Gesprächstherapie

7 02 2012

„Was machen denn Sie hier?“ Angesichts der Tatsache, dass ich unter einem Frisierumgang in der Maske saß und abgepudert wurde, schien mir die Frage gar nicht einmal so unlogisch. „Ich warte auf den Sechs-Uhr-Zug“, teilte ich Kröllhuber mit, „das ist doch hier der Westbahnhof?“

Allerdings hatte ich wirklich nicht die leiseste Ahnung, wie ich hier hineingeraten war. „Kommen Sie Dienstag gegen drei, wir zeichnen die Sendung nämlich live auf.“ „Wer spricht“, fragte ich in den Hörer, „wo komme ich hin?“ „Sie stehen bei uns in der Kartei“, ließ mich die Dame am anderen Ende wissen. „Sie führen Sie als Experten in unserer Datenbank. Für Regionalküche, Wasserwirtschaft und Beethovens späte Streichquartette. Seien Sie pünktlich, es geht um die Zukunft der Demokratie.“

Mit Hannes Weißbrod, dem pointierten Kritiker von Windkraftanlagen im öffentlichen Raum, stand ich auf dem unbeheizten Flur zwischen Garderobe und Studio B. „Die wollten schon am Vormittag drehen, aber das kommt mir gar nicht in die Tüte!“ Der Atomlobbyist stopfte seine Fäuste tiefer in die Hosentaschen, um sein Zittern zu verbergen. „Und für eine Sendung über österreichische Lyrik – also bitte, da haben sie doch sonst genug Schauspieler und die FDP auf Lager! Wer guckt sich denn diesen Mist an?“ „Lyrik“, fragte ich entgeistert, „mir haben sie etwas von Politik erzählt!“ „Ist doch dasselbe“, winkte Weisbrod ab, „die nehmen sich irgendwas für die Programmzeitschriften – ‚Werden wir alle sterben?‘ – und dann geht’s doch wieder nur um die aktuelle Wahlprognose. Glauben Sie nicht, Sie könnten mir noch was vormachen, ich bin lange genug dabei!“ Eberhard Nölle, der nicht ganz so begabte Sportmoderator, dessen Fußballberichte regelmäßig für ansehnliche Abschaltquoten sorgten, stolperte den Gang entlang und trat umständlich eine Kippe aus. „’tschuldigung, wo ist hier die Zukunft der Demokratie?“ „Wenn Sie sie nicht haben“, knurrte ich, „ich habe sie auch nicht.“

Kröllhuber fand die Tatsache, mit dem Sprecher eines Energiekonzerns und einem verbeamteten Sportjournalisten zusammen Chancen und Risiken moderner Rapmusik zu diskutieren (wer auch immer ihn eingeladen haben musste, hatte einen gut funktionierenden Humor), wenigstens so gefährlich wie den Umstand, mit mir in einem Raum zu sitzen. „Sie arbeiten für Geld“, zischte er mir zu. Ich gab ihm mein Bedauern zum Ausdruck. „Zahlen Sie meine Steuern“, schlug ich ihm vor, „dann wollen wir gerne noch einmal darüber reden.“

„Das Publikum ist upgewarmet“, verkündete die Moderatorin. „Sie brauchen bloß ihrem Briefing zu folgen, aber Sie wissen das ja schon.“ „Action!“ Der Regisseur schnickste mit den Fingern und setzte die ganze Maschinerie in Gang. Auf dem Monitor vor uns sahen wir, wie unsere Gesichter eingeblendet wurden – erst jetzt wurde mir bewusst, dass dieses Foto von mir auf der Weihnachtsfeier nach dem Genuss etlicher Tassen Punsch gemacht worden sein musste – und hörten den Applaus der Studiogäste. „Herr Nölle“, wandte sich die Ankerfrau entschieden an den Sportkollegen, „steile Thesen – kann man das denn so sagen?“ „Ich denke“, dozierte der Angesprochene, „dass wir es hier mit einem Problem zu tun haben, das wir ohne eine wissenschaftliche Perspektive gar nicht werden lösen können. Überhaupt sollten wir uns einmal darüber im Klaren sein, dass wir diese Lage ganz anders sehen müssen als noch vor beispielsweise dreißig, vierzig oder hundert Jahren – allgemein ist der gesellschaftliche Fortschritt…“ „Keinesfalls“, unterbrach ihn Weißbrod. „Sie haben, ich verstehe das natürlich gut, die Perspektive eingenommen, die Ihnen als einem – lassen Sie mich das durchaus einmal so formulieren – spätbürgerlichen…“ „Ganz recht, krähte Kröllhuber. Doch die Moderatorin würgte ihn mit einer knappen Handbewegung ab. „Also, Herr Nölle: wie war noch mal die Frage?“ „Ich äääh…“ Der Produzent guckte gelangweilt aus der Kulisse. „Dasselbe gleich noch mal“, sagte er. „Das schneiden wir dann rein.“ „Wir sollten“, führte Weißbrod aus, „auf verfassungsrechtliche Implikationen achten – dieses unser Land ist doch erheblich mehr als eine…“ „Genau das wollte ich ja immer schon sagen!“ Kröllhuber stemmte sich im Sitz empor. Die Moderatorin guckte zur Seite. „Schneiden wir dann raus“, murmelte der Producer.

„Und Sie denken, man müsste die aktuelle Lage noch viel kritischer sehen?“ Ich fühlte die Augen wie Nadelstiche auf mir; das Blut schoss in meinen Kopf, aber ich bewahrte die Ruhe. „Es wäre ja ein Wunder, wenn irgendjemand zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch etwas Kritik formulieren würde“, schnappte ich zurück. „Offensichtlich ist es längst nicht mehr erwünscht, die aktuelle Lage als eine für Europa durchaus schwierige Entwicklung – und das sage ich hier auch explizit vor dem Hintergrund, dass es dieser Bundesregierung einfach an Fachkompetenz mangelt, das Problem nur halbwegs realistisch einzuschätzen!“ Applaus brandete auf. Weißbrod atmete tief ein, um mir ins Wort zu fallen, doch Kröllhuber war schneller. Zornesrot zappelte er in seinem Sesselchen herum und keifte los, als das Klatschen sich noch nicht ganz gelegt hatte. „Und natürlich haben wir es nicht nötig, dass diese Neger hier alles dürfen, wo sie noch nicht einmal anständig singen können!“ Das Lächeln der Moderatorin wurde unmerklich schmaler. „Wir besprechen die Rolle Afrikas als Rohstofflieferant der EU“, informierte sie den Innenpolitiker. „Aber auch an Sie die Frage: was sollte unsere Diskussion in den nächsten Jahren bestimmen?“ Kröllhuber giftete zu mir herüber. „Es gibt da eine Frage, die im Raume schwebt“, orakelte ich. „Wir sollten viel mehr über die Zukunft der Demokratie sprechen.“





Frontal

27 09 2011

„Schaggeline, ich hab Dich gesagt, Du sollst mit den Mann da mitgehn!“ Das aufwendig tätowierte Ding im strassbesetzten Jeansanzug wedelte mit seinen dicken Armen durch das Studio. „Nu mach das auch, Schaggeline – und denn lass Dich das Geld in bar geben, hörst Du?“ Siebels verzog keine Miene. Wie sollte er auch. Schließlich hatte er sich das hier selbst eingehandelt.

„Und Sie setzen mich bitte nicht direkt neben diesen linken Typen!“ Reinhold Stoible wackelte nervös auf seinem Hocker herum. Die Mutter und ihre 15-jährige, deutlich schwangere Tochter irrten noch immer im Studio umher; der Beleuchter kümmerte sich nicht um sie, die Regieassistentin stellte sie teilweise ruhig und teilweise einfach an die rechte Seite. „Ich meine, ich muss doch nicht neben dem sitzen?“ Der Landtagsabgeordnete war gar nicht zu beruhigen. Siebels drehte sich mürrisch zu ihm um. „Nein, Sie werden nicht neben ihm sitzen, weil es ich ihm versprochen habe. Er kann Sie auch nicht ausstehen. Und er ist sowieso erst heute Nachmittag dran.“ Der Politiker schien für einen Moment beruhigt, da gab ihm Siebels das verabredete Zeichen. „Und bitte – auf Position! Ihr Auftritt!“ Ein paar Takte Plastikmusik dudelten aus dem Lautsprecher, während Stoible in die Kamera stolperte. „Der Mann ist grauenhaft“, konstatierte Siebels, die graue Eminenz der Fernsehmacher. „Wirklich schlimm. Ich bin echt froh, dass ich ihn gefunden habe.“

Ich reichte ihm einen Becher mit frischem Kaffee. „Er hat den Auftritt halbwegs hingekriegt.“ Der TV-Erfinder blickte zufrieden auf die Szene. Doch wo war die Moderatorin? „Sie warten auf die vertragliche Beistellblondine? Vergessen Sie’s. Wir haben keine.“ „Eine Talkshow ohne Moderatorin“, fragte ich verwundert, „wie soll das funktionieren? Und warum?“ Er nippte an dem heißen Gebräu. „Gar nicht. Deshalb ist es ja auch keine Talkshow.“ Stoible hatte unterdessen die Beine um den Stuhl gewickelt und blinzelte ins Scheinwerferlicht. Da kam Jacqueline aus der Dekoration und schritt auf die Bühne zu. „Und jetzt“, verkündete Siebels mit ironischem Unterton, „passen Sie mal gut auf. Da können Sie noch etwas lernen.“

„Sie können die doch nicht einfach so neben mich setzen – hallo? Ist da jemand?“ Siebels gluckste; der Anzugträger wrang bereits an den Stuhllehnen herum und knotete die Knie übereinander. „Was machen Sie überhaupt hier? Das ist eine anständige Sendung!“ „Was machen Sie denn dann hier“, giftete der Teenager zurück. „Und überhaupt, wer sind Sie eigentlich? Hat Ihnen keiner beigebracht, dass man sich einer Dame vorzustellen hat?“ „Dame?“ Stoible wurde bereits hysterisch. „Ich sehe hier keine Damen!“ „Ich geb Sie keine Dame“, keifte es aus der Kulisse. „Sie benehmen sich meine Frau Tochter gegenüber anständig, sonst mach ich Sie Ärger!“ „Was macht der Typ hier eigentlich? Ich wollte doch heute das Testergebnis kriegen, ob das Kind jetzt von Ronny ist?“ Ich stöhnte; Siebels kicherte leise auf. „Ich wusste, Sie würden es lieben.“

Stoible richtete sich kerzengerade auf und suchte die Kamera. „Nehmen Sie das auf? Dann sage ich Ihnen hier an dieser Stelle, dass wir eine bessere Grundausbildung in der Bundeswehr brauchen, weil wir inzwischen eine Quote von über 22% haben, die den Wehrdienst bereits in der Probezeit – hören Sie mir eigentlich zu?“ „Ich hatte nicht vor, mich freiwillig zu melden.“ Siebels grinste. „Darüber hinaus sollten Sie vielleicht die Verpflichtungsprämie zur Kenntnis nehmen sowie die Tatsache, dass die Versorgungsanwartschaften bei einem Wechsel in die Wirtschaft…“ Siebels nippte an seinem Becher und dehnte sich behaglich. „Jetzt passen Sie gut auf. Diese Leute sind so wunderbar vorhersehbar.“ Stoible hatte längst die Nerven verloren. „Ich muss mich hier doch nicht mit sozial verwahrlosten Jugendlichen aus dem Prekariat herumschlagen“, kreischte er, „ich will auf der Stelle den Programmdirektor sprechen! Auf der Stelle, hören Sie?“

„Also versuchen Sie gerade, zwei Talkshow-Formate ineinander zu pressen?“ Der Fernsehmann schüttelte den Kopf. „Nicht die Sendung, sondern die Personen. Wie Sie sehen, bestehen bereits die ersten zarten Bande zwischen unseren Darstellern.“ In der Tat gingen die Beschimpfungen mit unverminderter Heftigkeit weiter. „Lassen Sie mich doch in Ruhe mit Ihrem Mist“, schrie Stoible. „Kriegen Sie lieber Ihr verpfuschtes Leben auf die Reihe, statt weiter auf meine Kosten zu leben!“ „Sie müssen das richtig einordnen“, belehrte mich Siebels. „Wenn Jacqueline von diesem jungen Mann ein Kind bekommt, ist das für sie durchaus eine existenzielle Entscheidung – ob irgendjemand diesen rechtskonservativen Hinterbänkler in der Glotze sieht, interessiert hingegen keinen.“ „Warum zeigen Sie ihn dann“, fragte ich verwirrt. „Um dem Zuschauer klarzumachen, was er von seinen Protagonisten erwarten kann.“

Unterdessen war der Streit eskaliert. „Sie liegen mir auf der Tasche“, pöbelte Stoible. „Lassen Sie mich die Schaggeline in Ruhe“, brüllte die Mutter dagegen, „wenn die ihr Abitur haben tut, dann geht sie zu ihr Vater sein Hotel und tut ihre Ausbildung machen!“ Stoible glotzte. „Wir hätten ihn besser briefen sollen“, sagte Siebels und knüllte den Becher zusammen. „Der Familie gehören immerhin zwei Hotels und einige größere Waldstücke bei Bad Schlirfingen.“ Er schmiss den Papprest in den Abfalleimer. „Aber seien Sie froh. Sie müssen den Mist nur einmal sehen.“





Vor uns die Sintflut

18 01 2011

„Auf jeden Fall was mit Ausländern!“ Stifter schob energisch seine Brille zurecht; die anderen zogen die Stirn in Falten, nagten an der Unterlippe oder starrten einfach Löcher in die Luft und warteten, dass den anderen etwas einfiele. Siebels schwieg. Er war diesmal nur Beobachter. „Sagen Sie mal“, fragte ich ihn, „wird auf Redaktionssitzungen nicht üblicherweise erst einmal der Inhalt besprochen?“ Der große Fernsehmacher nickte. „Üblicherweise, ja. Aber was ist schon normal heutzutage. Und was ist heutzutage schon normal in einer Talkshow.“

„Also mit Ausländern“, wiederholte Stifter, sichtlich nervös und inzwischen leicht verärgert, weil dem Team nicht viel Neues in den Sinn kam. Eine kleine Blonde meldete sich schüchtern. „Und wenn wir das mit der illegalen Einwanderung nach Amerika…“ „Deutschland“, fiel Stifter ihr ins Wort. „Es ist Deutschland hier, kapiert? Wir können dem Zuschauer nicht irgendwelche Themen vorsetzen, die außenpolitische Zusammenhänge voraussetzen. Die Leute sind dumm, klar? Und dabei soll es auch bleiben.“ Verängstigt schlug sie die Hand vor den Mund. Doch Stifter war noch nicht am Ende. „In der nächsten Ausgabe macht Fratzberg etwas über die gefährlichen Einwanderungsbewegungen nach Griechenland, und Dienstag ist bei Schreckmann eine Sendung, wie der Sozialbetrug fast Frankreich ruiniert hätte, wenn er denn stattgefunden hätte.“ Petershagen, der unrasierte Typ mit der dicken Hornbrille, rümpfte demonstrativ die Nase. „Dass das Themen sind, die nur mit außenpolitischem Hintergrundwissen Sinn machen, ist Ihnen natürlich sofort aufgefallen.“ Der sarkastische Ton in seiner Stimme drängte Stifter in die Defensive. „Ich weiß selbst, dass das global bedeutsam ist.“ Da zog Petershagen genüsslich die Schlinge zu. „Also kein für Deutschland relevantes Thema, richtig?“

„Das verstehen die hier unter inhaltlicher Auseinandersetzung?“ Ich war empört, aber das brachte Siebels überhaupt nicht aus der Fassung. „Von Inhalt hat hier keiner etwas gesagt.“ Er nippte an seinem kalten Automatenkaffee. „Wenn Sie ab und zu Die Härte mit Hans Fratzberg ansehen, werden Sie feststellen, dass eine Sendung nur marginal mit dem Titel zu tun hat.“ „Also wird hier nur das Thema erfunden?“ Beinahe gequält sah mich Siebels an; ich begriff, als er antwortete: „Eben nicht. Das Thema ist so gleichbleibend wie egal, es geht um den Titel. Ohne einen effektiven Titel schaltet keiner die Glotze ein.“ „Und Sie glauben, dass das wirkt?“ „Haben Sie mal die Einschaltquoten gesehen?“ Ich verneinte. „Sollten Sie aber. Und Sie sollten sich auch dafür interessieren, was in diesen Sendungen geboten wird.“ Er zupfte ein Papier aus seiner Mappe. „Kalenderwoche vierzig: ‚Bänker, Bonzen, Boni – Wer vergeudet unser Geld?‘ Es kam klar heraus, dass Arbeitslose geldgierige Schmarotzer sind. Kalenderwoche einundvierzig: ‚Euro-Krise und kein Ende – Deutschland in der Schuldenfalle.‘ Tenor der Sendung war, dass die Arbeitslosen das Land ruinieren und zum stalinistischen Terrorstaat ummodeln wollen. Kalenderwoche zweiundvierzig: ‚Mission Impossible – Die Rache der Taliban!‘ Es ergab sich…“ „… dass die Arbeitslosen durch ihre unverschämten Forderungen nach Grundrechten dem Krieg in Afghanistan die finanzielle Basis entziehen und daher eigentlich wie Terroristen als rechtlose Personen verfolgt werden müssten.“ Siebels schmunzelte. „Ah, Sie haben die Sendung also doch gesehen?“

Inzwischen hatte Petershagen schon die Leitung an sich gerissen. „Natürlich wollen wir auch den sozialen Aspekt betonen“, verkündete er. „Kinder, Bildung, solche Sachen eben. Oder etwas über die Entbehrungen der Oberschicht.“ Ein dicklicher Glatzkopf schnippte mit den Fingern. „Hier, die Kinder kriegen nicht jeden Tag ein neues Pony geschenkt, obwohl die Eltern dazu durchaus in der Lage wären. Disziplin als Ziel in der vorbildlichen Erziehung.“ „Lensing“, ätzte die Hornbrille, „Sie wissen aber schon, dass wir das nicht machen können? Denken Sie vielleicht mal mit? Oder sind Sie damit schon intellektuell überfordert?“ Der Kahle murmelte etwas vor sich hin von Sozialporno und verantwortungsvoller Mediendarstellung, doch Petershagen machte seiner Empörung Luft. „Haben Sie den Sendeplan denn gar nicht mehr im Kopf? In zwei Wochen sendet Kreischzwerger ihre Show mit den drei Millionären, die ihren Kindern zum 18. Geburtstag keine Segeljacht schenken. Da können wir doch nicht fünf Tage später denselben Stoff nehmen, das gibt doch Stress mit den Darstellern!“

Siebels schloss für einen Moment die Augen, als kämpfe er gegen eine plötzliche Müdigkeit an. „Hatte ich Ihnen zu viel versprochen?“ „Es ist wirklich die Sintflut“, nickte ich, „aber so schlimm hatte ich es mir nicht vorgestellt.“ Er blickte ins Leere. „Sie schieben es vor sich her. Es wird eines Tages über uns hereinbrechen und wir werden sagen, wir hätten es wohl aufhalten können, wenn wir nur darauf regiert hätten. Die Sintflut liegt noch vor uns, aber es ist klar, dass sie kommt. Wir haben selbst die Dämme brechen lassen – alle Dämme.“ Er tastete nach seinen Zigaretten. „Kommen Sie“, sprach er heiser. „Ich brauche jetzt frische Luft.“

Während wir den Raum leise verließen, hörte ich noch, wie Petershagen hasardierend durch neue Themen stolperte. „Internet ist natürlich auch gut“, beschwor er die Redakteure, „da können wir auch voll auf die Kerninkompetenz der Zuschauer setzen. Was halten Sie denn von ‚Google, Facebook & Co. – Deutschland fast vernichtet im Würgegriff der Datenschnüffler‘?“





Gernulf Olzheimer kommentiert (LXXX): Polittalkshows

29 10 2010
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Sonne sinkt. Zwei bis drei Kleingebinde Bier hat sich der Durchschnittsdussel schon in die Birne geziegelt, die Lider fallen in Schlafstellung, da kündigt der Glotzkasten jäh die Apokalypse an: der Untergang des Abendlandes steht unmittelbar bevor, die Menschheit schmilzt ab, die Polkappen kriegen kein Abitur auf die Reihe, die Migranten migrieren in die Migräne, das Gesundheitssystem hat zu wenig Stasi und der Sozialstaat ist auch nicht mehr das, was er nie war. Überfallartig rauscht der Schmadder auf die Hirnrinde, klöppelt Pflöcke in den weichen Wabber und versenkt Elektroden, wo die Schmerzreize von Florian Hinterseer und den Jacob Sisters Brandspuren hinterlassen haben. Dem Polittalk, der letzten zivilisatorischen Annäherung an alttestamentarische Körperstrafen, entkommt man nicht ohne Gefahren für Leib und Leben.

Blutleere Blitzbirnen, Illner, Plasberg und Will, werden aus flüssigem Stickstoff gepfriemelt, um die Sprechbewegungen ihrer Quasselstrippenzieher synchron nachzuturnen. Egal, wie das Thema auch lautet, ob Politik- oder Staatsverdrossenheit, ob Sozen auf die Wirtschaft schimpfen, die Wirtschaft über Sozen meckert oder beide über den maßlosen Bürger, der auch noch frech Lohn fordert, wo er doch schon so einen schönen Leiharbeitsplatz hat, es sind immer dieselben ausgekauten Schlauben, nichts Neues unter der Höhensonne. In der Not werden der Kadaver der Sujetunion ausgebuddelt, die Aufreger des ansonsten unbehelligt rotierenden Planeten zum trötenden Popanz aufgepumpt oder schlicht die Gesprächswünsche der Dauergäste zum Leitmotiv des Abends hochgestapelt.

Denn auch die Schar der Redeflüssigen ist von zyklischer Wiederkehr geprägt; immer dieselben Fressen aus Politik, Kommerz und Psychiatrie speicheln ihren argumentativen Dünnschleim in den intellektuellen Fußraum, lauter Apostelkohlrabi und Propheseierköpfe, wie sie PR-Brechkübelverleiher im magenerweiternden Sechserpack anbieten, stets denselben Parteien, Verbänden, Gewerkschaften, Lobby- und Selbsthilfegruppen entlaufen, die mit nie nachlassender Stumpfheit ihre Zementdenke in die Fauna kleckern, Platitüdenbingo nach Art des Hauses, um innerhalb von einer Stunde auch ja alle Vorurteile vom Stapel zu lassen, die der Stammtisch braucht: die Welt ist aus Neid gegen Deutschland, die Neger nehmen uns die Frauen weg, die Türken die Arbeitsplätze, deshalb sind die Arbeitslosen auch selbst schuld, und die Steuern müssen runter.

Längst schon kommt es nicht mehr darauf an, wer den Seich in die Kamera kippt – irgendein Neoliberallala, der alle drei Tage an anderer Stelle seine soziokulturelle Schwerstbehinderung unter Beweis stellen muss, unpopuläre Landesminister, die sich mit schräg gehäkelten Metaphern durch den nächsten Wahlkampf drücken, oder Richard David Precht, der mit der Nummer „Habe ich Argumente, und wenn nicht, wie viele“ von einem Sender in den nächsten tingelt und den Sozialphilosophen der Dieter-Bohlen-Klasse gibt – denn alles das ist nur als scheinheilig zurechtgeschwiemelte Pseudo-Diskussion gedacht, hastig austauschbare Phrasen und heißgeklebtes Gefasel zwischen Ballerformaten mit werksseitig blondierten Bumsköppen. Keine Frage wird hier gestellt, um Antwort zu finden, im Gegenteil: minutiös choreografiertes Geeier um den springenden Punkt gaukelt dem Bescheuerten im Fernsehsessel vor, es handle sich um ernsthafte Versuche, der Wahrheit einen Millimeter näher zu kommen, statt schreiend vor der Aufklärung wegzurennen. Die Lager wollen festgeschrieben sein, jede Sendung ein Kotau vor dem Denkverbot, jeglicher Einsatz der Vernunft gegen die Torheit wird durch die Seligsprechung der Lernresistenz abgebrezelt. Richtungsänderungen? Nicht mit uns, da sei unsere Leitplanke vor.

Als Widerlinge unter den Schweinheiligen geben sich soi-disant unabhängige Experten die Ehre, unabhängig vor allem von allseits bekannten Mitgliedschaften in Instituten, Organisationen und Seilschaften, allesamt so objektiv wie der Papst in einer Debatte über Schwangerschaftsabbruch. Das rülpst nicht aus reiner Erkenntnis seine Ideologeme in die Manege, das tönt nicht umsonst im Chor mit den Kollateralmaden der Parteizentralen, dass der Deutsche an sich überbezahlt sei, der Muselman ein Ballast der Republik und das korrupte Pack in den Bankvorständen ein Kränzchen duftender Jungfern. Es geht nicht um Erkenntnisgewinn, wo dieser Klüngel seine Fazialis- und sonstigen Lähmungen ins Licht hängen lässt, schon gar nicht geht es um schichtübergreifende Kommunikation, sondern um die Verewigung des bleibenden Kadavergestanks im nationalen Riechepithel: Politikverdrossenheit, Bildungsabbau, Obrigkeitshörigkeit und alle jene Formen von Dummheit, die Gemeinwesen und Gemeinsinn nivellieren, werden angefüttert und großgezogen, damit man sie als Geschwüre der jeweiligen Aktualität anprangern kann. Denn die Show muss weitergehen, Woche für Woche, zu Tode amüsiert von Markt-Schreiern, Quotengräbern und speichelleckeren Aasfressern, Blödmachern für die Blödzeitung, die Schrottpresse als Papiergestalt der Volksverdummer.





Gernulf Olzheimer kommentiert (XXIV): Krawalltalkshows

11 09 2009
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Tatort: eine beliebige Kneipe nach Einbruch der Dunkelheit, randvoll mit Randvollen. Angeheizt vom Doppelkorn lallen sich die Angehörigen des Bildungs- und Geschmacksprekariats die Reste ihres verkorksten Lebens zwischen Arge und Abtreibungsberatung in die blutenden Ohren, bis das letzte Sprachzentrum unter dem Druck des Dummfugs implodiert und Platz schafft für noch mehr Stroh unter der Fontanelle. Szenenwechsel. In der Selbsthilfegruppe bekennt der Bodensatz der von Hirnzellenatrophie befallenen Patienten, dass nach der jahrelang betriebenen Schädelentkernung alles im Arsch ist. Schemenhaft schwiemelt sich die Erinnerung an bessere Tage durch die Dachkammer, der Neuroblaster will zu gerne in die Welt aus Bier, Stütze und Barbara Salesch zurück, die ihm schon Minuten nach dem Tagesanbruch um die späte Mittagszeit ein strukturiertes Taumeln in den Abgrund ermöglichte.

Beides zu finden, die tägliche Scheiße zu leben und sie in einem immerwährenden Sprechdurchfall auf die anderen Behämmerten loszulassen, dieser sadomasochistische Seligkeitszustand gelang dem gemeinen Torfschädel in der kongenialen Synthese des Daily Talk, wo sich die Unterschicht wie im Schminkspiegel beim Verblöden zusah und nicht bemerken musste, dass sie selbst den letzten Anflug von Einsicht für kurzfristige Gesichtsprominenz hingab. Als hätte sich Rilke eine Klappstulle aus Welt und Gegenbild geschmiert, so molekular verzahnt pappte beides aufeinander und gab dem Bekloppten das gnädige Gefühl von Sicherheit.

Das Dysfunktionale, hier wird’s Ereignis. Wusste der durchschnittliche Vollspaten bisher noch nicht, dass die Mehrheit der Bundesbürger den optischen Körpergeruch zur Kunstform erhebt, hier erfährt’s der arbeitslose Unterstützer der Brauerei- und Zigarettenbranche dinglich, BILD-haft gar. Als litte der Schwachmat mit den IQ knapp unterhalb dem einer ausgestopften Bartagame unter einer schweren Vernunftallergie, so wird er von den Medizinmännern desensibilisiert: wenn die 20-jährige Mandy aus Kötzschenbroda nach fünf erfolgreich absolvierten Schwangerschaften endlich in der Lage ist, den sechsten Stecher per DNA-Test dingfest zu machen, beim Lügendetektortest aber weinend zusammenklappt, weil der Samenspender sich als Angehöriger eines feindlichen Volksstamms herausstellt – er geht bereits seit Jahren einer sozialversicherungspflichtigen Erwerbstätigkeit nach – dann hat sich der Empfang der Flachmannwellen gelohnt. Tränen lügen nicht, Rotz, Eiter und Blut werden rausgewienert vom zwischengeschalteten Waschmittel-Commercial, und das nächste Blödmanns-Quiz folgt auf dem Fuße: 500 Euro für die Frage, ob ein Jahr zwölf oder vierzehn Monate hat. Da könnte man schon mal ans Denken kommen, wären die letzten Synapsen nicht frisch verlötet.

Die Zementierung der Klassengesellschaft in Treue fest wird von den Blödblunzen bezahlt, als gäb’s einen Hauptschulabschluss zum Ausmalen in der ersten Gewinnklasse. In der Unterbrechung der Werbepausen verfolgt das Unbildungsbürgertum das große Andere beim Ausleiern der Reizspirale, stellvertretend repräsentiert von bunt angemalten Blondgeschossen. Bad Britt löst unter eleganten Titeln wie Fettmagnet – An dir bleibt jede Pommes kleben oder 90–60–90 – Wozu brauche ich Abitur? die letzten Geheimnisse der aussterbenden Menschheit und klärt letzthinnig auf, warum man im Postkapitalismus als Teil der Ausschussware besser poppt und die Wurfprämie für die anwachsende Mobilfunkrechnung einsetzt. Dergestalt instruiert lehnt sich der Sedierte im Müll zurück und genießt die Selbstbespiegelung des Asozialen wie einen Themenwanderweg durch den Modder seines beschissenen Daseins: die Pappnase vor der Mattscheibe wird Konsument des eigenen Lebens und darf sich, als Ressourcen schonendes Recycling, von dem Brei ernähren, den sie auskotzt.

Doch damit ist Schluss. Die Sender säubern ihre Müllschlucker und sortieren das Trashangebot neu. Ab jetzt wird nur noch Qualitätsabfall in den Äther gehauen. Die Bescheuerten müssen ab sofort ohne Sozialporno als Masturbationshilfe für Eunuchen ihre Desolationshaft erdulden. Vorbei die Zeiten, in denen Andreas Türck, Arabella Kiesbauer, Bärbel Schäfer und Hans Meiser in die Verwahrlosung gekrochen kamen und Lebenshilfe bis zum Suizid gaben. Das Affektfernsehen hat ausgedient, nicht einmal Oliver Geissen hält es in den Tiefen des Triviallala, und hoffen wir, dass die Freakshows besser zwischengelagert werden als in der Asse, bevor 9Live den Dreck aufs Neue hochspült.

Allein der Brittstift klebt als letzte Bastion der geistigen Verelendung an der Restquote. Bald ist auch sie vom Radar verschwunden, sie werden ihre Visage entsorgen wie ein benutztes Kranichtütchen, und das Format aus Bescheuerten für Bekloppte wird vergessen. Was bleibt, wird der dauerblaue Couchhocker sein, festgewachsen im fleckigen Feinripp, urteilsfähig wie ein Reststoffsack und mit den Körperformen von Vera Int-Veen.