Zwergenaufstand

13 08 2009

Der kleine Dieter konnte einfach nicht brav sein. Schon wieder wollte er die Schublade durchwühlen, in der seine große Schwester Ulla ihre Tagebücher aufbewahrt. „Gaga, Gogo, Tralafitti“, plärrte er und steckte der Mutter die Zunge heraus. Katharina Saalfrank zog eine Augenbraue in die Höhe. „Das Aggressionspotenzial finde ich schon auch ziemlich bedenklich. Da müssen wir mal etwas ändern.“

Der Lärmpegel in der Altbauwohnung war beträchtlich. Hier schmierte die kleine Ursula Popel auf die Küchenbank, dort schmiss der renitente Wolfgang alles in den Mülleimer. „Ich weiß auch nicht, von wem er das hat“, jammerte die Mutter, „von mir jedenfalls nicht! Er erkennt einen ja kaum noch und Respekt hat er vor mir schon gleich gar nicht mehr.“ „Ich kenne und respektiere sie“, zischelte der kleine Wolfgang, „aber wir müssen auch sehen, dass dieser Schutz in der Alltagswirklichkeit praktikabel bleibt. Verbrecher und Terroristen sind klug genug, so etwas auszunutzen. Die tarnen ihre Informationen dann zum Beispiel als Tagebucheintrag.“ Und er stopfte Ullas Tagebuch zurück in den Müll, wo schon das Grundgesetz lag. Die Super-Nanny war ratlos.

Manchmal war die kleine Ursula direkt ein Lichtblick für ihre stressgeplagte Mutter. „Sie ist so ordentlich und fleißig“, lobte sie ihr Teekind, „aber sie hat einfach einen Tick: sie macht immer alles schmutzig, damit sie Lob bekommt, wenn sie es wieder wegputzt.“ Ihr Blick fiel auf die bepopelten Polster. „Da, schon wieder! So ein Schweinkram! Verstehen Sie jetzt, was ich meine?“ Die Pädagogin nickte verständnisvoll. „Das ist jetzt natürlich sehr schwierig. Wenn sie immer wieder gelobt wird, hat sie auch immer wieder eine Motivation, alles zu verdrecken. Da müssen wir wohl ansetzen.“ Und sie nahm der kleinen Ursula, die mit einem Topf voll Blumenerde und einem Handfeger in die Küche getreten war, beides wieder weg. „Ursula“, sprach Saalfrank auf das Mädchen mit den blonden Zöpfen ein, „das verstehe ich ja, aber…“ „Das sagen Sie aus der Perspektive derjenigen, die eine gewisse technische Kompetenz haben“, gab das Engelchen spitzig zurück und griff schon wieder nach dem Besen. „Schau mal, wenn Du nicht immer alles so furchtbar dreckig machst, dann musst Du auch nicht putzen und hast viel mehr Zeit für die anderen schönen Sachen. Möchtest Du nicht mal etwas ganz Neues lernen? Zum Beispiel Blockflöte?“ Doch die Pubertierende langte noch immer nach Schrubber und Topf. „Dass das der Einstieg zu mehr ist, empfinde ich persönlich auch als eine Behauptung, weil ich immer noch weiß, wie im Rechtsstaat Gesetze gemacht werden müssen.“

Unterdessen hatte der unartige Dieter schon wieder den Nachbarn die Post geklaut. Er blätterte die Kontoauszüge durch. Die Mutter wollte es verbieten, doch der kleine Wolfgang ließ sie gar nicht erst ins Wohnzimmer hinein. „Wenn es darum geht, gezielte Informationen zur Terrorabwehr zu gewinnen, sollten die Geheimdienste direkt auf Buchungsdaten zugreifen können“, krähte Dieter und riss einen Umschlag nach dem anderen auf. Die Blagenbändigerin stemmte die Tür auf und setzte den kleinen Dickkopf einfach beiseite. „Das geht so aber nicht, Dieterle“, ermahnte sie den Rechthaber, „das kann doch nicht die Lösung sein!“ Schon wieder hatte sich Wolfgang in alles eingemischt und gab wie immer ungefragt seine altklugen Sprüche dazu: „Diejenigen, die sagen, das ist nicht die richtige Lösung, müssen bereit sein, darüber nachzudenken, was die bessere Lösung ist, denn allein mit der Kritik ist kein Problem gelöst.“ Saalfrank tupfte sich den Schweiß ab. Noch immer lamentierte die Mutter, denn jetzt hatte Ursula ihre kleinen Geschwister in der Waschküche eingesperrt, wo sie sie mit bigotten Bibelsprüchen traktierte. „So selbstverständlich, wie wir den Kindern die Muttersprache mitgeben, müssen wir ihnen Religion mitgeben.“ „Und dabei will sie doch mal Lehrerin werden“, ächzte die Mutter, „wenn das bloß gut geht!“

Inzwischen hatten sich Dieter und Wolfgang in die Haare gekriegt. Der eine stopfte den halben Hausrat in den Kehricht, der andere zerrte die Brocken wieder aus dem Ascheimer heraus. Sie balgten sich um die Kontoauszüge des Nachbarn. Der Erziehungshelferin standen die Haare zu Berge. Sie war vollkommen machtlos. Dieter fuchtelte mit einem Hockeyschläger vor ihrer Nase herum. „Sie werden hinnehmen müssen“, kreischte er, „dass der Gesetzgeber in Sachen Vorratsdatenspeicherung anderer Meinung ist als Sie! Vorratsdatenspeicherung hat mit Terrorismusbekämpfung relativ wenig zu tun! Ich wäre für die Vorratsdatenspeicherung auch dann, wenn es überhaupt keinen Terrorismus gäbe!“ Welche Korrekturmaßnahme sollte hier noch greifen? Die Knirpse tanzten der Mutter auf der Nase herum. Längst hatten sie das Regiment übernommen und probten den Zwergenaufstand. Die Erziehungsberechtigte hatte sich schon auf eine Tasse Kaffee und einen ordentlichen Schnaps zum Nachbarn geflüchtet; der nette Herr Voigt, bei dem zuweilen die Polizei zu Besuch kam, störte sich nicht am Lärm der verzogenen Rasselbande. Nur die kleine Ursula hatte nichts Besseres zu tun, als sich im Rücken der Krippenschwester aufzubauen und scheinheilig zu tun. „Jetzt droht diese großartige Familie ein rechtsfreier Chaosraum zu werden, in dem man hemmungslos mobben, beleidigen und betrügen kann!“

Da riss der Super-Nanny der Geduldsfaden. An den Ohren zog sie die kreischende Ursula auf ihr Zimmer und sperrte die Tür hinter ihr zu. Dieterle drohte mit dem Briefdolch. Sie wand ihm das Messer aus den Fingern. Wolfgang, der ihr dabei gegen die Schienbeine trat, bekam von ihr eine Ohrfeige, dass er durch die halbe Küche flog. Schwer atmend ging sie zur Tür, wo die Mutter erstaunt den Kopf hineinsteckte. „Noch ein guter Tipp für Sie“, keuchte Katharina Saalfrank, „bringen Sie die ganze Brut in die Klapsmühle. Und setzen Sie gefälligst nie wieder solche Blagen in die Welt!“