Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLXXXI): Das SUV

13 09 2019
Gernulf Olzheimer

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Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Evolution hatte nicht nur Gewinner. Während manche Fadenwurmarten, Schleimaale oder Tonnensalpen sich in ihrem jeweiligen Habitat geradezu luxuriös einzurichten wussten, nichts auf Privatfernsehen und Anrufbeantworter gaben, bekam der Hominide hier und da nicht wirklich etwas gerissen. Kriege musste er anzetteln, peinlich anmutende Frisuren zu larmoyantem Schuhwerk in der Öffentlichkeit tragen, zumal in adoleszenter Entwicklungsstufe, Einzeller mit chronischem Verstandesverlust als Machthaber von vereinigten Staaten oder Königreichen inthronisieren, wenn das nicht half: die fest eingewurzelte Überzeugung, als Mensch nichts mehr wert zu sein, wenn man nicht in einer Blechkiste voller Selbsthass kreischend die Landschaft durchpflügen. Erst da wusste Mutter Natur, dass diese Spezies als Krebsschaden zu behandeln ist und ihr wenigstens die Liebe tut, sich aus epischer Doofheit selbst über die Wupper zu schnippen. Die Atombombe wäre eine Möglichkeit, ach was: die Chance überhaupt gewesen, aber der Return on Investment ist ja minimal, denn wer würde sich so eine Wuchtwumme in den Vorgarten stellen, wenn die lobotomierten Kriegstreiber schon auf die Steuereinnahmen schielen. Nein, das lässt man die SUV-Fahrer erledigen, den Schmierfilm am Boden der mobilen Gesellschaft.

Das SUV – ja, es ist sächlich, auch wenn es in der kognitiven Konsonanz hart kompensierender Knaben wie ein künstliches Gemächt benutzt wird – ist die nahtlose Fortsetzung des innerstädtischen Geländewagenwahns, der sich dialektisch als soignierter feiert, weil er nicht so offensichtlich auf Bollerauspufftöpfe und rallyelackierte Spoilerorgien setzt wie andere automobile Psychosen. Das Erscheinungsbild des Wagens definiert sich über die Masse an verbautem Dünnblech, gerne mit majestätischer Stärke verwechselt, hier aber in der Eleganz in der Sauropodenklasse steckengeblieben und dementsprechend wendig. Das Gerät ist in der City, für die es ja gedacht ist, denn wo sonst wird man damit genug Publikum beeindrucken können, allenfalls so sinnvoll wie ein Mähdrescher, mit dem man zwei Fahrspuren plus Radweg und Gehsteig zuparken kann, wenn man eine Einheit Kind in der Primarschule abliefert, wobei landwirtschaftliche Großmaschinen noch den Vorteil besäßen, dass sie unwegsames Gelände rumpelnd unter sich ließen, ansonsten den Weg zum Einsatzort aber sicher und solide erreichen würden. Wer ein SUV erwirbt, hofft offensichtlich auf eine legale Möglichkeit, Baustellen und Verkehrsinseln wegzuschwiemeln, wie es sonst mit der Frontschürze tiefergelegter Bolidenimitate erfolgreich versucht wurde. Der Formel-1-Darsteller schätzte noch die Nähe des Straßenbelags, an der sich sein Gummi abrieb, der ins intellektuelle Rentenalter driftende Motorist aber will die Kiste höher, und braucht deshalb auch zwingend den Kolbenhub eines Dreißigtonners.

Denn tiefer ist sportlich, höher ist Krieg. Und nein, es geht nicht um den üblichen Bürgeraufstand, in den sich die geistigen Tiefflüge wohlstandsverwahrloster Bumsbirnen einpassen. Es ist der im öffentlichen Verkehr ausgetragene Krieg um die gesellschaftliche Dominanz einer Kaste, die sich die Erde aus Gewohnheit untertan macht. Diese soziale Zusammenrottung karrt selbst den Nachwuchs in die Kita, obwohl er ihnen in Bezug auf den Klimawandel reißpiepenegal ist. Das bei Kerzenbeleuchtung einsetzende Gewissen, den Schadstoffausstoß auf olympischem Niveau forciert zu haben, wird mit der Pinkeltaste ausgeglichen, gerne auch auf der Kreuzfahrt. Ansonsten aber bekennt sich der Realitätsallergiker frohgemut zur nationalen Variante seines Verfassungszusatzes, der ihm das offene Tragen von Waffen gestattet – das Wettrüsten der Klötenkönige ist in vollem Gange, und mit dem Argument, höher zu sitzen und den immer aggressiveren Verkehr besser zu beobachten, kaufen die Ichlinge einen Citytraktor nach dem anderen, wohl wissend, das der Markt sich nach den Gesetzen von Dummheit und klassischer Mechanik nicht nur sättigt, sondern auch ausgleicht. Jetzt ist noch möglich, Fußgänger mit Kinderwagen und Radfahrer vom Hochsitz schneidig zu übersehen, mit vollem Stoßgewicht an parkende Kleinwagen zu quetschen und vom Asphalt zu radieren. Doch das Fenster schließt sich jäh, mit steigendem Anteil von Kampfpanzern in Metallic wächst auch proportional die Wahrscheinlichkeit, selbst eine Elefantiasis auf Rädern ungebremst in die Flanke zu kriegen, wo Beten besser hilft als ein Seitenaufprallschutz. Aber Newton betet nicht mehr, und wer in Quarta seine Physikstunden mit Schundheftchen unter der Bank zugebracht hat, der lernt es eben jetzt.

Es funktioniert wie mit Schusswaffen; sobald jeder eine trägt, nivelliert sich die Gefahr, allerdings auf einem erheblich höheren Niveau. Sinkt auch die Notwendigkeit, die eigene Knarre einzusetzen, um eine zünftige Schießerei anzuzetteln, irgendeiner hat seine Wumme schon dabei und kriegt schnell nervöse Finger. Je mehr naturverbundene Bürger in der Fußgängerzone jetzt noch eine Jagdwaffe mit sich führen müssen, ist eine Frage der Zeit – die bürgerliche Freiheit kennt ja keine Grenzen. Was den Verkehr betrifft, können alle, die die Ballerei überlebt haben, fortan gemütlich im Omnibus durch die City schaukeln. Der Komfort ist eins, aber man sitzt dort noch viel höher. Und darauf, wir glauben es ihnen, kommt es ja bei der inneren Sicherheit an.





Gernulf Olzheimer kommentiert (XIII): Geländewagen

26 06 2009

Gernulf Olzheimer

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Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Alles im Leben ist irgendwann Geschichte, die erste Liebe, der erst Kuss, der erste Fußpilz. Gerade noch Gegenwart, jetzt schon vorbei und verweht. Was für die Ewigkeit sein soll, muss in Stein gemeißelt sein. Oder wenigstens so dauerhaft wie eine solide Impotenzneurose. Hauptsache, es kratzt so richtig tief ins Selbstbewusstsein rein und verursacht dauernde Schmerzen. Dagegen helfen nur massivere Therapieansätze. Von hier nahm der Siegeszug des Geländewagens seinen Ausgang.

Ein abgefeimtes Komplott aus Autoherstellern, Werbeagenturen und gerissenen Händlern versucht jeden noch so schmutzigen Trick, um dem motorisierten Möchtegern einen Blechsarg mit vierschrötigem Getriebe unter den Hintern zu schwatzen. Der Erfolg gibt ihnen Recht. Kein Stenz traut sich mehr ohne eine Karosse im schmucken Panzerhaubitzendesign in die feindliche Außenwelt, in der miese Machos in Mittelklasselimousinen ihnen den Schneid abzukaufen drohen. Den Behämmerten mit der Ego-Atrophie reicht zum bescheidenen Glück sogar ein von Beulen übersäter Lada aus dem Baujahr 1980, um aufkeimendes Leben in der Hose zu spüren: hier ist er Mann, solange das Sperrdifferential ordentlich über die Krume hobelt. Versteift sich erst der Antriebsstrang, wird der Rest von alleine hart.

Der geschulte Beobachter erkennt den Vollgas-Idioten am Komplettausfall seiner ästhetischen Fähigkeiten. Anders ist es nicht zu erklären, wie sich herdenweise gestandene Schlappschwänze aus freien Stücken in Wagen setzen, deren Karosserie anmutet wie mit der Axt aus einem Block Altmetall gekloppt. Die Kiste dankt es einem mit einfachster Technik aus wenigen Bauteilen, die im Falle eines Falles am Stück verreckt, und mit der Aerodynamik eines durch die Landschaft gurkenden Garagentors. Hei, wie hübsch lässt sich aus dem Hubraum eines Flugzeugträgers der Sprit in die Gegend blasen! Jeder Schaltvorgang wird zum knarzigen Erlebnis, jedes röhrende Anfahrmanöver an der Ampel gibt einem das gute Gefühl, die Weltgeschichte mit ausreichend Abgasen versorgt und das Klima ein Stück kuscheliger gemacht zu haben! Abgesehen von diesen Produktvorteilen ist die Karre einfach nur die perfekte Fortbewegungsmöglichkeit in den letzten Rollen, die ein echter Mann auf der dünnen Asphaltdecke seiner beschissenen Existenz noch spielen kann: Daktari und Krieg. Ihre Synthese ist unmöglich, wird aber beharrlich versucht, zumal im Habitat des Geländewagens: im Stadtverkehr.

Denn nirgends offenbart sich die Sinnlosigkeit der Präriepanzer tiefer als auf dem langen, entbehrungsreichen Weg von der Doppelhaushälfte zur Videothek und zurück. Der Weg ist das Ziel, und der führt durch Tücke und Fährnis. Nur die wahre Mannestat kann hier bestehen. Tatternde Rentner, die im Rollator den Fließverkehr stocken lassen, holt der heroische Kombattant ebenso von der Straße wie sorglose Kinder auf dem Kickboard: mit dem Stoßfänger. Ist es etwa seine Schuld, dass in Wesel-Ginderich das gemeine Nashorn schon vor Jahrmillionen die Biege gemacht hat und Bwana mit dem groben Reifenprofil nun mutterseelenallein den Burnout vor dem Zigarettenautomaten hinlegen muss? Die Welt ist herzlos, die Frontschürze auch.

Den fließenden Übergang von Safari und Waffengang markiert der obere Drehzahlbereich, in dem der Bescheuerte das Getriebe noch einmal kurz aufröhren lässt, bevor er mit sattem Geräusch eine Einheit Kleinwagen an der Leitplanke in die Zweidimensionalität überführt. Nach erfolgreicher Materialkaltverformung begreift er, wie sein Altruismus nicht nur die Rentenkassen zu entlasten hilft; er ist zugleich der Erfüllungsgehilfe der Todessehnsucht ungezählter Winzkraftwagen, die es alleine dank ABS, ESP und Airbag nie aus eigener Kraft über den Jordan geschafft hätten. Dafür nimmt er es gerne hin, dass seine eigenen Chancen im Ernstfall schwinden; sein orthogonal geformter Bolide macht es dem Elch leicht und legt sich im Schleudergang elegant auf die Seite, weil der Grip unten nicht mit dem Schwerpunkt oben korreliert. Aber wer würde schon gerne mit Karacho fahren und dann unspektakulär in die Grasnarbe beißen?

Denn letztlich dient die hohe Bodenfreiheit nicht der Einsatzbereitschaft in Gegenden, wo die kasachische Regierung gerade neue Geröllhalden in der Hungersteppe anlegt, der Motormane erklimmt seine rollende Plateausohle mit der Trittleiter wie der Märchenprinz sein Ross, um der Schönen am Bordstein von oben zuzuwinken und simultan einen Blick in die sekundären Geschlechtmerkmale zu werfen. Er hofft, das Aufziehen von Breitschlappen heile ihn endlich von seiner Profilneurose und will endlich die rohe, animalische Sinnlichkeit, wie er sie seit seinen verschwiemelten Pubertätsträumen mit sich herumschleppt. Da steht die Traumfrau, bereit zum Äußersten, und nur die Böschung fühlt sein Beben. Ende vom Lied: der Trottel schmirgelt sich in der Eierfeile die letzten Bandscheiben weg und erleidet beim Aufritt einen Hexenschuss. Sanitäter heben ihn von der Alten. Die poppt nun mit dem Studenten, der die rostige Ente fährt. Aus der Traum. Scheißleben.