Gernulf Olzheimer kommentiert (CD): Achtsamkeit

19 01 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Irgendwann erwischt es jeden. Fitness, Detox, Wellness, Entschlackung, Karma, Reiki, Smoothies, laktosefreies Klöppeln, den ganzen Schmodder hat die westlich zivilisierte Bumsbirne durch, noch sind keine Trends für geistig herausgeforderte Nappel am Horizont erkennbar, und die Karawane zieht weiter in Richtung geistiger Sonnenuntergang. Noch hält sich hartnäckig das Gerücht, vereinzelt seien Versatzstücke fremder Kulturen, Ideologien oder Sportarten im natürlichen Habitat belassen worden. Doch das ist nur eine Frage der Zeit, bis wir alle, Mann und Maus, ayurvedisch bügeln und Tiefenentspannung durch keltisches Heilsaufen erleben. Irgendwann wird die Birne weich, und bis dahin sind wir alle achtsam.

Das ist ja das Schöne an unserem Zeitalter des sozial und medialen Vollgeballers, dass wir uns vor niederschwelligen Angeboten für die ästhetischen Einfallskanäle nicht mehr retten können. Hier blinkt lustig ein Lämpchen, dort röhrt die Maschine, die ansonsten Bing macht, und hätte man das kleine flackernde Licht als das gesehen, was es eigentlich ist, eine Warnlampe, man hätte sie nicht johlend überfahren. So schnell tut es weh in der Mitte vom Kopf, wenn wir das Bewusstsein, jede geistige Gallerte ohne Stellschrauben, mit allen Mitteln der Ingenieurskunst zurechtsägen, bis fein verschiebbare Quader herauskommen, die sich für eine Runde lückenloses Synapsentetris ineinander und direkt in den Hohlraum schieben lassen, den der Wachzustand noch hinterlässt. Alles voll. Keine Zelle ist unglücklich, solange sie ausgelastet ist.

Was sich der Zerebralschwamm da aus Farbe und Gedöns hinschwiemelt, soll angeblich die höchste Form der Klarheit sein, die ohne übliche Pillen zu erreichen ist. Jede noch so zarte Regung der Nervenknospe, die eine Erschütterung in der Vergegenwärtigungsapparatur hinterlässt, erlaubt es dem Sinnen, alle innere und äußere Erfahrung des Hier und Jetzt zuzulassen. Es ist. Lass es sein. Das heißt letztlich nicht viel mehr, als sich bewusst dem Gejiekel und Gefiepere auszusetzen, und zwar volle Möhre, ungefiltert, schmerzfrei, offen für ganz neue Erfahrungen im neurologischen Sektor.

Der achtsame Mensch ist also eine Koksnase, die im Vollrausch der eigenen Gegenwart durch die wehrlose Welt torkelt, überwach jegliche Details in die Hirnrinde brutzelnd, aus denen sich nicht mehr ergibt als eine redundante Vorratsdatenspeicherung im Schädel, da das Ego-Trip-Paket höchstens einen verschwommenen 8-Bit-Abdruck abliefert, der sich mit Bordmitteln kaum ordentlich verarbeiten lässt. Wer den Spagat hinkriegt, gleichzeitig absichtsvoll und doch ohne Wertung den Moment in seiner ganzen Bandbreite zu erleben, sich also kritikfrei in den Gestank stellt, wird schnell ein allseits beliebtes Rädchen im Getriebe sein, das funktioniert und sich nicht mit inhaltlich gemeintem Quark einmischt in den öffentlichen Diskurs.

Schön, wie der Eskapismus lebt. Die Ichlinge ziehen knallhart ihr Business durch, während die in der Erleuchtung versoffenen Stumpfklumpen lahme Mandalas pinseln, sich gegenseitig mit Ohrkerzen und Klangschalengescherbel zumüllen – was da in den Cortex schwappt, soll auf keinsten Fall einer Verarbeitung zugeführt werden, schon gar nicht einer differenzierten, kein sekundärer Prozess soll Gedanken erzeugen oder in die Identifikation mit dem Erlebten münden. Der komplett willenlose, das Sein wie eine multimediale Drogensuppe langsam, aber stetig löffelnde Dummklumpen feiert seine zielgerichtete Spontanverdeppung als Erweckung zum neuronalen Tiefschlaf, den er mangels Vergleichsmöglichkeiten für Wachheit hält. Da gibt er sich, willenlos oder nicht, doch mal ordentlich die Sporen, ist geduldig mit sich selbst, da er sich im Strom der Gezeiten in den großen Ausguss spülen lässt, gelassen, behäbig, plump und amorph, eine knetbare Masse, die den ganzen Schmalz mit bewusstem Atmen als Höchstleistung der Steuerung wegdrückt. Das war’s. Besser wird es nicht mehr.

Offiziell dient der esoterische Krempel ja dazu, den Stress zu reduzieren, und die Masche wirkt. Ist eine vergangenheitslos unbewusste Arbeitsautomate ohne große Zukunftserwartung doch die perfekte Drohne, die tapfer alles an Realität schluckt, bevor die Erkenntnis einsetzt, dass sie wesenlos in einer fremdbestimmten Welt vor sich hin dümpelt, immer kurz vor dem Verschwinden, einen Burnout entfernt vom schwarzen Loch. Mit neoreligiösem Pauschalgeschwätz aus der großen Tüte wird auch keiner selig, und keiner hat uns bisher beigebracht, wie man beim Schrubben im Rhythmus des Alls schnauft, sich das Chi aus der Chakren wringt oder vor lauter Regenbogenkotze sein Glück findet. Nein, es ist nicht alltagstauglich, kein Hokuslokus wird mit diesem Ausscheidungsprodukt fertig. Wir hauen uns alle mit Lachyoga in die letzte Ecke, und dann lassen wir es los. Und kloppen den ganzen Schrott in die Tonne. Endlich innere Ruhe.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCLXXVIII): Minimalismus

6 03 2015
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Sicherlich fing das alles an, als Nggr seinen Wurfspieß nach drei Bechern Palmwein im Regen stehen gelassen hatte. Am nächsten Morgen erinnerte sich keiner mehr an das, was vor Sonnenuntergang geschehen war, denn es hatte sich noch nie jemand an das erinnert, was vor Sonnenuntergang geschehen war. Weil vor Sonnenuntergang noch nie etwas geschehen war, geschweige denn danach. Jetzt aber war Nggrs Wurfspieß verschwunden, und statt eines großen Wehklagens plus wilder Schuldzuweisungen an Säbelzahnotter und Palmweinpalmen hielt der alte Sack einfach mal die Füße still. Nicht nur das, er feierte den Verlust auch noch. Wahrscheinlich erfand er en passant die vegane Ernährung, weil ihm nicht viel mehr übrig blieb außer Moos und Blattwerk, aber er wurde, so oder so, Avantgarde einer ganzen Sippe die ihn anstaunte, bevor sie sich zerstritt. Wen ließe der Minimalismus auch unberührt.

Die neue Philosophie des Nichthabens stemmt sich den konsumverseuchten Alltagszwängen entgegen – verflucht sei jeder Haushalt, in dem Austernmesser, Fernseher, Manschettenknöpfe, Wechselfestplatten, Schlangenlederpumps, Funkwecker, Bohrmaschinen, Getreidemühlen und Smartphones das degenerierte Dasein dominieren – und reduziert das relative Menschsein des geplagten Hominiden auf ein Mindestmaß an Würde, sich ganz auf die Kernaufgaben des Hipstertums zu beschränken. (In elf von zehn Fällen überlebt das Smartphone; wie sonst sollten der Minimalist seiner Gemeinde sonst mitteilen, dass er sich gegen die Getreidemühle ausgesprochen hat.) Teure Uhren drohen aus der WG zu fliegen, möglich auch, dass Messer und Gabel die Biege machen. Der Minimalist schmirgelt an der Schmerzgrenze des heimischen Bedarfs, bis die lebensbedrohlichen Zustände milde durchs Fenster grinsen. Heizung? okay, man kriegt ja kaum eine zentral gelegene Bude ohne diesen neumodischen Mist. Briefkästen? well, well, was duldet der angesagte Jetztmensch nicht alles für die Illusion, sich in die einigermaßen zentralste Undergroundbewegung eingeschlichen zu haben, wie es zuvor nur knapp ein Dutzend Magazine pro Tag schaffen? Hat denen denn nie einer klar gemacht, dass es um mehr geht als diese paar Defätisten, denen der Kapitalismus auch keine Beachtung mehr schenken würde?

Der Minimalismus verspricht das besondere Erlebnis der (ansonsten) normalen Lebenssituation. Was soll man sagen, er hält sein Versprechen: wenn man in Ermangelung eines dafür vorgesehenen Werkzeugs Konserven mit einer Zahnbürste öffnet, möglicherweise mit derselben, die sonst in der Blumenerde oder vergleichbaren Körperöffnungen steckt, dann lockt dies wenigstens die wagemutigen Eroberer des mikrobiellen Universums, abzüglich derer, die früh genug entdecken, dass der übliche Minimalisten-Haushalt mit der anderen Seite der Bürste jenen Eimer reinigt, der anstatt einer sanitären Einrichtung für die Entsorgung von Gemüse in diversen Aggregatzuständen vorgesehen war. Aber vielleicht ist jener Eimer auch nur eine Konservenbüchse und das Verfahren eine rasche Erledigung des Notwendigen, wie es die Natur vorsieht. Und wer weiß, könnten wir nicht froh sein, dass es sich wenigstens um eine Zahnbürste handelt?

Es ist nicht die Verschwiemelung des Buddhismus in die Niederungen der Warenwelt. Tatsächlich kompensiert das manische Verschrotten der Umwelt nicht einmal jene große Verlusterfahrung, die unser Leben jäh entzaubert. Es ist nicht mehr als eine der vielen Fratzen der neoliberalen Denkungsart: mit der Dämonisierung des ganz normalen Besitzes, Messer, Gabel, Schere, Licht, umgibt sich der Mensch mit einer Art von Zivilisation, die zum Standard wird und irgendwann Nebensache, sobald man sie nicht derart ins Zentrum seiner Betrachtungen stellen muss, dass man sie schließlich verteufelt, wenn auch nur bei den anderen, die sie als natürlicher Feind der eigenen sozialen Schicht nicht verdient. Nicht die Waschmaschine weckt den Hass des Klötenkönigs, sondern die Tatsache, dass auch jeder Arbeitslose in der Lage ist, seine Socken in eine solche zu stecken.

Das Schöne ist ja, dass diese Hohlbratzen beizeiten auch den Kreis ihrer Bekanntschaften nach Utilität und Warenwert bewerten. Sie wollen dereinst, wenn sie den Sinn ihrer Ichlingspest begriffen haben, bestimmt von denen getröstet werden, die früher wegen Butterdosen und Schuhspannern ihren Spott bekamen. Vielleicht haben sie ja aus reinem Perfektionismus bereits ihre Krankenversicherung in die Tonne getreten. Wünschenswert wäre es. Und man hat sonst keine Kohle, die man am Fiskus vorbeischleusen könnte. Weniger ist ja bekanntlich mehr. Für wen auch immer.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CLIV): Modekrankheiten

15 06 2012
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Der Krankheit wohnt etwas Mystisches inne; war im Frühstadium der Hominisation, als der Genomzonk mit den Frontallappen-Update gerade seine Sterblichkeit zu thematisieren begann, jedes Schnüpfchen schon ein Eingriff der Dämonen in die rationale Welt – der männliche Teil der heutigen Zivilisation bewahrt diesen Atavismus liebevoll und traditionsbewusst – so wandelte sich mit dem Aufkommen des Schamanen, der über den Status des Medizinmannes schließlich einen eigenen elitär ausgerichteten Berufszweig erfand, das Verhältnis von Erkrankung und Heil grundlegend. Wer die Versuche des Therapeuten lebend überstand, der war auch fit genug für den Rest der Existenz. Ein ums andere Geschlecht wuchs heran, die Lebenserwartung stieg, die Krankheit verlor ihren existenziellen Schrecken. Doch sie wandelte sich, und wie alles Nutzlose gebar sie eine eigene Mode. Die Modekrankheit war geboren,

Ist der Beknackte wirklich unpässlich, so greift er zur angesagten Krankheit – Fußpilz kann jeder, und wer sich erkältet, zeigt schon qua Virus, dass er sich zu oft und zu eng mit dem Pöbel abgibt. Exklusiv muss das Leiden sein, möglichst mit einem gewissen edlen Touch, der auf gehobenem Lifestyle basiert, und dabei doch noch nicht einen Heroismus fordern, wie ihn Arthrose oder das Usher-Syndrom erzwingen. Plattfüße? zu vulgär. Migräne macht einen auch gleich so krank. Dann lieber eine der Nahrungsmittelunverträglichkeiten, wie sie zahlreich und zu unscharf für eine saubere Differenzialdiagnose durch die Wartezimmer der höheren Gesellschaft diffundieren.

Von einigem Interesse ist doch, dass das hippe Siechtum sich als Qualitätsaccessoire behauptet in einer Zeit, die vor fingerdick aufgetragener Unverwundbarkeit, Leistungsbereitschaft und obszön hervorgeprotzter Jugendlichkeit nur so brüllt. Wer würde freiwillig mit seinem Rheuma, Alzheimer oder Magengeschwür prahlen? wer sich der Schweißfüße bezichtigen oder mit Mundgeruch angeben? Es schwingt doch der bornierte Urmensch noch an seiner fernen Liane mit, wenn der magisch denkende Jetztzeitler die Krankheiten bar jeder medizinisch vernünftigen Genese kategorisiert und mit einem eigenen Coolness-Faktor aufwertet. Verschleiß kommt nicht in die Tüte, degenerative Erscheinungen noch viel weniger – war wäre ein Trendlemming, müsste er sich mit einem veritablen Bandscheibenvorfall vom Meeting zum Clubhaus schleppen und dabei mit zusammengebissenen Zähnen allzeit Golfbereitschaft zischen. Schlimmer noch, was wäre ein Schnösel mit schwerer Impotenz, am besten noch das Gefäßgebrösel durch jahrelanges Saugen an der Lulle selbst in die Wege geleitet? Eine Null, nicht nur krankheitstechnisch. Dazu noch Schuppen und Karies, und das sozial verträgliche Frühableben wäre der einfachere Weg.

Der Mensch an der Schwelle zur Moderne wählte die geheimnisvolle Neurasthenie, die alles und nichts für den geneigten Hypochonder bot, um sich sein eigenes Symptombündel zu schwiemeln. Schlaflosigkeit, Nervosität, Stimmungs- und Blutdruckschwankungen, alles das hätte auch aus sitzender Tätigkeit mit intermittierendem Vollsuff kommen können, aber das esoterische Seelenaua passt dem dekorativen Gehirngestrüpp doch gleich viel besser in den Kram. Ganz ähnlich verhält es sich mit den Volkskrankheiten, mit Burnout und Pollenallergie, Laktoseintoleranz, Neurodermitis und dem üblichen Pauschalgesabber, das einem bei zu langer Lektüre eines Gesundheitslexikons am Kopf erwischt. Der Krankheitsgewinn steht im Mittelpunkt – weniger Mitleid als respektvoller Distinktionsgewinn. Denn welcher Kesselschweißer oder Kuli hätte ernsthaft Zeit, sich über einen Tennisarm zu beschweren, zumal die gesellschaftliche Basis mit den Zipperlein des Überbaus nur einen einzigen Tag im Bett bleiben müsste, um sich hinterher einen neuen Job suchen zu dürfen. Der lustvoll zelebrierte Haarausfall samt Wässerchen und Shampoo aus der zu diesem Behufe aus dem Boden gestampften Industrien macht eben in der Oberschicht mehr her und passt in das Milieu wie die Ess-Brech-Sucht zum Supermodel und der Alkoholabusus zum Chefarzt.

Zum Schluss werden die Bekloppten alle glücklich und zufrieden sein; sie werden sich Schnitzel hinters Zäpfchen pfropfen und sie sofort wieder ins Porzellan lachen, depressiv, von Haltungsschäden und Nickelallergie gezeichnet, aber tief im Inneren gewiss, es geschafft zu haben. Eingewachsene Nägel hat höchstens ihr Personal. Und wenn sie sich auch nicht verständlich machen können, dass eine von Weichspülern induzierte Oberhautunverträglichkeit durch das sekundäre Gefühl der sozialen Ausgeschlossenheit ihnen mehr zu schaffen macht als manchem Leukämiepatienten im Endstadium, die wenigstens noch barmherzige Duldung finden für die Schicksalhaftigkeit ihres Leidens, so hat die Krankheit ihren Zweck erfüllt, denn letztlich sind wir mit ihr immer allein. Es ist, wie gesagt, ein Mysterium.





Lemminge

29 04 2009

Es ging hektisch zu bei Trends & Friends. Alle Telefone piepten durcheinander, wichtig aussehende Gestalten liefen durch die Gegend und traten sich gegenseitig auf die Füße. Die Empfangsdame teilte mir mit, Frau Schwidarski sei noch nicht im Hause, werde aber jeden Augenblick zurückerwartet. Der Kaffee im Pappbecher hielt sich an die Vorschrift, er schmeckte nach aufgewärmtem Plastik.

„Wie schön, Sie zu sehen“, schmetterte ein schlaksiger Jüngling und rannte auf mich zu, „wir hatten Sie bereits sehnsüchtig erwartet. Mandy ist leider noch nicht da, aber wenn Sie mit mir vorlieb nehmen möchten? Minnichkeit, angenehm.“ Er reichte mir die Hand und deutete eine Verbeugung an. „Vielleicht gehen wir gleich schon mal ins Besprechungszimmer, dann können Sie sich noch ein wenig vorbereiten auf die Präsentation.“ So bugsierte er mich durch die von schwitzendem und schwatzendem Volk beklebten Gänge. Die meist jugendlichen bis immer noch jugendlich gehaltenen Mitarbeiter redeten, ohne Luft zu holen.

Da stürzte abrupt ein Mann im schneeweißen Anzug aus einer Tür und stieß im Korridor mit mir zusammen. „’tschulljung“, nuschelte er, „muss den Flug kriegen. Sind Sie der Typ für die Radiosache?“ Offenbar hatte sich meine Anwesenheit schnell herumgesprochen. Bei einer Trendscout-Agentur hätte man das allerdings auch erwarten können. „So, ich muss jetzt. Urlaub. Jemand ’ne Idee, wo man so hinfliegt diesen Monat?“ Ich schlug spontan Irland vor, erntete aber skeptische Blicke von dem Weißen. „Nee, Irland geht gar nicht. War vor zwei Monaten schwer in für einige Wochen, wird sicher erst nach Weihnachten wieder hip. Oder nächsten Sommer, kein Plan. So, ich muss jetzt aber echt. Jacqueline meinte vorhin, Beirut ist im Kommen. Muss sehen, dass ich noch ein Last-Minute-Ticket kriege.“ Und er verschwand, wie er gekommen war.

„Maxim ist unser Travel-Experte“, klärte mich Minnichkeit auf, „er muss unbedingt immer alle Locations sofort abchecken. Unter uns, ich finde, dass er letztens ein bisschen nachlässt.“ Fragend blickte ich ihn an. „Naja, der Anzug. Seit dem Frühjahr trägt man höchstens noch Wollweiß. Und seitdem er weiß, dass Zahnspangen hip sind, hat er sich mit 38 eine angeschafft.“ Ich war in eine Lemmingherde geraten. Alle rannten sie unsinnigen Direktiven hinterher und übersahen die Abgründe.

Rechts wichen wir dem Fotokopierer aus, da kam eine Praktikantin auf uns zu. „Guck mal!“ Sie hatte eine Menge Bilder in der Hand. „Das ist Fashion Week, können wir das so weitergeben?“ „Auf gar keinen Fall“, mischte ich mich ein, „Steghosen sind out, die Schuhe sind grauenhaft, total unsexy, und die Frisuren kann man nur noch beim Jahresball der Geschmacklosen-Gewerkschaft tragen.“ Sie sah mich verwirrt an. „Ändern Sie die Bildunterschriften, damit die Leser das nicht für trendy halten. In sind gerade Leggins mit floralen Mustern und Sandalen.“ „Aber die tragen doch Sandalen“, begehrte sie auf. „Das da sind aber Riemchensandaletten“, wies ich sie zurecht, „nur Sandalen mit weißen Socken sind mega-in. Tirolerhut! Meine Güte, leben Sie hinter dem Mond?“ Sie zog ab. Minnichkeit klappte sein Telefon zu und schaufelte unbeirrt den Weg frei.

Einige Türen weiter drangen enthemmte Disco-Rhythmen auf den Flur. Nichts gegen die Musik der Siebziger, nur war dies etwas laut. Ich stieß die halb geöffnete Tür auf; in dem winzigen Büro stapelte ein junges Mädchen Akten und schwang ihre Hüften zu dem ohrenbetäubenden Lärm. „Allô!“ Sie schrie mir auf einen halben Meter Abstand ins Ohr. Ob sie ihr Französisch in einem telefonischen Fernkurs gelernt hatte? Jedenfalls ließ sie sich nicht stören, nicht einmal durch die Blondine, die sich mit ins Zimmerchen zwängte und mir unvermittelt um den Hals fiel. „Hi Friend“, kreischte sie, „muss mal updaten: heute Abend was vor?“ Updaten? „Dates, you know. Ob Du heute schon nachtmäßig planned bist, you know.“ Sie fingerte ein Stück Papier vom Schreibtisch und suchte einen Bleistift. Dabei hatte sie ein iPhone an der Kordel um den Hals hängen. „Wollen Sie das nicht lieber gleich eingeben?“ „Oh well“, antwortete sie gelassen, „so phonemäßig ist das ja voll okay, aber die anderen Features sind irgendwie too complicated, you know. Da geht das mit dem… na, sag schon…“ „Zettel“, half ich ihr ein. „Worksheet, genau. Finnsten eigentlich mein Outfit? Zu overdressed?“ Ich blickte an ihr herunter. „Wollweiß ist okay, aber bitte ziehen Sie sich über die Unterwäsche noch etwas drüber. Blazer. Marineblau ist momentan sehr angesagt. Passt bestimmt.“ Dann wandte ich mich der Aktenstaplerin zu. „Wussten Sie eigentlich“, brüllte ich sie an, „dass man jetzt in Venezuela bei der Arbeit Marschmusik hört? Die Motivation ist enorm, probieren Sie es unbedingt einmal aus!“

Minnichkeit zog mich aus dem Raum und schob sich vor mir durch den Gang. „Haben Sie eigentlich den Kostenrahmen schon abgesteckt? Naja, machen Sie das mal besser mit der Chefin. Ah, da ist sie ja, sie muss den Hintereingang genommen haben. Hi Mandy!“ Frau Schwidarski drückte sich von der anderen Seite auf das Besprechungszimmer zu, im marineblauen Kostüm mit rosa geblümten Leggins, an den Füßen derbe Jesuslatschen über wollweißen Tennissocken. Aus dem Ghettoblaster auf ihrem Arm wummerte der Bayerische Defiliermarsch. Ihren Hut krönte ein gewaltiger Gamsbart.

Nun gut, reaktionsschnell war sie. Das musste ich ihr lassen.