Zauberhaft

28 07 2009

Der leicht hysterische Unterton in Annes Stimme hatte mich alarmiert. Allein wie sie diesen Namen aussprach – Max Hülsenbeck hieß er, der neue Staatsanwalt – weckte unschöne Erinnerungen in mir, die jähe Zerwürfnisse, gelöste Verlöbnisse und einen überstürzten Auszug vor das innere Auge brachten. „Kelmsen findet ihn ja süß“, sagte sie, „aber der ist auch immer sofort verknallt. Frau Platzke meint, er sei ein arrogantes Arschloch. Also Max.“ Ich grübelte noch, wie viele Sekunden es dauern würde, bis sie mich bäte, den Kandidaten in Augenschein zu nehmen. Waidwunden Blickes stimmte ich ihrem Plan zu, sich ganz zufällig in Bücklers Landgasthof zu treffen. Ich würde einen Tisch für drei reservieren – zu viel Zufall soll man ja dem Zufall auch nicht überlassen.

Der protzige Sportwagen mit dem auffälligen MH stand bereits quer über zwei Parkbuchten vor dem Anwesen der Bücklerbrüder. Hansi geleitete mich zu dem Tisch, den Anne nebst Galan gerade besetzten. „Ein Irrtum“, log er, „aber Sie werden einen zauberhaften Abend verbringen.“ Da Anne in ihrem Schwarzsamtenen sich bereits niedergelassen hatte, blieb dem Kerl nichts anderes übrig, als sich mir gegenüber zu platzieren. Kaltes Feuer blitzte aus seinen Augen. Nun gut.

Leise plätscherte Klaviermusik durch die Stube. „Na?“, sah ich Anne an. Es funktionierte, denn sie hält einerseits alles, was sie nicht einordnen kann, für Filmmusik – der gleichförmige Brei, den man im Kino hört, erleichtert das – und kann sich andererseits keine Namen merken. „Lino Ventura“, sprach sie geistesabwesend. „Natürlich“, spuckte der geschniegelte Anzug lässig hervor, „das hört man doch. Ich habe letztens ein Mozart-Konzert von ihm gehört. Live natürlich.“ „Nein, wie gut“, rief ich aus, „Sie sind Musikfreund? Kennen Sie die Einspielung von Beethovens Saxofon-Sonate?“

Die Spiele könnten beginnen.

Unterdessen hatte der Filou bereits begonnen, Speckstückchen aus dem Feldsalat zu picken und den Tellerrand drehsymmetrisch damit zu verzieren. Nicht Annes peinlich berührtes Schweigen ließ mich frohlocken, eher, dass Max es nicht bemerkte. Er war zu vertieft in die speckige Zwangshandlung. Auch die gelbe Löffelerbsensuppe mit Entenfleisch nötigte ihm nur Gemäkel ab. Jedenfalls sei er nicht zum Eintopfessen die ganze Strecke gefahren.

Anne bat hektisch um Entschuldigung und ging, ihre Gesichtsfarbe zu korrigieren. Da beugte sich der Schmierlappen über den Tisch und zischte: „Hör zu, Du Ratte! Die Lady ist mein Revier, klar? Wenn Du nicht ziemlich zügig abschwirrst, wird es Dir Leid tun!“ Ich lächelte mein seligstes Lächeln. Anne nahm wieder Platz; ich hob den Riesling empor. „Ja, dann wollen wir wohl Brüderschaft trinken!“ Seine säuerliche Miene sprach Bände. Die Gläser klangen und er würde mich fortan duzen müssen. Jeder schaufelt sich sein eigenes Grab.

Inzwischen hielt Max Frankfurt noch für die Hauptstadt Hessens, schwor, dass Leberkäse zu viel Leber enthielte, und bescheinigte der Raumfahrt, mit der Teflonpfanne doch eine gute Tat vollbracht zu haben. Es war, alles in allem, Schwadronieren ohne Sinn und Verstand.

Hansi tischte den Bachsaibling auf; der war mit Krabben gestopft und sanft von einer Dillkruste ummantelt, artig thronte ein Reismützchen daneben und ein Löffelchen Blattspinat. „Der Wein hier“, schmatzte Hülsenspeck, „hat Kork.“ Der jüngere Bückler zuckte zusammen, teils wegen des Unsinns und teils wegen der apodiktischen Tonart. „Den Koch, aber zackig!“ Als Mann von Welt hätte man den Sommelier verlangt, doch zu Hülsenfruchts Erstaunen kam tatsächlich Bruno, unmäßig dick wie groß und mit einem grotesken Schnurrbart ausgestattet, der allein schon ein Grund war, den großen Künstler Fürst Bückler zu titulieren. „Der Wein hat Kork?“ Büchsenspeck war das Lauernde entgangen. Unvermittelt schrie Bruno Bückler los. „Kork? Ein 2004-er Wutzbacher Steinschlag, im Stahltank ausgebaut und im PVC-Schlauch mit integriertem Hahn ausgeliefert? Sie Klugscheißer!“ „Tja“, fügte ich trocken an, „wie meist in der Spitzengastronomie. Bruno, wie wär’s mit einem Dessert?“ Ich zwinkerte ihm zu.

Mit zittrigen Fingern löffelte Anne Mädchenröte und musste dabei ganz übersehen haben, wie dem Hülsenknilch die Johannisbeersauce in langen Fäden aus dem Mund lief. Vielleicht wollte sie es auch gar nicht bemerken. „Ich liebe diese Frucht“, schwelgte ich, „die feine Säure.“ Bruno lugte verstohlen in den Raum. Dass man sich mit der Essigessenz aber auch so verschätzen kann.

Max, der Bruchpilot, nahm zu den Schnäpsen Zuflucht. Was immer ihm Hansi da kredenzt haben musste, es ließ dem Courmacher die Augen aus dem Kopf und den Schweiß auf die Stirn treten. Er zückte die Brieftasche und die Autoschlüssel. Artig dienerte der jüngere Bückler mit der Rechnung. Da wand ich dem Schwankenden die Schlüssel aus den Fingern. „Herr Staatsanwalt“, spottete ich, „wir wollen doch unsere Fahrerlaubnis nicht aufs Spiel setzen.“ Die roten Flecken in Annes Dekolletee machten bereits Anstalten, als geschlossene Fläche den Hals hinaufzusteigen. Ihre Stimme klang wie Stacheldraht. „Rufen Sie dem Herrn ein Taxi.“ Sie rauschte ohne ein Wort des Abschieds hinfort.

Anne stapfte über den Kiesweg, als hätte sie mit dem Geröll noch eine persönliche Rechnung zu begleichen. „Das darf doch alles nicht wahr sein! Bring mich von hier weg, und zwar so schnell wie möglich!“ „Ach“, sagte ich und hielt ihr den Schlag auf, „es war doch ein bezaubernder Abend?“





Wo der Pfeffer wächst

23 06 2009

„Der Herr Minister wäre dann da.“ Ich zupfte mir noch einmal die Schleife zurecht und sah nach den Frackschößen. Schließlich wird man nicht alle Tage von einem hochrangigen Staatsmann empfangen. Tröngg Sutschibubilay, im Hauptberuf Lektor für karutschische Sprache und Literatur, gab mir noch einige letzte Hinweise. „Unbedingt verbeugen, und sprechen Sie auf keinen Fall, hören Sie? auf gar keinen Fall den Grenzkonflikt an.“ Zwei Diener öffneten die Türflügel und ließen uns in den Saal.

Die Delegation aus Karutschistan war leicht zu erkennen. Es handelte sich um drei dicke Männer in grauweißen Kitteln. „Verbeugen Sie sich“, zischte Sutschibubilay, und so machte ich einen artigen Diener. Missmutig schauten sie einander an. „Tiefer verbeugen! Noch mal!“ Wieder knickte ich in der Hüfte ein, und diesmal wurde ihr Blick milde. „Sie haben den falschen Winkel gewählt“, belehrte mich der Dolmetscher, „beim ersten Mal waren es nur 30 Grad, was der Begrüßung eines Chefs oder des Vaters entspricht. Beim zweiten Mal waren es 45, und das war zu viel.“ „Was hätte ich denn machen sollen?“ Ich erfuhr, dass 40 Grad durchaus genügt hätten und beschloss, beim nächsten Treffen mit einem Minister einen Ballettmeister mitzunehmen.

„Kadaa-udödu? Maköö, maköö!“ So nahmen wir Platz. „Der Minister fragt, ob Sie nicht nach Landessitte eine Kleinigkeit zu speisen wünschen. Nha, x’üü maköö.“ So ging es hin und her, ein ums andere Mal. „Wir müssen natürlich zuerst ablehnen und uns nötigen lassen, sonst gelten wir als habsüchtig. Allerdings darf man auch nicht öfter als sieben Ablehnungen aussprechen, gesellschaftlich wichtige Gastgeber vertragen manchmal nur sechs.“ „Maköö!“ Endlich wurden wir handelseinig. Die Kellner, die bereits mit Tellern und Schüsseln um den Tisch gestanden hatten, durften nun auftragen.

„Hüün’hurrihuu“, rief der Minister, sekundiert von seinen Begleitern, die röchelnde Geräusche von sich gaben. „Ist ihnen nicht gut?“ Es war ein altes Ritual, wie es der Landeskundige beschrieb: der Gastgeber pflegt zunächst mit einigen derben Worten – ungefähr „Was für ein widerlicher Fraß!“ – die Aufmerksamkeit der bösen Geister von der Mahlzeit zu lenken, was die Gäste durch Geräusche des Abscheus bekräftigten. Ich würgte ein wenig, und der Minister war’s zufrieden.

Der blütenweiße Reis sah recht appetitlich aus. Alles begann, wild mit den Löffeln in den kleinen Schüsselchen herumzurühren. „Rühren Sie! Los, schneller!“ Warum nur? „Es ist ein symbolisches Zählen der Reiskörner. Wenn Sie zeigen, dass Sie dazu außerstande sind, haben Sie genug Reis und der Gastgeber verliert nicht sein Gesicht. Nhüü-go! Maköö-ta’a?“ Der nächste Gang war kochend heiße Suppe. Manierlich hob ich den Löffel und quirlte, was das Zeug hielt – betretene Gesichter starrten mich an. Der kleine Dicke mit dem Glatzkopf richtete angestrengt den Blick an die Zimmerdecke. Der Minister trommelte mit den Fingern auf dem Tischtuch. „Nicht die Suppe“, flehte der Übersetzer, „das heißt, dass Sie nachschauen wollen, ob auch genug Fleischstücke darin sind. Man darf das nur, wenn man jemandes Wohlwollen mit einem großherzigen Geschenk auf sich gezogen hat.“ „Aber genau das hatte ich doch vor“, begehrte ich auf. Zehntausend batteriebetriebene Taschenrechner und drei Traktoren, die den Zwanzigjahresplan der Volksrepublik Karutschistan noch besser erfüllen würden als die letzten beiden, für die allerdings bislang noch keine offizielle Statistik vorlag. Aber es gab nur noch einen Generalstreik pro Woche, es schien sich also bereits zu bessern. Der Übersetzer übersetzte und ich setzte über auf die andere Seite der unüberbrückbaren Differenz. Liebenswürdig erhob der Minister sein Glas, um mir zuzuprosten. „Chara’a-dhöö! Maköö, maköö!“

Gibt man Norbert Elias Recht, so sind die Sitten bei Tisch ein Korsett aus fremden Zwängen, das wir uns allmählich selbst überstreifen; haben wir erst einmal gelernt, uns in dieser steifen Hülle frei zu bewegen, so ist es nur eine Frage der Zeit, bis wir feinste Unterschiede feststellen und die Menschen in Klassen einteilen. Nichts anderes hatte der alte Freiherr von Knigge moniert, wenngleich es ihm mehr um Sitten als um den Tisch ging. Ich nieste. „Hüün’ta-dhöö?“, ließ sich der Dicke vernehmen. „Man pflegt“, diktierte ich meinem Dolmetsch, „in unserem Lande seiner Wertschätzung für einen Gast durch ausgiebiges Niesen bei Tisch Ausdruck zu verleihen. Je öfter, desto mehr Verehrung wird dem Gegenüber zuteil, wobei man mit dem Niesen erst dann beginnen darf, wenn der Gast begonnen hat.“ Und nochmals schnaubte ich durch die Nase.

Kein Zweifel, die außenpolitische Zukunft der karutschischen Regierung stand auf dem Spiel. Ebenso gut hätte man sich einer Diskussion über den Grenzkonflikt stellen können. Wenn jetzt nichts geschähe, würde die Chance auf zehntausend Taschenrechner für immer verstrichen sein.

Der Minister selbst, ein Mann der Tat, rettete die Situation. Beherzt griff er zum Pfefferstreuer – ein nutzloses Gerät, in dem das gemahlene Gewürz allmählich seinen Geschmack los wird – und puderte die Stücke des gebratenen Lamms auf dem Teller großflächig ein. Sie rangen nach Atem, sie schnappten nach Luft. Dann brach eine wahre Explosion los, sie niesten und keuchten und niesten. Ihnen tränten die Augen. Der Minister japste sich die Seele aus dem Leib. „Maköö, maköö!“ „Der Minister ist sehr erleichtert“, teilte der Interpret mit.

Ich werde ihnen eine Dose Schnupftabak nach Karutschistan senden. Zur Völkerverständigung.