Gernulf Olzheimer kommentiert (CXIV): Körpermodifikationen

29 07 2011
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Sanftmütig ist das Rind, wie es uns muhend Milch gibt, Fleisch und die Haut, aus der unzählige Handtaschen und Schuhe entstehen, ohne die das Gespons des Hominiden die wichtigen Dinge durch kontinuierliche Lautabgabe verdürbe, Fußball, Motorsport oder die Pendelhubstichsäge. Das edle Hornvieh will also umworben sein, gefestigt in seiner Beziehung zum Menschen, ganz in Besitz genommen durch Nasenring und Brandzeichen, die da sagen: ich habe Dich bei Deinem Namen gerufen, Du bist mein.

So auch der Bekloppte. Längst ballert er sich die Abfälle der metallurgischen Industrie in sämtliche unvorteilhaft den Körperumriss verbeulenden Ausstülpungen, peikert die Fibroblasten mit schwiemeliger Gebrauchsgrafik voll und pumpt sich Silikon in die Regionen, die definitiv besser entwickelt sind als sein Kalotteninhalt. Schaudernd sieht der geistig gesunde Jetztzeitler, wie sich vollgekritzelte Gliedmaßen mit immer derselben Individualität aus dem Katalog des Tätowierers vor ihm an der Supermarktkasse winden, als hätte sich ein volltrunkenes Kleinkind an der Werkbank des nichts ahnenden Vaters mit Schnitzmesser und Stempelkissen aufgehübscht. Adipöses Welkfleisch umschwallt zu erahnende Bauchfalten, deren Speck in Maschendrahtmaterial eingefassten Zirkonia ein klebrig-verschwitztes Heim bieten, auf dass die Trägerin der Schmiernippeldurchdübelung mit einem bauchfrei geschnittenen Einmannzelt in geblümter Waschseide dem Betrachter jegliche Hoffnung raube, seinen Chymus bei sich zu halten, der doch spätestens dann brüllend emporsprudelt, wenn der Gedanke an das Raumzeitkontinuum sich einstellt: auch dieses Bindegewebe wird dereinst die Gravitation höhnisch in die Tiefe zerren.

Wie die naturnah lebenden Völker, so verspürt auch der Bescheuerte früher oder später den Drang, sich fingerdicke Holzpflöcke in die Ohrwascheln zu dengeln und die Zunge spalten zu lassen; kein postmodernes Schnitzelkind aus der Kulturnation, deren Präsident sich über Konflikte an der polnisch-schweizerischen Grenze auslässt, würde bei genug finanzieller Deckung länger als nötig auf eine nach dem Durchschnitt geknetete Nase warten – schnell noch das Gesäuge ins Bolzenschussgerät, den kleinen Finger abgesägt, die Rübe mit Teflon auf Marsmännchen getrimmt, die Bindehaut mit Feilspänen unterfüttert, fertig ist die authentische Dutzendfresse, genauso einmalig wie alle anderen.

Es ist natürlich, und wie könnte es anders sein, der ungeheure Distinktionsgewinn, wenn die urbane Vollbrezel sich einen Ascher in die Unterlippe schiebt, während die übrigen Hipster noch Handgriffe zum Wegschmeißen am Steiß tragen. Schnell noch etwas Stahlschrott unter die Epidermis geschoben, damit in der Resonanzröhre der Schädel schneller platzt, und zur Vorsicht ein Sonnenbrillen-Tattoo geordert, weil sich das Augapfelpiercing sonst entzündet. Und es ist ja auch dialektisch unheimlich tricky, sich mit den Insignien der sozial Ausgestoßenen zu schmücken, um deren Rolle als dekonstruierte Bohémiens des Neuen Primitiven mit radikaler Opposition zu füllen, praktischerweise als materialistische Mainstream-Arschlöcher und von Papas Kohle. Der transkulturelle Habitus wird denn auch bloß wie ein Einkaufswagen im Tran vor sich hergeschoben, allenfalls lässt man sich in asiatischer Kalligrafie Mindestens haltbar bis: siehe Enddarminnenseite ins Nierenrevier stanzen. Wer da en vogue sein will, müsste seine Physis ohnehin als Baukasten benutzen, Arm ab, Beule dran, hier ein Loch in die Fußsohle, dort eine Hautverschnipselung für die Ewigkeit, die nach spätestens einer Saison wieder weg muss. Das ganze Branding, Amputating, Hirnwegpusting ist nur das Torkeln auf dem schmalen Grat zwischen Knallverdeppung aus Eitelkeit und ausgelebter Dysmorphophobie: wenn die angeborene Physis das bisschen Grütze im Schädel überfordert, weil Selbstbewusstsein nicht auf dem Stundenplan stand, macht man ein Date mit der Änderungsfleischerei und pimpt die Reste vor der Gesichtsrückgabestelle wieder auf Gebrauchswert.

Denn das ist das von jeglicher Rücksicht auf Verluste befreite Motto der geschmacksverkalkten Readymade-Ästheten: Wanst und Waden werden aufgepimpt, als gälte es einen Wettbewerb um die übelste Homo-sapiens-Parodie zu gewinnen, die im Karneval mit Bravour noch als Zombie-Imitat durchrutscht. Selbstverständlich eitert das vielfarbig misslungene Schmierakel als blumenkohlesker Keloid irgendwann wieder aus den Halsfalten, mit Sicherheit entzündet sich der Stahlstift im Gemächt, ohne Zweifel wird die aufgemotzte Zahnspange einem bunten Cocktail an Bakterien trautes Heim sein, bis das Blut aus dem Zahnfleisch rauscht und Kollege Karies aus den Beißern jodelt. Die Zeit naht, da die Seniorenheime sich füllen mit den Opfern des Kevinismus, gezeichnet von schlecht weggelaserten Tribals auf Arsch und Armen, schlaffe Haut, daran die Pfleger sich mit den eigenen Widerhaken verfangen, verknorpelte Wülste, für die das Krematorium eine Abwrackprämie kassiert. Höchstwahrscheinlich zahlen sie die mit dem Schrottwert der Herzschrittmachers. Er wird das einzige Originalteil an ihnen sein.





Bourdieus Arschgeweih

22 01 2009

Großnichten haben Anspruch auf ein schönes Geburtstagsgeschenk. Da ich nur eine Großnichte habe und sie mein einziges Patenkind ist, können wir die Sache kurz machen. Sie wünscht. Ich schenke.

Nun ist Maja in einem Alter, in dem sich Erinnerungen langsam verklären. Bis heute steht sie zu ihrem Barbiepferd, ich hatte ihr damit einen Herzenswunsch erfüllt – dass ihr Vater mir darob jahrelang gram war, hat mich nie belastet. Denn womit spielte Maja, mit dem Plastikgaul oder mit Papas pädagogisch wertvollen Holzklötzen? 1:0 für den Erzfeind. Und es ist schmeichelhaft, wenn in der Fußgängerzone eine bildhübsche 15-Jährige sich jauchzend aus dem Rudel gleichaltriger Freundinnen löst, mich herzt und erklärt: „Das ist mein Großonkel, und der ist voll cool!“

Maja kam dann mal wieder vorbei. (Zufällig ist nächste Woche ihr Geburtstag.) Und fragte nach. Um die Verhandlungen zu straffen, stieß sie gleich zu. Ein Tattoo. Ich darf es finanzieren.

Alles. iPod, iPhone, eine Jahreskarte fürs Spitzenschneiden bei Udo Walz inklusive Taxishuttle nach Berlin et retour. Mit allem habe ich gerechnet. Nicht mit einer Körperverletzung an meinem Patenkind. Und nicht mit dem Milchbubi, der sich in meinen Charles-Eames-Relaxer fläzt und Anstalten macht, seine warzigen Chucks auf den saffianbezogenen Fußhocker zu legen. Aber Timo ist Majas neuer Freund und darf das bestimmt.

Zunächst erklärt er mir – wieso er, warum nicht sie? – dass eine Tätowierung unbedingt sein muss. Meinen Einwand, eine dauerhafte Hautzeichnung sei vor allem eins, nämlich dauerhaft, grinst er geradezu väterlich-milde weg. Das versteht ein Typ in meinem Alter nicht mehr. Das ist Gegenwart. Und Gegenwart ist Punk.

Nee, is klar. Kein Haar am Sack, aber mir verklickern wollen, was Punk ist… Freundchen, 1977 waren Deine Eltern jünger als Du heute. Und wenn Du noch einmal ungefragt meine Talking-Heads-Platten aus dem Regal griffelst und quer wieder reinsteckst, dann tobt hier der Pogo.

Ursprünglich waren Tätowierungen ja so eine Art Gruppenabzeichen. Fragt sich bloß, in welche Partei sie da eintritt. Vermutlich der Mainstream.

Also nichts, was semiotisch verfängt. Keine Namen, keine kulturell befrachteten Symbole. Eher so ein Tribal oder ein stilisiertes Tier. Sie ist da völlig offen, versichert mir Timo.

Welch ein Glück. In zwölf Monaten darf ich dann einen Kredit aufnehmen, wenn sie sich Jeanette Biedermann vom Bein weglasern lässt. Oder einen doppelbreiten Schlampenstempel von den Rücklichtern. Hatte die Kleiderschrank-Komplettumstellung auf bauchfrei nicht schon gereicht? Gibt es inzwischen Modekrankheiten, ohne die man sozial ausgegrenzt wird? Ist eine Nierenbeckenentzündung angesagter als Asthma oder kann man es auch mit einer Anorexie aus dem Gemischtwarensortiment noch bis zum D-Promi schaffen? Muss ich mir Skorbut mit Hirnödem im Doppelpack holen, weil ich ohne nicht mehr mitspielen darf?

Wie gut erinnere ich mich an dies Alter. Alle hatten sie fiese Vokuhilas wie Limahl, die so aussahen, als sei Muttis Geflügelschere mehrmals abgerutscht. Und Ohrlöcher. Buchstäblich jedes Nena-Lookalike, mit dem ich irgendwann mal geknutscht habe, musterte nach maximal drei Tagen meine Physiognomie und empfahl mir den Gang in eine Bijouterie, um mir einen Metallbolzen durch den Lobulus ballern zu lassen. Billiger kommt man nicht an eine Sepsis. Und was war das für ein entzückender Moment, als der schöne Micha, Basketballer, Mädchenschwarm und optisch haarscharf an der perfekten Schwuchtel vorbeigeschrammt, mit einem eiternden Blumenkohl an der Backe in die Schule kam, ab sofort die bevorzugte Zielscheibe meines Spotts wurde und die Reste seines kümmerlichen Egos in Vergessenheit gerieten. Heute sitzt er wohl als subalterne Schreibkraft im Bauamt, jeden verfügbaren Knorpel derart zugepierct, dass seine Gesichtsbaracke ein Hupkonzert in der Diebstahlsicherung von C&A aufführt, und ist einzigartig. Genau wie alle anderen.

Timo versucht, mir den kulturanthropologischen Diskurs näher zu bringen. Tattoos seien kein selbst gewähltes Stigma, sondern inzwischen eben auch gelebte Kunst. Wenn man so wolle, sei jede visuelle Steißbeinmodifikation eben auch Subtext, der sich nicht im Raum der Lebensstile festschreiben lasse, nein: gerade das Changieren zwischen Kulturdominanz und Kontrabewusstsein sei Teil einer sich immer neu entfaltenden Identitätsgenese im Flow der gesellschaftlichen Strukturen – Distinktionsprozesse seien dialektisch, dabei doch aber paradoxerweise auch integrativ und damit quasi ein Weiterdenken der sozialen Plastik in die autonome Körperlichkeit.

Nicht, dass diese halbgare Kinderportion auch nur je eine Zeile Bourdieu gelesen, geschweige denn gerafft hätte, und er drückte sich auch nicht ganz so klar aus, aber nach viertelstündigem Blabla hatte ich das mal als Botschaft herausgefiltert.

Wir einigten uns auf ein kleines Blumenmotiv am rechten Oberarm und ich ging Kaffee kochen. Dann legte ich noch eine Devo-Scheibe auf, hatte aber weniger den Eindruck, dass die hiesige gymnasiale Musikerziehung kultursoziologisch auf festem Boden steht. Was soll man da machen. Das Theater mit ihren Eltern packe ich dann auch noch.

Übrigens stand Maja ganze drei Tage später wieder vor meiner Tür. Verheult eröffnete sie mir, Timo habe mit ihr Schluss gemacht und sei jetzt mit Chantal (Arschgeweih, Intim- und Zungenpiercing) zusammen. Nein, sie wolle kein Tattoo mehr. Ich dürfe sie stattdessen mit ihrer besten Freundin zum Essen einladen – und ich müsse unbedingt selbst kochen, damit dieses Systemgastronomieopfer endlich mal begreift, was gut ist. Und dass sie keinen auch nur annähernd so coolen Onkel hat.