an die Polizeidienststellen die…“

„… habe sich auch der Bundespräsident an die Bevölkerung gewandt. Steinmeier erwarte, dass die Deutschen die Nacht zu rechtssicherer Erholung im Kreise ihrer vertrauten Bezugspersonen nutzen würden, um sich tagsüber noch mehr gegen die Gefahr einer Infektion mit dem…“





Die schrille Gille

24 03 2021

Sie sah auf dem Foto ganz manierlich aus, wobei es sich allerdings um eine Schwarzweißaufnahme handelte und dieses Bild schon vor ziemlich langer Zeit entstanden war. „Trotzdem“, stöhnte Breschke, „mit ihr ist nicht zu spaßen. Immerhin hat sie Onkel Ewald unter die Erde gebracht, womit auch immer.“ Ich legte das Porträt auf den Küchentisch, wo der Umschlag mit dem Telegramm lag. Wer weiß, was das noch werden sollte.

Was den Stammbaum meines pensionierten Finanzbeamten betraf, so war dieser auch nicht viel komplizierter als andere, nur gab es hier und dort Seitenlinien, zu denen nur noch wenig bis gar kein Kontakt mehr bestand – in anderen Familien soll dies ja selten bis nie vorkommen – wegen diverser Erbschaftsangelegenheiten, gelöster Verlöbnisse oder einer Mark Flaschenpfand, die ein Vetter nach zwanzig Jahren in Arizona nicht mehr zurückzahlen wollte. Gisela, so hieß diese damals junge Dame, hatte sich gleich nach der erfolgreichen Ausbildung zur Stenotypistin in der Süßwarenfabrik des Onkels an den Chef des Ganzen herangeschmissen, obwohl dieser gründlich verheiratet war, und zwar mit Edelgard, Namensgeberin eines seinerzeit beliebten Bonbons mit Veilchenaroma und, was erschwerend hinzukam und für den Krach sorgte, Schwester des zweiten Inhabers. Es scheint ihr feuerrotes Haar gewesen zu sein, das Ewald in die Scheidung und damit ins gesellschaftliche Abseits trieb – wie zum Hohn ließ Doktor Prückler aus dem Doppelbildnis an der Deckelinnenseite der Dosen das Konterfei des untreuen Schwagers stanzen und zehntausende von Veilchenzuckerl an die Geschäftswelt senden. Der Drops war gelutscht.

„Ich habe keine Ahnung“, bekannte Horst Breschke. „Nach Ewalds Tod hat sie die Villa in der Eifel geerbt und ein Segelboot, oder vielleicht war’s auch ein Sportwagen. Aber ich weiß nicht, was sie von mir will.“ Ich stellte die Teetasse auf dem Tisch ab. „Nun“, beruhigte ich den Hausherrn, „das werden wir in Kürze herausfinden, denn sie will ja noch heute kommen.“ Bismarck schien ein wenig die Stirn zu runzeln; wahrscheinlich war es diesem Gefährten in gesetztem Dackelalter recht egal, wer oder was die schrille Gille war, denn so nannte man sie familienintern wegen ihres unangemessen lauten Auftretens. „Ich kann sie ja schlecht vor die Tür setzen“, seufzte der Hausherr. „Es sei denn, sie spricht schlecht über Onkel Ewald, das lasse ich nämlich nicht zu!“

In diesem Moment aber hupte es schon auf der Straße; Gisela war nicht gewohnt, ohne ausreichend Publikum aus einem Taxi auszusteigen, jedenfalls musste Herr Breschke über den Gehweg bis zum Bordstein laufen, ihr die Tür zu öffnen, den Fahrer zu entlohnen – was mich nicht gewundert hatte – und ihr für ein bisschen eingebildeten Nieselregen den Schirm zu halten, damit sie auf hohen Absätzen über den Plattenweg bis ins Haus stöckeln konnte, um sich gebührend empfangen zu lassen. „Schön“, sagte sie mit kratziger Stimme, „schön. Aber das wollen wir mal sehen.“ Und sie lief gleich bis in die Wohnstube durch, die sie mit eicherner Schwere in den Nachmittagsstunden empfing.

Sie trug etwas fürchterlich Rotes, das zu ihrem inzwischen fuchsfarbenen Haar nicht passte, eher Oll- als Schmollmund, und blickte sich um. „Ihr seid ja rustikal eingerichtet“, stellte sie fest. „Wie mein Zweiter, der hatte auch keinen Geschmack.“ Dazu drehte sie sich herum und äugte in die Winkel des Wohnraums. „Hund?“ Irgendetwas ließ mich an der Stimme aufhorchen, aber ich musste mich wohl getäuscht haben. „Was willst Du hier?“ Breschke stand mit einem Küchenhandtuch in der Faust auf der Türschwelle. „Das ist mein Haus.“ Sie lächelte. „Das soll ja auch so bleiben, Horsti.“ Dass ihm die Zornesröte so langsam ins Gesicht stieg, war schon ein wenig verwunderlich, aber sie fuhr fort. „Mein Vierter ist vor drei Monaten verblichen, ein guter Patentanwalt, und ich würde gerne die restlichen Jahre hier verbringen. Ich will das Haus.“ Ich traute meinen Ohren nicht. „Du könntest es mir schon leichter machen, schließlich ist Deine Frau bestens versorgt nach einer Scheidung – ich nehme Dich als Gärtner mit, dann haben wir es beide leichter. Das wirst Du als Finanzbeamter doch sicher…“

Er wollte gerade zu einem längeren Schrei anheben, das wusste ich genau, doch da bemerkte sie mich. Spitznäsig musterte sie meinen Aufzug. „Wenigstens einen attraktiven Schwiegersohn hat sich Deine Tochter geangelt“, bemerkte sie. Herr Breschke stand wie versteinert, und so viel hatte ich auch nicht parat. „Bedaure“, gab ich zurück. „Ich habe gespart und mich auf hoffnungslose Fälle spezialisiert. Wenn man die Neunzig hinter sich gebracht hat und trotzdem die…“ „Was für eine Unverschämtheit!“ Wutentbrannt schwenkte sie die Handtasche durchs Wohnzimmer. „Ich werde im nächsten Frühjahr erst…“ Weiter kam sie nicht, da Bismarck, der zugegebenermaßen dümmste Dackel im weiten Umkreis plötzlich vor ihr stand und der schlechten Laune durch knurrende Laute ein Gefühl von Unmittelbarkeit gab. „Horst“, kreischte sie, „das wird ein Nachspiel haben!“

„Eins aber“, fragte ich beim Rühren in der Teetasse, „müssen Sie mir verraten: das Grundstück war das Erbe Ihrer Frau, und das Haus war ein Lottogewinn?“ Herr Breschke druckste. „Wenn Sie es schon wissen“, gnatzte er, „dann hätten Sie sie ja gleich rausschmeißen können.“ „Naja“, meinte er, „ich war an der Reihe: Ewald, Wilhelm, Paul, und nun ich. Einer musste sie ja loswerden.“ Und er warf Bismarck einen liebevollen Blick zu.





Zustellung nicht erfolgt

17 02 2021

„Das gilt nach meiner Kenntnis erst mal nur für Drogen und Waffen, also für illegale Sendungen, wobei wir natürlich davon ausgehen, dass alle per Post verschickten Drogen illegal sind. Bei Waffen haben wir noch keinen Plan, aber die besorgt man sich ja auch meist von befreundeten Soldaten direkt in der Kaserne.

Doch, das ist absolut rechtssicher. Glauben Sie mir, da hat sich der Gesetzgeber ausnahmsweise mal Gedanken gemacht. Offiziell geht es hier ja auch nur um unzustellbare Pakete, die bei der Polizei abgeliefert werden, wenn darin Drogen oder Waffen gefunden werden. Das muss man der Reihe nach analysieren, und dann merkt man, dass es gar nicht so schlimm ist. Sie kennen doch diese jungen Männer, die aus dem Lieferwagen aussteigen und Ihnen eine Karte in den Briefkasten schmeißen? Das sind dann Paketboten, die Sie mit dem Paket nicht angetroffen haben, so dass eine Zustellung eben auch nicht erfolgen konnte – ist doch logisch, wenn er das Paket nicht dabei hat, dann könnte er es Ihnen gar nicht zustellen, weil er Sie ja nicht angetroffen hat mit dem Paket, das er Ihnen hätte zustellen sollen, weil er das ja nicht zustellen kann, da er es so zustellt, dass er Sie dabei nicht antrifft, damit es nicht zu einer Zustellung kommt, die ja auch gar nicht erfolgen könnte, da er das Paket gar nicht dabei hat. Juristisch gilt das als untauglicher Versuch, daher ist das auch straffrei, wenn Sie die Karte aus dem Briefkasten holen.

Jetzt ist es aber eben nicht so, dass dann alle Pakete sofort zur Polizei kommen. Das wäre nicht nur rechtlich sehr schwierig, stellen Sie sich mal vor, da schickt sich selbst jemand eine Bombe und ist dann absichtlich nicht zu Hause oder erwischt eine so ausgebuchte Lieferfahrt, dass er sogar zu Hause sein könnte, ohne eine Zustellung… gut, Sie wissen ja, was jetzt kommt. Auf jeden Fall landet das Paket mit der Bombe jetzt bei der Polizei, und das kann der Gesetzgeber ja nicht wollen. Deshalb werden eben auch nur die Pakete nicht zugestellt, die wegen Drogen nicht zugestellt werden. Waffen hat die Polizei ja selber, da braucht man nichts mehr abzuliefern. In der Hinsicht sind wir ja geliefert.

Dass die meisten Paketdienstleister für solche Zwecke hervorragend geschultes Personal aus dem Osten nach Deutschland geholt haben, ist ja auch kein Zufall. Als Bulgare hat man einfach mehr Ahnung von Drogen. Und so ein Hilfsarbeiter ohne Gebiss ist im Zweifel sogar billiger als ein richtiger Spürhund. Vor allem spart man da die Ausbildung. Die kommen mit einschlägigen Vorkenntnissen aus den Balkanstaaten und dürfen hier im eigenen Auto schlafen, die haben es sogar besser als Flüchtlinge in Griechenland. Nur die Fehlerquote darf nicht so hoch sein, sonst gibt es natürlich Ärger. Also mit den Medien, die ständig irgendwelche Skandale in der Politik aufdecken wollen. Da kann man dann nicht lange überlegen, wen man feuert. Das steht so schon fest.

Das ist eine öffentlich-private Partnerschaft: der Staat hat sich in den Kopf gesetzt, irgendeinen illegalen Scheißdreck durchzusetzen, bis sämtliche Gerichte es endgültig verbieten, die Wirtschaft darf daran verdienen, und die Steuerzahler halten den Kopf hin und dürfen es zum Dank auch finanzieren. Angesichts der Tatsache, dass wir zum Großteil die Subsubunternehmer aus Osteuropa für den Skandal verantwortlich machen können, ist das doch gar nicht mal schlecht.

Warum ich Ihnen das erzähle? Überlegen Sie mal, die Postdienstleister sollen ja nur die Pakete abliefern, die sie nicht geliefert haben, weil sie darin Drogen gefunden haben – na, klingelt’s? Das ist natürlich sonst eine Aufgabe der Polizei, aber die haben in letzter Zeit ja so viel mit Linksradikalen zu tun, die das gesunde Volksempfinden bei der Polizei – zunächst mal bei anderen Kundgebungen, aber die Polizei ist halt anwesend – die sich also gegen den Terrorismus wenden, der ja bekanntlich durch Drogen finanziert wird. Dass davon hinterher auch Waffen gekauft werden, das ist ja noch gar nicht bewiesen, und deshalb brauchen wir auch erst mal nur die Drogenüberprüfung.

Die Drogenbeauftragte hat das bereits begrüßt. Das würde jetzt normalerweise heißen, dass es in der Praxis gar nicht funktioniert, widerrechtlich ist oder wieder nur viel Lärm um gar nichts, bei dem kein einziger Drogenfund rauskommt, obwohl die ganze Post lahmgelegt wird. Aber vielleicht ist das jetzt auch nur ein Test für weitere Auslagerungen der Ermittlungsarbeit auf private Dienstleister. Bald können Sie nicht mehr telefonieren, ohne einen umgeschulten Kellner – die Gastronomie muss ja im Moment sehen, wo sie bleibt – oder einen Koch in der Leitung zu haben, der Sie auf staatsfeindliche Äußerungen abhört. Oder die ganzen Einbrecher satteln jetzt um auf Taschendieb, damit der Staat sofort weiß, wenn Sie Falschgeld mitführen. Was es da an Möglichkeiten gibt! Der Nachteil ist freilich, dass das keiner kontrollieren kann. Sie lassen sich irgendwas schicken, der Bote reißt Ihr Paket auf und findet in seiner Jackentasche ein paar Drogen – das kann er dann natürlich nicht mehr zustellen, da es sich um eine beschädigte Sendung handelt. Tut mir leid, da sind die Vorschriften eindeutig.

Es sei denn, Sie wohnen im richtigen Viertel, mit Hauspersonal, das rechtzeitig das Tor aufsperrt, da werden Ihre Pakete immer angenommen. Was da drin ist? Die einen sagen so, die anderen sagen so. Solche Herrschaften haben auch genug Anwälte, um das Postgeheimnis zu erklären. Wissen Sie was? Lassen Sie sich Zeug doch einfach per E-Mail schicken. Das kapiert die Regierung nie.“





Kunststück

4 11 2020

„Die Bohrmaschine, Handschuhe, Kelle, Wandfarbe und den Hammer“, erklärte Herr Breschke und lud den Klappkorb in den Kofferraum. „Das sollte doch für den Augenblick reichen.“ Ich nickte. Wir fuhren die Uhlandstraße hinab bis zum Kontorhaus, wo wir sicher schon erwartet wurden.

Leider war das nicht der Fall. „Anne hat sich für den Veranstalter verbürgt“, sagte ich. „Da seit ein paar Tagen wieder alle öffentlichen Ausstellungen gesperrt sind, müssen wir dies sozusagen als wilde Galerie veranstalten.“ „Ach ja“, seufzte der alte Herr. „Wir waren seit Jahren nicht im Museum, und in diesen Zeiten merkt man erst, wie sehr es einem fehlt.“ Er musste sich nicht für eine Parklücke entscheiden, der ganze Platz war leer, da dem alten Gebäude der Abriss bevorstand. Wir standen dicht vor dem Eingang, der nun ohne Türen war, und sahen direkt in die große Eingangsdiele, die sich im Halbdunkel fast über das halbe Erdgeschoss hinweg nach hinten erstreckte. „Und Sie meinen, dass sich hier klassische Kunst zeigen lässt?“ Ich hievte den Korb, der bis zum Brechen der Handgriffe noch als Kartoffelhorde in meinem Keller gestanden hatte, aus dem Laderaum. „Vielleicht nicht unbedingt klassisch“, überlegte ich, „aber es liegt ja immer im Auge des Betrachters.“

Drinnen hatte sich nicht viel getan; eine rostige Gasflasche lehnte an der Wand, schräg gegenüber hatte jemand Blumenerde in eine Ecke des Raums geschaufelt. „Keine Sorge“, meinte ich, „dass wir vorher noch aufräumen sollen, hat Anne mit keinem Wort erwähnt.“ Horst Breschke kicherte. „Sehr gut, sonst würde ich so eine Vernissage auch mal in meinem Garten machen.“ Eine große Schachtel mit Dübeln lag direkt neben der einzigen Steckdose im Raum; in Augenhöhe waren etwa ein Dutzend Stellen an der Wand markiert, in die angebohrt werden sollten, um dann Haken in den Löchern zu befestigen. „Meinen Sie nicht“, mutmaßte der pensionierte Finanzbeamte, „dass wir erst die Wände anstreichen sollten?“ Ich schüttelte den Kopf. „Dann finden wir die Stellen zum Bohren nicht mehr wieder.“ Das leuchtete ihm ein.

Ohnehin hatte der Auftraggeber die Arbeiten recht gründlich falsch eingeschätzt. Einen derart großen Raum mit einem einzigen Eimer Wandfarbe zu streichen schien so gut wie unmöglich. Breschke kratzte sich am Kinn. „Vielleicht erwarten sie von uns eine Art Gemälde“, überlegte er. „Aber das übernehmen dann Sie, ich bin ja künstlerisch völlig unbegabt.“ Umständlich zog er die Handschuhe an. Diesen Raum in eine Galerie zu verwandeln würde tatsächlich ein Kunststück sein.

„Ein Achter reicht aus“, befand ich, „und Sie haben zum Glück auch die dicken Bohrspitzen eingepackt.“ „Mit den Diamanten“, bestätigte Herr Breschke. „Damit habe ich auch das neue Regal an der Kellerwand befestigt, es ging ganz leicht.“ Er steckte die Bohrmaschine ein. Leider bleib es beim Versuch, denn trotz Verlängerungsschnur erwies sich die Leitung als zu kurz, um auch nur die nächstliegende Stelle mit der Spitze zu erreichen. „Haben Sie eine Kabeltrommel zu Hause?“ Horst Breschke verneinte. „Und wenn“, überlegte er, „wie komme ich denn dann bis zur gegenüberliegenden Wand?“

Guter Rat war teuer. „Mit einem Akkubohrer könnte man es versuchen.“ Ich war skeptisch. „Ich habe keinen, kann mir aber nicht vorstellen, dass das in diesen Wänden funktioniert.“ Herr Breschke legte die Maschine neben den Korb, zog sich die Handschuhe aus und betrachtete den Raum. „Meinen Sie nicht auch“, fragt er, „dass diese Idee ein bisschen vorschnell war?“ „Ich verstehe das auch nicht“, erwiderte ich. „Sonst schaut sich doch Anne solche Sachen immer ganz genau an, bevor sie ihre Mithilfe verspricht.“ Auf der anderen Seite kannte ich ihr Faible für Kunst und Kultur, auch in deren abseitigen Gefilden.

Da hörten wir plötzlich Schritte auf den Dielen. „Ich grüße Sie“, rief ein mittelgroßer, mittelalter Mann mit mittlerem Haarausfall durch die Halle. „Rummelpeter mein Name, Ihre Freundin hatte mir versprochen, dass ich Sie hier treffen würde.“ Er verbeugte sich artig und kam auch nicht zu nahe. „Mein Name ist Breschke“, sagte ebendieser, „ich…“ „Entzückend!“ Herr Rummelpeter klatschte in die Hände und tänzelte um das Ensemble in der Mitte des Raums herum. „Das ist eindeutig das Highlight dieser Ausstellung! Diese subtile Sprache aus technischen Objekten, die als Symbole der Raumgestaltung sich quasi auf eine Metaebene transzendieren – ich bin hingerissen!“ „Wir fühlen uns Ihrem Konzept sehr verbunden“, bestätigte ich. „Ich darf wohl sagen, dass dieser Raum eine ganz außerordentliche Inspiration bietet.“ Rummelpeter konnte sich gar nicht mehr beruhigen. „Wie heißt denn diese Installation, verehrter Meister?“ Herr Breschke sah mich hilflos an, bevor ich einschreiten konnte, antwortete er: „Dies ist keine Kunst.“ Der Galerist jubelte. „Dies ist keine Kunst!“ Nun war Herr Breschke nachhaltig verwirrt. „Und dann auch noch eine die Genregrenzen sprengende Referenz an den historischen Surrealismus! Herr Breschke, Sie sind ein Genie!“

„Ich verstehe das nicht“, murmelte der alte Herr und schloss die Autotür auf. „Sie wollen mir doch jetzt nicht auch noch eine Begabung einreden wie dieser Spinner?“ „Sehen Sie es positiv“, gab ich zurück und setzte mich auf den Beifahrersitz. „Man lernt jeden Tag etwas dazu.“ „Dass ich jetzt Künstler sein soll?“ „Nein“, sagte ich. „Aber bisher dachte ich auch immer: moderne Kunst sei das, was nicht mehr in einen Kofferraum passt.“





Streichkonzert

15 10 2020

„Hups!“ Herr Breschke konnte sich gerade noch am Fernsehsessel festhalten, sonst wäre er auf der Folie ausgerutscht, die das gesamte Zimmer unter sich bedeckte, genauer: den Fußboden sowie einige kleine Gegenstände wie einen Zeitungsständer und ein pittoreskes Höckerchen für Blumenvasen.

„Das sieht doch schon ganz ordentlich aus“, befand der Hausherr, der sich standesgemäß in eine der zahlreichen Strickjacken gekleidet hatte, die sich sogar für die Gartenarbeit nicht mehr eigneten. Der obligate Malerhut durfte nicht fehlen, und um ihm eine Freude zu machen, ließ ich ihn für mich gleich noch einen zweiten aus alter Zeitung falten. Einer zünftigen Handwerksarbeit stand nun nichts mehr im Weg, abgesehen von den Möbeln, die noch immer das Wohnzimmer anfüllten. Denn außer drei Rollen dieser hoch reißfesten, transparenten und dabei recht preiswerten Folie war bisher nichts zum Einsatz gekommen. „Ich möchte Sie wirklich nicht kritisieren“, wandte ich ein, „aber sollten wir nicht wenigstens die Möbel von oben abdecken, wenn wir schon die Decke streichen?“ „Wir streichen ja nicht“, erklärte der pensionierte Finanzbeamte und wies auf das Gerät zu seinen Füßen. „Wir spritzen die Decke, das ist ein enormer Unterschied.“

Wie zu erwarten hatte der Plan zu einer neuen Zimmerdecke seinen Ursprung in einem Angebot, das Breschkes Tochter in einem gut frequentierten Heimwerkermarkt entdeckt hatte. Jener Laden im Herzen der peruanischen Hauptstadt hatte sich auf taiwanesische Importgüter spezialisiert, namentlich solche, die man in Europa nicht findet, wohl aber Gründe, warum man sie nirgends kaufen kann. Ein elektrisch betriebener Pumpmechanismus, der im Deckel eines Behältnisses eingebaut über einen langen Spritzschlauch die Farbe in eine Düse leitet, von wo aus sie letztlich auf irgendeiner Oberfläche haften bleibt, war das Herzstück dieses Apparats, klein genug, um jederzeit durch die im Deckel montierte Schnur ins Kippen zu geraten, und nur ein wenig zu groß, als dass man sich das Ding hätte umschnallen können. Die Farbe also, ein blendend helles Weiß wie Hochgebirgsschnee im Mittagslicht der Sonne, war ordnungsgemäß eingefüllt. Horst Breschke stand unschlüssig im Raum. Leider war die Steckdose hinter der abgeklebten Folienschicht.

„Sie müssen doch wissen, wo sich die Dose befindet“, tadelte ich ihn, „wie lange wohnen Sie jetzt schon hier?“ Statt mich zu tadeln, stach er immerhin gleich ein entsprechend großes Loch in der Nähe der Heizung. Bereits hier zeichnete sich ab, dass die Zuleitung des Spritzgeräts nicht lang genug war, um auch die andere Hälfte der Decke zu erreichen. „Ich hole nachher einfach eine Schnur, dann können wir das verlängern.“ Immerhin tat er es nach kurzem Überlegen dann doch sofort, was mir die Gelegenheit gab, umgehend den Sessel, das Sofa, die Schrankwand samt Fernseher und Radio zu verhüllen, da die Farbflecken dem Mobiliar mit Sicherheit schwere Schäden zufügen würden. Doch Herr Breschke fand dies übertrieben. „Eine reine Vorsichtsmaßnahme“, beschwichtigte ich ihn. „Sie haben ja schließlich auch eine Hausratversicherung abgeschlossen, ohne jemals den Wunsch verspürt zu haben, dieses Gebäude in Schutt und Asche…“

Er war eingeschnappt; deutlich war dies sichtbar daran, wie er den Knopf am Pumpaufsatz ganz nach rechts drehte. Doch es kam nichts. „Das Heft“, sagte er, „da muss doch etwas drinstehen.“ So griff ich nach der Gebrauchsanweisung, die, zu meiner geringen Überraschung, ein paar Strichzeichnungen wackerer Spritzenmännchen zeigte, aber in Bezug auf den Text eher den Eindruck erweckte, aus dem Ostasiatischen ins Altfranzösische übersetzt worden zu sein. „Das kann nicht angehen“, knurrte der Alte. „Und Sie sollten auch wissen, warum.“ Ich wusste es nicht. „Weil die Altfranzosen“, dozierte er, „ja bekanntlich in Burgen wohnten, und dort hat man die Wände gekalkt!“ Triumphierend blickte er mich an. Vor meinem inneren Auge erschien Jehan François le Grand, Fürst von Avignon-sur-le-Pont, wie er mit einer monströsen Büchse voller Kalkputz durch den Palast schritt, gnädig auf die Wand zeigte und abwaschbare Farbe versprühen ließ.

Ein unangenehmes Blubbern machte sich in der Apparatur bemerkbar. Horst Breschke, zumindest in dieser Immobilie befehligende Gewalt, teilte mit, dass so gut wie keine Farbe in den Spritzschlauch gepumpt wurde, weshalb sie auch das ausziehbare Rohr mit der am Ende befindlichen Düse gar nicht erst erreichte. „Hier steht, man müsse die Farbe ein paar Mal umwälzen.“ Das Piktogramm war in der Hinsicht wenigstens eindeutig, er hatte recht. „Allerdings“, gab ich zu bedenken, „müsste man dazu den Deckel abnehmen, und dann kann das Ding ja nicht mehr pumpen.“ „Man sollte es mit Schütteln versuchen“, schlug Herr Breschke vor, und ich konnte ihm gerade noch in den Arm fallen. „Erst schalten Sie es aus, dann können Sie das ganze Gerät gerne schütteln, und dann schalten Sie es wieder ein.“ Und so geschah es.

Es brummte weiter, während der Finanzbeamte a.D. genervt das Rohr nach oben hielt. Doch da verstummte das Geräusch, während ein zunehmend strenges Pfeifen sich am Ventil auf dem Deckel des Spritzgefäßes aufbaute. Mit einem kurz röhrenden Crescendo kündigte sich der schmatzende Schluss an. Der Deckel schoss infolge der Druckluft einfach in die Höhe und verteilte die Farbe in die Richtung aller verfügbaren Raumkoordinaten, wobei sich die Plastikdecke als zuverlässig erwies. „Meine Güte“, stöhnte Herr Breschke. „Da haben wir ja noch mal Glück gehabt. Wenn ich nicht die Folie mitgebracht hätte – wer weiß, was noch alles passiert wäre!“





Herr und Hund

23 07 2020

Keiner weiß, was er denn hätte sagen wollen, wenn er denn hätte sprechen können. Aber er konnte es eben nicht, und vielleicht war das gut so. „Das wird jetzt langsam ein bisschen viel“, schnaufte Herr Breschke, indes Bismarck mit der ihm eigenen Mischung von Interesse und Misstrauen über die Wiese blickte und auf seinen Herrn, der beim Traben im Stand eine durchaus gute Figur machte.

„Sehr schön“, lobte die Trainerin. „Und unser vierbeiniger Freund macht jetzt auch mit?“ Was ihr an motivierendem Verhalten fehlte, das glich Ilse Schwabach-Wildhausen durch Zweckoptimismus aus. Zackig riss sie die Knie hoch, die anderen Damen und Herren folgten mehr oder weniger ihrem Vorbild; die meisten mehr weniger. Als nicht beteiligter Beobachter hüpfte ich ein bisschen mit, auch wenn mir gerade kein Hund zur Verfügung stand, wobei das auch auf den alten Herrn zutraf. Seiner lag recht entspannt auf dem Rasen und sah keinen Grund, das zu ändern. „Und wir nehmen nun die Leine auf“, verkündete Frau Schwabach-Wildhausen, „und dann rund im Uhrzeigersinn!“ Sinn und Zweck dieser Partnerübung sollte darin bestehen, mit dem Begleiter in lockererer Rundung und leichten Schrittes über den Platz zu spurten. Im Falle dieses Dackels, der die Leine allenfalls als ein Mittel betrachtete, um seinem Herrn daran zwischen den Beinen herumzulaufen, gestaltet sich das schwierig. Horst Breschke umrundete nun den Hund, der sich partout nicht einmal drehen wollte, so dass ein Großteil der Übung darin bestand, die Leine um Bismarck zu führen. Immerhin hatte dies etwas Graziles, man konnte es nicht anders sagen.

„Meine Frau meinte, wir könnten beide mal ein bisschen Sport vertragen.“ Schnaufend hoppelte der pensionierte Finanzbeamte um den Vierbeiner, stets darauf achtend, sich auf dem hügeligen Rasen nicht zu verstolpern. „Sehr schön“, lobte die Trainerin einmal mehr, „aber er muss auch mitmachen. Das wird schon!“ „Machen Sie mal weiter“, keuchte er. Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Bismarck machte seinem Ruf als dümmster Dackel im weiten Umkreis alle Ehre; allerdings war auch seine Friedfertigkeit bekannt, und er ließ sich ohne zu murren von mir umhüpfen. „Wahrscheinlich ist ihm das Lob der Dame genug Bestätigung“, mutmaßte ich. „Sobald sie sein sportliches Liegen sehr schön findet, guckt er zufrieden.“ Ein weiteres Lob der Trainerin nährte meinen Verdacht. Dieser offene Herr-und-Hund-Nachmittag vom Tiersportverein offenbarte seine pädagogischen Schwächen.

Die anderen gemischten Doppel hatten sichtlich Spaß an diesem Manöver. Vor allem eine junge Dame mit zwei Pudeln stampfte geradezu ätherisch übers Grün; es sah von Weitem ein wenig aus wie ein ägyptischer Streitwagen. Herr Breschke ließ sich nicht beirren. „Das ist etwas für junge Leute“, knurrte er. „Außerdem sehe ich nicht, dass sich mein Bismarck sonderlich beeindrucken lässt von diesem Firlefanz.“ „Es soll ja nachher noch einen netten Umtrunk geben“, tröstete ich ihn. „Das ist zwar auch nicht figurfreundlich, aber wenigstens findet der Tag damit noch einen netten Abschluss.“

„Und aus“, krähte die Trainerin. „Und für die nächste Übung nehmen wir unser Schatzi einmal auf den Arm.“ Sie griff sich einen der Pudel, der sie verdutzt anguckte und zu winseln begann. „Und dann Knie – beugt, und Knie – beugt, und…“ Sie hob nun den widerspenstigen Hund auf und nieder, was einigen anderen, namentlich einer älteren Dame mit einem Chihuahua, deutlich eleganter von der Hand ging. „Schäferhunde sind manchmal von Nachteil“, kicherte Breschke, und ich konnte ihm nicht widersprechen. „Wollen Sie es denn nicht wenigstens einmal versuchen“, näherte sich Ilse Schwabach-Wildhausen dem Widerspenstigen. Was auch immer sie sich dabei gedacht haben musste, sie griff Bismarck unter den Bauch und wollte ihn zur Turnübung stemmen, doch sie hatte ihn gehörig unterschätzt. Mit einem einzigen ansatzlos aus der Tiefe des Leibes ausgestoßenen Bellen stieß er sich von der erschrocken aufschreienden Leiterin ab und sprang wieder auf den Rasen. Fast wäre sie auf mich gefallen. „Sie wissen schon“, sagte ich ganz beiläufig, „dass er beißt?“ „Machen Sie gefälligst Ihre Kniebeugen“, zischte sie. „Ich lasse mir doch von Ihnen nicht meine Autorität untergraben!“ „Ich wusste gar nicht, dass Sie so gut mit Hunden umgehen können.“ Herr Breschke stemmte die Fäuste in die Hüften, und Frau Schwabach-Wildhausen sagte zur Vorsicht gar nichts mehr.

Die nächste Übung bestand aus einer Art Yoga mit Grundkontakt, wobei die meisten Hunde nicht verstanden, dass sie unter ihren liegestützenden Herrchen hindurchkrabbeln sollten. Manche von ihnen wälzten sich im Gras, einige schnupperten eifrig an der Bezugsperson, aber so recht wollte das nirgends gelingen. „Sie können ja so eine Brücke machen“, schlug Breschke vor, „und ich lasse dann Bismarck unten durch laufen.“ Doch so weit kam es nicht. An der Seite hatte der Vereinswart einen kleinen Kugelgrill angefeuert, ein Kasten Limonade nebst einer Batterie Pappbecher stand daneben. Während die Kohle vor sich hin glomm, war er ins Gerätehaus verschwunden und kam nun mit einer Blechplatte zurück, auf der drei Dutzend Würste lagen. Doch kaum hatte er die Rasenkante erreicht, stieß er mit dem Fuß auf einen Widerstand – das Tablett schlingerte, in hohem Bogen flog eine Wurst empor. Sie war noch nicht auf dem Boden aufgekommen, als Bismarck schon wie ein Blitz über den Grund schoss, eine Emanation von Kraft und Geschmeidigkeit, sich die Wurst schnappte und mit ihr im Gebüsch verschwand. Wer andere Hunde noch nie verwirrt hatte blicken sehen, hier bot sich die Gelegenheit. „Sehr gut“, sagte Herr Breschke. „Wie Sie sehen, wenn es darauf ankommt, sind wir immer noch ganz schön fit.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXXI): Der Hamsterkauf

3 07 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Ostern ist’s, Freudenfest für Christenheit und Einzelhandel, erkennbar an den Menschenmassen, die sich vom Parkplatz kommend in die Kaufhallen quetschen, einer uralten Tradition folgend, die da sagt: mehr als ein Tag ohne Nachschub bedeutet den sicheren Tod. So wird man mitgerissen von der schwankenden Woge, wer am Eingang Obst und Gemüse ohne Amputationsverletzungen überlebt, schrammt an den Backwaren vorbei und wird dann als unelastischer Stoß im Konservenrayon entsorgt. Die trainierte Menge aber, ausgerüstet mit allerlei Rüstungsgütern um den vernarbten Kadaver, hebelt palettenweise Magerquark in den Drahtkorb, einen Festmeter Zündhölzer und Feinwaschmittel für die Periode bis zur nächsten Eiszeit, dazu Alkoholika und Hygieneartikel, Schmier- und Olivenöl sowie Salzgebäck im Gegenwert des Rüstungsetats einer beliebigen afrikanischen Militärdiktatur. Ist es jene Vorstellung, möglichst viel nützliches Gut mit ins kühle Grab zu nehmen, wie Pharaonen, Wikinger und ihre Zeitgenossen es praktiziert haben? Wollen wir uns die verlängerte Zeit bis zum endgültigen Kollaps noch ein bisschen schönpreppen? Was ist der Sinn und warum tätigen wir Hamsterkäufe?

So nah liegt die Vorstellung, der Hominide als Jäger und Sammler habe jeden Fund zunächst wie ein Eichhörnchen versteckt und verborgen, dass sie nur falsch sein kann. Gerade der Wilde lebte von der Hand in den Mund, oft auch in Konkurrenz zur Umgebungsfauna, die in ihrem Artenreichtum toleranter war in Bezug auf Qualität und Frische. Ohne Konservierung, wenigstens Lagerhaltung, hatte der Häufungstrieb rein technisch keine Chance. Erst die Möglichkeit, an einem halbwegs voraussehbaren Tag die Ernte an Korn und Früchten einzufahren, auf dass sich der ansonsten denkunbegabte Nappel satt über den Winter bringe, machte ihm überhaupt die Notwendigkeit des Speicherns klar – und damit auch die Aussicht auf Besitz, wenn nicht gar auf Reichtum, noch bevor Geldwirtschaft den Tauschhandel besiegt hatte.

Dann aber kam der Krieg. Er muss sich tief ins Bewusstsein der Hohlrabis geschwiemelt haben, denn die Sorge vor dem jäh auftretenden Mangel an Kernseife und Mehrkornbrot vererbt sich von einer Generation zur nächsten. Ja die Enkel derer, die vor dem Führer in Deckung gingen, sie scheinen diese Furcht zu kennen: der Russe steht vor der Tür und wir haben kein Bohnerwachs im Haus. Dialektisch fein gesponnen, denn nach welchem Krieg genau das Volk Bärchenwurst und Dosenspargel in den Kofferraum stopfen musste, ist noch nicht geklärt. Die Angst und Unsicherheit, die andere weltliche Katastrophen nach sich ziehen, sie hingegen können wir nachvollziehen und wissen auch, dass wir den Einkauf dem Es überlassen, während das Über-Ich stöhnend den Kontostand zu ignorieren versucht.

Hätte Perfektionismus allein die krude Mixtur aus Toilettenpapier, Mehl und Hefe erzeugt, immer dessen eingedenk, dass so gut wie keins der Opfer in der Pandemiezeit vorher regelmäßig Brot buk und aufgerollter Zellstoff wenig geeignet scheint, vor der drohenden Seuche zu retten? Offenbar übt sich der gemeine Knalldepp lieber in kollektiven Übersprungshandlungen, da Angriff unmöglich und Flucht sinnlos ist – ein Verhalten, das auch Opfer einer Hirnrindenverödung auf Widerstandsdemos trieb, um gegen Viren anzuplärren und sich von den Naturgesetzen loszusagen. Intellektuelle Aufstocker gar rationalisieren ihre eigene Hilflosigkeit durch Verschwörungsideologien, um überhaupt etwas tun zu können. Wie der Frustkauf zur Aktivierung des limbischen Systems führt, halten sich die Zombies auf dem Synapsenfriedhof durch allerlei Leerlauf aus dem Repertoire der Normalität beweglich, was für den spätturbokapitalistischen Konsumkasper im Regelfall heißt: Shoppen, sonst kommt der Arzt.

Horten heißt, die Zeit aufhalten, wenn nicht gar zurückdrehen. Beschließt die EU, Glühlampen aus dem Verkehr zu ziehen oder Mentholzigaretten, so stopfen sich die Kalkschädel ganze Keller voll mit dem Zeug, ohne das eine Existenz möglich, aber nicht mehr menschenwürdig scheint. Irgendwann in ein paar Monaten und Jahren ist das ganze Zeug dann aufgequarzt, schmeckt nach Mumie oder tritt schlicht in molekular unerwünschte Zustände ein. Auch der Nebeneffekt, dass eines Hamsterkäufers Anblick Dutzende Hamsterkäufer erzeugt, wird von der Seppelmeute stoisch ignoriert, bis sie es dann bekämpfen; die selbsterfüllende Prophezeiung frisst ihre Kinder, solange sie noch welche findet. Aber immerhin hat der Bekloppte in Krisenzeiten dann einen Grund, seine Angst auf einem angemessenen Niveau zu halten, denn in einem Land, in dem ihm alle anderen die Nudeln streitig machen, kann er mit Fug und Recht die Märkte leer räumen, ohne in Vernunft zu verfallen.

Eine viel einfachere Erklärung existiert, um die wir aus Selbstschutz stets einen großen Bogen machen. Der sich zivilisiert gebende Mensch ist ein egoistischer Drecksack, der seinem Nächsten nicht das Schwarze unter den Fingernägeln gönnt und ihm darum aus reiner Gehässigkeit das letzte Glas Pflaumenkompott vor der Nase wegkauft. Auch dann, wenn er Pflaumen hasst. Weil er es kann.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXIX): Rassismus gegen Deutsche

19 06 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Da greinen sie wieder. Reflexartig rollen sie am Boden und werden mutmaßlich massengemordet, da die psychotische Fehlstellung des Frontallappens ihnen das befiehlt. Immer dabei, wenn’s zu leiden gilt, darin zeigt der deutsche Gartenzwerg Größe, so bildet er es sich ein. Und so ermüdend vorhersagbar alles ist und bleibt, der feucht-völkische Dumpf trumpft noch immer mit neuem Schwachsinn auf, diesmal vom Ende der rechten Fahnenstange und in Gestalt des angeblichen Rassismus gegen Deutsche.

Rassismus ist schnell erklärt und noch schneller geleugnet. Als Stigma einer ansonsten Recht und Gesetz ausstrahlenden Mehrheitsgesellschaft ist er so angenehm wie Nagelpilz, eignet sich in allerlei Sonntagsreden als Buhmann und dient als bestes Feigenblatt, wenn man sich zur demokratischen Grundordnung mit Freiheitsgeschmack bekennen soll. Gerne gesehen sind vergangene Zeiten, noch lieber aber real existierende Staaten, in denen er als allgemein anerkanntes Modell der Kasteneinteilung produktiv ist und noch viel besser die Ausflucht aus der beschissenen Ideologie verspricht. Die anderen sind schuld, das macht vieles leichter. Und so ist es für den fleißig strebsamen Deutschen geradezu verzeihlich, dass er seine Leistungsträger auf dem Fußballplatz einordnet. Der in einem afrikanischen Land geborene Schwarze mit dem BRD-Pass kann für vieles Vergebung erhalten, notfalls lässt man sogar seine Einbürgerung unter den Tisch fallen, wenn er für die Nationalistenmannschaft trifft, nur seine Hautfarbe hätte er sich halt besser aussuchen müssen. Wir sind hier doch nicht im Urwald!

Dass dabei die willkürliche Einteilung der Menschen nur durch einen einzigen Unterschied erfolgt, ist eben die Radikalität ihres Wesens. Zwei Personen, die Deutsche, Lehrer, Autofahrer, Väter und Schachspieler sind, sich aber durch ihre äußere Erscheinung unterscheiden, weil sie nicht dieselbe Hautfarbe haben, sind im Sinne der eigenmächtigen Einteilung in Rassen – ein sogar biologistisch hirnrissig falscher Ansatz, da er die Entstehung durch langfristig geplante Zuchtwahl voraussetzt – unterschiedlich und nicht gleich viel wert. Nicht der Fokus auf einem Persönlichkeitsmerkmal macht die rassistische Gesinnung aus, sondern die sozial in langer Zeit eingeübte und institutionell musterartig durchdeklinierte Ausgrenzung einer Minderheit, die in der Gesellschaft so nicht mehr stattfinden soll.

Nur der Vollständigkeit halber: fadenscheiniges Geschwiemel der rückständigen Nanodenker, man könne doch wenigstens eine einzige Rasse als konstituierend annehmen, wenn man schon an der Kategorisierung der Menschheit festhalten wolle, ist eben dies, nämlich fadenscheinig. Nicht nur ist das ein Paradoxon, das letztlich die Schuldlosigkeit der Extremisten durch die Hintertür hereinlässt, es öffnet auch die Vordertür für einen Rassismus ohne Rassen, der die distinktiven Merkmale als nicht zu vereinen mit der Mehrheitsgesellschaft ansieht und dann doch wieder im alten Rassenstereotyp endet.

Mit unsäglichem Gewürge also rattern sich die Verfechter eines Rassismus gegen Deutsche das Modell zurecht, auch deutsche Schwarze seien von Extremismus betroffen – vermutlich von deutschen Weißen, aber man weiß ja so wenig – und dies sei ein eindeutiger Nachweis für die Ablehnung von Deutschen in Deutschland. So also entsteht das Bild von Faschisten, die sicher in ihrer Freizeit alle als Antifa unterwegs sind, dunkelhäutige Passanten in aller Ruhe nach der Staatsbürgerschaft zu fragen und bei positivem Test Gewalt gegen ihre Opfer auszuüben. Bemitleidenswert sind dann eben diese Nationalisten, da sie zufällig den deutschen Pass mit den Angegriffenen teilen. Genau genommen ist dies logisch, wenn die Definition der strukturellen Unterdrückung einer Gruppe aufrechterhalten wird, lässt sie doch im Umkehrschluss die Abgrenzung der Deutschen als eigene Rasse zu. Dass es kein individuelles Vorurteil, sondern stets der Ausdruck gesellschaftlicher Machtbeziehungen ist, wird von den Raumkrümmern instrumentalisiert; billiger ist kein Selbstmitleid, auf dem Mord und Totschlag köcheln und ganze Weltkriege banalisiert werden.

Denn der ganze Popanz einer herbeigesehnten Deutschenfeindlichkeit im Lande des Bettnässers von Braunau ist nichts als eine seit Reichsgründung hochgerülpste und wiedergekäute Gruselette, die suggeriert, dass die ganze Welt, und zwar aus niederen Motiven, gegen das Deutschtum an sich ist – außerhalb der Grenzen und zunehmend auch innerhalb werden wir angegriffen, und was ein echter Teutscher ist, der wehrt sich präventiv und mit allen Mitteln. Der Teutobold zückt tapfer aus dem Zylinder die Volksnotwehr, unter die er nun alles subsumieren kann, absaufende Schlauchboote auf dem Mittelmeer, brennende Flüchtlingsheime oder die gewohnheitsmäßige Pöbelei gegen den chinesischen Einwanderer, der uns Einheimischen in seinem asiatischen Restaurant sicher nur die Jobs wegnimmt, damit er uns mit Viren versorgen kann. Die almanische Grundhaltung der aggressiven Unterlegenheit, die aus der ewigen Opferrolle die gewaltsame Verteidigung ohne Angriff erlaubt, sie wird durch den halluzinierten Hass in geradezu perfekter Weise ermöglicht. Wobei es ja durchaus möglich wäre, dass man in der Welt diese Sorte von Menschen verachtet, auch und gerade in historisch gewachsener Abneigung gegen Deutsche. Aber ganz sicher nicht aus rassistischen Motiven.