Brot und Spielchen

1 06 2022

„Ja, Brot ist wichtig. Da will ich Ihnen gar nicht erst widersprechen. Und es ist auch ein sehr, sehr gutes Ziel für die Brotbranche, also Sie nennen das Bäckereien, dass das Brot zu einem Preis angeboten werden kann, dass ein Kauf für die Bevölkerung im Rahmen des Möglichen bleibt. Aber ob und wie Sie das machen, ist mir ehrlich gesagt scheißegal.

Denken Sie nur mal an die Rohstoffhersteller, an den Rohstoffhandel, an die Arbeitnehmer in den Lieferkettenbetrieben. Die wollen sich ja auch Brot leisten können, und darum müssen wir deren Löhne und Gehälter – also eher die Gehälter, als Manager bekommt man ja keinen Lohn. Höchstens Boni. Sie müssen sich auch mal vor Augen führen, dass die Energiekosten, beispielsweise für die Lieferung auf der Straße, zu finanziellen Problemen führen und die Firmen quasi über Nacht in den Ruin treiben können. Ich rede jetzt von den Mineralölkonzernen, die wären sofort pleite, wenn kein Mehllaster mehr tanken würde. Wollen Sie das verantworten?

Außerdem können wir nicht bei jedem Betrieb sämtliche Kosten übernehmen, wo kämen wir denn da hin? In manchen Krisensituationen, bei Banken oder Fluglinien, da muss man schon mal auf die Bedeutung für die Volkswirtschaft gucken. Aber was meinen Sie, was hier loswäre, wenn jede Firma mit ihrem Wunschzettel vor dem Ministerium steht und ihre täglichen Milliarden abholen will? Was die im Fernsehen dazu sagen würden, davon will ich lieber gar nicht erst reden.

Als der Bundeskanzler in der Pandemie – also als die offiziell noch nicht beendet worden war, wobei: offiziell ist sie ja nicht zu Ende, wir haben aber erst in ein paar zehntausend Toten wieder Zeit dafür – als Scholz damals das mit dem Wumms gemacht hat, da war die Umsatzsteuer plötzlich weg und die Bürger konnten wieder nach Herzenslust in den Supermarkt gehen. Zum Beispiel für Brot. Da hatten wir eben keine rechtliche Handhabe, dass der Einzelhandel die Steuererleichterungen auch an die Verbraucher weitergibt. Und wir haben es trotzdem gemacht, und wissen Sie, warum? Natürlich wollten wir den Menschen helfen, das ist keine Antwort. Aber wir hätten es auch so machen können wie bei Kleinselbständigen, die einen Karton Formulare mit bereits bekannten Umsatzauskünften ausfüllen und den Krempel verschicken müssen und dafür dann keine Hilfen ausgezahlt bekommen, die sie für den Lebensunterhalt verwenden dürfen. Wir hatten eine schnelle und unbürokratische Hilfe im Sinn, für die man nicht grundsätzlich jedem mit Misstrauen und Voreingenommenheit begegnet wie beispielsweise Erwerbslosen oder solchen Leute, die Lohn kriegen und kein Gehalt. Man muss auch mal Vertrauen in den Markt haben, dass er die Sachen regelt.

Da würde jetzt das Kartellamt auch ganz schön ins Quadrat springen, wenn Sie von uns Geld für Rohstoffe bekommen würden. Erstens wäre es wohl volkswirtschaftlich klüger, wenn wir die Rohstoffe billiger machen, und das würde auch schon einen entschiedenen Eingriff in den Markt bedeuten, da diese Rohstoffe ja Ihrer Industrie zugute kommen und nicht den Menschen – mir zumindest ist keine Familie bekannt, die mal eben fünfhundert Tonnen Mehl anliefern lässt, aber Sie scheinen da wohl Ihre besonderen Verbindungen zu haben. Und zweitens wissen wir dann ja auch nicht, ob Sie die Vorteile an den Handel weitergeben. An den Verbraucher jedenfalls können Sie das nicht, denn da ist immer noch der Einzelhandel dazwischen – wir kriegen das mit, Sie brauchen gar nicht so zu tun, als würde sich die Regierung nicht mit Wirtschaft auskennen, oder mit Recht. Oder mit Wirtschaftsrecht.

Wehe, wir finden raus, dass es überhaupt keinen Mehlmangel gibt. Oder dass es zu Preisabsprachen kommen könnte zwischen den Brotherstellern. Die gesamte Wirtschaft wäre nachhaltig erschüttert. Oder stellen Sie sich mal vor, der Einzelhandel hat sich bereits mit Brot eingedeckt, mit dem er zu den neuen Konditionen Minus machen würde, weil wir wieder die Umsatzsteuer senken. Natürlich könnte man das auch an den Verbraucher weitergeben, wir gehen ja auch davon aus, dass der Handel das tut, aber zwingen können wir keinen. Und dann würde die Brotbranche davon profitieren, weil sie an dem Minus nicht beteiligt ist. Finden Sie das gerecht? Wir können Ihnen keinen Vorwurf machen, das ist korrekt. Aber Sie müssen Ihr Verhalten doch auch mal selbstkritisch reflektieren. Die Menschen sind auf Brot angewiesen, und es ist schlimm genug, dass sich das manche nicht mehr leisten können. Es ist jedenfalls die Pflicht der Bundesregierung, vom deutschen Volk Schaden abzuwenden, und wenn es multinationale Konzerne gibt, die einen Standort in Deutschland haben, dann gelten die eben auch als Teil der deutschen Wirtschaft.

Meine Güte, Sie sind aber auch penetrant! Gut, dann rechnen Sie mal mit: wir zahlen Ihnen einen Teil der Rohstoffkosten, das Brot wird billiger, der Einzelhandel will nicht mehr daran verdienen, und die Verbraucher kaufen plötzlich Brot, als würde es bald verboten. Dann kommen die Entlastungen bei den Menschen gar nicht an, zumal dann der Handel ja auch wegen der plötzlichen Knappheit die Preise wieder erhöhen müsste, die Verbraucher stehen vor leeren Regalen, hamstern sich vielleicht noch die letzten Brotreste vor der Nase weg, wir hätten ein gigantisches Marktversagen, und wer wäre schuld? Die Bundesregierung natürlich. Nee Freundchen, so billig ziehen Sie uns nicht übern Tisch. Ich schlage vor, Sie überdenken mal Ihr Geschäftsmodell und suchen sich einen Dummen, der Ihnen die Taschen voll stopft. Und jetzt raus, ich muss nachher noch tanken.“