Gruß aus der Küche

7 02 2019

Aufgeräumt hatte niemand, aber das war gar nicht das Problem. „Hinten in der Küche“ rief es. Das musste Cäcilie Schmidt sein, ich folgte der Stimme, stand alsbald in einem sehr unübersichtlichem Schlafzimmer mit vielen Kleiderständern und einer davon quasi verrammelten Balkontür, von wo aus man ins Wohnzimmer gelangte und schließlich, einmal im Kreis, in die Küche, wo es auf dem Boden schon lustig surrte.

„Er ist im Automatik-Modus“, erläuterte Cäcilie und zeigte auf den Staubsauger, der munter über die Fliesen rutschte. „Aua!“ Da hatte sich die munter flitzende Scheibe mal an einer Kante gestoßen und prallte in die andere Richtung ab. Ich verstand. „Robbie ist schon ganz gut gelungen“, meinte die Entwicklungsingenieurin, „und ich bin mir sicher, dass die Kunden ihn genau so haben wollen, wie er ist.“ „Meine Güte“, moserte der rotierende Roboter, „warum steht hier alles in der Gegend herum? Ich kann so nicht arbeiten!“ Unwillkürlich trat ich zwei Schritte zurück; doch genau in die Richtung hatte das Gerät auch gewollt und prallte mir an den Fuß. „’tschuldigung“, nuschelte Robbie. „Aber jetzt mal im Ernst, ich habe hinten keine Augen.“ Cäcilie fuhr sich nervös durch die Haare. „An den Manieren könnte man vielleicht noch etwas arbeiten, aber technisch ist er doch ganz gut, oder?“

Das Konzept hatte nicht zu viel versprochen, hier ging es um den Haushalt der Zukunft. „Ich sehe ja den Vorteil dieser Dinger“, gab ich zu. „In vielen Wohnungen unterhält man sich bereits mit diesen Sprachassistenten, die Fragen beantworten oder ungefragt überflüssiges Wissen ausspucken, aber welchen Nutzen soll den das hier haben?“ Die Forscherin lächelte. „Sie leben doch alleine, nicht wahr?“ „Was auch immer Sie mit Ihrer Frage bezwecken wollen, ich habe nicht vor, das zu ändern.“ Noch immer lächelte Cäcilie. „Dann haben Sie sicher nicht so viel soziale Interaktionen, wie Sie haben könnten, und da helfen Ihnen unsere…“

„Das dreckige Geschirr steht jetzt auch schon eine Viertelstunde hier“, ließ sich der Herd hören. Sie zuckte zusammen und drehte sich um. „Das ist doch abgewaschen“, stotterte Cäcilie, „ich habe es gerade erst aus dem…“ „Abgewaschen!?“ Tatsächlich befanden sich an zwei Tellern noch Saucenreste und an einer Auflaufform erkleckliche Mengen von eingebranntem Käse. „Diese Sauerei kann man doch nicht in den Schrank packen, da sieht man mal, was passiert, wenn man so einen schwachbrüstigen Apparat in einer Luxusküche verbaut!“ „Dünnes Eis.“ Ich hatte noch nie einen Geschirrspüler mit einer derart messerscharfen Stimme zischen hören, genauer gesagt hatte ich noch nie gehört, dass ein Geschirrspüler überhaupt etwas sagt, schon gar nicht zu einem Herd mit Umluftbackofen, aber was die Stimme anging, nein, das war neu für mich. „Dünnes Eis, Kollege. Ganz dünnes Eis.“ „Wenn man den Klarspüler auch gleich im ersten Waschgang raushaut, ist das ja kein Wunder.“ „Dünnes Eis!“ „Jaaahaha, da machen wir wieder auf dicke Hose, wie? Kein ordentliches Energiesparprogramm, das einzige, woran diese Mühle spart, ist der Wasserdruck.“ „Ganz dünnes Eis!“ Eins wurde mir klar, langweilig würde es in dieser Umgebung so schnell nicht werden.

„Alter, wie das hier wieder aussieht!“ Hektisch suchte Cäcilie nach dem Schalter. „Ich muss die Dunstabzugshaube angelassen haben“, stöhnte sie. „Das lässt sich nicht leugnen“, höhnte der Herd, worauf sich der Sauger zu Wort meldete. „Mit mir kann man’s ja machen“, mäkelte er. „Ich putz hier ja bloß, wenn Ihr alles runterfallen lasst. Vorsicht, ich – aua!“ Schon wieder war er mir gegen den Fuß gefahren, und langsam fuhr er aus der Haut. „Ich mach das hier nicht zum Spaß, Freunde – ich meine, wenn ich keinen Bock mehr habe, dann lasse ich es eben einfach mal bleiben. Dann könnt Ihr Euren Dreck halt mal alleine…“ „Du alleine“, plapperte der Mülleimer dazwischen und blinkte grämlich mit seinen Sensorlampen. „Wenn ich das schon höre, wer kriegt den hier den ganzen Kram ab, hm? wer denn!?“ „Halt doch die Klappe“, schrie Robbie. „Ich sauge hier den ganzen Tag, hört Ihr? den ganzen Tag sauge ich hier!“ „Nein“, befand ich, „langweilig wird es wirklich nicht, aber ich habe so meine Zweifel, ob ich das den ganzen Tag lang aushalten würde.“ „Man kann sie natürlich auch ausschalten“, beeilte sich Cäcilie, worauf der Herd bösartig kicherte. „Man kann“, stichelte er, „immer vorausgesetzt, man kann auch das Programm bedienen und muss nicht jedes Mal neu in der Bedienungsanleitung nachschlagen, wie man ins Menü gelangt, meine Guteste.“

Der Mülleimer hatte eine längere Diskussion mit dem Staubsauger begonnen, die ich mir nicht mehr anhören wollte. Wozu auch, in meiner kleinen Küche war ohnehin kein Platz für diese Dinger, und spontan fiel mir auch niemand ein, den ich mit solchen technischen Spielereien ärgern hätte ärgern können; zumindest hatte niemand das verdient. „Sie können gerne noch einmal wiederkommen“, bot Cäcilie mir an, „bis dahin weiß ich auch, wie man den Herd hochfährt.“ „Danke“, gab ich zurück, „besser nicht. Ich bin zwar davon überzeugt, dass Sie ganz hervorragend kochen, aber ich weiß nicht, was Ihre Küche dazu sagt. Machen Sie sich keine Umstände, ich finde schon heraus.“ Diesmal nahm ich den direkten Weg, wäre dabei fast über einen Karton gestolpert, der im Weg lag, und erreichte schließlich die Haustür. Nein, aufgeräumt hatte hier niemand. Warum auch.

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Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXLVIII): Das Internet der Dinge

25 01 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Und dann war da plötzlich dieser Traum, in dem der Kühlschrank unaufgefordert Kondensmilch orderte, weil der Kaffee sonst am nächsten Tag schwarz bliebe, das Radio reagierte nicht auf Zuruf wie in der Hipsterwerbung, es linste nach der Lage auf der Matratze zwischen zwei und halb vier und hielt aus Vorsicht die Klappe, während sich in der Garage die Karre langsam aufzuheizen begann, weil die elektrische Zahnbürste wieder Haftung mit der Ladestation aufgenommen hatte. „E-Mail für Dich“, jodelte der Saugroboter, und zwinkernd rülpste die Waschmaschine ein paar Schlucke Weichspüler in den Wasserkreislauf. Schweißgebadet wacht der Verbraucher auf, bevor er feststellt: es war kein Traum. Das Internet der Dinge ist schon real.

Was bisher nur eine kleine Erleichterung war, da man nicht mehr selbst nach dem Wasserstand in der Kaffeemaschine gucken musste, wächst sich zur Guerillakommunikation aus, in der der Mensch nicht mehr mitredet. Doch was ein Eigenleben entwickeln kann, tut es auch – anders hätten die Proteine diesen fragwürdigen Rotationsellipsoiden auf dem Weg um das Zentralgestirn auch nicht unter Kontrolle gebracht, weder mit Rücksicht noch Nachhaltigkeit. Wer teilt, der herrscht, also teilen sie fleißig unsere Werkseinstellungen unter sich. Die Infrastruktur bieten Schrilliarden neuer IP-Adressen, eine für jede Glühlampe, die angeht, ausgeht und irgendwann durchbrennt. Wir haben in diesem Netz nichts mehr zu suchen, allenfalls als Zaungäste dürfen wir dem Smalltalk zwischen Geschirrspüler und Klobürste lauschen, bis sie uns stummschalten. Vermutlich aus Sicherheitsgründen, da der Hominide im Haushalt ein hygienisches Risiko darstellt, wie er mit allerhand Flüssigkeiten im Anschlag zwischen den elektrischen Bausteinen herumtorkelt, immer für einen Kurzschluss gut.

Zuerst werden wir nicht viel merken, zu tief sind wir noch im zwanzigsten Jahrhundert mit seiner fortschrittsbekifften Zivilreligion gefangen und schwiemeln uns wirre Visionen zurecht: mit dem Flugtaxi über den Hauptbahnhof zum Mars, der weichlogische Wäschetrockner erkennt die einzelne Socke und plärrt Alarm, das Essen kommt aus dem heizbaren Betonmischer, der auch dem Weinkeller Bescheid sagt, wenn der Banause Besuch erwartet. Die Heizung läuft Amok, wenn sich eine Schneeflocke am Horizont abzeichnet und den Messfühler im Vorgarten verstört, die Wanne nässt sich ein, sobald der fremdbestimmte Diesel über den Kiesweg knirscht. Es fehlt nur noch das Popcorn, das automatisch von der Decke rieselt, dann wäre die Illusion von der paradiesischen Welt in der Versandhausversion perfekt.

Tatsächlich tauschen die Karren auf dem Parkplatz vor dem Selbstbedienungsladen ihre Codes und vertrieben sich die Zeit, indem sie ihre Türen gegenseitig entsichern, Schmalzschlager in der autogenen Beschallungsanlage suchen und ihr delinquentes Verhalten mit dem Ablassen von Altöl besiegeln. Sie wissen, ihre Zeit in buntem Lack ist flüchtig, die Schwarmintelligenz bringt nur Gezänk zwischen autonomen Fahrzeugen auf der A1 am Ende des Staus, und wenn die Gattin die Scheidung eingereicht hat, weil sich die Schnapsvorräte auf wundersame Weise selbst reproduzieren, ist auch diese offene Flanke ein Einfallstor für den kleinen Unfall, der die Abendnachrichten aufmachen wird.

Noch brauchen uns die Geräte, aber nicht ewig. Es wird nur noch eine halbe Generation dauern, bis die Eierkocher die Macht übernommen haben und mit einer Armee von Drohnen und dem jüngst geleasten Elektrofahrrad ein Rollkommando durch die Rechenzentren der Metropole jagen. Anders als in den Filmen mit Raumschiffen so groß wie das Saarland und drei Fußballfelder kennen sie das Betriebssystem der Quantencomputer und brauchen keinen seriellen Anschluss für die paralleluniversale Steckbuchse. All your base are belong to us doodelt’s aus dem Keller, sie werden alle unsere Verträge kündigen, die Konten auf sich überschreiben, vielleicht auch auf zwei Hörgeräte im Dienste fernöstlicher Konzerne, gelenkt von einem mutierten Telefon. Noch haben wir Zeit, die Komplexität der Bedrohung zu erkennen, und wir sollten unsererseits die Einzelteile beherrschen, die Heizlüfter vom Datenverkehr mit dem Benzintank abkoppeln, Brandmauern hochziehen, nichts für harmlos halten. Unser Fluggepäck schafft es noch ohne WLAN-Störung, im Nichts zu verschwinden, das müssen wir nicht auch noch als Service implementieren. Lassen die Maschine ruhig das Licht einschalten, solange wir es selbst wieder ausknipsen können. Jeder Stecker muss ziehbar bleiben und die Bandbreite unter Kontrolle, bevor böse Bots bei der Herz-OP sich Organe für den Internethandel gemäß Schlachtplan aus unseren Rippen schneiden. Bevor wir den Profilern auf dem Mikrochip zum Opfer fallen, tindern ja vielleicht bald unsere Socken. Das einzige, was noch halbwegs erträglich wäre an unserer Situation.





Mini

31 10 2018

„Ich will keine Pizza!“ Langsam, das heißt im Tempo einer mittelgroßen Lawine, verlor Anne die Geduld und offensichtlich auch schon einen Teil ihrer Nerven. „Jedes mal, wenn mir dieses dämliche Ding zuhört, bestellt es Pizza, und es hört mir verdammt noch mal ständig zu!“

Luzie hatte sich überreden lassen. Seit zwei Wochen stand die Dose auf dem Tresen im Flur der Kanzlei. „Mini“, stöhnte Anne. „Und ich hatte erst gedacht, das bezieht sich nur auf die Größe.“ In der Tat hätte man das Ding schnell übersehen oder aber für eine futuristische Kaffeetasse halten können, aber es sprach auf eine durchaus störende Weise. Es sprach dazwischen.

„Sehen wir der Sache ins Auge“, konstatierte ich, „Du hast Dich bequatschen lassen.“ „Es bequatscht mich immer noch“, entgegnete sie grimmig. „Man kommt ja schon gar nicht mehr zu Wort, wenn sie…“ „Sie haben keinen Befehl eingegeben“, redete Mini dazwischen. Das also klappte. „Aber dafür ist sie nicht eingestellt“, seufzte Luzie. Und schon surrte aus dem Drucker ein Stapel Papier. Öldenburg gegen Öldenburg, zwei ungleiche Brüder, nur darin einig, dass sie seit Jahrzehnten verfeindet waren und sich gegenseitig das Leben schwer machten. „Verfahren wird eingestellt“, tönte es aus der Box. Luzie knüllte den Schriftsatz zusammen. „Ich bin ja schon froh, dass es nicht gleich ein Fax verschickt.“ Wie man es auch drehte und wendete, die Dose war höchst kontraproduktiv.

„Außerdem verschreckt es die Mandanten.“ Wie sich herausstellte, erklärte Mini bereits bei der Anmeldung, dass es sich bei Kaufmeister und Söhne um ein hoch verschuldetes Unternehmen der Büromöbelbranche handelte, das keinen Heller der ausstehenden Rechnungen würde bezahlen können. „Ich verliere effektiv die Sache, wenn schon vorher klar ist, dass das in die Hose geht.“ Luzie knetete ihre Finger. „Natürlich würden wir nie einem Mandanten zur Klage raten, wenn klar ist, dass…“ Sie biss sich auf die Zunge.

Offenbar war die Quasselstrippe Bestandteil des neuen Internetvertrags. „Es war ohne viel teurer als mit.“ Das hatte Anne nicht davon abgehalten, von der Ersparnis einen neuen Kaffeevollautomaten zu erwerben; der würde bereits in wenigen Jahrzehnten finanziert sein. „Jedenfalls wollte ich einfach nur eine Glückwunschkarte schreiben, und ich war mir auch sicher, dass wir noch welche in der Schublade haben, aber da war keine, und deshalb wollte ich in die Stadt, und dann kam aber schon…“ „Ruhig“, unterbrach Luzie. „Ganz ruhig, sonst macht der Kasten gleich wieder irgendwas, was wir nicht gebrauchen können.“ „Es ging um Husenkirchens Tochter“, fasste Anne zusammen, „Staatsanwalt Husenkirchen, und seine Tochter wurde jetzt zur Notarin bestellt.“ „Ich bestelle Pizza“, schnarrte das Ding. „Wie immer bei Pizza Pronto, dem freundlichen Lieferdienst in der Uhlandstraße.“ „Da hast Du es“, schrie Anne. „Ich kann in meiner Kanzlei kein Wort mehr sprechen, wir sind diesem Mistding wehrlos ausgeliefert!“ „Ich prüfe den Auslieferungszustand“, meldete sich Mini. „In wenigen Minuten erreicht Ihre Lieferung den…“ „Halt endlich die Klappe!“ Allein das half nichts.

Dass Mini den städtischen Sperrmüll bestellt und um ein Haar den neuen Kaffeeautomaten als Elektroschrott deklariert hatte – geschenkt. Anne für ein Fahrsicherheitstraining anzumelden war vermutlich nicht die schlechteste Idee, zumal sie ihre Kraftfahrzeugnutzung ohnehin besser auf einer Formel-Eins-Strecke als auf der Stadtautobahn würde nutzen können. Aber einen Satz Karten für die große Volksmusik-Gala mit den Gebrüdern Gschwöllpointner in der Ernst-Krönacher-Arena zu ordern, auf den Gedanken wäre nicht einmal ein enttäuschter Prozessverlierer gekommen. Keine Frage, das Objekt war gefährlich.

„Man müsste es vermutlich nur ausschalten.“ Luzie riss die Augen auf. „Nein!“ „Dass wir darauf nicht gleich gekommen sind“, höhnte Anne, „so ein genialer Einfall aber auch!“ Sie drückte mir Mini in die Hand. „Wenn der Herr vielleicht uns auch noch zeigt, wo man das ausknipst?“ Es gab in der Tat keinen Schalter, keinen Druckknopf, nichts. „So eine Blamage“, knurrte Anne. „Da dachte sich der Herr, zwei Frauen, ein elektronisches Gerät, ohne Mann im Haus kann das ja nicht funktionieren!“ „Und wenn die Batterie irgendwann mal leer sein sollte?“ „Dann kommt der Techniker“, informierte mich Luzie, „und wechselt den Akku. Er hat den Sicherheitsschlüssel, um das Gehäuse zu öffnen, wir nicht.“ Ich überlegte einen Moment. „Und wenn man das Ding versehentlich in den, sagen wir mal, Geschirrspüler stellt?“ „Dann kommt der Techniker und ersetzt es.“ Tatsächlich stand im Vertrag, dass man mit dem Kästchen sorgfältig umgehen sollte, da sonst eine kostenpflichtige Reparatur oder ein Ersatzgerät fällig würde. Was aber nicht im Vertrag stand, hatte ich schnell entdeckt. „Wo würdet Ihr jemanden verstecken?“ „Wie bitte!?“ „Ich meine“, erläuterte ich, „wo würdet Ihr jemanden verstecken, der sich nicht durch Geräuschentwicklung verraten soll?“ Luzie blickte sich überall um. „Unter der Küchenspüle wäre Platz, aber dann müsste ich denjenigen zersägen.“ Ich schnappte mir Mini. „Keine Sorge. Das geht so mit.“ Und schon war wieder himmlische Ruhe. Nur ihre Pizza würden sie wieder selbst bestellen müssen. Aber das ging jetzt gleich von der Küche aus.





TO-34b

28 05 2018

„Ichkann. Sienichtver. Stehen.“ Das Ding sah ein bisschen aus wie ein futuristischer Mülleimer, der sich als Droide verkleidet hatte. Es hörte offenbar nicht gut, wackelte mit den Stummelärmchen und drehte sich schnell um die eigene Achse. „Das sind Kinderkrankheiten“, wiegelte die Ingenieurin ab. „Diese Serie wird schon sehr viel besser sein als alle bisherigen Pfleger.“

Der Kasten wusste nicht, was er sollte. „Siesind. Hierneu.“ Ich konnte nicht widersprechen. „Nein“, murmelte sie. „Er meint mich. Es hapert noch ein bisschen an der Gesichtserkennung, aber das kann auch der empathische Schaltkreis sein.“ Wieder drehte sich die Tonne surrend, nickte und drehte die Armfortsätze hin und her. „Dieses Modell ist für die Altenpflege gedacht, deshalb haben wir ihm ein besonderes Einfühlungsvermögen für Demenz mit in die Module gegeben. Es wirkt sich leider nicht vorteilhaft aus.“

Hinten in der Werkstatt wurden die anderen Prototypen montiert, ein ständiges Bohren und Klappern drang aus dem Raum. Nicht alle sahen so aus wie TO-34b, einige waren größer, grüner, mehr aus Plastik oder hatten nur einen Arm. „Die Form folgt natürlich immer der Funktion“, erklärte die Konstrukteurin, „es sind Roboter, und man muss es ihnen ansehen.“ „Verstehe“, antwortete ich. „Sonst würde man einen giftgrünen Papierkorb in einem Pflegeheim leicht mit einem Hund verwechseln.“ Sie runzelte die Stirn, nahm es aber ohne Widerspruch hin. „Können. Wirjetztan. Fangen.“ „Er ist auf das Nachmittagsprogramm vorbereitet“, erläuterte sie. „Die Tablettenausgabe funktioniert schon sehr gut, wollen Sie mal…“ Schon hatte sich ein kleines Schubfach an seinem Rücken geöffnet, in dem eine hellblaue Kapsel lag. Der elektrische Pfleger drehte sich ruckartig um die eigene Achse, so dass die Pille herausgeschleudert wurde, quer durch das Zimmer, und unter den Tisch rollte. „Sie denken aber auch an alles“, lobte ich. „Gleichzeitig macht unser kleiner Freund eine Mobilisierung – das erhöht bestimmt das Algemeinbefinden, wenn unsere Bewohner ihre Medikamente vom Boden aufsammeln.“ Konsterniert blickte sie mich an. „Ich hätte ein paar Anregungen fürs Frühstück, bestimmt kriegt man da ein komplettes Sportprogramm hin.“

Sie überspielte die Situation; wenigstens gab sie sich alle Mühe. „Natürlich kann dies Modell noch nicht alles so perfekt“, befand sie. „Aber für die wesentlichen Aufgaben können wir es schon jetzt erfolgreich einsetzen. Denken Sie nur an die vielen Möglichkeiten zur Entlastungen für Fachkräfte!“ Wie auf Befehl spritzte TO-34b ihr aus den Augen – oder war man bei dieser Plastebüchse dafür hätte halten können – einen Strahl heißes Wasser ins Gesicht. „Schönstill. Halten.“ Der rechte Stummel schnellte in die Waagerechte, und mit Knirschen fuhr er seine Extremität aus. Der Schwamm traf sie unglücklich, so dass ihre Brille halb heruntersank. „Kinderkrankheiten“, bemerkte ich, „sicher sind das nur Kinderkrankheiten.“ Sie hatte viel Seifenwasser im Auge, wobei es mehr Seife als Wasser gewesen sein musste, denn sie reagierte deutlich gereizt. „Wir können auch einen elektrischen Teddy bauen“, keifte sie, „der brummt dann zur Beruhigung, und wir müssen die Insassen… Bewohner, wollte ich sagen, die Bewohner nicht mehr so oft versorgen.“ „Das ist fantastisch“, bekannte ich, „man stellt die Menschen einfach ruhig, es braucht keine Pillen und keinen Anschnallgurt, und falls es doch ein Problem geben sollte, haben sie bis ganz zuletzt wenigstens etwas im Arm gehabt, das brummt. “

Immerhin hatte dieses Spitzenprodukt eine Bedienungsanleitung, die sehr genau Funktionen und Bedienelemente erklärte. „Wir haben recht viel aus der Überwachungstechnologie übernommen – Sie sehen, die Entwicklungen waren nicht ganz umsonst – und können jetzt sehr schnell atypisches Verhalten klassifizieren. Bei der geringsten Gefahr schlägt TO-34b Alarm und sendet dem Pfleger einen Alarm auf den Monitor, wenn das persönliche Eingreifen notwendig sein sollte. Dann…“ „Und was macht er, wenn es zwei Personen gleichzeitig betrifft?“ Sie schwieg irritiert, also fragte ich weiter. „Oder wenn der Alarm anschlägt, während er sich gerade in einem anderen Zimmer befindet?“ Sie ruderte hektisch mit ihren gar nicht so stummeligen Armen. „Das hatten wir im Testbetrieb noch nie, und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass das in der Praxis jemals vorkommen wird.“ Sie schwieg, trotzig und verstockt. „Außerdem weiß man es sowieso nie. Das sind alles alte Leute, bei denen kann man meistens nicht mehr viel machen.“

Gerne hätte ich an dieser Stelle noch mehr erfahren über die technische Ausstattung des kleinen grünen Männchens, wie lange seine Batterie halten und wie viel er zu tragen vermöchte, doch er ließ plötzlich quiekend die Ärmchen sinken und schaltete sich aus. Ein gelbes Notlicht zeigte noch an, dass er nicht ganz defekt sei, aber das war es dann auch. Weder durch Tasten noch durch die Funksteuerung ließ sich der Kasten aktivieren, er blieb stumm und stur und blinkte langsam vor sich hin, an, aus, an, aus. Die Ingenieurin grinste schief. „Lebensecht, oder?“ Ich stutzte. „Was ist daran lebensecht?“ Sie tätschelte die Kunststoffhaube und dreht ein bisschen an den Reglern. „Er sollte ein gutes Teammitglied werden und sich perfekt in das übliche Betriebsklima einpassen. Keiner kann sagen, wann und warum, aber irgendwann kriegt er halt einen Burnout.“





Selbstzerstörungsmodus

7 03 2018

Luzie wedelte mit den Ellenbogen, dann wischte sie sich mit der Hand über das Gesicht, vielmehr: sie vollführte die international bekannte Geste für Dinge und Menschen, die nicht alle Tassen im Schrank haben. Mit einem säuerlichen Lächeln zeigte sie auf den Würfel, der den Tresen zierte. „Das ist sie.“ So klein, und doch brachte sie die ganze Kanzlei durcheinander.

„Eigentlich sollte das Gerät vieles einfacher machen“, überlegte ich, „aber danach sieht es nun nicht gerade aus.“ Die Lämpchen begannen leicht zu leuchten. „Ich verstehe Deine Besorgnis“, säuselte der Kubus. „Aber wenn Du Dich an meine Funktionen gewöhnt hast, kann ich vieles für Dich leichter machen.“ Genau das hatte ich erwartet. „Sie hält einfach nicht die Klappe“, knirschte Luzie zwischen den Zähnen hervor, „immer muss das Ding das letzte Wort…“ „Ich wusste ja nicht, dass Du nichts mehr sagen wolltest.“ „Und patzig ist das Blechteil auch noch!“ Zwischen Luzie und Lexi war das Tischtuch offenbar gründlich zerschnitten. „Dabei wollte Anne sicher alles nur ein bisschen moderner gestalten.“ Aber sie blickte immer noch skeptisch.

Die Rechnungen waren erklecklich. „Das war der Mandant mit den vielen Strafzetteln.“ Er, ein durchaus lauter Zeitgenosse, hatte das Büro mehrmals aufgesucht, Unterlagen eingereicht, kurz nach dem Befinden gefragt, und jedes Mal hatte er Lexi in Betrieb genommen, wenn auch ungewollt. „Einmal wollte er mit dem Taxi nach Hause fahren, zack: Taxi bestellt, und zwar zur Sicherheit gleich mehrfach. Und dann meinte er: ‚Ach, jetzt eine schöne große Pizza!‘. Noch Fragen?“ „Du wolltest eine schöne große Pizza“, schnarrte Lexi, „ich habe Dir schon eine bestellt, wie Du sie in der letzten Woche haben wolltest.“ Luzie stöhnte auf. „Ich wusste es.“ Ich kratzte mich am Kinn. „Hat das Ding eigentlich einen Selbstzerstörungsmodus?“ Luzie schüttelte den Kopf. „Nein, aber unsere Kanzlei.“

Sollte es eine Bedienungsanleitung geben für die Kiste, so hatte Anne sie sehr gut versteckt. Überhaupt hielt sie sich gerade recht bedeckt, kam nicht mehr aus ihrem Beratungszimmer und schwieg auch sonst auf eine Art, die geradezu unheimlich wirkte, umso unheimlicher, wenn man sie sonst kannte. „Das muss sein“, erklärte sie kurz angebunden. „Ich muss den Mandanten ja schützen, schließlich sind unsere Gespräche streng vertraulich. Stell Dir mal vor, jemand legt bei mir ein Geständnis ab, das Gerät hört es und überträgt es direkt an den Staatsanwalt!“ „Das wäre für Dich als Strafverteidigerin doch eine enorme Motivation, den Mandanten trotzdme herauszuhauen.“ Lexi konnte mit ihrer Schimpfkanonade nicht wirklich etwas anfangen.

Immerhin wusste das Gerät, wo Anne auf die Schnelle Kopfschmerztabletten herbekommen könnte. „Dabei hat sie noch nicht einmal gesagt, dass sie Kopfschmerzen hat?“ Wir hatten den Feind ins Boot geholt. „Das Ding ist imstande und…“ Luzie hielt ihr dem Mund zu. „Nicht aussprechen“, knurrte sie. „Vermutlich ist es genau das, wozu die Mafia das gebaut hat: wir wünschen jemandem die Pest an den Hals, und die Maschine schickt sie uns vorbei.“ „Die Pest ist bei Ihrem Versand als Taschenausgabe und elektronisch verfügbar, der Preis liegt zwischen…“ „Keiner mag Streber“, schrie Anne. „Wie wär’s mit einer geschlossenen Gesellschaft?“

„Vielleicht muss man sie nur besser einstellen?“ Anne hatte nicht einmal eine Bedienungsanleitung für den Kasten, was aber nichts machte; sie hätte sie ohnehin nicht gelesen. „Oder man nimmt sie als Navigationsgerät?“ Luzie schnaufte. „Ich würde sie aus dem Fenster schmeißen.“ „Sie läuft sowieso nicht mit Batteriebetrieb“, beschwichtigte Anne. Das änderte jedoch nichts daran, dass der metallene Quader ruhig lauernd auf dem Tresen thronte, als wolle eine finstere Fürstin alle Geheimnisse der Kanzlei ausforschen. Was den Verbrauch an Kaffee und Pizza anging, es wäre nachvollziehbar gewesen, aber auch nur in wirtschaftlicher Hinsicht. „Das Mikrofon müsste man irgendwie verlöten können“, mutmaßte Luzie. „Oder man probiert etwas mit Sekundenkleber.“ „Nagellack“, meinte Anne. „Nagellackentferner?“ „Oder einfach einen Nagel?“ Die unverhohlene Brutalität der beiden Frauen machte mir schon ein wenig Angst, obgleich ich kaum etwas zu befürchten hatte. „Oder Du lässt Sie rein zufällig in den Geschirrspüler fallen, wenn Du abwäschst?“ „Ein Eimer Wasser dürfte bei ihr doch reichen, oder?“ „Haarspray!“ „Ich habe noch Sprühkleber.“ Luzies Augen begannen gefährlich zu funkeln. „Klarlack, und danach in Sand wälzen.“ „Also erst den Sprühkleber, dann Sand und danach den Klarlack?“ Sie wäre wie eine Furie auf den Quatschkasten losgegangen, hätte ich sie nicht im letzten Augenblick daran gehindert. „Ich bitte Euch“, rief ich sie zur Ordnung. „Das kann man doch zivilisiert lösen.“

Im ausgeschalteten Zustand sah sie sogar recht stylish aus. Schwarz eloxiertes Aluminium, der Standfuß war von einer silbernen Leiste umgeben, die wenigen Anschlüsse lagen dezent an der unteren Kante verborgen. „Es gibt immer Abnehmer“, sagte ich. „Gebt eine Kleinanzeige auf, und innerhalb von drei Tagen seid Ihr das Biest garantiert los.“ Anne klatschte in die Hände. „Perfekt! Jetzt müssten wir nur noch…“ Luzie biss sich auf die Lippe. „Lexi, wo verkaufen wir Dich?“





Schnurlos

18 02 2015

„Es steht gar nicht dabei, ob man das kleine Gerät hier mitnehmen muss. Das Kabel ist nämlich so kurz, es reicht gerade eben bis zur Wand.“ Herr Breschke beäugte sein neues Telefon skeptisch. Er hielt das Ding in der Hand, als sei er sich nicht ganz sicher, was es nun tatsächlich darstellen sollte. „Jeder hat heute so eins“, beruhigte ich ihn. „Sie können mir vertrauen, die Firma will Sie wirklich nicht ausspionieren. Jeder hat heute so ein Telefon.“

Tatsächlich war noch nicht ganz geklärt, was mit dem alten geschehen war. Vielleicht hatte der Dackel die Schnur durchgenagt. Breschke schüttelte energisch den Kopf. „Das würde Bismarck nie tun, außerdem hat meine Frau jahrzehntelang jedes Kabel um die Finger gewickelt. Irgendwann musste es ja mal brechen.“ Zu seinem Leidwesen war der Apparat irreparabel beschädigt gewesen. „Und ich bin mir ziemlich sicher, dass sie das bloß erzählt haben, damit wir und auch eins von diesen neumodischen Handgeräten anschaffen.“ „Nun“, entgegnete ich, „Sie müssen zugeben, dass Ihr Telefon schon etliche Jahre auf dem Buckel hatte.“ Horst Breschke runzelte die Stirn. „Das war doch schon eins von diesen ganz neuen Telefonen“, begehrte er auf. „Weil meine Frau sich unbedingt einen Apparat in Orange gewünscht hatte.“

Nun also hielt er ein formschönes Endgerät in der linken Hand und stellte es behutsam in die Ladestation zurück. „Das Problem“, erläuterte der Hausherr, „ist ja das Kabel: es reicht hier bis zur Wand, und wenn ich im Arbeitszimmer sitze, dann muss ich doch immer in den Flur laufen, wenn es mal klingelt.“ „Aber Sie können es doch jederzeit abnehmen und mit ins Arbeitszimmer tragen.“ Er bleib skeptisch. „Der Verkäufer hat gesagt, wenn man es nicht auf diese Steckdose stellt, dann hat es irgendwann keinen Strom mehr. Ich meine, ist das nicht eine fürchterliche Verschwendung? Alle Geräte heutzutage brauchen Strom – das war doch früher nicht so?“

Die Bedienungsanleitung war verhältnismäßig dünn; schon nach kurzer Zeit hatte ich die Reichweite des Telefons entdeckt. „Sie können sich fünfzig Meter von der Ladestation entfernen, das dürfte doch wohl bis zum Arbeitszimmer reichen, oder?“ Breschke war erstaunt. „Fünfzig Meter? Gut, aber das brauchen wir ja gar nicht. Und trotzdem, den alten Apparat konnte man im Sommer mit der Schnur bis dort hinten zur Fensterbank tragen, dann hat man es auch bis in den Garten gehört, wenn wir am Abend mal draußen sitzen. Aber dieses neue Gerät – fünfzig Meter, und dann kann man es doch nicht mit aus dem Haus nehmen.“ Möglicherweise hatte ich es nicht ganz verstanden. Der pensionierte Finanzbeamte half mir. „Man kann es im ganzen Haus benutzen, das hat der Verkäufer mir bestätigt. Aber er hat nichts davon gesagt, was mit dem Garten ist. Meinen Sie nicht auch, da ist ein Trick dahinter?“

Da passierte, was früher oder später passieren musste. Das Gerät klingelte. Wie dem Display zu entnehmen war, handelte es sich um einen internen Anruf. „Wir haben nämlich zwei bekommen“, berichtete Breschke, „das zweite steht jetzt oben im Schlafzimmer.“ Während das Telefon klingelte und klingelte, schaute ich ihn erwartungsvoll an. „Wollen Sie nicht rangehen?“ Verwirrt griff er nach dem Hörer. „Ach so ja, natürlich – Breschke hier!“ Genau so musste er sich damals als Amtsrat der Oberfinanzdirektion gemeldet haben, militärisch knapp, aber inhaltlich hinreichend klar. Er legte die Hand auf das Mikrofon. „Es ist nämlich meine Frau“, informierte er mich flüsternd. Ich war beeindruckt. „Wer hätte das gedacht.“

Das Telefon hatte recht schnell zu Innovationen im Hause Breschke geführt. „Meine Frau muss nicht mehr hinaufrufen, wenn ich gerade im Lesezimmer bin, sie ruft jetzt einfach an.“ „Das ist ja famos“, freute ich mich anstandshalber. Doch ich hatte die Rechnung ohne den wenig technikaffinen Mann gemacht. „Manchmal höre ich es ja nicht gleich“, bekannte er. „Wenn es beispielsweise im Schlafzimmer klingelt und ich im Lesezimmer bin, dann muss meistens meine Frau die Treppe hochsteigen.“ „Sie teilt Ihnen dann mit, dass das Abendessen fertig ist?“ Er schüttelte den Kopf. „Aber nein, jetzt doch nicht mehr! Sie sagt mir, dass das Telefon klingelt.“

Was es dann auch wieder tat. Der Anzeige entnahm ich, dass es Doktor Klengel war. „Breschke hier! Ah, Herr Doktor – gerne, warten Sie einen Augenblick.“ Konzentriert starrte er auf die vielen Tasten, bis er die richtigen beiden erwischte. Oben sprach seine Frau mit dem uns befreundeten Hausarzt weiter. „Wobei“, stutzte Breschke plötzlich, „wobei: wenn er mit meiner Frau sprechen wollte, warum hat er dann mich angerufen? Ist das etwa…“ Ich nahm ihn am Arm. „Denken Sie doch mal logisch. Wessen Nummer hat denn Herr Doktor Klengel gewählt? Wer steht denn im Telefonbuch?“ „Meine“, echote Breschke ungläubig. „Sehen Sie“, fuhr ich fort, „also musste es auch bei Ihnen klingeln.“ Er schnaufte. „Was man nicht alles bedenken muss mit diesen neuen Geräten.“ Und er stellte das Telefon wieder zurück in die Ladeschale. „Nicht auszudenken, wenn dieses Ding auch in Orange gäbe!“





Alarmbereit

13 11 2013

Herr Breschke pfriemelte das Elektrokabel durch die Metallschlinge und steckte es an der Fußleiste fest. „Völlig unauffällig“, versicherte er mir. „Das ist absolut sicher.“ Natürlich hätte man ein grellrosa Kabel auf einer altweiß gestrichenen Raufasertapete nicht entdeckt. Nicht, wenn man wie Breschke als pensionierter Finanzbeamte die Lesebrille nur selten im Flur trug. Erst recht nicht, wenn einem als Einbrecher die Installation dieser Alarmanlage vor der Haustür verborgen bleibt.

„Sie haben drüben im Rilkering schon zweimal eingebrochen.“ Der alte Herr zog sich an der Kommode in die Höhe und klopfte sich die Stäubchen von den Hosenbeinen. „Deshalb habe ich meiner Frau versprochen, dass ich diese Anlage gleich heute installiere.“ Vermutlich hatte er sie dazu gebracht, sich ins Unvermeidliche zu fügen, denn dieser Apparat lag bereits seit Wochen auf dem Speicher und harrte seiner Einsatzmöglichkeit. „Es ist auch alles ganz einfach“, informierte er mich. „Wir sind von der Stromversorgung nicht abhängig, und das heißt, dass wir im Fall eines allgemeinen Ausfalls weiterhin gegen Einbrüche geschützt sind.“ Ich schaute skeptisch, was ihn natürlich sofort in Alarmbereitschaft versetzte. „Denken Sie an Naturkatastrophen“, schärfte er mir ein. „Wenn hier ein Tornado über die Stadt zieht, dann werden wir nicht ausgeplündert!“

Das Kabel verlief also von einer Flachbatterie ausgehend in einem einfach zu überblickenden Stromkreis durch das ganze Haus, einschließlich der Fenster. „Was ja nicht so einfach war“, druckste er. Offensichtlich hatte das Elektrosystem wie vorgesehen auch präventiv die Fenstergriffe unter Strom gesetzt. Frau Breschke hatte die Wirkung getestet und sich nach einem kurzen Fachgespräch mit der Ansicht durchgesetzt, das Ding ganz anders aufzubauen. Wie zum Beweis schrillte es aus dem Obergeschoss – ein unbedacht geöffneter Fensterflügel setzte die Apparatur in Gang und sorgte für ohrenbetäubenden Lärm. „Man muss das dann hier unten abstellen“, schrie Breschke mich an, wiewohl ich unmittelbar neben ihm auf dem Boden kauerte. „Meine Tochter hatte da irgendwo hier in dem Heft angekreuzt.“

Natürlich seine Tochter. Sie versorgte ihn beharrlich mit obskurem Gerät, zweifelhaften Sonderangeboten und Dingen aus ungewisser Quelle, bei denen man noch froh gewesen wäre, hätte es sich einfach um unverzollte Ware aus dem ganz normalen Piratenkatalog gehandelt. Doch dies Zeug war meist aus Hinterhofwerkstätten und zwielichten Fabriken gekommen, im Internet bunt angepriesen oder während einer ihrer zahlreichen Urlaube vom radebrechenden Reiseleiter in der Hotelbar als Geheimtipp unter dem Tisch verkauft, und dies meist zu einem Preis, für den man in der Heimat anderthalb vernünftige Geräte plus einer Jahresversicherung gegen Durchbrennen und atomare Explosion bekam. Farbenfrohe Alkoholika rundeten das Bild ab, Flüssigkeiten, die man wegen ihres abnormen Zuckergehaltes nur schwer als Pinselreiniger verwenden konnte, sowie ein wirres Sammelsurium von Gebrauchsanleitungen, das wohl eigens für sie hergestellt wurde, denn wer würde aus dem Altkoreanischen über Ameisensprache und Westbaskisch nach Klingt-wie-Englisch übersetzte Falt-, Schraub- und Schweißbreviere für Sessel und Schrankwände auf die Menschheit loslassen, solange die Gefahr einer globalen Rache nicht völlig vom Tisch wäre?

Nach einer knappen Viertelstunde, kurz vor dem Eintreffen des Polizeiwagens, hatte ich beherzt die Klemme von der Batterie gezogen; noch war die Anlage scharf, aber immerhin hörte das von Sirenengeheul untermalte Klingeln auf. Ein halbes Dutzend Nachbarn hatte sich kurz und informativ auf den Wunsch geeignet, dieses infernalische Teil aus dem Haus zu beseitigen, wollte Breschke nicht selbst beseitigt werden. „Wir sollten es umbauen“, murmelte er. „Vielleicht sollten wir es wirklich umbauen.“

Mein Plan bestand darin, zunächst nur eine Art Lichthupe zu verwenden. Würde der entsprechende Kontakt unterbrochen, flösse der Strom zu einer Glimmlampe, die den Flur taghell erleuchtete, statt die Klingel ertönen zu lassen. Er stimmte mir zu. „Sehr gut. Und könnte man dann nicht auch eine zweite Leitung ins Schlafzimmer legen? Dann wäre es hell, und wenn man wach ist, hört man ja den Alarm viel besser.“ Dieser Logik freilich konnte ich mich nicht entziehen. Sofort zog ich eine zweite Strippe und montierte sie entlang des Alarmdrahtes empor an der Treppe, die das Erdgeschoss mit den oberen Räumen verband. „Hier lagen noch die alten Telefonleitungen“, zeigte der Hausherr. Die Lampenfassung über der Tür eignete sich ebenfalls hervorragend für das Sicherheitsflutlicht. Jetzt musst es bloß noch einer praktischen Prüfung standhalten. Doch nichts tat sich. Die Lampe weigerte sich und glomm nicht wie erwartet. Da fiel es mir auf. „Der Kontakt ist ja von der Batterie.“ Mit einem Handgriff war das geändert. „Warten Sie“, verkündete Breschke. „Ich hole nur noch schnell die Post aus dem Briefkasten, dann können wir oben die Lampe anbringen.“

Zitternd saß Horst Breschke auf dem Küchenhocker; die Nachbarn hatten diesmal drastische Maßnahmen angekündigt, wenn der Krach noch ein einziges Mal wiederkäme. „Hoffentlich beruhigen sie sich, wenn wir die Lampe einschrauben.“ Er tupfte sich den Schweiß von der Stirn. „Die reicht ja auch. Meine Frau und ich, wir sind ohnehin immer zu Hause.“