Verhältnisse

26 05 2020

„Und deshalb setzen Sie jetzt auf selbstbestimmte Maßnahmen?“ „Auf selbstbestimmtes Verhalten. Wir wollen, dass die Bürger sich solidarisch zeigen in einer…“ „Also mit anderen Worten: erst krepiert Thüringen, und dann der Rest von Deutschland?“

„Seien Sie doch mal ehrlich, die Menschen sind von den Maßnahmen der Bundesregierung einfach nicht mehr zu überzeugen.“ „Und was fällt Ihnen da als Lösung ein?“ „Wir arbeiten selbstverständlich auch weiterhin präventiv: da wir davon ausgehen müssen, dass die Menschen jetzt auch von den Regelungen auf Landesebene die Schnauze voll haben, delegieren wir die Prävention auf die kommunale Ebene.“ „Und das heißt jetzt was?“ „Wenn man einen Infektionsherd hat, dann muss man ja nicht gleich das ganze Land lahm legen. Es reicht ja aus, wenn man einzelne Landkreise und Städte abriegelt.“ „Vorher haben Sie noch betont, man würde die Länder gar nicht abriegeln können, wenn man in einzelnen Städten…“ „Kann man ja auch nicht. Wie stellen Sie sich das vor? Und was für einen wirtschaftlichen Schaden würde man da riskieren?“

„Was machen Sie denn jetzt, wenn es einen Infektionsherd im Land gibt?“ „Man kann ja die einzelnen Städte oder Landkreise nicht komplett abriegeln.“ „Eben hatten Sie noch gesagt, dass das notwendig sei.“ „Ja, das stimmt auch. Aber dass das nicht geht, das muss man doch nicht betonen.“ „Damit riskiert die Landesregierung, dass sich ein einzelner Fall…“ „Es müssen schon mehrere sein, wir sprechen ja immerhin von Infektionsherden.“ „Die gehen aber auf Einzelfälle zurück.“ „Das kommt eben dabei raus, wenn einzelne Kommunen sich nicht an ihre Vorschriften halten.“ „Ich dachte, dass das jetzt nur noch den Bürgern obliegt?“ „Das ist richtig, aber es ist ja auch nur als Empfehlung gedacht.“ „Aber…“ „Schauen Sie mal, dem Land und den Kommunen vertrauen die Bürger doch nicht mehr, weil sie befürchten, dass sich hinter den Vorschriften eine faschistische Ideologie verbirgt, mit der ein neuer Führerstaat vorbereitet werden soll.“ „Und jetzt sagen Sie den Bürgern, sie sollen sich um ihre eigene Sicherheit kümmern?“ „Naja, die Bürger werden wohl am wenigsten einen neuen Nationalsozialismus vorbereiten wollen.“ „Da wäre ich mir in Thüringen nicht zu sicher.“

„Wir setzen doch nur auf die Einsichtsfähigkeit der Bürger.“ „In allen anderen Bundesländern haben wir Infektionen, wo es den Leuten völlig schnurz war, ob sie einen Meter oder zehn Meter Abstand hielten oder ob sie ohne Mundschutz mit drei Dutzend in einer Eckkneipe waren.“ „Das sind dann eben Fälle, in denen die Landesgesetzgebung sich nicht ausreichend durchgesetzt hat.“ „Wenn in Thüringen zwei oder drei solcher Hotspots für eine Infektionswelle sorgen, dann hat doch der Rest von Deutschland auch etwas davon.“ „Deshalb setzen wir vorläufig auch nur auf die Vorsicht der Bürger in Thüringen. In den anderen Ländern werden sich die anderen Bürger selbst um ihre Sicherheit kümmern müssen.“

„Und was machen Sie, wenn ein einzelner Fall die ganze Scheiße wieder hoch kochen lässt?“ „Dann haben wir ja immer noch die Alarmsysteme auf kommunaler Ebene.“ „Wo denn?“ „Na, in den Gesundheitsämtern.“ „Die haben doch jetzt schon kaum Personal!“ „Wenn es sich bald wieder beruhigen wird, müssen wir doch jetzt nicht auch noch Leute einstellen, die wir sowieso bald wieder rausschmeißen. Hahaha, das würde der Palmer bestimmt total witzig finden!“ „Selbst, wenn Sie die Leute hätten, die müssten sich doch vor allem um die Infektionsketten kümmern, oder wie wollen Sie diese verdammte Corona-App betreiben?“ „Ja, die kommt halt auch erst, wenn der ganze Zirkus schon vorbei ist. Oder halt nie. Aber das kommt ja so ziemlich auf dasselbe hinaus.“ „Dann melden sich die Infizierten bei Ihnen und…“ „Moment, bevor die sich alle als infiziert bezeichnen oder bevor Sie das tun: haben die einen Test gemacht?“ „Machen die das denn nicht bei Ihnen im Gesundheitsamt?“ „Mit welchem Personal denn?“ „Aber Sie haben doch eben gerade gesagt, dass Sie Alarmsysteme auf kommunaler Ebene vorhalten?“ „Ich habe auch gesagt, dass ich die Kommunen nicht abriegeln werde, weil es notwendig ist und mir trotzdem am Arsch vorbeigeht. Sie hören anscheinend auch immer nur das, was Sie hören wollen.“ „Wenn Sie hier Verhältnisse haben wollen wie in Schweden, dann bekommen Sie halt eine viermal so hohe Sterberate und eine Wirtschaft, die trotz offener Läden abkratzt.“ „Wir wollen keine Verhältnisse wie in Schweden. Wir haben eine florierende Wirtschaft, insbesondere in der Logistik: viele Arbeitsplätze unterhalb des Mindestlohns, sehr viele davon in Teilzeit, befristet oder in anderen atypischen Arbeitsverträgen. Das ist hochgradig systemrelevant.“ „Dafür riskieren Sie, dass es in Deutschland zu einer zweiten Welle kommt?“ „Keiner von uns hat die Absicht, Bundeskanzlerin zu werden, und auf den CDU-Vorsitz legt hier auch keine Sau gesteigerten Wert.“

„Sämtliche Epidemiologen und Virologen raten von dieser überstürzten Lockerungen ab.“ „Die müssen ja auch nicht unseren Landeshaushalt bezahlen.“ „Dann wird es irgendwann einen echten Lockdown auf kommunaler Ebene geben.“ „Das ist eine Demokratie, und wir leben nicht vom Zwang, sondern von geteiltem Wissen und Mitwirkung.“ „Moment mal, das hat doch die Bundeskanzlerin genau so gesagt? sogar wörtlich!“ „Ja, leider.“ „Wie jetzt, leider!?“ „Naja, sie bezieht sich auf die Bundesebene. Wir aber…“





Beobachtungsfall

4 03 2020

„… sich mit dem Virus infiziert habe. Die Wahl des Ministerpräsidenten von Thüringen könne damit auf unbestimmte Zeit…“

„… es sich zunächst nur um einen Verdachtsfall handele. Bisher sei nur ein einziger Abgeordneter der Christdemokraten mit den…“

„… habe keiner kommen sehen. Der Plan, die Infektion durch die Schließung aller deutschen Außengrenzen zu verhindern, sei offenbar nicht mit medizinisch geschultem Personal abgesprochen worden und müsse nun durch eine…“

„… lehne die FDP eine Zwangsinfizierung ihrer Landtagsabgeordneten ab. Sie werde sich nicht an der Wahl des Ministerpräsidenten beteiligen, da sie dies für eine sozialistische…“

„… Ganzkörperschutzanzüge für sämtliche Teilnehmer der Wahl nicht rechtzeitig nach Erfurt zu verlasten. Die CDU mache die Bundeskanzlerin dafür verantwortlich, da bei einer funktionierenden Atomwirtschaft ein Kernkraftwerk in nächster Nähe sicherlich für eine in ausreichender Menge an…“

„… könne der Umbau des Landtags in eine Isolierstation bis zu zwei Wochen dauern. Höcke sehe als einzige Lösung, ihn einstimmig per Akklamation zum Volksführer auf Lebenszeit zu…“

„… gebe es nicht genug Gesichtsmasken für das Landtagspersonal, um die Wahl nach Vorschrift des Infektionsschutzgesetzes durchzuführen. Eine von der SPD vorgeschlagene Regelung, auf private Schals und Halstücher auszuweichen, sei von Kuban abgelehnt worden. Der Vorsitzende der Jungen Union sehe darin einen Versuch, durch die Umgehung des Vermummungsverbots die linke Islamisierung des völkischen…“

„… in das Katholische Krankenhaus St. Johann Nepomuk verlegen wolle. Die CDU-Fraktion habe nichts dagegen, dass die Wahl im Rahmen einer Messe stattfinde und der künftige Ministerpräsident seine Amtseinführung durch den Erzbischof des…“

„… die gesamte CDU-Fraktion in Quarantäne genommen werden müsse, da sie noch am Montag getagt habe. Im Fall eines positiven Testergebnisses sei die Gefährdung für alle Personen, die in den letzten beiden Tagen enge persönlichen Kontakt zu dem infizierten Abgeordneten und seiner…“

„… werde die FDP bis auf Weiteres nicht mehr an den Landtagssitzungen teilnehmen, um nicht versehentlich einen Holocaustleugner in ein hohes Amt zu wählen. Lindner habe dies als eine reine Präventionsmaßnahme bezeichnet, die Gefahr einer Verkeimung oder Infektion habe zu keiner Zeit…“

„… es sich um einen engen, auch körperlichen Kontakt gehandelt habe. Die gesamte AfD-Fraktion sei daher unter dem Aspekt des Infektionsschutzes ebenfalls als erheblich…“

„… selbstverständlich die Sitzungsgelder weiter ausgezahlt werden müssten. Die Freidemokraten unterstützten den Vorstoß der Alternative für Deutschland, dass auch ohne jede Beteiligung an der konstruktiven Arbeit für das Bundesland alle auf demokratische Art gewählten Volksvertreter ein einklagbares Recht auf…“

„… drohe Höcke dem Sozialministerium mit einer Strafanzeige, wenn er oder andere Mitglieder der AfD in Thüringen in diesem Zusammenhang mit der Bezeichnung ‚Beobachtungsfall‘ in den…“

„… habe die CDU gefordert, dass sich Linke, Grüne und Sozialdemokraten nicht aus dem Saal entfernen dürften, wenn der Kandidat von Union und AfD gewählt würde. Dies stehe nur der CDU zu, da sie auch ohne eine demokratisch zustande gekommene Mehrheit einen natürlichen Anspruch auf die Regierung in den…“

„… die Wahl über das Internet durchführen wolle. Es werde derzeit noch nach einer Lösung gesucht, anonyme E-Mails in ein Postfach des Landtages zu senden, wo sie von einer anonymen Person in eine Liste mit…“

„… sich gegen den regierenden stalinistischen Altparteien-Mainstream richten müsse, der das Land islamisieren und das Volk zwangsweise zu Transsexuellen umoperieren wolle. Daher fordere Merz eine komplette Enthaltung der Union bei der Wahl eines für sozialistischen Terror bekannten…“

„… schnellstmöglich nach Sachsen entsendet werde. Eine gemeinsame Delegation von CDU, AfD und per Haftbefehl gesuchten gewaltbereiten Nazis habe am Montag bei PEGIDA demonstriert und damit eine Vielzahl der…“

„… lege Kuban größten Wert darauf, dass die Ablehnung der AfD auf keinen Fall antifaschistisch gedeutet werden dürfe. Die Union sehe lediglich ihren Führungsanspruch in einer Koalition mit FDP und AfD als Partei der bürgerlichen Mitte, die in…“

„… schlage die CDU-Landtagsfraktion vor, dass eines der Mitglieder versehentlich eine Tür hinter sich und den anderen ins Schloss ziehe, die nicht von innen geöffnet werden könne. So schaffe man eine rechtliche Situation, die die Teilnahme an der Wahl verhindere, die jedoch im Nachhinein mit juristischen Mitteln angefochten werden könne, wenn das Ergebnis nicht im Sinne der…“

„… könne die Union auch auf Bundesebene keine Lösungen akzeptieren, da sie sonst keine Probleme mehr hätte, für die sie die Linke verantwortlich machen könne. Eine Auflösung des Landtages dürfe daher unter keinen…“

„… in die Klinik eingeliefert worden seien und dort für unbestimmte Zeit beobachtet werden müssten. Über eine Infektion mit dem Corona-Virus könne das Klinikum Erfurt keine Angaben machen, da sich alle Abgeordneten derzeit in der Psychiatrie des…“





Demokratielabor

6 02 2020

„Das Wichtigste ist doch nun, dass die AfD keinen politischen Einfluss bekommt.“ „Aber sie wird ihn geltend machen.“ „Das ist ja auch okay so, dafür haben wir sie schließlich gekauft.“

„Das heißt, die Abgeordneten haben auf einen eigenen Kandidaten verzichtet, weil sie wussten, dass der sowieso nicht gewählt würde?“ „Das kann man doch nicht machen.“ „Wegen der politischen Verantwortung?“ „Kramp-Karrenbauer würde uns alle aus der Partei rausprügeln, wir können doch nicht alle arbeiten für unser Geld!“ „Stimmt auch wieder.“ „Außerdem war das kein echter Kandidat der AfD, das sieht man schon daran, dass der vorher nicht in der CDU war.“ „Aber er steht der Partei rechts… recht nah, wollte ich sagen.“ „Das ist doch kein Damm… Beinbruch! Beinbruch natürlich.“ „Wem sagen Sie das.“ „Man muss ja auch mal die Kirche im Dorf lassen.“ „Wenigstens ist dieser Mann ein guter Vertreter der Mitte.“ „Aber nur, wenn die Mitte rechts der Mitte liegt.“ „Bisher war sie im linksfaschistischen Mainstream.“ „Ach so.“ „Und wir sollten das auch nicht überbewerten, es ist ja erst mal nur ein Bundesland.“

„Jetzt ist natürlich die Frage, wer in diesem Bundesland regieren wird.“ „Die FDP natürlich, und alle, die sich für eine demokratische…“ „Sie meinen: demokratisch gewählte Regierung?“ „Ich verwechsle das immer.“ „Kann vorkommen.“ „Wir werden hier eine gemeinsame Lösung finden, davon können Sie ausgehen.“ „Solange das Land daran nicht eingeht?“ „Auf jeden Fall müssen wir jetzt eine ganz neue Strategie entwickeln, weil wir eine Minderheitsregierung haben werden.“ „Das war so geplant?“ „Aber ja, genau deshalb haben wir diese Last auf uns genommen.“ „Verstehe. Wieso übrigens?“ „Damit Thüringen nicht unter einer Minderheitsregierung leiden muss.“ „Das hatte ich nicht auf dem Schirm.“ „Sehen Sie, es ist doch komplizierter, als es aussieht.“

„Das heißt, wir müssen auch die SPD als Teil einer künftigen Minderheitsregierung ansprechen.“ „Wenn sie mitmachen, wird es ja keine mehr.“ „Stimmt auch wieder. Was machen wir denn da?“ „Ansprechen, und wenn sie sich verweigert, dann an ihre staatspolitische Verantwortung erinnern.“ „Wie geht das denn?“ „Die SPD sollte sich wieder der Mitte zuwenden, um nicht von der AfD erpressbar zu sein.“ „Das kann sie doch aber nur, wenn sie eben nicht in eine Regierungskoalition mit uns geht.“ „Also erstens ist das egal, weil wir sie an einer Koalition sowieso nicht beteiligen werden, und zweitens können wir das alleine gar nicht entscheiden.“ „Weil die FDP diesmal das Sagen hat?“ „Richtig. Sie sehen, nicht regieren statt falsch zu regieren muss man auch erst mal lernen.“

„Und wenn’s Neuwahlen gibt?“ „Dann sind wir natürlich nicht schuld.“ „Aber wir sind doch die größte politische Kraft in dieser Koalition.“ „Das glauben aber auch nur Sie.“ „Sie meinen, weil die Glatze diesmal ein FDP-Parteibuch hat, kommen wir lebend aus der Nummer raus?“ „Mit ein paar Blessuren vielleicht, aber es wird keine Toten geben. Wenigstens nicht bei uns.“ „Weil die AfD an der Sache schuld ist.“ „Ja und nein.“ „Wie?“ „Es ist nur der Flügel, der uns diese undemokratische Entscheidung aufgezwungen hat, das muss man richtig einordnen.“ „Das heißt, die AfD ist an sich nicht verantwortlich?“ „Als Ganzes sicher nicht. Man muss diplomatisch vorgehen, wenn man sich keine Steine in den Weg legen will.“ „Sie meinen in Bezug auf die nächste Bundestagswahl.“ „Zum Beispiel.“ „Dann versteh ich aber nicht, wie man Thüringen derzeit als Demokratielabor bezeichnen kann.“ „Denken Sie doch mal logisch, was wird denn im Labor derzeit am meisten entwickelt?“ „Gegenmittel gegen Krankheiten, die man aus der Welt schaffen will?“ „Jetzt kommen wir der Sache langsam näher.“

„Ganz ehrlich, ganz wohl ist mir bei der Sache nicht.“ „Was soll denn schon groß passieren?“ „Das wirkt auf mich wie ein Brandbeschleuniger, den wir nicht mehr in den Griff kriegen.“ „Sie haben es doch gehört, es ist eine FDP-Regierung, und wir sind eine vollkommen demokratische Partei, die sich auf dem Boden des Grundgesetzes befindet.“ „Die FDP hatte eine Handvoll Stimmen mehr als die nötigen fünf Prozent, sonst säßen die gar nicht im Landtag.“ „Ich habe die Regeln nicht gemacht.“ „Das wird jetzt das ganze Land ins Chaos stürzen.“ „Nun, diese Machtergreifung ging so planvoll und im Rahmen des geltenden Regelwerk vonstatten, dass Sie nicht fürchten müssen, ab morgen nur noch Unordnung vorzufinden.“ „Ihnen ist schon klar, dass nicht nur die FDP, sondern vor allem wir selbst damit der Bundespartei gewaltig vors Knie treten und vielleicht auch das Weiterregieren verhindern?“ „Sie haben wirklich noch nicht begriffen, wie man heute als Konservativer Politik macht?“ „Also ich sehe das schon kritisch. Wir sind Toilettenpapier, sich brüstet, jemanden benutzt zu haben, der sich mit uns den Hintern abwischt.“ „Naja, wenn es da politische Forderungen gegeben haben sollte, also von der AfD, dann können wir die jetzt natürlich nicht einlösen.“ „Ich weiß, weil wir nicht die FDP sind.“ „Genau. Also regen Sie sich wieder ab, das ist nämlich alles gar nicht so schlimm, wie es in den Medien jetzt dargestellt wird. Das muss sich in der Praxis bewähren, und dann…“ „Warum haben wir dann nicht einfach einen eigenen Kandidaten für den Ministerpräsidenten aufgestellt?“ „Jetzt fragen Sie nicht so dusselig. Wollen Sie etwa, dass der Verfassungsschutz statt der FDP uns beobachtet?“





Kontrollverlust

13 06 2018

„Ist doch irgendwie echt dufte gelaufen, oder? Also wir fanden’s total gut. Die Atmo und so. Das hätte uns jetzt irgendwie total betroffen gemacht, wenn es wieder eskaliert wäre. Aus dem gesellschaftlichen Standpunkt und so, ja?

Also wir finden das auch echt nicht in Ordnung, dass Personen, ich will da jetzt gar nicht gendern und so, da wollen wir echt total offen sein in jeder Beziehung, dass die jetzt so ein voll entspanntes Verhältnis zum Faschismus entwickeln. Das muss denen doch irgendwie auch total uncoole Vibrations machen, aber vielleicht sind wir dafür auch nicht sensibel genug. Wir hatten voll die schöne Kindheit, Bezugspersonen, das war irgendwie echt total gut und mega dynamisch, aber es gibt da so Formen des bürgerlichen Zusammenlebens, sorry für das Wort, aber wir finden das echt total spießig und so. Da muss man ja Nazi werden, wenn man in solchen Verhältnissen aufwächst.

Also diese Demokratiekritiker, die sich in den neuen Bundesländern treffen, die muss man ja in ihrer Motivation auch irgendwie abholen. Wir sind da total repressionsfrei in die Auseinandersetzung gegangen, also haben wir den Nazis mal ihren Alk erlaubt. Ich meine, kein Alkohol ist auch irgendwie keine Lösung, und wenn wir das gruppendynamisch sehen, also von der Sozialstruktur her, dann ist das vielleicht besser, wenn sie alle total besoffen sind. Dann werden diese Emotionen nicht mehr so sehr gehemmt, dann können die sich irgendwie auch ein Stück weit befreien und so. Und wenn die sich gegenseitig eins auf die Fresse geben, dann ist das für die auch voll gegen das System, und das kann man auch als positives Zeichen interpretieren.

Wir sind hier auch absolut antifaschistisch und so, keine Frage, aber dass man die Befindlichkeit von Nazis voll empathisch in seine Selbsterfahrung integrieren muss, um die auch im Hier und Jetzt zu begreifen. Die sind irgendwie total gehemmt, weil sie diese Unfähigkeit zu Trauern nicht verarbeitet haben. Man kann die auch als blöde Arschlöcher sehen, denen man das Licht ausknipsen sollte, aber das ist dann nicht so von der Betroffenheit her argumentiert, und da wollen wir ja schon hin. Also wir wollen denen schon Freiheit geben, das ist auch total okay, aber wenn die dann halt Systemscheiße bauen, Hakenkreuzfahnen, Hitlergruß, da muss man sich dann auch an antifaschistische Basics halten, und wenn wir dann diese repressive Sozialkritik mit eigener Repression beantworten, ist das vielleicht so dialektisch gesehen auch ein Stück weit die Erkenntnis, dass wir hier die Grenzen der Toleranz erreicht haben, die diese Leute ja auch für sich selbst schon in Anspruch genommen haben. Wir solidarisieren uns überhaupt nicht mit der Polizei, aber wir brauchen auch keine Systemkritik. Die sind total frei in ihrer Entscheidung, das muss jetzt einfach mal so sein. Wir haben denen sowieso schon gesellschaftliche Freiräume gegeben, das wäre total uncool, wenn wir dies jetzt eingrenzen würden. Das ist doch ein offenes Land hier.

Wir wollen so viele Entfaltungsmöglichkeiten bieten, dass die sich voll in unseren Diskurs einbringen. Klar können die auch voll abblocken, aber das ist jetzt irgendwie auch systemimmanent, dass wir ihre Toleranz nicht mit mehr Intoleranz erkaufen, und irgendwie wäre das auch voll spießig, wenn wir denen so eine typisch linke Moral vor die Nase halten. Das Parteiverbot für die NPD war auch nicht erfolglos, weil wir denen zu wenig geholfen haben. Aber wenn sich der Nachwuchs von denen jetzt so zerfleischt wie die NPD, dann haben wir das Problem im nächsten Jahr garantiert nicht mehr.

Wenn wir die jetzt da abholen, wo sie sind, dann haben wir auch keinen Kontrollverlust. Dass da so ein Verständnis entsteht, dass man diese Positionen auch irgendwie aushalten muss, das würden wir uns echt wünschen. Und dann kann man mit denen vielleicht im nächsten Jahr oder so konkret in einen Prozess eintreten, dass man da Workshops anbietet, Umweltschutz zum Beispiel, das finden die immer total gut, wenn die deutsche Umwelt geschützt wird, und dann kann man da so eine Form von gewaltfreiem Diskurs entwickeln. Also konkret die Entfaltungsmöglichkeiten, die demonstrieren ja auch voll oft für Frauenrechte, vielleicht können die sich ja mal dafür sensibilisieren, was das eigentlich heißt. Man muss das nicht gleich politisch angehen, eher so vom Grundsätzlichen her, was das mit uns macht, als Gesellschaft und so. Weil, wenn wir da jetzt eine Geschichtsstunde daraus machen, total pädagogisch, das ist dann ja auch irgendwie wieder angstbesetzt. Da ist die Bereitschaft zum Dialog schon sehr viel besser.

Also vielleicht ist das irgendwann auch ein Stück weit entspannter, das wäre total schön, dann könnte man sich vielleicht auch darauf einigen, nur noch jede zweite oder dritte Straftat anzuzeigen, und dann ist das hier total easy. Falls sie uns lassen. Wenn das jetzt nämlich nur so eine Tour wäre, um in Thüringen irgendwie rechte Strukturen zu etablieren, das fänden wir dann schon extrem scheiße. Aber mal ehrlich, können Sie sich das vorstellen?“





Kehraus

31 08 2009

„Jetzt machen Sie mal langsam hin, Sie sind ja nicht zum Spaß hier. Meinetwegen, nehmen Sie die Topfpflanzen ruhig mit. Sind ja Ihre. Ja, auch den Teppich. Ist mir doch egal. Ihren Drehsessel? Sie haben wohl Nachtfrost abgekriegt! Sie können doch nicht einfach Ihren Drehsessel mitnehmen! Haben Sie denn gar nichts dazugelernt?

Ja, dann verabschieden Sie sich eben von allen. Ist mir doch wurst. Empfang? Und wer bezahlt das? Aus dem Landeshaushalt? Sind Sie noch ganz dicht? Was glauben Sie eigentlich, wo Sie hier sind? Aufbau Ost? Was hat das denn mit Aufbau Ost zu tun? Was der Ackermann kann, können Sie schon lange? Mein lieber Mann, jetzt geht’s hier aber los. Nix mit Staatsempfang, jetzt werden hier hübsch die Koffer gepackt und ab geht’s! Ich lasse mich doch von Ihnen nicht verarschen!

Jaja, die roten Socken… Haben Sie eigentlich noch eine andere Platte? Wer hat denn hier den Erhalt des Sozialismus gefordert? Wer hatte denn hier den festen Klassenstandpunkt gegen die westliche Vereinnahmung durch die Kapitalisten angemahnt? Das waren doch wohl Sie? Wie bitte? Soll aus Ihrer Kaderakte gestrichen werden? Bei Ihnen piept’s wohl! Wo, glauben Sie, sind wir hier eigentlich? In der DDR? Hä? Die Vorstrafe aus dem Bundeszentralregister rausnehmen? Sind Sie noch ganz dicht? Na, offensichtlich! Meine Güte…

Wahlsieg feiern? Sie wollen Ihren Wahlsieg feiern? Welchen Wahlsieg? Mann, haben Sie irgendwas geraucht? Wo sehen Sie hier einen Wahlsieg? Wie bitte? Sie haben zwar mehr verloren als die anderen zusammen gewonnen haben, aber die anderen haben nicht so viel gewonnen, wie sie hätten gewinnen können, wenn Sie noch mehr verloren hätten, als Sie tatsächlich verloren haben? Sind bei Ihnen noch alle Lampen am Brennen? Meine Fresse, Sie faseln sich vielleicht einen Stuss zusammen! Wahlsieg… Sie haben sich hier die Klatsche Ihres Lebens abgeholt und schwadronieren über einen Wahlsieg. Nicht zu fassen.

Ach was, Exklusiv-Interview. Die Schmonzette ist doch grandios nach hinten losgegangen. Wenn ich Sie wäre, würde ich das Zeug so schnell wie möglich einsammeln und schreddern lassen. Tolles Thüringen… Mann, das ist doch wohl die Höhe! Die Wähler schicken waschkörbeweise Briefe, um zu erfahren, wie es mit Opel weitergeht, die Arbeitslosenquote liegt in Eisenach gerade sauber über 13 Prozent, und Ihnen fällt nichts Besseres ein, als darüber zu schwadronieren, wie viele Schuhe Ihre Frau im Kleiderschrank… Herrgott, sind Sie eigentlich so begriffsstutzig, oder tun Sie nur so? Ja wie, illegale Parteienfinanzierung, natürlich ist das illegal. Ach was, nur, wenn das die anderen gemacht hätten? Na, das ist ja mal ein höchst interessanter Standpunkt. Wollen doch mal sehen, wie das der Bundestag beurteilen wird, wenn er den Kram auf dem Tisch hat.

Ob wir was? Die Rothe-Beinlich zurückpfeifen? Wie verstrahlt sind Sie eigentlich? Nee, das löffeln Sie mal hübsch alleine aus. Die Zustellzettel? Das ist mir doch egal. Ja, dann werden Sie eben alle Papierkörbe in Thüringen selbst durchwühlen müssen. Sie sollten sich aber beeilen, gut möglich, dass da jemand schneller ist als Sie.

Wer? Der Scherer? Hat man Sie eigentlich mit dem Weihwasserwedel verprügelt oder sind Sie nur gegen die Wand gelaufen? Sie haben jetzt hier Ihr Arbeitszimmer zu räumen, da wird nicht mal eben ein Bundesverdienstkreuz… was, wie? Ehrfurcht vor Gott, Nächstenliebe, Toleranz und Dialogfähigkeit auf der Grundlage Ihrer ethisch hohen christlichen Überzeugung, sagen Sie mal, hat man Ihnen irgendwas in den Tee gekippt? Eine Kreationismus-Konferenz? In der Schulbehörde? Ist Ihnen nicht gut? Haben Sie vielleicht doch einen leichten Schatten abgekriegt?

Fernsehauftritt? Welcher Fernsehauftritt? Meine Güte, es gibt für Sie keine Fernsehauftritte mehr! Wieso die Kanzlerin? Mutti soll’s richten? Was denn bitte richten? Ihre Wahlkampfrede? Sie wollen die Grundzüge Ihres Gestaltungsauftrags für die Fortführung der erfolgreichen Politik darlegen? Sagen Sie mal, haben Sie eigentlich mitgekriegt, dass die Wahl schon gestern war?

Fotostrecke? Homestory? Wovon reden Sie da eigentlich die ganze Zeit? Hat Ihnen diese CDU-Zeitung noch nicht gereicht? Was wollen Sie? Einen Aufmacher in BILD? Eine Titelstory? Mit raschen, festen Schritten? Sie wollen was? Als Ihren Sprecher? Mein Gott, haben Sie den Schuss immer noch nicht gehört? Sie sind raus, Sie sind weg vom Fenster, Schluss mit lustig, Finito! Sie brauchen keinen Sprecher mehr, Sie haben hier nichts mehr zu sagen! Kapieren Sie es endlich: Sie haben es gehabt!

Jaja, körperlich und geistig sind Sie sicher wieder ganz der Alte. Auf welchem Niveau, das wollen wir dann mal nicht diskutieren.

Was wollen Sie machen? Ihren Dienstwagen mit gelben Streifen bekleben? Sonst ist aber alles fit im Schritt, oder was? Mann Gottes, es ist nicht mehr Ihr Dienstwagen! Nein, und jetzt kommen Sie endlich von diesem Drehsessel herunter, Sie sind ja schlimmer als ein Kleinkind! Heilige Scheiße, das darf doch wohl alles nicht mehr wahr sein… Sie kommen jetzt bitte mit. Sie kommen jetzt… Sie werden jetzt verdammt noch mal endlich mitkommen, ich habe nicht den ganzen Tag Zeit! Jetzt packen Sie diese beschissenen Topfblumen und Ihre Skier ein, und dann raus hier, Herr Althaus!“