Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXXXVI): Vom richtigen Leben im falschen

15 10 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Situation ist unübersichtlich: kein Komet am Himmel, die Erde tut sich nicht auf, Leviathan lässt auf sich warten. Nur die Flüsse steigen über die Ufer, während die Felder verdorren, der Sand wird knapp und es gibt so viele Jobs, dass manche von ihnen gleich drei haben. Es seufzen die Lenker der Staaten und lehnen sich verdrießlich zurück, da ihnen auch nichts einfällt. Sie müssen zusehen, wie alle ihre Absichtserklärungen zu Asche zerfallen, tatenlos natürlich. Am Ende werden es die Leute sein, dieses schwer erziehbare Volk von Menschen, das noch immer Plastikverpackungen kauft, weil es billige Discounterschnitzel nun mal nicht gleich in die Manteltasche gibt. Es ist schlimm, aber nicht ausweglos, der Schuldige ist gefunden: wir sind es. Wir, die ein richtiges Leben versuchen im falschen.

Wie man den Berufspendlern den Stau in die Schuhe schiebt, weil sie an der stillgelegten Bahnstrecke wohnen und ihre Autos nicht einfach für den Klimaschutz stehen lassen, so macht man uns weis, wir seien das System. Daneben übt sich die Politik in milder Enttäuschung, wo immer ein Kreuzfahrtschiff dem Reiseveranstalter Gewinne verschafft und dennoch wie vorhergesehen die Luft verpestet – sie täten ja gerne etwas, aber sie können nicht. Es liegt am ungeheuren Bedarf, und wer würde schon verbieten wollen, was so beliebt ist? Unsere Wirklichkeit passt nicht zu den Ansprüchen, die wir haben sollen, wie sie uns der Zeitgeist in die Rübe schwiemelt. Es gibt da ein gesellschaftliches Ideal, und doch gibt es den Sachzwang, in dem das Leben stattfindet. In dieser Spreizung stecken wir fest, und es ist kein schöner Anblick, wenn wir das große Ganze sehen. Wie schon in den traditionellen Mythen zur Lenkung systemstabilisierender Ethik erprobt lässt sich nichts besser instrumentalisieren als nachhaltig erzeugtes Bewusstsein, eine Sünde begangen zu haben. Einmal geboren, zack! alles falsch gemacht. Warum soll sich der korrupte Dreckrand ein anderes Deckmäntelchen umhängen als das bequeme Christentum?

Gerade vor dem Leistungsgedanken, den der Kapitalismus neu definiert – die konsumistische Konfession bekennt zuerst den Glauben, sich alles leisten zu können – bleibt auch das Versprechen auf einen Aufstieg gefangen: die Unterschicht wird sich bald so viel leisten können wie die Mittelschicht, die sich wird leisten können, was die Oberschicht besitzt. Scheuklappen weg, auch Geltungskonsum schützt nicht davor, als weißes Rauschen in die Geschichte der Hirntätigkeit einzugehen. Auch der gezielte Kauf kostspieliger Produkte ist noch keine Absolution; solange die Designernietenhose aus demselben Stoff an derselben Maschine von demselben Kind gefertigt wird wie die Jeans für den Billigheimer, die nur etwas weniger als fünf Prozent der Protzklamotte kostet, solange kann sich der liberale Wurstverkäufer in eine Körperöffnung nach Wahl predigen, wenn er Arbeitslosigkeit als Chance auf eine individuelle Neuerfindung preist oder Armut als sozial erwünschtes Gegengewicht für eine Kaste, die ihre verschissene Randexistenz ohne Flugmango für das hält, was sie in Wahrheit längst ist: überflüssig wie Brechdurchfall beim Drahtseilakt. Askese als Pfad der Erkenntnis wird vor allem dem Armen empfohlen. Vermutlich sind andere für spirituelle Impulse eh nicht mehr zu begeistern. Oder für Ethik. Oder die Menschheit.

Ob mit oder ohne gründliche Entsolidarisierung durch den Fokus auf die individuelle Schuld an der gesellschaftlichen Entwicklung frisst sich ein Gesinnungsterror durch die prekären Schichten, der die eigene Verkettung in die Phänomene noch viel gründlicher verdrängt, als es die nutznießende Elite könnte. Sie teilt und lässt herrschen, vornehmlich von den kultivierten Kräften der Gier, die sich so unerhört produktiv ansteuern lässt durch Werbung, Spaltung, Angst, kurz: alles, was den Trieb ihrer intellektuellen Überformung durch die Zivilisation entledigt. Wir werden Mittäter, Kollaborateure, Ausnutzer, wo unsere Entscheidung alternativlos ist und nur der eigenen Rechtfertigung dient. Bald ist Armut der neue Reichtum – die Pseudoeliten der Bourgeoisie neiden den Erwerbslosen ja schon ihre Zeitsouveränität und würden sie am liebsten acht Stunden lang in die Tretmühle zwingen, auch wenn dann keine Zeit mehr bliebe, sich um die Arbeit zu bemühen, die es ohnedies nicht mehr gibt – und nur der Gedanke an die Umsätze des Einzelhandels ist noch im Weg, dass man dem Prekariat den Konsum kategorisch untersagen würde. Irgendwie muss das Pack überleben, sagt sich der Kapitalismus, womit allerdings nicht die Kunden gemeint sind.

Die humane Konditionierung lässt nur wenige Wahlmöglichkeiten. Ohne Revolution sind alle an den bestehenden Verhältnissen schuldig und also trefflich erpressbar. Wer mittwochs nach sechs eine Flugmango wollte oder zu Weihnachten für den Nachwuchs unbedingt eine Spielkonsole, der trägt die gleiche Schuld. Die einen werden schweigen, grinsend vermutlich, weil sie wissen, dass sie in diesem Klassenkampf die Opfer werden schlachten können. Die anderen schweigen ebenfalls. Im Sinne einer nachhaltigen Lösung wäre es nicht verkehrt, die Positionen einmal zu überdenken.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXXVII): Marx und die Vernichtung der Menschheit

13 08 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Für den Materialisten ist die Sache einfach. Nach Sklavenhalter- und Ständegesellschaft kommt der Feudalismus, der Kapitalismus, dann geht kurz das Licht aus, und dann fegen die Sozialisten die rauchenden Trümmer des Neoliberalismus auf den Müllhaufen der Geschichte. Abgesehen davon, dass der Sozialismus für gescheitert angesehen wird, da man ihn zu oft ausprobiert hat, wobei das, was als Sozialismus verkauft wurde, nicht einmal mit der Verpackung übereinstimmte, fehlte der für jede gute Dialektik unerlässliche Bruch: es wurden nur die herrschenden Zustände legitimiert, wobei je nach Zustand die Herrscher wechselten. Gab es je einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz, so wurde er von anderen Sozialisten mit Herrschaftsanspruch in eine ideologiekonforme Ausstattung überführt – der Mensch störte da nur. Wer sich die Zustände im heutigen Kapitalismus ansieht, Elend, Ausbeutung und Entfremdung, der kommt nicht umhin, Marx’ Theorie für gründlich gescheitert zu halten, weil der Wandel schon längst hätte kommen müssen. Das Ende der Zivilisation wird mit Naturkatastrophen in unsere Häuser gespült – hat mit der Vernichtung der Menschheit sich auch der Kommunismus erledigt?

Marx fehlte der letzte dialektische Schritt, er sah Globalisierung, Internationalisierung, Verstädterung als positive Entwicklungen hin zum Weltmarkt, der die Weltrevolution ermöglichen sollte, ohne sich über die Konsequenzen für den Lebensraum im Klaren zu sein, wiewohl die Grundregeln des dialektischen Materialismus dies zwingend hätten bedenken müssen: in einer Totalität besteht alles untereinander im objektiven Zusammenhang, alle Materien, alle Abhängigkeiten. Dass nicht alles die unsichtbare Hand des Marktes regelt, wusste auch er. Haben wir diese Welt, statt sie verschieden zu interpretieren, auch verändert, so wirken sich diese Veränderungen auf das Ganze aus, nicht allein auf Produktionsmittel und Kapital. Diese werden im Zweifel von den herrschenden Verhältnissen gut behütet, um die Veränderung zu verhindern.

Doch wir weichen aus. Hat sich etwa mit der hereinbrechenden globalen Katastrophe auch die Aussicht auf einen radikalen Umsturz erledigt und dürfen die Geldfetischisten sich bis zum Absaufen im steigenden Meeresspiegel an der Wertlosigkeit der eigenen Gehirnvortäuschung berauschen? Wäre dies korrekt, sie trieben mit dem Beelzebub den Teufel aus, indem sie den Verwertungszwang als Feind aller Nachhaltigkeit und die daraus resultierende Zerstörung des Planeten als Rettung begreifen, die den Untergang ihres Regimes noch einmal abwenden. Sie würden in Festungen leben, aber nicht aus Angst vor dem aufgebrachten Mob, sondern aus Furcht vor der sengenden Sonne, vor Wirbelstürmen und Flutwellen, während in ihrem Auftrag die Knechte noch immer die Erde untertan machen, oder wenigstens das, was noch davon mit bloßem Auge zu sehen ist.

Aber genau das ist der Denkfehler, der dem Kapitalismus zugrunde liegt: er setzt kurzfristige Ziele und fordert die sofortige Erfüllung, die sich in der Natur durch ebenso kurzfristige Maßnahmen nicht aufwiegen lassen. Einen Wald abzuholzen ist eine Sache von Tagen, ihn wieder aufzuforsten eine Aufgabe für Generationen, und nicht jeder Verlust ist mit einem gleich großen Gewinn aufgewogen, schon gar nicht für dieselben. Der Rest ist schlecht in die Umgebung geschwiemeltes pseudoreligiöses Geröll für intellektuelle Aufstocker. Was seit der Industrialisierung nur durch die Beschäftigung in möglichst billiger Lohnarbeit funktioniert, nämlich die Ausbeutung der Massen, wird dann kompliziert. Zwar kann man mit Millionen Klimaflüchtlinge in Europa beschäftigen, Bananen am Bodensee ernten oder gleich ganze Kontinente entvölkern, sobald in der tropischen Zone kein menschliches Leben mehr möglich ist, aber selbst mit technischem Fortschritt, wie ihn sich die Schnappatmungsplapperer auf der Kimme kloppen, wird es keinen Weg mehr zurück in eine normale Wirtschaft geben, die Rohstoffe rafft und sich am Erlös mästet.

Der Fachkräftemangel, das Märchen von den Massen, die leider nicht mehr für ein Butterbrot an die Arbeit gehen, ist nur der Auftakt. Spätestens mit dem Wegklappen der systemrelevanten Berufe kann sich dann die vermögende Schicht, die bisher als Investmentbanker die Moneten von Rentnern in die Tonne getreten oder durch Spekulation zuverlässig in den Entwicklungsländern für Hungersnot gesorgt haben, ihre Möbel selbst aus abgesägten Resten der Grünflächen zusammennageln, den Müll abholen und die Klos reparieren. Keiner backt mehr Brot, fährt es in den Supermarkt oder hockt an der Kasse, keiner steht mehr mit der Knarre vor ihrer Tür, um den klimatisierten Bonzenbunker vor Plünderern zu schützen – falls es noch Strom geben sollte, um die Bude halbwegs unter Fiebertemperatur zu halten, denn Windräder bauen sich auch nicht von alleine. Die Magnaten werden nicht mit Marx von der Platte geputzt, sondern durch etwas, das sie schlicht übersehen haben. Als würde eine Gesellschaft nicht an einer Pandemie krepieren, sondern an bockiger Verweigerung, Warnsignale zu beachten. Da ist noch Platz auf dem Müllhaufen der Geschichte.





CETA und Mordio

3 12 2014

„Nee, das hat doch Gabriel gar nicht so gesagt.“ „Normalerweise haben die das in der SPD immer so gesagt, aber nicht so gemeint.“ „Das war aber Sarrazin.“ „Sarrazin, Gabriel – wo ist denn da der Unterschied?“ „Der eine ist gegen Ausländer, der andere gegen Deutsche?“

„Auf jeden Fall brauchen wir mehr Freihandel.“ „Sagt Gabriel?“ „Irgendwas sagt ihm, dass er das sagen soll.“ „Eher: irgendwer.“ „Möglicherweise hört er aber auch Stimmen.“ „Das wäre nicht so gefährlich. Er hat noch nie auf andere Stimmen gehört.“ „Darum kriegt er ja alle vier Jahre auch weniger davon.“ „Klingt logisch. Und warum genau brauchen wir jetzt mehr Freihandel?“ „Ich schätze, weil so ein Freihandelsabkommen sonst keinen Sinn macht.“ „Und Freihandel ist sinnvoll?“ „Es geht um…“ „… Arbeitsplätze, richtig?“ „Das müssen Sie bestimmt mit der Kohle verwechseln. Oder mit dem Niedriglohnsektor.“

„Es geht ihm doch darum, dass sich Deutschland nicht vom Markt entkoppelt.“ „Wer genau?“ „Deutschland eben. Die deutschen Märkte.“ „Die sollen nicht vom Markt entkoppelt werden?“ „Von den Deutschen sind sie ja schon entkoppelt. Oder kommt bei Ihnen von diesem tollen Aufschwung etwas an?“ „Das ist bestimmt die Krise.“ „Weil Sie auch total gekoppelt sind?“ „An die Märkte.“ „Und da merken Sie, wie sich die Krise auf Ihren Geldbeutel auswirkt.“ „Kein Wunder, dass Gabriel uns nicht vom Markt entkoppeln will.“ „Stimmt, sonst hätten wir für diesen ganzen Freihandel gar keine Kohle mehr.“

„À propos Globalisierung.“ „Wie kommen Sie jetzt darauf?“ „Weil es um die vielen Arbeitsplätze geht, die verschwinden, wenn dieses Abkommen nicht unterschrieben wird.“ „Ach so, ja. Die sind dann natürlich weg.“ „Nicht woanders?“ „Wo sollen die denn sein?“ „Weg können sie ja nicht sein.“ „Ach so, Sie meinen, wenn sich jemand auf dem gekoppelten Exportmarkt etwas kauft, dann braucht er auch die Leute, die das herstellen.“ „Zumindest solange noch, wie die, die das herstellen, dazu noch Leute brauchen.“ „Dann sind die Arbeitsplätze halt irgendwo in China.“ „Aber wir haben dann nichts mehr davon.“ „Aber die Chinesen, die freuen sich.“ „Eigentlich ist das doch voll dufte.“ „Eigentlich schon, weil Globalisierung ja genau so funktioniert.“ „Wer am preiswertesten produziert, kann am besten exportieren.“ „Trotzdem dürfte sich Gabriel darüber nicht freuen.“ „Sie meinen, der ärgert sich?“ „Der schreit CETA und Mordio.“ „Weil der Chinese exportiert?“ „Die Arbeiter verdienen immer besser.“ „Sind zwar nur Chinesen, aber wenn Arbeiter…“ „Nee, das ist wirklich nicht so gut.“

„Wobei ich das mit den Arbeitsplätzen nicht ganz verstanden habe.“ „Woher die kommen?“ „Warum die überhaupt entstehen.“ „Weil es durch das Abkommen weniger Handelshemmnisse gibt.“ „Also weil durch ein Freihandelsabkommen der Freihandel kommt.“ „So in etwa.“ „Und dann können die Märkte für Dienstleistungen…“ „Wenn die nicht entkoppelt sind.“ „… und Investitionen und Vergabeverfahren geöffnet werden.“ „Für was?“ „Hört sich nach globalisierter Korruption an.“ „Na, davon versteht Gabriel was. Filz ist SPD-Kernkompetenz.“ „Aber Investitionen?“ „Ich denke, es geht um Investments.“ „Wie kann man denn Arbeit investieren?“ „Wenn man nicht gerade Gabriel ist, dann geht das schon.“ „Sie meinen, der hat sich nicht viel Arbeit gemacht mit diesem TTIP.“ „Doch, das schon. Nur halt nicht gerade für die Deutschen.“

„Und was soll das jetzt, dass Deutschland unbedingt da mitmachen muss?“ „Weil sonst die Arbeitsplätze verloren gehen.“ „Gabriel sagt aber, wir müssen da mitmachen, weil es alle tun.“ „Dann können wir ja froh sein, dass wir gerade keine Kriegserklärung in Europa haben.“ „Das ist sicher auch so eine Sache mit der Globalisierung. Wenn ein Volk danebenhaut, dann müssen alle anderen mitmachen.“ „Dann habe ich jetzt wohl endlich die Krise begriffen.“ „Dass das an den Investitionen liegt?“ „Dass man die Investitionen nur steigert, indem alle ihre Krise gleichzeitig nehmen. Ganz schön verwirrend!“ „Ach was, vertrauen Sie auf Gabriel. Alles, was der Ihnen verspricht, wird noch viel besser.“ „Meinten Sie jetzt die Krise oder die Hartz-Gesetze?“

„Wobei, das mit den Arbeitsplätzen…“ „Die es nicht gibt, deshalb können sie auch verschwinden.“ „… kann man ja auch irgendwie lösen.“ „Die haben sich doch schon in Luft aufgelöst?“ „Eben nicht. Sie müssen nicht immer von Arbeit reden.“ „Jetzt hab ich’s: weil die SPD keine Arbeiterpartei ist!“ „Richtig.“ „Und wenn die ‚Arbeit‘ sagen oder ‚Arbeitsplätze‘…“ „… dann meinen Sie ‚Kapital‘. Ist doch klar.“ „Mensch, dann macht das ja auch plötzlich alles wieder Sinn! Das Ding schafft keine Arbeitsplätze…“ „… sondern Kapital. Und die Arbeitsplätze, es zwar nicht gibt, die aber durch fehlende Investitionen abgebaut werden…“ „… sind auch nicht weg, sondern wie das Kapital, das Ihr Investmentbänker zwar auch nicht hatte, aber dafür hat’s jetzt ein anderer.“ „Und wir?“ „Sind hinterher noch mehr pleite als vorher.“ „Und der entkoppelte Markt? und Gabriels Investitionen in die Dienstleistungen?“ „Wenn Sie ein bisschen nachhaltig denken, dann wissen Sie schon, was da rauskommt.“ „Deutschland wird zur handelsfreien Zone.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCXLIV): Fußball-Weltmeisterschaft

13 06 2014
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Vermutlich fing es an, als die Hominiden sich nicht mehr wahllos und durcheinander aufs Maul kloppten, sondern Clans bildeten, lagebedingte Höhlengemeinschaften, in denen die Bewohner diesseits des Rinnsals die Bewohner jenseits für zu kurz gekommene Deppen hielten und mit unreifen Früchten bewarfen, was andersherum ebenso gut funktionierte. Eine Generation später nahm man Steine, dann Stöcke, schließlich zivilisierte sich die Auseinandersetzung in einem ritualisierten Spiel, bei dem Auserwählte – versicherungstechnisch wäre man heutzutage bereit, sie als Opfer zu klassifizieren – gegeneinander antraten. Alles lief, keiner hatte ein Problem damit, bis irgendein Torfschädel anfing, Statistiken über die Kämpfe anzulegen. Endgültig in die Grütze geriet alles mit dem Brauch, sich kunterbunte Abzeichen aufs Wams zu popeln. Bis zur Fußball-Weltmeisterschaft eigentlich nur ein kleiner Schritt.

Hauptsache, die Menschheit blieb auf der Strecke. Alle vier Jahre, alternierend zu Europa- und sonstigen Cups, röhrt das kollektive Überbestusste aus dem Hirnzellenkeller der Schnackbratzen. Sie topfen sich Sondermüll auf den Schädel, farbige Zylinder aus Plüsch mit Klatschapparatur, damit beim Betrachten der Kalotte der Notfallneurologe sofort weiß: niemand zu Hause. Sie setzen sich Sonnenklobrillen auf, behängen sich mit Plastegirlanden, als wollten sie Primaten Nachhilfe geben, wie man eine komplette Spezies bis zum nächsten Urknall blamiert, und sie singen. Nein, sie rülpsen sich einen Choral aus Alkoholresten und abgestorbenem Neocortex aus der Austrittsöffnung, die sonst für den Nachschub an vergrillten Schweinskadavern und Alkaloiden zuständig ist. Bisweilen nennen sie es Fankultur, aber was hat der gut eingeübte Nachweis totaler Unzurechnungsfähigkeit mit Kultur zu tun?

Weil der Fußball heute nur noch marginal mit einer seiner Begleiterscheinungen zu tun hat. Mit Fußball. Es geht einer Rotte Furunkelträger im warzigen Beerdigungszwirn nur noch um die fette schwarze Zahl, nebst der Tatsache, dass man die Gewinne an der öffentlichen Ordnung vorbeischleifen kann. Ein paar Dümmlinge mit larmoyanten Frisuren und albernem Schuhwerk posieren auf dem Rollrasen und lassen sich quotenkompatibel die Innenbänder eindellen, damit die Bundesträne fürs Ausscheiden im Achtelfinale die passende Ausrede im Köcher findet. Dazu jodelt eine Fettklopsbude im Kontrapunkt mit einer Industrieabfertigungsfirma für bieroides Geplörr, alle zwanzig Sekunden schwiemelt sich irgendein brechreizblöder Logo-Versuch über den Bildschirm, bis der letzte Dödel vor der Glotze kapiert hat: friss Popcorn, dann erträgt man auch dieses bekloppte Gekicke im Hintergrund ohne Magenbluten.

Denn Fußball, und das hören die alzheimernden Schorffressen aus den Verbandsvorständen am wenigsten gern, Fußball war nie eine Angelegenheit der bürgerlichen Massen, ganz zu schweigen von der agogisierenden Wunschwirkung auf das Proletariat. Er ist ein Gewächs der britischen Oberschicht, die ihn an die germanischen Offiziere und ihre Burschen- und Mannschaften weiterreichte, Alemannia und Borussia, die sich vor dem großen Schlachten als Geschwadermeister und Rekruten gegen Hereros und Hottentotten warmliefen, nationalbekiffte Dumpfschädel, denen jeder schwarzweißrote Lappen als Heiligtum erschien. Erst dem Personalmangel in der Armee ist es zu verdanken, dass auch Arbeiterjungen sich an der Kickkugel versuchen durften, und selbst die wurden entsprechend eingenordet, um im Sinne der elitären Vernichtungsmaschinerie aufzulaufen.

So nimmt es auch kaum Wunder, dass sich das abgesunkene Sozialdeformat gängeln lässt unter der Knute des explodierenden Imperialkonsumismus. Wie die Proletenjournaille reicher Nationen Arme aufhetzt gegen Ärmere noch ärmerer Länder, so lässt sich der Bolzplatzjunkie in steigerungsfähige Aggregatzustände von Beknacktheit manövrieren, und das alles nur mit einer Zielsetzung: korrupte Bürokraten bekommen von korrupten Konzernen jede Menge Bares in die Schleimhaut gerieben, damit die organisierte Kriminalität unter dem Deckmäntelchen eines Sportspektakels die Geldwaschmaschine anschmeißen kann. Ein paar dösige Medienmarionetten halten das sicher für maßlos übertrieben – man hat ihnen inzwischen bestimmt schon die Grablege der Kritiker vom letzten Jahr gezeigt – und werden auf höheren Befehl mehrmals täglich aufgezogen, um ihre affirmativen Hintergrundgeräusche loszuwerden.

Sollte im arabischen Wüstensand der Sturm samt Mittelfeld in die Embolie torkeln, dann werden sie natürlich entsetzt aufjaulen. Die immer noch gutgläubigen Zwangskonsumenten natürlich, nicht die Zuhälter in der VIP-Lounge. Sie werden es verkraften, denn sie humpeln noch immer den Führern hinterher. Es sind noch immer dieselben Opportunisten, die auch mit Menschenköpfen Freistöße ballern, wie es ihre historischen Vorbilder getan haben.

Zum Glück gibt es diesen akustischen Gestank, die Masse übler und übelster Meisterschaftssongs, die teils aus Gaudi, teils aus ehrlichem Sadismus im Dudelfunk die Generalattacke aufs Brechzentrum reiten. Nicht ausgeschlossen, dass diese ganze Angelegenheit nach dem Genuss zweier Portionen Müllbeutelimitat der Zielgruppe selbst peinlich wird. Die Hoffnung geht ja bekanntlich zuletzt von der Fahne.