Da helfen keine Pillen

27 04 2010

Vorsichtig setzte ich die Schutzhaube auf den Kopf. „Passt perfekt“, lobte Doktor Mierendörfer. „Sie haben einen Pharmazeutenkopf, wussten Sie das?“ Das war mir tatsächlich neu; die einzige Affinität zu jenem Berufsfeld hatte mir mein alter Lateinlehrer bescheinigt, der mir sagte, ich hätte die Handschrift eines Arztes – die Entzifferung einer Klausur über die Menaechmen übernahm ein Apotheker, wie er mir weismachte. Aber denen glaubte ich sowieso nur die Hälfte.

„Schauen Sie sich diese Maschine an. Eine wunderbare Maschine! Sie kann fast drei Tonnen Tabletten am Tag pressen, und sie ist dabei äußerst flexibel.“ Mierendörfer legte einen kleinen Hebel am Steuerpult um. „Jetzt schauen Sie mal.“ Die flachrunden Pillen schienen ein wenig dunkler. Er griff in den Strom der fallenden Ellipsoide und griff sich einige heraus; auf der flachen Hand zeigte er mir die Arznei. „Schauen Sie ganz genau hin – fällt Ihnen etwas auf?“ „Sie sind ein bisschen dunkler.“ Mierendörfer nickte wohlwollend. „Gut beobachtet, und woran liegt das?“ Ich zuckte die Achseln. „Es liegt an der Oberfläche, diese kleinen Noppen werfen Schatten auf die Oberfläche. Nehmen Sie ruhig einmal eine in die Finger.“ Das Ding fühlte sich rau und ungeschliffen an wie Sandpapier. „Das ist sicher erst der Prototyp, habe ich Recht?“ Der Medikamentenmacher krauste die Stirn. „Oh nein! Das Produkt ist vollkommen ausgereift, wir haben es durch eine lange Testreihe geschickt und dabei festgestellt, dass es in seiner Wirkung nicht mehr zu verbessern ist.“ Das aber verstand ich nun nicht. „Versuchen Sie eine“, ermunterte der Doktor mich. „Sie werden es schon finden.“ Doch das Ding ließ sich einfach nicht schlucken – die Pickelchen auf der Oberfläche scheuerten wie Widerhaken. „Sehen Sie? Halswehtabletten! Zwei bis drei Stück, und Sie haben die prächtigsten Schluckbeschwerden!“

Beißende Dämpfe wehten durch die Halle. Es roch wie ein Grillunfall. Meine Augen begannen zu tränen und ich musste unwillkürlich keuchen. „Was ist denn das hier“, japste ich. Mierendörfer reichte mir umgehend eine Wäscheklammer. „Pardon“, näselte er, „sie hätten die hier aufsetzen sollen. Atmen Sie flacher, sonst kommen Sie zu sehr in den Genuss unseres Heiltranks. Sehen Sie den Kessel dort drüben?“ Er führte mich an den Rand eines großen Bottichs, in dem es kräftig blubberte. Blasen kamen an die Oberfläche, denen beim Zerplatzen heiße Dünste entströmten. Ich begriff schlagartig. „Dann muss das hier also Hustensaft sein?“ Der Pharmazeut strahlte. „Sie haben es begriffen!“

Ein altertümlicher Fahrstuhl brachte uns ins Tiefgeschoss. Während die Drahtkabine ratterte, stellte ich mir schon vor, wie es bei der Herstellung von Kopfschmerztabletten zuginge. Der Korb hielt an; ein Glöckchen bimmelte und entließ uns auf einer Plattform, auf dem ein kleiner Pillenautomat stand. Das Ding surrte wie eine Kamera. „Kein Wunder“, klärte Mierendörfer auf, „hier werden ja auch Filmtabletten hergestellt.“ Ein vorsintflutlicher Schalltrichter krönte das Gerät, das unermüdlich einen alten Ragtime vor sich hin dudelte. „Zum Dragieren verwenden wir nämlich nur Schellack.“

Gelbe Kapseln, rote Kapseln, blaue Kapseln – am Ende des Laufbandes fielen die grünen neben den brauen Kapseln in einen Bottich neben den blassrosa-orange-gestreiften Kapseln. „Unsere innere Abteilung“, belehrte Doktor Mierendörfer mich. „Hier haben wir es vorwiegend mit Magen-Darm-Erkrankungen zu tun.“ Ich runzelte die Stirn. „Das hieße ja in letzter Konsequenz, dass Sie Medikamente herstellen, die Krankheiten auslösen. Wie verträgt sich das mit dem Hippokratischen Eid?“ „Ach wo!“ Er lachte hell auf und griff in die bunten Zuckerpillen. „Diese hier beispielsweise machen nur enormes Völlegefühl, wie nach einer zu großen Portion Bratkartoffeln. Ansonsten passiert da gar nichts.“ „Aber das hieße ja letztlich, dass alle diese Medikamente…“ „… Placebos sind“, bestätigte er, „richtig erkannt. Sie haben wirklich einen Pharmazeutenkopf.“ „Und worin besteht dann die Forschung, die Sie hier betreiben? Immerhin sind Sie doch Leiter der Forschungsabteilung, wenn ich mich recht entsinne.“ „Allerdings“, bestätigte Mierendörfer. „Denn nur mit etwas Milchzucker ist es ja in einem Placebo nicht getan. Es braucht Nebenwirkungen.“ „Nebenwirkungen?“ Er nickte.

Ich griff nach einer Packung und zog den Waschzettel heraus. Die Filmtabletten versprachen Übelkeit, Drehschwindel, starke Schweißausbrüche, krampfartige Magenschmerzen und depressive Verstimmung. „Das würde man doch mit zwei Pullen schlechtem Rotwein auch hinkriegen“, sagte ich und rümpfte die Nase. „Aber Sie hätten auch Kopfschmerzen“, trumpfte Mierendörfer auf. „Die macht unsere Tablette eben nicht.“ „Und wozu das alles? Wozu dieser Zauber mit den Wirkungen, die keine sind, und den Nebenwirkungen, die die Hauptwirkungen sein sollen?“ Er faltete die Hände vor dem Bauch. „Schauen Sie“, begann er, „es ist ja so: es wirkt ja doch nichts. Ob Sie die Tabletten nun schlucken oder wegwerfen – alles eins. Und da sollen wir nun (5S,10R)-5-Benzyl-12-hydroxy-2-methyl-9,10-dihydroergotaman-3,6,18-trion und Chinin und andere Stoffe mühsam herstellen, wenn sie doch im Ausguss landen?“ „Aber warum dann die Nebenwirkungen?“ Mierendörfer lächelte feinsinnig. „Wenn es tatsächlich jemand nimmt, muss es die haben – was keine Nebenwirkungen hat, wirkt doch gar nicht, oder? So, und jetzt lassen Sie uns weitergehen. Sie wollen doch bestimmt die neue Rheumasalbe ausprobieren?“